Wir haben in dem vorigen einleitenden Abschnitt in großen Zügen die
Entstehung des Weltbildes von den ältesten Beobachtungen bis zur
Begründung der Fixsternastronomie durch *Herschel* verfolgt.
Trotz der Vollendung, welche die Gravitationsmechanik durch *Laplace*
erfahren hatte, bereitete der von *Herschel* aufgefundene Uranus
den Astronomen große Schwierigkeiten. Nachdem für diesen Planeten
Beobachtungen vorlagen, die sich über 40 Jahre erstreckten, war man
zur Herstellung von Tafeln[8] geschritten. Bald nach der Entdeckung
des Uranus hatte sich ergeben, daß einzelne Stellungen dieses Planeten
schon von älteren Astronomen[9] im Verlauf des 18. Jahrhunderts
vermerkt worden waren; nur hatte man diese Beobachtungen auf einen
Fixstern 6. Größe, nicht aber auf einen unserem Sonnensystem
angehörenden Weltkörper bezogen. Jene älteren Beobachtungen ließen
sich jedoch nicht mit den neueren zu brauchbaren Tafeln vereinigen.
Man verwarf daher die ersteren als ungenau, obgleich man damit den
betreffenden Beobachtern gewaltige Fehler zur Last legte.
Als nach der Herausgabe der Uranustafeln ein Vierteljahrhundert
verflossen war, stellte sich indes dasselbe Verhältnis zwischen den
neuesten und jenen Beobachtungen heraus, die zur Aufstellung der
Tafeln gedient hatten. Ein solcher Mangel an Übereinstimmung ließ
sich nicht abermals einer Ungenauigkeit zuschreiben. Es erhob sich
daher die Frage, ob die Theorie der Planetenbewegung etwa nicht
genügend ausgebildet sei und das Gravitationsgesetz z. B. für größere
Entfernungen keine strenge Gültigkeit besitze; oder ob der Uranus
noch anderen Einflüssen gehorche neben denjenigen, welche die Sonne,
Jupiter und Saturn auf ihn ausüben. Sollte es nicht unter der letzten
Annahme, so fragte man sich, möglich sein, durch ein aufmerksames
Studium der Abweichungen, welche der Uranus darbietet, die bislang
unbekannte Ursache dieser Abweichungen zu ermitteln und den Punkt am
Himmel anzugeben, wo der fremde Körper, jene vermutliche Quelle aller
Schwierigkeiten, seinen Sitz hat? Diese Frage war es, mit der sich um
das Jahr 1845 auf *Aragos* Veranlassung ein junger, bis dahin kaum
bekannter Franzose namens *Leverrier* beschäftigte[10]. Das Problem
war offenbar eine Umkehrung der von *Laplace* zuerst bewältigten
Störungsrechnung. Hatte man früher aus der Kenntnis der Elemente des
störenden Körpers die Abweichungen des Planeten von der elliptischen
Bahn berechnet, so galt es jetzt, aus der genauen Kenntnis dieser
Abweichungen die Stellung und die Masse des störenden Weltkörpers
zu ermitteln. Hierbei ließ sich *Leverrier* zunächst durch einige
Analogieschlüsse leiten. Er nahm an, das zu entdeckende Gestirn sei
von der Sonne doppelt so weit wie der Uranus entfernt und befinde
sich in der Ebene der Ekliptik. Am 31. August des Jahres 1845 konnte
er der Pariser Akademie die Bahnelemente, die Masse, den Ort und
die scheinbare Größe des vermuteten Planeten mitteilen. Da sich die
Berliner Sternwarte damals im Besitz einer sehr genauen Karte der
von *Leverrier* angegebenen Gegend des Himmels befand, so wurde
diese Warte von dem Ergebnis der Rechnung in Kenntnis gesetzt. An
demselben Abend, als die Mitteilung aus Paris in die Hände *Galles*[11]
gelangte, welcher derzeit in Berlin den Posten eines astronomischen
Hilfsarbeiters inne hatte, gelang diesem die Entdeckung des gesuchten,
später Neptun genannten äußersten Planeten. Er fand ihn an einer
Stelle, die nur einen Grad von dem durch *Leverrier* berechneten Ort
entfernt, war. Diese Entdeckung bedeutet einen der größten Triumphe
der Wissenschaft. »Das geistige Auge sah einen Weltkörper und wies ihm
seine Bahn und seine Masse an, ehe noch ein Fernrohr auf ihn gerichtet
wurde«[12].
Dem geschilderten glänzenden Erfolg der theoretischen Astronomie
konnten sich die insbesondere durch *Bessel* bewirkten Fortschritte der
Beobachtungskunst würdig an die Seite stellen[13].
Ermöglicht wurden die Fortschritte der beobachtenden Astronomie vor
allem durch die Vervollkommnung, welche die dioptrischen Instrumente
in der Hand eines *Fraunhofers* und anderer hervorragender Optiker
erfahren hatten. Ein Instrument, das die geringsten Sterndistanzen zu
messen gestattete, war *Fraunhofers* Heliometer. Es gab Resultate,
die auf Bruchteile von Bogensekunden genau waren. *Fraunhofer* hatte
dies durch Bisektion des Objektives seines Instruments erreicht. Zur
Ermittlung der Distanzen diente die Verschiebung, die notwendig war,
um die durch beide Objektivhälften gesehenen Bilder zu vereinigen. Ein
derartiges, erst nach dem Tode *Fraunhofers* vollendetes Heliometer
hatte[14] auf Veranlassung *Bessels* die Königsberger Sternwarte
erworben.
Die vorzüglichen Ergebnisse, die *Bessel* mit diesem Instrument
erhielt, bewogen ihn, sich im Jahre 1837 dem schon so oft vergeblich
in Angriff genommenen Problem einer Bestimmung der Parallaxen von
Fixsternen[15] wieder zuzuwenden. Zum Gegenstande seiner Untersuchung
wählte *Bessel* die jährliche Parallaxe des 61. Sterns des Schwans,
weil er dieses Gestirn, obgleich es für das bloße Auge kaum sichtbar
ist, für den nächsten oder einen der nächsten von allen Fixsternen
hielt. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wußte man durch *Bradley*,
daß die Fixsterne eigentümliche, stetig fortschreitende Bewegungen
an der Himmelskugel zeigen, die eine Änderung ihrer Stellungen gegen
benachbarte Sterne zur Folge haben und endlich die Gruppen, in welchen
die Fixsterne erscheinen, gänzlich umgestalten müssen.
Der 61. Stern des Schwans besaß nun die größte von allen
Eigenbewegungen, die *Bessel* bekannt waren. Er fand sie gleich 5
Sekunden für das Jahr. In Ermangelung eines anderen Anzeichens für
die größere oder geringere Nähe eines Fixsternes nahm *Bessel* an, daß
einer starken Eigenbewegung eine geringe Entfernung und damit eine
bedeutende Parallaxe entsprechen müsse. Der 61. Stern des Schwans bot
auch den Vorzug, daß er von vielen kleinen Sternen umgeben ist, unter
denen sich Vergleichungspunkte nach Belieben auswählen ließen. Ferner
besteht der 61. Stern des Schwans aus zwei Weltkörpern; er ist also ein
Doppelgestirn. *Bessels* Beobachtungen waren Messungen der Abstände des
in der Mitte des Doppelgestirns liegenden Punktes von zwei Sternen der
10. Größe, die sich in seiner Nähe befinden. Abbildung 1 zeigt die Lage
des Doppelsterns zu diesen beiden kleinen Sternen (a und b).
[Illustration: Abb. 1. *Bessel* bestimmt die Parallaxe eines Fixsterns.]
Die durch den Erdumlauf bedingte scheinbare Bewegung des beobachteten
Gestirns besteht darin, daß es eine Ellipse beschreibt, deren Gestalt
durch die Lage des Sterns gegen die Ebene der Erdbahn bestimmt und
deren größter Durchmesser das Doppelte der gesuchten jährlichen
Parallaxe ist. Auch der Vergleichsstern (a oder b) beschreibt eine
Ellipse von derselben Gestalt. Diese Ellipse ist aber in dem Verhältnis
kleiner, in dem die jährliche Parallaxe des Vergleichssterns kleiner
ist als diejenige des 61. Sterns des Schwans. Beide Sterne durchlaufen
ihre Ellipsen auf gleiche Art, d. h. sie befinden sich immer an ähnlich
liegenden Punkten derselben.
Eine scheinbare Verschiebung der Gestirne ruft bekanntlich auch
die Aberration hervor. Sie würde offenbar keinen Einfluß auf das
Ergebnis der Untersuchung haben, wenn sie beiden Sternen genau gleiche
Bewegungen an der Himmelskugel gäbe. Allein die Bewegung, welche
die Aberration einem Stern verleiht, hängt von dem Orte ab, den der
Stern an der Himmelskugel einnimmt. Da nun die Örter des Sternes 61
und der Vergleichssterne zwar einander sehr nahe (Stern 61 war von a
nur 7 Minuten 22 Sek., von b nur 11 Minuten 46 Sek. entfernt) sind,
jedoch nicht völlig zusammenfallen, so ist ein kleiner Unterschied der
Aberrationen vorhanden. Der geringe Einfluß, den dieser Unterschied
ausübt, wurde durch *Bessel* ermittelt und *eliminiert*.
Ferner kam der Einfluß in Betracht, den die Eigenbewegung des Sternes
61 auf den Abstand von dem Vergleichsstern ausübt. Dieser Einfluß
besteht in einer fast gleichförmigen Veränderung des Abstandes, deren
Größe man berechnen kann, wenn man die Größe der Eigenbewegung des
Sternes kennt. Auf diese Weise konnte *Bessel* alle im Laufe der Zeit
gemachten Messungen auf diejenigen Werte zurückführen, die er gemessen
haben würde, wenn der Stern 61 unverändert an dem Orte geblieben wäre,
an dem er sich zu einer bestimmten Zeit, z. B. am Anfange des Jahres
1838 befand.
Indem *Bessel* nach diesen Gesichtspunkten verfuhr, gewann er durch
fortgesetzte Messungen der Entfernung des Sternes 61 von einem jeden
der Vergleichssterne ein Urteil über den Unterschied der jährlichen
Parallaxen. Einer der Vergleichssterne hätte zwar genügt, allein
*Bessel* wählte deren zwei, um mehrere von einander unabhängige
Resultate zu erhalten, die sich gegenseitig entweder bestätigen oder
verdächtig machen konnten. Er begann seine Beobachtungen am 16. August
1837 und setzte sie bis zum 2. Oktober 1838 fort. In dieser Zeit
gelangen ihm 85 Vergleichungen des Sterns 61 mit dem Sterne a und 98
mit dem Sterne b. Jede Vergleichung war das Mittel mehrerer (gewöhnlich
16) in einer Nacht gemachten Messungen. Als *Bessel* alle Beobachtungen
durch Rechnung von den Einflüssen befreit hatte, welche die Aberration
und die eigene Bewegung des Sterns 61 auf seine Entfernungen von a und
b äußerten, zeigten sich sehr deutliche Veränderungen, die demselben
Gesetze folgten, nach dem eine jährliche Parallaxe des Sternes 61 seine
Entfernungen sowohl von dem Sterne a als von dem Sterne b im Laufe des
Jahres verändern mußte.
Obgleich der Schluß von der geringen Helligkeit der Sternchen a und
b auf eine sehr große Entfernung oder auf eine so kleine jährliche
Parallaxe, daß diese gänzlich unmerklich ist, unsicher war, so hielt
es *Bessel* doch für angebracht, diesen Schluß zu ziehen, und aus der
Zusammenfassung der Vergleiche des Sternes 61 mit den Sternen a und b
ein mittleres, auf der Voraussetzung der Unmerklichkeit der jährlichen
Parallaxen der letzteren Sterne beruhendes Resultat für die jährliche
Parallaxe des 61. Sternes zu ermitteln. Der erhaltene Wert belief sich
auf 31 Hundertstel einer Sekunde. Der Abstand des 61. Sternes von der
Erde berechne sich daraus auf 657,700 Halbmesser der Erdbahn[16]. Das
Licht gebraucht etwas über 10 Jahre, um eine solch große Entfernung zu
durchlaufen. Um sie anschaulicher zu machen, führt *Bessel* aus, daß
eine Lokomotive, die täglich 200 Meilen zurücklegt, 68000 Millionen
Tagereisen oder fast 200 Millionen Jahre zur Durchmessung des Abstandes
jenes Sternes gebrauchen würde.
