Girgenti, Dienstag, den 24. April 1787

So ein herrlicher Frühlingsblick wie der heutige bei aufgehender Sonne

ward uns freilich nie durchs ganze Leben. Auf dem hohen, uralten

Burgraume liegt das neue Girgenti, in einem Umfang, groß genug, um

Einwohner zu fassen. Aus unsern Fenstern erblicken wir den weiten und

breiten sanften Abhang der ehemaligen Stadt, ganz von Gärten und

Weinbergen bedeckt, unter deren Grün man kaum eine Spur ehemaliger

großer bevölkerten Stadtquartiere vermuten dürfte. Nur gegen das

mittägige Ende dieser grünenden und blühenden Fläche sieht man den

Tempel der Konkordia hervorragen, in Osten die wenigen Trümmer des

Junotempels; die übrigen, mit den genannten in grader Linie gelegenen

Trümmer anderer heiliger Gebäude bemerkt das Auge nicht von oben,

sondern eilt weiter südwärts nach der Strandfläche, die sich noch eine

halbe Stunde bis gegen das Meer erstreckt. Versagt ward heute, uns in

jene so herrlich grünenden, blühenden, fruchtversprechenden Räume

zwischen Zweige und Ranken hinabzubegeben, denn unser Führer, ein

kleiner guter Weltgeistlicher, ersuchte uns, vor allen Dingen diesen

Tag der Stadt zu widmen.

Erst ließ er uns die ganz wohlgebauten Straßen beschauen, dann führte

er uns auf höhere Punkte, wo sich der Anblick durch größere Weite und

Breite noch mehr verherrlichte, sodann zum Kunstgenuß in die

Hauptkirche. Diese enthält einen wohlerhaltenen Sarkophag, zum Altar

gerettet: Hippolyt mit seinen Jagdgesellen und Pferden wird von der

Amme Phädras aufgehalten, die ihm ein Täfelchen zustellen will. Hier

war die Hauptabsicht, schöne Jünglinge darzustellen, deswegen auch die

Alte, ganz klein und zwergenhaft, als ein Nebenwerk, das nicht stören

soll, dazwischen gebildet ist. Mich dünkt, von halberhabener Arbeit

nichts Herrlichers gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es

soll mir einstweilen als ein Beispiel der anmutigsten Zeit

griechischer Kunst gelten.

Italienische Reise — Band 1 · 第 51 / 68 题