Messina, Sonntag, den 13. Mai 1787

Zwar bei hellstem Sonnenschein in einer angenehmem Wohnung erwachend,

fanden wir uns doch immer in dem unseligen Messina. Einzig unangenehm

ist der Anblick der sogenannten Palazzata, einer sichelförmigen Reihe

von wahrhaften Palästen, die wohl in der Länge einer Viertelstunde die

Reede einschließen und bezeichnen. Alles waren steinerne,

vierstockige Gebäude, von welchen mehrere Vorderseiten bis aufs

Hauptgesims noch völlig stehen, andere bis auf den dritten, zweiten,

ersten Stock heruntergebrochen sind, so daß diese ehemalige

Prachtreihe nun aufs widerlichste zahnlückig erscheint und auch

durchlöchert; denn der blaue Himmel schaut beinahe durch alle Fenster.

Die inneren eigentlichen Wohnungen sind sämtlich zusammengestürzt.

An diesem seltsamen Phänomen ist Ursache, daß nach der von Reichen

begonnenen architektonischen Prachtanlage weniger begüterte Nachbarn,

mit dem Scheine wetteifernd, ihre alten, aus größern und kleinern

Flußgeschieben und vielem Kalk zusammengekneteten Häuser hinter neuen,

aus Quaderstücken aufgeführten Vorderseiten versteckten. Jenes an

sich schon unsichere Gefüge mußte, von der ungeheuern Erschütterung

aufgelöst und zerbröckelt, zusammenstürzen; wie man denn unter manchen

bei so großem Unglück vorgekommenen wunderbaren Rettungen auch

folgendes erzählt: der Bewohner eines solchen Gebäudes sei im

furchtbaren Augenblick gerade in die Mauervertiefung eines Fensters

getreten, das Haus aber hinter ihm völlig zusammengestürzt; und so

habe er, in der Höhe gerettet, den Augenblick seiner Befreiung aus

diesem luftigen Kerker beruhigt abgewartet. Daß jene aus Mangel naher

Bruchsteine so schlechte Bauart hauptsächlich schuld an dem völligen

Ruin der Stadt gewesen, zeigt die Beharrlichkeit solider Gebäude. Der

Jesuiten Kollegium und Kirche, von tüchtigen Quadern aufgeführt,

stehen noch unverletzt in ihrer anfänglichen Tüchtigkeit. Dem sei

aber, wie ihm wolle, Messinas Anblick ist äußerst verdrießlich und

erinnert an die Urzeiten, wo Sikaner und Sikuler diesen unruhigen

Erdboden verließen und die westliche Küste Siziliens bebauten.

Und so brachten wir unsern Morgen zu, gingen dann, im Gasthof ein

frugales Mahl zu verzehren. Wir saßen noch ganz vergnügt beisammen,

als der Bediente des Konsuls atemlos hereinsprang und mir verkündigte,

der Gouverneur lasse mich in der ganzen Stadt suchen; er habe mich zur

Tafel geladen, und nun bleibe ich aus. Der Konsul lasse mich aufs

anständigste bitten, auf der Stelle hinzugeben, ich möchte gespeist

haben oder nicht, möchte aus Vergessenheit oder aus Vorsatz die Stunde

versäumt haben. Nun fühlte ich erst den unglaublichen Leichtsinn,

womit ich die Einladung des Zyklopen aus dem Sinne geschlagen, froh,

daß ich das erste Mal entwischt. Der Bediente ließ mich nicht zaudern,

seine Vorstellungen waren die dringendsten und triftigsten: der

Konsul riskiere, hieß es, daß jener wütende Despot ihn und die ganze

Nation auf den Kopf stelle.

Indessen ich nun Haare und Kleider zurechte putzte, faßte ich mir ein

Herz und folgte mit heiterm Sinne meinem Führer, Odysseus, den Patron,

anrufend und mir seine Vorsprache bei Pallas Athene erbittend.

In der Höhle des Löwen angelangt, ward ich vom lustigen Laufer in

einen großen Speisesaal geführt, wo etwa vierzig Personen, ohne daß

man einen Laut vernommen hätte, an einer länglichrunden Tafel saßen.

Der Platz zur Rechten des Gouverneurs war offen, wohin mich der Laufer

geleitete.

Nachdem ich den Hausherrn und die Gäste mit einer Verbeugung gegrüßt,

setzte ich mich neben ihn, entschuldigte mein Außenbleiben mit der

Weitläuftigkeit der Stadt und dem Irrtum, in welchen mich die

ungewöhnliche Stundenzahl schon mehrmals geführt. Er versetzte mit

glühendem Blick, man habe sich in fremden Landen nach den jedesmaligen

Gewohnheiten zu erkundigen und zu richten. Ich erwiderte, dies sei

jederzeit mein Bestreben, nur hätte ich gefunden, daß bei den besten

Vorsätzen man gewöhnlich die ersten Tage, wo uns ein Ort noch neu und

die Verhältnisse unbekannt seien, in gewisse Fehler verfalle, welche

unverzeihlich scheinen müßten, wenn man nicht die Ermüdung der Reise,

die Zerstreuung durch Gegenstände, die Sorge für ein leidliches

Unterkommen, ja sogar für eine weitere Reise als Gründe der

Entschuldigung möchte gelten lassen.

