1. +Geschichte.+ Die Versuche, den Schall mittels geeigneter

Übertragung der Schallwellen fortzuleiten, gehören schon einer

ziemlich weit zurückliegenden Vergangenheit an. So weist der englische

Elektriker +Preece+ nach, daß sein Landsmann, der Physiker +Robert

Hooke+, bereits 1667 derartige, wenn auch noch ziemlich rohe Versuche

anstellte, indem derselbe einen ausgespannten Faden benutzte. Einen

telephonischen Apparat konstruierte auch +Wheatstone+ im Jahre

1819. Aber erst 1861 fertigte der 1874 verstorbene Lehrer +Philipp

Reis+ in Friedrichsdorf bei Frankfurt a. M. das +erste elektrische

Telephon+. Dieser von Reis mit dem von ihm selbst erfundenen Worte

„+Telephon+“[33] bezeichnete Apparat übertrug musikalische Töne und

Melodieen, ferner auch Worte, wenn schon in etwas unvollkommener

Weise, auf ziemlich weite Entfernungen. Die ganze Sache wurde indes

von den Physikern nur als eine Kuriosität, nicht als praktisch wichtig

betrachtet[34], und auch Reis selbst hatte seinen Apparat von Anfang

an nur für Unterrichtszwecke bestimmt. So kam es, daß der deutsche

Erfinder und sein Instrument in Europa nach kurzer Zeit wieder

vergessen wurden. In Amerika dagegen wurde der deutsche Gedanke weiter

verfolgt. 1868 konstruierte dort ein gewisser +van der Weyde+ ein

verbessertes Reissches Telephon, das deutlich, wenn auch nur schwach

und mit näselndem Tone, hineingesprochene Worte übertragen haben soll.

+Van der Weyde+ setzte seine Versuche fort, und seinen Bestrebungen

schloß sich +Elisha Gray+ in Chicago an. Aber all diese Telephone,

wie auch die in England gefertigten, eigneten sich in der Hauptsache

nur zur Übertragung musikalischer Töne, nicht aber für artikulierten

Schall, d. i. für die Wiedergabe der Sprache. Dieses so schwierige

Problem wurde durch den Taubstummenlehrer +Graham Bell+ in +Boston+,

einen geborenen Schotten, im Jahre 1876 glücklich gelöst und so die

Welt von Amerika her mit dem +praktischen+ Telephon beschenkt. Seitdem

gelang es, durch verschiedene Verbesserungen die telephonische Wirkung

bedeutend zu erhöhen und überhaupt den Fernsprech-Apparat für die

Verwendung im Verkehre noch bequemer zu gestalten. Großartiges zeigte

bezüglich des Fernsprechwesens besonders die internationale elektrische

Ausstellung zu Philadelphia im Jahre 1884. Der dort ausgestellte

Quadruplex-Translator +Edisons+ z. B. verstärkte den Ton vierfach; sein

Mikrophon[35] ließ den Schritt einer Fliege deutlich hören; das größte

Aufsehen aber erregte unter den Laien sein lautsprechendes Telephon,

dessen Töne im Umkreis von 30 Fuß deutlich vernehmbar waren, und

dessen hohe Noten bedeutend ausgeprägter waren als die tieferen[36].

Sicher wird auch +die+ Zeit nicht ausbleiben, wo man, wie schon +Reis+

andeutete, die menschliche Stimme übers Meer senden wird, wie das

mittels des Telegraphen bezüglich der Schrift bereits der Fall ist[37].

In Deutschland wurde das erste Fernsprechamt für den öffentlichen

Verkehr am 12. November 1877 in Friedrichsberg bei Berlin eröffnet, und

heute (Ende 1885) giebt es, dank der Thatkraft des obersten Leiters der

deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltung, +~Dr.~ von Stephans+,

in 81 Orten 12655 Fernsprechstellen und 21357 km Drahtleitungen[38].

