1. Wissenschaft und Wissenschaftsgeschichte.

Von keinem Gegenstand im gesamten Bereich unserer Erfahrung besitzen

wir einen klaren Begriff, wenn wir uns nicht seine Entwicklung

vergegenwärtigen können. Am längsten gilt dieser Satz für das

Verständnis der Staatengebilde. Für alles, was den Menschen als

Staatsbürger angeht, hat daher stets die Geschichte als die große

Lehrmeisterin gegolten. Auch die heutige Naturwissenschaft steht unter

dem Einfluß des Entwicklungsgedankens. Dieser Gedanke hat im Laufe des

19. Jahrhunderts alle Gebiete erobert, besonders, seitdem es gelungen

ist, die allmähliche Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt begreiflich

zu machen. Sonderbarerweise hat man die Wissenschaft selbst erst in der

neuesten Zeit häufiger und tiefer eindringend unter dem Gesichtspunkte

der Entwicklung ins Auge gefasst. Und doch gilt gerade hier der Satz,

daß sich erst aus der Einsicht in das Werden ein richtiges Verständnis

für das Gewordene gewinnen läßt.

Eine bedeutende Anregung empfing die Geschichte der Wissenschaften

um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch die Bayrische Akademie.

Sie ließ nämlich die Geschichte der einzelnen Wissenszweige durch

hervorragende Fachleute bearbeiten. So entstanden die Geschichte der

Botanik von *Sachs*, die Geschichte der Zoologie von *Carus*, die

Geschichte der Astronomie von *Wolff* usw. Etwa zur selben Zeit, als

die Bayrische Akademie ihr großes Unternehmen ins Werk setzte, entstand

*Poggendorffs* biographisch-literarisches Handwörterbuch, das noch

heute und noch wohl für lange Zeit als eins der wichtigsten Hilfsmittel

der historischen Forschung zu betrachten ist. Die Geschichtsschreibung

auf naturwissenschaftlichem Gebiete nahm während des 19. Jahrhunderts

nicht nur an Umfang zu, sondern sie ging auch mehr in die Tiefe.

Das bloße Verzeichnen der Tatsachen und das biographische Moment

traten zurück gegenüber dem Bestreben, die allmähliche Entwicklung

der Gedanken zu verfolgen. In dieser Hinsicht fand die Geschichte

der Naturwissenschaften gute Vorbilder in der neueren Behandlung der

Geschichte der Philosophie und in der Literaturgeschichte. Wie man es

auf diesen Nachbargebieten gelernt hatte, vor allem in das Werden und

in das Reifen der philosophischen oder der literarischen Richtungen

und Einzelschöpfungen einzudringen, so erblickte man auch auf unserem

Gebiete die Hauptaufgabe immer mehr in der Darstellung des Werdens,

der Klärung der grundlegenden Begriffe und darin, diesen Vorgang des

Werdens aus möglichst allen Umständen und treibenden Ursachen heraus zu

verstehen. Als ein Beispiel für diese Art der Geschichtsschreibung kann

Dührings kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik

gelten. Auch die bekannten historisch-kritischen Werke von *Mach* über

die Mechanik und über die Wärmelehre gehören hierher.

Was das 19. Jahrhundert auf dem Gebiete der Wissenschaftsgeschichte

bot, blieb indessen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Spezialgeschichte.

Neben besonderen Geschichtswerken über Mechanik und Wärmelehre

entstanden solche über Optik, Elektrizitätslehre, Elektrochemie,

Geologie, Meteorologie, Mineralogie usw. So wichtig die historische

Bearbeitung begrenzter Teilgebiete ist, so wenig interessiert sie

weitere Kreise. Man kann nicht einmal dem Physiker, geschweige

denn dem Studierenden der Physik zumuten, sich über die Geschichte

eines jeden Teilgebietes dieser Wissenschaft durch ein besonderes

Werk zu unterrichten. Auch auf chemischem Gebiete ist die Anzahl

der geschichtlichen Werke nicht gering. Ein Mangel, der den

meisten anhaftet, besteht darin, daß sie zu wenig die Beziehungen

zu den übrigen Wissensgebieten und zum allgemeinen Gange der

Kulturentwickelung aufdecken. Eine Ausnahme hiervon bildet die

Geschichte der induktiven Wissenschaften von *Whewell*. Das Werk gehört

indessen der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und damit

eigentlich selbst schon der Geschichte an. (Eine deutsche Übersetzung

erschien vor 70 Jahren.)

Eine Geschichtsschreibung, wie wir sie für die Naturwissenschaften

neben Einzeldarstellungen brauchen, muß diese Wissenschaften im

Rahmen der Gesamtentwickelung darstellen. Ferner ist der Werdegang

der Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis der gesamten

Kultur, sondern auch unter Bezugnahme auf die Entwicklung der übrigen

Wissenschaften, insbesondere der Philosophie, der Mathematik, der

Medizin und Technik zu verfolgen. Vor allem ist zu zeigen, wie sich

diese Zweige des Denkens und der Forschung gegenseitig gefordert

und bedingt haben. Eine von einer solchen Auffassung durchdrungene

Darstellung der Geschichte der Naturwissenschaften wäre vielleicht

imstande, *Du Bois Reymonds* Wort, daß sie die eigentliche Geschichte

der Menschheit sei, zu rechtfertigen[1].

Zur Belebung des Studiums der Wissenschaftsgeschichte ist bisher nur

wenig geschehen. Die zur Pflege dieses Studiums auf der Hamburger

Naturforscherversammlung im Jahre 1901 ins Leben gerufene Deutsche

Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften

zählt augenblicklich nur einige hundert Mitglieder. In diese Zahl

sind aber auch Institute und Bibliotheken eingeschlossen, welche

die Mitgliedschaft nur deshalb erworben haben, um die regelmäßig

erscheinenden Veröffentlichungen der Gesellschaft ihren Bücherbeständen

einzuverleiben. Ihren eigentlichen Hort findet die Geschichte im

weitesten Sinne auf den Hochschulen, die ja selbst fast alle eine

Jahrhunderte umfassende Geschichte hinter sich haben. Eingedenk des

alten heraklitischen Wortes, daß nicht in der Kenntnis des einzelnen

Gewordenen, sondern auf der Kenntnis des Werdens die Vernunft beruht,

wird auf den Hochschulen neben der allgemeinen Geschichte eine ganze

Reihe von historischen Sondergebieten gepflegt. Nur hinsichtlich der

Wissenschaftsgeschichte haben die Universitäten und leider auch die

technischen Hochschulen bisher eine Ausnahme gemacht. Und doch gilt

es gerade hier, die größten und lohnendsten Aufgaben auf dem Gebiete

der Geschichtsforschung und in der Pflege des historischen Sinnes zu

erfüllen. Den Versuch, umfassende Vorlesungen über die Geschichte

der Wissenschaften zu veranstalten, hat man bis jetzt nur in Wien

und gelegentlich in München unternommen. Was man hin und wieder

findet, sind Vorlesungen über eng begrenzte Gebiete. So weisen die

Vorlesungsverzeichnisse für das Sommersemester 1911 einige einstündige

Kollegs über neuere Geschichte der Chemie, die Experimentierkunst des

Paracelsus, die Entstehung des Getreidebaues, die Kulturgeschichte der

Nutz- und Medizinpflanzen und ähnliches auf. »Vollständige Vorlesungen

über die Geschichte der Mathematik, Astronomie, Geologie, Botanik,

Zoologie, Geographie sucht man überall vergebens«[2]. Ja, es gibt

sogar eine ganze Anzahl von Universitäten, an denen nicht einmal

das bescheidenste historische Spezialkolleg über die Entwicklung

der so gewaltig emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird,

während Vorlesungen über die Geschichte der verschiedenen Künste,

der Literaturen, der philosophischen Systeme usw. nirgends fehlen.

Im Sommer 1911 waren es nicht weniger als 15 deutsche Universitäten,

an denen überhaupt keine historische Vorlesung aus den Gebieten

der Mathematik und der Naturwissenschaften gehalten wurde[3]. Es

befanden sich darunter Universitäten wie München, Bonn und Göttingen.

Hoffentlich tritt hierin bald eine Wandlung ein. Ganz besonders

müßte es sich München als Sitz des Deutschen Museums für Geschichte

der Naturwissenschaften und der Technik angelegen sein lassen, in

Verbindung mit jenem Museum die Geschichte der Naturwissenschaften

nicht ausschließlich durch die Anhäufung toter Gegenstände, sondern

auch durch das lebendige Wort zu pflegen.