Er fragte darauf, wie lange ich hier zu bleiben gedächte. Ich

versetzte, daß ich mir einen recht langen Aufenthalt wünsche, damit

ich ihm die Dankbarkeit für die mir erwiesene Gunst durch die

genaueste Befolgung seiner Befehle und Anordnungen betätigen könnte.

Nach einer Pause fragte er sodann, was ich in Messina gesehen habe.

Ich erzählte kürzlich meinen Morgen mit einigen Bemerkungen und fügte

hinzu, daß ich am meisten bewundert die Reinlichkeit und Ordnung in

den Straßen dieser zerstörten Stadt. Und wirklich war

bewunderungswürdig, wie man die sämtlichen Straßen von Trümmern

gereinigt, indem man den Schutt in die zerfallenen Mauerstätten selbst

geworfen, die Steine dagegen an die Häuser angereiht und dadurch die

Mitte der Straßen frei, dem Handel und Wandel offen wieder übergeben.

Hiebei konnte ich dem Ehrenmanne mit der Wahrheit schmeicheln, indem

ich ihm versicherte, daß alle Messineser dankbar erkannten, diese

Wohltat seiner Vorsorge schuldig zu sein.--"Erkennen sie es", brummte

er, "haben sie doch früher genug über die Härte geschrien, mit der man

sie zu ihrem Vorteile nötigen mußte." Ich sprach von weisen Absichten

der Regierung, von höhern Zwecken, die erst später eingesehen und

geschätzt werden könnten, und dergleichen. Er fragte, ob ich die

Jesuitenkirche gesehen habe, welches ich verneinte; worauf er mir denn

zusagte, daß er mir sie wolle zeigen lassen, und zwar mit allem

Zubehör.

Während diesem durch wenige Pausen unterbrochenen Gespräche sah ich

die übrige Gesellschaft in dem tiefsten Stillschweigen, nicht mehr

sich bewegen als nötig, die Bissen zum Munde zu bringen. Und so

standen sie, als die Tafel aufgehoben und der Kaffee gereicht war, wie

Wachspuppen rings an den Wänden. Ich ging auf den Hausgeistlichen los,

der mir die Kirche zeigen sollte, ihm zum voraus für seine Bemühungen

zu danken; er wich zur Seite, indem er demütig versicherte, die

Befehle Ihro Exzellenz habe er ganz allein vor Augen. Ich redete

darauf einen jungen, nebenstehenden Fremden an, dem es auch, ob er

gleich ein Franzose war, nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein schien;

denn auch er war verstummt und erstarrt wie die ganze Gesellschaft,

worunter ich mehrere Gesichter sah, die der gestrigen Szene mit dem

Malteserritter bedenklich beigewohnt hatten.

Der Gouverneur entfernte sich, und nach einiger Zeit sagte mir der

Geistliche, es sei nun an der Stunde, zu gehen. Ich folgte ihm, die

übrige Gesellschaft hatte sich stille, stille verloren. Er führte

mich an das Portal der Jesuitenkirche, das nach der bekannten

Architektur dieser Väter prunkhaft und wirklich imposant in die Luft

steht. Ein Schließer kam uns schon entgegen und lud zum Eintritt, der

Geistliche hingegen hielt mich zurück mit der Weisung, daß wir zuvor

auf den Gouverneur zu warten hätten. Dieser fuhr auch bald heran,

hielt auf dem Platze unfern der Kirche und winkte, worauf wir drei

ganz nah an seinem Kutschenschlag uns vereinigten. Er gebot dem

Schließer, daß er mir nicht allein die Kirche in allen ihren Teilen

zeigen, sondern auch die Geschichte der Altäre und anderer Stiftungen

umständlich erzählen solle; ferner habe er auch die Sakristeien

aufzuschließen und mich auf alles das darin enthaltene Merkwürdige

aufmerksam zu machen. Ich sei ein Mann, den er ehren wolle, der alle

Ursache haben solle, in seinem Vaterlande rühmlich von Messina zu

sprechen. "Versäumen Sie nicht", sagte er darauf, zu mir gewandt, mit

einem Lächeln, insofern seine Züge dessen fähig waren, "versäumen Sie

nicht, so lange Sie hier sind, zur rechten Stunde an Tafel zu kommen,

Sie sollen immer wohl empfangen sein." Ich hatte kaum Zeit, ihm

hierauf verehrlich zu erwidern. Der Wagen bewegte sich fort.

