15. Das Emporblühen der physikalischen Chemie[486].

Die Chemie wurde zur Wissenschaft, als sie ihre Aufgabe in der

Erforschung der Zusammensetzung der Stoffe erblickte. Das geschah

unter der Führung *Boyles* im 17. Jahrhundert. Auch *Scheele*, einer

der größten Chemiker des 18. Jahrhunderts, betrachtete es als den

Hauptzweck der Chemie, die Stoffe in ihre Bestandteile zu zerlegen

und neue oder schon bekannte Stoffe aus einfacheren zusammenzusetzen.

In engere Beziehungen zur Physik trat die Chemie erst gegen das Ende

des achtzehnten Jahrhunderts, als *Lavoisier* das Zeitalter der

quantitativen Untersuchungsweise eröffnete. Mit diesem Augenblicke

wurde die Chemie unter dem Einfluß der physikalischen Methoden zur

messenden, wägenden, rechnenden, mit anderen Worten, zur exakten

Wissenschaft. Von der immer enger werdenden Verknüpfung, welche die

Chemie und die Physik seit den Tagen *Lavoisiers* und *Gay-Lussacs* und

seit der Begründung der Elektrochemie durch *Davy* erfuhren, ist in

früheren Abschnitten des dritten und des vorliegenden Bandes die Rede

gewesen. Aus dieser Verknüpfung ging um die Mitte des 19. Jahrhunderts

die physikalische Chemie als ein besonderer Wissenszweig hervor.

Zeitlich und bis zu einem gewissen Grade auch ursächlich fällt die

Begründung der neuen Disziplin mit der Entdeckung des Energieprinzips

zusammen. Es war um 1840, als *Kopp* die systematische Erforschung

der bis dahin nur vereinzelt wahrgenommenen Beziehungen zwischen der

atomistischen Zusammensetzung und den physikalischen Eigenschaften

der chemischen Verbindungen in Angriff nahm. *Kopp* wird daher mit

Recht als der Begründer der physikalischen Chemie bezeichnet. Erschloß

sich doch durch ihn ein Arbeitsfeld mit einer Fülle neuer, wichtiger

Probleme und wohl geeignet, die Kräfte des einzelnen Forschers in

vollem Maße in Anspruch zu nehmen[487].

Zu den ersten Entdeckungen, die eine gesetzmäßige Beziehung zwischen

chemischen und physikalischen Konstanten erkennen ließen, gehörte die

Auffindung der *Dulong-Petit*schen Regel (1819), nach welcher die Atome

der Elemente die gleiche Wärmekapazität besitzen. Anders ausgedrückt

lautet das Gesetz: Die Atomwärme, d. h. das Produkt aus dem Atomgewicht

und der spezifischen Wärme, ist für die im festen Zustande befindlichen

Grundstoffe nahezu konstant 6,4.

Es lag nahe, die Untersuchung auf chemische Verbindungen auszudehnen.

Diesen Weg beschritt *Kopp*[488]. Seine Arbeit über die spezifische

Wärme der Salze ließ erkennen, daß die Molekularwärme (d. h. das

Produkt aus der spezifischen Wärme und dem Molekulargewicht einer

Substanz) gleich der Summe der Atomwärmen der in dem Molekül

enthaltenen Elemente ist.

Nachdem man einmal durch *Dulong* und *Petit* auf eine solch

unvermutete Beziehung zwischen scheinbar in keinem engeren

Zusammenhange stehenden Konstanten aufmerksam geworden war, zögerte

man nicht, nach ähnlichen Beziehungen zwischen anderen chemischen und

physikalischen Konstanten zu forschen. Auf Einzelheiten kann hier nicht

eingegangen werden. Erwähnt seien nur *Kopps* Untersuchungen über

Siedepunktsregelmäßigkeiten. Es ergab sich beispielsweise, daß die

Glieder homologer Reihen organischer Verbindungen annähernd gleiche

Unterschiede zwischen den Siedepunkten aufweisen.

Auch aus der Erstarrungstemperatur hat man Schlüsse auf die chemische

Zusammensetzung zu ziehen gesucht. Von dem größten Erfolge waren

diese Bemühungen, als man sie auf Lösungen ausdehnte. Man erkannte,

daß der Erstarrungspunkt des Lösungsmittels durch molekulare

Mengen der gelösten Stoffe um den gleichen Wert herabgesetzt wird.

Dies von *Raoult* im Jahre 1887 gefundene Erstarrungsgesetz wird

sehr oft an Stelle der gasometrischen Methoden zur Ermittlung des

Molekulargewichtes chemischer Verbindungen benutzt. Auch das optische

Verhalten, wie die Brechung und die Polarisation des Lichtes, hat man

zur Aufklärung der chemischen Konstitution herangezogen.

Zu einer ganz außergewöhnlichen Bedeutung gelangte die physikalische

Chemie, als sich die Aussicht bot, mit Hilfe der von ihr geschaffenen

Methoden zu einer Lösung des wichtigsten aller chemischen Probleme, des

Affinitätsproblems, vorzudringen. Dazu bedurfte es Methoden, die einen

chemischen Vorgang in seinen einzelnen Phasen zu verfolgen gestatten.

