»Nun seid mal still,« sagte Agnes Elisabeth. »Überlegt euch lieber mal,
wie wir es nun mit dem Trauern machen wollen. Wir können die Leute
nicht so vor den Kopf stoßen, wenn sie morgen zum Begräbnis kommen.
Denkt euch Tante Lauras Entsetzen. Wir haben sie schon genug verletzt,
weil wir sie jetzt nicht hier haben wollen.«
»Ach, sie ist nur unglücklich, weil sie nicht den ganzen Tag hier am
Sarg sitzen und weinen darf,« warf Julie ein.
»Ich habe noch mein Kleid von Vaters Tod, das zieh’ ich an,« sagte
Agnes Elisabeth bestimmt.
»Ich behalte das Kleid an, das ich jetzt trage!« gab Julie zurück.
»In dem hat Mama mich immer gern gesehen.«
In der Tür erschien Gesch Margret, das Mädchen, mit einem Kranz von
Lavendel, Reseden und Flocks.
»Hier, Fräulein Hellwege, ik schall ok velmals gröten von Fro
Klattenberg. Un de Fräuleins schullen man nich to trurig sin. Un denn
let se ok frogen, we dat mit denn Botterkoken to de Beerdigung wern
schull?«
»Schade, daß der Flocks drin ist, sonst wäre er hübsch,« warf Julie ein.
»Ja, Gesch Margret, ich denke, wir nehmen drei große Platten,« meinte
Agnes Elisabeth. »Und dann viel Kaffee.«
Gesche schluchzte hinter ihrer Schürze. Die grüne Tür schloß sich. Die
Gardine am Türfenster flatterte noch einen Augenblick hin und her.
Evelyn zog ihr Taschentuch heraus. Dann legte sie ihren bloßen Arm auf
den Tisch, beugte den Kopf darüber und weinte. Julie sah nachdenklich
zum Fenster hinaus; hinter der Sauberkeit der steifen Gardinen schwieg
die Abendluft. Marianne blickte an ihrer schwarzen Fülle hinunter.
Eine Stille kam langsam ins Zimmer und streckte sich schwer über die
Schwestern aus.
Da draußen vor der Tür lag die Mutter, das fühlten sie plötzlich
wieder. Der Tod stand drüben auf der dunkeln Diele; sie fühlten seine
Nähe. Nach einer Weile stand Agnes Elisabeth leise auf, ging zu Evelyn,
hob sie sanft auf und zog sie auf ihren Schoß. Evelyns Kopf fiel müde
an ihre Schulter. Agnes Elisabeths Hand glitt über die blasse Wange der
kleinen Schwester.
»Siehst du, Muttchen geht es nun gut. Nun hat sie keine Schmerzen mehr,
nur Ruhe, die sie immer so gern mochte.«
Der blonde Kopf schmiegte sich mit leisem Rascheln an das blaßgrüne
Kattunkleid.
Agnes Elisabeth wußte plötzlich, daß sie nun Evelyns Mutter war, daß
sie die Kleine liebhaben würde wie ihr Kind und auf sie achten und sie
beschützen würde.
»Wir haben Muttchen doch so lieb,« fuhr sie leise fort. »Darum freuen
wir uns, daß es ihr gut geht. Wir brauchen nicht zu weinen.«
Evelyn zog die Knie herauf und kauerte nun wie ein Kind auf der
Schwester Schoß. Agnes Elisabeth strich über die schmalen Beine und
die kleinen Füße. Die waren ganz kalt. Mit einer weichen, mütterlichen
Bewegung faßte sie hinüber nach dem Sessel, nahm den Schal und wickelte
die Füße hinein.
Die Kleine lag ganz still. Vielleicht wußte sie, daß sie doch noch eine
Mutter hatte?!
Julie stand auf und nahm ein Paket vom Schreibtisch.
»Ich kann wohl die Lampe anzünden?«
Agnes Elisabeth nickte und setzte sich mit Evelyn aufs Sofa; sie
schmiegte sich in die Kissen und sah vor sich hin. Evelyns Arme glitten
langsam herab. »Ich bin nämlich so müde, so müde, du!«
Gesch Margret kam, um abzudecken. Julie zündete die Hängelampe an.
Weiches Licht lag nun auf Tisch und Teppich; oben, durch einen seidenen
Schirm gedämpft, verlor es sich im Zwielicht.
Marianne ließ sich in den Schaukelstuhl sinken.
»Hol dir doch eine Handarbeit, Marianne,« sagte Agnes Elisabeth. »Du
kannst doch nicht immer so faul im Lehnstuhl sitzen.«
»Hm!« machte Marianne, stand schwerfällig auf und kramte in einer
Schieblade.
Julie öffnete das Paket, breitete Briefe vor sich aus und begann sie zu
ordnen.
