War ich nun durch die Gegenwart und Tätigkeit eines geschickten
Künstlers und durch eigne, obgleich nur einzelne und schwächere
Bemühungen gewiß, daß mir von den interessantesten Gegenden und ihren
Teilen feste, wohlgewählte Bilder, im Umriß und nach Belieben auch
ausgeführt, bleiben würden, so gab ich um so mehr einem nach und nach
auflebenden Drange nach: die gegenwärtige herrliche Umgebung, das Meer,
die Inseln, die Häfen, durch poetische würdige Gestalten zu beleben
und mir auf und aus diesem Lokal eine Komposition zu bilden, in einem
Sinne und in einem Ton, wie ich sie noch nicht hervorgebracht. Die
Klarheit des Himmels, der Hauch des Meeres, die Düfte, wodurch die
Gebirge mit Himmel und Meer gleichsam in ein Element aufgelöst wurden,
alles dies gab Nahrung meinen Vorsätzen; und indem ich in jenem
schönen öffentlichen Garten zwischen blühenden Hecken von Oleander,
durch Lauben von fruchttragenden Orangen--und Zitronenbäumen wandelte
und zwischen andern Bäumen und Sträuchen, die mir unbekannt waren,
verweilte, fühlte ich den fremden Einfluß auf das allerangenehmste.
Ich hatte mir überzeugt, daß es für mich keinen bessern Kommentar zur
"Odyssee" geben könne als eben gerade diese lebendige Umgebung, ein
Exemplar verschafft und las es nach meiner Art mit unglaublichem
Anteil. Doch wurde ich gar bald zu eigner Produktion angeregt, die,
so seltsam sie auch im ersten Augenblicke schien, mir doch immer
lieber ward und mich endlich ganz beschäftigte. Ich ergriff nämlich
den Gedanken, den Gegenstand der Nausikaa als Tragödie zu behandeln.
Es ist mir selbst nicht möglich, abzusehen, was ich daraus würde
gemacht haben, aber ich war über den Plan bald mit mir einig. Der
Hauptsinn war der: in der Nausikaa eine treffliche, von vielen
umworbene Jungfrau darzustellen, die, sich keiner Neigung bewußt, alle
Freier bisher ablehnend behandelt, durch einen seltsamen Fremdling
aber gerührt, aus ihrem Zustand heraustritt und durch eine voreilige
Äußerung ihrer Neigung sich kompromittiert, was die Situation
vollkommen tragisch macht. Diese einfache Fabel sollte durch den
Reichtum der subordinierten Motive und besonders durch das Meer--und
Inselhafte der eigentlichen Ausführung und des besondern Tons
erfreulich werden.
Der erste Akt begann mit dem Ballspiel. Die unerwartete Bekanntschaft
wird gemacht, und die Bedenklichkeit, den Fremden nicht selbst in die
Stadt zu führen, wird schon ein Vorbote der Neigung.
Der zweite Akt exponierte das Haus des Alcinous, die Charaktere der
Freier, und endigte mit Eintritt des Ulysses.
Der dritte war ganz der Bedeutsamkeit des Abenteurers gewidmet, und
ich hoffte, in der dialogierten Erzählung seiner Abenteuer, die von
den verschiedenen Zuhörern sehr verschieden aufgenommen werden, etwas
Künstliches und Erfreuliches zu leisten. Während der Erzählung
erhöhen sich die Leidenschaften, und der lebhafte Anteil Nausikaas an
dem Fremdling wird durch Wirkung und Gegenwirkung endlich
hervorgeschlagen.
Im vierten Akte betätigt Ulysses außer der Szene seine Tapferkeit,
indessen die Frauen zurückbleiben und der Neigung, der Hoffnung und
allen zarten Gefühlen Raum lassen. Bei den großen Vorteilen, welche
der Fremdling davonträgt, hält sich Nausikaa noch weniger zusammen und
kompromittiert sich unwiderruflich mit ihren Landsleuten. Ulyß, der,
halb schuldig, halb unschuldig, dieses alles veranlaßt, muß sich
zuletzt als einen Scheidenden erklären, und es bleibt dem guten
Mädchen nichts übrig, als im fünften Akte den Tod zu suchen.
