16. Neuere Fortschritte der theoretischen und der angewandten Physik.

Die exakten Wissenschaften waren durch eine gewaltige Summe

experimenteller und darauf gegründeter theoretischer Arbeit im

Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einem wohlgegliederten und wenigstens

in seinen Fundamenten festgefügten Lehrgebäude gelangt. Der Ausbau

im einzelnen wurde während der letzten Jahrzehnte in solchem Maße

gefördert, daß an dieser Stelle nur einige der wichtigsten, neueren

Errungenschaften, welche die Keime weiteren Fortschritts in sich

bergen, berührt werden können. Wir wenden uns zunächst den ältesten

Zweigen der Naturlehre, nämlich der Mechanik, der Akustik und der

Optik zu. Eine bemerkenswerte Erweiterung erfuhr die Mechanik

dadurch, daß *Helmholtz* die Sätze von *Green*[551] auf das Problem

der Wirbelbewegung und die Bildung von Strahlen in Flüssigkeiten

ausdehnte. Die grundlegende Abhandlung erschien im Jahre 1858 unter

dem Titel Ȇber Integrale der hydrodynamischen Gleichungen, welche

den Wirbelbewegungen entsprechen«[552]. Mit der mathematischen

Analyse der Bewegung der Flüssigkeiten hatten sich schon *Euler*,

*Bernoulli* und *Lagrange*[553] beschäftigt. Besonders der letztere

hatte seine Untersuchung vom Standpunkte der später von *Green* und

*Gauß* weiter ausgebauten Potentialtheorie angestellt und dabei eine

Funktion eingeführt, die *Helmholtz* als das Geschwindigkeitspotential

bezeichnete. *Helmholtz* untersuchte besonders die Fälle, bei denen

kein Geschwindigkeitspotential besteht, z. B. die Drehung einer

Flüssigkeit um eine Achse mit gleicher Winkelgeschwindigkeit aller

Teilchen. Diese Untersuchung führte *Helmholtz* zur Entdeckung einer

merkwürdigen Analogie zwischen der Wirbelbewegung einer Flüssigkeit

und dem elektromagnetischen Verhalten elektrischer Ströme.

Von besonderem Interesse war der von *Helmholtz* nicht nur theoretisch,

sondern auch experimentell[554] geführte Nachweis der Existenz von

Wirbelringen in Flüssigkeiten. An den Nachweis, daß solche in einer

reibungslosen Flüssigkeit, z. B. im Äther, existierende Wirbel für

alle Zeiten bestehen bleiben, knüpfte *W. Thomson* (Lord *Kelvin*) die

Hypothese, daß die Atome solche Wirbelringe in dem als kontinuierliche

Substanz gedachten Äther seien. *Thomsons* Wirbeltheorie zeigt

immerhin trotz ihrer in hohem Grade hypothetischen Natur, daß sich

die Vorstellung von der Kontinuität der Materie mit der atomistischen

Auffassung unter Beseitigung der unvermittelten Fernwirkung vereinigen

läßt.

Eine zweite, das Gebiet der Hydrodynamik betreffende Abhandlung

veröffentlichte *Helmholtz* im Jahre 1868 unter dem Titel »Über

diskontinuierliche Flüssigkeitsbewegungen«[555]. *Helmholtz*

untersuchte darin unter anderem den Einfluß, den eine scharf

ausgebildete Kante auf eine vorbeiströmende Flüssigkeit äußert, sowie

den Fall, daß ein Flüssigkeitsstrahl aus einem weiten Raum in einen

engen Kanal übergeht.

In naher Beziehung zu seinen hydrodynamischen stehen die von

*Helmholtz* ausgeführten akustischen Untersuchungen. Die bedeutendste

hierher gehörende Arbeit erschien im Jahre 1860 unter dem Titel

»Theorie der Luftschwingungen in Röhren mit offenen Enden«[556]. Die

ältere Theorie ging von der Annahme aus, daß die Luft in einer tönenden

Pfeife in ebenen Schichten parallel der Achse hin und her schwinge. Für

die von der Öffnung entfernteren Teile der Pfeife ist diese Annahme

zulässig. Sie gilt aber um so weniger, je mehr man sich dem offenen

Ende nähert. Mit ihrem Eintritt in den Außenraum müssen nämlich die

ebenen Wellen in kugelförmige Wellen übergehen. Dieser Übergang

erfolgt allmählich. Die mathematische Analyse des Problems gehört zu

den interessantesten Anwendungen der Potentialtheorie und der besonders

von *Green* auf dem Gebiete dieser Theorie entwickelten Sätze. Die

gewonnenen Resultate ließen sich auch benutzen, um die Stärke der

Resonanz und die Phasen der erregten Schwingungen zu ermitteln, wenn

man die Pfeife durch außerhalb befindliche schwingende Körper, z. B.

eine Stimmgabel, zum Mittönen bringt.

Eine zusammenfassende Darstellung dieses Gebietes auf Grund der eigenen

Forschungen gab *Helmholtz* in seinem berühmten Werke »Die Lehre von

den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der

Musik«[557]. Das Buch war vor allem dadurch epochemachend, daß es den

ersten Versuch darstellte, eine Anzahl bisher getrennter Grenzgebiete

zu vereinigen, nämlich die physikalische Akustik, die physiologische

Akustik, die Musikwissenschaft und die Ästhetik der Musik mit ihren

vorzugsweise auf psychologischen Momenten beruhenden Beziehungen.