*Bessels* Untersuchung der Fixsternparallaxe wurde etwas ausführlicher
geschildert, weil sie zeigt, mit einer wie weitgehenden Genauigkeit und
mit welch' unermüdlicher Ausdauer astronomische Messungen angestellt
werden müssen, wenn es sich um die Lösung derjenigen Probleme handelt,
welche die Jahrtausende währende Arbeit der älteren Astronomen dem
neuesten Zeitalter übrig gelassen hat.
Zu denjenigen Arbeiten *Bessels*, die mehr die Erdphysik als die
Astronomie betrafen, gehört die genaue Bestimmung des Sekundenpendels
für die Königsberger Sternwarte[17].
Der Grundgedanke des hierbei von *Bessel* eingeschlagenen Verfahrens
besteht darin, daß er nicht die Schwingungszeit und die Länge eines
bestimmten Pendels, sondern die Schwingungszeiten zweier Pendel
beobachtete, deren Längenunterschied genau bekannt war. Die auf diesem
Wege gewonnenen Daten reichten hin, um die Länge des Sekundenpendels
mit größter Schärfe zu bestimmen.
Ein weiterer Fortschritt den früheren Messungen gegenüber bestand
darin, daß *Bessel* den Einfluß des Luftwiderstandes auf die
Pendelbewegung in Rechnung zog und die nicht geringen Schwierigkeiten,
welche die Berücksichtigung dieses Einflusses machte, zu bewältigen
verstand. Um die Schwingungszeit mit möglichster Schärfe zu bestimmen
wurden einer einzigen Versuchsreihe mehr als 4000 Schwingungen zugrunde
gelegt. Ein bei der Zeitmessung etwa begangener Fehler mußte offenbar
um so kleiner sein, je größer die Zahl der Schwingungen war.
Ferner bediente sich *Bessel* der von *Borda* eingeführten Methode der
Koinzidenzen. Um nämlich die größte Schärfe in der Bestimmung der
Schwingungszeit zu erzielen, verglich *Bessel* die Schwingungen des
zu beobachtenden Pendels mit den Schwingungen des Pendels einer Uhr,
deren Gang mit astronomischer Genauigkeit kontrolliert wurde. Beide
Pendel wurden durch das Fernrohr beobachtet. Zum Ausgangspunkt der
Beobachtungen wurde der Moment gewählt, in dem beide Pendel zugleich
durch das Gesichtsfeld gehen. Solche Koinzidenzen müssen sich bei dem
verschiedenen Gang der Pendel wiederholen und auf ihre Zahl läßt sich
eine weit genauere Bestimmung der Schwingungszeit gründen als auf die
unmittelbare Beobachtung.
Es würde zu weit führen, wenn wir hier auf weitere Einzelheiten
der scharfsinnigen Methode, auf der vor allem die Bedeutung dieser
*Bessel*'schen Abhandlung beruht, näher eingehen wollten. *Bessel*
erwog sogar, daß das Pendel ein Leiter ist, der im erdmagnetischen
Felde schwingt, und daß die hierbei eintretende Induktion vielleicht
nicht außer acht gelassen werden darf. Er überließ es aber späteren
Untersuchungen, den Einfluß dieses Umstandes rechnerisch oder
experimentell zu prüfen.
Als das Mittel aller Bestimmungen ergab sich die Länge des
Sekundenpendels für die Königsberger Sternwarte gleich 440,8147 Linien
oder, auf den Spiegel der Ostsee reduziert, gleich 440,8179 Linien. Als
das geeignetste Mittel für spätere Messungen empfahl *Bessel*[18] das
Reversionspendel.
Gibt man diesem Instrumente[19], wie *Bessel* vorschlug, eine
geeignete Form, so läßt sich der Einfluß der Luft aus der Rechnung
völlig ausscheiden. Es ist dies nämlich der Fall, wenn man das
Reversionspendel in bezug auf beide Schneiden völlig symmetrisch
gestaltet. Aus diesem Grunde hat man für die späteren zahlreichen auf
einen Vergleich der Schwerkraft für die verschiedenen Orte der Erde
abzielenden Untersuchungen das Reversionspendel benutzt, während das
von *Bessel* in Vorschlag gebrachte Verfahren, ohne deshalb seine
methodische Bedeutung zu verlieren, selten mehr zur Anwendung gekommen
ist.
Hatte die Entdeckung *Leverriers* bewiesen, daß auch die fernsten
Glieder unseres Systems dem *Newton*schen Attraktionsgesetz gehorchen,
so gelang es seit etwa 1830, die Gültigkeit dieses Gesetzes auch für
die entlegensten Fixsternregionen durch Berechnung und Beobachtung
der Doppelsternbahnen darzutun und auch hierdurch einer einheitlichen
Auffassung des gesamten Naturgeschehens den Weg zu ebnen.
Wir gelangen damit zu *Encke*, der nicht nur jene Untersuchung über
die Doppelsterne anstellte, sondern auch durch das von ihm in Berlin
geschaffene Sternkartenunternehmen die Entdeckung *Leverriers*
ermöglichte.
*Johann Franz Encke* wurde 1791 in Hamburg geboren. Er studierte in
Göttingen, wo er der Lieblingsschüler von *Gauß* war. Auch mit *Bessel*
war er sehr befreundet. Als letzterer 1825 die Berufung nach Berlin
ausschlug, wählte die dortige Akademie *Encke*. Vierzig Jahre hat
er dieser Gesellschaft angehört und die Astronomie, die gleich der
Mathematik während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts in Berlin
keinen bedeutenden Vertreter hatte, dort wieder zur Blüte gebracht[20].
Bevor wir uns mit den Aufgaben befassen, die *Encke* während seiner
Berliner Tätigkeit löste, wollen wir uns seiner Erstlingsarbeit
zuwenden. Im Jahre 1818 war ein Komet entdeckt worden, für den *Encke*,
zunächst unter der Annahme, daß die Bahn eine parabolische sei, auf
Grund der vorliegenden Beobachtungen Berechnungen anstellte. *Encke*
sah sich, um Rechnung und Beobachtung in Übereinstimmung zu bringen,
gezwungen, für den Kometen eine elliptische Bahn von der unerhört
kurzen Umlaufszeit von 3,6 Jahren anzunehmen. Die wenigen bis dahin
bekannt gewordenen, in Ellipsen sich bewegenden Kometen besaßen eine
Umlaufszeit von mehr als 70 Jahren. *Enckes* Entdeckung war also für
das Gebiet der Kometenforschung eine epochemachende, zumal er bald
nachweisen konnte, daß der Komet von 1818 auch 1786, 1795 und 1805
beobachtet worden sei. *Enckes* im Jahre 1819 erschienene Abhandlung
erhielt deshalb den Titel: »Über einen merkwürdigen Kometen, der
wahrscheinlich bei dreijähriger Umlaufszeit schon zum vierten Male
beobachtet ist.« Das Merkwürdigste war aber *Enckes* Entdeckung, daß
sich die Umlaufszeit jenes Himmelskörpers jedesmal um drei Stunden
verkürzte. Er schrieb diese Erscheinung einem widerstehenden Mittel zu
und glaubte, daß die beobachtete Verzögerung ein unmittelbarer Beweis
für das Vorhandensein eines das Weltall erfüllenden Äthers sei. Ein
Teil der zeitgenössischen Astronomen stimmte ihm darin bei; ein anderer
Teil, darunter *Bessel*, suchte die Erscheinung auf andere Gründe
zurückzuführen. Immerhin hatte *Encke* die Genugtuung, bis zu seinem
Tode, also fast ein halbes Jahrhundert, den nach ihm genannten Kometen
alle drei Jahre wiederkehren zu sehen.
Die erste Aufgabe, die *Encke* nach seiner Übersiedelung nach Berlin
(1825) zu lösen hatte, war von *Bessel* angeregt worden. »Die
Herausgabe neuer, möglichst vollständiger Himmelskarten«, heißt es
darüber in den Abhandlungen der Akademie, »brachte unser auswärtiges
Mitglied *Bessel* in Vorschlag. Solche Karten würden nicht nur
das treueste Bild des Himmels darstellen bis zu der Grenze, die
unsere jetzigen Fernrohre erlauben, sondern sie würden zugleich die
Grundlage zur möglichst genauen Beobachtung der etwa noch fehlenden
Sterne abgeben«. Das Zustandekommen und die Durchführung dieses mit
ungeahnten Schwierigkeiten verknüpften großen Unternehmens ist vor
allem das Verdienst *Enckes* gewesen. Die Kartierung ist indessen
in mehrfacher Hinsicht unfertig geblieben; sie beschränkte sich
zunächst auf einen 30 Grad breiten Äquatorialgürtel, umfaßte demnach
nur einen Teil des gesamten Himmels. Aufgenommen wurden die Sterne
bis zur 9. Größe. Der außerordentliche Wert einer solch mühevollen
Arbeit bestand darin, daß man durch sie eine sichere Grundlage für
alle späteren astronomischen Arbeiten schuf. Insbesondere ließen sich
mit Hilfe dieser topographischen Aufnahme die Eigenbewegungen und die
Helligkeitsänderungen genau verfolgen. Diesem ersten, in den Berliner
Karten niedergelegten Versuch die helleren teleskopischen Sterne
vollzählig zu ermitteln und mit den sichtbaren zu einem getreuen Bilde
zu vereinigen, ist gegen das Ende des 19. Jahrhunderts jene große
photographische Gesamtaufnahme des Himmels gefolgt, von der in einem
späteren Abschnitt ausführlicher die Rede sein wird.
*Encke* war in erster Linie rechnender Astronom. Es ist bezeichnend
für die Wertschätzung, die er als solcher erfuhr, daß *Bessel*
befürchtete, *Encke* werde durch den Bau einer neuen Sternwarte von
seinen höheren Aufgaben abgezogen werden. »Ich betrachte Sie«, schrieb
*Bessel* ihm, »als denjenigen Astronomen, dem die Oberaufsicht über
die Rechnungen zusteht. Nach meiner Meinung darf Ihnen die Sternwarte
nie die Hauptsache sein. Ein Gehilfe muß darin die Arbeit übernehmen.«
Der Bau einer neuen Sternwarte kam besonders durch A. von *Humboldts*
Bemühungen zustande; und *Encke* hat es im Verein mit tüchtigen
Gehilfen, unter denen vor allem *Galle* als der Entdecker des Neptuns
zu nennen ist, verstanden, dem neuen Institut bald eine führende Rolle
zu sichern.
*Enckes* selbst von einem *Bessel* bewundertes rechnerisches Genie
trat besonders zutage, als er es unternahm, aus den zahlreichen
Beobachtungen, zu welchen die Venusdurchgänge der Jahre 1761 und
1769 Anlaß gegeben, mit Hilfe neuerer Verfahren, wie der Methode der
kleinsten Quadrate, den Wert für die mittlere Entfernung der Sonne
abzuleiten. Das Ergebnis dieser Untersuchung war *Enckes* Schrift
vom Jahre 1822: »Die Entfernung der Sonne von der Erde aus dem
Venusdurchgange von 1761 hergeleitet«. Aus den sämtlichen Beobachtungen
dieses Durchganges schloß *Encke*[21] auf eine mittlere Sonnenparallaxe
von 8''490525. Diesem Wert entspricht ein mittlerer Sonnenabstand von
20,878745 Meilen. Als Grenzen der Ungewißheit ergaben sich für die
Parallaxe 8''429813 und 8''551237 und dementsprechend für den Abstand
20,730570 und 21,029116 Meilen.