Solche Methoden wurden zuerst auf dem Gebiete der Photochemie

ersonnen. Wir beginnen deshalb die ausführlichere Schilderung des

Entwicklungsganges, den die physikalische Chemie genommen hat,

mit den von *Bunsen* und *Roscoe* und von *Jellet* angestellten

Experimentaluntersuchungen.

Unter den chemischen Wirkungen, welche durch physikalische Kräfte

hervorgerufen werden, ist diejenige des Lichtes seit Jahrhunderten

bekannt. Bis zum Jahre 1850 etwa hatte man jedoch auf jede Einsicht in

die Gesetze der Lichtwirkung verzichten müssen, weil photochemischen

Messungen die größten Schwierigkeiten entgegenstanden. Durch

Bemühungen, die sich über eine Reihe von Jahren[489] erstreckten,

gelang es erst *Bunsen* im Verein mit *Roscoe* die Grundlagen für eine

wissenschaftliche Photochemie zu schaffen[490].

Die ersten Versuche, photochemische Messungen anzustellen, fußten auf

dem bekannten Verhalten des Chlorwassers, sich unter der Einwirkung des

Lichtes nach der Gleichung 2Cl + H_{2}O = 2HCl + O in Salzsäure und

Sauerstoff zu zersetzen. Dieses Meßverfahren, das *Bunsen* und *Roscoe*

nachprüften, erwies sich jedoch als unbrauchbar, weil die bei der

Zersetzung des Wassers durch Chlor entstandene Salzsäure eine störende

Rückwirkung ausübte.

Die photochemischen Wirkungen auf ein vergleichbares Maß

zurückzuführen, gelang erst *Draper*. An seine Arbeit knüpften

*Bunsen* und *Roscoe* ihre Untersuchungen an. *Draper* ging von einer

Beobachtung aus, die schon *Dalton* über das Verhalten angestellt

hatte, das Chlorknallgas zeigt, wenn man es der Wirkung des Lichtes

aussetzt. *Dalton* beschreibt diese, für die weitere Entwicklung

der Photochemie grundlegende Beobachtung mit folgenden Worten: »Man

hatte entdeckt, daß ein Gemenge von Chlor und Wasserstoff, das man in

einem Zylinder in der pneumatischen Wanne aufbewahrte, am folgenden

Tage verschwunden war, und daß das Wasser die Stelle des Gemenges

eingenommen hatte. Da ich die Zeit, innerhalb deren dieser Vorgang

stattfindet, genauer zu ermitteln wünschte, ließ ich das Gemenge der

beiden Gase in einem Eudiometerrohre über Wasser stehen. Bei einem

derartigen Versuche fand die Verminderung des Gemenges mit großer

Schnelligkeit statt, bei einem anderen erfolgte sie sehr langsam.

Darauf entsann ich mich, daß während des ersten Versuches das

Eudiometer in der Sonne gestanden hatte. Ich wiederholte den Versuch

daher im Sonnenlichte, und das Verschwinden des Gasgemenges erfolgte

wieder sehr rasch. Ich fand also, daß das Licht die Ursache des

Vorganges sei, und daß dieser um so rascher verläuft, je intensiver

das Licht ist. Überzog ich das Eudiometer, in dem sich das Gemenge von

Chlor und Wasserstoff befand, mit einem undurchsichtigen Stoff, so trat

während des ganzen Tages kaum eine Verminderung ein. Brachte ich aber

Chlor und Wasserstoff in einer geschlossenen Flasche ins Sonnenlicht,

so fand die Vereinigung der Gase unter Explosion statt«[491].

*Draper* experimentierte mit einem elektrolytisch erzeugten Gemisch

aus gleichen Raumteilen Chlor und Wasserstoff. Das Gemisch erfuhr

bei der Belichtung eine Raumverminderung, indem das entstehende

Chlorwasserstoff- oder Salzsäuregas von der Flüssigkeit, über der

sich die Gase befanden, absorbiert wurde. Jene Raumverminderung,

welche *Draper* an einer Skala ablas, zeigte sich innerhalb kurzer

Zeitintervalle der Lichtstärke proportional. Sie wurde daher von

*Draper* als photochemisches Maß vorgeschlagen. Dies sind die

Grundlagen des von *Bunsen* und *Roscoe* weiter ausgebauten Verfahrens.

Seine Brauchbarkeit hing indessen von gewissen Bedingungen ab, die

*Draper* noch nicht bekannt und daher bei dem von ihm benutzten

Apparat auch nicht einmal annähernd erfüllt waren. Als unerläßliche

Bedingungen für eine Vergleichbarkeit der Angaben des photochemischen

Meßapparates erwiesen sich die völlig konstante Zusammensetzung des

Gasgemisches, sowie der Ausschluß jeder Druckänderung während der Dauer

der Belichtung.

Erst nach vielen Vorarbeiten gelang *Bunsen* und *Roscoe* die

Herstellung eines Apparates, mit dessen Hilfe sie alle störenden

Einflüsse von ihren Messungen auszuschließen und die chemischen

Wirkungen des Lichtes nicht nur auf ein vergleichbares, sondern auf ein

absolutes Maß zurückzuführen vermochten.

