Zwar bei hellstem Sonnenschein in einer angenehmem Wohnung erwachend,
fanden wir uns doch immer in dem unseligen Messina. Einzig unangenehm
ist der Anblick der sogenannten Palazzata, einer sichelförmigen Reihe
von wahrhaften Palästen, die wohl in der Länge einer Viertelstunde die
Reede einschließen und bezeichnen. Alles waren steinerne,
vierstockige Gebäude, von welchen mehrere Vorderseiten bis aufs
Hauptgesims noch völlig stehen, andere bis auf den dritten, zweiten,
ersten Stock heruntergebrochen sind, so daß diese ehemalige
Prachtreihe nun aufs widerlichste zahnlückig erscheint und auch
durchlöchert; denn der blaue Himmel schaut beinahe durch alle Fenster.
Die inneren eigentlichen Wohnungen sind sämtlich zusammengestürzt.
An diesem seltsamen Phänomen ist Ursache, daß nach der von Reichen
begonnenen architektonischen Prachtanlage weniger begüterte Nachbarn,
mit dem Scheine wetteifernd, ihre alten, aus größern und kleinern
Flußgeschieben und vielem Kalk zusammengekneteten Häuser hinter neuen,
aus Quaderstücken aufgeführten Vorderseiten versteckten. Jenes an
sich schon unsichere Gefüge mußte, von der ungeheuern Erschütterung
aufgelöst und zerbröckelt, zusammenstürzen; wie man denn unter manchen
bei so großem Unglück vorgekommenen wunderbaren Rettungen auch
folgendes erzählt: der Bewohner eines solchen Gebäudes sei im
furchtbaren Augenblick gerade in die Mauervertiefung eines Fensters
getreten, das Haus aber hinter ihm völlig zusammengestürzt; und so
habe er, in der Höhe gerettet, den Augenblick seiner Befreiung aus
diesem luftigen Kerker beruhigt abgewartet. Daß jene aus Mangel naher
Bruchsteine so schlechte Bauart hauptsächlich schuld an dem völligen
Ruin der Stadt gewesen, zeigt die Beharrlichkeit solider Gebäude. Der
Jesuiten Kollegium und Kirche, von tüchtigen Quadern aufgeführt,
stehen noch unverletzt in ihrer anfänglichen Tüchtigkeit. Dem sei
aber, wie ihm wolle, Messinas Anblick ist äußerst verdrießlich und
erinnert an die Urzeiten, wo Sikaner und Sikuler diesen unruhigen
Erdboden verließen und die westliche Küste Siziliens bebauten.
Und so brachten wir unsern Morgen zu, gingen dann, im Gasthof ein
frugales Mahl zu verzehren. Wir saßen noch ganz vergnügt beisammen,
als der Bediente des Konsuls atemlos hereinsprang und mir verkündigte,
der Gouverneur lasse mich in der ganzen Stadt suchen; er habe mich zur
Tafel geladen, und nun bleibe ich aus. Der Konsul lasse mich aufs
anständigste bitten, auf der Stelle hinzugeben, ich möchte gespeist
haben oder nicht, möchte aus Vergessenheit oder aus Vorsatz die Stunde
versäumt haben. Nun fühlte ich erst den unglaublichen Leichtsinn,
womit ich die Einladung des Zyklopen aus dem Sinne geschlagen, froh,
daß ich das erste Mal entwischt. Der Bediente ließ mich nicht zaudern,
seine Vorstellungen waren die dringendsten und triftigsten: der
Konsul riskiere, hieß es, daß jener wütende Despot ihn und die ganze
Nation auf den Kopf stelle.
Indessen ich nun Haare und Kleider zurechte putzte, faßte ich mir ein
Herz und folgte mit heiterm Sinne meinem Führer, Odysseus, den Patron,
anrufend und mir seine Vorsprache bei Pallas Athene erbittend.
In der Höhle des Löwen angelangt, ward ich vom lustigen Laufer in
einen großen Speisesaal geführt, wo etwa vierzig Personen, ohne daß
man einen Laut vernommen hätte, an einer länglichrunden Tafel saßen.
Der Platz zur Rechten des Gouverneurs war offen, wohin mich der Laufer
geleitete.
Nachdem ich den Hausherrn und die Gäste mit einer Verbeugung gegrüßt,
setzte ich mich neben ihn, entschuldigte mein Außenbleiben mit der
Weitläuftigkeit der Stadt und dem Irrtum, in welchen mich die
ungewöhnliche Stundenzahl schon mehrmals geführt. Er versetzte mit
glühendem Blick, man habe sich in fremden Landen nach den jedesmaligen
Gewohnheiten zu erkundigen und zu richten. Ich erwiderte, dies sei
jederzeit mein Bestreben, nur hätte ich gefunden, daß bei den besten
Vorsätzen man gewöhnlich die ersten Tage, wo uns ein Ort noch neu und
die Verhältnisse unbekannt seien, in gewisse Fehler verfalle, welche
unverzeihlich scheinen müßten, wenn man nicht die Ermüdung der Reise,
die Zerstreuung durch Gegenstände, die Sorge für ein leidliches
Unterkommen, ja sogar für eine weitere Reise als Gründe der
Entschuldigung möchte gelten lassen.