Neu war in der Darstellung von *Helmholtz* vor allem die Lehre

von den Obertönen und der Klangfarbe, sowie die Einsicht in die

Zerlegung, welche die Klänge durch das Ohr erfahren. *Helmholtz* geht

von der bekannten Tatsache aus, daß ein und dieselbe Note, wenn man

sie auf einem Klavier, einer Violine, einer Trompete usw. angibt,

trotz gleicher Stärke und gleicher Tonhöhe, doch ihre besondere, dem

betreffenden Instrumente eigentümliche Klangfarbe besitzt. Von der

Weite und der Dauer der Schwingung konnte sie nicht abhängen. Es blieb

also zu untersuchen, ob und wie die Klangfarbe durch die Form oder

die Zusammensetzung der Schwingung bestimmt wird. Die Analyse der

Gesamtempfindung, die man als Klang bezeichnet, führte *Helmholtz* zu

der Erkenntnis, daß in dem Klang außer dem Grundton noch eine Anzahl

höherer Töne enthalten sind, die *Helmholtz* harmonische Obertöne

nannte. Bei angestrengter Aufmerksamkeit vermag das Ohr solche Obertöne

aus der als Klang bezeichneten Gesamtempfindung herauszuhören. Besser

gelingt dies mit einem besonderen, von *Helmholtz* zu diesem Zweck

erfundenen, als Resonator bezeichneten Instrument. Es besteht (Abb.

58) aus einer gläsernen Hohlkugel oder Röhre mit zwei Öffnungen. Die

Öffnung a hat scharf abgeschnittene Ränder. Die Öffnung b ist so

geformt, daß sie leicht in das Ohr gesetzt werden kann. Geschieht dies,

so hört man die meisten Töne, die in der Umgebung hervorgebracht

werden, viel gedämpfter als sonst. Wird dagegen der Eigenton des

Resonators in der Nähe angegeben, so »schmettert dieser mit gewaltiger

Stärke in das Ohr hinein«[558]. Um die Klänge zu analysieren,

schwache Töne neben stärkeren wahrzunehmen, Obertöne von dem Grundton

zu unterscheiden usw. benutzte *Helmholtz* eine abgestimmte Reihe

solcher Resonatoren. Auf die Einzelheiten dieser Untersuchung, die

sich auf alle bekannteren Musikinstrumente und die menschliche Stimme

erstreckte, kann hier nicht eingegangen werden.

[Illustration: Abb. 58. *Helmholtz*sche Resonatoren zur Analyse des

Klanges.]

Auch nach der rein physiologischen Seite hat *Helmholtz* die Theorie

der Gehörempfindungen ganz wesentlich gefördert, indem er die Rolle des

»Cortischen Organs« aufdeckte[559]. Durch die mikroskopisch-anatomische

Erforschung des inneren Ohres war *Corti*[560] auf die etwa 3000 Fasern

in der Schnecke aufmerksam geworden, die mit den Fasern des Gehörnerven

in Verbindung stehen. Diese elastischen Fasern, von denen man annimmt,

daß jede einer bestimmten Schwingungszahl entspricht, werden durch

Vermittlung des Trommelfells, der Gehörknöchelchen und der das innere

Ohr erfüllenden Flüssigkeit in Mitschwingung versetzt und übertragen

ihrerseits den Reiz auf die Endigungen des Gehörnervens. Die Empfindung

verschieden hoher Töne wird nach *Helmholtz* durch die *Corti*schen

Fasern vermittelt. Die Empfindung der Klangfarbe würde darauf beruhen,

daß ein Klang außer den einem Grundtone entsprechenden *Corti*'schen

Fasern noch eine Anzahl anderer in Bewegung setzt, also in mehreren

Gruppen von Nervenfasern Empfindungen auslöst. Das Ohr verhält sich

den zusammengesetzten Klängen gegenüber danach wie eine Anzahl von

abgestimmten Resonatoren, und das Hören erscheint, physikalisch

betrachtet, als ein besonderer Fall des Mittönens.

Auch die neuere Theorie des Sehens hat durch *Helmholtz* ihre

Grundlagen erhalten. Sie wurden in einem nicht minder epochemachenden

Werk, in dem Handbuch der physiologischen Optik, zusammenfassend

dargestellt. Mit der Physiologie des Auges hat sich *Helmholtz*

besonders eingehend beschäftigt, nachdem er 1850 bei Gelegenheit seiner

Vorträge über die Sinnesorgane auf die Erfindung des Augenspiegels

gekommen war, eines Instrumentes, das den Augenärzten eine neue Welt

erschloß. *Helmholtz* schrieb über diese für die Physiologie wie für

die Heilkunde gleich wichtige Erfindung: »Sie erforderte weiter keine

Kenntnisse, als was ich auf dem Gymnasium von Optik gelernt hatte, so

daß es mir jetzt lächerlich vorkommt, wie andere Leute und ich selbst

so vernagelt sein konnten, sie nicht früher zu finden. Es handelt sich

nämlich um eine Kombination von Gläsern, die es ermöglicht, den dunklen

Hintergrund des Auges zu beleuchten und gleichzeitig alle Einzelheiten

der Netzhaut genau zu sehen, sogar genauer als man die äußeren Teile

des Auges ohne Vergrößerung sieht, weil die durchsichtigen Teile des

Auges dabei die Stelle einer Lupe von 20maliger Vergrößerung vertreten.