Der Apparat besaß folgende Einrichtung (s. Abb. 50): In dem mit

Kohleelektroden versehenen Gefäße a wird durch den in der Batterie C

erzeugten Strom Salzsäure in ein Gemenge von Chlor und Wasserstoff

zerlegt. Dies Gasgemenge gelangt durch einen Wasser enthaltenden

Waschapparat w in die mit einem Glashahn versehene Röhre h. Zwischen

dieser Röhre und dem horizontalen, engen Skalenrohr k befindet sich

das Insolationsgefäß i, das einige Kubikzentimeter Wasser enthält.

Auf das Skalenrohr folgt ein Gefäß l, das für Sperrwasser bestimmt

ist. E ist ein Kondensationsgefäß für das überschüssige Gas. Letzteres

wird langsam durch den Apparat geleitet, bis die in a, w, i und l

enthaltenen Flüssigkeiten völlig gesättigt sind.

Will man den von Luft befreiten und mit Chlorwasserstoff gefüllten

Apparat benutzen, so wird der Hahn bei h geschlossen und das

Insolationsgefäß i dem Lichte ausgesetzt. Dadurch wird ein Teil des

Gasgemenges in Chlorwasserstoff verwandelt. Letzteres wird von dem in

i befindlichen Wasser absorbiert und infolge dieser Verminderung des

abgesperrten Gasvolumens tritt Wasser aus i in die horizontale Meßröhre

über. Da l sehr weit ist, wird dabei der Druck, unter dem das Wasser

steht, nicht geändert.

[Illustration: Abb. 50. *Bunsens* und *Roscoes* Apparat zum Messen der

chemischen Wirkung des Lichtes.]

Mit diesem Apparat entdeckten *Bunsen* und *Roscoe* zunächst die

eigentümliche Erscheinung der photochemischen Induktion. Die

photochemische Wirkung tritt nämlich bei vollkommen konstant erhaltener

Lichtstärke nicht sogleich in ihrer vollen Stärke ein, sondern sie

ist anfangs sehr klein, steigert sich dann allmählich und erreicht

nach einiger Zeit ihren vollen Wert, auf dem sie sich konstant erhält,

solange dieselbe Lichtwirkung auf das Insolationsgefäß ausgeübt wird.

Das Anwachsen der Wirkung zeigt folgende Versuchsreihe:

Zeit in Minuten. Wirkung in einer Minute.

1 0,5

3 0,5

5 2,1

7 29,2

9 30,4

Nach 9 Minuten blieb die Wirkung konstant und belief sich für die

Minute auf etwa 30. Bei vergleichenden Messungen mußte man daher

warten, bis die Induktion beendet und das konstant bleibende Maximum

eingetreten war.

Das Gesetz der photochemischen Induktion gab auch den Schlüssel

zur Erklärung für gewisse rätselhafte Erscheinungen, die dem

photographischen Prozeß anhaften. Durch photochemische Induktion

kann z. B., ohne daß ein sichtbarer Lichteindruck eingetreten wäre,

die Empfindlichkeit der Platte so gesteigert werden, daß ein in

verschiedenen Lichtabstufungen unter dem Negativ begonnenes Bild

bei einer darauf folgenden gleichförmigen Bestrahlung den früheren

Lichtabstufungen entsprechend weiter ausgebildet wird. Ein ähnliches

Verhalten zeigt sich, wenn man kurze Zeit belichtete Platten mit

gewissen Reduktionsmitteln entwickelt. Man wollte daraus schließen,

daß die photochemische Wirkung nach dem Belichten fortdaure. Dem

widersprachen aber die Versuche. *Bunsen* und *Roscoe* zeigten

nämlich mit Hilfe ihres Apparates, daß die chemische Wirkung mit der

Verdunkelung augenblicklich aufhört. Die Verbindung des Chlorknallgases

zu Salzsäure währte nämlich nicht über die Dauer der Bestrahlung hinaus

fort. Eine photochemische Nachwirkung fand also nicht statt.

*Bunsen* und *Roscoe* wandten sich darauf den Gesetzen zu, von denen

die chemischen Wirkungen des Lichtes nach vollendeter Induktion

beherrscht werden. Zunächst galt es, ein allgemein vergleichbares und

absolutes Maß der chemischen Strahlen zu finden. Zu diesem Zwecke

stellten sich beide Forscher eine Normalflamme her, indem sie einen

Brenner von bestimmten Abmessungen mit einer genau bemessenen Menge

Kohlenoxydgas speisten[492]. Als photometrische Einheit setzten sie die

Wirkung fest, die eine solche Normalflamme bei einer Entfernung von 1

Meter in der Minute auf normales, in dem Insolationsgefäß befindliches

Chlorknallgas ausübt.

Der Nachweis, daß die photochemische Wirkung der Intensität des

wirkenden Lichtes proportional ist, wurde durch folgenden Versuch

geliefert. Eine konstante Flamme wurde in verschiedenen Entfernungen

von dem Apparat aufgestellt. Die nach Beendigung der photochemischen

Induktion jedesmal entstandene Salzsäuremenge war dem Quadrate des

Abstandes umgekehrt proportional, und damit war die Richtigkeit des

vorerwähnten Gesetzes erwiesen.