Von diesem Augenblick an ward auch der Geistliche heiterer, wir traten

in die Kirche. Der Kastellan, wie man ihn wohl in diesem

entgottesdiensteten Zauberpalaste nennen dürfte, schickte sich an, die

ihm scharf empfohlene Pflicht zu erfüllen, als der Konsul und Kniep in

das leere Heiligtum hereinstürzten, mich umarmten und eine

leidenschaftliche Freude ausdrückten, mich, den sie schon in Gewahrsam

geglaubt, wiederzusehen. Sie hatten in Höllenangst gesessen, bis der

gewandte Laufer, wahrscheinlich vom Konsul gut pensioniert, einen

glücklichen Ausgang des Abenteuers unter hundert Possen erzählte,

worauf denn ein erheiternder Frohsinn sich über die beiden ergoß, die

mich sogleich aufsuchten, als die Aufmerksamkeit des Gouverneurs wegen

der Kirche ihnen bekannt geworden.

Indessen standen wir vor dem Hochaltare, die Auslegung alter

Kostbarkeiten vernehmend. Säulen von Lapislazuli, durch bronzene,

vergoldete Stäbe gleichsam kanneliert, nach florentinischer Art

eingelegte Pilaster und Füllungen; die prächtigen sizilianischen

Achate in überfluß, Erz und Vergoldung sich wiederholend und alles

verbindend.

Nun war es aber eine wunderbare kontrapunktische Fuge, wenn Kniep und

der Konsul die Verlegenheit des Abenteuers, der Vorzeiger dagegen die

Kostbarkeiten der noch wohl erhaltenen Pracht verschränkt vortrugen,

beide von ihrem Gegenstand durchdrungen; wobei ich denn das doppelte

Vergnügen hatte, den Wert meines glücklichen Entkommens zu fühlen und

zugleich die sizilianischen Gebirgsprodukte, um die ich mir schon

manche Mühe gegeben, architektonisch angewendet zu sehen.

Die genaue Kenntnis der einzelnen Teile, woraus dieser Prunk

zusammengesetzt war, verhalf mir zur Entdeckung, daß der sogenannte

Lapislazuli jener Säulen eigentlich nur Calcara sei, aber freilich von

so schöner Farbe, als ich sie noch nicht gesehn, und herrlich

zusammengefügt. Aber auch so blieben diese Säulen noch immer

ehrwürdig; denn es setzt eine ungeheure Menge jenes Materials voraus,

um Stücke von so schöner und gleicher Farbe aussuchen zu können, und

dann ist die Bemühung des Schneidens, Schleifens und Polierens höchst

bedeutend. Doch was war jenen Vätern unüberwindlich?

Der Konsul hatte indessen nicht aufgehört, mich über mein bedrohliches

Schicksal aufzuklären. Der Gouverneur nämlich, mit sich selbst

unzufrieden, daß ich von seinem gewaltsamen Betragen gegen den

Quasi-Malteser gleich beim ersten Eintritt Zeuge gewesen, habe sich

vorgenommen, mich besonders zu ehren, und sich darüber einen Plan

festgesetzt, dieser habe durch mein Außenbleiben gleich zu Anfang der

Ausführung einen Strich erlitten. Nach langem Warten sich endlich zur

Tafel setzend, habe der Despot sein ungeduldiges Mißvergnügen nicht

verbergen können, und die Gesellschaft sei in Furcht gestanden,

entweder bei meinem Kommen oder nach aufgehobener Tafel eine Szene zu

erleben.

Indessen suchte der Küster immer wieder das Wort zu erhaschen, öffnete

die geheimen Räume, nach schönen Verhältnissen gebaut, anständig, ja

prächtig verziert, auch war darin noch manches bewegliche

Kirchengeräte übriggeblieben, dem Ganzen gemäß geformt und geputzt.

Von edeln Metallen sah ich nichts, so wenig als von ältern und neuern

echten Kunstwerken.

Unsere italienisch-deutsche Fuge, denn Pater und Küster psalmodierten

in der ersten, Kniep und Konsul in der zweiten Sprache, neigte sich zu

Ende, als ein Offizier sich zu uns gesellte, den ich bei Tafel gesehen.

