17. Die Naturwissenschaften und die moderne Kultur.

Dem gewaltigen Aufschwung, der sich auf dem Gebiete der

Naturwissenschaften seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog,

entsprach neben der wachsenden Einsicht in den Zusammenhang der

Erscheinungen ein sich stetig vergrößernder Einfluß auf den gesamten

Kulturzustand unseres Zeitalters. Auf die Frage: »Wozu nützt das?«

lautete *Faradays* Antwort: »Bemüht Euch, es nutzbringend zu machen!«

Den aus einer rein wissenschaftlichen Tätigkeit entspringenden

Entdeckungen des Forschers sind die Erfindungen meist auf dem Fuße

gefolgt. So entwickelte sich auf dem Boden der Naturlehre die moderne

Technik. Wohlstand und Behaglichkeit erzeugend, schuf sie wiederum

die Mittel zur Förderung exakter Arbeiten und zur Verbreitung

einer in immer tiefere Schichten der Bevölkerung eindringenden

naturwissenschaftlichen Bildung. Auch diese Seite, die uns die

Entwicklung der Naturwissenschaften zeigt, läßt sich nicht annähernd

in ihrem ganzen Umfange, sondern nur in einigen besonders wichtigen

Erscheinungen betrachten.

In den Anfang des 19. Jahrhunderts fallen die ersten Schritte zur

Begründung des chemischen Großgewerbes. Sein Haupterzeugnis, die

Schwefelsäure, welche den technischen Ausgangspunkt für viele

Industriezweige bildet, stellte man schon seit der Mitte des 18.

Jahrhunderts in größerem Maße her. Ein zweckmäßiges Verfahren konnte

jedoch erst Platz greifen, nachdem *Gay-Lussac* und *Glover* die nach

ihnen benannten, zur Wiedergewinnung der niederen Oxyde des Stickstoffs

dienenden Türme eingeführt hatten. Durch die fabrikmäßige Darstellung

der Schwefelsäure wurde auch die lange angestrebte Gewinnung der Soda

aus Kochsalz ermöglicht. Im Jahre 1791 gründete der Franzose *Leblanc*

die erste Sodafabrik und rief damit eine neue Industrie ins Leben,

die besonders in England emporblühte und als wichtiges Nebenprodukt

die Salzsäure lieferte[582]. Die Verbilligung der zuletzt genannten

Säure hatte wiederum zur Folge, daß sich das Gebiet der so wichtigen

Chlorpräparate erschloß, von denen das Kaliumchlorat den Anlaß zur

Erfindung des ersten chemischen Feuerzeuges bot. Letzteres bestand

darin, daß Holzstücke, die mit einem Gemisch von Kaliumchlorat und

Schwefel versehen waren, durch Eintauchen in Schwefelsäure zur

Entzündung gebracht wurden. Die Erforschung des Platins und seiner

Verbindungen führte zu einer zweiten Zündvorrichtung, über welche

*Döbereiner* mit folgenden Worten berichtet[583]: »Läßt man Wasserstoff

durch ein Röhrchen auf staubförmiges Platin strömen, so daß der Strom

des Gases sich vor der Berührung des Platins mit atmosphärischer Luft

mischt, so wird der Staub fast augenblicklich glühend und bleibt dies,

so lange der Wasserstoff ausströmt. Ist der Gasstrom stark, so wird der

Wasserstoff entzündet. Dieser Versuch ist höchst überraschend und setzt

jeden in Erstaunen. Ich habe diese Beobachtung bereits zur Darstellung

eines neuen Feuerzeuges benutzt und werde sie noch zu weit wichtigeren

Zwecken verwenden.« So interessant diese Arten der Feuererzeugung

selbst noch heute sind, sie vermochten doch den um 1830 aufkommenden

Zündhölzchen gegenüber nicht Stand zu halten. Für die letzteren

bildeten der nach dem Verfahren von *Scheele* dargestellte gewöhnliche

Phosphor, sowie die ungiftige, von *Schrötter* bereitete rote Abart

dieses Elementes den technischen Ausgangspunkt[584].

Neben der Schwefelsäure und der Salzsäure kam nach der Erschließung

der Salpeterlager Südamerikas auch die Salpetersäure in immer größeren

Mengen in den Handel. Das Studium dieser Säure in ihrem Verhalten zu

den organischen Verbindungen führte um die Mitte des 19. Jahrhunderts

zur Erfindung der heutigen Explosivstoffe. So stellte *Schönbein*, der

sich besonders durch die Erforschung des Ozons einen Namen gemacht

hat[585], im Jahre 1846 die Schießbaumwolle her. Bald darauf erhielt

man durch die Einwirkung der Salpetersäure auf das von *Scheele* aus

den Fetten abgeschiedene Glyzerin das furchtbarste Sprengmittel, das

Nitroglyzerin[586], dessen Gefährlichkeit später *Nobel* dadurch

herabminderte, daß er es durch Zumischen von Kieselgur in Dynamit

umwandelte.

Als im Beginn des 19. Jahrhunderts der Dampf zu einem allgemeinen

Betriebsmittel wurde, begann gleichfalls von England aus die

Leuchtgasindustrie sich zu verbreiten[587]. Diese Industrie erfüllte

nicht nur ihre eigentliche Aufgabe, indem sie Wohnungen und Straßen mit

einem Licht versah, das alle bisherigen Beleuchtungsarten übertraf,

sondern sie rief auch durch die Fülle ihrer Nebenerzeugnisse neue

Gewerbe, ja sogar einen neuen Zweig der chemischen Wissenschaft ins

Leben. In dem wässerigen Produkt der Destillation der Steinkohle

erhielt man nämlich eine Quelle für das Ammoniak und die Ammonsalze,

während aus dem Studium der zahllosen, in dem Teer befindlichen Stoffe

die Chemie der aromatischen Verbindungen erwuchs. Das wichtigste

Glied in der Reihe dieser Verbindungen war durch einen sonderbaren

Zufall in die Hände *Faradays* gelangt, der sich im Beginn seiner

wissenschaftlichen Laufbahn vorzugsweise mit chemischen Untersuchungen

beschäftigte. Während der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts gab

es noch keine ausgedehnten Leitungen, sondern das Gas wurde den

Verbrauchern in verdichtetem Zustande in die Wohnungen geliefert.

Dabei stellte sich heraus, daß die Leuchtkraft schnell abnahm. Als

*Faraday* mit der Untersuchung dieser Erscheinung betraut wurde, fand

er, daß sich aus dem Gase ein flüssiger Körper abscheidet, dessen Dampf

die Leuchtkraft bedingt. Dieselbe, aus Kohlenstoff und Wasserstoff

bestehende Substanz wurde einige Jahre später aus der Benzoësäure

dargestellt[588] und Benzol genannt.

Mit der Tatsache, daß sich aus Steinkohlen ein brennbares Gas

entwickeln läßt, waren schon *Hales*[589] und *Becher*[590] bekannt.

Auf den Gedanken, diese Entdeckung praktisch zu verwerten, kam zuerst

der Engländer *William Murdoch*. Er war es, der 1792 den ersten

dahin zielenden Versuch in einer Fabrik in Staffordshire machte.

Erst im Jahre 1808 hat *Murdoch* über die Erfahrungen, die er mit

der Gasbeleuchtung gemacht hatte, in den Philosophical Transactions

berichtet: »An account of the application of the gas from coal to

economical purposes«.