Von weittragender Bedeutung ist der Teil der Untersuchung, der sich

mit der Sonne beschäftigt. Von ihr stammt ja der Vorrat an lebendiger

Kraft, der die Tier- und Pflanzenwelt erhält und alle meteorologischen

Erscheinungen hervorruft. Sind letztere zwar auf die thermischen

Vorgänge zurückzuführen, welche die Sonnenstrahlen im Ozean und in der

Atmosphäre hervorrufen, so sind, wie *Bunsen* und *Roscoe* hervorhoben,

die photochemischen Arbeitsleistungen zwar weniger großartig aber nicht

minder belangreich.

Nachdem die chemischen Wirkungen des zerstreuten Tageslichtes und

des direkten Sonnenlichtes gemessen und mit den Wirkungen irdischer

Lichtquellen verglichen waren, gingen *Bunsen* und *Roscoe* dazu über,

die chemischen Wirkungen der einzelnen Bestandteile des Sonnenlichtes

zu untersuchen. Sie ließen das Sonnenspektrum auf einen weißen Schirm

fallen, der mit einer Lösung von schwefelsaurem Chinin bestrichen war,

um die ultravioletten Strahlen sichtbar zu machen. Der Schirm war

ferner mit einem Spalt versehen, durch den nur der zur Untersuchung

bestimmte Teil des Spektrums auf das 4-5 Fuß entfernte Insolationsgefäß

geworfen wurde. Auf dem Schirm befand sich endlich noch eine

Einteilung, an der die Abstände der *Fraunhofer*schen Linien abgelesen

und der zu untersuchende Teil des Spektrums genau begrenzt werden

konnte. Zur Erläuterung der gewonnenen Ergebnisse diene folgende, von

beiden Forschern entworfene graphische Darstellung (s. Abb. 51). Es

geht aus ihr hervor, daß im Rot und Gelb die photochemische Wirkung

sehr schwach ist. Im Blau dagegen steigt sie rasch zu einem Maximum

an. Ein zweites kleineres Maximum läßt sich, wie die Kurve zeigt, im

Ultraviolett bei J erkennen.

Mit dem Hinweise, daß weitere Untersuchungen über die photochemische

Wirkung der Sonne während der fleckenreichen und der fleckenarmen

Perioden angestellt werden möchten, da man auf diese Weise

voraussichtlich wertvolle Aufschlüsse über die rätselhaften Vorgänge

auf der Sonne erhalten werde, schließen *Bunsen* und *Roscoe* ihre

Arbeit. Sie bildet, wie ihr Herausgeber sagt, ein klassisches Vorbild

für alle späteren Untersuchungen auf dem Gebiete der physikalischen

Chemie, denn eine gleiche Summe von Scharfsinn, Ausdauer und

experimentellem und rechnerischem Geschick ist selten auf eine

Aufgabe verwandt worden, deren Lösung zudem fast unüberwindliche

Schwierigkeiten bot und auch nur bis zu einem gewissen Grade erfolgen

konnte. Daß z. B. die photochemische Wirkung des Lichtes in den

Pflanzen anderen Gesetzen folgt, indem hier vorzugsweise die gelben

Strahlen das Kohlendioxyd zerlegen, wurde schon 1844 von *Draper*

nachgewiesen[493].

[Illustration: Abb. 51. Graphische Darstellung der photochemischen

Wirkungen des Spektrums.]

Bei den Untersuchungen von *Roscoe* und *Bunsen* galt es, die Frage

zu beantworten, welche chemischen Veränderungen das Licht hervorruft

und welchen Gesetzen diese Wirkungen unterliegen. Auch mit der

Umkehrung dieser Frage hat man sich beschäftigt und die Änderungen

zu erforschen gesucht, die ein Lichtstrahl bei seinem Durchgänge

durch Stoffe von verschiedener chemischer Zusammensetzung erleidet.

Für diese Untersuchung bieten sich zwei Wege dar. Handelt es sich um

gewöhnliches Licht, so lassen sich die Änderungen, die es unter der

Einwirkung verschiedenartiger chemischer Stoffe erfährt, am besten

durch die Untersuchung seines Spektrums feststellen. Bei polarisiertem

Licht dagegen hat sich die Aufmerksamkeit besonders auf den Umstand

gerichtet, daß die Polarisationsebene unter der Einwirkung gewisser

chemischer Substanzen eine Drehung erfährt. Diese auch wohl als

rotatorische Polarisation bezeichnete Erscheinung ist nicht nur

für die Lösung wissenschaftlicher Probleme, sondern auch für die

Praxis von ähnlicher Bedeutung wie die im vorigen Abschnitt in ihrem

Entwicklungsgange geschilderte Spektralanalyse.

[Illustration: Abb. 52. Schematische Darstellung eines

Polarisationsapparates.]