Er gehörte zum Gefolge des Gouverneurs. Dies konnte wieder einige

Besorgnis erregen, besonders da er sich erbot, mich an den Hafen zu

führen, wo er mich an Punkte bringen wolle, die Fremden sonst

unzugänglich seien. Meine Freunde sahen sich an, ich ließ mich jedoch

nicht abhalten, allein mit ihm zu gehen. Nach einigen gleichgültigen

Gesprächen begann ich, ihn zutraulich anzureden, und gestand, bei

Tafel gar wohl bemerkt zu haben, daß mehrere stille Beisitzer mir

durch ein freundliches Zeichen zu verstehen gegeben, daß ich nicht

unter weltfremden Menschen allein, sondern unter Freunden, ja Brüdern

mich befinde und deshalb nichts zu besorgen habe. Ich halte für

Pflicht, ihm zu danken und um Erstattung gleichen Danks an die übrigen

Freunde zu ersuchen. Hierauf erwiderte derselbe, daß sie mich um so

mehr zu beruhigen gesucht, als sie bei Kenntnis der Gemütsart ihres

Vorgesetzten für mich eigentlich nichts befürchtet hätten; denn eine

Explosion wie die gegen den Malteser sei nur selten, und gerade wegen

einer solchen mache sich der würdige Greis selbst Vorwürfe, hüte sich

lange, lebe dann eine Weile in einer sorglosen Sicherheit seiner

Pflicht, bis er denn endlich, durch einen unerwarteten Vorfall

überrascht, wieder zu neuen Heftigkeiten hingerissen werde. Der

wackere Freund setzte hinzu, daß ihm und seinen Genossen nichts

wünschenswerter wäre, als mit mir sich genauer zu verbinden, weshalb

ich die Gefälligkeit haben möchte, mich näher zu bezeichnen, wozu sich

heute nacht die beste Gelegenheit finden werde. Ich wich diesem

Verlangen höflich aus, indem ich ihn bat, mir eine Grille zu verzeihen:

ich wünsche nämlich, auf Reisen bloß als Mensch angesehen zu werden,

könne ich als ein solcher Vertrauen erregen und Teilnahme erlangen, so

sei es mir angenehm und erwünscht; in andere Verhältnisse einzugehen,

verböten mir mancherlei Gründe.

Überzeugen wollt' ich ihn nicht, denn ich durfte ja nicht sagen, was

eigentlich mein Grund war. Merkwürdig genug aber schien mir's, wie

schön und unschuldig die wohldenkenden Männer unter einem despotischen

Regiment sich zu eignem und zu der Fremdlinge Schutz verbündet hatten.

Ich verhehlte ihm nicht, daß ich ihre Verhältnisse zu andern

deutschen Reisenden recht wohl kenne, verbreitete mich über die

löblichen Zwecke, die erreicht werden sollten, und setzte ihn immer

mehr in Erstaunen über meine vertrauliche Hartnäckigkeit. Er

versuchte alles mögliche, mich aus meinem Inkognito hervorzuziehen,

welches ihm nicht gelang, teils weil ich, einer Gefahr entronnen, mich

nicht zwecklos in eine andere begeben konnte, teils weil ich gar wohl

bemerkte, die Ansichten dieser wackern Insulaner seien von den

meinigen so sehr verschieden, daß ihnen mein näherer Umgang weder

Freude noch Trost bringen könne.

Dagegen wurden abends mit dem teilnehmenden und tätigen Konsul noch

einige Stunden verbracht, der denn auch die Szene mit dem Malteser

aufklärte. Es sei dieser zwar kein eigentlicher Abenteurer, aber ein

unruhiger Ortswechsler. Der Gouverneur, aus einer großen Familie,

wegen Ernst und Tüchtigkeit verehrt, wegen bedeutender Dienste

geschätzt, stehe doch im Rufe unbegrenzten Eigenwillens, zaumloser

Heftigkeit und ehernen Starrsinns. Argwöhnisch als Greis und Despot,

mehr besorgt als überzeugt, daß er Feinde bei Hofe habe, hasse er

solche hin und wider ziehende Figuren, die er durchaus für Spione

halte. Diesmal sei ihm der Rotrock in die Quer gekommen, da er nach

einer ziemlichen Pause sich wieder einmal im Zorn habe ergehen müssen,

um die Leber zu befreien.

Messina und auf der See, Montag, den 13. Mai 1787.

Beide erwachten wir mit gleicher Empfindung, verdrießlich, daß wir,

durch den ersten wüsten Anblick von Messina zur Ungeduld gereizt, uns

entschlossen hatten, mit dem französischen Kauffahrer die Rückfahrt

abzuschließen. Nach dem glücklich beendigten Abenteuer mit dem

Gouverneur, bei dem Verhältnis zu wackern Männern, denen ich mich nur

näher zu bezeichnen brauchte, aus dem Besuch bei meinem Bankier, der

auf dem Lande in der angenehmsten Gegend wohnte, ließ sich für einen

längern Aufenthalt in Messina das Angenehmste hoffen. Kniep, von ein

paar hübschen Kindern wohl unterhalten, wünschte nichts mehr als die

längere Dauer des sonst verhaßten Gegenwindes. Indessen war die Lage

unangenehm, alles mußte gepackt bleiben und wir jeden Augenblick

bereit sein, zu scheiden.

So geschah denn auch dieser Aufruf gegen Mittag, wir eilten an Bord

und fanden unter der am Ufer versammelten Menge auch unsern guten

Konsul, von dem wir dankbar Abschied nahmen. Der gelbe Laufer drängte

sich auch herbei, seine Ergötzlichkeiten abzuholen. Dieser ward nun

belohnt und beauftragt, seinem Herrn unsere Abreise zu melden und mein

Außenbleiben von Tafel zu entschuldigen.--"Wer absegelt, ist

entschuldigt!" rief er aus; sodann mit einem seltsamen Sprung sich

umkehrend, war er verschwunden.