Wie sich auf den geschilderten Grundlagen in steter Verbindung mit

der Wissenschaft die chemische Industrie zu ihrer heutigen Bedeutung

entwickelte, kann hier nur in einigen Strichen angedeutet werden.

Dasjenige Erzeugnis der chemischen Industrie, das zu weiterer

Verarbeitung in allen ihren Zweigen Verwendung findet, ist die

Schwefelsäure. Die Weltproduktion an diesem Material beläuft sich heute

auf mehr als 5 Millionen Tonnen[591]. Bis vor wenigen Jahrzehnten

erfolgte die Gewinnung der Schwefelsäure ausschließlich durch den von

*John Roebuck* im Jahre 1746 erfundenen Bleikammerprozeß[592]. Zu

diesem Verfahren gesellte sich der 1875 von *Clemens Winkler* erfundene

Kontaktprozeß. Er beruht auf dem Verhalten des fein verteilten Platins,

das wir bei der Erwähnung der *Döbereiner*schen Zündvorrichtung[593]

mit den Worten des Erfinders ausführlicher geschildert haben. *Winkler*

leitete ein Gemenge von Schwefeldioxyd und Luft über erhitztes

feinverteiltes Platin. Durch die katalytische oder Kontaktwirkung des

letzteren vereinigt sich das Schwefeldioxyd mit dem Sauerstoff der Luft

zu Schwefeltrioxyd (Schwefelsäureanhydrid), das sich mit Wasser zu

Schwefelsäure (H_{2}SO_{4}) verbindet.

Mit Hilfe des Kontaktverfahrens hat man auch die Gewinnung des Chlors

aus der Salzsäure vereinfacht. Als Katalysatoren dienen Salze, die sich

an dem chemischen Umsatz ebensowenig beteiligen wie das feinverteilte

Platin. Theoretisch läßt sich daher mit Hilfe derartiger Kontaktkörper

eine unbegrenzte Menge der mit ihnen in Berührung kommenden Substanzen

umsetzen. Um nach der von *Deacon* seit 1870 eingeführten Methode

das Chlor aus der Salzsäure zu gewinnen, leitet man ein Gemisch von

Salzsäuregas und Luft über poröse mit Kupfersalzen getränkte Massen,

die nahezu auf Rotglut erhitzt werden. Der Umsatz erfolgt nach der

Gleichung 2HCl + O = H_{2}O + 2Cl. Dem *Deacon*prozeß trat neuerdings

die elektrolytische Gewinnung von Chlor als ebenbürtig an die Seite.

Das Chlor, das nicht nur zum Bleichen, sondern auch zur Herstellung

vieler Chlorverbindungen, in immer größerem Maße Verwendung findet,

wird elektrolytisch aus den Lösungen von Chlornatrium oder Chlorkalium

dargestellt. Bei diesem Vorgang entwickelt sich das Chlor an der

positiven Elektrode, während man an der Kathode Natronlauge oder

Kalilauge und eine dem Chlor äquivalente Menge Wasserstoff erhält. Daß

hier Wasserstoff als billiges Nebenprodukt abfällt, hat wesentlich

zu einer weitgehenden Verwendung dieses durch Leichtigkeit und hohen

Heizwert ausgezeichneten Gases beigetragen.

Auch das älteste, zur fabrikmäßigen Darstellung der Soda ins Leben

gerufene Verfahren *Leblancs* ist in der Neuzeit nahezu durch den

*Solvay*prozeß verdrängt worden[594]. *Leblanc* setzte Kochsalz mit

Schwefelsäure in Salzsäure und Natriumsulfat um. Das gewonnene Sulfat

ergab beim Zusammenschmelzen mit Kalkstein und Kohle Soda[595].

Die Schwefelsäure ging bei diesem Prozeß völlig verloren. Die

Bemühungen waren deshalb zunächst darauf gerichtet, den Schwefel

aus den Rückständen der *Leblanc*fabriken als solchen oder in Form

von Verbindungen zurückzugewinnen. Soda ohne die Verwendung von

Schwefelsäure herzustellen, gelang zuerst um 1840. Man leitete

Kohlendioxyd und Ammoniak in eine Kochsalzlösung und verwandelte das

so entstandene, primäre Natriumkarbonat durch Erhitzen in sekundäres

Salz (Soda)[596]. Technisch brauchbar wurde das Ammoniaksodaverfahren

erst, als es *Solvay* (1863) gelang, das an der Bildung des Salmiaks

beteiligte Ammoniak, sowie das beim Erhitzen des primären Salzes

freiwerdende Kohlendioxyd stets wieder in den Prozeß einzuführen.

Ein Teil der im Großbetriebe erzeugten anorganischen Verbindungen

wird von der in den letzten Jahrzehnten zu ungeahnter Blüte gelangten

organisch-chemischen Industrie aufgenommen und weiter verarbeitet.

Neben den anorganischen Verbindungen, vor allem den Mineralsäuren,

besteht ihr Rohmaterial aus dem zuerst kaum der Beachtung gewürdigten

Teer der Gasfabriken und Kokereien. Es war im Jahre 1856, als es

*Perkin*, einem Schüler des damals in England wirkenden *A. W.

Hofmann*[597] gelang, aus dem Teer den ersten Farbstoff darzustellen.

Heute liefert der Teer der chemischen Industrie vier ihrer wichtigsten

technischen Ausgangspunkte. Es sind dies das Benzol, das Naphthalin,

das Anthrazen und die Karbolsäure. Sie sind neben vielen anderen

Gemengteilen in dem Teer enthalten und werden durch fraktionierte

Destillation daraus gewonnen.

Die erste Reihe technisch wertvoller Produkte entwickelte sich aus

dem Benzol (C_{6}H_{6}) als Muttersubstanz. Durch die Einwirkung

von Salpetersäure wurde es in Nitrobenzol (C_{6}H_{5}NO_{2})

übergeführt. Bei der Reduktion entstand aus dem Nitrobenzol das

Anilin (C_{6}H_{5}NH_{2}). Aus dem Anilin hatte *Perkin* den ersten

Teerfarbstoff hergestellt. Einige Jahre später (1859) wurde aus

Anilin ein besonderes Aufsehen erregender, roter Farbstoff gewonnen,

den man als Fuchsin bezeichnete. Daran reihte sich das Anilinviolett

(*Hofmann*, 1863), das Methylgrün, das Anilinblau, das schon gelbe

Auramin usw.

Wohl auf keinem anderen Gebiete ist der technische Fortschritt so eng

mit der wissenschaftlichen Forschung verknüpft gewesen wie auf dem

Gebiete der organisch-technischen Chemie. Die neueren Theorien von der

atomistischen Konstitution der chemischen Verbindungen leiteten nicht

nur den Forscher bei seinen rein wissenschaftlichen Experimenten,

sie waren für den nach neuen Fabrikationsweisen suchenden Chemiker

nicht minder wichtig. Ein Leitstern ist vor allem die von *Kekulé*

aufgestellte Theorie über die Konstitution des Benzols gewesen. Wir

haben sie, sowie ihre Ausdehnung auf das Naphthalin und ähnliche

organische Verbindungen an anderer Stelle schon besprochen[598]. Den

ersten Teerfarbstoffen hafteten noch viele Mängel an. Ihr größter war,

daß sie sehr rasch im Lichte verblaßten. Auf der Suche nach lichtechten

Farbstoffen wandte man sich als Ausgangspunkt dem Naphthalin zu. Aus

diesem in dem Teer in größter Menge enthaltenen Rohmaterial gelang es

*Grieß* im Jahre 1869 den ersten Azofarbstoff herzustellen und damit

ein neues, wichtiges Gebiet der Teerfarbenfabrikation zu erschließen.