Er fragte darauf, wie lange ich hier zu bleiben gedächte. Ich
versetzte, daß ich mir einen recht langen Aufenthalt wünsche, damit
ich ihm die Dankbarkeit für die mir erwiesene Gunst durch die
genaueste Befolgung seiner Befehle und Anordnungen betätigen könnte.
Nach einer Pause fragte er sodann, was ich in Messina gesehen habe.
Ich erzählte kürzlich meinen Morgen mit einigen Bemerkungen und fügte
hinzu, daß ich am meisten bewundert die Reinlichkeit und Ordnung in
den Straßen dieser zerstörten Stadt. Und wirklich war
bewunderungswürdig, wie man die sämtlichen Straßen von Trümmern
gereinigt, indem man den Schutt in die zerfallenen Mauerstätten selbst
geworfen, die Steine dagegen an die Häuser angereiht und dadurch die
Mitte der Straßen frei, dem Handel und Wandel offen wieder übergeben.
Hiebei konnte ich dem Ehrenmanne mit der Wahrheit schmeicheln, indem
ich ihm versicherte, daß alle Messineser dankbar erkannten, diese
Wohltat seiner Vorsorge schuldig zu sein.--"Erkennen sie es", brummte
er, "haben sie doch früher genug über die Härte geschrien, mit der man
sie zu ihrem Vorteile nötigen mußte." Ich sprach von weisen Absichten
der Regierung, von höhern Zwecken, die erst später eingesehen und
geschätzt werden könnten, und dergleichen. Er fragte, ob ich die
Jesuitenkirche gesehen habe, welches ich verneinte; worauf er mir denn
zusagte, daß er mir sie wolle zeigen lassen, und zwar mit allem
Zubehör.
Während diesem durch wenige Pausen unterbrochenen Gespräche sah ich
die übrige Gesellschaft in dem tiefsten Stillschweigen, nicht mehr
sich bewegen als nötig, die Bissen zum Munde zu bringen. Und so
standen sie, als die Tafel aufgehoben und der Kaffee gereicht war, wie
Wachspuppen rings an den Wänden. Ich ging auf den Hausgeistlichen los,
der mir die Kirche zeigen sollte, ihm zum voraus für seine Bemühungen
zu danken; er wich zur Seite, indem er demütig versicherte, die
Befehle Ihro Exzellenz habe er ganz allein vor Augen. Ich redete
darauf einen jungen, nebenstehenden Fremden an, dem es auch, ob er
gleich ein Franzose war, nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein schien;
denn auch er war verstummt und erstarrt wie die ganze Gesellschaft,
worunter ich mehrere Gesichter sah, die der gestrigen Szene mit dem
Malteserritter bedenklich beigewohnt hatten.
Der Gouverneur entfernte sich, und nach einiger Zeit sagte mir der
Geistliche, es sei nun an der Stunde, zu gehen. Ich folgte ihm, die
übrige Gesellschaft hatte sich stille, stille verloren. Er führte
mich an das Portal der Jesuitenkirche, das nach der bekannten
Architektur dieser Väter prunkhaft und wirklich imposant in die Luft
steht. Ein Schließer kam uns schon entgegen und lud zum Eintritt, der
Geistliche hingegen hielt mich zurück mit der Weisung, daß wir zuvor
auf den Gouverneur zu warten hätten. Dieser fuhr auch bald heran,
hielt auf dem Platze unfern der Kirche und winkte, worauf wir drei
ganz nah an seinem Kutschenschlag uns vereinigten. Er gebot dem
Schließer, daß er mir nicht allein die Kirche in allen ihren Teilen
zeigen, sondern auch die Geschichte der Altäre und anderer Stiftungen
umständlich erzählen solle; ferner habe er auch die Sakristeien
aufzuschließen und mich auf alles das darin enthaltene Merkwürdige
aufmerksam zu machen. Ich sei ein Mann, den er ehren wolle, der alle
Ursache haben solle, in seinem Vaterlande rühmlich von Messina zu
sprechen. "Versäumen Sie nicht", sagte er darauf, zu mir gewandt, mit
einem Lächeln, insofern seine Züge dessen fähig waren, "versäumen Sie
nicht, so lange Sie hier sind, zur rechten Stunde an Tafel zu kommen,
Sie sollen immer wohl empfangen sein." Ich hatte kaum Zeit, ihm
hierauf verehrlich zu erwidern. Der Wagen bewegte sich fort.