Mit der Frage, wie dem bestehenden Mangel des Hochschulunterrichtes

abzuhelfen sei, hat sich als das hierzu ganz besonders berufene

Organ die Deutsche Gesellschaft für Geschichte der Medizin und

der Naturwissenschaften wiederholt beschäftigt. Im Jahre 1903

gelangte diese Gesellschaft einstimmig zu der Forderung, daß an

den Hochschulen nicht nur gelegentlich, sondern regelmäßig und

systematisch über die Entwicklung sowohl der Heilkunde als auch

der einzelnen Naturwissenschaften Lehrvorträge gehalten werden

sollten[4]. Eine so weitgehende Forderung hat aber zunächst kaum

Aussicht auf Verwirklichung. Man beschränke sich deshalb lieber

darauf, für die Geschichte der Medizin und für die Geschichte der

Naturwissenschaften je einen Lehrstuhl zu fordern. Das Bedenken, daß

der einzelne nicht imstande sei, die sämtlichen Gebiete der Medizin

oder der Naturwissenschaft in den Bereich seines Forschens und

Denkens zu ziehen, ist nicht stichhaltig. Mit Recht bemerkt hierzu

Professor *Sigmund Günther* in München, der wiederholt für eine

bessere Pflege der Geschichte der Naturwissenschaften eingetreten

ist, das folgende: »Nicht um Detailwissen, nicht um Beschäftigung mit

Einzelproblemen handelt es sich hier, sondern darum, ein Bild von

den großen Ideen sowohl als von den Errungenschaften, die man ihnen

verdankt, zu zeichnen.« Mit feinem Spott wendet sich *Günther* gegen

die leider nicht selten anzutreffende Meinung, daß es das Wahrzeichen

eines richtigen Gelehrten sei, sich selbst auf den seinen Studien

naheliegenden Gebieten als ein vollständiger Laie zu erweisen, und nur

als Kenner ersten Ranges auf seinem eigenen, engen Arbeitsfelde gelten

zu wollen.

Gerade in Anbetracht dieses, von *Günther* nicht mit Unrecht

verspotteten Mangels muß auf die große Bedeutung der geschichtlichen

Betrachtungsweise immer wieder hingewiesen werden. Je mehr sich nämlich

die Tätigkeit des einzelnen Forschers auf ein kleines, im Verhältnis

zur Wissenschaft manchmal recht winziges Arbeitsfeld beschränkt, um so

dringender ist es notwendig, von Zeit zu Zeit den Blick auch wieder

auf die Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen

Umfange zu überschauen, ist allerdings nicht möglich. Wohl aber können

wir sie uns in einem geschichtlichen Rückblick vergegenwärtigen, die

Haupttatsachen und die wichtigsten Gedanken verfolgen, sie verknüpfen

und so zu einer vertieften Auffassung gelangen.

Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist auch darin zu

erblicken, daß es vor übertriebener Einseitigkeit bewahrt. Ist doch die

allzu einseitige Betonung bestimmter Richtungen in der Wissenschaft

nicht selten ein Hemmnis für ihre Entwicklung gewesen. Die Geschichte

lehrt bis in die neueste Zeit, daß solche Einseitigkeiten meist auf

Rechnung der berufsmäßigen Vertreter der Wissenschaft zu setzen sind.

So waren beispielsweise die Botaniker von Fach ausschließlich mit dem

Ausbau des *Linné*schen Systems beschäftigt, als der Rektor *Sprengel*

die Blütenbiologie begründete und damit der Wissenschaft seiner Zeit

um Jahrzehnte vorauseilte. Und als hundert Jahre früher *Grew* und

*Hales* die Anfänge einer wissenschaftlichen Anatomie und Physiologie

der Pflanzen schufen, schenkten ihnen die Fachbotaniker kaum Beachtung.

Ähnliche Beispiele lassen sich aus jedem Gebiete anführen, ohne daß

dadurch die Stetigkeit und Folgerichtigkeit in der Entwicklung der

Wissenschaft, wenn wir sie als großes Ganzes ins Auge fassen, eine

Unterbrechung erlitten hätte.

Die genetische Betrachtungsweise ist ferner wie nichts anderes

geeignet, vor dogmatischer Überschätzung der heute geltenden Theorien

zu bewahren. Wer sich der historischen Betrachtung verschließt, ist

leicht geneigt, an ein unvermitteltes Entstehen der Theorien zu

glauben. Ein Beispiel aus der neuesten Zeit bietet das Aufkommen der

Ionentheorie. *Arrhenius*, der zu den Schöpfern der neuesten chemischen

Vorstellungen zählt, hat in einer ausführlichen historischen Darlegung

nachgewiesen, »daß die neuen theoretischen Vorstellungen aus den alten,

allgemein anerkannten Ideen herausgewachsen sind«[5]. Gerade das, sagt

er, ist ihr verheißungsvollster Zug. Denn ohne Zweifel ist es ein

Beweis, daß man sich auf dem rechten Wege befindet, wenn sich in der

Entwicklung der Theorien eine logische Konsequenz beobachten läßt.

Diese Konsequenz, verbunden mit einer stetig zunehmenden Läuterung der

Vorstellungen, gibt der Geschichte der Naturwissenschaften ein Gepräge,

über das man immer wieder staunen muß. In welchem Maße gilt dies z. B.

von dem Weltbild, das sich im Wandel der Zeiten aus der Beobachtung der

Himmelserscheinungen ergeben hat! Die Grundzüge der Astronomie lassen

sich gar nicht darstellen, ohne auf die Forschungen, Vorstellungen

und Gedankengänge eines *Koppernikus*, *Kepler*, *Newton*, *Laplace*,

*Herschel* fortgesetzt Rücksicht zu nehmen. Das gleiche gilt in der

Physik von *Archimedes*, *Galilei*, *Guericke*, in der Chemie von

*Lavoisier*, *Dalton*, *Berzelius*, *Liebig* und zahlreichen anderen

großen Forschern.

Wie in jeder Geschichte, so spielt auch in der Wissenschaftsgeschichte

das biographische Moment eine, wenn auch mehr nebensächliche Rolle.

Ich glaube, daß die früher allzu starke Betonung dieses Momentes

die Wissenschaftsgeschichte etwas herabgesetzt und ihre wahre

Bedeutung verschleiert hat. Was will es für die Entwicklung der

Naturwissenschaften z. B. heißen, ob *Galilei* das Wort: »Und sie

bewegt sich doch!« wirklich gesprochen hat oder nicht, ob er seine

Fallversuche vom schiefen Turm in Pisa anstellte oder von irgend

einem anderen. Für die Spezialforschung mögen solche Dinge ein

gewisses Interesse haben. Für das Emporkommen einer das geistige

Leben durchdringenden Geschichte der Naturwissenschaften ist ihre

Häufung jedenfalls nachteilig. Mit Recht wird man das biographische

Moment stets dann verwerten, wenn es zum Verständnis der Entwicklung

wesentlich beiträgt. So ist es beispielsweise von Bedeutung, daß

*Kepler* zu Tycho, dem unerreichten Meister der astronomischen

Meßkunst, in ein persönliches Verhältnis trat, weil er dadurch die

astronomischen Daten über den Mars erhielt und in den Stand gesetzt

wurde, die Gesetze der Planetenbewegung zu entdecken.

Bei der Beurteilung des biographischen Momentes darf ferner

nicht vergessen werden, daß oft erst aus der Kenntnis der

großen Persönlichkeit, deren Schaffen wir miterleben und des

allgemeingeschichtlichen Hintergrundes, von dem sie sich abhebt, das

tiefere Verständnis für den Verlauf und das schließliche Ergebnis

des geistigen Fortschritts erwächst. In einer Betrachtung der

Naturwissenschaften unter diesem Gesichtswinkel liegt auch ein Teil

ihrer ethischen Wirkung. Die großen Forscher bieten meist glänzende

Beispiele geistiger und sittlicher Selbstzucht. Die Taten, die sie

auf dem Felde der Wissenschaft verrichteten. verdienen die höchste

Bewunderung. Um sich ihren Idealismus zu bewahren, muß sich unsere Zeit

für die Führer der Menschheit begeistern, zu denen die Schöpfer der

Wissenschaft und der Technik nicht minder zählen als die großen Dichter

und Denker.