Nach den geschilderten Erfolgen steckte sich die organisch-technische

Chemie die Aufgabe, die natürlichen, dem Tier- und Pflanzenreiche

entstammenden Farbstoffe herzustellen. Die erste Synthese eines

natürlichen Farbstoffs gelang im Jahre 1869 den Deutschen *Liebermann*

und *Graebe*. Vom Anthrazen ausgehend, stellten sie das Alizarin, den

wirksamen Bestandteil der Krapppflanze, synthetisch dar, und zwar viel

reiner und billiger als ihn die Pflanze liefert. Die Folge war, daß der

in vielen Gegenden blühende Krappbau binnen kurzem ganz einging und

die bisher für ihn benutzten Flächen anderen Kulturzwecken dienstbar

gemacht werden konnten.

An die Darstellung des Alizarins reihte sich diejenige des Indigos. Die

Geschichte dieses »Königs der Farbstoffe« ist von einem ganz besonderen

Interesse. Schon im Altertum war der Indigo wegen der schönen,

lichtechten, blauen Farbe, die er der Wolle und den Pflanzenfasern

verleiht, sehr geschätzt. Er war lange eins der wichtigsten Erzeugnisse

Indiens, wo man ihn aus einigen Indigoferaarten darstellte. Eine

Zeitlang wurde er auch aus der in Europa wachsenden Waidpflanze

(Isatis tinctoria) gewonnen. Die synthetische Darstellung des Indigos

gelang *Baeyer* gegen Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts.

Es dauerte noch etwa 20 Jahre, bis man nach vieler Mühe und nach

Aufwendung von Summen, die sich auf Millionen beziffern, den Indigo

zu einem Preise darstellen konnte, der ihn zum Wettbewerb mit dem

Naturprodukt befähigte (1897). Wie groß die wirtschaftlichen Folgen

dieser einen Synthese waren, läßt sich aus folgenden Daten ermessen.

Der Handel mit natürlichem Indigo, dessen Wert sich gegen 1890 auf

nahezu 100 Millionen Mark im Jahre bezifferte, hörte nach und nach

fast auf. Während Deutschland 1890 etwa 12000 Doppelzentner Indigo

vom Ausland beziehen mußte, exportierte es im Jahre 1910 für mehr als

40 Millionen Mark an diesem einen, von seiner Industrie erzeugten

Farbstoff. Selbst in den asiatischen Ländern wird heute mit dem in

Deutschland erzeugten, künstlichen Indigo gefärbt.

Auch auf dem Gebiete der pharmazeutischen Produkte und der Riechstoffe

hat die organische Chemie bedeutende Erfolge aufzuweisen. Zu den

ersten Heilmitteln, die man synthetisch, und zwar von der Karbolsäure

aus, darstellen lernte, gehört die Salizylsäure[599]. Unter ihren

Derivaten wird die Azetylsalizylsäure (Aspirin) als Heilmittel

besonders geschätzt. In hohem Grade gefördert wurde die Fabrikation

pharmazeutischer Produkte, nachdem es der Wissenschaft gelungen war,

in den Bau der unter dem Namen der Alkaloide bekannten Pflanzengifte

einzudringen und sie durch Synthese darzustellen[600].

Selbst des jüngsten Zweiges der wissenschaftlichen Chemie, der

Kolloidchemie, hat sich die Technik unserer Tage bemächtigt. Der

bemerkenswerteste Erfolg auf dem Gebiete der Kolloidchemie ist die

Synthese des Kautschuks. Vergegenwärtigt man sich, daß es zwei

Jahrzehnte dauerte, bis der synthetische Indigo den natürlichen

aus dem Felde geschlagen hatte, so darf man hoffen, daß auch dem

synthetischen Kautschuk ein ähnlicher Erfolg beschieden sein wird. In

wirtschaftlicher Hinsicht würde dieser Erfolg ganz ohne Beispiel sein,

da der Marktwert des heutigen Weltbedarfs an Kautschuk sich auf etwa

eine Milliarde Mark beziffert.

Wie auf chemischer so entwickelten sich auch auf physikalischer

Grundlage wichtige Zweige der modernen Technik. Schon in den ersten

Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zeigte es sich, daß die aus rein

theoretischem Interesse unternommenen Forschungen auf dem Gebiete der

Elektrizitätslehre eine Fülle von nützlichen Anwendungen im Gefolge

haben sollten. So knüpft sich an die Namen *Gauß* und *Weber* die

Erinnerung an den ersten elektromagnetischen Telegraphen. »Ich weiß

nicht«, schrieb *Gauß* am 8. November des Jahres 1833 an den Astronomen

*Olbers*, »ob ich Ihnen schon über eine großartige Vorrichtung

berichtete, die wir gemacht haben. Wir haben eine galvanische Kette

zwischen der Sternwarte und dem physikalischen Kabinett über die Häuser

hinweggezogen. Die ganze Drahtlänge wird etwa 8000 Fuß betragen. An

den beiden Enden ist sie mit einem Multiplikator verbunden. Ich habe

eine einfache Vorrichtung ausgedacht, wodurch ich augenblicklich den

Weg des Stromes umkehren kann; ich nenne sie Kommutator. Wir haben sie

bereits zu telegraphischen Versuchen benutzt, die mit ganzen Worten

und einfachen Sätzen sehr gut gelungen sind. Ich bin überzeugt, daß

auf diese Weise auf einen Schlag von Göttingen nach Hannover oder von

Hannover nach Bremen telegraphiert werden kann.«

[Illustration: Abb. 66. Der von *Reis* konstruierte Empfänger.]

[Illustration: Abb. 67. Der Sprecher (Resonanzboden) des von *Reis*

konstruierten Telephons.]

Die erste Beobachtung, die einen Zusammenhang zwischen elektrischen

und akustischen Erscheinungen erkennen ließ, wurde im Jahre 1837

gemacht. Man bemerkte, daß das Verschwinden und Entstehen des Stromes

einen Eisenstab, der von dem Strom in einer Spirale umflossen wird,

zum Tönen bringt. Die Erscheinung wurde als »galvanische Musik«

bezeichnet[601]. Ihre Entdeckung regte zu Versuchen an, Töne durch den

Strom auf größere Entfernung zu übertragen. Die ersten Erfolge erzielte

*Reis*[602]. Er verband eine Membran, gegen die gesprochen wurde,

mit einem Platinblech. Auf diese Weise wurde durch die Schwingungen

eine Batterie abwechselnd geöffnet und geschlossen. Die so erzeugten

elektrischen Impulse wirkten auf einen Eisenstab, der sich im Innern

eines aus dünnem, umsponnenen Kupferdrahte gebildeten Solenoids

befand. Die Abbildung 66 stellt diesen Empfänger dar, während Abb.