Im Schiffe selbst sah es nun anders aus als auf der neapolitanischen

Korvette; doch beschäftigte uns bei allmählicher Entfernung vom Ufer

die herrliche Ansicht des Palastzirkels, der Zitadelle, der hinter der

Stadt aufsteigenden Berge. Kalabrien an der andern Seite. Nun der

freie Blick in die Meerenge nord--und südwärts, bei einer ausgedehnten,

an beiden Seiten schön beuferten Breite. Als wir dieses nach und

nach anstaunten, ließ man uns links in ziemlicher Ferne einige

Bewegung im Wasser, rechts aber etwas näher einen vom Ufer sich

auszeichnenden Felsen bemerken, jene als Charybdis, diesen als Scylla.

Man hat sich bei Gelegenheit beider in der Natur so weit auseinander

stehenden, von dem Dichter so nah zusammengerückten Merkwürdigkeiten

über die Fabelei der Poeten beschwert und nicht bedacht, daß die

Einbildungskraft aller Menschen durchaus Gegenstände, wenn sie sich

solche bedeutend vorstellen will, höher als breit imaginiert und

dadurch dem Bilde mehr Charakter, Ernst und Würde verschafft.

Tausendmal habe ich klagen hören, daß ein durch Erzählung gekannter

Gegenstand in der Gegenwart nicht mehr befriedige; die Ursache hievon

ist immer dieselbe: Einbildung und Gegenwart verhalten sich wie Poesie

und Prosa, jene wird die Gegenstände mächtig und steil denken, diese

sich immer in die Fläche verbreiten. Landschaftsmaler des sechzehnten

Jahrhunderts, gegen die unsrigen gehalten, geben das auffallendste

Beispiel. Eine Zeichnung von Jodocus Momper neben einem Kniepschen

Kontur würde den ganzen Kontrast sichtbar machen.

Mit solchen und ähnlichen Gesprächen unterhielten wir uns, indem

selbst für Kniep die Küsten, welche zu zeichnen er schon Anstalt

getroffen hatte, nicht reizend genug waren.

Mich aber befiel abermals die unangenehme Empfindung der Seekrankheit,

und hier war dieser Zustand nicht wie bei der Überfahrt durch bequeme

Absonderung gemildert; doch fand sich die Kajüte groß genug, um

mehrere Personen einzunehmen, auch an guten Matratzen war kein Mangel.

Ich nahm die horizontale Stellung wieder an, in welcher mich Kniep

gar vorsorglich mit rotem Wein und gutem Brot ernährte. In dieser

Lage wollte mir unsere ganze sizilianische Reise in keinem angenehmen

Lichte erscheinen. Wir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als

durchaus eitle Bemühungen des Menschengeschlechts, sich gegen die

Gewaltsamkeit der Natur, gegen die hämische Tücke der Zeit und gegen

den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten. Die

Karthager, Griechen und Römer und so viele nachfolgende Völkerschaften

haben gebaut und zerstört. Selinunt liegt methodisch umgeworfen; die

Tempel von Girgenti niederzulegen, waren zwei Jahrtausende nicht

hinreichend, Catania und Messina zu verderben, wenige Stunden, wo

nicht gar Augenblicke. Diese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines

auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten ließ ich nicht

Herrschaft gewinnen.

Auf der See, Dienstag, den 13. Mai 1787.

Meine Hoffnung, diesmal schneller nach Neapel zu gelangen, oder von

der Seekrankheit eher befreit zu sein, war nicht eingetroffen.

Verschiedenemal versuchte ich, durch Kniep angeregt, auf das Verdeck

zu treten, allein der Genuß eines so mannigfaltigen Schönen war mir

versagt, nur einige Vorfälle ließen mich meinen Schwindel vergessen.

Der ganze Himmel war mit einem weißlichen Wolkendunst umzogen, durch

welchen die Sonne, ohne daß man ihr Bild hätte unterscheiden können,

das Meer überleuchtete, welches die schönste Himmelsbläue zeigte, die

man nur sehen kann. Eine Schar Delphine begleitete das Schiff,

schwimmend und springend blieben sie ihm immer gleich. Mich deucht,

sie hatten das aus der Tiefe und Ferne ihnen als ein schwarzer Punkt

erscheinende Schwimmgebäude für irgendeinen Raub und willkommene

Zehrung gehalten. Vom Schiff aus wenigstens behandelte man sie nicht

als Geleitsmänner, sondern wie Feinde: einer ward mit dem Harpun

getroffen, aber nicht herangebracht.

Der Wind blieb ungünstig, den unser Schiff, in verschiedenen

Richtungen fortstreichend, nur überlisten konnte. Die Ungeduld

hierüber ward vermehrt, als einige erfahrne Reisende versicherten,

weder Hauptmann noch Steurer verstünden ihr Handwerk, jener möge wohl

als Kaufmann, dieser als Matrose gelten, für den Wert so vieler

Menschen und Güter seien sie nicht geeignet einzustehen.