Es war in dieser Komposition nichts, was ich nicht aus eignen
Erfahrungen nach der Natur hätte ausmalen können. Selbst auf der
Reise, selbst in Gefahr, Neigungen zu erregen, die, wenn sie auch kein
tragisches Ende nehmen, doch schmerzlich genug, gefährlich und
schädlich werden können; selbst in dem Falle, in einer so großen
Entfernung von der Heimat abgelegne Gegenstände, Reiseabenteuer,
Lebensvorfälle zu Unterhaltung der Gesellschaft mit lebhaften Farben
auszumalen, von der Jugend für einen Halbgott, von gesetztern Personen
für einen Aufschneider gehalten zu werden, manche unverdiente Gunst,
manches unerwartete Hindernis zu erfahren; das alles gab mir ein
solches Attachement an diesen Plan, an diesen Vorsatz, daß ich darüber
meinen Aufenthalt zu Palermo, ja den größten Teil meiner übrigen
sizilianischen Reise verträumte. Weshalb ich denn auch von allen
Unbequemlichkeiten wenig empfand, da ich mich auf dem überklassischen
Boden in einer poetischen Stimmung fühlte, in der ich das, was ich
erfuhr, was ich sah, was ich bemerkte, was mir entgegenkam, alles
auffassen und in einem erfreulichen Gefäß bewahren konnte.
Nach meiner löblichen oder unlöblichen Gewohnheit schrieb ich wenig
oder nichts davon auf, arbeitete aber den größten Teil bis aufs letzte
Detail im Geiste durch, wo es denn, durch nachfolgende Zerstreuungen
zurückgedrängt, liegengeblieben, bis ich gegenwärtig nur eine
flüchtige Erinnerung davon zurückrufe.
Den 8. Mai. Auf dem Wege nach Messina.
Man hat hohe Kalkfelsen links. Sie werden farbiger und machen schöne
Meerbusen; dann folgt eine Art Gestein, das man Tonschiefer oder
Grauwacke nennen möchte. In den Bächen finden sich schon
Granitgeschiebe. Die gelben Äpfel des Solanum, die roten Blüten des
Oleanders machen die Landschaft lustig. Der Fiume Nisi bringt
Glimmerschiefer sowie auch die folgenden Bäche.
Mittwoch, den 9. Mai 1787.
Vom Ostwinde bestürmt, ritten wir zwischen dem rechter Hand wogenden
Meere und den Felswänden hin, an denen wir vorgestern oben herab
gesehen hatten, diesen Tag beständig mit dem Wasser im Kampfe; wir
kamen über unzählige Bäche, unter welchen ein größerer, Nisi, den
Ehrentitel eines Flusses führt; doch diese Gewässer sowie das Gerölle,
das sie mitbringen, waren leichter zu überwinden als das Meer, das
heftig stürmte und an vielen Stellen über den Weg hinweg bis an die
Felsen schlug und zurück auf die Wanderer spritzte. Herrlich war das
anzusehen, und die seltsame Begebenheit ließ uns das Unbequeme
übertragen.
Zugleich sollte es nicht an mineralogischer Betrachtung fehlen. Die
ungeheuren Kalkfelsen, verwitternd, stürzen herunter, deren weiche
Teile, durch die Bewegung der Wellen aufgerieben, die zugemischten,
festeren übriglassen, und so ist der ganze Strand mit bunten,
hornsteinartigen Feuersteinen überdeckt, wovon mehrere Muster
aufgepackt worden.
Messina, Donnerstag, den 10. Mai 1787.
Und so gelangten wir nach Messina, bequemten uns, weil wir keine
Gelegenheit kannten, die erste Nacht in dem Quartier des Vetturins
zuzubringen, um uns den andern Morgen nach einem bessern Wohnort
umzusehen. Dieser Entschluß gab gleich beim Eintritt den
fürchterlichsten Begriff einer zerstörten Stadt; denn wir ritten eine
Viertelstunde lang an Trümmern nach Trümmern vorbei, ehe wir zur
Herberge kamen, die, in diesem ganzen Revier allein wieder aufgebaut,
aus den Fenstern des obern Stocks nur eine zackige Ruinenwüste
übersehen ließ. Außer dem Bezirk dieses Gehöftes spürte man weder
Mensch noch Tier, es war nachts eine furchtbare Stille. Die Türen
ließen sich weder verschließen noch verriegeln, auf menschliche Gäste
war man hier so wenig eingerichtet als in ähnlichen Pferdewohnungen,
und doch schliefen wir ruhig auf einer Matratze, welche der
dienstfertige Vetturin dem Wirte unter dem Leibe weggeschwatzt hatte.
Freitag, den 11. Mai 1787.