67 eine Vorstellung von der Einrichtung des Sprechers gibt[603].

*Reis* kam es bei seiner Erfindung in erster Linie auf die Übertragung

musikalischer Töne an. Doch erkannte man sofort nach der Erfindung, daß

die elektrische Übermittlung der menschlichen Sprache in den Bereich

der Möglichkeit gerückt war[604].

Die chemische Wirkung der Elektrizität erfuhr die erste wichtige

Anwendung, als *Jacobi*[605] ein Verfahren entdeckte, das er mit dem

Namen Galvanoplastik belegte. Die für dieses Gebiet grundlegende

Beobachtung machte *Jacobi* bei der Elektrolyse von Kupfersulfat.

Er erhielt bei diesem Vorgange das Metall als eine zusammenhängende

Masse, die sich von der Kathode leicht ablösen und die Form der

Kathode als negativen Abdruck erkennen ließ. Um statt der umgekehrten

eine wirkliche Kopie des Gegenstandes zu erhalten, stellte *Jacobi*

zunächst einen Abdruck in Gips oder in Wachs her. Auf diesen negativen

Abdruck, dessen Oberfläche man durch Graphitpulver leitend gemacht

hatte, wurde das Metall durch den elektrischen Strom niedergeschlagen.

Das galvanoplastische Verfahren ist in seinen Grundzügen bekanntlich

noch heute das gleiche. Es hat die mannigfachsten technischen und

kunstgewerblichen Anwendungen gefunden. Erinnert sei nur an die

Bedeutung, welche die Galvanoplastik für das Illustrationswesen

gewonnen hat.

Auch die ersten Bemühungen, die Elektrizität als Triebkraft zu

verwenden, gingen von *Jacobi* aus. Sie hatten den Erfolg, daß

ihm die Herstellung eines elektromagnetischen Bootes gelang, das

mit dreiviertel Pferdekraft auf der Neva fuhr. Der großartige

Aufschwung der Elektrotechnik, den unser Zeitalter erlebte, knüpfte

an *Faradays* Erforschung der Induktionserscheinungen an. Welche

Rolle die Elektrizität bei der Entwicklung des Verkehrs und des

Beleuchtungswesens[606] gespielt hat, kann hier jedoch nur angedeutet

werden.

Der Gedanke, die Elektrizität zur Erzeugung von Licht zu verwenden,

beschäftigte schon die Elektriker des 18. Jahrhunderts. Indessen erst,

nachdem an die Stelle der raschen Entladungen die andauernde Wirkung

der galvanischen Batterien getreten war, kam jener, anfangs ganz

utopistisch erscheinende Gedanke der Verwirklichung näher. Daß sich

zwischen zwei Kohlenspitzen eine geradezu blendendes, elektrisches

Licht erzeugen ließ, hatten *de la Rive* und *Davy* (1820 und 1821)

dargetan[607]. Der praktischen Verwertung des Bogenlichtes standen

lange Zeit die außerordentlich hohen Kosten, die es verursachte, und

manche technischen Unvollkommenheiten im Wege. Erst nachdem *Daniell*

und *Bunsen* kräftigere Elemente geschaffen und man die Koks- oder

Holzkohlenstücke durch eine besonders präparierte Kohle[608] ersetzt

hatte, erregte das Bogenlicht mehr als das rein wissenschaftliche

Interesse. Um die neue Lichtquelle für Beleuchtungszwecke verwerten zu

können, war es nur noch nötig, das stete Nachschieben der abbrennenden

Kohlenspitzen durch eine automatisch wirkende Einrichtung zu

bewerkstelligen. *Jablochkoff* erreichte dies (1876) in der einfachsten

Weise, indem er die Kohlenstifte nicht einander gegenüberstellte,

sondern sie parallel anordnete. Um den Lichtbogen hervorzurufen, wurden

die Enden der Stifte durch einen Kohlenfaden verbunden. Ferner trennte

man die Stifte durch eine isolierende Masse, die in dem Maße abschmolz,

in dem die Stifte abbrannten. Die genialste Lösung des Problems bot

*Werner Siemens* in seiner Differentiallampe. Bei dieser Erfindung

besorgt der Strom durch die Wirkung eines Solenoids auf einen Eisenkern

ganz automatisch, daß die Kohle in dem Maße nachgeschoben wird, wie sie

abbrennt.

Die ersten Versuche, den galvanischen Strom zur Erzeugung von Glühlicht

zu benutzen, gehen in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück.

Man wandte Platin und dünne, aus Retortenkohle hergestellte Stäbe an,

die man in evakuierte Glaskolben einschloß. Im Prinzip besaß man also

schon um 1840 die beiden Formen der Glühlampe, die wir heute benutzen.

Man verwendet heute nur an Stelle des bei 1750° bis 1800° schmelzenden

Platins das erst bei 2500° schmelzende Osmium, das bei 2300°

schmelzende Tantal oder eine Legierung aus Osmium und Wolfram[609].

Den aus Retortenkohle verfertigten Stab des evakuierten Kolbens

ersetzte *Edison* im Jahre 1879 durch einen aus Zellulose hergestellten

Kohlefaden.

Die außerordentliche Ausdehnung, welche die elektrische Beleuchtung

gewonnen hat, war nur dadurch möglich, daß man durch *Faradays*

Entdeckung der Induktion zu einer neuen, die früheren an Wohlfeilheit

weit übertreffenden Elektrizitätsquelle gelangt war. Die erste auf

dem Prinzip der Magnetinduktion beruhende Strommaschine konstruierte

*Pixii* 1832, sofort nachdem *Faraday* seine Versuche über

Magnetinduktion bekannt gegeben hatte. *Pixii* versetzte den Magneten,

den *Faraday* mit der Hand in der Nähe eines Stromleiters hin und her

bewegte, in rasche Rotation. Um dadurch eine Annäherung und Entfernung

zwischen dem Magneten und der Drahtspirale hervorzurufen, gab er dem

Magneten sowie dem Eisenstück, um das er den Induktionsdraht wickelte,

die Form eines Hufeisens[610]. Der nächste Fortschritt bestand darin,

daß man den Magneten ruhen ließ und den Eisenkern mit der Drahtspule

in rasche Umdrehung versetzte. In diesen Maschinen wurde lediglich

durch Aufwand von mechanischer Energie elektrische Energie erzeugt. Als

man den Stahlmagneten durch einen Elektromagneten ersetzte, erhielt

man zwar kräftigere Wirkungen, doch benötigte man zum Betriebe einer

derartigen Maschine neben der mechanischen Energie einer zur Erregung

des Elektromagneten erforderlichen Batterie von galvanischen Elementen.

Das Problem, lediglich durch mechanische Mittel kräftige elektrische

Ströme zu erzeugen, löste *Werner Siemens*. Er benutzte den Umstand,

daß ein Elektromagnet, nach dem Aufhören des Stromes einen geringen

Grad von Magnetismus behält. Die Spur von remanentem Magnetismus

erzeugt in der rotierenden Drahtspule einen schwachen Induktionsstrom.

Wird dieser Strom nicht sogleich von der Maschine über *K_{2}WK_{1}*

als Hauptstrom hinausgeleitet, sondern zunächst in vielen Windungen

(Abb. 68) um den Magneten geführt, so verstärkt er den Magnetismus.