Ich ersuchte diese übrigens braven Personen, ihre Besorgnisse

geheimzuhalten. Die Anzahl der Passagiere war groß, darunter Weiber

und Kinder von verschiedenem Alter, denn alles hatte sich auf das

französische Fahrzeug gedrängt, die Sicherheit der weißen Flagge vor

Seeräubern, sonst nichts weiter bedenkend. Ich stellte vor, daß

Mißtrauen und Sorge jeden in die peinlichste Lage versetzen würde, da

bis jetzt alle in der farb--und wappenlosen Leinwand ihr Heil gesehen.

Und wirklich ist zwischen Himmel und Meer dieser weiße Zipfel als

entscheidender Talisman merkwürdig genug. Wie sich Abfahrende und

Zurückbleibende noch mit geschwungenen weißen Taschentüchern begrüßen

und dadurch wechselseitig ein sonst nie zu empfindendes Gefühl der

scheidenden Freundschaft und Neigung erregen, so ist hier in dieser

einfachen Fahne der Ursprung geheiligt; eben als wenn einer sein

Taschentuch an eine Stange befestigte, um der ganzen Welt anzukündigen,

es komme ein Freund über Meer.

Mit Wein und Brot von Zeit zu Zeit erquickt zum Verdruß des Hauptmanns,

welcher verlangte, daß ich essen sollte, was ich bezahlt hatte,

konnte ich doch auf dem Verdeck sitzen und an mancher Unterhaltung

teilnehmen. Kniep wußte mich zu erheitern, indem er nicht wie auf der

Korvette, über die vortreffliche Kost triumphierend, meinen Neid zu

erregen suchte, mich vielmehr diesmal glücklich pries, daß ich keinen

Appetit habe.

Montag, den 14. Mai 1787.

Und so war der Nachmittag vorbeigegangen, ohne daß wir unsern Wünschen

gemäß in den Golf von Neapel eingefahren wären. Wir wurden vielmehr

immer westwärts getrieben, und das Schiff, indem es sich der Insel

Capri näherte, entfernte sich immer mehr von dem Kap Minerva.

Jedermann war verdrießlich und ungeduldig, wir beiden aber, die wir

die Welt mit malerischen Augen betrachteten, konnten damit sehr

zufrieden sein; denn bei Sonnenuntergang genossen wir des herrlichsten

Anblicks, den uns die ganze Reise gewährt hatte. In dem glänzendsten

Farbenschmuck lag Kap Minerva mit den daranstoßenden Gebirgen vor

unsern Augen, indes die Felsen, die sich südwärts hinabziehen, schon

einen blaulichen Ton angenommen hatten. Vom Kap an zog sich die ganze

erleuchtete Küste bis Sorrent hin. Der Vesuv war uns sichtbar, eine

ungeheure Dampfwolke über ihm aufgetürmt, von der sich ostwärts ein

langer Streif weit hinzog, so daß wir den stärksten Ausbruch vermuten

konnten. Links lag Capri, steil in die Höhe strebend; die Formen

seiner Felswände konnten wir durch den durchsichtigen bläulichen Dunst

vollkommen unterscheiden. Unter einem ganz reinen, wolkenlosen Himmel

glänzte das ruhige, kaum bewegte Meer, das bei einer völligen

Windstille endlich wie ein klarer Teich vor uns lag. Wir entzückten

uns an dem Anblick, Kniep trauerte, daß alle Farbenkunst nicht

hinreiche, diese Harmonie wiederzugeben, so wie der feinste englische

Bleistift die geübteste Hand nicht in den Stand setze, diese Linien

nachzuziehen. Ich dagegen, überzeugt, daß ein weit geringeres

Andenken, als dieser geschickte Künstler zu erhalten vermochte, in der

Zukunft höchst wünschenswert sein würde, ich ermunterte ihn, Hand und

Auge zum letztenmal anzustrengen; er ließ sich bereden und lieferte

eine der genausten Zeichnungen, die er nachher kolorierte und ein

Beispiel zurückließ, daß bildlicher Darstellung das Unmögliche möglich

wird. Den Übergang vom Abend zur Nacht verfolgten wir mit ebenso

begierigen Augen. Capri lag nun ganz finster vor uns, und zu unserm

Erstaunen entzündete sich die vesuvische Wolke sowie auch der

Wolkenstreif, je länger, je mehr, und wir sahen zuletzt einen

ansehnlichen Strich der Atmosphäre im Grunde unseres Bildes erleuchtet,

ja, wetterleuchten.

