Lehrer Lukas Allm wohnte neben der rosa getünchten Kirche in einem
roten Backsteinhaus. Man brauchte nur die viereckigen Linien, die
gleichmäßig verteilten Fenster zu sehen, um zu wissen, daß es
die Schule war. Kam man um die Ecke, so waren da einige dürftige
Turngeräte, die vereinsamt auf einem öden Platz standen. Ging man noch
eine Ecke weiter, so sah man etwas, was bunt und fröhlich leuchtete,
wie pausbäckiger Bengels vergnügtes Lachen. Das war der Garten des
Schullehrers. Am Zaun, der an die Wiese grenzte, träumte feuerroter
Mohn. Auf den schmalen Beeten wuchs Kapuzinerkresse, dazwischen
Lavendel und zierliche Porzellanblümchen. Große Bohnen standen in
langen Reihen, daneben zog sich Erbsengeranke mit schneeweißen Blüten
hin.
Lukas Allm hatte aus eignen Mitteln eine kleine blaugemalte Veranda an
das Haus anbauen lassen. Die Trauben der Glycinien fingen schon an,
seine Hoffnungen auf ein gemütliches Plätzchen zu erfüllen.
Er brauchte einen solchen stillen Winkel. Früher war er in der Stadt
gewesen, an der Gemeindeschule. Er hatte mit seiner Mutter in einer
Gasse gewohnt, wo es nach Grünkramläden und Straßenmüll roch. Bevor er
aber davon krank wurde, bewarb er sich um eine Landstelle. Und so war
er in das Heidedorf gekommen, wo er ein Hungergehalt bezog, von Kohl
und Speck lebte, aber seinen Himmel sah und seine Blumen pflegte.
Lukas Allm besaß eine besondere Mischung von Gemüt und Verstand. Er
war strebsam, nicht nach den höchsten, aber doch nach hohen Dingen.
Überall wollte er lernen, und mit der schon in seiner Schädelform
ausgesprochenen Beharrlichkeit setzte er viel bei sich durch. Er hatte
ein paar gute und eine große Anzahl mittelmäßiger Bücher gelesen. Aus
diesen geistigen Bausteinen, die er auf dem Fundament der Halbbildung
des Volksschullehrers zusammentrug, entstand ein Gebäude, das an das
Miethaus eines braven Maurermeisters erinnerte, der sich Architekt
nennt. Natürlich war er stolz darauf und baute lustig weiter. Er
hielt dieses Haus für seinen wertvollsten Besitz und ließ die wenigen
Menschen seiner Bekanntschaft gern darin zu Gast sein.
Es gab aber Zeiten, wo ihm das Haus zu eng wurde. Das geschah, wenn
das wirkliche Leben ihm atmend gegenüber trat. Und dann hatte er den
Mut, sein Haus unverzüglich zu verlassen und sich ganz der Weisung
seines tiefen Gemüts anzuvertrauen. Er tat dies ganz instinktiv,
ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen. Er konnte nicht anders,
und darum wollte er auch nicht anders. Er war weit davon entfernt,
den Wert dieses Muts zu sich selbst beurteilen zu können, ja, in den
meisten Fällen bedauerte er ihn als eine menschliche Schwäche. Und doch
war dies die vorzüglichste Eigenschaft seines Wesens. Sie hatte ihn
veranlaßt, der Mutter zuliebe seine Studien für das höhere Lehrfach
aufzugeben, bei armen Kindern mit Schiefertafeln und alten Hosen
auszuhelfen und von seinem Gehalt ein paar Mark für die Schwester zu
erübrigen, die an einen kleinen Beamten im Westfälischen verheiratet
war. Aber auch eine fröhliche Befriedigung hatte sie ihm geschenkt, und
den Himmel, der über der Heide träumte, und seine kleine Veranda.
Dort saß Lukas Allm jetzt vor einem Tisch; auf der mit Blumen
bestickten Decke lagen Bücher und blaue Hefte, dazwischen stand das
Tintenfaß.
Lukas Allm strich sich über den braunen Vollbart, klappte das Buch
über Moorkultur zu und zog einen blauen Stoß heran. Er blätterte
ihn durch und besah sich die Haar- und Grundstriche seiner Schüler.