Einige Jahre später (1824) erschien eine zweite Schrift *Enckes*,
in der er die Sonnenparallaxe auf Grund des gesamten Materials der
Jahre 1761 und 1769 zu 8'',57116 und die mittlere Entfernung gleich
20,682329 geographischen Meilen berechnete. Dieser Wert ist in Gebrauch
geblieben, bis die Venusdurchgänge des 19. Jahrhunderts (1874 und 1882)
neues Material und damit einen neuen Wert ergaben.
Über die Berechnung der Doppelsternbahnen endlich ließ *Encke* eine
grundlegende Abhandlung[22] im Jahre 1832 erscheinen. Er folgte
dabei dem Gedanken[23], unter der Annahme des Gravitationsgesetzes
aus einigen Positionsbestimmungen des Begleiters in Beziehung zum
Hauptstern die Bahn des ersteren zu berechnen. Aus der Übereinstimmung
des Resultates mit weiteren Beobachtungen ergab sich die Zulässigkeit
der Annahme, daß das Gravitationsgesetz auch die Beziehungen unter den
Doppelsternen regelt.
Unter den späteren Arbeiten *Enckes* ist vor allem seine Abhandlung
vom Jahre 1851 über die Bestimmung einer elliptischen Bahn aus drei
vollständigen Beobachtungen zu nennen[24]. Das betreffende Problem
hatte *Gauß* in seiner »Theoria motus« in so vollkommener Weise gelöst,
daß alle früheren Arbeiten, die sich mit seiner Lösung beschäftigten,
in der Folge nur noch geschichtlichen Wert besaßen. Den späteren
Astronomen bot sich daher hier nur eine geringe Nachlese. Trotzdem
gelang es *Encke* in der erwähnten Abhandlung, einige von *Gauß* nur
berührte Punkte weiter auszuführen und zumal in rechnerischer Hinsicht
einige Verbesserungen der von *Gauß* gebotenen Lösung vorzuschlagen.
*Encke* und *Bessel* sind unter den deutschen Astronomen, welche den
Übergang zwischen *Gauß* und der neuesten Periode dieser Wissenschaft
vermittelt haben, als die hervorragendsten zu nennen. *Encke* war
es, der die von *Gauß* angestrebte Verfeinerung der astronomischen
Rechenkunst zur Vollendung brachte, während *Bessel* der Kunst der
Beobachtung die entsprechende Förderung angedeihen ließ.
3. Die älteren Zweige der Physik bis zu ihrem Eintritt in das Zeitalter
des Energieprinzips.
Von den älteren Zweigen der Physik hatte die Mechanik schon während der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen hohen Grad der Ausbildung
erreicht. *Lagrange* hatte sie in seiner als klassisch zu bezeichnenden
Mécanique analytique vom Jahre 1788 in ein System gebracht, das für
die weitere Entwicklung der Mechanik grundlegend gewesen ist. Die
experimentellen Fortschritte, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts
an die klassische Periode der theoretischen Mechanik anschlossen,
betrafen in erster Linie das Gebiet der Gase und der Flüssigkeiten.
Auf diesem Gebiete wurde eine Reihe von Entdeckungen gemacht, die
teils zu einer schärferen und allgemeinen Fassung des Energieprinzips
hinüberleiteten, teils der Begründung der physikalischen Chemie die
Wege geebnet haben. Vor allem ist hier die genauere Untersuchung der
als Diffusion und Diosmose bezeichneten Vorgänge zu nennen.
Wohl die älteste hierher gehörende Beobachtung verzeichnete die
wissenschaftliche Literatur um die Mitte des 18. Jahrhunderts[25]. Der
durch seine Verdienste um die Erforschung der Reibungselektrizität
bekannte *Nollet*[26] hatte Weingeist in eine Flasche gefüllt und
diese mit einem Stück Schweinsblase verschlossen. Um den Weingeist
noch besser von der Luft abzuschließen, hatte er die Flasche darauf
in Wasser gestellt. Nach einigen Stunden bemerkte er zu seinem
Erstaunen, daß die Blase emporgewölbt und sehr gespannt war. Als er
sie mit einer Nadel durchstach, spritzte ihr Inhalt hoch empor. Um auf
den Grund dieser Erscheinung zu kommen, kehrte *Nollet* den Versuch
sozusagen um. Er füllte nämlich eine Flasche mit Wasser, verschloß
sie wieder mit einer Blase und stellte sie in Weingeist. Diesmal
wölbte sich die Blase allmählich nach innen, ein Beweis, daß sich das
in der Flasche befindliche Wasser vermindert hatte. *Nollet* schloß
aus diesen Versuchen, daß die Blase für Wasser durchlässiger sei als
für Weingeist. Er gab nämlich folgende im allgemeinen zutreffende
Erklärung: »Wenn die Blase auf der einen Seite mit Wasser und auf der
anderen mit Weingeist in Berührung steht, so läßt sie, indem sich beide
Flüssigkeiten um den Durchgang streiten, vorzugsweise das Wasser durch
sich hindurchtreten.«
Es vergingen nicht weniger als achtzig Jahre, bis sich ein Forscher
eingehender mit dieser merkwürdigen Erscheinung beschäftigte und
ihre große Bedeutung für die Erklärung mancher Vorgänge erkannte. Es
war der um die Begründung der neueren Physiologie so hochverdiente
*Dutrochet*[27].
Von *Dutrochet* rühren die Bezeichnungen Endosmose und Exosmose für
den von *Nollet* entdeckten Vorgang her. Sind zwei Flüssigkeiten durch
eine dünne, durchlässige Scheidewand getrennt, so gehen durch diese
Wand zwei entgegengesetzte und verschieden starke Strömungen vor
sich. Infolgedessen vermehrt sich die Flüssigkeit allmählich auf der
Seite, nach welcher die stärkere Strömung gerichtet ist. Gemäß dieser
Auffassung *Dutrochets* ist der Vorgang keineswegs auf tierische Häute
beschränkt. Er findet vielmehr, wie *Dutrochet* nachwies, auch durch
unorganische poröse Wände statt. Des weiteren zeigte *Dutrochet*, daß
die Osmose sich nicht aus der Kapillarität erklären läßt[28]. Trennte
er nämlich zwei Flüssigkeiten, deren kapillare Steighöhen verschieden
sind, durch eine Membran, so ging die stärkere Strömung keineswegs
von derjenigen Flüssigkeit aus, die eine größere kapillare Steighöhe
besitzt.
Zwar erwies sich die Osmose als eine Erscheinung der allgemeinen
Physik, da sie sowohl durch organische wie durch anorganische Stoffe
vor sich geht. Doch erkannte *Dutrochet*, daß die Bedingungen für
osmotische Vorgänge sich vorzugsweise in der organischen Natur
verwirklicht finden. Welche Bedeutung *Dutrochet* diesem physikalischen
Vorgang für die mechanische Erklärung der Lebenserscheinungen zuwies,
soll an anderer Stelle gezeigt werden.
Wie mit der Osmose der Flüssigkeiten, so wurde man mit dem
entsprechenden Verhalten der Gase gleichfalls durch eine ganz
zufällige Entdeckung bekannt. *Döbereiner* hatte einst einen mit
Wasserstoff gefüllten Zylinder in der pneumatischen Wanne stehen
lassen. Als er sich wieder nach dem Zylinder umsah, bemerkte er, daß
die Sperrflüssigkeit erheblich gestiegen war. Das Volumen des in dem
Zylinder eingeschlossenen Gases hatte sich also erheblich vermindert.
Da eine Auflösung des Wasserstoffs in der Sperrflüssigkeit nicht
in Betracht kam, so stand *Döbereiner* zunächst vor einem Rätsel.
Schließlich bemerkte er, daß sich in dem Zylinder ein Sprung befand,
durch den ein Teil des Wasserstoffs entwichen war[29]. Zehn Jahre
vergingen, bis nach der Entdeckung *Döbereiners* in dem Engländer
*Graham* ein Mann auftrat, der sich der Erforschung der Diffusion und
der Osmose mit dem größten Erfolge widmete.
*Grahams*[30] erste Abhandlung über die Diffusion der Gase erschien im
Jahre 1829[31]. *Graham* fand, daß die Geschwindigkeit, mit der die
Gase ineinander diffundieren, von der Natur der Gase abhängt. So ergab
sich, daß Wasserstoff sich viel rascher in der Luft verbreitet als
Kohlendioxyd.
Zu diesem Ergebnis kam *Graham* auf folgendem Wege. Er schloß das
zu untersuchende Gas in eine Glasröhre ein, die an dem einen Ende
zugeschmolzen war. An dem anderen Ende wurde die Röhre durch einen
Stöpsel verschlossen. In der Mitte des Stöpsels befand sich ein nach
außen rechtwinklig gebogenes Röhrchen, das in eine feine Öffnung
auslief.
Nachdem die Röhre mit dem zu untersuchenden Gase gefüllt war, wurde
sie in horizontaler Lage auf einen Träger gelegt, und zwar so, daß
das umgebogene Ende des offenen Röhrchens aufrecht stand, wenn das
Gas schwerer als die Luft war. War das Gas dagegen leichter als Luft,
so wurde das offene Ende des Röhrchens nach unten gekehrt. Dies
geschah, um ein mechanisches Ausfließen der Gase zu verhindern. In
der geschilderten Lage ließ *Graham* die Röhre bei jedem Versuche 10
Stunden liegen. Dann analysierte er ihren Inhalt, um festzustellen,
wieviel von dem Gase entwichen und wieviel atmosphärische Luft dafür
eingedrungen war. Es ergab sich, daß von 150 Teilen Gas nach zehn
Stunden noch vorhanden waren, bei Anwendung von
Wasserstoff 8,3 Teile
Ammoniak 61,0 "
Kohlendioxyd 79,5 "
Chlor 91,0 "
Hieraus schloß *Graham*, daß sich die Diffusionsgeschwindigkeit der
Gase umgekehrt wie eine Funktion ihrer Dichte verhält. Um diese
Funktion und damit das Gesetz[32] für die Diffusion der Gase zu finden,
stellte er weitere Versuche an. Sie führten ihn zu folgendem Ergebnis.
Trennt man zwei Gase, die keine chemische Wirkung aufeinander ausüben,
durch eine poröse Scheidewand, so dringen von jedem Gas Raumteile durch
diese Wand, die sich nahezu umgekehrt wie die Quadratwurzel aus der
Dichtigkeit der Gase verhalten. Voraussetzung ist, daß sich der Druck
der Gase während der Dauer des Vorgangs nicht ändert. Die porösen
Scheidewände, deren sich *Graham* bei seinen Diffusionsversuchen
bediente, bestanden aus trockner Gipsmasse. *Graham* bestätigte
das Gesetz der Diffusion der Gase durch Versuche mit Wasserstoff,
Stickstoff, Sauerstoff, Schwefelwasserstoff, Kohlenmonoxyd,
Kohlendioxyd usw. Zur Erläuterung mögen die mit Wasserstoff erhaltenen
Ergebnisse dienen. Die Dichtigkeit der Luft verhält sich zur
Dichtigkeit des Wasserstoffs wie
14,43 : 1.
Für 1 Raumteil Luft, die durch den Gipspflock in die Diffusionsröhre
gelangte, traten 3,83 Raumteile Wasserstoff aus. Nun ist aber
1 : 3,83 = √1 : √14,43.
Die ausgetauschten Gasmengen sind ein Maß für die Geschwindigkeiten der
Diffusion. Diese Geschwindigkeiten verhalten sich nach der Untersuchung
*Grahams* somit umgekehrt wie die Quadratwurzeln aus den Dichten der
diffundierenden Gase.
Von den Forschungen über die Diffusion der Gase schritt *Graham* zur
Untersuchung des entsprechenden Verhaltens der Flüssigkeiten. Hatte
dort *Döbereiners* Beobachtung als Ausgangspunkt für unsere Darstellung
gedient, so knüpften *Grahams* Forschungen über die Diffusion der
Flüssigkeiten an *Nollets* zufällige Entdeckung und an *Dutrochets*
osmotische Untersuchungen an.