Infolgedessen nimmt auch die induzierende Wirkung des Magneten zu.

Diese Wechselwirkung steigert sich solange, bis der Magnet seine größte

Stärke und damit die Maschine das Höchstmaß ihrer Leistungsfähigkeit

erlangt hat.

Auf dieses dynamoelektrische Prinzip ist *Siemens* durch die

Untersuchung an elektromagnetischen Maschinen gekommen. *Siemens*

beobachtete an einer solchen, mit einem Elektromagneten an Stelle

des gewöhnlichen Stahlmagneten versehenen Induktionsmaschine

folgendes[611]. Wurde die Maschine durch eine äußere Kraft gedreht,

so wurde der Strom der Kette, wenn die induzierten Ströme ihm

gleichgerichtet waren, verstärkt. Da diese Verstärkung des Stromes

auch eine Verstärkung des Magnetismus des Elektromagnets, mithin auch

eine Verstärkung des folgenden induzierten Stromes hervorbrachte, so

wuchs der Strom der Kette bis zu einer solchen Stärke, daß man sie

selbst ganz ausschalten konnte, ohne eine Verminderung des Stromes

wahrzunehmen. Unterbrach man jetzt das Drehen, so verschwand natürlich

auch der Strom, und der feststehende Elektromagnet verlor seinen

Magnetismus. »Der geringe Grad von Magnetismus, der auch im weichsten

Eisen stets zurückbleibt, genügt aber, um bei wieder eintretender

Drehung das progressive Anwachsen des Stromes im Schließungskreise von

neuem einzuleiten. Es bedarf daher nur des einmaligen, kurzen Stromes

einer galvanischen Kette durch die Windungen eines Elektromagneten, um

den Apparat für alle Zeiten leistungsfähig zu machen.« In diesen Worten

sprach *Siemens* ein Prinzip aus, das für die weitere Entwicklung der

Elektrotechnik von der allergrößten Bedeutung werden sollte. *Siemens*

war sich der Tragweite seiner Entdeckung voll bewußt. Der Technik seien

jetzt, so sagt er am Schlusse seiner Abhandlung, die Mittel gegeben,

elektrische Ströme von unbegrenzter Stärke auf billige und bequeme

Weise überall da zu erzeugen, wo billige Arbeitskraft zu Gebote stehe.

[Illustration: Abb. 68. Zur Erläuterung des dynamo-elektrischen

Prinzips.]

Die erste, für größere Betriebe geeignete Dynamomaschine konstruierte

*Gramme* 1869, indem er das von *Siemens* aufgefundene Prinzip mit

einer schon im Jahre 1861 gelungenen Erfindung *Pacinottis* verband.

*Pacinottis* Erfindung bestand darin, daß er die Induktionsspirale

auf einen Eisenring wickelte. *Gramme* gab dem Ring die Einrichtung,

daß er nicht aus einer einzigen Eisenmasse, sondern aus zahlreichen

Drähten bestand. Wie dieser *Pacinotti-Gramme*sche Ring R zwischen den

induzierenden Magnetpolen angebracht wurde, erläutert gleichzeitig Abb.

68. Bewegt sich bei dieser Einrichtung der Ring, so läßt sich in a und

b durch Schleifkontakte ein ununterbrochener Gleichstrom abnehmen. Eine

wesentliche Verbesserung erfuhr diese Maschine, als *Hefner-Alteneck*

1873 an Stelle des Ringes den sogenannten Trommelanker einführte, indem

er den Eisenkern des Ringes durch einen Hohlzylinder ersetzte.

Die Übertragung der Elektrizität auf große Entfernungen wurde dadurch

gefördert, daß man 1887 die mehrphasigen Wechselstrommaschinen und ein

Jahr später die gleichfalls wechselstromliefernden Drehstrommotore

erfand. Das erste Beispiel einer Übertragung der Energie auf eine große

Entfernung wurde 1891 in Frankfurt ausgeführt. Man setzte in Lauffen am

Neckar einen Drehstrommotor durch Wasserkraft in Bewegung. Der erzeugte

Strom wurde auf eine Spannung von 20000 Volt gebracht, in dem 175 km

entfernten Frankfurt auf 100 Volt Spannung zurücktransformiert und dort

zur Beleuchtung, sowie zum Betriebe von Motoren benutzt. Der Verlust an

Energie belief sich bei dieser Übertragung auf etwa 25%.

Auch die Elektrochemie trat durch die Erfindung der Dynamomaschine in

eine neue Phase. Die infolge dieser Erfindung eintretende Verbilligung

der elektrischen Energie kam zunächst dem Hüttenwesen zu gute, weil

die Abscheidung eines Metalles aus seinen Salzen zu den einfacheren

elektrolytischen Vorgängen gehört und oft ein nahezu chemisch reines

Erzeugnis liefert. Die elektrolytische Gewinnung des Kupfers förderte

ihrerseits der hohen Leitfähigkeit des reinen Metalles wegen wiederum

in erster Linie die Elektrotechnik. Die Ausdehnung der Elektrolyse

auf den gesamten chemischen Großbetrieb scheint, soweit es sich um

anorganische Prozesse handelt, nur eine Frage der Zeit zu sein. Selbst

die organisch-chemischen Gewerbe beginnen sich in jüngster Zeit des

neuen Mittels zu bedienen, so daß das 20. Jahrhundert auf diesen

Gebieten sich einer Fülle neuer Aufgaben gegenüber gestellt sieht.

Auch die bessere Verwertung des in den fossilen Brennstoffen

vorhandenen, leider nur begrenzten Energievorrats gehört zu den Zielen,

welche die moderne Elektrochemie zu erreichen verspricht. An die Stelle

der Dampferzeugung, die nur einen geringen Nutzeffekt der in der Kohle

enthaltenen Energie liefert, würde dann die sofortige Umwandlung der

chemischen Spannkraft in elektrischen Strom treten.

Zu den großartigsten Erfolgen, welche die Elektrochemie nach der

Erfindung der Dynamomaschine geleistet hat, gehört die technische

Gewinnung von Salpetersäure und salpetersauren Salzen aus dem

Stickstoff der Luft. Das Verfahren geht in letzter Linie auf

*Cavendish* zurück. *Cavendish* entdeckte 1787, daß sich die

Gemengteile der Luft unter der Einwirkung elektrischer Entladungen zu

Salpetersäure verbinden[612]. Heute stellt man nach der technischen

Ausgestaltung dieses Verfahrens mit Hilfe einer Flammenbogenscheibe von

etwa zwei Metern Durchmesser (Ofen von *Birkeland-Eyde*) oder eines

gestreckten Flammenbogens von acht Metern Länge (*Schönherr*ofen) einen

Salpeter her, der im Marktpreise dem natürlichen Salpeter gleichkommt.

Durch die künstliche Gewinnung des Salpeters hat man ein Problem

gelöst, das wirtschaftlich in doppelter Hinsicht von der größten

Bedeutung zu werden verspricht. Einmal ist der Weltbedarf an Salpeter,

der heute zu den wichtigsten Düngemitteln zählt, derart gestiegen[613],

daß sich eine Erschöpfung der Salpeterlager *Chiles* in absehbarer

Zeit erwarten läßt. Voraussichtlich werden dann technisch hergestellte

Ersatzmittel, unter denen neben dem Luftsalpeter das in den Kokereien

gewonnene Ammonsulfat in erster Linie zu nennen ist, an die Stelle des

natürlichen Salpeters treten.