Man sieht die Blutgefäße auf das Zierlichste verzweigt, den Eintritt

des Sehnerven in das Auge usw.«.

Auch auf den Gedanken, die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der

Nervenreizung zu messen, ist *Helmholtz* gelegentlich der Vorbereitung

zu den Vorlesungen gekommen, die er als Professor der Physiologie zu

halten hatte. Aus diesem Grunde erklärte es *Helmholtz* für eine »sehr

nützliche Nötigung, daß jeder Universitätslehrer alljährlich den ganzen

Umfang seiner Wissenschaft vorzutragen« habe?

[Illustration: Abb. 59. Schema des von *Helmholtz* erfundenen

Augenspiegels.

A ist das beobachtete, B das beobachtende Auge. SS ist ein durchbohrter

Spiegel, der das von der Lampe D ausgehende, durch L konzentrierte

Licht in das Auge A wirft. Der Beobachter sieht die Netzhaut durch

die Linse C in einer der Brennweite dieser Linse entsprechenden

Vergrößerung.]

Auf die Erfindung des Augenspiegels, dessen ursprüngliche Einrichtung

die nebenstehende Abbildung 59 erläutert, folgte eine genaue

Untersuchung des Problems der Akkommodation, mit dem sich schon

dreihundert Jahre früher *Kepler*[561] beschäftigt hatte. Der

von *Helmholtz* zur Aufhellung des Problems gebaute Apparat, das

Ophthalmometer, ließ erkennen, daß die Akkommodation, d. h. die

Einstellung des Auges auf eine bestimmte Gegenstandsweite, darauf

beruht, daß sich die Krümmung der vorderen, sowie der hinteren

Linsenoberfläche ändert. Die Arbeit »Über die Akkommodation des

Auges« erschien im Jahre 1855[562]. Ein Jahr später veröffentlichte

*Helmholtz* den ersten Teil seines großen Handbuchs der physiologischen

Optik, dessen Abfassung ihn bis zum Jahre 1866, also ein volles

Jahrzehnt, beschäftigte. Es war ein Werk, in dem *Helmholtz* nach

einem Ausspruch *du Bois Reymonds* den erwähnten Zweig der Physiologie

»systematisch und literargeschichtlich in größter Vollständigkeit

darstellte, von den mathematischen Anfangsgründen der theoretischen

Optik bis zu den letzten erkenntnistheoretischen und ästhetischen

Gesichtspunkten.« Nur »Die Lehre von den Tonempfindungen«, ein

Werk, das *Helmholtz* 1862 veröffentlichte[563], läßt sich der

»Physiologischen Optik« an die Seite stellen. Das zuletzt genannte

Werk beginnt mit einer genauen anatomischen Beschreibung des Sehorgans.

Es folgt die Dioptrik des Auges. Dieser Teil enthält zunächst eine

allgemeine Darstellung der Lichtbrechung in Systemen kugliger Flächen

und knüpft daran die Untersuchung des Strahlenganges im Auge. In dem

zweiten Abschnitt, der sich mit der Lehre von den Gesichtsempfindungen

befaßt, entwickelt *Helmholtz* die in ihren Grundlagen von *Young*

herrührende physiologische Farbenlehre. Nach der *Young-Helmholtz*schen

Theorie gibt es im Auge drei Arten von Nervenfasern. Reizung der einen

erzeugt die Empfindung des Rot, Reizung der zweiten die des Grün und

Reizung der dritten Art die des Violett. Das Licht erregt diese drei

Arten von Fasern je nach seiner Wellenlänge in verschiedener Stärke.

Die rotempfindenden Fasern werden am stärksten von dem Lichte größter

Wellenlänge erregt, die grünempfindenden von dem Lichte mittlerer

Wellenlänge und die violettempfindenden von dem Lichte kleinster

Wellenlänge. Jede Spektralfarbe erregt alle Arten von Fasern, indessen

die einen stark und die anderen schwach. Stellt man sich über den

in Abb. 60 dargestellten, horizontalen Linien die Spektralfarben in

der natürlichen Reihenfolge von Rot (R) bis bis Violett (V) vor, so

entsprechen die drei Kurven etwa den Erregungsstärken der drei Arten

von Nervenfasern.

[Illustration: Abb. 60. Die physiologische Wirkung der Spektralfarben

nach *Helmholtz*.]

Auch um den Ausbau der Lehre von den Gesichtswahrnehmungen, eines

Gebietes, das auf der Grenze zwischen Physiologie und Psychologie

steht und mit dem sich der dritte Abschnitt des Werkes beschäftigt,

hat sich *Helmholtz* große Verdienste erworben. Er entdeckte nicht nur

zahlreiche neue Tatsachen, sondern knüpfte auch an das ganze, große

Gebiet der Sinneswahrnehmungen die wichtigsten, erkenntnistheoretischen

Betrachtungen an. Die Theorie, die *Helmholtz* verfocht, hat man als

die empiristische bezeichnet. Sie entscheidet die Frage, wieweit

die Vorstellungen mit den Objekten übereinstimmen, dahin, daß die

Vorstellungen sowohl von der Natur des Wirkenden als auch von der

Natur des wahrnehmenden Subjektes abhängen. Es hat daher keinen Sinn

von einer anderen Wahrheit unserer Vorstellungen zu sprechen als von

dieser gewissermaßen praktischen. Unsere Vorstellungen von den Dingen

können nichts anderes sein als Zeichen für die Dinge, Zeichen, die wir

zur Regelung unserer Bewegungen und Handlungen benutzen lernen. Ein

anderer Vergleich zwischen den Vorstellungen und den Dingen ist nach

*Helmholtz* nicht denkbar.