*Graham* gelangte zu dem wichtigen Ergebnis, daß sich die löslichen
Stoffe in zwei Gruppen einteilen lassen, die er als Kristalloide
und Kolloide unterschied. Als Kristalloide bezeichnete *Graham*
solche Stoffe, deren Lösungen eine aus Schweinsblase oder aus
Pergamentpapier bestehende Membran leicht durchdringen. Die Kolloide
diffundieren dagegen durch eine derartige Membran äußerst wenig. Zu
den Kristalloiden gehören Chlornatrium, Zucker, Bittersalz, kurz alle
Stoffe, die leicht kristallisieren, während den Kolloiden[33], wie
Leim, Eiweiß, Gummi usw. diese Fähigkeit mangelt. Die Kristalloide
und die Kolloide weisen also, wie *Graham* erkannte, einen ähnlichen
Gegensatz auf, wie die leichtflüchtigen und die schwer flüchtigen
Substanzen.
[Illustration: Abb. 2. *Grahams* Dialysator.]
Dies brachte *Graham* auf den Gedanken, die Osmose zur Trennung der
Kolloide von den Kristalloiden zu benutzen, ähnlich wie man den
verschiedenen Grad der Flüchtigkeit verwertet, um beispielsweise
Salmiak von Kochsalz durch Erhitzen des Gemenges zu trennen. Für
seinen Zweck benutzte *Graham* den in Abb. 2 dargestellten, von ihm
Dialysator genannten Apparat. Er spannte über einen leichten Holzreif
eine Scheibe aus Pergamentpapier. Auf den Boden der so entstandenen
Höhlung goß er die Lösung, welche dialysiert werden sollte. Das so
erhaltene, siebförmige, zum Teil mit Flüssigkeit gefüllte Gefäß
wurde in einen größeren, mit Wasser versehenen Behälter gesetzt, so
daß es in der durch die Abbildung erläuterten Weise auf dem Wasser
schwamm. Letzteres nimmt, zumal wenn man es häufiger erneuert,
die Kristalloidsubstanz auf, während der kolloidale Stoff nur in
geringem Maße die Membran durchdringt. Infolgedessen besteht die in
dem Dialysator befindliche Flüssigkeit schließlich aus einer fast
reinen Lösung der Kolloidsubstanz. *Grahams* bekanntestes Beispiel
einer solchen Trennung ist die Darstellung kolloidaler Kieselsäure
durch Dialyse[34]. Er versetzte eine Lösung von Natriumsilikat mit
einem Überschuß an Salzsäure[35] und brachte das so entstandene
Gemenge von Wasser, Kieselsäure, Kochsalz und Salzsäure in den
Dialysator. Nach einiger Zeit waren das Salz und die Säure in das
umgebende Wasser diffundiert, und in dem Dialysator befand sich fast
reine, gelöste Kieselsäure. Wurde die Lösung der Kieselsäure etwas
konzentriert und einige Tage aufbewahrt, so machte sich eine neue,
merkwürdige, mit dem kolloidalen Zustand verknüpfte Erscheinung
bemerkbar. Die Kieselsäurelösung verwandelte sich nämlich in eine
farblose, fast durchsichtige Gelatine oder Gallerte. Durch eine solche
gelatinierte Lösung geht, wie *Graham* nachwies, die Diffusion einer
Kristalloidsubstanz mit wenig verringerter Geschwindigkeit, fast
wie durch reines Wasser, vor sich, während die gelatinierte Lösung
für eine Kolloidsubstanz fast undurchdringlich ist. Das Verhalten
von Pergamentpapier und tierischer Membran ließ sich also daraus
erklären, daß diese Scheidewände sich ganz wie gelatinöse Lösungen
verhalten, weil sie selbst Kolloidsubstanzen sind. *Graham* dehnte
die Untersuchung über den kolloidalen Zustand auf viele anorganische
und organische Verbindungen aus. Er wurde dadurch zum Begründer eines
besonderen Zweiges der Wissenschaft, den man heute als Kolloidchemie
bezeichnet. *Graham* ging so weit, die beiden von ihm aufgestellten
Gruppen von chemischen Verbindungen als »zwei verschiedene Welten der
Materie« zu bezeichnen. Kristalloide und Kolloide sollten sich zu
einander etwa wie der Stoff eines Minerals zur organisierten Substanz
verhalten. Spätere Untersuchungen ließen jedoch erkennen, daß ein
solch scharfer Gegensatz nicht vorhanden ist. Der Unterschied in dem
Verhalten der Kristalloide und der Kolloide ist mehr gradweise als
gegensätzlich. So diffundieren auch manche Kristalloide nur langsam
durch tierische Membranen hindurch. Solche Kristalloide verhalten sich
hinsichtlich der Diffusion also ähnlich wie Kolloidsubstanzen, deren
Diffusion ja auch nicht aufgehoben, sondern nur sehr verlangsamt
ist. Die Theorie erklärt diese Unterschiede aus der Annahme, daß die
Zwischenräume der Membransubstanz für die Moleküle gewisser Substanzen
zu klein sind, um einen raschen Durchgang zu gestatten. Solche Stoffe
sind es, die als Kolloide erscheinen.
Eine Stütze fand diese Ansicht durch das von *St. Claire-Deville*
entdeckte und von *Graham* näher untersuchte Verhalten der Gase gegen
erhitzte metallische Scheidewände[36]. Die bekanntesten Beispiele
hierfür sind der Durchgang von Wasserstoff durch erhitztes Platin und
von Kohlenoxyd durch glühendes Eisen. Nach der Vorstellung von *St.
Claire-Deville* und *Graham* handelt es sich hier um eine Porosität,
der ein weit höherer Grad von Feinheit zukommt als der Porosität von
Gips, gebranntem Ton und ähnlichen Stoffen. Beide Forscher nahmen an,
daß die Erscheinung auf intermolekulare Poren hinweist, die durch
die Hitze in solchem Maße vergrößert werden, daß sie Gasmolekeln den
Durchtritt gewähren, für die sie bei gewöhnlicher Temperatur zu eng
sind.
Eine Fortsetzung fanden die osmotischen Untersuchungen, für die
*Dutrochet* und *Graham* die Grundlagen geschaffen hatten, besonders
von seiten der Physiologen. Sie erkannten, daß der tierische und
pflanzliche Stoffwechsel, sowie die in den Zellen auftretenden
Druckkräfte durch osmotische Vorgänge bedingt sind. An die zu
physiologischen Zwecken angestellten osmotischen Untersuchungen knüpfte
endlich die physikalische Chemie im neuesten Stadium ihre Entwicklung
wieder an, um tiefer in das Wesen des chemischen Prozesses und in den
molekularen Aufbau der Verbindungen einzudringen. Doch kann sowohl
von diesen als auch von den physiologischen Ergebnissen der modernen
Forschung erst an späterer Stelle die Rede sein. Daß die Dialyse auch
für die Technik von Bedeutung geworden ist, sei hier nur nebenbei
unter Hinweis auf die Zuckergewinnung erwähnt. An die Stelle des
früheren, stets nur unvollkommenen Auspressens trat die Gewinnung des
zuckerhaltigen Saftes durch Diffusion, sowie die Trennung des Zuckers
von den nicht kristallisierenden Substanzen durch Dialyse[37].
Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Gebiete der
Physik der Gase ein Problem zum Abschluß gebracht, mit dem sich schon
das 17. Jahrhundert beschäftigte und das in seinen Anfängen bis in
das griechische Zeitalter zurückreicht. Es ist dies das Problem, den
Zusammenhang zwischen Volumen, Druck und Temperatur der Luft, sowie der
Gase im allgemeinen zu ermitteln. Wir haben das Problem in früheren
Abschnitten durch seine einzelnen Entwicklungsphasen verfolgt. Es hatte
einen gewissen Abschluß durch *Boyle* und durch *Gay-Lussac* gefunden.
*Boyle* hatte das Gesetz für die Abhängigkeit des Volumens vom Druck,
*Gay-Lussac* die Beziehung zwischen Volumen und Temperatur entdeckt.
Nach der von *Gay-Lussac* angestellten Untersuchung dehnen sich alle
Gasarten, wenn man sie in gleichem Maße erwärmt, um gleichviel aus,
nämlich für jeden Grad Celsius um 1/255 des Volumens, das sie bei 0°
einnehmen[38]. Diesem nicht nur für die Wärmemessung, sondern auch für
andere Zweige der Physik sehr wichtigen Koeffizienten hatte man durch
Jahrzehnte volles Vertrauen entgegengebracht, zumal *Daltons* fast
gleichzeitig angestellte Untersuchung dasselbe Ergebnis zu bringen
schien[39]. Es ist von höchstem Interesse, zu sehen, wie das scheinbar
zum Abschluß gebrachte Problem durch Zweifel an der Richtigkeit des
*Gay-Lussac*schen Gesetzes um 1837 wieder aufgerollt wurde und zu einer
Fülle von neuen, nach immer größerer Genauigkeit strebenden Messungen
und theoretischen Folgerungen Anlaß gegeben hat.
Der erste Physiker, der sich mit einer Nachprüfung des von *Gay-Lussac*
ermittelten Wertes befaßte und infolgedessen den erwähnten Anstoß
gab, war *Rudberg*[40]. Er bemerkte, daß die in Frage stehende
Konstante, die für die Thermometrie, die barometrische Höhenmessung,
die Ermittlung der Geschwindigkeit des Schalles und manches andere in
Betracht kommt, erheblich geringer ist, als von *Gay-Lussac* angegeben.
Als Grund dieser Abweichung vermutete *Rudberg*, daß *Gay-Lussac*
bei seinen Versuchen die Luft und die übrigen Gase nicht genügend
getrocknet habe[41]. *Rudberg* bemühte sich daher, die Luft zunächst
soweit wie möglich von Feuchtigkeit zu befreien. Dazu bediente er sich
des in der Gluthitze geschmolzenen und bei Luftabschluß erkalteten
Chlorkalziums. Abb. 3 erläutert seine Versuchsanordnung. Die Glaskugel
ab wurde mit dem Chlorkalziumrohr ED verbunden. Um die in der Kugel
ab befindliche Luft zu trocknen, wurde sie durch starkes Erhitzen der
Kugel zum großen Teile ausgetrieben. Beim Erkalten füllte sich die
Kugel mit Luft, die durch das Chlorkalziumrohr ED treten mußte. Um
jede Spur von Feuchtigkeit zu entfernen, wiederholte *Rudberg* diese
Verrichtung etwa 50mal. Darauf wurde die Kugel in den Siedeapparat
AB gebracht und nebst ihrem Inhalt auf 100° erhitzt. Schließlich
wurde die Spitze der Kugel während des Siedens zugeschmolzen und
erst unter Quecksilber wieder abgebrochen, nachdem die Kugel durch
schmelzenden Schnee auf 0° abgekühlt war. Unter Berücksichtigung
des Barometerstandes fand *Rudberg* auf diese Weise für die
Temperaturdifferenz von 0° bis 100° die Ausdehnung der Luft zu 0,364
bis 0,365.
[Illustration: Abb. 3. Die genauere Bestimmung des
Ausdehnungskoeffizienten der Luft.]
Das den früheren Angaben widersprechende Ergebnis der Untersuchung
*Rudbergs* erregte großes Aufsehen und veranlaßte namhafte Physiker
zu einer Nachprüfung. Eine solche war um so notwendiger, als man sich
nach der Aufstellung der *Avogadro*schen Regel der Bestimmung des
spezifischen Gewichtes der gasförmigen chemischen Verbindungen unter
Reduktion der erhaltenen Werte auf Grund des *Boyle*schen und des
*Gay-Lussac*schen Gesetzes zur Feststellung der Molekulargewichte
bediente.
Die erste Nachprüfung veranstaltete *Magnus*[42]. Sie ergab als
Koeffizienten für die Ausdehnung der trockenen Luft den Wert 0,003665
und bestätigte *Rudbergs* Zahl (0,00365). *Magnus* stellte sich
gleichzeitig die umfassendere Aufgabe, zu ermitteln, ob eins der
allgemeinsten Gesetze der Physik genau oder nur annähernd richtig
sei, ob nämlich, wie *Gay-Lussac* festgestellt haben wollte, alle
Gase denselben Ausdehnungskoeffizienten besitzen oder nicht. Die von
*Magnus* mit großer Schärfe angestellten Messungen ergaben für
Luft 0,00366508
Wasserstoff 0,00365659
Kohlendioxyd 0,00369087
Schwefeldioxyd 0,00385618.