Mit dem polarisierten Lichte war man besonders durch die Arbeiten

von *Huygens*[494] und von *Malus*[495] vertraut geworden. Die

Undulationstheorie vermochte die Polarisation erst zu erklären,

nachdem *Fresnel* an Stelle der Longitudinalschwingungen des Äthers

Transversalschwingungen angenommen hatte. Nach *Fresnel* finden beim

gewöhnlichen Licht die Ätherschwingungen in allen möglichen Ebenen

senkrecht zur Fortpflanzungsrichtung statt, beim polarisierten dagegen

nur in einer bestimmten Ebene, die gleichfalls senkrecht zur Richtung

des Strahles liegt. Wie man ein Strahlenbündel erhält, das völlig

aus polarisiertem Licht besteht, hatte *Nicol* gezeigt. Das im Jahre

1841 von ihm erfundene und nach ihm benannte Prisma ist seitdem der

wesentlichste Bestandteil aller Polarisationsapparate. Das *Nicol*sche

Prisma dient sowohl zur Erzeugung (Polarisator) als auch zur Analyse

des polarisierten Lichtes (Analysator). Abb. 52 läßt erkennen, wie sich

ein solcher Polarisator (b) und ein Analysator (d) zur Untersuchung

einer Substanz (h) im polarisierten Lichte verbinden lassen. Die

Prismen sind um die vertikale Achse des Apparates drehbar. Gibt man

den Prismen die Stellung, in der die Polarisationsebenen senkrecht zu

einander stehen (gekreuzte *Nicols*), so erscheint das Gesichtsfeld

dunkel, weil das aus b kommende, polarisierte Licht bei dieser Stellung

nicht in den Analysator eindringt. Die Polarisationsebene des aus

b kommenden Lichtes kann aber durch gewisse, an die Stelle von h

gebrachte Substanzen eine Drehung erfahren. Infolgedessen wird das

von unten auf d fallende Licht wieder befähigt, den oberen Nicol zu

durchdringen, obgleich er sich zu dem unteren in gekreuzter Stellung

befindet[496]. *Biot* untersuchte auf diesem Wege das optische

Verhalten des Bergkristalls[497]. Er brachte senkrecht zur Achse des

Kristalls geschnittene Platten zwischen die gekreuzten Nicols. Dadurch

wurde das Gesichtsfeld aufgehellt. Es wurde erst wieder dunkel, nachdem

*Biot* den oberen Nicol um einen bestimmten Winkel gedreht hatte.

Offenbar wurde der Polarisationsebene durch die Quarzplatte eine

Drehung erteilt und diese durch die Drehung des oberen Nicols wieder

ausgeglichen. Letzterer läßt nämlich nur in dem Falle das polarisierte

Licht nicht hindurch, wenn seine Polarisationsebene senkrecht zur

Polarisationsebene des unteren Nicols steht. Die am Quarz beobachtete

Erscheinung wurde später auch an vielen anderen kristallisierten

Substanzen nachgewiesen. Daß sie keineswegs nur von dem

kristallinischen Gefüge abhängt, beobachtete schon *Biot*. Er entdeckte

nämlich, daß eine Drehung der Polarisationsebene auch eintritt, wenn

der polarisierte Strahl durch eine Schicht von Terpentinöl oder durch

eine alkoholische Lösung von Kampfer geht. Auch an Lösungen von

Rohrzucker, von Weinsäure und von weinsauren Salzen wies *Biot* die

Erscheinung der Zirkularpolarisation nach. Er bemerkte auch schon, daß

die Drehung, welche eine optisch aktive Substanz hervorbringt, die in

einem inaktiven Mittel gelöst ist, der Länge der Flüssigkeitsschicht

und der Menge der gelösten Substanz proportional ist.

Beim Quarz bedingt offenbar das kristallinische Gefüge die

Zirkularpolarisation, da der Quarz nach seiner Überführung in den

amorphen Zustand die Polarisationsebene nicht mehr dreht. Bei den in

Lösung befindlichen Substanzen kann man dagegen nur den Aufbau des

Moleküls als die Ursache für die Zirkularpolarisation betrachten. Das

Studium der Polarisationserscheinungen schien daher ein geeignetes

Mittel darzubieten, um in den Vorgang der molekularen oder chemischen

Umsetzungen tiefer einzudringen. In dieser Richtung bewegten sich

die experimentell und theoretisch sehr erfolgreichen Untersuchungen

*Jellets*[498].

Zunächst brachte *Jellet* an dem Polarisationsapparat Verbesserungen

an, die ihn überhaupt erst zu genauen Messungen befähigten. Eine

völlige Verdunklung des Gesichtsfeldes bei gekreuzten Nicols würde

nämlich nur dann eintreten, wenn es sich um homogenes, polarisiertes

Licht handelt, dessen Strahlen vollkommen parallel sind. Bei der

Ausführung der Versuche lassen sich diese Bedingungen nicht erfüllen.

Durch die Drehung des Analysators läßt sich daher nur erreichen,

daß die Helligkeit des Gesichtsfeldes zu einem Minimum wird. Die

Entscheidung darüber, wann dieses Minimum stattfindet, ist sehr

schwierig, zumal die gerade beobachtete Intensität, um sie als ein

Minimum zu erkennen, mit derjenigen Intensität verglichen werden

muß, die man von der vorhergehenden Beobachtung noch im Gedächtnis

hat. *Jellet* gab dem Analysator deshalb die Einrichtung, daß er

gleichzeitig zwei halbkreisförmige Bilder lieferte, deren Intensitäten

sich leicht miteinander vergleichen ließen. Um die Drehung der

Polarisationsebene zu messen, hatte man nur die Gleichheit der

Intensitäten herzustellen, die zu untersuchende Substanz zwischen

die Nicols zu bringen und den Analysator solange zu drehen, bis die

halbkreisförmigen Bilder wieder gleich hell waren.