Heute trennten wir uns von dem wackern Führer, ein gutes Trinkgeld
belohnte seine sorgfältigen Dienste. Wir schieden freundlich, nachdem
er uns vorher noch einen Lohnbedienten verschafft, der uns gleich in
die beste Herberge bringen und alles Merkwürdige von Messina vorzeigen
sollte. Der Wirt, um seinen Wunsch, uns loszuwerden, schleunigst
erfüllt zu sehen, half Koffer und sämtliches Gepäck auf das schnellste
in eine angenehme Wohnung schaffen, näher dem belebten Teile der Stadt,
das heißt, außerhalb der Stadt selbst. Damit aber verhält es sich
folgendermaßen. Nach dem ungeheuren Unglück, das Messina betraf,
blieb nach zwölftausend umgekommenen Einwohnern für die übrigen
dreißigtausend keine Wohnung: die meisten Gebäude waren niedergestürzt,
die zerrissenen Mauern der übrigen gaben einen unsichern Aufenthalt;
man errichtete daher eiligst im Norden von Messina auf einer großen
Wiese eine Bretterstadt, von der sich am schnellsten derjenige einen
Begriff macht, der zu Meßzeiten den Römerberg zu Frankfurt, den Markt
zu Leipzig durchwanderte, denn alle Kramläden und Werkstätte sind
gegen die Straße geöffnet, vieles ereignet sich außerhalb. Daher sind
nur wenig größere Gebäude, auch nicht sonderlich gegen das öffentliche
verschlossen, indem die Bewohner manche Zeit unter freiem Himmel
zubringen. So wohnen sie nun schon drei Jahre, und diese Buden-,
Hütten-, ja Zeltwirtschaft hat auf den Charakter der Einwohner
entschiedenen Einfluß. Das Entsetzen über jenes ungeheure Ereignis,
die Furcht vor einem ähnlichen treibt sie, der Freuden des Augenblicks
mit gutmütigem Frohsinn zu genießen. Die Sorge vor neuem Unheil ward
am einundzwanzigsten April, also ungefähr vor zwanzig Tagen, erneuert,
ein merklicher Erdstoß erschütterte den Boden abermals. Man zeigte
uns eine kleine Kirche, wo eine Masse Menschen, gerade in dem
Augenblick zusammengedrängt, diese Erschütterung empfanden. Einige
Personen, die darin gewesen, schienen sich von ihrem Schrecken noch
nicht erholt zu haben.
Beim Aufsuchen und Betrachten dieser Gegenstände leitete uns ein
freundlicher Konsul, der, unaufgefordert, vielfache Sorge für uns
trug--in dieser Trümmerwüste mehr als irgendwo dankbar anzuerkennen.
Zugleich auch, da er vernahm, daß wir bald abzureisen wünschten,
machte er uns einem französischen Kauffahrer bekannt, der im Begriff
stehe, nach Neapel zu segeln. Doppelt erwünscht, da die weiße Flagge
vor den Seeräubern sichert.
Eben hatten wir unserm gütigen Führer den Wunsch zu erkennen gegeben,
eine der größern, obgleich auch nur einstöckigen Hütten inwendig, ihre
Einrichtung und extemporierte Haushaltung zu sehen, als ein
freundlicher Mann sich an uns anschloß, der sich bald als
französischer Sprachmeister bezeichnete, welchem der Konsul nach
vollbrachtem Spaziergange unsern Wunsch, solch ein Gebäude zu sehen,
eröffnete, mit dem Ersuchen, uns bei sich einzuführen und mit den
Seinigen bekannt zu machen.
Wir traten in die mit Brettern beschlagene und gedeckte Hütte. Der
Eindruck war völlig wie der jener Meßbuden, wo man wilde Tiere oder
sonstige Abenteuer für Geld sehen läßt: das Zimmerwerk an den Wänden
wie am Dache sichtbar, ein grüner Vorhang sonderte den vordern Raum,
der, nicht gedielt, tennenartig geschlagen schien. Stühle und Tische
befanden sich da, nichts weiter von Hausgeräte. Erleuchtet war der
Platz von oben durch zufällige Öffnungen der Bretter. Wir
diskutierten eine Zeitlang, und ich betrachtete mir die grüne Hülle
und das darüber sichtbare innere Dachgebälke, als auf einmal hüben und
drüben des Vorhangs ein paar allerliebste Mädchenköpfchen neugierig
herausguckten, schwarzäugig, schwarzlockig, die aber, sobald sie sich
bemerkt sahen, wie der Blitz verschwanden, auf Ansuchen des Konsuls
jedoch nach so viel verflossener Zeit, als nötig war, sich anzuziehen,
auf wohlgeputzten und niedlichen Körperchen wieder hervortraten und
sich mit ihren bunten Kleidern gar zierlich vor dem grünen Teppich
ausnahmen. Aus ihren Fragen konnten wir wohl merken, daß sie uns für
fabelhafte Wesen aus einer andern Welt hielten, in welchem
liebenswürdigen Irrtum sie unsere Antworten nur mehr bestärken mußten.