Von diesem Augenblick an ward auch der Geistliche heiterer, wir traten
in die Kirche. Der Kastellan, wie man ihn wohl in diesem
entgottesdiensteten Zauberpalaste nennen dürfte, schickte sich an, die
ihm scharf empfohlene Pflicht zu erfüllen, als der Konsul und Kniep in
das leere Heiligtum hereinstürzten, mich umarmten und eine
leidenschaftliche Freude ausdrückten, mich, den sie schon in Gewahrsam
geglaubt, wiederzusehen. Sie hatten in Höllenangst gesessen, bis der
gewandte Laufer, wahrscheinlich vom Konsul gut pensioniert, einen
glücklichen Ausgang des Abenteuers unter hundert Possen erzählte,
worauf denn ein erheiternder Frohsinn sich über die beiden ergoß, die
mich sogleich aufsuchten, als die Aufmerksamkeit des Gouverneurs wegen
der Kirche ihnen bekannt geworden.
Indessen standen wir vor dem Hochaltare, die Auslegung alter
Kostbarkeiten vernehmend. Säulen von Lapislazuli, durch bronzene,
vergoldete Stäbe gleichsam kanneliert, nach florentinischer Art
eingelegte Pilaster und Füllungen; die prächtigen sizilianischen
Achate in überfluß, Erz und Vergoldung sich wiederholend und alles
verbindend.
Nun war es aber eine wunderbare kontrapunktische Fuge, wenn Kniep und
der Konsul die Verlegenheit des Abenteuers, der Vorzeiger dagegen die
Kostbarkeiten der noch wohl erhaltenen Pracht verschränkt vortrugen,
beide von ihrem Gegenstand durchdrungen; wobei ich denn das doppelte
Vergnügen hatte, den Wert meines glücklichen Entkommens zu fühlen und
zugleich die sizilianischen Gebirgsprodukte, um die ich mir schon
manche Mühe gegeben, architektonisch angewendet zu sehen.
Die genaue Kenntnis der einzelnen Teile, woraus dieser Prunk
zusammengesetzt war, verhalf mir zur Entdeckung, daß der sogenannte
Lapislazuli jener Säulen eigentlich nur Calcara sei, aber freilich von
so schöner Farbe, als ich sie noch nicht gesehn, und herrlich
zusammengefügt. Aber auch so blieben diese Säulen noch immer
ehrwürdig; denn es setzt eine ungeheure Menge jenes Materials voraus,
um Stücke von so schöner und gleicher Farbe aussuchen zu können, und
dann ist die Bemühung des Schneidens, Schleifens und Polierens höchst
bedeutend. Doch was war jenen Vätern unüberwindlich?
Der Konsul hatte indessen nicht aufgehört, mich über mein bedrohliches
Schicksal aufzuklären. Der Gouverneur nämlich, mit sich selbst
unzufrieden, daß ich von seinem gewaltsamen Betragen gegen den
Quasi-Malteser gleich beim ersten Eintritt Zeuge gewesen, habe sich
vorgenommen, mich besonders zu ehren, und sich darüber einen Plan
festgesetzt, dieser habe durch mein Außenbleiben gleich zu Anfang der
Ausführung einen Strich erlitten. Nach langem Warten sich endlich zur
Tafel setzend, habe der Despot sein ungeduldiges Mißvergnügen nicht
verbergen können, und die Gesellschaft sei in Furcht gestanden,
entweder bei meinem Kommen oder nach aufgehobener Tafel eine Szene zu
erleben.
Indessen suchte der Küster immer wieder das Wort zu erhaschen, öffnete
die geheimen Räume, nach schönen Verhältnissen gebaut, anständig, ja
prächtig verziert, auch war darin noch manches bewegliche
Kirchengeräte übriggeblieben, dem Ganzen gemäß geformt und geputzt.
Von edeln Metallen sah ich nichts, so wenig als von ältern und neuern
echten Kunstwerken.
Unsere italienisch-deutsche Fuge, denn Pater und Küster psalmodierten
in der ersten, Kniep und Konsul in der zweiten Sprache, neigte sich zu
Ende, als ein Offizier sich zu uns gesellte, den ich bei Tafel gesehen.