Das zweite wirtschaftliche Moment besteht darin, daß die Gewinnung

des Salpeters aus der Luft ein Beispiel dafür bietet, wie sich die

ungeheuren Energiemengen verwerten lassen, welche dem Menschen in

der Kraft des sich abwärts bewegenden Wassers zu Gebote stehen. Der

Rukanfall in Telemarken, den man zur Erzeugung von Salpeter nach dem

*Schönherr*schen Verfahren nutzbar macht, entwickelt z. B. bei seinem

Sturz aus einer Höhe von 250 Metern die gewaltige Energie von einer

Viertel Millionen Pferdestärken. Etwa die Hälfte dieser Energie findet

zum Betriebe der an seinem Fuße entstandenen Luftsalpeterfabrik

Verwendung. Ähnliche Energiemengen können die gewaltigen Wasserfälle

und Stromschnellen des nördlichen Skandinaviens, Südamerikas und

Innerafrikas liefern. Ihre Ausnutzung wird ohne Zweifel in nicht allzu

ferner Zeit erfolgen und ganz außerordentliche volkswirtschaftliche

Veränderungen hervorrufen. Ist doch die immer enger werdende

Verknüpfung volkswirtschaftlicher Aufgaben mit technischen und

wissenschaftlichen Fortschritten eines der hervorstechendsten

Kennzeichen unserer modernen, auf die Beherrschung der Naturkräfte

abzielenden Kultur. Diese Verknüpfung war um die Mitte des 19.

Jahrhunderts schon eine so innige, daß es die größte Bestürzung

hervorrief, als damals englische Geologen eine baldige Erschöpfung der

Eisenerzlager und der Kohlenflöze voraussagten. Sind doch Eisen und

Kohle solch wichtige Mittel der heutigen Technik, daß ihr Versiegen,

wie das der übrigen Mineralschätze unseres Planeten die Menschheit vor

eins der schwierigsten Probleme stellen würde. Zum Glück haben die

geologischen Aufschlüsse der neuesten Zeit diese Schwierigkeiten viel

weiter hinausgeschoben, als man anfangs annahm[614].

Nicht minder wie die chemischen und wie die physikalischen Forschungen,

wenn auch weniger in die Augen springend, haben die biologischen

Wissenschaften durch ihre zahllosen, praktischen Anwendungen fördernd

und umgestaltend auf die moderne Kultur gewirkt. So entstand z. B. seit

dem 18. Jahrhundert, als sich die Wälder durch die bis dahin geübte

rücksichtslose Ausnutzung zu lichten begannen, als besonderer Zweig der

angewandten Botanik die Forstwirtschaftslehre. Einen wissenschaftlichen

Grundzug empfing dieser Zweig erst im 19. Jahrhundert, während die für

die weitere Entwicklung unserer Technik hochwichtige Lehre von der

Kultur der tropischen Wälder noch in ihren ersten Anfängen steckt[615].

Hand in Hand mit dem Emporblühen der Gewerbe hat sich ferner als

ein besonderer Zweig die Lehre von den Rohstoffen entwickelt. Die

ersten Anfänge einer wissenschaftlich gearteten Rohstofflehre reichen

gleichfalls nur bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Welche

Bedeutung der Wettbewerb zwischen den auf verschiedenen Wegen erzeugten

Stoffen auch in volkswirtschaftlicher Beziehung haben kann, zeigt uns

die Verdrängung des Krapps durch das Alizarin und in neuester Zeit der

Kampf zwischen dem natürlichen und dem künstlichen Indigo[616].

Auch des Emporblühens der Rübenzuckerindustrie ist hier zu gedenken.

Die ersten Bemühungen, aus einheimischen Pflanzen Zucker zu gewinnen,

reichen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. Sie sind eng

mit dem Namen *Marggraf* verknüpft[617]. Die ersten Erfolge hatte

*Marggrafs* Schüler *Achard*[618] zu verzeichnen. *Achard* rief im

Jahre 1799 mit staatlicher Unterstützung in Schlesien eine Zuckerfabrik

ins Leben. Während der Kontinentalsperre gewann der neue Industriezweig

rasch an Bedeutung, um ebenso schnell wieder zurückzugehen, nachdem

sich die politischen Verhältnisse geändert hatten. Ein ununterbrochenes

Aufblühen der Rübenzuckerindustrie fand erst seit 1825 etwa statt.

Zahlreiche, auf chemischer und auf physikalischer Grundlage beruhende

Verbesserungen haben dabei mitgewirkt. Zu nennen sind vor allem die

Methoden zur Bestimmung des Zuckergehaltes, die Anwendung der Osmose,

die Filtration durch Knochenkohle, das Eindampfen in Vakuumpfannen,

das Strontianverfahren und vieles andere. Auch die Einführung der

Bodenanalyse, die Anwendung künstlicher Düngemittel, die Tiefkultur mit

Hilfe des Dampfpfluges: alles das sind Fortschritte, welche mit der

Entwicklung des Zuckerrübenbaues zusammenhängen und der Landwirtschaft

erst den Grundzug eines von rationellen Gesichtspunkten aus betriebenen

Gewerbes verliehen haben.

Aus den Errungenschaften der Naturforschung erwuchs aber nicht nur die

materielle Kultur unseres Zeitalters. Diese Errungenschaften waren von

nicht geringerem Einfluß auf das gesamte geistige Leben unserer Zeit.

Keine unter den übrigen Wissenschaften hat sich dem entziehen können.

Das gesamte Weltbild hat sich unter diesem Einfluß umgestaltet. Am

tiefsten und nachhaltigsten haben die Naturwissenschaften ohne Zweifel

auf die Philosophie gewirkt. Schon die Anfänge der neueren Philosophie

hängen mit der Begründung der modernen Naturwissenschaft aufs engste

zusammen. Der eine Zweig der neueren Philosophie, der Realismus,

wurde durch *Bacon* eingeleitet. Wie sich dieser das Verhältnis von

Philosophie und Naturwissenschaft dachte, haben wir an früherer Stelle

erfahren. Aber auch *Descartes*, der Begründer des anderen Hauptzweiges

der neueren Philosophie, war von der naturwissenschaftlichen

Denkweise seines Jahrhunderts beherrscht und zählte sogar zu ihren

hervorragendsten Vertretern.

In der Welt der Körper herrschen nach *Descartes* nur die Gesetze

der Mechanik. Alle materiellen Vorgänge lassen sich aus Bewegungen

erklären. Das Seelische findet sich nur im Menschen, dessen Leib jedoch

gleichfalls als bloßer Mechanismus erscheint. Die Bemühungen, den

Dualismus zu überwinden, der sich in den Begriffen Geist und Materie,

Seele und Leib wiederspiegelt, müssen hier übergegangen werden.

Die neuere Philosophie war zunächst in der Hauptsache Metaphysik.