Während es sich für die älteren Zweige der Physik nur noch um einen

Ausbau im einzelnen handelte, erfuhr die Elektrizitätslehre eine

tiefergreifende Umgestaltung. Dies geschah vor allem dadurch, daß

man mit elektrischen Oszillationen oder Wellen bekannt wurde. Die

grundlegenden Untersuchungen auf diesem Gebiete rühren von *Wheatstone*

und von *Feddersen* her. *Wheatstone* hatte beobachtet, daß die

Entladung durch einen Funken nicht momentan erfolgt, sondern eine

gewisse Zeit beansprucht. Seine Methode[564] bestand darin, daß er

den Funken in einem rasch sich drehenden Spiegel beobachtete und aus

der Länge des Bildes und der Tourenzahl des Spiegels die Dauer der

Lichterscheinung ermittelte. Rotierte der Spiegel nur langsam, so

erschien der Funken als eine helle Linie. Je rascher der Spiegel sich

bewegte, um so mehr wurde die Linie zu einem Lichtband ausgezogen. Bei

800 Umdrehungen in der Sekunde betrug die Breite dieses Lichtbandes

z. B. 24 Grad. Daraus berechnete sich für diesen Fall die Dauer des

Entladungsfunkens auf 0,000042 Sekunden.

*Wheatstones* spektroskopische Untersuchung des Entladungsfunkens

ließ erkennen, daß die in seinem Spektrum auftretenden Linien

von der chemischen Natur des positiv wie auch von derjenigen des

negativ geladenem Körpers abhängen. Offenbar beweist dies, daß bei

der Entladung von beiden Polkörpern glühende Teilchen mitgerissen

werden[565].

*Wheatstones* so einfacher und doch in ihren Ergebnissen so wunderbarer

Methode, die Milliontel von Sekunden zu messen gestattet, bediente

sich auch *Feddersen*. Er richtete sein Augenmerk indessen nicht nur

auf die Breite, sondern auch auf die Beschaffenheit des Lichtbandes,

das er nicht nur beobachtete, sondern auch, um möglichst einwandfreie

Ergebnisse zu erhalten, photographisch festhielt. Eins der von

*Feddersen* erhaltenen Bilder[566] zeigt die nebenstehende Abbildung

61[567]. Sie läßt erkennen, daß der Funken aus einer Reihe von

Teilentladungen besteht, die allmählich schwächer werden. Die Zeit,

die zwischen einem Strommaximum und dem nächstfolgenden verfließt, ist

eine konstante, solange sich die Umstände nicht ändern. Vergrößert man

dagegen die Länge des Schließungsdrahtes, so wird auch das Intervall

zwischen zwei Teilentladungen ein größeres. Die weitere Untersuchung

ergab, daß die Entladung nicht etwa aus einem Strom besteht, der in

einer Reihe gleichgerichteter Partialströme zerfällt. Der Vorgang ließ

sich vielmehr nur als ein Hin- und Herfließen der Elektrizität, mit

anderen Worten als ein oszillatorischer auffassen. Auf theoretischem

Wege waren *Kirchhoff*[568] und *Helmholtz* zu dem gleichen Ergebnis

gelangt. *Helmholtz* hatte diese Ansicht im Jahre 1847 in seiner

Schrift über die Erhaltung der Kraft entwickelt[569]. Danach ist die

Entladung nicht als eine Bewegung der Elektrizität in einer Richtung

vorzustellen, sondern als ein Hin- und Herschwanken in Oszillationen,

die immer kleiner werden, bis die ganze lebendige Kraft durch die

Widerstände vernichtet ist.

[Illustration: Abb. 61. *Feddersens* Nachweis der elektrischen

Schwingungen.]

Um die Dauer einer Oszillation zu bestimmen, ermittelte *Feddersen*

die Ausdehnung des Streifenbandes (Abb. 61) und dividierte sie durch

die Zahl der Streifen. So ergab sich beispielsweise bei der Entladung

einer Batterie von zehn Leydener Flaschen die Dauer einer Oszillation

zu 0,00000304 Sekunden. Die Oszillationsdauer wurde bedeutend

vergrößert, als *Feddersen* die Entladung durch einen längeren

Schließungsbogen vor sich gehen ließ. Wählte er als solchen z. B. einen

Draht von

15 m Länge, so war die Oszillationsdauer 0,00000312'', bei

115 m Länge betrug " " 0,00000935'', bei

1343 m " " " " 0,00003980''.

Der weitere Ausbau des durch *Feddersen* erschlossenen Gebietes

der elektrischen Oszillationen erfolgte seit dem Jahre 1887 durch

*Hertz*[570]. *Hertz* stellte sich die Aufgabe, die von *Maxwell*

auf den Versuchen und Anschauungen *Faradays* aufgebaute Theorie

durch weitere Versuche auf ihre Zulässigkeit zu prüfen. Nach

der *Faraday-Maxwell*schen Theorie beruhen die elektrischen und

magnetischen Vorgänge nicht auf einer unmittelbaren, den Raum

überspringenden Fernkraft. Wir müssen diese Vorgänge vielmehr als die

Folge einer Wirkung ansehen, die sich in einem Medium von Punkt zu

Punkt fortpflanzt. Zur Prüfung dieser Theorie erschien *Hertz* nichts

geeigneter als die Untersuchung, ob und wie sich die von *Feddersen*

entdeckten elektrischen Schwingungen durch den Raum fortpflanzen.