Auch in den übrigen Kulturländern der Erde hat das Fernsprechwesen

fast überall Eingang gefunden; selbst das Reich der Mitte hat sich

nicht ausschließen können. Shanghai zählt bereits 77, Hongkong 40

Fernsprechstellen; ja sogar die Hauptstadt der Sandwich-Inseln,

Honolulu, hat ihre Telephonleitung[39].

2. +Rechtsverhältnisse.+ Die Rechtsverhältnisse im Fernsprechbetrieb

sind sehr verschiedenartig. Ganz frei in Anwendung und Ausbeutung ist

der Betrieb in den Vereinigten Staaten, in Schweden, Norwegen und in

den meisten Kolonieen; +ganz vom Staat abhängig im Deutschen Reich und

in der Schweiz+; unter der Kontrolle der Regierung in England, Rußland,

Österreich, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal. Doch ist in

England, Rußland und Österreich der Betrieb den Privatgesellschaften

auf +lange+ Zeit vertragsmäßig gewährt, in den anderen nur auf +kurze+

Fristen.

3. +Statistisches.+ Ein annäherndes Bild von der Verbreitung des

Fernsprechers in der Mehrzahl der europäischen Staaten im Jahr 1885

giebt folgende Tabelle[40]:

------------------+-----------------+-------------+------------------

| Städte | Abgerundete | Jährlicher

Länder. | mit Fernsprech- | Zahl der | Abonnementsbetrag

| Einrichtungen. | Stellen. | in Mark.

------------------+-----------------+-------------+------------------

Deutschland | 81 | 13000 | 150

England | 180 (?) | 12000 | 100-400

Frankreich etwa | 20 | 10000 | 480

Italien | 18 | 7000 | 92-140

Schweden | 51 | 10000 | 128-216

Schweiz | 30 | 5000 | 120-200

Spanien | unbekannt | 1000 | 80-200

Niederlande etwa | 11 | 4000 | 136-204

Belgien | 12 | 5000 | 160-200

Rußland | 7 | 3000 | 560

Österreich-Ungarn | 10 | 4500 | 180-300

In den +Vereinigten Staaten+ von Amerika betrug 1884 die Länge der

Telephonlinien 193120 km (vgl. Gothaischer Kalender für 1886).

Im gleichen Jahre zählte +New-York+ mit Umgebung schon 10600

Abonnenten, während gleichzeitig ganz England nur 11000-12000

aufwies, so daß demnach eine +einzige+ Stadt Amerikas fast ebensoviel

Telephon-Abonnenten besitzt, als ein ganzes Königreich in Europa.

Die +Zahl der Telephongesellschaften+ betrug in der Union im Jahre

1884 über 45, deren Anlagekapital 266,7 Millionen Franken (~Journal

télégraphique~, 1885, S. 190-192).

Die +längste+ der Fernsprechanlagen in +Deutschland+ ist zur Zeit

diejenige zwischen Berlin und Hannover mit 341 km. In +Amerika+ dagegen

wird bereits zwischen New-York und Chicago, d. i. auf eine Entfernung

von 1600 km, mittels des Telephons korrespondiert.

4. +Bedeutung des Fernsprechers.+ In den wenigen Jahren, welche seit

der Erfindung des einfachen und doch so wunderbar wirkenden Apparates

verflossen sind, hat derselbe bereits eine Bedeutung erlangt, wie

sie wohl keinem Verkehrsmittel der neuern Zeit in so kurzem Zeitraum

zugemessen war. Die Telephone und Mikrophone haben nicht nur für

den allgemeinen Verkehr der Bewohner großer Städte untereinander

hervorragenden Wert, sondern ihre Anwendung erweist sich auch in vielen

anderen Fällen als äußerst nutzbringend. +Geschäftshäuser+ bedienen

sich des Fernsprechers zur Vereinfachung ihres Geschäftsbetriebs.