»Was hat Mama doch für eine feine Handschrift gehabt!« sagte sie. »Ich
glaube, Mama hat früher sehr gern geschrieben.« Sie legte die Briefe
aufeinander. »Noch aus der Mädchenzeit, an die Großeltern, ›Mein lieber
Ernst, 26. Juni‹, das muß ihr erster Brautbrief gewesen sein.«
»Laß mich sehen!« sagte Marianne schnell und kam eilig an den Tisch.
»Setz dich hin,« wehrte Julie ab. »Erst will ich sie ordnen.«
Marianne setzte sich mit einer Stickerei -- Frau Hellwege hatte sie
noch begonnen -- in den Schaukelstuhl und machte ein paar träge Stiche.
»Ob es eigentlich indiskret ist, diese Briefe zu lesen?« fragte Julie.
»Vielleicht sollte man sie besser verbrennen! Sie sind doch nicht für
uns bestimmt.«
»So war Mama doch nicht,« sagte Agnes Elisabeth. »Sie hat mir manchmal
daraus vorgelesen.«
»Außerdem ist es sehr interessant,« warf Marianne ein.
»Das wäre kein Grund!«
»Vielleicht können wir auch etwas daraus lernen!«
»Willst du mir die Briefe mal geben,« bat Agnes Elisabeth; »ich weiß
einen, der ist so schön!«
Julie reichte ihr ein paar hinüber. Agnes Elisabeth suchte eine Weile
und zog dann einen dünnen, blauen Bogen heraus und entfaltete ihn.
»17. Oktober, ›du sagtest neulich, daß Schönheit ein Schmuck unseres
Lebens sein sollte‹, ja, dieser ist es.« Sie gab ihn Julie. »Willst
du ihn vorlesen?«
Julie rückte näher an den Tisch heran und beugte sich über den Brief.
Ihre krausen Haare hingen zitternd herab und berührten den Bogen. Sie
begann:
»Du sagtest neulich, daß Schönheit ein Schmuck unseres Lebens sein
sollte. Ich habe lange darüber nachgedacht und habe gefunden, daß ich
hierin anderer Meinung bin. O, nicht nur dies! Es handelt sich nicht
um eine Meinung, die ich dir zuliebe gern daran geben würde. Hier
geht es um mein ganzes inneres Leben. Ich weiß nicht, ob du mich ganz
verstehen wirst, Ernst. Sieh, Schönheit ist das erste, was ich zum
Leben brauche, ebenso notwendig brauche wie Essen und Trinken. Wenn ich
an mein bisheriges Leben zurückdenke: wie einsam war es! Ich fand bei
den Eltern wenig Verständnis, noch seltener eine Anregung. Die Tage
gingen dahin, einer wie der andere, wie eine abgeleierte Melodie. Was
wäre aus mir geworden, wenn ich nicht selbst zugefaßt und mit beiden
Händen, soviel ich nur fassen konnte, Schönheit in mein trauriges
Dasein hineingetragen hätte. Ich wäre ja verkommen.
So aber habe ich mir ganz vorsichtig und leise, daß kein anderer davon
merkte, ein kleines Haus gebaut. In dem wohnte ich ganz allein, mit
allen meinen Träumen; die erwachten dort langsam zu einer weichen,
bunten Wirklichkeit. Nur dort habe ich mein Leben gelebt. Den anderen
war ich ein ruhiges, immer williges Wesen, das braune Kleider trug und
niemanden störte.«
Agnes Elisabeth lächelte.
»Diese braunen Kleider! Weicher, wolliger Kaschmir, und die schmale
weiße Spitzenkrause am Halse!«
»O wie glücklich war ich in meinem Haus! Alles, was sich darin befand,
und alles, was ich dort tat, war schön! Es gab keine häßliche Linie. Du
kannst dir denken, daß ich es schließlich nicht mehr verlassen wollte.
Ich trug es also mit mir herum. Und mit jedem Tage lernte ich es noch
mehr liebhaben. Wenn etwas Rauhes, Häßliches von draußen kam, kroch
ich schnell in meinen kleinen Winkel zurück, zog die spinnwebfeinen
Schleier über mein Gesicht und ließ die Sonnenstäubchen in meinem Haar
flimmern. Dann konnte mir niemand etwas tun. Und so habe ich immer nur
von Schönheit gelebt, von Blumen, Licht und Farben, von weiter Ruhe und
feingetönten Stimmungen.
Und nun willst du, daß Schönheit nur eine kleine äußerliche
Annehmlichkeit sein soll, wo sie doch allein meinem Leben seinen Wert
geben kann?! Nun soll ich sie umtun wie einen Sonntagsschmuck, wie eine
dünne goldene Kette, und ist doch mein braunes Kleid, das ich alle Tage
trage!
Schreibe mir bald, daß du mich so haben willst, wie ich bin.