Es zeigte sich also, daß das *Gay-Lussac*sche Gesetz für die
verschiedenen Gase zwar annähernd, aber nicht in aller Strenge richtig
ist. Woran das liegt, vermochte *Magnus* nicht zu sagen. Doch fiel
ihm auf, daß die leicht zu verflüssigenden Gase (Kohlendioxyd und
Schwefeldioxyd) am meisten von dem für die Luft gefundenen Wert
abweichen, während die Ausdehnungskoeffizienten der damals noch als
permanent geltenden Gasarten (Luft und Wasserstoff) übereinstimmen.
An diesem Punkte setzten die mit einem ganz außerordentlichen Aufwand
an experimentellen Hilfsmitteln und mit größter Schärfe angestellten
Untersuchungen von *Regnault* ein. Sie ergaben, daß die bisher für
die Gase angenommenen Grundgesetze in aller Schärfe nur für den
vollkommenen Gaszustand (gleichsam für ein ideales Gas) gelten, einen
Zustand, dem sich die Gase, die uns die Natur darbietet, nur mehr oder
weniger annähern. Vor allem fand *Regnault*, daß die Abweichungen um so
größer werden, je mehr man durch Druck die Teilchen des Gases einander
nähert. Offenbar wird dadurch den molekularen Anziehungskräften
ein größerer Spielraum zu ihrer Betätigung gewährt. Schon für die
aus permanenten Gasen bestehende Luft zeigte es sich, daß ihr
Ausdehnungskoeffizient mit dem Drucke merklich zunimmt. Mit anderen
Worten: Die Luft dehnt sich zwischen denselben Temperaturgrenzen
um so beträchtlicher aus, je näher ihre Teilchen sich beieinander
befinden. Noch deutlicher und in gleichem Sinne trat diese Abweichung
bei denjenigen Gasen hervor, die leicht in den flüssigen Zustand
übergeführt werden können, z. B. beim Schwefeldioxyd[43].
Die Erkenntnis, daß die Ausdehnung der Gase keineswegs in aller Strenge
den einfachen Gesetzen folgt, die man solange als richtig betrachtet
hatte, mußte auch den Wert des Luftthermometers beeinträchtigen.
Das Luftthermometer hatte bis zu den Untersuchungen von *Regnault*
als ein Normalthermometer gegolten. Man hatte geglaubt, in diesem
Instrument ein Mittel zum Messen absoluter Wärmegrade zu besitzen.
Jetzt ergab sich, daß seine Angaben der Zunahme der Wärme nicht
genau proportional sind. Es besitzt demnach keinen höheren Rang
als die übrigen Thermometer, deren Gang eine mehr oder weniger
verwickelte Funktion der Temperaturzunahme ist. Auf diesem Gebiete
wie überall war das Hauptergebnis der mit immer größerer Genauigkeit
und mit Berücksichtigung möglichst aller Nebenumstände angestellten
Messungen, daß absolute Vergleichspunkte und Vergleichssysteme nicht
zu erlangen sind, sondern alle unsere Erkenntnis nur relativ ist.
In der Astronomie hatte lange Zeit die Sonne als Beziehungspunkt
gegolten. Ferner hatte man den Fixsternhimmel für ein unveränderliches
Vergleichssystem gehalten. Seit der Entdeckung der Eigenbewegung
der Sonne und aller übrigen Fixsterne gibt es genau genommen in
der Astronomie kein absolutes Maß mehr. Ähnlich ist es seit der
Aufstellung der Evolutionstheorie auf dem Gebiete der Biologie
geworden. Der Artbegriff, der früher als etwas Feststehendes galt,
hat nur noch einen relativen Wert. Ebenso hat sich in der Chemie das
Element den Untersuchungen über die Radioaktivität zufolge als kein
absolut unveränderlicher Komplex von Eigenschaften, sondern als etwas
Wandelbares, nur relativ Bestimmtes ergeben.
Von Bedeutung für die Physik der Gase, sowie für manche anderen Gebiete
war auch die Erfindung der Quecksilberluftpumpe durch den Mechaniker
*Geißler* (1857) und ihre Verbesserung durch *Toepler* (1861). Die
Anregung zur Konstruktion dieses wichtigsten unter den neueren
aerostatischen Apparaten ging von einem Physiologen aus, der sich des
Vakuums bedienen wollte, um die in dem Blute gelösten Gase zu erhalten.
Handelte es sich bei der Quecksilberluftpumpe auch um einen alten
Gedanken, so ist die praktische Durchführung dieses Gedanken doch ein
Triumph des neueren Instrumentenbaues. *Toeplers* »Quecksilberluftpumpe
ohne Hähne, Ventile und schädlichen Raum« übertraf die Luftpumpen
der alten, auf *Guericke* zurückgehenden Konstruktion in solchem
Maße, daß sie einen tausendmal so großen Verdünnungsgrad ergab.
Die Erfindung der Quecksilberluftpumpe, deren Prinzip ja darin
besteht, die zu evakuierenden Gefäße in häufiger Wiederholung mit
der *Torricelli*schen Leere in Verbindung zu setzen, führte zur
Herstellung der *Geißler*schen Röhren und zur Entdeckung der Kathoden-
und der Röntgenstrahlen. Auch für die Elektrotechnik, die sich der
Quecksilberluftpumpe zur Herstellung evakuierter Glühlampen bediente,
ist es fruchtbar geworden. Ein schönes Beispiel, wie ein Fortschritt
auf einem Gebiete häufig zahlreiche Fortschritte in anderen, oft weit
entlegenen Zweigen der Forschung oder der Praxis bedingt.
Die Versuche, die sich an die genauere Bestimmung des
Ausdehnungskoeffizienten der Luft anschlossen, hatten zu der Erkenntnis
geführt, daß die Gase in ihrem Verhalten um so mehr von den für einen
gleichsam idealen Zustand geltenden Gesetzen *Boyles* und *Gay-Lussacs*
abweichen, je mehr die Gase sich ihrem Kondensationspunkt nähern.
Ganz zutreffend hatte *Regnault* diese Erscheinung auf das mit der
Annäherung der Teilchen verbundene Auftreten molekularer Kräfte
zurückgeführt. Die weiteren Untersuchungen ließen immer deutlicher
erkennen, daß sich eine scharfe Grenze zwischen dem gasförmigen
und dem dampfförmigen Zustand, ja zwischen den Aggregatszuständen
überhaupt nicht angeben läßt. Daß die Gase nichts anderes als weit
von ihrem Kondensationspunkt entfernte Dämpfe sind, hatten schon
die Versuche *Faradays* wahrscheinlich gemacht. Trotzdem waren die
Bemühungen, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und einige andere Gase
zu verflüssigen, vorerst erfolglos geblieben, obgleich man starke
Druckkräfte und gleichzeitig eine Kältemischung aus Kohlendioxyd und
Äther anwandte, mit der sich eine Temperatur von -78° Celsius erreichen
ließ.
Einen großen Fortschritt in der Deutung der verschiedenen
Aggregatszustände bewirkte die Untersuchung, welche *Andrews*[44] über
die Kontinuität des gasförmigen und des flüssigen Zustandes der Materie
veröffentlichte. *Andrews* stellte seine Beobachtungen besonders
an Kohlendioxyd an, einem Gas, das *Faraday* durch Zusammenpressen
verflüssigt und *Thilorier* zuerst in größerer Menge im flüssigen und
durch Verdunstung der Flüssigkeit im festen Zustande erhalten hatte.
*Andrews* komprimierte Kohlendioxyd bei verschiedenen Temperaturen
in Glasgefäßen. Dabei machte er die merkwürdige Entdeckung, daß
sich oberhalb einer gewissen Temperatur (31° C), die *Andrews* die
kritische Temperatur des betreffenden Gases nannte, keine Verflüssigung
des Kohlendioxyds bewirken läßt, selbst wenn man den Druck bis zu
beliebiger Höhe steigert. Das Eigentümliche dieses als »überkritisch«
bezeichneten Zustandes erkennt man am besten aus folgender Schilderung
des Entdeckers: »Bei der teilweisen Verdichtung von Kohlendioxyd durch
bloßen Druck und gleichzeitiger allmählicher Steigerung der Temperatur
bis auf 31° C wurde die trennende Fläche zwischen der Flüssigkeit und
dem Gase immer undeutlicher, sie verlor ihre Krümmung und verschwand
endlich ganz. Der Raum war dann erfüllt von einer homogenen Substanz,
die bei einer plötzlichen Verringerung des Druckes oder der Temperatur
ein eigentümliches Aussehen annahm. Es machte den Eindruck, als ob
flatternde Streifen sich durch die ganze Masse bewegten.«
Es erhob sich die Frage, ob man es hier mit dem gasförmigen oder mit
dem flüssigen oder gar mit einem neuen Zustande zu tun habe. Die
Deutung, welche *Andrews* der von ihm beobachteten Erscheinung gab,
konnte nur dahin lauten, daß wir es bei dem gewöhnlichen Gas- und
bei dem gewöhnlichen Flüssigkeitszustande mit zwei weit voneinander
getrennten Formen ein- und desselben Aggregatszustandes zu tun haben.
Durch eine Reihe allmählicher Abstufungen lassen sich nämlich diese
Formen so ineinander überführen, daß nirgends eine Unterbrechung
bemerkbar ist. Vom vollkommenen Gase bis zur vollkommenen Flüssigkeit
erfolgt der Übergang durch einen kontinuierlichen Vorgang. Das
Kohlendioxyd bleibt bei Temperaturen über 31° C gasförmig, selbst wenn
das Gas ein geringeres Volumen einnimmt, als es im flüssigen Zustande
besessen hätte. Das gleiche Verhalten zeigen die übrigen, auf ihre
kritische Temperatur und ihren überkritischen Zustand von *Andrews*
untersuchten Gase, wie Ammoniak, Stickstoffoxyd usw.
Auch die Unterscheidung von Gas und Dampf erwies sich als eine ganz
willkürliche und in wissenschaftlicher Hinsicht wertlose. Äther im
gasförmigen Zustande hatte man als Dampf, Schwefeldioxyd dagegen in
demselben Zustande als Gas bezeichnet. Dennoch sind beide Verbindungen
Dämpfe, von denen der eine (Äther) aus einer bei +35° siedenden,
der andere aus einer bei -10° siedenden Flüssigkeit hervorgeht.
Ausschlaggebend war also nur der an sich unbedeutende Umstand, daß
der Siedepunkt des Äthers höher und derjenige des Schwefeldioxyds
tiefer liegt als die durchschnittliche Temperatur der Atmosphäre. Eine
bessere Unterscheidung des dampfförmigen und des gasförmigen Zustandes
läßt sich dagegen nach *Andrews* unter Beachtung der kritischen
Temperatur des betreffenden Stoffes treffen. So würde Kohlendioxyd bei
Temperaturen, die über +31° liegen, als Gas anzusprechen sein, weil es
bei solchen Temperaturen durch keinen noch so hohen Druck verflüssigt
werden kann. Unterhalb des kritischen Punktes, in einem Zustande, in
dem die Substanz gasförmig und flüssig bestehen kann, wäre sie dagegen
als Dampf zu betrachten.
Aus den Untersuchungen *Andrews* ging nun auch mit größter
Wahrscheinlichkeit hervor, weshalb es trotz der Anwendung großer
Druckkräfte noch nicht gelungen war, die sogenannten permanenten
Gase, nämlich Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff zu verflüssigen.
Offenbar hatte man die Abkühlung nicht bis unter den kritischen Punkt
getrieben. Sobald man diesen Umstand in Betracht zog, gelang es
Sauerstoff und Stickstoff in den flüssigen Zustand überzuführen[45].