Schon *Biot*, welcher die Grundlagen für das hier besprochene

Gebiet der physikalischen Chemie schuf, hatte beobachtet, daß

sich die optisch wirksamen Substanzen in rechtsdrehende und in

linksdrehende[499] unterscheiden lassen. Hierauf gründete *Jellet*

einen zweiten Fortschritt in der Ausgestaltung der polarimetrischen

Methode. An Stelle der direkten Messung des Winkels, um den die

Polarisationsebene des Lichtes gedreht wird, wandte er nämlich das

Verfahren der Kompensation an. Es besteht darin, daß die Wirkung

der zu untersuchenden Substanz durch die Wirkung einer Substanz

mit entgegengesetztem Drehungsvermögen ausgeglichen wird. Man wird

also das Drehungsvermögen der zu untersuchenden Substanz in Werten

einer anderen, die als Norm dient, ausdrücken. Als Lösungsmittel

benutzte *Jellet* Alkohol. Dadurch wurde die in wässeriger Lösung

eintretende elektrolytische Dissoziation vermieden. Als Einheit des

Drehungsvermögens setzte er die Wirkung einer einen Zoll langen Schicht

der Lösung von Salizin in Alkohol fest. Diese Lösung mußte natürlich

auch eine fest bestimmte Konzentration haben[500].

Die wichtigste Anwendung, die *Jellet* von seinem Verfahren machte,

betraf das so schwierige, von *Berthollet* zu Beginn des 19.

Jahrhunderts aufgeworfene Problem des chemischen Gleichgewichts. Vor

*Berthollet* hatte man sich den Ablauf des chemischen Vorganges sehr

einfach vorgestellt. Wenn auf eine Verbindung AB ein dritter Stoff C

wirkt, so sollte sich dieser je nach der Größe der chemischen Anziehung

entweder mit A oder mit B verbinden. Oder, was dasselbe bedeutet, es

sollte durch den auf AB wirkenden Stoff C entweder B oder A ganz aus

der ursprünglichen Verbindung verdrängt werden, der Vorgang sich also

in das Schema AB + C = AC + B oder in das analoge Schema AB + C = BC +

A bringen lassen[501].

Diese Ansicht, daß die Affinität oder die chemische Verwandtschaft

eine konstante, von den Umständen unabhängige Größe sei, wurde zuerst

durch *Berthollet* erschüttert[502]. Nach ihm hängt das chemische

Gleichgewicht nicht nur von der Affinität der aufeinander wirkenden

Stoffe, sondern auch von den physikalischen Umständen und von dem

Mengenverhältnis der Stoffe ab. Von *Berthollets* in der Hauptsache

zutreffenden Ansichten gingen die vielen neueren Bemühungen aus, die

Abhängigkeit von dem Mengenverhältnis zu ermitteln oder, wie man es

wohl genannt hat, das Gesetz der Massenwirkung zu finden. Die Wege, die

man hierbei einschlug, waren verschieden. *Jellet* suchte das Problem

mit Hilfe polarimetrischer Untersuchungen zu lösen.

Wie die früheren Forscher, die sich mit dem Problem der Affinität

beschäftigten, so ging auch *Jellet* von der Entstehung der Salze

durch das Zusammentreten von Säuren und Basen aus. Bringt man zu

einer Lösung, die zwei Basen, z. B. Kali und Natron, enthält, eine

Säuremenge, die zur Neutralisation der beiden Basen nicht ausreicht,

so erhebt sich die Frage, wie sich die Säure auf die beiden Basen

verteilt. Von dem Fall, daß sich ein unlösliches Salz bildet, muß

man hierbei absehen, da ein solches sofort nach seiner Entstehung

aus dem Bereich der chemischen Wirkungen ausscheidet[503]. Es sei

also angenommen, daß die beiden entstandenen Salze, sowie diejenigen

Anteile der Basen, die nicht neutralisiert wurden, sämtlich in Lösung

bleiben. Setzen wir z. B. dem Gemenge von Kali und Natron eine zur

Neutralisation beider Basen nicht genügende Menge Salpetersäure zu, so

wird sich nach kurzer Zeit der chemische Umsatz in der Art vollzogen

haben, daß sich vier Stoffe in einem bestimmten Mengenverhältnis

in der Lösung befinden. Diese Stoffe sind salpetersaures Kalium,

salpetersaures Natrium, Kali und Natron. Wäre die ältere Vorstellung

richtig, nach welcher der chemische Vorgang allein von der Affinität

abhängen sollte, so müßte sich beim Zusatz der Säure zu dem Gemenge

der Basen zunächst die stärkere Base mit soviel Säure verbinden,

wie zur Bildung des betreffenden Salzes erforderlich ist. Erst beim

weiteren Zusatz von Säure würde die Neutralisation der zweiten Base

beginnen. Man war aber, und zwar insbesondere durch *Berthollet*,

darauf aufmerksam geworden, daß neben der chemischen Anziehung auch

die Massenwirkung eine Rolle spielt, und daß beispielsweise das

Verhältnis, in dem sich eine Säure zwischen zwei Basen verteilt, von

den Mengen der Basen abhängt. Ist die einem bestimmten Mengenverhältnis

entsprechende Verteilung eingetreten, so sind die in chemischer

Berührung befindlichen, gelösten Substanzen offenbar im Zustande des

chemischen Gleichgewichts. Dieses würde auch obwalten, wenn man die

vier Substanzen in dem für das chemische Gleichgewicht erforderlichen

Verhältnis von vornherein in die Lösung gebracht hätte.