Er gehörte zum Gefolge des Gouverneurs. Dies konnte wieder einige
Besorgnis erregen, besonders da er sich erbot, mich an den Hafen zu
führen, wo er mich an Punkte bringen wolle, die Fremden sonst
unzugänglich seien. Meine Freunde sahen sich an, ich ließ mich jedoch
nicht abhalten, allein mit ihm zu gehen. Nach einigen gleichgültigen
Gesprächen begann ich, ihn zutraulich anzureden, und gestand, bei
Tafel gar wohl bemerkt zu haben, daß mehrere stille Beisitzer mir
durch ein freundliches Zeichen zu verstehen gegeben, daß ich nicht
unter weltfremden Menschen allein, sondern unter Freunden, ja Brüdern
mich befinde und deshalb nichts zu besorgen habe. Ich halte für
Pflicht, ihm zu danken und um Erstattung gleichen Danks an die übrigen
Freunde zu ersuchen. Hierauf erwiderte derselbe, daß sie mich um so
mehr zu beruhigen gesucht, als sie bei Kenntnis der Gemütsart ihres
Vorgesetzten für mich eigentlich nichts befürchtet hätten; denn eine
Explosion wie die gegen den Malteser sei nur selten, und gerade wegen
einer solchen mache sich der würdige Greis selbst Vorwürfe, hüte sich
lange, lebe dann eine Weile in einer sorglosen Sicherheit seiner
Pflicht, bis er denn endlich, durch einen unerwarteten Vorfall
überrascht, wieder zu neuen Heftigkeiten hingerissen werde. Der
wackere Freund setzte hinzu, daß ihm und seinen Genossen nichts
wünschenswerter wäre, als mit mir sich genauer zu verbinden, weshalb
ich die Gefälligkeit haben möchte, mich näher zu bezeichnen, wozu sich
heute nacht die beste Gelegenheit finden werde. Ich wich diesem
Verlangen höflich aus, indem ich ihn bat, mir eine Grille zu verzeihen:
ich wünsche nämlich, auf Reisen bloß als Mensch angesehen zu werden,
könne ich als ein solcher Vertrauen erregen und Teilnahme erlangen, so
sei es mir angenehm und erwünscht; in andere Verhältnisse einzugehen,
verböten mir mancherlei Gründe.
Überzeugen wollt' ich ihn nicht, denn ich durfte ja nicht sagen, was
eigentlich mein Grund war. Merkwürdig genug aber schien mir's, wie
schön und unschuldig die wohldenkenden Männer unter einem despotischen
Regiment sich zu eignem und zu der Fremdlinge Schutz verbündet hatten.
Ich verhehlte ihm nicht, daß ich ihre Verhältnisse zu andern
deutschen Reisenden recht wohl kenne, verbreitete mich über die
löblichen Zwecke, die erreicht werden sollten, und setzte ihn immer
mehr in Erstaunen über meine vertrauliche Hartnäckigkeit. Er
versuchte alles mögliche, mich aus meinem Inkognito hervorzuziehen,
welches ihm nicht gelang, teils weil ich, einer Gefahr entronnen, mich
nicht zwecklos in eine andere begeben konnte, teils weil ich gar wohl
bemerkte, die Ansichten dieser wackern Insulaner seien von den
meinigen so sehr verschieden, daß ihnen mein näherer Umgang weder
Freude noch Trost bringen könne.
Dagegen wurden abends mit dem teilnehmenden und tätigen Konsul noch
einige Stunden verbracht, der denn auch die Szene mit dem Malteser
aufklärte. Es sei dieser zwar kein eigentlicher Abenteurer, aber ein
unruhiger Ortswechsler. Der Gouverneur, aus einer großen Familie,
wegen Ernst und Tüchtigkeit verehrt, wegen bedeutender Dienste
geschätzt, stehe doch im Rufe unbegrenzten Eigenwillens, zaumloser
Heftigkeit und ehernen Starrsinns. Argwöhnisch als Greis und Despot,
mehr besorgt als überzeugt, daß er Feinde bei Hofe habe, hasse er
solche hin und wider ziehende Figuren, die er durchaus für Spione
halte. Diesmal sei ihm der Rotrock in die Quer gekommen, da er nach
einer ziemlichen Pause sich wieder einmal im Zorn habe ergehen müssen,
um die Leber zu befreien.
Messina und auf der See, Montag, den 13. Mai 1787.
Beide erwachten wir mit gleicher Empfindung, verdrießlich, daß wir,
durch den ersten wüsten Anblick von Messina zur Ungeduld gereizt, uns
entschlossen hatten, mit dem französischen Kauffahrer die Rückfahrt
abzuschließen. Nach dem glücklich beendigten Abenteuer mit dem
Gouverneur, bei dem Verhältnis zu wackern Männern, denen ich mich nur
näher zu bezeichnen brauchte, aus dem Besuch bei meinem Bankier, der
auf dem Lande in der angenehmsten Gegend wohnte, ließ sich für einen
längern Aufenthalt in Messina das Angenehmste hoffen. Kniep, von ein
paar hübschen Kindern wohl unterhalten, wünschte nichts mehr als die
längere Dauer des sonst verhaßten Gegenwindes. Indessen war die Lage
unangenehm, alles mußte gepackt bleiben und wir jeden Augenblick
bereit sein, zu scheiden.
So geschah denn auch dieser Aufruf gegen Mittag, wir eilten an Bord
und fanden unter der am Ufer versammelten Menge auch unsern guten
Konsul, von dem wir dankbar Abschied nahmen. Der gelbe Laufer drängte
sich auch herbei, seine Ergötzlichkeiten abzuholen. Dieser ward nun
belohnt und beauftragt, seinem Herrn unsere Abreise zu melden und mein
Außenbleiben von Tafel zu entschuldigen.--"Wer absegelt, ist
entschuldigt!" rief er aus; sodann mit einem seltsamen Sprung sich
umkehrend, war er verschwunden.