Dazu dienten ihm zwei Mittel. Zunächst rief er durch Anwendung eines

geeigneten Induktionsapparates Schwingungen hervor, die etwa hundertmal

so rasch wie diejenigen *Feddersens* erfolgten. Setzt man voraus, daß

diese Schwingungen sich, wie *Maxwells* Theorie es forderte, mit der

Geschwindigkeit des Lichtes wellenartig ausbreiten, dann mußte die

Wellenlänge um so kleiner werden, je größer man die Schwingungszahl

machte[571]. Das zweite Mittel, das *Hertz* für seine Zwecke schuf,

war ein Instrument, mit dem er das Feld in der Umgebung des die

Oszillationen veranlassenden Induktionsapparates absuchte. Dies von ihm

als elektrischer Resonator bezeichnete Instrument ist nichts weiter als

ein rechteckig gebogener, an einer Stelle (M) unterbrochener Draht.

Abbildung 62 zeigt uns die von *Hertz* benutzte Versuchsanordnung.

Dem induzierenden Strom gab er die Gestalt einer geraden Linie. Ihre

Enden wurden durch die Konduktoren C und C' gebildet. Das Rechteck

*abcd* ist der Resonator. Der Nachweis der elektrischen Kräfte im Raum

geschah mit Hilfe der feinen Funken, die unter gewissen Bedingungen an

der Unterbrechungsstelle M des Resonators auftreten, wenn bei B eine

oszillierende Entladung des primären Systems stattfindet.

[Illustration: Abb. 62. Schema des von *Hertz* benutzten Resonators.]

Wie *Hertz* die Dimensionen seines Resonators gestaltete, um ihn

sozusagen auf das primäre System abzustimmen, wie er ferner die

Stellung und die Entfernung des Resonators in bezug auf den die

Induktionswirkung erzeugenden Apparat abänderte, kann hier nicht

im einzelnen dargelegt werden. Das erste Ergebnis war, daß *Hertz*

elektrische Wellen nachzuweisen vermochte und stehende elektrische

Wellen, ganz nach Analogie der akustischen und der optischen

Erscheinungen, durch Reflexion hervorrufen konnte. Aus der Länge der

Wellen und der Zahl der Oszillationen ergab sich die Geschwindigkeit

ihrer Ausbreitung zu 300000 Kilometern in der Sekunde, ein Nachweis,

durch den die von *Maxwell* angenommene Identität der optischen und

der elektromagnetischen Strahlung eine wesentliche Stütze erhielt. Für

jene Identität sprach auch der Umstand, daß *Hertz* mit den von ihm

erzeugten Strahlen elektrischer Kraft sämtliche elementaren Versuche

anstellen konnte, die man mit dem Lichte und mit der strahlenden Wärme

auszuführen gelernt hatte[572]. Der Nachweis der elektrischen Kräfte

im Raum geschah auch hier mit Hilfe der feinen Funken, die bei den

oszillierenden Entladungen des primären Systems in dem sekundären

Leiter (dem Resonator) auftreten. Um die elektrischen Strahlen zu

konzentrieren, bediente sich *Hertz* eines Hohlspiegels von der Form

eines parabolischen Zylinders. Die Ausbreitung der Strahlen fand in der

Richtung der optischen Achse statt. Die Strahlen ließen sich in einem

zweiten Spiegel auffangen und im Brennpunkt durch den sekundären Leiter

nachweisen. (Abb. 63.)

[Illustration: Abb. 63. *Hertz* konzentriert die elektrischen Strahlen

mit Hilfe eines parabolischen Hohlspiegels.]

Brachte *Hertz* in die Verbindungslinie der Spiegel senkrecht zur

Richtung der Strahlen einen Schirm aus Stanniol oder aus Zinkblech,

so erloschen die sekundären Funken. Daß für die elektrischen Strahlen

das in der Optik seit alters bekannte Reflexionsgesetz gilt, war

schon durch die erfolgreiche Anwendung der Hohlspiegel dargetan.

Durch seitliche Aufstellung des erwähnten Metallschirms wurde das

Reflexionsgesetz für die Strahlen elektrischer Kraft noch besonders

nachgewiesen. Die Versuchsanordnung ist durch Abbildung 64 ohne

weiteres ersichtlich.

[Illustration: Abb. 64. *Hertz'* Versuch über die Reflexion der

elektrischen Strahlen.]

Zum Nachweise der Brechung der elektrischen Strahlen bediente sich

*Hertz* eines etwa 12 Zentner schweren, aus Pech hergestellten Prismas.

Daß die Strahlen in Transversalschwingungen bestehen und im optischen

Sinne geradlinig polarisiert sind, wurde dadurch nachgewiesen, daß

man bei gekreuzter Stellung der Spiegel keine Funken im sekundären

Leiter erhielt. Dasselbe erreichte *Hertz* durch Einschieben eines

Drahtgitters, das in einer bestimmten Stellung die Strahlen ungehindert

hindurchließ, um 90 Grad gedreht, sie aber zum Verschwinden brachte.