Zu unterst fand er ein Heft, auf dem mit feinen Buchstaben der Name
Evelyn Hellwege geschrieben stand. Das war der Aufsatz, den sie ihm
in der letzten Privatstunde abgegeben hatte. Er schlug ihn auf und
las ihn langsam durch. Sein Gesicht, das zu Anfang mit lehrerhafter
Strenge nach Fehlern suchte, verlor sich plötzlich in einer lächelnden
Unschlüssigkeit und klärte sich dann zu einer warmen Freude. Es
war ein Vorgang, der sich auch bei den Stunden, die er Evelyn
erteilte, abzuspielen pflegte. Er wollte sie in die Kalkmauern seiner
Gelehrsamkeit führen, aber sie lief ihm davon und winkte ihm von einer
Wiese zu. Was konnte er anderes tun, als ihr nachgehen? Im Grunde
lernte er mehr von ihr, als sie von ihm.
Auch das Thema dieses Aufsatzes hatte sie selbst bestimmt. Sie hatte
für die Schuld der Jungfrau von Orleans nur ein übersehendes Lächeln
gehabt und dann erklärt, sie wolle ihre Arbeit über den »Ernst und das
Lachen« schreiben.
Das war sie nun, und Lukas Allm lachte. Das Lachen stand ihm besser als
das Korrigiergesicht, und seine Mutter freute sich, als sie es sah. In
der Tür stand sie mit einem Pack Wäsche.
»Stör’ ich dich auch?«
Der Lehrer sah auf und schüttelte den breiten Kopf. Er hielt der alten
Frau seine große Hand hin. Sie nickte ihm zu und klopfte mütterlich
seinen Arm. »Vom Feiertag-Heiligen scheinst du nicht viel zu halten!?«
»Ach, das ist keine Arbeit!« sagte er und machte eine froh-nachlässige
Bewegung. »Das Heft vom Fräulein! Literatur!« betonte er wichtig. »Ich
muß dir mal ihren letzten Aufsatz vorlesen! Etwas träumerisch, aber
ganz geistvoll.«
Die Mutter machte ein bedenkliches Gesicht.
»Höre mal zu!« Der Lehrer nahm das Heft und lehnte sich im Stuhl zurück.
»Der Ernst und das Lachen.
Alle Menschen wollen lieber lachen, als ein ernstes Gesicht machen.
Sie arbeiten sechs Tage ernst im Schweiße ihres Angesichts, und am
siebenten ruhen sie und sind vergnügt und lachen.
Warum können die Menschen nicht immer lachen, Sonntags und Alltags? Sie
können es nicht, weil man sie gelehrt hat, bei der einen Gelegenheit zu
lachen und bei der anderen traurig zu sein. Die Menschen wissen nicht,
daß Ernst und Lachen zusammengehören.
Wenn ich bei der Arbeit bin, Verse lernen oder sticken muß, so könnte
ich wohl traurig sein. Aber ich fühle den Sonnenschein im Gesicht; und
wenn sie draußen einen Sarg vorübertragen, so sehe ich die Blumen. Und
dann lache ich. In allem Ernst wird doch noch ein Plätzchen für ein
kleines Lachen sein.
Nun sitze ich mitten auf der Wiese, und Blumen liegen in meinen Händen,
die Sonne küßt mich, und alle Vögel jubeln. Wenn ich dann lache, so ist
es mir sehr ernst mit diesem Lachen. Ist es nicht ein heiliger Ernst,
wenn einer glücklich ist und lacht?!
Für den, der in sich selbst zufrieden ist, sind Ernst und Lachen
dasselbe!«
Lukas Allm legte das Heft auf den Tisch. »Das ist doch reizend!« Er
machte eine bedeutende Handbewegung. »Wie gut ist diese Antithese
durchgeführt!«
Die Mutter nickte.
»Ich hätte gar nicht gedacht, daß die Kleine sich überhaupt zum
Schreiben hinsetzte. Die Fräulein Julie, ja! Aber die Eva!«
Sie faltete die Hände über ihrer Schürze. Die altmodischen Ohrringe
baumelten. Der Kopf ging von links nach rechts.
»Ja, ja, was aus denen wohl noch wird!? Es ist doch traurig, so ohne
Vater und Mutter! Es paßt ja keiner auf sie auf! Einen Mann finden sie
hier draußen auch nicht!«
Der Lehrer wiegte den Kopf.