Beim Sauerstoff geschah dies unter einem Druck von 500 Atmosphären
und bei einer Temperatur von -140°. Die kritische Temperatur des
Sauerstoffs wurde zu -118°, sein Siedepunkt zu -182° ermittelt. Später
gelang auch die Verflüssigung von Wasserstoff, dessen kritische
Temperatur und dessen Siedepunkt noch tiefer liegen. Am schwierigsten
war die Verflüssigung des Heliums, das 1868 von *Lockyer* auf
spektroskopischem Wege in der Sonne entdeckt und später als Bestandteil
der Atmosphäre und des Minerals *Cleveït* nachgewiesen wurde. Es
wurde erst durch *Ramsay* in den flüssigen Zustand übergeführt. Seine
kritische Temperatur und sein Siedepunkt kommen dem absoluten Nullpunkt
nahe.
Auf die Entwicklung der Kälteindustrie, die sich an diese Kette von
Untersuchungen anschloß, kann hier nicht näher eingegangen werden.
Theoretisch fanden die Forschungen über die Natur des gasförmigen
Zustandes einen gewissen Abschluß durch *van der Waals*[46]. Es
gelang ihm unter Berücksichtigung der mit der Verringerung des
Volumens der Gase zunehmenden Molekularattraktion eine Gleichung
aufzustellen, die sowohl den gasförmigen als den flüssigen Zustand
in sich begreift. Diese *van der Waal*sche Zustandsgleichung ist als
eine Erweiterung der Formel V . P = R . T zu betrachten, die für das
*Mariotte-Gay-Lussac*sche Gesetz gilt[47]. Diese Formel nimmt bei *van
der Waals* den Ausdruck
(V - b)(P + a/V^2) = RT
an. Die Werte a und b sind gewisse, für jedes Gas erst zu ermittelnde
konstante Größen. *Van der Waals* berechnete sie für Kohlendioxyd zu
0,00874 und 0,0023. Für dieses Gas besitzt die Zustandsgleichung somit
die Form
(V - 0,0023)(P + 0,00874/V^2) = R . T
Diese Formel entspricht nicht nur den von *Andrews* bei der Verdichtung
des Kohlendioxyds erhaltenen Werten, sondern auch dem Verhalten des
flüssigen Kohlendioxyds.
Von der größten Wichtigkeit für die neuere Physik und Chemie waren die
Anschauungen, die *Avogadro*[48] über die molekulare Zusammensetzung
der Gase entwickelte. Daß wir *Avogadros* Hypothese erst an dieser
Stelle würdigen, obgleich er sie schon 1811 aufstellte, ist darin
begründet, daß diese Hypothese zunächst kaum beachtet wurde. Erst um
die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich durch das Emporblühen der
organischen Chemie und der Physik der Gase der Begriff des Moleküls
soweit entwickelt, daß die *Avogadro*sche Hypothese in ihrer vollen
Bedeutung erkannt und zur Grundlage der Molekulartheorie gemacht werden
konnte.
*Avogadros* Hypothese erwuchs aus dem Bestreben, für das so
gleichartige Verhalten, das die Gase trotz aller Verschiedenheit
in ihrer chemischen Zusammensetzung gegenüber den Druck- und
Temperaturveränderungen, sowie beim Eingehen von chemischen
Verbindungen zeigen, eine gemeinsame Ursache aufzufinden. Die
unmittelbare Anregung erhielt *Avogadro* durch *Gay-Lussacs* kurz
vorher (1809) gemachte Entdeckung des Volumgesetzes. Es besagt, daß
die Verbindungen der Gase nach einfachen Volumverhältnissen erfolgen
und daß, wenn die Verbindung gasförmig ist, ihr Volumen gleichfalls
in einem einfachen Verhältnis zu demjenigen Volumen steht, das die
Gase vor ihrer Verbindung einnahmen[49]. Diese Tatsachen suchte
*Avogadro* durch die Annahme zu erklären, daß gleiche Volumina der
verschiedensten Gase gleichviel Moleküle enthalten. Vorausgesetzt wird
selbstverständlich, daß die Gase unter ein und demselben Drucke stehen
und bei gleicher Temperatur gemessen werden.
Um vergleichbare Werte zu erhalten, waren daher die gemessenen
Gasvolumina, bevor man sie unter dem Gesichtspunkt der *Avogadro*schen
Regel betrachtete, auf Normaldruck (1 Atm.) und Normaltemperatur (0°)
zurückzuführen. *Avogadro* erkannte in seiner Regel ein Mittel, um
die relativen Gewichte der Moleküle solcher Stoffe zu bestimmen, die
gasförmig sind oder leicht vergast werden können. Die Molekulargewichte
zweier Gase verhalten sich nämlich, wenn man *Avogadros* Hypothese
als richtig voraussetzt, wie ihre Dichtigkeiten. Für Stickstoff und
Wasserstoff verhalten sich diese z. B. nach *Avogadro* wie 13,24 : 1
(das heute als gültig anerkannte Verhältnis ist 14,01 : 1).
Die Tatsache, daß sich ein Raumteil Stickstoff mit drei gleichgroßen
Raumteilen Wasserstoff verbindet, bedeutet nach *Avogadros* Regel, daß
jedes Molekül Ammoniak durch die Einwirkung eines Stickstoffmoleküls
auf drei Wasserstoffmoleküle entsteht. *Avogadro* mußte nämlich für
die Elemente annehmen, daß ihre freiexistierenden Teile nicht die
Atome sind, sondern daß sich die freiexistierenden Teilchen aus Atomen
zusammensetzen. Da beispielsweise in den zwei Raumteilen Ammoniak, die
sich aus Stickstoff bei seiner Vereinigung mit Wasserstoff bilden,
die doppelte Zahl von Molekeln enthalten ist, die sich in dem einen
Raumteil Stickstoff findet, der in die Verbindung eingeht, da ferner
in jedem Ammoniakmolekül Stickstoff enthalten ist, der aus dem einen
Raumteil herstammt, so muß letzterer, damit der *Avogadro*schen
Hypothese entsprochen ist, aus Molekeln bestehen, von denen jedes zwei
Atome Stickstoff enthält[50].
Eine wichtige Stütze erhielt die *Avogadro*sche Regel dadurch, daß das
für manche Stoffe durch andere physikalische Methoden oder auf rein
chemischem Wege gefundene Molekulargewicht mit dem aus der Dampfdichte
abgeleiteten Molekulargewicht in vollem Einklang stand.
Gewisse scheinbare Abweichungen bestätigten nur die Regel, da sich die
abnormen Dampfdichten, mit denen man später bekannt wurde, auf einen
teilweisen oder vollständigen Zerfall der Moleküle zurückführen ließen.
Derartige Vorgänge hat man als Dissoziationen bezeichnet. Ihr Studium
hat einen tiefen Einblick in das Wesen der chemischen Verwandtschaft
erschlossen[51].
Unabhängig von *Avogadro* gelangte auch der französische Physiker
*Ampère*[52] zu der Vorstellung, daß »die Zahl der Moleküle dem Volumen
der Gase proportional ist«[53]. *Ampère* ging davon aus, daß alle Gase
gegenüber Druck- und Temperaturveränderungen das gleiche Verhalten
zeigen. Er erklärte dies aus der Annahme, daß die Moleküle der Gase
soweit von einander entfernt seien, daß die Kohäsion und die Affinität
nicht mehr zwischen ihnen wirke. Die Entfernungen hingen vielmehr
nur vom Druck und von der Temperatur ab. Aus diesem Grunde seien die
Gasmolekel bei gleichem Druck und gleicher Temperatur gleich weit von
einander entfernt.
Der weitere Ausbau des durch *Avogadros* Theorie erschlossenen
Gebietes hing von der Entwicklung der gasometrischen Methoden ab.
Einen für leicht flüchtige Verbindungen geeigneten Apparat gab schon
*Gay-Lussac*[54] an. Er ließ in einer mit Quecksilber gefüllten,
weiten Glasröhre BV, die in einer Quecksilberwanne stand, ein
dünnwandiges Glaskügelchen emporsteigen, das eine abgewogene Menge der
Substanz enthielt[55]. Dann wurde die Glasröhre mit ihrem Inhalt auf
eine Temperatur erwärmt, die zum Zersprengen der Glaskugel und zum
Verdampfen der eingeschlossenen Substanz genügte. Dies geschah, indem
man in ein weites, die Glasröhre völlig einschließendes Gefäß (MM)
eine Flüssigkeit goß und den ganzen Apparat erwärmte. Aus dem Gewicht
der Substanz, dem Volumen des Dampfes, seiner Temperatur und seiner
Spannung ließ sich die Dampfdichte berechnen.
[Illustration: Abb. 4. *Gay-Lussacs* Apparat zum Bestimmen der
Dampfdichte.]
Weit vollkommener und auch für schwerer flüchtige Stoffe geeignet war
das von *Dumas* benutzte Verfahren[56], das Abbildung 5 erläutert.
*Dumas* ging von einem bekannten Volumen aus. Er brachte in einen
Glaskolben weit mehr von der Substanz als zur Ausfüllung des Kolbens
mit Dampf nötig war. Darauf wurde der Kolben je nach der Höhe des
Siedepunktes in ein Wasser-, Säure- oder Metallbad RR gebracht. In
diesem Bade wurde er auf eine etwas über dem Siedepunkt der Substanz
liegende Temperatur erhitzt. Infolgedessen entwich aus der Spitze des
Kolbens ein Dampfstrom, der die Luft daraus verdrängte und so lange
dauerte, bis die Substanz völlig vergast war. Dann wurde die Spitze
zugeschmolzen, und der Kolben nach dem Erkalten mit seinem Inhalt
gewogen. Den Inhalt des Kolbens bestimmte man, indem man seine Spitze
unter Quecksilber abbrach. Letzteres füllte den Kolben, da sich der
Dampf verdichtet hatte, völlig aus, so daß sich aus der eingedrungenen
Menge Quecksilber der Inhalt des Kolbens berechnen ließ.
Aus diesen Apparaten haben sich die neueren zur Bestimmung der
Dampfdichte ersonnenen Vorrichtungen entwickelt[57].
[Illustration: Abb. 5. Der von *Dumas* herrührende Apparat zum
Bestimmen der Dampfdichte.
P Bleimasse zum Beschweren des Ballons. LL Bleistreifen. SS Sand. II
Kupferplatte. CC glühende Kohle, die verhindern soll, daß im Halse des
Ballons Kondensation stattfindet.]
Auch auf den Gebieten der Optik und der Wärmelehre sind in dieser zur
Aufstellung des Energieprinzips hinüberleitenden Periode eine Reihe von
wichtigen theoretischen Fortschritten, Entdeckungen und Erfindungen
zu verzeichnen. Auf dem Gebiete der Optik bestand das wichtigste
Ereignis darin, daß der Sieg der Undulations- oder Wellentheorie über
die Emissionstheorie durch *Fresnels* Untersuchungen entschieden wurde.
Dies geschah in dem Jahrzehnt von etwa 1820-1830[58].
Am meisten Schwierigkeiten machte es, die Doppelbrechung aus der
Annahme zu erklären, daß das Licht in transversalen Schwingungen des
Äthers besteht. Mit den Erscheinungen der Doppelbrechung und der
Polarisation durch Doppelbrechung hatte sich schon *Huygens*, der
Urheber der Wellentheorie, beschäftigt[59]. In seiner 1690 erschienenen
Abhandlung über das Licht erklärte er die am Kalkspat entdeckte
Doppelbrechung durch die Annahme, daß sich das Licht in diesem Mineral
in sphäroidischen Wellen fortpflanze. Für die Polarisation fand
*Huygens* keine Erklärung, weil er voraussetzte, daß das Licht wie der
Schall auf longitudinalen Schwingungen beruhe. Nachdem man durch die
Tatsachen zu der Annahme transversaler Schwingungen genötigt worden
war, lag es nahe, die für die elastischen festen Körper entwickelte
Theorie derartiger Schwingungen in die theoretische Optik einzuführen.
Dies geschah fast gleichzeitig durch *Cauchy*[60] und durch *Franz
Neumann*[61]. Beide machten ihre Untersuchungen unabhängig von
einander, *Cauchy* mehr vom mathematischen und *Neumann* mehr vom
physikalischen Standpunkte aus. *Neumann* hat seine Theorie im Jahre
1832 veröffentlicht[62]. Er fand, daß in einem kristallinischen
Medium die Bewegungen im allgemeinen in drei aufeinander senkrechten
Richtungen stattfinden, nämlich parallel den drei Achsen des Ellipsoids.