Aus allem ging hervor, daß es berechtigt schien, die Strahlen

elektrischer Kraft als Lichtstrahlen von großer Wellenlänge zu

bezeichnen. Daher durfte *Hertz* nach Abschluß seiner Versuche

ausrufen[573]: »Die Verbindung zwischen Licht und Elektrizität, welche

die Theorie ahnte, vermutete, voraussah, ist hergestellt. Von dem

Punkte, den wir erreicht haben, eröffnet sich ein weiter Ausblick in

beide Gebiete. Die Herrschaft der Optik beschränkt sich nicht mehr

auf Ätherwellen, welche kleine Bruchteile des Millimeters messen,

sie gewinnt Wellen, deren Längen nach Dezimetern, Metern, Kilometern

rechnen. Und trotz dieser Vergrößerung erscheint sie uns, von hier

gesehen, nur als ein kleines Anhängsel am Gebiete der Elektrizität.«

Mit dem Bekanntwerden der Versuche von *Hertz* trat das schon

lange bestehende Problem der Telegraphie ohne Draht wieder in den

Vordergrund. Eine teilweise Lösung hatte dieses Problem schon 1838

dadurch gefunden, daß *Steinheil* vorschlug, beim elektromagnetischen

Telegraphen für die Rückleitung die Erde zu verwenden und auf

diese Weise die Hälfte der Drahtleitung zu ersparen. Andere,

weniger erfolgreiche Bemühungen liefen darauf hinaus, an Stelle des

Drahtes natürliche oder künstliche Wasserläufe zu benutzen. Auch

auf den Gedanken, die elektrische Induktion zu verwenden und die

Induktionsvorgänge durch oszillierende Ströme zu verstärken, ist

man schon vor *Hertz* gekommen. *Hertz* selbst soll sich übrigens

während der wenigen Jahre, die ihm nach seiner großen Entdeckung noch

beschieden waren, dem Gedanken gegenüber, daß sie sich praktisch

verwerten lasse, ablehnend verhalten haben.

Dennoch hat es sich alsbald gezeigt, daß durch die *Hertz*schen

Versuche das Problem in ein neues, Aussicht auf die besten Erfolge

darbietendes Stadium gekommen war. Seit dem Jahre 1890 sehen wir

eine große Zahl von Physikern und Elektroingenieuren bemüht, die

Funkentelegraphie durch den Bau geeigneter Induktionsapparate, ihre

Verbindung mit besonderen Sendern, welche die elektrische Energie

in den Raum hinausführen, und vor allem durch die Erfindung höchst

empfindlicher Empfänger den Bedürfnissen der Praxis anzupassen. Der

Erfolg war ein überraschender und die Vielseitigkeit in der Ausführung

des Gedankens und in der Anwendung so groß, daß hier nicht näher darauf

eingegangen werden kann. Das erste brauchbare System erzielte im Jahre

1896 *Marconi*, indem er den von *Righi* verbesserten Oszillator als

Sender und an Stelle des *Hertz*schen Resonators die *Branly*sche

Röhre[574] als Empfänger benutzte.

Schon vor *Branlys* Erfindung hatte man beobachtet, daß metallischer

Staub unter der Einwirkung von Induktionsströmen leitfähig wird.

*Branly* schloß 1890 den Metallstaub in eine Glasröhre ein, in die

er zwei Drähte treten ließ. Er zeigte, daß dies System unter der

Einwirkung der *Hertz*schen Wellen eine bedeutende Leitfähigkeit

erhält, die durch eine leichte Erschütterung wieder aufgehoben wird.

Die Wirkung des Senders auf die *Branly*sche Röhre besteht darin,

daß jeder von dem Sender ausgehende Impuls die Röhre befähigt, einen

elektrischen Strom zu schließen und dadurch beispielsweise ein

Läutewerk in Tätigkeit zu setzen. Gleichzeitig erschüttert der Klöpfel

dieses Läutewerks die Röhre und befähigt sie durch Vernichtung der

Leitfähigkeit zur Aufnahme eines neuen Zeichens.

Durch mannigfache Abänderungen des in seinem Wesen immer noch

rätselhaften Aufnahmeapparats, sowie des Senders und der

Nebeneinrichtungen ist es gelungen, eine abgestimmte Funkentelegraphie

zu schaffen und eine Verständigung auf Entfernungen von mehreren

tausend Kilometern herbeizuführen, unbemannte Boote und Luftschiffe zu

lenken[575], Geschütze abzufeuern, kurz Dinge zu leisten, die man vor

wenigen Jahrzehnten noch ins Reich der Träume verwiesen haben würde.

Erwähnt sei unter den neuesten Aufnahmeapparaten (Detektoren) der

elektrolytische Wellenanzeiger. In diesem Apparat ändert sich die

Polarisation sofort, wenn durch die eintreffenden Schwingungen der

schwächste Strom induziert wird. Ein anderer Apparat beruht auf

der äußerst geringen Wärmewirkung, welche die ankommenden Wellen

hervorzurufen vermögen. Man ist auch mit Erfolg dazu übergegangen,

die Antennen, die eine Höhe von mehreren hundert Metern erreichten,

durch liegende Drähte (sogenannte Erdantennen) zu ersetzen. Auf diese

Weise ließ sich eine Ausdehnung der Antennen erreichen, wie sie sich

durch den Bau hoher Türme nicht ermöglichen läßt. Für die Sendeapparate

benutzt man hochfrequente, elektrische Wechselströme in Verbindung mit

dem 1906 von *M. Wien* erfundenen Löschfunkensender[576].