»Man weiß nicht!«
»Glaubst du, daß die einen aus dem Dorfe nehmen? Dafür sind sie viel
zu vornehm! Wenn sie ja auch sonst immer freundlich und nett sind,
und auch wirtschaftlich und fürs Einfache und alles selber tun im
Haushalte!«
Über die Kressenbeete fiel ein Schatten; er stand einen Augenblick
still und kam dann zögernd nach der Veranda zu. Der Lehrer sah hinaus.
Da stand ein Fremder, der sich suchend umblickte. Er war mittelgroß und
trug einen Jackettanzug mit Gamaschen, starke, gelbbraune Stiefel und
einen langgebundenen roten Schlips.
Der Lehrer stand auf. Der Fremde griff an den Hut.
»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, wo Fräulein
Hellwege wohnen? Im Dorf ist man wohl gerade beim Mittagessen;
jedenfalls habe ich niemanden getroffen, den ich um Auskunft bitten
konnte.«
Lukas Allm griff verlegen in sein dichtes Haar.
»Ja, bitte, die Fräuleins wohnen ein paar Häuser weiter. Ich will es
Ihnen zeigen.«
»Wenn Sie mir nur das Haus beschreiben wollten; ich finde mich schon
zurecht.«
Des Lehrers rote Hand stand in der blauen Luft.
»Wenn Sie von hier die Chaussee links hinuntergehen, an den drei großen
Bauernhöfen vorbei. Da liegt rechts das Haus. Sie erkennen es schon an
dem weißen Gitter, und dann ist es auch ein bißchen absonderlicher als
die anderen.«
»Meinen Sie, daß man die Fräuleins zu Hause trifft?« fragte der Fremde
und schob seinen Schlips zurecht.
Der Lehrer entwickelte ein baumwollenes Taschentuch. »Sie werden wohl
zu Hause sein,« meinte er. »Ausflüge machen sie nur bei Regen und
Sturm.«
»Na, da will ich mein Glück versuchen! Ich danke Ihnen.«
Lukas Allm sammelte seine unbeholfenen Glieder und brachte den Fremden
bis an die Chaussee.
»Dort drüben steht mein Rad,« sagte dieser.
»Dann haben Sie wohl schon ein gutes Stück von der Gegend gesehen!«
Sie gingen schräg über den Spielplatz, wo an einem verwitterten Barren
das Zweirad des Fremden stand. Der Moorboden zitterte elastisch unter
den viereckigen Stiefeln des Lehrers.
»Sie haben einen hübschen Schulhof,« sagte der Fremde und griff nach
der Lenkstange.
Über Lukas’ Gesicht kribbelte es wie lauter Kinderlachen.
»Das habe ich alles für die Bengels selbst gezimmert.«
Der Fremde führte das Rad auf die Chaussee.
»Haben Sie vielen Dank,« sagte er, sprang mit kurzem Schwung auf und
fuhr in den Sonnenschein hinein.
Lukas Allm blieb noch einen Augenblick stehen, bis die kleine
Staubwolke um die Ecke verschwand. Dann trottete er behaglich über den
Platz zurück in den Garten.
Da stand er nun in all dem Flimmer. Die Sonne machte keinen
Unterschied, sie küßte den guten dicken Kopf so weich, wie alle die
Blumen. Eine behagliche Zufriedenheit glänzte in seinen runden Augen.
Dann kam ein wohliges Dehnen in seine Muskeln.
Und plötzlich streckte sich ein angenehmer Gedanke in ihm aus. Der
Fremde würde bei Hellweges von ihm sprechen, und Marianne würde an ihn
erinnert werden. Und sie würde einen Augenblick mit ihren Gedanken bei
ihm sein.
Feierstill wurde es dem kleinen Licht des Heidedorfs zumute.
Langsam sog er die warme Luft ein, den Duft von träumenden Blumen.
Aber plötzlich kam ein feiner Bratengeruch dazwischen.
Das Lächeln um den großen Mund wurde noch inniger. Es war heute ja
Sonntag. Und da stand auch die Mutter in der Tür.
»Lukas, wir wollen essen!« rief sie.
Lukas Allm ging langsam die Holzstufen hinauf.
V
Heinrich Craner lehnte sein Rad an das weißgemalte Gitter und ging den
Kiesweg nach dem Hause hinauf. Die grüne Tür war verschlossen. Eine
schwarze Katze lag davor und blinzelte in der Sonne. Er faßte nach dem
Messingklopfer und weckte die Stille drinnen im Hause. Ein Klappern
wurde hörbar, der Riegel wurde zurückgeschoben. Gesch Margrets Gesicht
glänzte im grünen Rahmen.