Höchst wichtige Dienste leistet er der +Polizei+. Desgleichen eignet er

sich vielfach für +militärische Zwecke+, so z. B. im Vorpostendienste,

zur Verbindung eines „~ballon captif~“ mit der Erde. Auch im

+Eisenbahndienste+ findet er mannigfache Verwendung. Für den +Taucher+

wieder bildet das Telephon ein sehr bequemes Verständigungsmittel

im Verkehre mit Personen zu Lande oder zu Schiffe. Ebenso spielt es

schon im +Berg+- und +Hüttenwesen+ eine bedeutende Rolle. Seine große

Empfindlichkeit führte ferner zur Verwendung desselben für +ärztliche+

Zwecke, und auch die +Wissenschaft+ wurde durch dessen Erfindung zu

einer Reihe sehr interessanter Untersuchungen veranlaßt.

II.

Weltpost.

Erstes Kapitel.

Geschichte des Postwesens[41].

I. Altertum.

Die Staaten als solche, d. h. die Regierungen, hatten schon frühzeitig

für ihre Zwecke bestimmte Anstalten zur Herstellung gesicherter und

schneller Verbindungen errichtet. Dabei wurden anfänglich die im

Dienste des Herrschers stehenden Boten von der Hauptstadt aus mit den

Befehlen an die obersten Verwaltungschefs, die Truppenbefehlshaber

u. s. w. in den Provinzen +direkt+ abgesandt, und sie brachten die

Berichte auch wieder zurück. Sehr bald aber kam man auf den Gedanken

der Errichtung von Stationen und des stationsweisen Transportes mittels

Wechsels des Beförderungsmittels, wodurch zugleich eine erhebliche

Beschleunigung erzielt wurde. Solche +Botenanstalten+ besaßen

bereits die Regierungen in +Indien+, +China+, +Ägypten+, +Assyrien+,

+Babylonien+ und die +Könige der Hebräer+.

In +Indien+ waren an den Endpunkten der ziemlich kurzen Stationen

Hütten errichtet. Sobald ein Bote bei einer solchen Hütte ankam,

empfing der schon bereitstehende andere das Schreiben, um damit bis

zur folgenden Station zu laufen. Jeder war mit einer Schelle versehen,

auf deren Laut alle Begegnenden ausweichen mußten; zugleich kündigte

damit der Bote seine Ankunft auf der Station an. Bei wichtigeren

Depeschen oder gefährlichen Passagen gingen zwei Boten zur Erhöhung

der Sicherheit. Zum Übersetzen über Gewässer bedienten sie sich, wo

keine Brücken oder Fähren vorhanden waren, eines Schwimmgürtels. Alle

zehn Stadien (¼ geogr. Meile) war auch eine Säule gesetzt, welche die

etwaigen Nebenwege, sowie die Entfernungen anzeigte. Besondere Beamte

standen überdies dem Verkehrs- und Straßenwesen vor.

Von +Ägypten+ erzählen die alten Geschichtschreiber, daß nach

Vorschrift des Gesetzes jeder König früh aufgestanden sei und zuerst

die eingegangenen Briefe gelesen habe.

Bei den +Assyrern+ wird schon gelegentlich der Erzählung der

Vorbereitungen, welche die Königin Semiramis zu ihrem großen Zuge

nach Indien traf, der Boten gedacht, welche deren Briefe und Befehle

beförderten.

In Bezug auf +Babylonien+ heißt es im Alten Testament: „Nebukadnezar

sandte von Ninive Botschaften zu allen, die da wohnten in Cilicien,

Damaskus und auf dem Libanon, Karmel und in Kedar; auch zu denen in

Galiläa und auf dem großen Felde Esdrelom; und zu allen, die da waren

in Samaria, und jenseits des Jordan bis gen Jerusalem; auch in das

ganze Land Gesem bis an das Gebirge des Mohrenlandes.“

Bei den +Hebräern+ wurden während der Regierung der Könige die

Schreiben derselben und die Berichte der Obersten und Ältesten

ebenfalls durch besoldete königliche Boten befördert, die der Leibwache

zugeteilt waren. „Und die Läufer gingen hin mit den Briefen von der

Hand des Königs und seiner Obersten durch Israel und Juda“ (Hiskia,

728-699 v. Chr.). Ja sogar aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. besitzen wir

