2C_{6}H_{5}NO_{2} + 8H = C_{6}H_{5}NNC_{6}H_{5} + 4H_{2}O.

Ein weiterer typischer Vorgang, auf dem sich die Chemie der

aromatischen Verbindungen wie auf der Nitrierung im wesentlichen

aufgebaut hat, war *Mitscherlichs* an dem Benzol vollzogene

Sulfonierung. Sie bestand in der Einführung der einwertigen

Sulfongruppe HSO_{3} an Stelle des mit dem Kohlenstoff verbundenen

Wasserstoffs und führte zur Entdeckung der Sulfon- oder Sulfosäuren.

/OH /R

SO_{2} + HR = H_{2}O + SO_{2}

\OH \OH

Die erste Sulfosäure, die Benzolsulfosäure, stellte Mitscherlich her,

indem er zu rauchender Schwefelsäure solange Benzol fügte, wie noch

etwas davon aufgenommen wurde:

/OH /C_{6}H_{5}[181].

C_{6}H_{6} + SO_{2} = H_{2}O + SO_{2}

\OH \OH

Es sind damit bei weitem noch nicht sämtliche Derivate berücksichtigt,

die *Mitscherlich* aus dem Benzol ableitete. Wir haben hier vielmehr

nur diejenigen Substitutionen betrachtet, welche die Entdeckung

ganzer Gruppen von organischen Verbindungen einleiteten. Da es

*Mitscherlich* gelungen war, die Benzoësäure in Kohlendioxyd und einen

Kohlenwasserstoff zu zerlegen, so dachte er sich sämtliche organische

Säuren entsprechend zusammengesetzt. Dagegen faßten *Liebig* und

*Wöhler* die Benzoësäure als die Verbindung eines sauerstoffhaltigen

Radikals, das sie Benzoyl nannten, mit der Hydroxylgruppe auf. Mit

dieser Theorie ließ sich *Mitscherlichs* Ansicht nicht vereinigen.

Erst durch *Kolbe*, der durch seine Arbeiten über die elektrolytische

Zerlegung der Salze der organischen Säuren die Frage nach der

Konstitution dieser Körper zu einem gewissen Abschluß brachte,

gelangten *Mitscherlichs* Vorstellungen zu ihrer vollen Würdigung.

Zu den wichtigsten Stützen der Radikaltheorie gehörten neben

*Gay-Lussacs* Arbeit über das Cyan und der *Liebig-Wöhler*schen

Untersuchung der Benzoylverbindungen *Bunsens* klassische Forschungen

über die Kakodylreihe[182]. Bevor wir uns mit diesen Forschungen

beschäftigen und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Chemie zu

würdigen suchen, sei dem Lebensgange *Bunsens* ein kurzer Abschnitt

gewidmet. Sind doch seine Verdienste um die Förderung der Chemie

in allen ihren Teilen nicht geringer als diejenigen *Liebigs* und

*Wöhlers* einzuschätzen.

*Robert Bunsen*[183] wurde 1811 in Göttingen geboren, wo sein Vater

als Professor der Philologie und als Bibliothekar wirkte. *Bunsen*

studierte in Göttingen, Paris, Wien und Berlin Naturwissenschaften.

Seine wichtigsten Studiengebiete waren die Chemie und die Physik. Auf

ausgedehnten Reisen widmete sich *Bunsen* mit Vorliebe mineralogischen

und geologischen Studien, sowie dem Besuche gewerblicher Anlagen. Eine

Anzahl wichtiger Untersuchungen *Bunsens* entsprangen den auf diesem

Wege gewonnenen Anregungen, so seine Arbeiten über Hochofengase, über

die Vorgänge bei der Verbrennung des Schießpulvers, seine Analysen von

Mineralien und Mineralwässern, seine Geisertheorie, die er nach einer

Bereisung Islands aufstellte, usw.

Ein Lehramt bekleidete *Bunsen* zuerst an der Gewerbeschule zu Cassel,

wo man ihn zum Nachfolger *Wöhlers* ernannt hatte. Später wirkte er in

Marburg und in Breslau. Im Jahre 1852 wurde *Bunsen* nach Heidelberg

berufen. Dort entfaltete er bis zum Jahre 1889 als Forscher und als

Lehrer[184] eine ganz außerordentliche Fruchtbarkeit. Auf die Bedeutung

der sich über einen Zeitraum von fast sechzig Jahren (1830-1887)

erstreckenden wissenschaftlichen Tätigkeit *Bunsens* werden wir an

manchen Stellen dieses Bandes zurückkommen.