»Sind Fräulein Hellweges zu Hause?«
»Besuk ...!« stotterte sie und sah hilfesuchend über die Diele zurück.
Craner wurde durch die dämmerige Diele gewiesen, wo schon der
Mittagstisch gedeckt stand. Das Mädchen öffnete ihm die Wohnstube und
knallte die Tür hinter ihm zu.
Nun stand er allein in dem kühlen, fein nach Lavendel riechenden
Zimmer. Er sah sich um. Da war nichts Außergewöhnliches. Die Möbel
standen umher wie überall, die Blumen blühten auf den Fensterbänken,
an den Wänden hingen Bilder. Da war weder übertriebene Ordnung,
noch aufdringliches Wesen. Und doch berührte ihn alles wohltuend.
War hier nicht mit einer gewissen kühlen Präzision der Charakter
fein empfindender Menschen ausgesprochen?! Eine feine Novelle hätte
in diesem Raum spielen können. Er suchte nach Dingen, die ihm diesen
Eindruck übermitteln mochten, er betrachtete die verschiedenen
Gegenstände, da öffnete sich die Tür, und Agnes Elisabeth trat ein. Ein
weiß und blaßlila gestreiftes Kleid trug sie, mit vielen Rosenrüschen
und Falten; es mochte noch aus der Zeit ihrer Großmutter sein.
Craner trat auf sie zu.
»Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, Fräulein Hellwege. Mein Bruder
schickt mich; ich soll Ihnen einige Vormundschaftspapiere überbringen.«
»O doch! Ich erinnere mich,« sagte Agnes Elisabeth ruhig. »Sie waren
bei Papas Begräbnis, nicht wahr? Es tut mir leid, daß Sie unsertwegen
den weiten Weg haben machen müssen. Wollen Sie mit in den Garten
kommen?«
Craner ging neben Agnes Elisabeth über die Diele. Er bemühte sich,
durch das rote Gewirr ihrer Haare die Augen zu erkennen. Diese Augen
interessierten ihn. Er hatte ihre Farbe im Zimmer nicht finden können.
Sie fühlte seinen Blick, und das machte sie befangen. Noch niemand
hatte Agnes Elisabeth befangen gemacht.
Sie kamen in den Garten. Da war ein schimmerndes Schweigen. Sie gingen
über die seidenglatten Nadeln der Tannenallee. Auf dem Rasen saß Evelyn
unter einem Hängerosenbusch. Neben ihr schillerte Pfauengefieder in
der Sonne. Wie eine Märchenprinzessin sah sie aus. »Du bist so faul,
wie du lang bist!« rief sie nach der Laube drüben. »So faul! Steh doch
selbst auf! Ich sag’ ja: so faul, wie du lang bist!« Sie strich über
den Pfauenhals. »Nicht? wir bleiben hier sitzen!« Und dann zerpflückte
sie die Rosen in ihrem Schoße.
Aus der Laube kam ein träges Summen, das irgendein sentimentales Lied
bedeuten konnte.
»Dort ist Tante Sophies Patenkind,« sagte Agnes Elisabeth zu Craner.
»Evelyn!« rief sie hinüber.
Das Weiße auf dem Rasen sah sich nach allen Seiten um, suchte nach
einem Schuh und kam dann langsam auf die beiden zu. Erst, als sie vor
ihnen stand, hob Evelyn die Augen. »O so!«
»Ich soll Sie grüßen von Tante Sophie, Fräulein Evelyn!«
»So, dann sind Sie der Bruder von Onkel Wilhelm! Es ist nett, daß
einmal jemand zu uns kommt!«
»Wilhelm begreift Sie gar nicht in Ihrer Vorliebe für die Einsamkeit,
Fräulein Hellwege,« wendete sich Craner an Agnes Elisabeth.
»Nein, ich glaube sogar, er hält uns für überspannt und absonderlich.
Und das sind wir doch wirklich nicht!« Sie sah lächelnd an sich
herunter. Der Großmutter Kleid machte sie ein wenig erröten.
»Nun, wie alle Welt sehen Sie nicht aus!« meinte er mit ruhiger
Anerkennung.