Im Schiffe selbst sah es nun anders aus als auf der neapolitanischen
Korvette; doch beschäftigte uns bei allmählicher Entfernung vom Ufer
die herrliche Ansicht des Palastzirkels, der Zitadelle, der hinter der
Stadt aufsteigenden Berge. Kalabrien an der andern Seite. Nun der
freie Blick in die Meerenge nord--und südwärts, bei einer ausgedehnten,
an beiden Seiten schön beuferten Breite. Als wir dieses nach und
nach anstaunten, ließ man uns links in ziemlicher Ferne einige
Bewegung im Wasser, rechts aber etwas näher einen vom Ufer sich
auszeichnenden Felsen bemerken, jene als Charybdis, diesen als Scylla.
Man hat sich bei Gelegenheit beider in der Natur so weit auseinander
stehenden, von dem Dichter so nah zusammengerückten Merkwürdigkeiten
über die Fabelei der Poeten beschwert und nicht bedacht, daß die
Einbildungskraft aller Menschen durchaus Gegenstände, wenn sie sich
solche bedeutend vorstellen will, höher als breit imaginiert und
dadurch dem Bilde mehr Charakter, Ernst und Würde verschafft.
Tausendmal habe ich klagen hören, daß ein durch Erzählung gekannter
Gegenstand in der Gegenwart nicht mehr befriedige; die Ursache hievon
ist immer dieselbe: Einbildung und Gegenwart verhalten sich wie Poesie
und Prosa, jene wird die Gegenstände mächtig und steil denken, diese
sich immer in die Fläche verbreiten. Landschaftsmaler des sechzehnten
Jahrhunderts, gegen die unsrigen gehalten, geben das auffallendste
Beispiel. Eine Zeichnung von Jodocus Momper neben einem Kniepschen
Kontur würde den ganzen Kontrast sichtbar machen.
Mit solchen und ähnlichen Gesprächen unterhielten wir uns, indem
selbst für Kniep die Küsten, welche zu zeichnen er schon Anstalt
getroffen hatte, nicht reizend genug waren.
Mich aber befiel abermals die unangenehme Empfindung der Seekrankheit,
und hier war dieser Zustand nicht wie bei der Überfahrt durch bequeme
Absonderung gemildert; doch fand sich die Kajüte groß genug, um
mehrere Personen einzunehmen, auch an guten Matratzen war kein Mangel.
Ich nahm die horizontale Stellung wieder an, in welcher mich Kniep
gar vorsorglich mit rotem Wein und gutem Brot ernährte. In dieser
Lage wollte mir unsere ganze sizilianische Reise in keinem angenehmen
Lichte erscheinen. Wir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als
durchaus eitle Bemühungen des Menschengeschlechts, sich gegen die
Gewaltsamkeit der Natur, gegen die hämische Tücke der Zeit und gegen
den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten. Die
Karthager, Griechen und Römer und so viele nachfolgende Völkerschaften
haben gebaut und zerstört. Selinunt liegt methodisch umgeworfen; die
Tempel von Girgenti niederzulegen, waren zwei Jahrtausende nicht
hinreichend, Catania und Messina zu verderben, wenige Stunden, wo
nicht gar Augenblicke. Diese wahrhaft seekranken Betrachtungen eines
auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten ließ ich nicht
Herrschaft gewinnen.
Auf der See, Dienstag, den 13. Mai 1787.
Meine Hoffnung, diesmal schneller nach Neapel zu gelangen, oder von
der Seekrankheit eher befreit zu sein, war nicht eingetroffen.
Verschiedenemal versuchte ich, durch Kniep angeregt, auf das Verdeck
zu treten, allein der Genuß eines so mannigfaltigen Schönen war mir
versagt, nur einige Vorfälle ließen mich meinen Schwindel vergessen.
Der ganze Himmel war mit einem weißlichen Wolkendunst umzogen, durch
welchen die Sonne, ohne daß man ihr Bild hätte unterscheiden können,
das Meer überleuchtete, welches die schönste Himmelsbläue zeigte, die
man nur sehen kann. Eine Schar Delphine begleitete das Schiff,
schwimmend und springend blieben sie ihm immer gleich. Mich deucht,
sie hatten das aus der Tiefe und Ferne ihnen als ein schwarzer Punkt
erscheinende Schwimmgebäude für irgendeinen Raub und willkommene
Zehrung gehalten. Vom Schiff aus wenigstens behandelte man sie nicht
als Geleitsmänner, sondern wie Feinde: einer ward mit dem Harpun
getroffen, aber nicht herangebracht.
Der Wind blieb ungünstig, den unser Schiff, in verschiedenen
Richtungen fortstreichend, nur überlisten konnte. Die Ungeduld
hierüber ward vermehrt, als einige erfahrne Reisende versicherten,
weder Hauptmann noch Steurer verstünden ihr Handwerk, jener möge wohl
als Kaufmann, dieser als Matrose gelten, für den Wert so vieler
Menschen und Güter seien sie nicht geeignet einzustehen.