Eine ähnliche Bedeutung wie für die Forschung und das Studium besitzt

die geschichtliche Betrachtungsweise für den naturwissenschaftlichen

Unterricht und damit für die Allgemeinbildung. Allerdings wird ihre

Bedeutung hier bislang noch weniger gewürdigt, während doch nichts so

sehr imstande ist, den naturwissenschaftlichen Unterricht wahrhaft

humanistisch zu gestalten wie die genetische Betrachtungsweise. In

der Regel begnügt man sich damit, einige Namen und historische Daten

mitzuteilen, die nur das Gedächtnis belasten. Und doch gibt es kein

wirksameres Mittel, den Unterricht zu beleben, als das Eindringen in

das geschichtliche Werden der Probleme. Selbstverständlich sollen

nach wie vor Beobachtung und Versuch im Vordergrunde stehen und die

fundamentalen Gesetze auf induktivem Wege erarbeitet werden. Aber

gerade auf diesem Wege kann das genetische Verfahren in viel höherem

Maße, als es bisher geschehen, das verständnisvolle Eindringen in den

Zusammenhang der Erscheinungen unterstützen.

Eine nicht geringere Bedeutung wie für das Gebiet der

Naturwissenschaften besitzt die historische Forschung und die Erziehung

zum historischen Denken für die Anwendungen dieser Wissenschaften, die

Medizin und die Technik. Drängt doch nach dem Urteil Berufener gerade

auf diesen Gebieten die Fülle des Stoffes zu einer Zersplitterung, die

schließlich dazu führt, daß das geistige Band, das die Einzelgebiete

verknüpfen soll, verloren geht und kritikloses Arbeiten nach

vorgeschriebenem Gange an seine Stelle tritt. Infolge dieser Erkenntnis

regt sich auch auf den Gebieten der angewandten Naturwissenschaften

das Bemühen, den Blick über das lediglich Nützliche hinaus auf den

tieferen Gehalt und den Werdegang, den diese Wissenschaften innerhalb

des Verlaufes der Kulturentwicklung genommen haben, zu richten.

Nach der Auseinandersetzung der für das Verhältnis der Wissenschaft

zu ihrer Geschichte wesentlichen Gesichtspunkte seien die wichtigsten

Phasen der Wissenschaftsgeschichte noch einmal kurz hervorgehoben, um

daran die weitere Schilderung anzuknüpfen.

Man hat lange Zeit die Mathematik und die Naturwissenschaften für

Schöpfungen der Griechen gehalten und den Anteil, den die Völker des

alten Orients an diesen Schöpfungen hatten, nur gering bewertet.

Heute ist indessen sicher, daß eine große Fülle von Beobachtungen und

Erfahrungen gesammelt und auch schon bis zu einem gewissen Grade

gesichtet wurden, bevor die Griechen unter teilweiser Verwendung dieses

Materials an den systematischen Aufbau der Wissenschaften herangetreten

sind. Daß unserem Zeitalter diese mühevolle Vorarbeit bekannt geworden

ist, verdankt es der modernen Archäologie, der Wissenschaft vom Spaten.

Erst im 19. Jahrhundert wurde nach und nach der Schutt hinweggeräumt,

der die in Trümmer versunkenen Stätten der uralten Kultur im Niltal und

am Euphrat deckte. Zu vielen Tausenden fand man Tonplatten, die nach

ihrer Reinigung Schriftzüge erkennen ließen. Diesen Keilschrifttafeln

verdanken wir die Einsicht, daß die Naturwissenschaften und die

Mathematik ein Alter besitzen, das man in früherer Zeit, als jedes

Verdienst der verhältnismäßig jungen Kultur der Griechen zugeschrieben

wurde, nicht ahnte.

Man hat wohl behauptet, daß die Wissenschaft erst mit dem Augenblick

beginne, in dem der Mensch sich der Erforschung eines Gegenstandes

ohne alle Nebenrücksichten widmet. Will man sich dieser Erklärung

anschließen, so darf man allerdings von einer Wissenschaft des

alten Orients und Ägyptens nicht reden. Die Sternkundigen z. B.

kannten damals nur zwei Aufgaben. Zu beiden stand der Mensch mit

seinem Fürchten und Hoffen in engster Beziehung. Es galt einmal, die

Zeitrechnung festzusetzen und zweitens, aus den Sternen Menschen- und

Völkerschicksale zu deuten. Aber hat sich der Mensch nicht stets als

Mittelpunkt bei seinem Tun und Denken gefühlt? Sind nicht die Chemie,

die Medizin, die Botanik aus ähnlichen Trieben hervorgegangen? Selbst

die Mathematik, die sich so gern als reine Wissenschaft bezeichnet,

macht keine Ausnahme. Die Griechen hatten nicht so Unrecht, wenn sie

annahmen, daß die Ägypter durch die Vermessung ihrer Ländereien auf die

ersten geometrischen Sätze geführt worden seien. Richtiger ist es also,

den Beginn der Wissenschaft auf jene Zeit zurückzuführen, in der zuerst

sorgfältig beobachtet und die gewonnenen Ergebnisse als Gemeingut,

sei es mündlich, sei es schriftlich, fortgepflanzt wurden. So war es

zweifelsohne schon eine beachtenswerte wissenschaftliche Leistung,

daß die Astronomen Babylons durch Jahrhunderte währende Beobachtungen

eine gewisse Regel in der Wiederkehr der Finsternisse erkannten. Auf

Grund dieser Regel waren sie sogar imstande, die Finsternisse mit

einiger Wahrscheinlichkeit vorherzusagen. Und gerade diese Kunst, ein

Geschehnis aus der Kenntnis des Naturablaufes vorherzusagen, hat

man mit Recht auch wohl als ein Charakteristikum der Wissenschaft

bezeichnet.

Vor allem aber verdient genaues Beobachten dann als eine

wissenschaftliche Tätigkeit bezeichnet zu werden, wenn sich dem

Beobachten das Messen und Vergleichen zugesellt. Und an Messungen,

die in Anbetracht der rohen Hilfsmittel, auch heute noch Bewunderung

erregen, haben es die Alten nicht fehlen lassen.

Zu astronomischen Messungen benutzte man in Grade eingeteilte Kreise.

Mit ihrer Hilfe wurde der Abstand der Sterne voneinander, vom Pol, vom

Himmelsäquator und vom Horizont ermittelt. Auf diese Weise entstand

eine Topographie des Fixsternhimmels mit genauer Ortsangabe für die

einzelnen Gestirne.

Schon früher hatte man eine Anzahl einander benachbarter hellerer

Sterne als Gruppen, als Sternbilder, auffassen gelernt. Daß man Sternen

und Gruppen von Sternen Namen gab und ihre Bewegung verfolgte, war

der zweite Schritt auf dem Wege, auf dem der Mensch in das Weltall

eingedrungen ist. Der erste Schritt ist immer das bloße Beobachten

gewesen. Die zunächst unbestimmten Eindrücke schärfer erfassen und

sie ordnen, das heißt, sie unter Namengebung in ein gewisses System

eingliedern, das weiteres Beobachten fordert und eine leichtere

Verständigung herbeiführt, das war stets der zweite Schritt.

Das erste Weltbild, zu dem die Wissenschaft des Altertums gelangte,

war dasjenige der unmittelbaren naiven Anschauung. Wie eine gewaltige

Scheibe erschien der Wohnsitz der Menschheit. Jenseits der Säulen des

Herkules und der Ufer des Schwarzen Meeres, sowie nördlich vom Lande

der Hyperboreer und südlich der libyschen Wüste sollte der Ozean als

eine kreisförmige Wassermasse die Erdscheibe begrenzen.

So klein wie der geographische Gesichtskreis nach heutigen Begriffen

war, so eng war auch der kosmische. Welt und Erde fielen in der

Hauptsache zusammen. Über der Erdscheibe ruhte der Himmel als ein

wirkliches, aus festem oder flüssigem Stoff bestehendes Gewölbe. Der

im Mittelpunkte ruhenden Erde, als dem Orte des Unbeständigen, stellte

man die sie umkreisenden Gestirne als die Welt des Unveränderlichen

gegenüber. Erst aus der Überwindung dieses Gegensatzes entsprang die

Vorstellung vom All, wie sie die Neuzeit nach dem Wiederaufleben der

Wissenschaften seit *Koppernikus*, *Kepler* und *Galilei* geschaffen

hat.

Eine Erweiterung des ersten, engbegrenzten Weltbildes fand noch während

des griechischen Geisteslebens statt. Diese Erweiterung kam dadurch

zustande, daß sich zum Beobachten und zum Messen die geometrische

Betrachtungsweise gesellte. Daraus erwuchs die reine Wissenschaft,

die in der steten Verknüpfung von Beobachten, Messen und Schließen

besteht. Während dieser, schon im Altertum erklommenen Stufe erweiterte

sich das Himmelsgewölbe zur Himmelskugel und die Erdscheibe zu der

freischwebenden, kugelförmigen Erde.