Um die Fortbildung der neuen, durch *Faraday* geschaffenen

theoretischen Vorstellungen hat sich besonders *Maxwell*[577] verdient

gemacht. Vor *Faraday* hatte man angenommen, daß die Wirkungen des

Magneten und des elektrischen Stromes unvermittelte Fernwirkungen

seien. Die Annahme einer durch keinen mechanischen Vorgang vermittelten

Wirkung in die Ferne hatte man auch der Gravitationstheorie zugrunde

gelegt, obgleich *Newton* sich durchaus nicht etwa entschieden für

eine solche »actio in distans« ausgesprochen hatte. Während des 18.

Jahrhunderts galt die unvermittelte Fernwirkung nicht nur für die

Gravitation; sie wurde von *Coulomb*, der die Analogie zwischen der

Gravitationswirkung und der Wirkung der elektrischen und magnetischen

Kräfte erkannte, auch auf letztere ausgedehnt. Auch *Weber*, der in

seinem Gesetz die elektrostatischen mit den elektromagnetischen und den

Induktionserscheinungen zusammenfaßte, war in der im 18. Jahrhundert

herrschenden Anschauung befangen geblieben. Erst durch *Faraday* trat

hierin ein Wandel ein, dem sich die neuere Physik nur widerstrebend und

ganz allmählich angepaßt hat.

Nach *Faraday* handelt es sich bei den schon vor ihm bekannten

elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Vorgängen, sowie

bei der von ihm entdeckten Induktion stets um eine Wirkung, die sich

durch die Luft oder irgend eine andere isolierende Substanz (das

Diëlektrikum) von Teilchen zu Teilchen fortpflanzt. Dies war *Faraday*

schon deshalb wahrscheinlich, weil sich eine scharfe Grenze zwischen

Leitern und Nichtleitern gar nicht angeben läßt. Er nahm daher in dem

Diëlektrikum einen Spannungszustand an, den er als den elektrotonischen

bezeichnete. Um diesen Zustand genauer zu charakterisieren, bediente

sich *Faraday* als eines Hilfsmittels imaginärer Kurven, die er

Kraftlinien nannte. In der Richtung der Kraftlinie, beziehungsweise

für jeden ihrer Punkte in der Richtung der Tangente, wirkt ein Zug,

quer zu den Kraftlinien ein Druck. Dieser Vorstellung entsprechen

beispielsweise die magnetischen Kurven oder Kraftlinien, in denen sich

Eisenfeilspäne unter dem Einfluß eines Magneten anordnen.

[Illustration: Abb. 65. Magnetische Kraftlinien.]

Die magnetischen Kraftlinien sind die Bahnen, in denen sich ein freier

magnetischer Pol in einem magnetischen Felde bewegen würde. Das

Auseinanderweichen der Kraftlinien zeigt eine Abnahme, das Konvergieren

eine Zunahme der Kraft an.

An die Stelle dieses reingeometrischen Modells der Kräfte, dessen

sich *Faraday* bediente, setzte *Maxwell* ein anderes, das aber

lediglich als eine Analogie und nicht etwa als eine Erklärung oder

auch nur als Versuch einer Erklärung aufgefaßt werden darf. Unter

einer physikalischen Analogie versteht *Maxwell* eine teilweise

Ähnlichkeit zwischen den Gesetzen zweier Erscheinungsgebiete. Eine

solche Ähnlichkeit setzt uns in die Lage, die Erscheinungen des einen

Gebietes durch diejenigen des anderen zu erläutern. Eine derartige

Analogie besteht beispielsweise zwischen manchen Erscheinungen, die

der elektrische Strom darbietet, und dem Verhalten einer strömenden

Flüssigkeit. *Maxwell* bediente sich eines hydrodynamischen Modells zur

Erläuterung der Wirkungen des elektrischen und des magnetischen Feldes.

Er setzte an die Stelle der Kraftlinien Röhren von veränderlichem

Querschnitt, in denen er sich eine nicht zusammendrückbare Flüssigkeit

strömend dachte. Da die Geschwindigkeit einer solchen Flüssigkeit

sich umgekehrt wie der Querschnitt der Röhre verhält, so läßt

es sich einrichten, daß die Strömung an jeder Stelle durch ihre

Geschwindigkeit die Größe und durch ihre Richtung gleichzeitig auch

die Richtung der Kraft darstellt. Die von *Maxwell* gedachten Röhren

füllen das magnetische oder das elektrische Feld so vollständig aus,

daß keine Zwischenräume übrig bleiben. Die Röhrenwände reduzieren

sich auf mathematische Flächen, welche die Bewegung einer den ganzen

Raum erfüllenden Flüssigkeit bestimmen. Auf diese Weise vermochte

es *Maxwell*, die Wirkungen von Magneten und elektrischen Strömen

darzustellen und in mathematische Formeln zu kleiden, ohne damit irgend

eine Annahme über das eigentliche Wesen des Magnetismus oder der

Elektrizität gemacht zu haben.

Aus *Maxwells* Theorie ergab sich als eine der wichtigsten Folgerungen,

daß sich die elektromagnetische Wirkung mit einer Geschwindigkeit

ausbreitet, die mit der durch *Fizeau* ermittelten Geschwindigkeit

des Lichtes nahezu übereinstimmt. *Fizeau* hatte für letztere 195600

englische Meilen in der Sekunde gemessen. *Maxwells* Berechnung ergab

für die elektromagnetischen Wellen eine Fortpflanzungsgeschwindigkeit

von 193000 englischen Meilen in der Sekunde. Es ließ sich daher der

Gedanke kaum zurückweisen, daß das Licht aus Schwingungen desselben

Mediums besteht, in dem sich auch die elektrischen und die magnetischen

Vorgänge abspielen. Eine wichtige experimentelle Bestätigung dieser

elektromagnetischen Theorie des Lichtes brachte *Hertz*, indem er für

die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der elektrischen Wellen denselben

Wert fand, den *Fizeau* für das Licht ermittelt hatte[578].