In seinen ersten Untersuchungen hatte sich *Bunsen* mit Aufgaben der

anorganischen Chemie beschäftigt. Sie betrafen das Arsenik und die

Cyanverbindungen des Eisens[185]. In diesen Arbeiten liegen die Keime

der Untersuchungen über die Kakodylreihe, die *Bunsen* auf das Gebiet

der organischen Chemie führten und ihn sechs Jahre[186] beschäftigten.

Den Ausgangspunkt für die Kakodylverbindungen bildete eine

Flüssigkeit[187], die man schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts beim

Erhitzen eines essigsauren Salzes mit Arsenik erhalten hatte. Diese

Flüssigkeit besitzt einen in hohem Grade ekelerregenden Geruch. Sie

raucht an der Luft, fängt leicht Feuer und ist sehr giftig. Aus diesem

Grunde hatte man sich mit ihrer Erforschung noch wenig beschäftigt.

Daß *Bunsen* sich dieser Aufgabe unterzog, setzte einen nicht geringen

Mut voraus, der um so mehr anzuerkennen ist, als *Bunsen* schon

bei der Inangriffnahme seiner Aufgabe durch die Explosion einer

Kakodylverbindung[188] die Sehkraft des rechten Auges verlor und fast

das Leben eingebüßt hätte. Ähnliche Beispiele hatten *Davy* bei der

Untersuchung des Chlorstickstoffs und *Liebig* bei seinen Experimenten

mit der Knallsäure gegeben. Daß die Lösung wissenschaftlicher Aufgaben

nicht nur Geduld und Scharfsinn, sondern sehr oft auch das mutige

Einsetzen von Gesundheit und Leben erfordert, ist ein Umstand, den man

viel zu wenig zu würdigen pflegt.

Zunächst gewann *Bunsen* aus der »*Cadet*schen« Flüssigkeit eine

Substanz, die er als Alkarsin[189] bezeichnete. Die Darstellung

des Alkarsins mußte bei vollkommenem Ausschluß der Luft geschehen,

da es sich an der Luft sofort entzündet. Das Alkarsin erwies sich

als eine Verbindung des Arsens mit Sauerstoff, Kohlenstoff und

Wasserstoff. *Bunsen* konnte ihm auf Grund seiner Analysen und

Dampfdichtebestimmungen die Formel C_{4}H_{12}As_{2}O zuschreiben.

Diesen Stoff unterwarf *Bunsen* einer großen Zahl von chemischen

Veränderungen. Dabei stellte sich heraus, daß es zunächst der

Sauerstoff ist, der vermehrt und vermindert, verdrängt und ersetzt

werden kann, während sich die Veränderungen nicht in gleicher Weise

auf die drei anderen Elemente erstrecken. Vielmehr blieben diese

Elemente in ihrer durch den betreffenden Teil der Formel zum Ausdruck

kommenden Gruppierung C_{4}H_{12}As_{2} durch eine lange Reihe von

Verbindungen unverändert erhalten. Sie stellten sich somit ähnlich

wie die Cyangruppe (CN), mit deren Eisenverbindungen sich *Bunsen*

ja schon beschäftigt hatte, und wie die Benzoylgruppe (C_{6}H_{7}O)

als ein Ganzes dar, das als solches an den Umsetzungen teilnimmt. So

gelang es *Bunsen*, in das Alkarsin (C_{4}H_{12}As_{2}O) an Stelle

des Sauerstoffs Schwefel, Chlor oder Cyan einzuführen und eine Säure

darzustellen, der die Gruppe C_{4}H_{12}As_{2} als Radikal zugrunde

liegt. Das bewog ihn, für letzteres einen besonderen Namen und eine

kurze Bezeichnung einzuführen. Er nannte das Radikal C_{4}H_{12}As_{2}

Kakodyl[190] und bezeichnete es als Kd. Das Alkarsin erhielt somit als

die niedrigste Oxydationsstufe den Namen Kakodyloxyd = KdO.

Die Vorstellung, daß in den organischen Verbindungen gewisse

Atomgruppen enthalten seien, die in langen Reihen von Verbindungen

stets wiederkehren und nur durch kräftiger wirkende Einflüsse

zersetzbar sind, brachte *Bunsen* auf den Gedanken, ob das Radikal

der Kakoydylreihe sich nicht isolieren lasse. Nach der Radikaltheorie

sollten solche stabilen Atomgruppen in den organischen Verbindungen

die Rolle der Metalle übernehmen. Diesem Gedanken suchte *Bunsen* eine

besondere Stütze durch den Nachweis zu verleihen, daß die Radikale auch

außerhalb ihrer Verbindungen bestehen und in diesem Zustande ähnlichen

chemischen Verwandtschaftsgesetzen folgen wie die Metalle.