Ich ersuchte diese übrigens braven Personen, ihre Besorgnisse
geheimzuhalten. Die Anzahl der Passagiere war groß, darunter Weiber
und Kinder von verschiedenem Alter, denn alles hatte sich auf das
französische Fahrzeug gedrängt, die Sicherheit der weißen Flagge vor
Seeräubern, sonst nichts weiter bedenkend. Ich stellte vor, daß
Mißtrauen und Sorge jeden in die peinlichste Lage versetzen würde, da
bis jetzt alle in der farb--und wappenlosen Leinwand ihr Heil gesehen.
Und wirklich ist zwischen Himmel und Meer dieser weiße Zipfel als
entscheidender Talisman merkwürdig genug. Wie sich Abfahrende und
Zurückbleibende noch mit geschwungenen weißen Taschentüchern begrüßen
und dadurch wechselseitig ein sonst nie zu empfindendes Gefühl der
scheidenden Freundschaft und Neigung erregen, so ist hier in dieser
einfachen Fahne der Ursprung geheiligt; eben als wenn einer sein
Taschentuch an eine Stange befestigte, um der ganzen Welt anzukündigen,
es komme ein Freund über Meer.
Mit Wein und Brot von Zeit zu Zeit erquickt zum Verdruß des Hauptmanns,
welcher verlangte, daß ich essen sollte, was ich bezahlt hatte,
konnte ich doch auf dem Verdeck sitzen und an mancher Unterhaltung
teilnehmen. Kniep wußte mich zu erheitern, indem er nicht wie auf der
Korvette, über die vortreffliche Kost triumphierend, meinen Neid zu
erregen suchte, mich vielmehr diesmal glücklich pries, daß ich keinen
Appetit habe.
Montag, den 14. Mai 1787.
Und so war der Nachmittag vorbeigegangen, ohne daß wir unsern Wünschen
gemäß in den Golf von Neapel eingefahren wären. Wir wurden vielmehr
immer westwärts getrieben, und das Schiff, indem es sich der Insel
Capri näherte, entfernte sich immer mehr von dem Kap Minerva.
Jedermann war verdrießlich und ungeduldig, wir beiden aber, die wir
die Welt mit malerischen Augen betrachteten, konnten damit sehr
zufrieden sein; denn bei Sonnenuntergang genossen wir des herrlichsten
Anblicks, den uns die ganze Reise gewährt hatte. In dem glänzendsten
Farbenschmuck lag Kap Minerva mit den daranstoßenden Gebirgen vor
unsern Augen, indes die Felsen, die sich südwärts hinabziehen, schon
einen blaulichen Ton angenommen hatten. Vom Kap an zog sich die ganze
erleuchtete Küste bis Sorrent hin. Der Vesuv war uns sichtbar, eine
ungeheure Dampfwolke über ihm aufgetürmt, von der sich ostwärts ein
langer Streif weit hinzog, so daß wir den stärksten Ausbruch vermuten
konnten. Links lag Capri, steil in die Höhe strebend; die Formen
seiner Felswände konnten wir durch den durchsichtigen bläulichen Dunst
vollkommen unterscheiden. Unter einem ganz reinen, wolkenlosen Himmel
glänzte das ruhige, kaum bewegte Meer, das bei einer völligen
Windstille endlich wie ein klarer Teich vor uns lag. Wir entzückten
uns an dem Anblick, Kniep trauerte, daß alle Farbenkunst nicht
hinreiche, diese Harmonie wiederzugeben, so wie der feinste englische
Bleistift die geübteste Hand nicht in den Stand setze, diese Linien
nachzuziehen. Ich dagegen, überzeugt, daß ein weit geringeres
Andenken, als dieser geschickte Künstler zu erhalten vermochte, in der
Zukunft höchst wünschenswert sein würde, ich ermunterte ihn, Hand und
Auge zum letztenmal anzustrengen; er ließ sich bereden und lieferte
eine der genausten Zeichnungen, die er nachher kolorierte und ein
Beispiel zurückließ, daß bildlicher Darstellung das Unmögliche möglich
wird. Den Übergang vom Abend zur Nacht verfolgten wir mit ebenso
begierigen Augen. Capri lag nun ganz finster vor uns, und zu unserm
Erstaunen entzündete sich die vesuvische Wolke sowie auch der
Wolkenstreif, je länger, je mehr, und wir sahen zuletzt einen
ansehnlichen Strich der Atmosphäre im Grunde unseres Bildes erleuchtet,
ja, wetterleuchten.