Die ersten Zweifel, ob man es bei der Erde wirklich mit einer Kugel zu

tun habe, entstanden bei weiten Reisen. Begab man sich von Griechenland

nach Ägypten, so tauchten im Süden Sterne auf, die man in Griechenland

nicht zu sehen bekam. Um von diesen und ähnlichen Beobachtungen aus zu

der Vorstellung der kugelförmigen Gestalt der Erde zu gelangen, dazu

bedurfte es jedoch keines geringen Abstraktionsvermögens. Sobald man

aber die Erde für eine Kugel hielt, war der erste Schritt zu jener

Vorstellung vom Kosmos, die wir heute hegen, getan. Lag es doch nahe,

die gewonnene Anschauung mit der Annahme zu vereinen, daß Mond und

Sonne als ähnliche große Kugeln, weit entfernt von der Erde, frei im

Raume schweben.

Mit dieser im griechischen Altertum entstandenen Erweiterung des

Weltbildes waren zwei der großartigsten Probleme gegeben, welche die

Menschheit bis in die Gegenwart hinein mit immer größerer Genauigkeit

zu lösen gesucht hat. Es galt nicht nur die Größe der Erdkugel, sondern

auch ihren Abstand von den benachbarten Himmelskörpern zu bestimmen.

Den Gedanken, die Größe der Erdkugel zu ermitteln, verwirklichte der

alexandrinische Gelehrte *Eratosthenes*. Es hat Zeiten gegeben, in

denen man von den Leistungen der Alten mit hochmütiger Geringschätzung

sprach. Wer zu einem etwas tieferen Verständnis der Geschichte der

Wissenschaften gelangt ist, wird der Erdmessung des *Eratosthenes* und

ähnlichen Problemen, welche die Alten lösten, seine Anerkennung nicht

versagen und einsehen, daß die Begründung der neueren Wissenschaft

dadurch erfolgte, daß man auf die Arbeiten der Alten zurückgriff. In

ganz besonderem Maße gilt das von der Astronomie und damit von der

Entstehung des modernen Weltbildes.

Die Bestimmung des Erdumfanges durch *Eratosthenes* bildete sozusagen

den Hebel für das Problem, messend über die Erde hinauszugelangen

und auf diese Weise in die Gliederung des Weltgebäudes einzudringen.

Zuerst gelang es *Aristarch*, von der Größe und der Entfernung der

uns nächsten Weltkörper ein annähernd richtiges Bild zu erhalten.

*Aristarch* legte die Ergebnisse seiner Messungen und seines

Nachdenkens in einer Schrift »Über die Größen und Entfernungen der

Sonne und des Mondes« nieder. Aus dieser Schrift, von der einiges

erhalten geblieben ist, ersieht man, daß *Aristarch* den Mond für etwa

30 (statt 48) mal so klein, die Sonne dagegen für 300 (statt 1,300,000)

mal so groß wie die Erde hielt. Die mittlere Entfernung des Mondes von

der Erde bestimmte *Hipparch* zu 59 (statt 60) Erdhalbmessern. Da man

die Größe der Erde durch *Eratosthenes* kennen gelernt hatte, so ließ

sich der Abstand Erde-Mond sogar in absolutem Maß ausdrücken.

Da *Aristarch* mit ziemlicher Sicherheit zu schließen vermochte,

daß die Sonne ein viele tausendmal größerer Weltkörper ist als

unser Trabant und daß sie auch die Erde ganz erheblich an Größe

übertrifft, so regte sich in ihm der Zweifel, ob die Erde tatsächlich

den Mittelpunkt des Ganzen bilde und die um so viel größere Sonne

sich wirklich um die Erde bewege. So kam es, daß *Aristarch* die

heliozentrische, die Sonne als Mittelpunkt des Alls betrachtende Lehre

schon 1800 Jahre vor *Koppernikus* aussprach. Trotzdem siegte, als im

2. Jahrhundert n. Chr. die Astronomie durch Ptolemäos in ein System

gebracht wurde, die geozentrische Ansicht. Das Ptolemäische System

blieb während des Altertums und durch das ganze Mittelalter hindurch

in Geltung. Das Wesentlichste und die Mitte der Welt war danach die im

Zentrum ruhende Erde. Um sie bewegten sich der Mond, die Sonne, die

Planeten und der gesamte Fixsternhimmel.

Man mußte mancherlei Annahmen machen, um die am Himmel beobachteten

Vorgänge mit diesem System in Einklang zu bringen. Die größten

Schwierigkeiten machten die Planeten. Bei ihnen wechselte nicht nur

die Geschwindigkeit, mitunter schienen sie sogar stillzustehen, und

schließlich bewegten sie sich auf ihrer Bahn zeitweise in umgekehrter

Richtung. Um dies alles zu erklären, ohne den Grundsatz der

gleichmäßigen und kreisförmigen Bewegung der Weltkörper zu verlassen,

ließ man die Planeten in einem Epizykel laufen, d. h. in einem

kleineren Kreise, dessen Mittelpunkt sich auf einer größeren Kreisbahn

um die Erde bewegen sollte. Je genauer man den Lauf der Planeten

beobachten lernte, um so weniger entsprachen die Beobachtungen der

immer verzwickter werdenden Epizyklentheorie. Doch sollten gerade die

Irrwege, in die sich die Astronomen des Altertums und des Mittelalters

verrannt hatten, für *Koppernikus* der Anlaß werden, über eine andere

Möglichkeit des Weltenbaues nachzusinnen.

Wie für die Astronomie, so wurden auch für die übrigen Zweige der

Naturwissenschaften während des Altertums die wichtigsten Grundlagen

geschaffen. Es kann indessen hier nicht im einzelnen wiederholt

werden, wie weit der Mensch im Altertum in der Erforschung des eigenen

Körpers und der übrigen Lebewesen, der Mineralien und der Gesteine,

sowie der physikalischen und chemischen Kräfte gelangt ist. Nur das

eine sei hervorgehoben, daß damals auch auf diesen Gebieten das

Fundament gelegt wurde, auf dem die Neuzeit nach dem Wiederaufleben der

Wissenschaften, also etwa seit dem 16. Jahrhundert, weiterbauen konnte,

um zur Beherrschung der Natur und zu jenem Weltbild zu gelangen,

das wir heute als das wichtigste theoretische Ergebnis der gesamten

naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Forschung besitzen.

Als einen der wesentlichsten Mängel des Altertums hat man es immer

betrachtet, daß das Experiment zu wenig gewürdigt wurde. Es ist

indessen eine Übertreibung, wenn man sagt, die Alten hätten nicht

experimentiert. Das Hüttenwesen, die Metallurgie, die Glasbereitung,

die Färberei und viele andere Zweige des gewerblichen Lebens regten

im Altertum zu zahlreichen Versuchen an. Dafür, daß mitunter auch der

Gelehrte experimentierte, ist der große Mathematiker und Physiker

*Archimedes* ein Beispiel. Durch seine Verknüpfung der mathematischen

Betrachtungsweise mit sinnreich ausgedachten Versuchen wurde er der

Schöpfer der wissenschaftlichen Mechanik.

Zahlreiche Untersuchungen über das Verhalten der Gase und der Dämpfe

stellten die alexandrinischen Gelehrten an. Einer von ihnen verwendete

den Dampf sogar schon zum Betriebe einer maschinellen Vorrichtung. Ein

anderer führte eine ganze Versuchsreihe durch, um das als Brechung

bekannte Verhalten eines Lichtstrahls, der in Wasser eindringt, kennen

zu lernen. Seine Ergebnisse waren so genau, daß neuere Messungen sie

bis auf geringe Abweichungen bestätigt haben. Zur Zeit der Römer wurden

sogar vivisektorische Untersuchungen angestellt, um das Zusammenwirken

von Nerven und Muskeln zu erforschen. Allerdings war man im Altertum

geneigt, den mühevollen Weg des Versuches abzukürzen, und lieber

von allgemeinen Sätzen auszugehen. Ein Beispiel dafür boten die

Pythagoreer. Sie hatten entdeckt, daß sich harmonische Töne ergeben,

wenn man eine Saite nach einfachen Verhältnissen teilt. Von diesem

Ergebnis ausgehend, stellten sie den Satz auf, daß alles in der

Welt in ganz bestimmter Weise nach Maß und Zahl geordnet sei. Unter

den griechischen Denkern war besonders *Plato* von diesem Gedanken

beherrscht.