*Bunsen* suchte die Abscheidung des Kakodyls dadurch zu erreichen,

daß er es aus seiner Chlorverbindung durch ein Metall verdrängte. In

der Tat erhielt er bei diesem Versuch Chlorzink und eine wasserhelle,

dünnflüssige, an der Luft augenblicklich sich entzündende Substanz,

die er als das Radikal der Kakodylverbindungen, also als Kakodyl (Kd =

C_{4}H_{12}As_{2}) ansprach. Diese Ansicht wurde bei ihm zur Gewißheit,

als er die ganze Reihe der Kakodylverbindungen aus der erhaltenen

Substanz wieder herzustellen vermochte.

Unter der Einwirkung von Sauerstoff verwandelte sie sich in Kakodyloxyd

und in Kakodylsäure, durch Aufnahme von Schwefel, Chlor, Jod ging

sie in das Sulfid, Chlorid, Jodid über. Die aus dem Kakodylchlorid

durch Zersetzung mit Zink erhaltene Substanz war also einem einfachen

elektropositiven Element, etwa dem Kalium oder Natrium, so ähnlich, daß

*Bunsen* sie als ein wahres organisches Element bezeichnete. Nach der

heutigen Theorie ist die aus den Kakodylverbindungen durch Reduktion

gewonnene Substanz nicht das Radikal selbst, sondern es vereinigen sich

zwei Dimethylarsengruppen durch Bindung der freien Valenzen des Arsens

zu freiem Kakodyl. Als Dimethylarsen wurde das Kakodyl erst zehn Jahre

nach Abschluß der Untersuchungen *Bunsens* erkannt[191] (*Cahours*,

1854). Diese Änderung in der Auffassung des freien Kakodyls tut der

Bedeutung der *Bunsen*schen Untersuchungen über die Kakodylreihe keinen

Abbruch. Sie erschlossen das wichtige Gebiet der metallorganischen

Verbindungen und haben *Frankland* und *Kekulé* die schärfere

Erfassung des Valenzbegriffes ermöglicht. Ferner bewiesen *Bunsens*

Untersuchungen, daß anorganische Elemente, wie das Arsen, an der

Zusammensetzung der organischen Verbindungen Teil nehmen können, ohne

daß der Charakter der letzteren dadurch verloren geht. Daraus erwuchs

die Einsicht, daß die chemische Verwandtschaft und die Verhältnisse,

unter denen sie wirkt, bei den organischen und den unorganischen

Verbindungen die gleichen sind.

Zu der Überzeugung, daß es nur eine Chemie gibt, und daß für die

Zusammensetzung der organischen Verbindungen keine anderen Gesetze

gelten als für die Mineralchemie gelangte auch *Wurtz* durch seine

Untersuchungen über die Glykole und über das Äthylenoxyd[192].

*Chevreuls* berühmte Untersuchung der Fette hatte ergeben, daß diese

Stoffe zusammengesetzte Äther sind, die sich in Glyzerin und Säuren

(Fettsäuren) spalten lassen. Später hatten *Berthelot* und andere

Forscher nachgewiesen, daß in den Fetten ein Äquivalent Glyzerin sich

mit drei Äquivalenten einer einbasischen Säure unter Austritt von

Wasser vereinigt haben, während die gewöhnlichen Alkohole sich mit

einem Äquivalent einer einbasischen Säure verbinden. Das Glyzerin

erwies sich somit als ein dreiwertiger oder dreisäuriger Alkohol.

Das Verhältnis der dreiwertigen zu den einwertigen Alkoholen geht

am klarsten aus der Gegenüberstellung der neueren Formeln für den

Äthylalkohol (einwertig) und das Glyzerin (dreiwertig) hervor:

CH_{2}OH

CH_{2}OH |

| CHOH

CH_{3} |

CH_{2}OH

*Wurtz* stellte sich die Aufgabe, Zwischenglieder zwischen den

einwertigen Alkoholen und dem Glyzerin zu finden, d. h. Verbindungen

darzustellen, in denen sich zwei durch einwertige Säurereste ersetzbare

Hydroxylgruppen befinden. Es gelang ihm beim Äthyl-, Propyl-, Butyl-

und Amylalkohol solche Zwischenglieder nachzuweisen, die er als Glykole

bezeichnete.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 31 / 171 题