Erst unter dem Einfluß der Naturwissenschaften erblickte sie ihre

wichtigste Aufgabe in der Untersuchung des Erkenntnisvermögens. Die

ersten Schritte auf diesem neuen Boden erfolgten durch *Locke* und

durch *Hume*. Sie zeigten, wie unter der Einwirkung der Außenwelt

unsere Begriffe zustande kommen. Ihre weitere Ausbildung empfing die

Erkenntnistheorie vor allem durch *Kant*. An seinen transzendentalen

Idealismus knüpfen alle modernen Bestrebungen an, die sich mit

der Frage befassen, wie sich unsere Erkenntnis zur Wirklichkeit

verhält. Für die Philosophie und für die Naturwissenschaft ist das

Erkenntnisproblem gleich bedeutsam. Allerdings vermögen sie das Problem

nicht etwa endgültig zu lösen, sondern nur dazu Stellung zu nehmen.

Diese Stellungnahme läuft weder auf einen naiven Realismus, noch auf

völligen Skeptizismus, sondern immer deutlicher darauf hinaus, daß

in jeder Erkenntnis subjektive und objektive Elemente unterschieden

werden müssen. Das Objekt läßt sich, wie schon *Helmholtz* im Anschluß

an *Kant* ausführte[619], niemals losgelöst von dem forschenden

Subjekt betrachten. Jede Erkenntnis und damit auch die Wissenschaft

von der Natur ist in gewissem Sinne anthropomorph. Oder wir können,

wie es *Hertz*, *Poincaré* und andere wohl ausgedrückt haben, über

eine Abbildung der Wirklichkeit nicht hinausgelangen[620]. Es hat

deshalb auch keine Berechtigung, das Ziel der Naturwissenschaft in

der vollständigen Loslösung des Weltbildes von der Individualität

des bildenden Geistes zu erblicken, wie es ein moderner Physiker

(*M. Planck*) getan hat. Dem realistischen Standpunkte *Plancks*

gerade entgegengesetzt ist derjenige von *E. Mach*. Man kann *Machs*

Standpunkt als den phänomenologischen bezeichnen. Nach ihm sind das

Tatsächliche nur die Empfindungen. Das wissenschaftliche Weltbild kann

dann selbstverständlich nur, wie *Mach* sich ausdrückt, eine zwar

ökonomische d. h. für unsere Orientierung brauchbare, im übrigen aber

willkürliche Ordnung sein. Nach der entgegengesetzten, von *Planck*

verteidigten Auffassung gibt es nur eine richtige Verallgemeinerung

unserer Erfahrungen. Je mehr wir das Subjektive abstreifen, was sich

durch mathematische Formulierung erreichen läßt, um so deutlicher

erkennen wir die Wirklichkeit.

Aus einer innigen Durchdringung naturwissenschaftlichen Forschens

und philosophischer Betrachtungsweise erwuchs eins der modernsten

Teilgebiete der Philosophie, die Psychophysik. Sie wurde durch Männer

begründet, die wie *Fechner*, *Wundt* und *Helmholtz* durch ihre

naturwissenschaftliche und durch ihre philosophische Bedeutung zu

einer Verschmelzung der Psychologie mit der Physik besonders befähigt

waren[621]. Ihren frühesten Ausdruck fand diese Verschmelzung in den

Elementen der Psychologie von *G. Fechner* (1860). Anknüpfend an *E.

H. Webers* Theorie der Reize formulierte *Fechner* das psychophysische

Grundgesetz dahin, daß die Empfindung dem Logarithmus des Reizes

proportional sei[622]. Da die Psychophysik das gesamte Rüstzeug der

naturwissenschaftlichen Forschung in ihren Dienst zu stellen suchte,

entstanden besondere, der psychophysischen Forschung gewidmete

Institute, unter denen als das älteste (1875) das Leipziger zu nennen

ist.

Daß selbst ein so abstrakter und, wie es früher schien, in alten

Formen erstarrter Zweig der Philosophie, wie es die Logik ist, durch

eine Durchdringung mit naturwissenschaftlichem Geiste zu neuem Leben

erweckt werden kann, hat der Engländer J. St. *Mill* durch sein im

Jahre 1843 erschienenes Werk über deduktive und induktive Logik

bewiesen. Die von *Mill* aufgedeckten Beziehungen gewähren einen solch

klaren Einblick, daß ihre Kenntnis bei der Vornahme wissenschaftlicher

Untersuchungen nur von Nutzen sein konnte, wie es z. B. *Liebig* für

seine Person besonders anerkannt hat[623].

Nicht minder fruchtbar wie für die Philosophie ist die Entwicklung des

naturwissenschaftlichen Denkens für die übrigen Geisteswissenschaften

gewesen, wenn auch die wechselseitige Einwirkung nicht immer eine

solch innige war, wie sie sich zwischen der Philosophie und der

Naturwissenschaft herausgebildet hat. Zu den ersten Versuchen, die

naturwissenschaftliche Methode auf die Geschichtswissenschaft zu

übertragen, gehört *Buckles* im Jahre 1857 erschienene »Geschichte

der Zivilisation in England«. *Buckle* und die Vertreter der

materialistischen Geschichtsauffassung bemühten sich, in der

historischen Entwicklung der Menschheit gesetzmäßige Zusammenhänge

nachzuweisen. Aus dem Bestreben, historische Gesetze zu finden, die

man mit den Naturgesetzen in Parallele stellen wollte, erwuchsen zwar

manche Übertreibungen und Einseitigkeiten. Trotzdem erwies sich eine

von naturwissenschaftlichem Geiste beeinflußte Geschichtsschreibung als

das rechte Mittel, um die früher übliche, ebenso einseitige, heroische

Geschichtsauffassung, die der Einzelpersönlichkeit eine zu große

Bedeutung beigelegt hatte, auf das richtige Maß zurückzuführen.

In weit höherem Maße als die Staatengeschichte haben sich jüngere

Wissenszweige wie die Nationalökonomie und die Völkerkunde im

Zusammenhange mit der naturwissenschaftlichen Forschung entwickelt.

Und zwar handelt es sich hier um eine lebendige Wechselwirkung und

nicht bloß um eine Hineinbeziehung einer abseits liegenden Domäne in

das Gebiet der Naturwissenschaften. Daß letztere nicht nur gaben,

sondern auch empfingen, erkennt man beispielsweise daraus, daß

*Darwin* den Grundgedanken seiner Lehre an das Bevölkerungsprinzip des

Nationalökonomen *Malthus* anknüpfte.

Es würde viel zu weit führen, wenn wir auf den mehr oder minder engen

Zusammenhang zwischen den Naturwissenschaften und der gesamten

geistigen Kultur näher eingehen wollten. Kein Gebiet macht eine

Ausnahme, mögen wir unseren Blick auf irgend eine wissenschaftliche

oder künstlerische Betätigung richten. Für die Musik ist in der

physikalischen und physiologischen Akustik, für die Malerei in der

Farbenlehre, für die Bildhauerei in der Anatomie eine Grundlage

gegeben, die zum wenigsten der ausübende Künstler nicht mehr entbehren

kann, ebensowenig wie die Sprachforschung unserer Tage ohne eine

Kenntnis der Lautphysiologie denkbar ist, ganz abgesehen von den

Bemühungen, die Sprache als einen von bestimmten Entwicklungsgesetzen

abhängigen Organismus zu deuten. Selbst die Moral und die Religion

können sich dem mächtigen Einfluß der immer tiefer in den Zusammenhang

der Dinge eindringenden naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht

entziehen. Richtig angewandt wird diese Erkenntnis die Sitten freier

und gesunder zu gestalten und die religiösen Vorstellungen zu läutern

vermögen.