eine desfallsige Nachricht im ersten Buch der Könige: „Und sie (die

Königin Isebel, Gemahlin Ahabs, 918-890 v. Chr.) schrieb Briefe unter

Ahabs Namen und versiegelte sie unter seinem Petschier und sandte sie

zu den Ältesten und Obersten.“

Den nächsten Fortschritt nach der Zerlegung in Stationen bildete die

+Anwendung des Pferdes+ für den Kurierdienst. Die erste desfallsige

Einrichtung ging der gewöhnlichen Annahme nach von dem +Perserkönige

Cyrus+ aus und bestand hauptsächlich in folgendem: in einer Entfernung

von ca. 4 zu 4 Parasangen (3-4 Meilen) waren Pferde und Reiter

stationiert, von welch letzteren stets einer bereit zu sein hatte, um

nach Einlauf eines königlichen Schreibens dasselbe in der schnellsten

Gangart des Pferdes bei Tage oder bei Nacht, in der größten Hitze des

Sommers oder im Schnee des Winters zur nächsten Station zu befördern.

Außerdem war bei jeder Station ein Aufseher bestellt, dessen Aufgabe

es war, die Briefe in Empfang zu nehmen, wieder zu übergeben, die

ermüdeten Pferde und Männer zu beherbergen und frische abzusenden. Bei

den Griechen sagte man, die persischen Postreiter flögen schneller als

Kraniche, und Herodot versichert, daß nichts in dieser Welt geschwinder

sei, als diese Reiter. Briefe konnten durch sie auf der großen Straße

von Sardes nach Susa, die 450 Parasangen (337 Meilen) maß, welche

wieder in 111 Stationen geteilt waren, in 5-7 Tagen befördert werden.

Ein Fußgänger hingegen, der fünf Parasangen (3¾ Meilen) täglich

zurücklegte, brauchte hierzu 90 Tage.

Die gesamte Posteinrichtung nannte man ~angara~, ein Wort, das soviel

bedeutet als +Frondienst+. Die Griechen entlehnten diese Bezeichnung

von den Persern und überlieferten dieselbe ihrerseits wiederum

an die Römer, so daß noch bis ins Mittelalter das Kurierwesen im

Lateinischen mit ~angaria~ bezeichnet wurde. Der Chef der ganzen

Anstalt war ein hoher, dem königlichen Hofe nahestehender Beamter.

Darius Kodomannus, Persiens letzter König, bekleidete jenes hohe Amt

vor seiner Thronbesteigung. Das Volk war von der Benützung der Anstalt

ausgeschlossen; sie trug rein staatlichen Charakter; nur der König

bediente sich ihrer zu seinen Regierungszwecken.

Wohl ebenso frühzeitig als in Persien, vielleicht noch früher,

scheint die Verwendung des Pferdes zum Postdienste auch in +China+

stattgefunden zu haben. Hierauf läßt besonders die schon in alten

Zeiten sehr vorgeschrittene Organisation der Verwaltung des

weitläufigen Reiches und das Vorhandensein trefflich angelegter und gut

unterhaltener Straßen schließen.

Frühzeitig schon wurde den +Griechen+ die Buchstabenschrift und das

Briefschreiben von Asien aus überliefert, aber die Einrichtung einer

bestimmten Staatsverkehrsanstalt haben sie den asiatischen Monarchieen

nicht nachgeahmt. Zunächst war Griechenland nicht ausgedehnt genug,

um unter den damaligen Verhältnissen die Notwendigkeit einer

solchen Anstalt empfinden zu lassen. Dann waren auch die durch die

vielfachen Wanderungen der griechischen Volksstämme hervorgerufenen

Erschütterungen der Entwicklung einheitlicher Institutionen hinderlich.