An die Spekulationen über Form, Maß und Zahl reihte sich die Frage

nach dem Stoff, aus dem die Welt besteht. Nach der Vorstellung der

ersten Naturphilosophen ist die Welt aus einem Urstoff geformt. Dem

einen schien dafür das Wasser besonders geeignet. Andere hielten die

Luft für die Urmaterie. Aus ihrer Verdichtung sollten die flüssigen

und die festen Körper entstanden sein. Den längsten Bestand hatte die

Lehre, daß sich die Welt aus vier Elementen gebildet habe, aus Erde,

Feuer, Luft und Wasser. Aus ihnen waren danach alle irdischen Dinge

hervorgegangen. Die Gestirne dagegen sollten aus einer besonderen,

fünften Substanz (Quintessenz) bestehen.

Mit der Lehre von einem Urstoff, der übrigens auch den vier Elementen

zugrunde liegen sollte, konnte man sich indessen nicht begnügen. Man

erkannte, daß man dem Stoff ein formgebendes, gestaltendes Prinzip zur

Seite stellen mußte. Aristoteles nannte es Seele. Ein anderer forderte

einen nach Zwecken schaffenden Weltgeist. Ein dritter legte dem Stoff

zwei Kräfte bei, die er als Liebe und Haß bezeichnete. Damit waren

die Keime der mechanischen Naturerklärung gegeben. Man braucht nur

statt Liebe und Haß Anziehung und Abstoßung zu setzen und den Urstoff

nach dem Vorgang Leukipps und Demokrits in unveränderliche Teilchen

(Atome) aufzulösen, um die Vorstellungen zu erhalten, welche die neuere

Naturwissenschaft ihren Bestrebungen, die Welt mechanisch zu erklären,

zugrunde gelegt hat.

Wie die Begriffe Stoff und Form, so gehören auch die Vorstellungen des

Wechsels, des Werdens und Fließens zu den primitivsten. Auch diese

Vorstellungen bildeten die Grundlage eines naturphilosophischen Systems

der Alten.

Hand in Hand mit solchen Vorstellungen entstanden schon im Altertum

die ersten Ansätze zu einer Entwicklungslehre im biologischen Sinne.

Wer denkt nicht an die Urzelle, wenn es heißt, durch die Sonnenwärme

seien im Schlamm zuerst blasige Gebilde entstanden. Klingt es nicht

ferner wie eine Stelle aus *Lamarcks* oder *Darwins* Werken, wenn daran

die Bemerkung geknüpft wird, aus diesen Bläschen hätten sich zuerst

fischartige Geschöpfe gebildet, von denen einige ans Land gekrochen

seien? Diese Änderung der Lebensweise habe zu einer Umwandlung der

Gestalt geführt. Auf solche Weise seien zunächst die landbewohnenden

Tiere und schließlich der Mensch entstanden.

Dennoch wäre es grundfalsch anzunehmen, die Geistesschöpfungen der

Neuzeit seien nur Wiederholungen dessen, was sich schon bei den alten

Schriftstellern findet. In vielen Fällen handelt es sich bei den

Alten nur um gelegentliche geistreiche Einfälle. Daß sich darunter

neben einer Menge von haltlosen Behauptungen auch manches Zutreffende

findet, darf nicht wundernehmen. Auch von einem anderen Gesichtspunkte

aus kann man es verstehen, daß manche Begriffe und Vorstellungen

der Alten in dem Wissenschaftsgebäude der Neuzeit wiederkehren. Im

Grunde genommen ist doch der Mensch in geistiger und körperlicher

Hinsicht im geschichtlichen Altertum das gleiche Wesen wie in der

Neuzeit. Die zwei Jahrtausende Zeitunterschied spielen in Anbetracht

der Dauer seiner Entwicklung keine große Rolle. Und wie die ältesten

Werkzeuge und Maschinen mit den neueren Hilfsmitteln der Technik

bis zu einem gewissen Grade übereinstimmen, selbst wenn wir bis zu

vorgeschichtlichen Zeiten zurückgehen, so verhält es sich auch mit

den Elementen des Denkens und Forschens. Um Keime handelt es sich auf

diesem wie auf allen übrigen Gebieten. Diese Keime haben sich im Laufe

der Jahrtausende zu dem Baum entwickelt, als dessen Früchte wir heute

die Segnungen unserer materiellen und geistigen Kultur genießen.

Auf das Altertum folgt der wohl ein Jahrtausend umfassende Zeitraum,

den die Historiker das Mittelalter nennen. Das Mittelalter ist so

häufig falsch gezeichnet worden, daß sich noch heute wenige ein

zutreffendes Bild davon machen. Kunst und Wissenschaft der Alten, ja

ihre ganze Kultur sollte sich unter Schutt und Ruinen verloren haben.

Ein tiefer Riß, der die bisherige Entwicklung jählings unterbrach,

sollte durch die Menschheitsgeschichte gegangen sein. Stimmt diese

Ansicht, wie war es dann möglich, daß der Mensch der neueren Zeit

überall auf den vom Altertum geschaffenen Grundlagen fortbauen

konnte? Ist etwa das Wiederaufleben der Antike der rein zufälligen

Entdeckung erhaltener Überreste zu danken? Wir dürfen heute sagen,

daß der Faden der ruhigen Entwicklung nicht durchschnitten wurde.

Große Veränderungen und Verschiebungen haben zwar innerhalb des als

Mittelalter bezeichneten Jahrtausends stattgefunden. Der Zerfall des

römischen Weltreichs und die Ausbreitung des Christentums mit seinem

weltabgewandten Wesen, das Eindringen der Germanen und der Araber in

die Mittelmeerländer, die ja das eigentliche Kulturzentrum der alten

Welt ausmachten: dies alles war für die weitere Ausgestaltung der

Wissenschaften von großer Bedeutung. Es ist auch hier und da ein Stück

verloren gegangen, ein Stillstand, selbst ein Rückschritt eingetreten.

Forschen und Denken, ihre Ergebnisse sammeln, sichten und von

Geschlecht zu Geschlecht, von Zeitalter zu Zeitalter vererben sind aber

so grundlegende Äußerungen des menschlichen Geistes, daß sie unmöglich

plötzlich aufhören konnten.

Mit der politischen Machtentfaltung der Araber trat an die Stelle

der griechischen Literatur allmählich die arabische. Die alten Texte

wurden ins Arabische übersetzt; das übernommene Wissen wurde vermehrt

und gleichfalls in arabischer Sprache niedergelegt. Man darf es sich

indessen nicht so vorstellen, als wenn ein bis dahin kaum bekanntes

Volk urplötzlich die Fackel der Wissenschaft ergriffen hätte, und als

ob diese erloschen sein würde, wenn nicht zufällig die Araber auf

dem Plane erschienen wären. Das Arabische verband in ähnlicher Weise

die Völker des Ostens, wie es das Latein in den christlichen Ländern

Europas tat. Arabisch und Latein waren im Mittelalter die Sprachen der

Wissenschaft und des geistigen Austausches von Volk zu Volk. In beiden

Sprachen erhielten sich die Werke der Alten. Als dann um 1450 der

Buchdruck entstand, empfing alles Wissen, auch das im ursprünglichen

griechischen und lateinischen Text erhaltene, neues Leben. Und es ist

kein bloßer Zufall, daß in den Beginn des Zeitalters, das wir als

Renaissance bezeichnen, die Erfindung des Buchdrucks fällt.

Durch das Studium des astronomischen Hauptwerkes des Altertums erwachte

zuerst die Astronomie zu neuem Leben. Die Astronomie trat ferner in die

engste Beziehung zur Nautik, die Nautik wurde angewandte Astronomie.

Auch hier handelt es sich wie überall um innere Notwendigkeit. Die

griechischen und die phönizischen Seefahrer hatten sich im Dunkel

der Nacht zwar auch schon nach den Sternen gerichtet, sie waren aber

Küstenfahrer geblieben. Seitdem war die Kulturmenschheit mehr und

mehr nach Westen gerückt. Sie hatte das enge Mittelmeer, von dessen

Fläche fast überall die Berge der Küste zu sehen sind, verlassen

und sich an den Küsten des Atlantischen Ozeans ausgebreitet. So

sehr hier auch das Unbekannte locken mochte, die kühnen Seefahrer,

die binnen kurzem den Erdball eroberten, wagten es zunächst doch

nicht, sich von der atlantischen Küste zu entfernen. Da war es ein

günstiges Zusammentreffen, daß gerade in der zweiten Hälfte des

15. Jahrhunderts die Wiederbelebung der Astronomie erfolgte. Man

erfand zu den Meßapparaten der Alten neue hinzu, besonders solche,

die sich für den Gebrauch auf dem schwankenden Schiffe eigneten.