Aus dem Gesagten erkennen wir, ein wie mächtiger Kulturfaktor die

Wissenschaft dadurch wird, daß sie zu allen geistigen und materiellen

Interessen in Beziehung tritt. Die Wissenschaft wird dadurch nicht

herabgewürdigt, sondern geadelt. Die Zeiten liegen nicht weit hinter

uns, als man mit besonderer Vorliebe von reiner Wissenschaft sprach

und mit einer gewissen Geringschätzung der Anwendungen gedachte. Gewiß

soll die Wissenschaft sich nicht ausschließlich von dem Gesichtspunkte

der Nützlichkeit leiten lassen. Sie soll sich indessen auch stets ihrer

kulturellen Aufgabe bewußt bleiben[624].

Wir haben im Verlaufe dieser Darstellung eine gewaltige Spanne in

der geistigen Entwicklung der Menschheit durchmessen. Welch ein

Abstand zwischen den frühesten und den heutigen Vorstellungen! An

die Stelle der vom Ozean umflossenen und vom Sternenhimmel wie von

einem Gewölbe überdachten Erdscheibe dehnt sich vor dem geistigen

Auge der unendliche Weltraum aus. Gegenüber den Millionen im Teleskop

erscheinender Sonnen schrumpft die Erde zu einem Stäubchen zusammen.

Nicht minder groß erscheint der Abstand zwischen der ältesten und

der heutigen Vorstellung, wenn nach der Ursache des Weltgeschehens

gefragt wird. Innerhalb der Enge der Welt, wie sie sich die Alten

dachten, führten die Götter nicht nur den Menschen, sondern auch

die Natur am Gängelbande. Heute dagegen waltet überall das an keine

Willkür gebundene Naturgesetz. Es schafft das Kleinste und regelt das

Geschehen im Kosmos mit solcher Pünktlichkeit, daß sich das Eintreten

von Mond- und Sonnenfinsternissen auf die Minute vorherbestimmen läßt.

Es scheint also, als ob die ältesten und die neuesten Vorstellungen

nichts miteinander gemein hätten. Und dennoch sind das Weltbild

der Alten und dasjenige der Jetztzeit nur die Glieder in einer

ununterbrochenen, allmählichen Entwicklung, deren Verlauf wir nicht

abzusehen vermögen. Wer allerdings gewohnt ist, die Wissenschaft als

etwas im großen und ganzen Fertiges zu betrachten, der kann leicht in

den Irrtum verfallen, die Welt sei schon aus der Mechanik der Atome

erklärt. Jede Naturerklärung ist die Anpassung unserer Vorstellungen

an die Summe unserer Erfahrungen. Als ein solcher Anpassungsversuch

hat die Auffassung des Naturgeschehens aus einer Mechanik der Atome

heraus ihre Berechtigung. Sie hat mit religiösen und sittlichen

Begriffen nichts zu schaffen. Deshalb war es stets ein Unrecht, die

Forschung, die sich jeder vorgefaßten Meinung zu enthalten strebt,

in der Anpassung ihrer Vorstellungen an die Ergebnisse einzuengen.

Will man verhindern, daß solche Vorstellungen Unheil stiften, so ist

die Erziehung zum naturwissenschaftlichen Denken das einzige Mittel

dazu. Es führt zu jener Selbstbescheidung, wie sie sich in den Worten

*Newtons* ausspricht: »Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheine.

Mir selbst aber komme ich vor wie jemand, der am Meeresufer hin

und wieder einen glatten Kiesel oder eine schöne Muschel aufhebt,

während der große Ozean der Wahrheit noch unerforscht vor mir liegt.«

Zweihundert Jahre sind seit diesem Ausspruch verflossen. In diesen

zwei Jahrhunderten sind dem Naturerkennen mehr Ergebnisse zugeführt

worden, als in den zwei Jahrtausenden, die vor *Newton* liegen. Und

doch dehnt sich das Unerforschte noch heute wie ein Ozean vor uns aus.

Ist es dann nicht natürlich, daß auch das Weltbild in dem Maße, wie

die Forschung mit neuen Tatsachen und Beziehungen bekannt wird, ein

anderes werden muß? Was hat nicht schon die eine, ganz zufällig am

Uranpecherz gemachte Entdeckung der dunklen Strahlen für einen Wandel

in den Anschauungen über die Natur der Grundstoffe hervorgerufen!

Das ganze große Gebiet der Radiumforschung ist im Verlaufe eines

Jahrzehnts im Anschluß an jene Entdeckung ins Leben getreten. Und

darf denn Welterklärung das seelische Gebiet ausschließen? Lassen

sich Empfindungen, Wollen, Denken ausschließlich aus der Bewegung

von Atomen oder dem Wechsel von Energieformen erklären? Dies ist der

wunde Punkt der atomistischen, sowie der energetischen Vorstellung.

Das erfuhren schon die ersten Atomisten, als man ihnen in der naiven

Weise des Altertums entgegenhielt, ob denn die Menschenatome lachen

oder weinen könnten. Wenn uns heute der Mensch als die höchste Stufe im

Reiche der Organismen, als letztes Glied in der Kette einer lückenlosen

Entwicklung erscheint, so ist die Beseelung in allen Abstufungen,

die jene Entwicklung aufweist, zum wenigsten eine Eigenschaft des

Organischen.

Für den Kosmos, der unendlich im Raume und ewig in der Zeit ist, kann

es aber weder eine Entwicklung noch ein Ziel geben. Wenn Sonnen aus

Nebelflecken entstehen, so müssen sich an anderen Orten Sonnen wieder

in Nebel auflösen. Die Welt als Ganzes wird stets so gewesen sein, wie

sie heute ist. Eine andere Auffassung ist mit der Vorstellung, daß sie

seit Ewigkeit besteht, unvereinbar.

So wenig, wie wir von einer Entwicklung des Ganzen im absoluten Sinne

sprechen können, ebensowenig können wir es von Ort, Bewegung, Raum und

Zeit. Diese zwar nicht neue, aber neuerdings infolge der Fortschritte,

die sich auf den Gebieten der Optik und der Elektrodynamik vollzogen

haben, zu größerer Klarheit durchgedrungene Erkenntnis hat zur

Aufstellung des Relativitätsprinzips geführt. Es besagt, daß weder

räumliche Größen noch die Zeit absolut, d. h. nach ihrem wahren Werte,

meßbar sind. Von Bedeutung ist das Relativitätsprinzip zunächst nur für

die mathematische Physik, deren Gleichungen eine neue Form annehmen.

In diesen neuen Gleichungen sind die Raum- und die Zeitkoordinaten

gleichwertig, und die raumzeitlichen Beziehungen erscheinen als

geometrische Sätze in einem vierdimensionalen Raum. Zwischen der

bisherigen und der neuen mathematischen Physik besteht ein ähnliches

Verhältnis, wie zwischen der euklidischen und der Pangeometrie. Das

eine erscheint als ein besonderer Fall des anderen, allgemeineren. Wie

die euklidische Geometrie so wird daher auch die ältere »klassische

Mechanik *Galileis* und *Newtons*« trotz der theoretisch wertvollen

Erweiterung unserer Einsicht ihren Wert behalten.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 62 / 171 题