Während *Fresnel* angenommen hatte, daß die Schwingungen beim
polarisierten Licht senkrecht zur Polarisationsebene erfolgen,
definierte *Neumann* als Polarisationsebene diejenige Ebene, welche
durch die Wellenebene und die Schwingungsrichtung gelegt ist. Daß sich
die Erscheinungen der Polarisation aus beiden Annahmen erklären ließen,
rührt daher, daß *Fresnel* und *Neumann* bezüglich der Beschaffenheit
des Lichtäthers von verschiedenen Voraussetzungen ausgingen. Nach
*Neumann* ist die Dichtigkeit des Äthers in allen Medien die gleiche,
die Elastizität indessen verschieden, während *Fresnel* für die
verschiedenen Medien Unterschiede in der Dichtigkeit des Äthers annahm.
*Neumann* war auch einer der ersten, der sich mit der in
nichtkristallisierten Körpern durch Druck- und Wärmewirkung künstlich
hervorgerufenen Doppelbrechung befaßte. Er zeigte, daß in diesem Falle
dieselben Gesetze wie für kristallinische Substanzen gelten[63].
Anknüpfend an die Wellentheorie des Lichtes entwickelte *Doppler*
im Jahre 1842 in seiner Abhandlung Ȇber das farbige Licht der
Doppelsterne und einiger anderer Gestirne des Himmels[64]« das nach
ihm benannte Prinzip, daß die Höhe eines Tones, sowie die Art eines
Lichteindrucks davon abhängen, ob sich die Entfernung zwischen der
Wellenquelle und dem empfindenden Organ vergrößert oder verringert.
In dieser Abhandlung[65] weist *Doppler* darauf hin, daß man sowohl in
der Licht- und Schalllehre, wie auch in der allgemeinen Wellenlehre
auf einen Umstand bisher keine Rücksicht genommen. Betrachte man
nämlich die Licht- und Schallwellen als die Ursachen der Licht- und
Schallempfindungen und nicht bloß als objektive Vorgänge, so müsse man
nicht nur danach fragen, in welchen Zeitintervallen die Wellenbewegung
an und für sich vor sich gehe, sondern in welchen Intervallen und in
welcher Stärke die Äther- und die Luftschwingungen vom Auge oder von
dem Ohre des Beobachters aufgenommen und dementsprechend empfunden
würden.
»In der Tat scheint nichts begreiflicher«, sagt Doppler, »als daß die
Zeit, die zwischen zwei Wellenschlägen verfließt, für einen Beobachter
sich verkürzen muß, wenn er den ankommenden Wellen entgegeneilt,
dagegen sich verlängern, wenn er ihnen enteilt, und daß gleichzeitig
im ersteren Falle die Intensität des Wellenschlages größer werden, im
zweiten Falle dagegen abnehmen muß. Bei einer Bewegung der Wellenquelle
selbst findet natürlich eine ähnliche Veränderung in demselben Sinne
statt.«
Die experimentelle Bestätigung des *Doppler*schen Prinzips, soweit es
sich um akustische Vorgänge handelt, gelang *Buys-Ballot*. Er stellte
seine Versuche auf einem in Bewegung begriffenen Eisenbahnzuge an. Es
ergab sich für einen auf der Station verweilenden Beobachter, daß der
Ton eines auf dem Zuge gegebenen Signals höher würde, wenn der Zug sich
näherte und tiefer, wenn er sich entfernte. Und zwar entsprachen die
Änderungen in der Tonhöhe der von *Doppler* aufgestellten Theorie.
Weit schwieriger als der akustische war der optische Nachweis der
Richtigkeit des *Doppler*schen Prinzips, da selbst die kosmischen
Ortsveränderungen im Verhältnis zur Fortpflanzungsgeschwindigkeit des
Lichtes nur gering sind.
*Doppler* suchte aus seinem Prinzip das verschiedenfarbige Licht der
Fixsterne zu erklären. Wenn ein leuchtender Gegenstand sich dem Auge
nähert, so gehe die Farbe mit steigender Geschwindigkeit von Weiß in
Grün, dann in Blau und endlich in Violett über. Entfernt sich die
Lichtquelle vom Beobachter, so sollte sich das ausgesandte weiße Licht
in Gelb, Orange und endlich in Rot verwandeln. Ganz abgesehen davon,
daß die Sterne ganz ungeheuere Geschwindigkeiten besitzen müßten,
falls ihr Licht die ihnen von *Doppler* zugeschriebenen Änderungen
erleiden soll, hat sich auch aus anderen Gründen *Dopplers* Erklärung
des farbigen Lichtes der Sterne als unzutreffend erwiesen. Trotzdem
wurde *Dopplers* Prinzip für die Astronomie außerordentlich fruchtbar.
Als nämlich zwanzig Jahre später die spektralanalytische Untersuchung
der Gestirne begann, nahm man Verschiebungen der Spektrallinien
wahr, die nur dadurch ihre Erklärung finden konnten, daß man sich
des *Doppler*schen Prinzips bediente. Auch darin gab die Zukunft
*Doppler* Recht, daß tatsächlich aus seinem Prinzip auf eine auf uns
zu oder von uns fort gerichtete Bewegung der Fixsterne geschlossen
werden kann, wenn es sich auch nur um eine der geringen Verschiebung
der Spektrallinien entsprechende Geschwindigkeit von wenigen Meilen
handelt. Die Fortschritte der modernen Astrophysik werden uns noch
Gelegenheit geben, die Bedeutung des *Doppler*schen Prinzips in seiner
ganzen Tragweite zu ermessen.
Auch in der Anfertigung von optischen Instrumenten und in der Theorie
des Sehens fanden um die Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche
Fortschritte statt, die hier, wo es in erster Linie auf die Entwicklung
der großen Probleme ankommt, indessen nur angedeutet werden können.
So führten die Untersuchungen über die Polarisation des Lichtes zur
Erfindung der Polaristrobometer, d. h. von Apparaten, welche die
Drehung des Polarisationswinkel genauer zu messen gestatteten. Unter
diesen Apparaten ist vor allem das Saccharometer von *Soleil* (1847)
zu nennen. Wie sein Name sagt, dient es dazu, den Zuckergehalt von
Lösungen zu bestimmen. Und zwar geschieht dies, indem man den Winkel
mißt, um den die Polarisationsebene des Lichtes beim Hindurchgehen
durch die zuckerhaltige Lösung gedreht wird.
Daß sich das Polarimeter nicht nur praktischen Zwecken dienstbar
machen, sondern auch zur Bewältigung theoretischer, scheinbar mit der
Optik zunächst in gar keiner Beziehung stehender Aufgaben verwerten
läßt, bewiesen die Arbeiten *Jellets* über chemische Massenwirkung
und die späteren Untersuchungen über die Geschwindigkeit, mit welcher
chemische Reaktionen verlaufen. Wir werden bei der Beschäftigung mit
diesen Problemen der allgemeinen Chemie auf die Dienste, welche das
Polarimeter der Wissenschaft in allen ihren Zweigen geleistet hat,
wieder zurückkommen.
[Illustration: Abb. 6. *Wheatstone* erläutert das binokulare Sehen.]
Untersuchungen über die Physiologie der Gesichtswahrnehmung führten
zur Erfindung des Stereoskops und anderer binokularer Instrumente. Das
erste Stereoskop verfertigte, der auf vielen Gebieten als Erfinder
bekannt gewordene Engländer *Wheatstone*[66]. *Wheatstone* ging von
einer vor ihm kaum beachteten Tatsache aus, die sich auf die binokulare
Wahrnehmung naher Gegenstände bezieht. Betrachtet man z. B. einen
Würfel aus geringer Entfernung mit beiden Augen, so sieht jedes Auge
ein besonderes Bild des Körpers, wie es die nebenstehende Zeichnung
*Wheatstones* erläutert[67]. Das Bild a ist die perspektivische
Projektion, welche das linke, b diejenige, welche das rechte Auge
wahrnimmt. Auf der Verschiedenheit dieser Projektionen beruht offenbar
der räumliche Eindruck, den wir von dem in der Nähe gesehenen
Gegenstande erhalten. Die beiden perspektivischen Projektionen werden
um so ähnlicher, je weiter wir uns von dem Gegenstande entfernen.
Aus diesem Grunde erscheinen uns entfernte Objekte auch nicht mehr
körperlich.
Zur Bestätigung der Ansicht, daß das körperliche Sehen auf
der gleichzeitigen Wahrnehmung von zwei einander unähnlichen
perspektivischen Bildern beruht, konstruierte *Wheatstone* einen
besonderen Apparat. Diesem liegt das Prinzip zugrunde, daß jedem Auge
an Stelle des Gegenstandes die Projektion des Gegenstandes auf eine
Ebene so dargeboten wird, wie sie dem Auge erscheint. Die nebenstehende
Abbildung stellt den von *Wheatstone* Stereoskop genannten Apparat
nach seiner Zeichnung dar. Er besteht aus zwei ebenen Spiegeln (A, A),
die einen Winkel von 90° einschließen. Die beiden perspektivischen
Bilder des Gegenstandes werden auf den seitlichen, verschiebbaren
Tafeln DD so angebracht, daß das Spiegelbild des rechten Bildes durch
den rechterhand befindlichen Spiegel in das rechte Auge und das zweite
Spiegelbild durch den anderen Spiegel in das linke Auge gelangt.
[Illustration: Abb. 7. *Wheatstones* Stereoskop.]
Der Erfolg entsprach ganz der gehegten Erwartung. Bringt man nämlich
die Bilder zu den Augen in die richtige Stellung, so wird nur ein
einziges, körperlich erscheinendes Bild wahrgenommen.
Zehn Jahre später gab *Brewster*[68] dem Stereoskop die in Abbildung
8 dargestellte, noch heute gebräuchliche Einrichtung. Zwei Halblinsen
l und l^1 sind so gefaßt, daß ihr Abstand gleich dem Abstande der
Pupillen ist (etwa 6,5 cm). Die beiden perspektivischen Bilder a und
b befinden sich in einer Ebene. Sie werden durch die prismenförmigen
Halblinsen um so viel nach einem zwischen a und b liegenden Punkt
verschoben, daß sie auf identische Punkte der Netzhäute fallen.
Infolgedessen nimmt man nur ein Bild wahr, das aber infolge der
Verschiedenheit der unähnlichen Bilder, die in der Wahrnehmung
zusammengefaßt werden, körperlich erscheint.
[Illustration: Abb. 8. *Brewsters* Stereoskop.]
Ein weniger bekanntes, aber nicht minder wichtiges neueres optisches
Instrument ist der von *Toepler*[69] erfundene Schlierenapparat[70].
Dieser Apparat löst die ganz neue Aufgabe, die kleinsten
Unregelmäßigkeiten, die in den Brechungsverhältnissen durchsichtiger
Medien stellenweise auftreten, unmittelbar sichtbar zu machen.
Derartige Unregelmäßigkeiten und Schwankungen machen sich, wenn
sie bedeutend sind, in etwas dickeren Glasmassen oder auch bei
Lösungsvorgängen (Zucker in Wasser) dem bloßen Auge bemerkbar und
sind unter dem Namen »Schlieren« bekannt. Bei Glasmassen, die zur
Herstellung optischer Instrumente dienen, sind solche Schlieren sehr
störend, weil sie infolge unregelmäßiger Brechung die Schärfe der
optischen Bilder beeinträchtigen. Ein Apparat, der auch die feineren,
dem bloßen Auge verborgen bleibenden Schlieren aufzudecken gestattet,
mußte daher für die praktische Optik sehr wertvoll sein. Er war es
aber, wie wir sogleich des näheren sehen werden, nicht weniger für
viele Teile der theoretischen Physik.
[Illustration: Abb. 9. Zur Erläuterung des *Toepler*schen
Schlierenapparates.]
Das Prinzip, nach dem *Toepler* seinen Schlierenapparat verfertigte,
wird durch die nebenstehende, von ihm herrührende Zeichnung erläutert.