Über diese uns so willkommenen Szenen hatten wir unbemerkt gelassen,

daß uns ein großes Unheil bedrohe; doch ließ uns die Bewegung unter

den Passagieren nicht lange in Ungewißheit. Sie, der Meeresereignisse

kundiger als wir, machten dem Schiffsherrn und seinem Steuermanne

bittre Vorwürfe; daß über ihre Ungeschicklichkeit nicht allein die

Meerenge verfehlt sei, sondern auch die ihnen anvertraute Personenzahl,

Güter und alles umzukommen in Gefahr schwebe. Wir erkundigten uns

nach der Ursache dieser Unruhe, indem wir nicht begriffen, daß bei

völliger Windstille irgendein Unheil zu befürchten sei. Aber eben

diese Windstille machte jene Männer trostlos. "Wir befinden uns",

sagten sie, "schon in der Strömung, die sich um die Insel bewegt und

durch einen sonderbaren Wellenschlag so langsam als unwiderstehlich

nach dem schroffen Felsen hinzieht, wo uns auch nicht ein Fußbreit

Vorsprung oder Bucht zur Rettung gegeben ist."

Aufmerksam durch diese Reden, betrachteten wir nun unser Schicksal mit

Grauen; denn obgleich die Nacht die zunehmende Gefahr nicht

unterscheiden ließ, so bemerkten wir doch, daß das Schiff, schwankend

und schwippend, sich den Felsen näherte, die immer finsterer vor uns

standen, während über das Meer hin noch ein leichter Abendschimmer

verbreitet lag. Nicht die geringste Bewegung war in der Luft zu

bemerken: Schnupftücher und leichte Bänder wurden von jedem in die

Höhe und ins Freie gehalten, aber keine Andeutung eines erwünschten

Hauches zeigte sich. Die Menge ward immer lauter und wilder. Nicht

etwa betend knieten die Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck,

sondern weil der Raum zu eng war, sich darauf zu bewegen, lagen sie

gedrängt aneinander. Sie noch mehr als die Männer, welche besonnen

auf Hülfe und Rettung dachten, schalten und tobten gegen den Kapitän.

Nun ward ihm alles vorgeworfen, was man auf der ganzen Reise

schweigend zu erinnern gehabt: für teures Geld einen schlechten

Schiffsraum, geringe Kost, ein zwar nicht unfreundliches, aber doch

stummes Betragen. Er hatte niemand von seinen Handlungen Rechenschaft

gegeben, ja, selbst noch den letzten Abend ein hartnäckiges

Stillschweigen über seine Manoeuvres beobachtet. Nun hieß er und der

Steuermann hergelaufene Krämer, die ohne Kenntnis der Schiffskunst

sich aus bloßem Eigennutz den Besitz eines Fahrzeuges zu verschaffen

gewußt und nun durch Unfähigkeit und Ungeschicklichkeit alle, die

ihnen anvertraut, zugrunde richteten. Der Hauptmann schwieg und

schien immer noch auf Rettung zu sinnen; mir aber, dem von Jugend auf

Anarchie verdrießlicher gewesen als der Tod selbst, war es unmöglich,

länger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu, mit

ungefähr ebensoviel Gemütsruhe als den Vögeln von Malcesine. Ich

stellte ihnen vor, daß gerade in diesem Augenblick ihr Lärmen und

Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und

Kopf verwirrten, so daß sie weder denken noch sich untereinander

verständigen könnten. "Was euch betrifft", rief ich aus, "kehrt in

euch selbst zurück und dann wendet euer brünstiges Gebet zur Mutter

Gottes, auf die es ganz allein ankommt, ob sie sich bei ihrem Sohne

verwenden mag, daß er für euch tue, was er damals für seine Apostel

getan, als auf dem stürmenden See Tiberias die Wellen schon in das

Schiff schlugen, der Herr aber schlief, der jedoch, als ihn die

Trost--und Hülflosen aufweckten, sogleich dem Winde zu ruhen gebot,

wie er jetzt der Luft gebieten kann, sich zu regen, wenn es anders

sein heiliger Wille ist."

Diese Worte taten die beste Wirkung. Eine unter den Frauen, mit der

ich mich schon früher über sittliche und geistliche Gegenstände

unterhalten hatte, rief aus: "Ah! il Barlamé! benedetto il Barlamé!"