Über diese uns so willkommenen Szenen hatten wir unbemerkt gelassen,
daß uns ein großes Unheil bedrohe; doch ließ uns die Bewegung unter
den Passagieren nicht lange in Ungewißheit. Sie, der Meeresereignisse
kundiger als wir, machten dem Schiffsherrn und seinem Steuermanne
bittre Vorwürfe; daß über ihre Ungeschicklichkeit nicht allein die
Meerenge verfehlt sei, sondern auch die ihnen anvertraute Personenzahl,
Güter und alles umzukommen in Gefahr schwebe. Wir erkundigten uns
nach der Ursache dieser Unruhe, indem wir nicht begriffen, daß bei
völliger Windstille irgendein Unheil zu befürchten sei. Aber eben
diese Windstille machte jene Männer trostlos. "Wir befinden uns",
sagten sie, "schon in der Strömung, die sich um die Insel bewegt und
durch einen sonderbaren Wellenschlag so langsam als unwiderstehlich
nach dem schroffen Felsen hinzieht, wo uns auch nicht ein Fußbreit
Vorsprung oder Bucht zur Rettung gegeben ist."
Aufmerksam durch diese Reden, betrachteten wir nun unser Schicksal mit
Grauen; denn obgleich die Nacht die zunehmende Gefahr nicht
unterscheiden ließ, so bemerkten wir doch, daß das Schiff, schwankend
und schwippend, sich den Felsen näherte, die immer finsterer vor uns
standen, während über das Meer hin noch ein leichter Abendschimmer
verbreitet lag. Nicht die geringste Bewegung war in der Luft zu
bemerken: Schnupftücher und leichte Bänder wurden von jedem in die
Höhe und ins Freie gehalten, aber keine Andeutung eines erwünschten
Hauches zeigte sich. Die Menge ward immer lauter und wilder. Nicht
etwa betend knieten die Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck,
sondern weil der Raum zu eng war, sich darauf zu bewegen, lagen sie
gedrängt aneinander. Sie noch mehr als die Männer, welche besonnen
auf Hülfe und Rettung dachten, schalten und tobten gegen den Kapitän.
Nun ward ihm alles vorgeworfen, was man auf der ganzen Reise
schweigend zu erinnern gehabt: für teures Geld einen schlechten
Schiffsraum, geringe Kost, ein zwar nicht unfreundliches, aber doch
stummes Betragen. Er hatte niemand von seinen Handlungen Rechenschaft
gegeben, ja, selbst noch den letzten Abend ein hartnäckiges
Stillschweigen über seine Manoeuvres beobachtet. Nun hieß er und der
Steuermann hergelaufene Krämer, die ohne Kenntnis der Schiffskunst
sich aus bloßem Eigennutz den Besitz eines Fahrzeuges zu verschaffen
gewußt und nun durch Unfähigkeit und Ungeschicklichkeit alle, die
ihnen anvertraut, zugrunde richteten. Der Hauptmann schwieg und
schien immer noch auf Rettung zu sinnen; mir aber, dem von Jugend auf
Anarchie verdrießlicher gewesen als der Tod selbst, war es unmöglich,
länger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu, mit
ungefähr ebensoviel Gemütsruhe als den Vögeln von Malcesine. Ich
stellte ihnen vor, daß gerade in diesem Augenblick ihr Lärmen und
Schreien denen, von welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und
Kopf verwirrten, so daß sie weder denken noch sich untereinander
verständigen könnten. "Was euch betrifft", rief ich aus, "kehrt in
euch selbst zurück und dann wendet euer brünstiges Gebet zur Mutter
Gottes, auf die es ganz allein ankommt, ob sie sich bei ihrem Sohne
verwenden mag, daß er für euch tue, was er damals für seine Apostel
getan, als auf dem stürmenden See Tiberias die Wellen schon in das
Schiff schlugen, der Herr aber schlief, der jedoch, als ihn die
Trost--und Hülflosen aufweckten, sogleich dem Winde zu ruhen gebot,
wie er jetzt der Luft gebieten kann, sich zu regen, wenn es anders
sein heiliger Wille ist."
Diese Worte taten die beste Wirkung. Eine unter den Frauen, mit der
ich mich schon früher über sittliche und geistliche Gegenstände
unterhalten hatte, rief aus: "Ah! il Barlamé! benedetto il Barlamé!"