Auf eine heitere Weise malte der Konsul unsere märchenhafte
Erscheinung aus; die Unterhaltung war sehr angenehm, schwer, sich zu
trennen. Vor der Tür erst fiel uns auf, daß wir die innern Räume
nicht gesehen und die Hauskonstruktion über die Bewohnerinnen
vergessen hatten.
Messina, Sonnabend, den 12. Mai 1787.
Der Konsul unter andern sagte, daß es, wo nicht unumgänglich nötig,
doch wohlgetan sei, dem Gouverneur aufzuwarten, der, ein wunderlicher
alter Mann, nach Laune und Vorurteil ebensogut schaden als nutzen
könne; dem Konsul werde es zu Gunsten gerechnet, wenn er bedeutende
Fremde vorstelle, auch wisse der Ankömmling nie, ob er dieses Mannes
auf eine oder andere Weise bedürfe. Dem Freunde zu Gefallen ging ich
mit.
Ins Vorzimmer tretend, hörten wir drinne ganz entsetzlichen Lärm, ein
Laufer mit Pulcinellgebärden raunte dem Konsul ins Ohr: "Böser Tag!
gefährliche Stunde!" Doch traten wir hinein und fanden den uralten
Gouverneur, uns den Rücken zugewandt, zunächst des Fensters an einem
Tische sitzen. Große Haufen vergelbter alter Briefschaften lagen vor
ihm, von denen er die unbeschriebenen Blätter mit größter Gelassenheit
abschnitt und seinen haushältischen Charakter dadurch zu erkennen gab.
Während dieser friedlichen Beschäftigung schalt und fluchte er
fürchterlich auf einen anständigen Mann los, der seiner Kleidung nach
mit Malta verwandt sein konnte und sich mit vieler Gemütsruhe und
Präzision verteidigte, wozu ihm jedoch wenig Raum blieb. Der
Gescholtene und Angeschriene suchte mit Fassung einen Verdacht
abzulehnen, den der Gouverneur, so schien es, auf ihn als einen ohne
Befugnis mehrmals An--und Abreisenden mochte geworfen haben, der Mann
berief sich auf seine Pässe und bekannten Verhältnisse in Neapel.
Dies aber half alles nichts, der Gouverneur zerschnitt seine alten
Briefschaften, sonderte das weiße Papier sorgfältig und tobte
fortwährend.
Außer uns beiden standen noch etwa zwölf Personen in einem weiten
Kreise, dieses Tiergefechtes Zeugen, uns wahrscheinlich den Platz an
der Türe beneidend, als gute Gelegenheit, wenn der Erzürnte allenfalls
den Krückenstock erheben und dreinschlagen sollte. Die Gesichtszüge
des Konsuls hatten sich bei dieser Szene merklich verlängert; mich
tröstete des Laufers possenhafte Nähe, der draußen vor der Schwelle
hinter mir allerlei Faxen schnitt, mich, wenn ich manchmal umblickte,
zu beruhigen, als habe das so viel nicht zu bedeuten.
Auch entwirrte sich der gräßliche Handel noch ganz gelinde, der
Gouverneur schloß damit, es halte ihn zwar nichts ab, den Betretenen
einzustecken und in Verwahrung zappeln zu lassen, allein es möge
diesmal hingehen, er solle die paar bestimmten Tage in Messina bleiben,
alsdann aber sich fortpacken und niemals wiederkehren. Ganz ruhig,
ohne die Miene zu verändern, beurlaubte sich der Mann, grüßte
anständig die Versammlung und uns besonders, die er durchschneiden
mußte, um zur Türe zu gelangen. Als der Gouverneur, ihm noch etwas
nachzuschelten, sich ingrimmig umkehrte, erblickte er uns, faßte sich
sogleich, winkte dem Konsul, und wir traten an ihn heran.
Ein Mann von sehr hohem Alter, gebückten Hauptes, unter grauen,
struppigen Augenbrauen schwarze, tiefliegende Blicke hervorsendend;
nun ein ganz anderer als kurz zuvor. Er hieß mich zu sich sitzen,
fragte, in seinem Geschäft ununterbrochen fortfahrend, nach mancherlei,
worüber ich ihm Bescheid gab, zuletzt fügte er hinzu, ich sei, so
lange ich hier bliebe, zu seiner Tafel geladen. Der Konsul, zufrieden
wie ich, ja noch zufriedener, weil er die Gefahr, der wir entronnen,
besser kannte, flog die Treppe hinunter, und mir war alle Lust
vergangen, dieser Löwenhöhle je wieder nah zu treten.