So ein herrlicher Frühlingsblick wie der heutige bei aufgehender Sonne
ward uns freilich nie durchs ganze Leben. Auf dem hohen, uralten
Burgraume liegt das neue Girgenti, in einem Umfang, groß genug, um
Einwohner zu fassen. Aus unsern Fenstern erblicken wir den weiten und
breiten sanften Abhang der ehemaligen Stadt, ganz von Gärten und
Weinbergen bedeckt, unter deren Grün man kaum eine Spur ehemaliger
großer bevölkerten Stadtquartiere vermuten dürfte. Nur gegen das
mittägige Ende dieser grünenden und blühenden Fläche sieht man den
Tempel der Konkordia hervorragen, in Osten die wenigen Trümmer des
Junotempels; die übrigen, mit den genannten in grader Linie gelegenen
Trümmer anderer heiliger Gebäude bemerkt das Auge nicht von oben,
sondern eilt weiter südwärts nach der Strandfläche, die sich noch eine
halbe Stunde bis gegen das Meer erstreckt. Versagt ward heute, uns in
jene so herrlich grünenden, blühenden, fruchtversprechenden Räume
zwischen Zweige und Ranken hinabzubegeben, denn unser Führer, ein
kleiner guter Weltgeistlicher, ersuchte uns, vor allen Dingen diesen
Tag der Stadt zu widmen.
Erst ließ er uns die ganz wohlgebauten Straßen beschauen, dann führte
er uns auf höhere Punkte, wo sich der Anblick durch größere Weite und
Breite noch mehr verherrlichte, sodann zum Kunstgenuß in die
Hauptkirche. Diese enthält einen wohlerhaltenen Sarkophag, zum Altar
gerettet: Hippolyt mit seinen Jagdgesellen und Pferden wird von der
Amme Phädras aufgehalten, die ihm ein Täfelchen zustellen will. Hier
war die Hauptabsicht, schöne Jünglinge darzustellen, deswegen auch die
Alte, ganz klein und zwergenhaft, als ein Nebenwerk, das nicht stören
soll, dazwischen gebildet ist. Mich dünkt, von halberhabener Arbeit
nichts Herrlichers gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es
soll mir einstweilen als ein Beispiel der anmutigsten Zeit
griechischer Kunst gelten.