Die astronomischen Tafeln wurden verbessert, die Trigonometrie, die

wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, aus bescheidenen Anfängen

entwickelt und der neueren Astronomie und den mit ihr zusammenhängenden

Wissenschaften als willkommene Gabe dargeboten.

Auch *Koppernikus*, mit dem eine neue Epoche in der Entwicklung der

Naturwissenschaften anhebt, empfing die wertvollsten Anregungen aus

den Schriften der Alten. Durch das Festhalten an der geozentrischen

Lehre war die Astronomie in Schwierigkeiten geraten, weil Lehre und

Beobachtungen sich immer weniger deckten, je genauer man beobachten

lernte. Um die Wissenschaft aus diesen Schwierigkeiten herauszuführen,

gab sich *Koppernikus* zunächst die Mühe, die alten Schriften daraufhin

zu untersuchen, ob nicht irgend jemand einmal der Ansicht gewesen sei,

daß die Bewegungen der Gestirne anders verliefen, als es *Ptolemäos*

gelehrt hatte. Sowohl bei *Cicero* als auch bei einem andern alten

Schriftsteller fand *Koppernikus* die Meinung, daß sich die Erde

bewege. Von diesem ersten Keim bis zum Ausbau und zum Beweis des

heliozentrischen Systems war ein weiter Weg. Denn eine gelegentliche

Äußerung, von der sich später herausstellt, daß sie das Richtige

getroffen hat, ist noch keine Entdeckung und noch lange keine Theorie,

die ja erst in der Zusammenfassung und Deutung vieler als richtig

erkannter Tatsachen besteht. Je mehr Tatsachen mit einer Theorie im

Einklang stehen, um so größer ist ihre Wahrscheinlichkeit. Auf einen

solchen Nachweis kam es also an und nicht auf die gelegentliche

Äußerung eines richtigen Gedankens. An diesen Nachweis wandte

*Koppernikus* die Arbeit seines Lebens.

Die Weltansicht des *Koppernikus* bedeutet zwar eine ganz

außerordentliche Erweiterung der seit alters herrschenden

Vorstellungen, sie wich aber von der heutigen doch noch erheblich

ab. Für *Koppernikus* war das Weltall noch eine Kugel von bestimmten

Abmessungen. In ihrem Mittelpunkt ruhte die Sonne. Begrenzt wurde die

Weltkugel von der Sphäre der Fixsterne, die ihr Licht wie die Erde

und die Planeten von der Sonne erhalten sollten. Erst dem Blick des

Dominikanermönches *Giordano Bruno* erweiterte sich das Fixsterngewölbe

zu einem in Raum und Zeit unendlichen Universum. *Giordano Bruno*

war der erste, der die Fixsterne für Sonnen und für Mittelpunkte

unzähliger, dem unseren ähnlicher Planetensysteme hielt. Da er sich mit

den herrschenden Dogmen in Widerspruch setzte, überlieferte ihn die

Inquisition dem Scheiterhaufen.

Fast zur selben Zeit, als man sich bemühte, durch dieses Ketzergericht

die Wahrheit zu töten, erwuchs der Forschung ein gewaltiger

Bundesgenosse. Von Holland kam nämlich die Kunde, daß dort ein

Instrument erfunden sei, mit dem man weit entfernte Gegenstände ganz

nahe an das Auge heranbringen könne. Als man durch dieses Instrument

zum Himmel blickte, ging eine neue, wunderbare Welt dem Menschen auf.

Zu den ersten, die sich des Fernrohrs zu astronomischen Forschungen

bedienten, gehörte *Galilei*, einer der gewaltigsten Forscher und

Denker, ein König im Reiche der Wissenschaften. Er entdeckte die

Berge des Mondes, die Jupitertrabanten, die Sonnenflecken und die

Lichtgestalten der Venus. Eine Entdeckung reihte sich an die andere,

und jede war in vollstem Einklang mit der koppernikanischen Lehre.

Alle Gründe, die für diese Lehre sprachen, und alle Widersprüche des

*Ptolemäischen* Systems faßte *Galilei* schließlich in einem glänzend

geschriebenen Buche zusammen, das eine einzigartige Stellung in der

Weltliteratur einnimmt.

Der Mann, der das Werk eines *Koppernikus* und eines *Galilei*

fortsetzte, war *Johann Kepler*. Durch ihn wurde die heliozentrische

Lehre auf den Rang einer wohlbegründeten Theorie erhoben. Was

*Kepler* als das Ergebnis fünfundzwanzigjähriger Arbeit gefunden,

läßt sich in wenigen Worten ausdrücken. Der größte Mangel, welcher

der koppernikanischen Lehre vor *Kepler* anhaftete, war die Annahme

der Kreisbewegung der Gestirne. Mit einer solchen Annahme wollten die

genaueren Beobachtungen nicht übereinstimmen. An dieser Stelle lag,

wie so oft in der Entwicklung der Wissenschaften, der Wendepunkt. Wenn

sich die Beobachtungen der Theorie nicht anpassen, so muß sie einer

neuen Theorie weichen, denn den Ergebnissen der Beobachtung kann man

keinen Zwang antun. Sie sind das Ursprüngliche, und ihnen müssen sich

die Vorstellungen anbequemen. So dachte und danach handelte *Kepler*.

Er gab das Axiom der Kreisbewegung auf und nahm an, daß sich die

Planeten in einer ovalen Bahn um die Sonne bewegen. Die Beobachtungen

und die Theorie entsprachen einander jetzt schon besser. Doch war die

Übereinstimmung noch immer nicht vollkommen. Wirkliche Übereinstimmung

ergab sich erst, als *Kepler* annahm, daß sich die Planeten in Ellipsen

um die Sonne bewegen.

Etwas später als das Wiederaufleben der Astronomie erfolgte eine

Neubegründung der übrigen Naturwissenschaften. Schon seit dem 13.

Jahrhundert regte sich der Drang nach selbständiger Forschung und

nach Befreiung von kirchlichen und wissenschaftlichen Dogmen. In

diesem Ringen nimmt das Zeitalter *Galileis* eine ganz hervorragende

Stelle ein. Zum ersten Male wird man sich der großen Bedeutung der

experimentellen Forschungsweise voll bewußt. Um sie auszuüben, werden

Mittel geschaffen, die man bisher weder kannte noch ahnte. Was nützten

alle Bemühungen, in die Natur der Wärmeerscheinungen einzudringen,

solange man kein Thermometer besaß? Das 17. Jahrhundert erfand es.

Die Philosophen hatten zahllose Spekulationen angestellt über den

leeren Raum, über das Wesen der Luft, über die Frage, ob sie Gewicht

besitzt oder mit einem Streben vom Erdmittelpunkte fort begabt sei. Im

17. Jahrhundert trat *Guericke* auf. Er hielt nichts vom Disputieren

auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, sondern er konstruierte die

Luftpumpe und wies das Vorhandensein des Luftdrucks durch den berühmten

Versuch mit den Magdeburger Halbkugeln nach. Mit seinem Wasserbarometer

untersuchte *Guericke* die Schwankungen des Luftdrucks. An die Stelle

des Wasserbarometers trat das bequemere Quecksilberbarometer. Zur

Luftpumpe gesellte *Guericke* die Elektrisiermaschine. Das Mikroskop

erschloß dem Biologen eine neue Welt. Mit einem Worte: sowie das

Bestreben, die Natur auf dem Wege des Versuchs zu durchforschen,

ernstlich zum Durchbruch kam, schuf der erfinderische Geist eine reiche

Fülle von Hilfsmitteln.

Gewiß haben auch die Instrumente nicht dazu verholfen, den letzten

Schleier von der Natur der Dinge zu ziehen. Doch es zeugt nur von einer

schlechten Kenntnis der Aufgaben der Naturwissenschaft, das von ihr zu

verlangen. Alle Forschung ist an die körperlichen und geistigen Grenzen

des menschlichen Erkennens gebunden, und die echte Forschung bleibt

sich dieser Grenzen stets bewußt.

Man kann alles, was uns jetzt noch in der Ausgestaltung des Weltbildes

begegnet, unter einen leitenden Gedanken bringen. Dieser Gedanke,

den der einzelne Forscher sich kaum vergegenwärtigte, der sich aber

immer deutlicher aus der Forschungs- und Denkarbeit der folgenden

Jahrhunderte herausschälte, betrifft das Verhältnis der irdischen

Erscheinungen zu den Vorgängen im Kosmos. Ein Hinausprojizieren der

Erkenntnisse, die das Experiment an den Dingen der unmittelbaren Umwelt

gewonnen hat, begegnet uns schon an der Schwelle des 17. Jahrhunderts.