Später kamen die häufigen Fehden und unerquicklichen Nergeleien

der kleinen Republiken, der peloponnesische Krieg u. s. w., bis

endlich die Schlacht von Chäronea (338 v. Chr.) der griechischen

Unabhängigkeit ein Ende machte. Überdies ersetzte vielfach die sehr

rege Schiffahrt die Landkommunikationen, wie das noch heute z. B.

in Dalmatien, Norwegen, Chile, dem Sunda-Archipel u. s. w. der

Fall ist. Endlich führte auch der allen Stämmen und Landschaften

gemeinschaftliche religiöse Kultus gelegentlich der fast alljährlich

stattfindenden Spiele und Nationalfeste Leute aus allen Gegenden, wo

nur immer die griechische Zunge ertönte, zusammen und bot reichliche

Gelegenheit dar, im gegenseitigen Verkehre die Gedanken auszutauschen

und sich über die verschiedensten Verhältnisse mündliche Mitteilung

zu machen. Infolge davon beschränkte sich die ganze Posteinrichtung

des Landes auf die sogen. +Hemerodromen+(= Tagläufer, vom griech.

~heméra~ = Tag, und griech. ~dremo~, ich laufe) oder Schnellläufer,

die nur aus besonderer Veranlassung abgesandt wurden, und deren sich

nicht nur die Obrigkeiten, sondern auch Private bedienten. Diese

Hemerodromen waren mitunter von erstaunlicher Geschwindigkeit, und

die alten Schriftsteller erwähnen einzelner bei Namen. Phidippides,

ein Botenläufer von Gewerbe, sagt Herodot, legte den Weg von Athen

nach Lacedämon (1200 Stadien = 30 geogr. Meilen) in zwei Tagen

zurück. Nach der Schlacht von Salamis wurde der Platäer Euchidas nach

Delphi gesandt, um, da das heilige Feuer erloschen war, reines Feuer

zu holen. Die Entfernung hin und zurück beträgt 1000 Stadien (= 25

geogr. Meilen); er brauchte nur +einen+ Tag, starb aber infolge der

Überanstrengung. Von Ladas, einem vielgenannten Läufer Alexanders von

Macedonien, sagte man, daß seine Spuren im Sande kaum wahrnehmbar

gewesen seien. Die Ausrüstung dieser Schnellläufer bildeten Bogen,

Pfeile, Wurfspieß und Feuersteine.

[Illustration: Fig. 16. Hemerodrom.

(Nach dem „Poststammbuch“.)]

+Alexander der Große+ hatte bei dem Charakter seiner Regierung nur

wenig für die Verkehrseinrichtungen zu thun vermocht. Als er die Hand

an das Werk der innern Ordnung legen wollte, überraschte ihn der Tod.

In den eroberten Ländern waren die früheren persischen Anstalten im

allgemeinen in Wirksamkeit geblieben.

Die +Römer+ waren ein eroberndes Volk; jede Nation, die sie sich

unterwarfen, mußten sie daher wenigstens anfänglich durch die Gewalt

der Waffen niederhalten. Um aber über ihre Legionen und Kohorten

rasch verfügen, um sie schnell dorthin werfen zu können, wo der Staat

sie nötig hatte, bedurften die Römer eines gut ausgebildeten und

weitverzweigten Straßennetzes. In der That galt denn auch ein Land

ihnen nur dann für vollkommen erobert, wenn es von Militärstraßen

durchzogen war. Schon in den ersten Zeiten der Republik wurden deshalb

alle Städte Latiums, sobald sie unter Roms Herrschaft gekommen, dann

die Gebiete Campaniens, endlich die Bergstädte der besiegten Samniter

durch vorzügliche Kunststraßen mit Rom verbunden. In erster Reihe

waren nun diese Straßen freilich nur für militärische Zwecke bestimmt;

aber sie dienten doch schon frühzeitig auch dem +Verkehre+. So gingen

vor allem, wie in den übrigen älteren Reichen, +staatliche Boten+ von

Rom zu den auswärts bestellten Beamten und Befehlshabern, um Befehle

oder Nachrichten zu überbringen, oder es wurden von diesen solche nach

Rom gesendet. Die Boten hießen ~viatores~, ~cursores~, ~statores~,

~tabellarii~ (letzterer Name rührt davon her, daß die Alten statt der

Briefbogen Täfelchen [~tabellae~] benutzten). Die Vergütung, welche

sie für die Übermittlung von Nachrichten erhielten, nannte man

~calcearium~, Schuhgeld[42].