Es sei a ein leuchtender Punkt und L eine Konvexlinse, welche die
von a ausgehenden Strahlen in b vereinigt. Ein in der Linsenachse
befindliches Auge O wird so nahe an den Punkt b herangebracht, daß die
von b aus divergierenden Strahlen sämtlich durch die Pupille hindurch
auf die Netzhaut gelangen. Ein wichtiger Teil des Apparats ist eine
undurchsichtige, mit einer feinen Öffnung versehene Scheidewand (in der
Abbildung durch hc angedeutet). Der Apparat wird so eingestellt, daß
sich b gerade in der Öffnung der Wand befindet. Dann wird das Auge O,
wenn die Linse L optisch ganz homogen ist, ein gleichmäßig erleuchtetes
Bild der Linse erblicken. Befindet sich dagegen im Innern der Linse
eine Stelle gi, deren Brechungsvermögen von dem der übrigen Glasmasse
abweicht (eine Schliere), so werden die durch gi gehenden Lichtstrahlen
nicht genau nach b, sondern beispielsweise von g nach d und von i nach
f gebrochen werden. Solche Strahlen werden also durch das Diaphragma
abgeblendet, weil sie nicht die Öffnung, sondern die undurchsichtige
Masse des Diaphragmas treffen. Die Folge ist, daß sich die Schliere in
dem Gesichtsfelde des Auges O als eine dunkle Stelle bemerkbar macht.
Noch besser lassen sich die Schlieren als helle Flecken auf einem
dunklen Gesichtsfelde erkennen. Man braucht nur das Diaphragma ein
wenig zu verschieben, so werden die regulären Strahlen abgeblendet,
während unregelmäßig gebrochene Strahlen die Öffnung passieren und
hell auf dem durch Ausschalten der regulären Strahlen verdunkelten
Gesichtsfelde erscheinen. Bei dieser Anordnung lassen sich die
geringsten optischen Unregelmäßigkeiten der brechenden Substanz leicht
und sicher erkennen.
Solche Unregelmäßigkeiten können in dem brechenden Medium durch
kleine Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung bedingt sein,
wie es bei einer Glasmasse von einiger Größe leicht der Fall ist.
Sie werden, wie *Toepler* nachwies, aber auch in völlig homogenen
Substanzen durch ungleichmäßige Erwärmung oder durch einseitigen Druck
hervorgerufen. Bei empfindlicher Einstellung genügte schon die Wärme
der Hand, um bandartige Schlieren, wie sie das bloße Auge in der Luft
über stark erhitzten Körpern wahrnimmt, im Gesichtsfelde aufsteigen
und flammenartig hin- und herziehen zu sehen. Brachte *Toepler* ein
Gefäß, in dem sich ein farbloses Gas (z. B. Kohlendioxyd) entwickelte,
vor seinen Apparat, so sah er das Gas in deutlichen Schlieren in die
umgebende Luft diffundieren. Ja, es gelang ihm sogar, die Schallwellen
sichtbar zu machen, wenn die Verdichtungen und Verdünnungen der
Luft, die bei der Ausbreitung des Schalles auftreten, intensiv genug
waren, um eine genügende periodische Änderung des Brechungsvermögen
hervorzurufen.
Diese an sich schon wunderbaren Leistungen des Schlierenapparats,
sowie diejenigen des Stereoskops wurden dadurch noch bedeutend
vervollkommnet, daß man mit den neuen optischen Beobachtungsmethoden
das fast gleichzeitig sich entwickelnde photographische Verfahren in
Verbindung setzte.
Als *Wheatstone* 1838 das Stereoskop erfand, mußte er noch für
jedes Bild von einem geschickten Künstler zwei perspektivische
Zeichnungen anfertigen lassen. Sechs Monate nachdem *Wheatstone*
seine Erfindung bekannt gegeben, entdeckte *Talbot* sein »Verfahren,
mit Hilfe des Lichtes zu zeichnen«. *Wheatstone* erkannte sofort,
daß der vollendetste Künstler, nur von seinem Auge geleitet, die
perspektivischen Bilder nicht so genau herstellen kann, wie es der
photographische Apparat vermag. Er setzte sich daher mit *Talbot* in
Verbindung und erhielt von ihm für das Stereoskop geeignete, d. h. von
zwei Stellen aufgenommene, photographische Bilder von Naturkörpern,
Gebäuden, Maschinen, ja sogar von lebenden Personen. Um stereoskopische
Bilder herzustellen, wurden auch wohl zwei Kameras gleichzeitig
benutzt. *Brewster* vereinigte schließlich die beiden photographischen
Apparate zu einer Doppelkamera.
Die Schlierenmethode, bei der es sich um rasch veränderliche
Erscheinungen handelt, ließ sich mit der Photographie erst verbinden,
nachdem man die Trockenplatten erfunden und Momentaufnahmen ermöglicht
hatte. Staunenswerte Erfolge erzielte vor allem *Mach*[71]. Es
gelang ihm durch ballistisch-photographische, mit Hilfe der
Schlierenmethode angestellte Versuche die durch Geschosse in der Luft
verursachten Vorgänge zu ermitteln. Auf demselben Wege vermochte man
die Schallwellen und zahlreiche mit der Ausbreitung des Schalles
zusammenhängende Einzelheiten zu fixieren und dadurch der genaueren
Untersuchung zugänglich zu machen.
Eine Bereicherung, die einen mehr theoretischen Wert besitzt, erfuhr
die Optik durch die terrestrische Bestimmung der Geschwindigkeit des
Lichtes. Diese Bestimmung gelang den französischen Physikern *Fizeau*
und *Foucault*. Sie lieferte Ergebnisse, die mit den früher auf
astronomischem Wege erhaltenen Resultaten hinreichend übereinstimmen.
*Fizeau*[72] wandte eine Scheibe an, die nach Art der Zahnräder am
Umfange gleichgroße volle und ausgeschnittene Sektoren besaß (siehe
Abb. 10). Wird ein Lichtstrahl, nachdem er durch eine der Lücken
gegangen, vermittelst eines Spiegels in der Weise reflektiert, daß er
nach demselben Punkte zurückkehrt, so wird er, wenn die Scheibe sich
dreht, entweder durch die Lücken durchgelassen oder von den Zähnen
aufgefangen werden, je nach der Geschwindigkeit der Scheibe und dem
Abstande des reflektierenden Spiegels. *Fizeau* stellte das Fernrohr
F, das mit der rotierenden Scheibe R, dem durchsichtigen spiegelnden
Glasstück s und der Lichtquelle L verbunden war, an einem bestimmten
Orte auf und brachte den reflektierenden Spiegel s' in den Brennpunkt
des mit F gleichgerichteten Fernrohrs F', das sich an einem 8633
Meter entfernten Orte befand. Als die Scheibe 12,6 Umdrehungen in
der Sekunde machte, erfolgte die erste Verfinsterung für den durch A
blickenden Beobachter, ein Beweis, daß an die Stelle der Lücke ein
Zahn getreten war, während das Licht den Weg von 17266 Metern (2.8633)
durchlaufen hatte. Bei verdoppelter Geschwindigkeit des Randumfanges
erglänzte der Punkt aufs neue, da der zurückkehrende Strahl jetzt die
nächstfolgende Lücke traf. Bei dreifacher Geschwindigkeit entstand
wieder eine Verfinsterung, bei vierfacher erglänzte der Punkt abermals
und so fort. Aus der Zeit, welche der Zahn des Rades gebraucht, um
an die Stelle der Lücke zu treten, und der Strecke von 17266 Metern,
welche der Strahl in eben dieser Zeit zurücklegt, berechnete *Fizeau*
die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes zu 42219 geographischen
Meilen, ein Wert, der nur um 0.5% von demjenigen abweicht, der sich aus
der Verfinsterung der Jupitertrabanten unter Zugrundelegung der von
*Encke* berechneten Sonnenparallaxe[73] ergibt.
[Illustration: Abb. 10. *Fizeaus* Messung der
Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes.]
Von hervorragendem Interesse war die zweite, von *Foucault*
eingeschlagene Methode, da sie endgültig gegen die Emissionstheorie
zugunsten der Undulationshypothese entschied. Nach der ersteren Theorie
wird nämlich die Brechung des Lichtes durch eine Beschleunigung
veranlaßt, die es bei seinem Eintritt in das dichtere Medium
erfährt, während nach der Undulationstheorie mit dem Eintritt in das
dichtere Medium eine Verringerung der Lichtgeschwindigkeit erfolgt.
*Arago* hatte schon 1838 darauf hingewiesen, daß die eine von den
beiden Theorien unterlegen sei, sobald es gelänge, experimentell
festzustellen, in welchem Sinne die Geschwindigkeit des Lichtes bei
seinem Eintritt aus dem dünneren in das dichtere Medium sich ändert.
Die Bewältigung dieses Problems von solch ausschlaggebender Bedeutung
gelang *Foucault* im Jahre 1854[74]. Er bediente sich dazu des
sich drehenden Spiegels, den *Wheatstone*[75] schon im Jahre 1834
zur Bestimmung der Geschwindigkeit der Elektrizität benutzt hatte.
*Wheatstones* Methode beruht darauf, daß zwei rasch aufeinander
folgende, für das gewöhnliche Sehen gleichzeitige Ereignisse,
wie das Überspringen des elektrischen Funkens an verschiedenen
Unterbrechungsstellen ein- und desselben Stromkreises, in ihrem
zeitlichen Nacheinander an der gegenseitigen Verschiebung erkannt
werden, welche die entsprechenden, durch einen schnell rotierenden
Spiegel erzeugten Bilder erleiden. In ähnlicher Weise, wie es
*Fizeau* getan, ließ *Foucault* den Lichtstrahl eine gewisse Strecke
zurücklegen und durch Reflexion wieder nach seinem Ausgangspunkte
gelangen, wo er den rotierenden Spiegel traf. Hatte letzterer innerhalb
der verflossenen Zeit schon einen deutlich wahrnehmbaren, aus der
Verschiebung des Spiegelbildes zu entnehmenden Winkel beschrieben, so
ergab sich aus dem entsprechenden Zeitintervall, sowie aus der vom
Licht durchlaufenen Strecke die Geschwindigkeit des letzteren. Der so
gefundene Wert war etwas geringer als der von *Fizeau* ermittelte;
er betrug nämlich 40160 Meilen. Indem dann *Foucault* die vom Lichte
zu durchlaufende Strecke so klein wählte, daß er eine mit Wasser
gefüllte Röhre in diese Strecke einschalten konnte, fand er, daß das
Licht sich in dem dichteren Medium langsamer fortpflanzt als in der
Luft. *Foucault* konnte daher seine Abhandlung mit der Erklärung
schließen, daß die Emissionstheorie mit den Tatsachen im Widerspruche
stehe. Damit war ein durch 1½ Jahrhunderte währender Streit zu dem
seit *Fresnels* Erfolgen allerdings nicht mehr zweifelhaften Ausgange
geführt.
Wie die Optik, so erfuhr auch die Wärmelehre in dieser Periode
manchen Fortschritt. Als einer der wesentlichsten sei hier der
durch *Melloni*[76] geführte Nachweis der Identität der Licht- und
Wärmestrahlen genannt. Der von *Melloni* zu diesem Zwecke benutzte
Apparat ist die Thermosäule in Verbindung mit dem Multiplikator (der
Thermomultiplikator). Vermittelst dieser Vorrichtung gelang es, nicht
nur die Reflexion und Brechung, sondern auch die Beugung, Interferenz,
Doppelbrechung und Polarisation der strahlenden Wärme, kurz, deren
Übereinstimmung mit dem Lichte darzutun.
Während *Herschel* die Möglichkeit einer Identität der Licht- und
Wärmestrahlen wohl in Betracht gezogen hatte, aber zu dem Schluß
gekommen war, daß eine solche nicht vorhanden sei[77], wurde durch
*Melloni* und seine Mitarbeiter[78] der Beweis erbracht, daß alle
Unterschiede, durch welche die optischen, thermischen und chemischen
Wirkungen bedingt sind, auf Verschiedenheiten in der Wellenlänge und
der Intensität zurückgeführt werden müssen.