Damals setzte die Erforschung des Magnetismus ein. Man begnügte sich

aber nicht damit, die Erscheinungen experimentell zu untersuchen,

sondern man erweiterte die erhaltenen Ergebnisse zu der Vorstellung,

die Erde sei ein großer Magnet und der Magnetismus eine kosmische

Kraft. Ja, man betrachtete diesen kosmischen Magnetismus sogar als die

Ursache der Planetenbewegung. Das Gleiche wiederholte sich, als die

elektrischen Erscheinungen erforscht wurden.

Daß Licht und Wärme kosmische Kräfte sind, war ohne weiteres klar,

da sie ja von der Sonne her den Raum durchfluten. Ein Rätsel blieb

es aber, ob auch die Gesetze der Mechanik für den Kosmos gelten.

*Galilei* hatte den Fall, die Pendel- und Wurfbewegung untersucht und

ihre Gesetze gefunden. *Kepler* hatte sich die Frage vorgelegt, ob die

Schwerkraft, welche jene Bewegungen regelt, nicht etwa eine kosmische

Kraft sei, die sich von der Erde bis zum Monde und von der Sonne auf

sämtliche Glieder des Planetensystems erstrecke. Die Beantwortung der

Frage, ob die Bewegung der Himmelskörper auf eine Kraft zurückzuführen

sei, die auch an die Erde gebunden und daher einer unmittelbaren

Erforschung zugänglich ist, sollte jedoch erst durch Newton geschehen.

Durch eine Erweiterung der von *Galilei* gefundenen Gesetze über die

Wurfbewegung gelangte er zur Aufstellung des Gravitationsgesetzes.

Es gibt kaum etwas, das man an wissenschaftlicher Bedeutung diesem

Gesetz zur Seite stellen kann. Man hätte es eigentlich aus dem

Verhalten des Lichtes erschließen können. Daß die Lichtstärke sich

nach dem gleichen Gesetz abschwächt, wenn wir uns von der Lichtquelle

entfernen, wußte man nämlich schon vor *Newton*. Es lag nahe, daß

auch andere Kräfte wie der Magnetismus und die Elektrizität dem

*Newton*schen Gesetze gehorchen. Diese Vermutung erwies sich als

richtig. Weite Gebiete der Erkenntnis wurden so durch ein Gesetz

verbunden, und der Name Weltgesetz gewann seine volle Berechtigung.

Mit dem Ausspruch des Gesetzes und dem Nachweis seiner Richtigkeit

für einen bestimmten Fall war es jedoch noch nicht getan. *Newton*

erwuchs die Aufgabe, die Übereinstimmung möglichst aller astronomischen

Erscheinungen mit seinem Gesetze nachzuweisen. Der Fall lag für ihn

ähnlich wie für *Koppernikus*. In dieser Anpassung der Vorstellungen

an die Tatsachen liegt die Hauptaufgabe aller Forschung großen Stils.

So sehen wir auch *Newton* jahrelang beschäftigt, das Weltsystem

einer ähnlichen großen Revision zu unterziehen, wie es vor ihm

*Koppernikus* getan hatte. Zunächst mußte bewiesen werden, daß die

Gesetze *Keplers* im Einklang mit dem Gravitationsgesetze stehen.

*Newton* zeigte, daß *Keplers* Gesetze sich daraus ableiten lassen.

Dann wies er im einzelnen nach, daß die Monde gegen die Planeten und

letztere gegen die Sonne gravitieren, d.h., daß ihre Bewegungen nach

dem allgemeinen Gesetz der Schwere geregelt sind. Eine Erscheinung,

die bis dahin keine Erklärung gefunden hatte, war die unter dem Namen

der planetarischen Störung bekannte Unregelmäßigkeit in der Bewegung

der Planeten. Alle Weltkörper ziehen sich gegenseitig an. Also müssen

sich auch die Planeten, wenn sie einander nahe kommen, wechselseitig

merklich in ihrer Bewegung beeinflussen. Diesen Vorgang bezeichnet man

als planetarische Störung. *Newtons* Gravitationsgesetz bot zuerst

eine Handhabe, sie zu erklären und zu berechnen. Die Theorie der

Planetenbewegung wurde später[6] in solchem Maße ausgebildet, daß man

aus der Größe der Störung, die der eine Planet erleidet, den störenden

Weltkörper ermitteln lernte.

*Newton* durchdrang aber nicht nur das System als Ganzes, er erkannte

auch die bisherige Vorstellung von der Gestalt der Erde als irrig.

Die Erde galt seit dem Altertum als Kugel. Auch den Neubegründern

der Astronomie fiel es nicht ein, daran zu zweifeln. »Die Welt

ist kugelförmig, die Erde ist kugelförmig, und die Bewegung der

Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und im Kreise,«

lauten die Worte des *Koppernikus*. Diese Lehren wurden von *Kepler*

berichtigt. Er war es, der das Axiom von der kreisförmigen Bewegung der

Himmelskörper zerstörte. Das Axiom von der Kugelgestalt der Erde wurde

erst durch *Newton* widerlegt.

Die Entdeckung der Erdabplattung änderte das Weltbild indes nicht

wesentlich. Auch die Entdeckung neuer Planeten oder der Monde schon

bekannter Planeten bedeutete jedesmal nur einen neuen Strich im Bilde,

das nach und nach durch immer mehr Einzelheiten vervollständigt

wurde, ohne je wieder eine solche Umgestaltung zu erleben, wie sie

*Koppernikus* herbeigeführt hatte.

Verändern mußten sich auch die Proportionen, die für die einzelnen

Glieder des Weltalls galten. Die größte derartige Veränderung wurde

dadurch herbeigeführt, daß es im 18. Jahrhundert gelang, den Abstand

der Erde von der Sonne mit ziemlicher Genauigkeit zu ermitteln. Daß

dieser Abstand sehr groß sei, stand fest. Schon das Altertum hatte ihn

auf das Vielfache der Entfernung des Mondes von der Erde geschätzt.

Nach *Koppernikus* betrug die Entfernung der Sonne mehr als tausend

Erdhalbmesser. Im 18. Jahrhundert stellte sich heraus, daß man noch

sehr weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben war. Der neue,

nach besserer Methode und durch genauere Messungen ermittelte Wert

übertraf den von *Koppernikus* angenommenen um das Zwanzigfache.

Auf 20 Millionen Meilen bezifferte sich das aus der Beobachtung der

Vorübergänge der Venus ermittelte Grundmaß der Astronomie. Mit Hilfe

dieses Grundmaßes war man imstande, die bisher nur in ihrem Verhältnis

bekannten Abstände der Planeten vom Zentralgestirn nach ihrem wahren

Werte zu berechnen.

Zu einer genaueren Bestimmung der Dimensionen und der Form der Erde

gesellte sich im 18. Jahrhundert die Wägung unseres Planeten.

Die Ermittlung der Abplattung und des Gewichtes der Erde sind

treffliche Beispiele dafür, wie neue Wahrheiten entdeckt werden. Den

Ausgangspunkt bilden meist zufällige, oft ganz unbedeutende, in ihrer

Ursache nicht sofort erkennbare Beobachtungen. In dem einen Falle

war es die Unregelmäßigkeit im Gange einer Uhr, in dem andern die

ganz geringfügige Ablenkung des Lotes, die man bei Vermessungen in

der Nähe großer Berge bemerkte. An diese Beobachtungen knüpfte das

Denken an. Man fragte sich, ob und unter welchen besonderen Annahmen

die Beobachtung aus der bestehenden Theorie, in den vorliegenden

Fällen aus *Newtons* Gravitationstheorie, erklärt werden könne. An

diese Überlegung schlossen sich neue, nicht mehr zufällige, sondern

absichtlich angestellte Beobachtungen, die in möglichst scharfen

Messungen bestanden und ein bestimmtes Ziel im Auge hatten. Da in den

erwähnten Fällen das Ergebnis der Messungen und die Theorie im Einklang

standen, so bestätigten sie sich gegenseitig.

