Otto Gysae

[Illustration]

Volksverband der Bücherfreunde

Wegweiser-Verlag G.m.b.H.

Berlin 1923

I

Da stand der Sarg.

Frau Hellwege war am Dienstag gestorben, und morgen sollte sie das

bäuerische Landhaus verlassen, in dem sie seit des Rechtsanwalts

Hellwege Tod mit ihren vier Töchtern Sommer und Winter gelebt hatte.

Eine reiche Erziehung, die mit gutem Grunde die Einsamkeit der Heide

und die schwerfällige Besonnenheit der Torfbauern aufgesucht hatte,

blieb unvollendet. Vor den Kindern stand das Leben mit einer fragenden

Geste; die Mutter hatte eine Antwort bekommen, konnte sie ihnen aber

nicht mehr sagen.

Da stand nun der Sarg.

Er ruhte auf zwei Holzblöcken, die inmitten der Diele auf der

Strohmatte standen. Es war ein hoher, dämmeriger Raum. Im Hintergrunde

führten rechts und links Türen nach draußen; sie waren bis zu

Kopfeshöhe geschlossen. Durch den Ausschnitt darüber quoll warmes

Licht; in breiten Schichten flirrten Sonnenstäubchen. Sie berührten

das Kopfende des Sarges. Hinten saß ein grünschwarzes Dunkel, das die

Rückwand der Diele trauernd verhüllte. Vorn standen Schranke und alte

Truhen an den bläulichweiß gekalkten Wänden, die in dem Trauerschmuck

geringelter Eichenlaubgirlanden befremdet und ernst nach der Mitte

blickten.

Zu Füßen des Sarges lagen bäuerische Kränze in robusten Farben, noch

warm von der Mittagsonne, die stundenlang auf sie herniedergebrannt

hatte. Die vordere Tür stand weit offen, und draußen auf Kieswegen

und Rasenflecken war gelbes Licht. Ein surrendes Geräusch

kam von der geschwärzten Decke herab, wo Fliegen und Mücken

durcheinanderschwirrten, und ab und zu ein leise kratzendes Klirren der

Eichenblätter an den Wänden.

Sehr einsam stand der Sarg. Eine breite Stille hatte sich um ihn

gelagert und wachte bei ihm. Durch die Tür guckte mit scheuem Glucksen

ein Huhn, aber es traute sich nicht herein und lief mit federndem

Schritt wieder auf den Rasen.

Das Licht ging weiter und stand als ein graugoldener Streifen hinter

dem Sarge. Langsam sank der Sarg in Schatten.

Plötzlich kam eine Bewegung in das Licht. Es irrte umher und sammelte

sich dann in einer Fülle von blaßblondem Haar, das über schmale

Schultern herabflutete.

Evelyn trat schüchtern an den Sarg. Sie legte einen großen Strauß

Wiesen-Vergißmeinnicht auf den schwarzen Deckel. Wie waren die Knöchel

über den kindlichen nackten Füßen fein und intelligent! -- Sie schob

einen Kranz zurecht.

»Da ist nun mein süßes Muttel drin!«

Die Oberlippe zog sich in die Höhe, und die graublauen Augen sahen in

Fernen. Da glitten ihre Kinderjahre rauschend vorüber, und in Nebeln

stand die Zukunft hinter ihnen.

Sie machte eine Bewegung mit der Hand und ging nach der Tür, die vorn

zum Wohnzimmer führte. Die wurde von innen geöffnet. Marianne erschien

auf der Schwelle.

»Hast du ihr Blumen gebracht?« fragte sie die Kleine.

»Vergißmeinnicht!«

Marianne trat auf die Diele. Ihr junger Körper spottete des einfachen

Konfirmationskleides, das für seine weichen Formen zu eng war. Der

Stoff konnte die vollen Arme, die Linie der Hüften nicht verhüllen.

Aus den Ärmeln, die viel zu kurz waren, hingen die weißen Hände weit

heraus. »Es ist schön hier!« sagte sie langsam und blieb vor den

Kränzen stehen.

Evelyn hatte den Kopf auf die Seite geneigt.

»Möchtest du da drin liegen?« fragte sie. »Ich denke es mir schön,«

fuhr sie nach einer Weile fort. »Ganz lang sich ausstrecken, den Kopf

nach hinten gelehnt, und mein Haar so über die linke Schulter herüber.«

Sie faßte ihren blonden Reichtum mit beiden Händen und strich mit den

Fingern weich darüber hin. Marianne blickte sie scheu an.