Um das Mengenverhältnis für den Zustand des chemischen Gleichgewichts

zu ermitteln, experimentierte *Jellet* mit zwei Pflanzenbasen und

mit Salzsäure. Als geeignete Pflanzenbasen (Alkaloide)[504] wählte

er Chinin und Brucin. Sie sind in Alkohol leicht löslich und bilden

mit Salzsäure wohlcharakterisierte, gleichfalls in Alkohol lösliche

Salze. Zur Bestimmung des Mengenverhältnisses, in dem sich die beiden

Alkaloide und die Salzsäure im Zustande des chemischen Gleichgewichts

befinden, diente die optische Untersuchung. Die Lösungen von Chinin und

Brucin, die beide die Polarisationsebene links drehen, wurden gemischt

und mit einer Menge Salzsäure versetzt, die zur Überführung der Basen

in salzsaures Chinin und in salzsaures Brucin nicht ausreichte. Die

Bestimmung des Mengenverhältnisses, das in der Lösung obwaltet, stützte

sich auf die Tatsache, daß die Stoffe in gemeinsamer Lösung, wenn sie

chemisch nicht aufeinander wirken, ihr Drehungsvermögen gegenseitig

auch nicht beeinflussen. Hatte *Jellet* die Drehung eines Gemisches, in

dem sich die vier Substanzen[505] im chemischen Gleichgewicht befanden,

ermittelt und verdünnte er dann die Lösung, so wurde die Drehung im

genauen Verhältnis der Verdünnung kleiner. *Jellet* schloß daraus, daß

das chemische Gleichgewicht durch die Verdünnung nicht geändert wird.

Ein Beispiel, wie man die Mengen der vier im chemischen Gleichgewicht

stehenden, in der Lösung vorhandenen Substanzen findet, ist das

folgende. Zu b_{1} Molekülen Chinin und b_{2} Molekülen Brucin habe

man α Moleküle Salzsäure gefügt. Letztere verbindet sich mit Chinin

und Brucin so, daß jedes Molekül der Basis sich mit einem Molekül

Salzsäure vereinigt. Entstanden also x Moleküle salzsaures Chinin, so

müssen sich α - x Moleküle salzsaures Brucin gebildet haben. Für die

Mischung der vier Substanzen wird sich die beobachtete Gesamtdrehung r

so zusammensetzen, daß r die Summe ist aus:

x multipliziert mit dem molekularen Drehungsvermögen

des salzsauren Chinins.

α - x multipliziert mit dem molekularen Drehungsvermögen

des salzsauren Brucins.

b_{1} - x multipliziert mit dem molekularen Drehungsvermögen

des unverbundenen Chinins[506].

b_{2} - [α - x] multipliziert mit dem molekularen Drehungsvermögen

des unverbundenen Brucins[507].

Die für r bestehende Gleichung, können wir kürzer schreiben:

r = x · D_{Chi} · HCl + (α - x)D_{Bru} · HCl + (b_{1} - x)D_{Chi}

+ (b_{2} - [α - x])D_{Bru}.

In diesem Ausdruck bedeutet D jedesmal das Drehungsvermögen der neben D

vermerkten Verbindungen.

Aus der Gleichung läßt sich x, da alle übrigen Werte genau bestimmt

sind oder polarimetrisch gemessen wurden, berechnen. Aus dem

Wert für x erhält man die Mengen der in den Lösungen vorhandenen

Substanzen gleichfalls durch Rechnung[508]. War die Lösung z. B. so

zusammengesetzt, daß auf 100 Moleküle Chinin, 104 Moleküle Codëin und

70,7 Moleküle Salzsäure kamen, so erhielt man für x den Wert 42,7.

Ist der Wert für x gefunden, so sind damit auch die Mengen α - x, b_{1}

- x und b_{2} - (α - x) der drei anderen in der Lösung enthaltenen

Substanzen bekannt. Wurde in drei weiteren Beobachtungsreihen die

Menge der Säure verändert, während man für die Basen dieselben Werte

beibehielt, so erhielt man das in folgender Tabelle ausgedrückte

Ergebnis:

======+=======+============+=========

b_{1} | b_{2} | α | x

======+=======+============+=========

100 | 104 | 70,7 | 42,7

100 | 104 | 91,7 | 55,0

100 | 104 | 112,4 | 66,0

100 | 104 | 130,2 | 73

Es erhob sich jetzt die Frage, ob diese Werte für die vier in

der Lösung im chemischen Gleichgewicht stehenden Substanzen eine

gesetzmäßige Beziehung erkennen lassen. Nach der Gleichung auf S. 343

sind in der Lösung für den Fall des chemischen Gleichgewichts enthalten:

x Moleküle salzsaures Chinin (1)

α - x Moleküle salzsaures Brucin (2)

b_{1} - x Moleküle Chinin (3)

b_{2} - (α - x) Moleküle Brucin (4)

Aus diesen Werten bildete *Jellet* einen Quotienten von der Form ((1) ·

(4))/((2) · (3)) = (x[b_{2} - (α - x)])/((α - x)(b_{1} - x)).