und wirklich fingen sie, da sie ohnehin schon auf den Knieen lagen,

ihre Litaneien mit mehr als herkömmlicher Inbrunst leidenschaftlich zu

beten an. Sie konnten dies mit desto größerer Beruhigung tun, als die

Schiffsleute noch ein Rettungsmittel versuchten, das wenigstens in die

Augen fallend war: sie ließen das Boot hinunter, das freilich nur

sechs bis acht Männer fassen konnte, befestigten es durch ein langes

Seil an das Schiff, welches die Matrosen durch Ruderschläge nach sich

zu ziehen kräftig bemüht waren. Auch glaubte man einen Augenblick,

daß sie es innerhalb der Strömung bewegten, und hoffte es bald aus

derselben herausgerettet zu sehen. Ob aber gerade diese Bemühungen

die Gegengewalt der Strömung vermehrt, oder wie es damit beschaffen

sein mochte, so ward mit einmal an dem langen Seile das Boot und seine

Mannschaft im Bogen rückwärts nach dem Schiffe geschleudert, wie die

Schmitze einer Peitsche, wenn der Fuhrmann einen Zug tut. Auch diese

Hoffnung ward aufgegeben!--Gebet und Klagen wechselten ab, und der

Zustand wuchs um so schauerlicher, da nun oben auf den Felsen die

Ziegenhirten, deren Feuer man schon längst gesehen hatte, hohl

aufschrien, da unten strande das Schiff! Sie riefen einander noch

viel unverständliche Töne zu, in welchen einige, mit der Sprache

bekannt, zu vernehmen glaubten, als freuten sie sich auf manche Beute,

die sie am andern Morgen aufzufischen gedächten. Sogar der tröstliche

Zweifel, ob denn auch wirklich das Schiff dem Felsen sich so drohend

nähere, war leider nur zu bald gehoben, indem die Mannschaft zu großen

Stangen griff, um das Fahrzeug, wenn es zum äußersten käme, damit von

den Felsen abzuhalten, bis denn endlich auch diese brächen und alles

verloren sei. Immer stärker schwankte das Schiff, die Brandung schien

sich zu vermehren, und meine durch alles dieses wiederkehrende

Seekrankheit drängte mir den Entschluß auf, hinunter in die Kajüte zu

steigen. Ich legte mich halb betäubt auf meine Matratze, doch aber

mit einer gewissen angenehmen Empfindung, die sich vom See Tiberias

herzuschreiben schien; denn ganz deutlich schwebte mir das Bild aus

Merians Kupferbibel vor Augen. Und so bewährt sich die Kraft aller

sinnlich-sittlichen Eindrücke jedesmal am stärksten, wenn der Mensch

ganz auf sich selbst zurückgewiesen ist. Wie lange ich so in halbem

Schlafe gelegen, wüßte ich nicht zu sagen, aufgeweckt aber ward ich

durch ein gewaltsames Getöse über mir; ich konnte deutlich vernehmen,

daß es die großen Seile waren, die man auf dem Verdeck hin und wider

schleppte, dies gab mir Hoffnung, daß man von den Segeln Gebrauch

mache. Nach einer kleinen Weile sprang Kniep herunter und kündigte

mir an, daß man gerettet sei, der gelindeste Windshauch habe sich

erhoben; in dem Augenblick sei man bemüht gewesen, die Segel

aufzuziehen, er selbst habe nicht versäumt, Hand anzulegen. Man

entferne sich schon sichtbar vom Felsen, und obgleich noch nicht

völlig außer der Strömung, hoffe man nun doch, sie zu überwinden.

Oben war alles stille; sodann kamen mehrere der Passagiere,

verkündigten den glücklichen Ausgang und legten sich nieder.

Als ich früh am vierten Tage unserer Fahrt erwachte, befand ich mich

frisch und gesund, so wie ich auch bei der Überfahrt zu eben dieser

Epoche gewesen war; so daß ich also auf einer längern Seereise

wahrscheinlich mit einer dreitägigen Unpäßlichkeit meinen Tribut würde

bezahlt haben.

Vom Verdeck sah ich mit Vergnügen die Insel Capri in ziemlicher

Entfernung zur Seite liegen und unser Schiff in solcher Richtung, daß

wir hoffen konnten, in den Golf hineinzufahren, welches denn auch bald

geschah. Nun hatten wir die Freude, nach einer ausgestandenen harten

Nacht dieselben Gegenstände, die uns abends vorher entzückt hatten, in

entgegengesetztem Lichte zu bewundern. Bald ließen wir jene

gefährliche Felseninsel hinter uns. Hatten wir gestern die rechte

Seite des Golfs von weitem bewundert, so erschienen nun auch die

Kastelle und die Stadt gerade vor uns, sodann links der Posilipo und

die Erdzungen, die sich bis gegen Procida und Ischia erstreckten.

Alles war auf dem Verdeck, voran ein für seinen Orient sehr

eingenommener griechischer Priester, der den Landesbewohnern, die ihr

herrliches Vaterland mit Entzücken begrüßten, auf ihre Frage, wie sich

denn Neapel zu Konstantinopel verhalte, sehr pathetisch antwortete:

"Anche questa è una città!"--"Auch dieses ist eine Stadt!"--Wir

langten zur rechten Zeit im Hafen an, umsummt von Menschen; es war der

lebhafteste Augenblick des Tages. Kaum waren unsere Koffer und

sonstigen Gerätschaften ausgeladen und standen am Ufer, als gleich

zwei Lastträger sich derselben bemächtigten, und kaum hatten wir

ausgesprochen, daß wir bei Moriconi logieren würden, so liefen sie mit

dieser Last wie mit einer Beute davon, so daß wir ihnen durch die

menschenreichen Straßen und über den bewegten Platz nicht mit den

Augen folgen konnten. Kniep hatte das Portefeuille unter dem Arm, und

wir hätten wenigstens die Zeichnungen gerettet, wenn jene Träger,

weniger ehrlich als die neapolitanischen armen Teufel, uns um

dasjenige gebracht hätten, was die Brandung verschont hatte.

Italienische Reise — Band 1 · 第 62 / 68 题