»Und dann in die Erde?«

»Und dann liegen meine Hände auf dem Haar, hoch oben über der Brust,

weißt du, und zwischen den Fingern halte ich Vergißmeinnicht,« sie

überlegte einen Augenblick, »oder Margueriten --, was sieht zu meinem

Haar besser aus, Marianne?«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Und meine Augen mache ich leise zu, aber ich fühle die Sonne.«

»Du bist doch tot!« unterbrach Marianne schwerfällig. »Nachher kommen

Männer und legen einen schweren Deckel über dich und nageln ihn zu. Und

dann trägt man dich weg in das tiefe Loch ...«

»Daran denke ich nicht,« beharrte Evelyn. »Das ganze Dorf kommt dann

zusammen und steht hier vor mir. ›Wie schön sie ist!‹ sagen sie alle.

Und der Pastor steht zu meinen Füßen und spricht von der Blume, die nun

gebrochen ist, und Tante Laura macht ihr heiliges Gesicht, dicke Tränen

rollen über ihre Backen. Und ich blinzle ein bißchen, da kann ich von

allen grade die gelben Flachshaare sehen, und vom Pastor den breiten

schwarzen Rücken. Dann lache ich für mich.«

»Pfui, Evy!« sagte Marianne und kniete nieder, um die Kränze zu ordnen.

»An was du alles denkst! Bist du denn nicht traurig?«

»Ich habe Muttel lieber, als ihr alle. Aber davon kann ich doch nicht

sprechen!« sagte Evelyn leise. Marianne schüttelte den Kopf. Plötzlich

legte sie sich lang vor den Kränzen hin. Das Kleid strammte über ihre

Brust, und ihr Rock schob sich in die Höhe, daß man die runden Beine

sah.

»Siehst du! Nun legst du dich ja selbst hin!« lachte Evelyn auf.

»Das ist etwas anderes!« sagte Marianne.

Evelyn glitt zu ihr. Nun lagen sie nebeneinander, die Köpfe halb unter

den Blumen versteckt. Evelyn sah einer weißen Lilie in den Kelch.

»Hast du Angst vor dem Tode?« fragte sie nachdenklich.

Marianne sah mit halbgeöffneten Augen zur Decke hinauf.

»Ich weiß nicht. In den Himmel kommen, und Mama wiedersehen, und auch

Papa, das ist ja sehr schön. Aber, was tut man dort den ganzen Tag?«

»Da ist eine endlos weite Wiese,« sagte Evelyn langsam und schwelgend,

»und darüber blauer Himmel und Sonnenschein, Blumen sind da, viele

Blumen, und ich liege im Grase, lasse alle meine Glieder los, daß sie

mir garnicht mehr gehören und dann erzähle ich mir Märchen ...«

»Woher weißt du denn das alles?« fragte Marianne ungeduldig und

streckte die Beine wieder aus. Das Laub der Kränze raschelte bei der

Bewegung.

»Das weiß ich,« sagte Evelyn bestimmt. »Im Himmel ist alles so, wie ich

es mir wünsche.«

Marianne lachte kurz. »Das glaub ich nicht! Ich will jedenfalls erst

mal hier auf der Erde glücklich sein!«

»Wie willst du denn glücklich sein, wenn du Angst vor dem Tode hast?«

fragte Evelyn. Sie richtete sich auf, stützte die Hände auf die Matte

und sah ihrer Schwester ins Gesicht.

»Man muß eben gut sein hier auf der Erde!« sagte sie kleinlaut. »Dann

kommt man in den Himmel. Und dann braucht man sich vor dem Tode nicht

zu fürchten!«

Evelyn sah sie spöttisch an. »Deinen Himmel wünsche ich mir nicht!«

sagte sie energisch; dann ließ sie sich wieder auf der Matte nieder und

verschränkte die Arme unter dem Kopf.

Der Lichtstreifen hinter dem Sarge war mehr und mehr verblaßt und dann

verschwunden. Graublaue Dämmerung stand schweigend zwischen den Wänden.

Die beiden Mädchen träumten unter dem Sarge von einem fernen Glück.

Für Evelyn war es ein traumhaftes Jenseits, für Marianne eine heiße

Gegenwart, die schon vor der Tür stand und die Arme nach ihrem

sehnsuchtsvollen Leibe ausbreitete.

Violette Schleier senkten sich langsam von oben herab.

Marianne lag, ohne sich zu rühren, und fühlte ihr Blut rinnen.

Evelyn hob die Hand und strich über das Holz des Sarges. Da war eine

Stelle so weich. Sie glitt langsam darüber hin. Was mochte das sein?

Das Holz war hart; aber diese eine Stelle war ganz weich, wie Seide.

Sie faßte wieder hinauf; jetzt war es nur das harte Holz, aber nun

hatte sie es wieder, weiter oben. Sie richtete sich auf, um zu sehen,

was es eigentlich sei. Sie hob sich in die Höhe -- und dann schrie sie

auf. Eine haarige Raupe kroch langsam am Sarg hinauf. Evelyn floh nach

der Tür und begann plötzlich zu schluchzen.

Marianne wendete sich träge um.

»Was hast du?« fragte sie.

Evelyn weinte bitterlich.