Eine Erweiterung, wie sie seitdem kaum wieder stattgefunden hat, erfuhr

das von *Koppernikus*, *Kepler* und *Newton* geschaffene Weltbild

durch *Herschel*. Daß *Herschel*, der seit dem Altertum geheiligten

Siebenzahl der Wandelsterne (Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter,

Saturn) einen neuen, außerhalb des Saturn umlaufenden Planeten, den

Uranus hinzufügte, daß er neue Monde entdeckte, die Rotationsbewegung

am Saturn nachwies, war eigentlich schon Verdienst genug. Seine

eigentliche Bedeutung liegt aber darin, daß er die Astronomie der

Fixsterne begründete oder, wie *Humboldt* sich einst ausdrückte, daß er

das Senkblei in die Tiefen des Himmels warf.

*Herschel* erkannte, daß die Milchstraße ein linsenförmiger, aus

Millionen Sonnen zusammengefügter Sternhaufen ist, und daß die Sonne

mit ihren Planeten sich etwa in der Mitte dieser Welt von Welten

befindet. Lichtwölkchen, die das stärkste Fernrohr nicht in Sterne

auflöst, führten *Herschel* zu weiteren Folgerungen. Er entdeckte

solche Wölkchen zu Tausenden und sah in ihnen die Urmaterie, aus der

sich neue Sternsysteme bilden. In den mannigfachen Erscheinungen, die

uns der Himmel gegenwärtig darbietet, vermochte *Herschel* sämtliche

Stufen des Weltbildungsprozesses nachzuweisen.

Die Vorstellung von dem Werden der Welt aus einem feinverteilten

Urstoff hat auch *Kant* zu Spekulationen angeregt. Sie gipfelten darin,

daß unsere irdische Materie und der Stoff der Sonne, der Planeten, ja

der fernsten Weltkörper der gleiche ist, weil sie aus einer einzigen

Urmaterie hervorgegangen seien.

Das Problem der Materie hat seit den ältesten Zeiten die Philosophen

und die Naturforscher beschäftigt. Auch für das praktische Leben

waren die stofflichen Eigenschaften und Umwandlungen von der größten

Wichtigkeit. Aus den Erfahrungen der gewerblichen Praxis und den

Bemühungen der Goldkocher, die den Stein der Weisen suchten, erwuchs

schließlich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts die wissenschaftliche

Chemie. Man gelangte zu der Erkenntnis, daß sich die Unzahl von

Stoffen, die uns im Reiche des Organischen und des Unorganischen

begegnen, auf wenige Grundstoffe oder Elemente zurückführen lassen. Als

solche erkannte man die Metalle, Schwefel, Phosphor und verschiedene

Gase. Die Trennung dieser Elemente und ihre Vereinigung: das war es,

worauf der schier unbegrenzte Wechsel aller stofflichen Veränderungen

sich zurückführen ließ. Waren diese Vorgänge kosmische oder waren sie

auf die irdische Sphäre beschränkt, und war etwa die Welt im weiteren

Sinne, das Über- oder Außerirdische, wie die Alten glaubten, aus einem

besonderen Stoffe gebildet?

Zunächst erschien die Frage nach dem Wesen des außerirdischen Stoffes

als eine ganz müßige. Man glaubte, daß man von der eigentlichen

Beschaffenheit der Weltkörper nie etwas anderes wissen könne, als

daß es sich um gravitierende Materie handele. Das wurde anders, als

man sich gegen das Ende des 18. Jahrhunderts der Erforschung der

Meteorite zuwandte. Daß diese kosmischen Ursprungs sind, wurde als

sicher nachgewiesen. Chemie und Astronomie traten von nun an in

engste Fühlung. Die Chemie war zu Anfang des 19. Jahrhunderts weit

genug entwickelt, um eine Analyse des Meteoreisens und der Meteorite

vorzunehmen. Sie ergab, daß neben dem Eisen auch Nickel, Kobalt und

Kupfer an ihrer Zusammensetzung teilnehmen. Die steinigen Meteorite

ließen außerdem noch Phosphor, Kohlenstoff, Zinn, Magnesium und viele

andere den Chemikern bekannte Elemente als Bestandteile erkennen. Fast

noch wichtiger als dies positive war das negative Ergebnis dieser

Untersuchung. In den Meteoriten fand man kein Element, das nicht

als einer der Baustoffe der Erde längst bekannt gewesen wäre. Die

kosmische Materie -- das war das Allgemeinergebnis dieser Untersuchung

-- unterscheidet sich also in keiner Weise von der irdischen. Die

Stoffe, aus denen sich Welten, ja wahrscheinlich die Welt als Ganzes,

zusammensetzen, stimmen mit der irdischen Materie überein.

Freilich, es waren sozusagen nur Brocken des Weltenstoffs, die in den

Meteoriten der Untersuchung zugrunde lagen. Vielleicht waren es Trümmer

früherer Weltkörper. An die Möglichkeit, die letzteren selbst auf ihre

chemische Zusammensetzung zu prüfen, dachte zunächst noch niemand. Erst

um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch die Fortschritte der

Physik auch dies Problem gelöst[7].

Wir sahen wie die Astronomie, die wir wohl als die älteste von allen

Naturwissenschaften ansprechen können, zunächst die Mathematik,

dann die Physik und endlich die Chemie in ihre Dienste nahm, und

wie jede Erweiterung der chemisch-physikalischen Forschung auch

der Astronomie neue Methoden, neue Entdeckungen und Vorstellungen

zuführte. Nur das Reich des Organischen machte bis in die neuere Zeit

hinein eine Ausnahme. Es erschien als eine Welt für sich, als etwas,

das vielleicht nur unseren Planeten schmückt, und sich daher nicht

in die Kette des kosmischen Geschehens eingliedern läßt. Es mußte

erst eine neue gewaltige Umgestaltung und Erweiterung der gesamten

naturwissenschaftlichen Anschauungen eintreten, um alles Geschehen,

das kosmische und das irdische, das anorganische und das organische,

als etwas Einheitliches und Zusammenhängendes aufzufassen. Diese

Umwälzung des naturwissenschaftlichen Denkens, die uns im vorliegenden

Bande besonders beschäftigen wird, erfolgte um die Mitte des 19.

Jahrhunderts. Sie bestand in der Aufstellung des Energieprinzips und in

der scharfen Erfassung des Entwicklungsgedankens. Wir stehen noch heute

inmitten des Ringens, das an der Hand dieser beiden Prinzipien zu immer

größerer Klarheit führen wird.

Einer einheitlichen Auffassung der Naturerscheinungen stand zunächst

die herrschende Vorstellung von den Imponderabilien im Wege, die als

Licht- und Wärmestoff als elektrisches und magnetisches Fluidum, als

Phlogiston und Lebensgeister einen ganz ungenügenden Ersatz für den

heutigen Kraftbegriff bildeten. In manchen Fällen glaubte man sogar,

ohne die Annahme übernatürlicher Einflüsse nicht auskommen zu können.

Selbst *Newton* war noch der Ansicht, daß nur durch derartige Einflüsse

die Stabilität des Planetensystems aufrecht erhalten werde. Und erst

*Laplace* hat dargetan, daß eine Stabilität trotz aller Änderungen,

welche die Bahnelemente der Planeten erleiden, gesichert erscheint.

Erst gegen das Ende des 18. und während der ersten Hälfte des 19.

Jahrhunderts wurden die erwähnten mystischen Vorstellungen überwunden.

Ermöglicht wurde dies dadurch, daß jene von der Philosophie schon früh

gehegte Auffassung vom Wesen der Materie, die wir die atomistische

nennen, durch *Dalton* auf den Rang einer naturwissenschaftlichen

Theorie erhoben wurde. Jetzt erst konnte die mechanische

Erklärungsweise auf die chemischen Vorgänge ausgedehnt werden. Unter

dem Einfluß der atomistischen Auffassung waren auch die ersten Ansätze

der mechanischen Wärmetheorie zustande gekommen. Ferner hatten

*Young* und *Fresnel* die Lichterscheinungen unter der Annahme eines

gleichfalls aus getrennten Teilchen bestehenden Weltäthers erklärt.

Es ist zunächst zu zeigen, wie durch die Entdeckung neuer Tatsachen

und Beziehungen auf allen Gebieten, sowie durch das Hinwegräumen

veralteter Vorstellungsgebilde eine auf dem Energieprinzip beruhende

Naturauffassung vorbereitet und geschaffen wurde. Wie sich auf diesem

Fundament das Weltbild bis auf den heutigen Tag gestaltet hat, und

welche Wirkungen von den Naturwissenschaften ausgingen, das zu

schildern wird die Aufgabe der letzten Abschnitte dieses Werkes sein.

Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, IV. Band Das Emporblühen der modernen Naturwissenschaften seit der Entdeckung des Energieprinzips · 第 20 / 171 题