und wirklich fingen sie, da sie ohnehin schon auf den Knieen lagen,
ihre Litaneien mit mehr als herkömmlicher Inbrunst leidenschaftlich zu
beten an. Sie konnten dies mit desto größerer Beruhigung tun, als die
Schiffsleute noch ein Rettungsmittel versuchten, das wenigstens in die
Augen fallend war: sie ließen das Boot hinunter, das freilich nur
sechs bis acht Männer fassen konnte, befestigten es durch ein langes
Seil an das Schiff, welches die Matrosen durch Ruderschläge nach sich
zu ziehen kräftig bemüht waren. Auch glaubte man einen Augenblick,
daß sie es innerhalb der Strömung bewegten, und hoffte es bald aus
derselben herausgerettet zu sehen. Ob aber gerade diese Bemühungen
die Gegengewalt der Strömung vermehrt, oder wie es damit beschaffen
sein mochte, so ward mit einmal an dem langen Seile das Boot und seine
Mannschaft im Bogen rückwärts nach dem Schiffe geschleudert, wie die
Schmitze einer Peitsche, wenn der Fuhrmann einen Zug tut. Auch diese
Hoffnung ward aufgegeben!--Gebet und Klagen wechselten ab, und der
Zustand wuchs um so schauerlicher, da nun oben auf den Felsen die
Ziegenhirten, deren Feuer man schon längst gesehen hatte, hohl
aufschrien, da unten strande das Schiff! Sie riefen einander noch
viel unverständliche Töne zu, in welchen einige, mit der Sprache
bekannt, zu vernehmen glaubten, als freuten sie sich auf manche Beute,
die sie am andern Morgen aufzufischen gedächten. Sogar der tröstliche
Zweifel, ob denn auch wirklich das Schiff dem Felsen sich so drohend
nähere, war leider nur zu bald gehoben, indem die Mannschaft zu großen
Stangen griff, um das Fahrzeug, wenn es zum äußersten käme, damit von
den Felsen abzuhalten, bis denn endlich auch diese brächen und alles
verloren sei. Immer stärker schwankte das Schiff, die Brandung schien
sich zu vermehren, und meine durch alles dieses wiederkehrende
Seekrankheit drängte mir den Entschluß auf, hinunter in die Kajüte zu
steigen. Ich legte mich halb betäubt auf meine Matratze, doch aber
mit einer gewissen angenehmen Empfindung, die sich vom See Tiberias
herzuschreiben schien; denn ganz deutlich schwebte mir das Bild aus
Merians Kupferbibel vor Augen. Und so bewährt sich die Kraft aller
sinnlich-sittlichen Eindrücke jedesmal am stärksten, wenn der Mensch
ganz auf sich selbst zurückgewiesen ist. Wie lange ich so in halbem
Schlafe gelegen, wüßte ich nicht zu sagen, aufgeweckt aber ward ich
durch ein gewaltsames Getöse über mir; ich konnte deutlich vernehmen,
daß es die großen Seile waren, die man auf dem Verdeck hin und wider
schleppte, dies gab mir Hoffnung, daß man von den Segeln Gebrauch
mache. Nach einer kleinen Weile sprang Kniep herunter und kündigte
mir an, daß man gerettet sei, der gelindeste Windshauch habe sich
erhoben; in dem Augenblick sei man bemüht gewesen, die Segel
aufzuziehen, er selbst habe nicht versäumt, Hand anzulegen. Man
entferne sich schon sichtbar vom Felsen, und obgleich noch nicht
völlig außer der Strömung, hoffe man nun doch, sie zu überwinden.
Oben war alles stille; sodann kamen mehrere der Passagiere,
verkündigten den glücklichen Ausgang und legten sich nieder.
Als ich früh am vierten Tage unserer Fahrt erwachte, befand ich mich
frisch und gesund, so wie ich auch bei der Überfahrt zu eben dieser
Epoche gewesen war; so daß ich also auf einer längern Seereise
wahrscheinlich mit einer dreitägigen Unpäßlichkeit meinen Tribut würde
bezahlt haben.
Vom Verdeck sah ich mit Vergnügen die Insel Capri in ziemlicher
Entfernung zur Seite liegen und unser Schiff in solcher Richtung, daß
wir hoffen konnten, in den Golf hineinzufahren, welches denn auch bald
geschah. Nun hatten wir die Freude, nach einer ausgestandenen harten
Nacht dieselben Gegenstände, die uns abends vorher entzückt hatten, in
entgegengesetztem Lichte zu bewundern. Bald ließen wir jene
gefährliche Felseninsel hinter uns. Hatten wir gestern die rechte
Seite des Golfs von weitem bewundert, so erschienen nun auch die
Kastelle und die Stadt gerade vor uns, sodann links der Posilipo und
die Erdzungen, die sich bis gegen Procida und Ischia erstreckten.
Alles war auf dem Verdeck, voran ein für seinen Orient sehr
eingenommener griechischer Priester, der den Landesbewohnern, die ihr
herrliches Vaterland mit Entzücken begrüßten, auf ihre Frage, wie sich
denn Neapel zu Konstantinopel verhalte, sehr pathetisch antwortete:
"Anche questa è una città!"--"Auch dieses ist eine Stadt!"--Wir
langten zur rechten Zeit im Hafen an, umsummt von Menschen; es war der
lebhafteste Augenblick des Tages. Kaum waren unsere Koffer und
sonstigen Gerätschaften ausgeladen und standen am Ufer, als gleich
zwei Lastträger sich derselben bemächtigten, und kaum hatten wir
ausgesprochen, daß wir bei Moriconi logieren würden, so liefen sie mit
dieser Last wie mit einer Beute davon, so daß wir ihnen durch die
menschenreichen Straßen und über den bewegten Platz nicht mit den
Augen folgen konnten. Kniep hatte das Portefeuille unter dem Arm, und
wir hätten wenigstens die Zeichnungen gerettet, wenn jene Träger,
weniger ehrlich als die neapolitanischen armen Teufel, uns um
dasjenige gebracht hätten, was die Brandung verschont hatte.