Marianne erhob sich, erblickte die Raupe, nahm sie vorsichtig zwischen

Daumen und Zeigefinger, trug sie in den Garten und legte sie auf den

Rasen.

»Da ist doch nichts weiter dabei,« sagte sie gleichmütig.

Evelyn weinte nur noch heftiger.

»Mein armes Muttel! Mein armes Muttel!«

Die Tür zur Rechten tat sich auf, und Agnes Elisabeths rotes Haar wurde

sichtbar.

»Kinder, kommt zum Abendbrot!« sagte sie sanft und freundlich.

Marianne trat neben Evelyn und zog ihr die Hände von den Augen.

»Komm, sei vernünftig!«

Die Kleine sah eine Weile vor sich hin, dann warf sie den Kopf zurück

und folgte Marianne in das Wohnzimmer.

Ein großer Raum mit vier niedrigen Fenstern, vor denen weiße

Mullvorhänge mit roten Übergardinen hingen. Auf den Fensterbänken

blutrote Geranien und schmächtige Zimmerlinden mit großen Blättern.

In der Ecke ein rotes Sofa, mit altem Gobelinstoff überzogen, ein

zierlicher Damenschreibtisch, an dem Frau Hellwege ihre wenigen Briefe

geschrieben hatte, vor dem Kamin ein weißes Bärenfell, blasse Polster,

in der Mitte ein runder handfester Tisch. Um ihn herum Bauernstühle

mit grünen Seidenkissen, die von den Balltoiletten der Urgroßmutter

träumten. Auf der blankgescheuerten Holzplatte des Tisches war zum

Abendessen gedeckt.

Agnes Elisabeth saß schon an ihrem Platze und schnitt Brot. Der erste

Eindruck, den man hatte, war krauses rotgoldenes Haar, das wie Feuer

um ihren Kopf glühte, und eine feinknochige Figur. Sie war nicht

schön, das Gesicht kühn geschnitten, die Nase fein und fest, die Augen

blaßgrau.

Julie stand am Fenster. Ein Rest von Licht fiel auf das kapriziöse Ohr

und hob die geschwungene Linie, die zur Schulter lief, scharf heraus.

Es war ihre beste Linie. Julie liebte es, in der Dämmerung am Fenster

zu stehen. Sie wußte von dem mattgoldenen Schleier, der ihre Haut

schimmern ließ und alle Schatten ihres blaßblauen Leinenkleides weich

machte. Aber Julie war nicht eitel ...?

»Bleib sitzen, Agnes Elisabeth, laß mich eingießen!« sagte Evelyn, nahm

Tine Schwenke, die große Grünglasierte, ging mit ihr um den Tisch und

goß den Tee in die gelben, grünen, blauen Tassen.

»Dein Haar sieht wunderschön aus in diesem matten Licht.« Sie hatte

ihren Kummer schon vergessen und sah nur die Schönheit, die vor ihr

stand.

»Früher streute man Asche darauf, wenn man trauerte; das müßte dir

stehen! Wie grauer Spitzentüll!«

»Was du immer für verrückte Ideen hast, Evelyn,« sagte Marianne. Ihr

rundgeschweifter Rücken machte träge die Bewegung des Kauens mit. »Das

würde ein netter Schmutzkram werden! Komm, gib mir lieber mal etwas

Schinken!«

Evelyn lachte und schob ihr einen Teller hin.

»Du bist das materiellste Geschöpf, das ich kenne.«

»Man sieht ja auch, wo es bleibt!« warf Julie ein.

Marianne nahm sich ein Stück Schinken und sah über den Tisch. »Ich

weiß nicht, es ist so ungemütlich heute,« sagte sie. »Warum haben wir

eigentlich kein Tischtuch?«

»Julie findet es hübscher,« antwortete Agnes Elisabeth. »Warum soll sie

nicht ihren Willen haben? Schön finde ich es ja auch nicht.«

Marianne schüttelte den Kopf.

»Was tun wir nun mit unseren Kleidern?«

Julie lachte. »Wir können ja nachsehen; Vielleicht hängen unsere

Konfirmationskleider noch irgendwo auf dem Boden.« Sie strich langsam

über ihren bloßen Arm. »Dicke, wenn du nur so viel Schönheitssinn

hättest, wärest du heute nicht in diesem Auszug erschienen!« Sie

zeigte es an ihrem Fingernagel.

»Es gibt eben verschiedene Arten von Schönheitssinn,« sagte Evelyn.

»Marianne tut es auf ihre Weise. Sie liest jeden Abend in einem

Goldschnittbuch über Teintpflege; danach braut sie sich dann alles

mögliche zusammen, Salben und Tinkturen.«

Evelyn lachte.

»Davon hat sie auch ihre rosige Farbe,« sagte Julie.

Marianne schob die Unterlippe vor.

Die Schwestern Hellwege · 第 5 / 47 题