Auf eine enge Beziehung zwischen den optischen und den

elektromagnetischen Erscheinungen war schon *Faraday* aufmerksam

geworden, als er die Drehung der Polarisationsebene unter dem Einfluß

eines Elektromagneten entdeckte[579]. Eine weitere Beziehung wurde im

Jahre 1896 durch *Zeeman*[580] nachgewiesen. Als er eine mit Natrium

gefärbte Flamme zwischen die Pole eines Elektromagneten brachte und ihr

Licht mit dem Spektroskop untersuchte, nahm er eine Verbreiterung der

Natriumlinien wahr. Wandte man starke Elektromagnete an, so wurden die

Spektrallinien gespalten. Die merkwürdige, *Zeeman*-Effekt genannte

Erscheinung erwies sich als abhängig von der Lage des Lichtstrahles

zum magnetischen Kraftfelde. *Zeemans* Entdeckung ist für die heute

herrschende Theorie von *Lorentz* von derselben Bedeutung wie die

*Hertz*schen Versuche für diejenige *Maxwells*. Nach *Lorentz* beruhen

die elektrischen Erscheinungen auf der Bewegung elektrisch geladener

Teilchen, der Elektronen. Auf ihre Schwingungen ist auch das Licht

zurückzuführen. In einem magnetischen Felde wirken auf die Elektronen

beschleunigende und verzögernde Kräfte, aus denen sich die von

*Zeeman* entdeckte Erscheinung erklären und in Übereinstimmung mit dem

experimentellen Ergebnis berechnen läßt.

Die Theorie der galvanischen Elemente hat vor allem *Helmholtz*

während der siebziger und der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts

durch eine Reihe von Arbeiten gefördert. Sie wurden neuerdings unter

dem Titel »Abhandlungen zur Thermodynamik chemischer Vorgänge« wieder

herausgegeben[581].

Die erste dieser Arbeiten erschien im Jahre 1877. Sie handelt über

galvanische Ströme, verursacht durch Konzentrationsänderungen.

*Helmholtz* hatte sich bereits in seiner epochemachenden Schrift

über die Erhaltung der Kraft mit der Frage beschäftigt, ob sich

die chemische Energie vollständig in elektrische Energie umwandeln

läßt. Unter der Voraussetzung, daß dies der Fall ist, hatte er die

elektromotorische Kraft einer galvanischen Kette berechnet. In der

Arbeit vom Jahre 1877 wandte *Helmholtz* die beiden Hauptsätze der

mechanischen Wärmetheorie auf das Problem des Energieumsatzes in der

galvanischen Kette an. Als Beispiel wählte er die Konzentrationskette.

Bei einer solchen wird der Strom ausschließlich durch Änderungen in

der Konzentration einer Lösung geliefert. Bei der von *Helmholtz*

untersuchten Konzentrationskette tauchen Kupferstäbe in zwei

miteinander in Verbindung stehende Gefäße. Befinden sich in diesen

Kupfervitriollösungen von verschiedener Konzentration, so erhält man

an den Kupferstäben eine Potentialdifferenz. Werden die Stäbe durch

einen metallischen Leiter verbunden, so bewegt sich ein elektrischer

Strom von dem in die konzentriertere Lösung eintauchenden Metall zu dem

Metallstabe, der sich in der verdünnteren Lösung befindet. Dabei löst

sich in der weniger konzentrierten Lösung Kupfer auf, während es sich

in der konzentrierteren niederschlägt. Die Quelle des Stromes ist also

einzig in dem Ausgleich der Konzentrationen zu suchen. Die Energie,

die sich durch den Ausgleich der Konzentrationen gewinnen läßt, wurde

berechnet, und es ließ sich zeigen, daß diese Energie der Arbeit der

elektromotorischen Kraft gleich ist.

Im weiteren Verlaufe seiner Untersuchung wurde *Helmholtz* zu einer

Gegenüberstellung des Begriffes der »freien Energie« zu dem Begriff

»gebundene Energie« geführt. Unter der freien Energie versteht

*Helmholtz* die ohne Rest ineinander verwandelbaren Arbeitsäquivalente

der Naturkräfte. Der Wärmevorrat, von dem sich stets nur ein Bruchteil

in andere Energieformen verwandeln läßt, wird als gebundene Energie

bezeichnet. So gibt es galvanische Elemente, in denen die freie Energie

vollkommen in elektrische Energie verwandelt wird, also kein Anteil

der Energie als Wärme auftritt. Die von einem Elemente gelieferte

elektrische Energie kann sogar größer sein, als dem in dem Element

enthaltenen Vorrat an freier Energie entspricht. Damit ist das Gesetz

von der Erhaltung der Energie indessen nicht etwa durchbrochen, sondern

das Mehr an Energie wird in diesem Falle aus der Umgebung aufgenommen.

Die Stromerzeugung ist dann nicht mit einer Erwärmung oder mit einem

Konstantbleiben der Temperatur, sondern mit einer Abkühlung verbunden.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 61 / 171 题