Wurde dieser Quotient für die in den vier Beobachtungsreihen

enthaltenen Werte berechnet, so ergab sich, daß er eine konstante Größe

ist. Diese Gleichgewichtskonstante besaß für die Kombinationen von

Chinin, Codëin und Brucin folgende Werte:

Chinin und Codein 2,03

Codëin und Brucin 1,58

Brucin und Chinin 0,32

Auf polarimetrischem Wege versuchte *Jellet* auch das Reaktionsvermögen

einer starken Base, z. B. von Kaliumhydroxyd, mit dem Reaktionsvermögen

einer organischen Base zu vergleichen. Fügte er z. B. Essigsäure

zu einer Lösung der beiden Basen Kaliumhydroxyd und Strychnin, so

trat eine Änderung des Drehungsvermögens erst ein, nachdem das

Kaliumhydroxyd nahezu völlig von der Säure neutralisiert worden war.

In dem Momente, in dem sich das Drehungsvermögen änderte, begann

die Neutralisation des Strychnins. In dem Gemenge wird nämlich die

Drehung der Polarisationsebene nur durch das Strychnin und durch das

salzsaure Strychnin veranlaßt, die überdies ein verschieden großes

Drehungsvermögen besitzen.

*Jellet* befaßte sich auch mit der Frage, ob das chemische

Gleichgewicht als ein statisches oder ein dynamisches aufzufassen

ist. Der Ausdruck statisches Gleichgewicht bedeutet, daß die in einer

Lösung befindlichen Molekeln sich in ihrer Zusammensetzung nicht

ändern, solange die Umstände dieselben bleiben. Beim dynamischen

Gleichgewicht findet dagegen fortwährend Zerfall und Rückbildung statt.

Diese Vorgänge müssen sich jedoch gegenseitig vollkommen ausgleichen,

da sich das Verhältnis der in der Lösung befindlichen Substanzen,

nachdem das Gleichgewicht eingetreten ist, nicht mehr ändert, solange

die Bedingungen dieselben bleiben. Obgleich sich sowohl die statische

wie die dynamische Auffassung mit den Tatsachen deckt, hielt *Jellet*

letztere doch für wahrscheinlicher.

*Jellets* »chemisch-optische Untersuchungen« sind eins der

hervorragendsten Beispiele für die Anwendung einer physikalischen

Methode auf ein chemisches Problem. Den Einblick, den *Jellet* mit

den Mitteln der Optik erreichen wollte, suchten andere Forscher durch

thermochemische Untersuchungen zu gewinnen. Nachdem besonders *Laplace*

und *Lavoisier* die bei chemischen Vorgängen frei werdende Wärme

mit Hilfe des von ihnen geschaffenen Eiskalorimeters messen gelehrt

hatten[509], entwickelte sich die Vorstellung, daß die erzeugten

Wärmemengen als ein Maß für die Affinität zu betrachten seien, während

sie in Wahrheit nur ein Maß für die chemische Energie abgeben. Auch

*Hess*[510], der sich zuerst um die Entdeckung der Gesetze bemüht hat,

nach denen sich die thermochemischen Vorgänge abspielen, ließ sich von

jener Vorstellung leiten. Er glaubte, daß die genaue Wärmebestimmung

ein relatives Maß für die chemische Affinität darbieten und zur

Entdeckung ihrer Gesetze führen werde. Nun hängt aber Wärmetönung,

d. h. die bei einem chemischen Umsatz entwickelte, in Wärmeeinheiten

ausgedrückte Energie, nicht ausschließlich von der Affinität der eine

Verbindung eingehenden Stoffe ab. Es geht vielmehr der Energieerzeugung

ein Energieaufwand zur Lösung der vor dem Umsatz bestehenden

Verbindungen parallel. Dieser Aufwand an Energie ist in gewissen

Fällen sogar größer als die erzeugte Energie. In solchen Fällen wird

die Wärmetönung sogar negativ, d. h. der chemische Umsatz erfolgt

unter Absorption von Wärme. Ein Beispiel[511] ist die Vereinigung von

Jod und Wasserstoff zu Jodwasserstoff. Dieser Vorgang findet nicht

unter Wärmeerzeugung, sondern unter beträchtlichem Verbrauch von Wärme

statt. Ihre Erklärung findet die negative Wärmetönung in diesem Falle

darin, daß die Affinität zwischen Jod und Wasserstoff geringer ist

als die zwischen den Jodatomen und den Wasserstoffatomen bestehenden

Affinitäten. Der Vorgang verläuft nämlich nicht nach der Gleichung

H + J = HJ, sondern es findet ein Umsatz zwischen den Molekülen der

Elemente statt:

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 47 / 171 题