Eine bedeutende Förderung wurde dem Nachrichten- und auch

Frachtenverkehr zu teil durch jene große Gesellschaft römischer Ritter,

welche in den letzten Zeiten der Republik die Staatsländereien in

den Provinzen, sowie die Zehnten, Gefälle und Steuern pachtete und

einen ausgedehnten, schwunghaften Handel mit Getreide und anderen

Landesprodukten betrieb. Diese Genossenschaft hatte ihren Centralsitz

in Rom und ihre Niederlagen und Comptoire in allen wichtigeren

Provinzstädten. Ihr Nachrichten- und Geldverkehr vom Mittelpunkte nach

den Filialen und zwischen diesen selber wieder war ein großartiger, und

deshalb unterhielt die Gesellschaft eine große Zahl von Briefträgern

(~tabellarii~), welche Briefe und leichtes Gepäck bis in die kleinsten

Städte aller Provinzen mit großer Schnelligkeit und ziemlicher

Regelmäßigkeit beförderten. Diese Briefträger durften auch Sendungen

von Privaten übernehmen und wurden häufig hierzu benützt.

Außerdem gab es noch zahlreiche Privatboten. Reiche Familien, die in

Rom wohnten, hatten große Güter in den Provinzen, oder ihre Söhne

studierten an griechischen Schulen. Da sie nun mit ihren Verwaltern und

ihren Kindern in regelmäßigem Verkehre bleiben wollten, so unterhielten

sie Briefboten, die nicht bloß von ihnen, sondern auch von Bekannten

mit Sendungen betraut wurden.

Häufig wurden auch Reisenden, Schiffern, Kaufleuten, Fuhrleuten u. s. w.

Briefschaften zur Abgabe in den Orten, wohin ihr Geschäft sie

führte, übergeben. Freilich war diese Art der Beförderung in hohem

Grade unvollkommen. Wir ersehen das besonders aus den Briefen Ciceros

an Atticus. Monatelang erhielt jener keinen der ihm vom Freunde

geschriebenen Briefe, dann häufig drei oder vier auf einmal; nicht

selten sind einige unterwegs abhanden gekommen; andere werden ihm

eröffnet überbracht; später geschriebene erhält er eher als solche von

früherem Datum; öfters ist er genötigt, mehrere Briefe des Atticus,

die ihm in einem Zeitraum von vier bis fünf Monaten zugegangen waren,

auf einmal zu beantworten, weil er keinen zuverlässigen Überbringer

auffinden konnte. Alle diese Umstände führt Cicero in seinen Briefen

immer nur nebenher und in dem Tone an, in welchem man von Dingen

spricht, die sich ganz von selbst verstehen und alle Tage sich zutragen.

Zur Beförderung der reisenden Beamten bestand eine Art Vorspannwesen,

zu dessen Benutzung der Senat von Fall zu Fall eine besondere

Ermächtigung erteilte. So bediente sich Cäsar, wenn er sich zum Heere

begab, stets einer Tag und Nacht fahrenden Kalesche, deren Vorspann

ihm gratis geleistet wurde. An mißbräuchlicher Ausnützung dieser

Einrichtung fehlte es übrigens nicht. Die Senatoren z. B. verschmähten

es nicht, mit Freipässen, die mehrere Jahre gültig waren, kostenfrei zu

reisen.

Aus dem Bisherigen erhellt, daß schon zur Zeit der Republik über das

große Römische Reich ein weitverzweigtes Netz von Kommunikationsmitteln

gesponnen war. So trefflich aber auch für jene Zeit diese Einrichtungen

waren, es fehlte doch noch an einer einheitlichen Organisation, an

einer zusammenfassenden Leitung und Überwachung der vereinzelten

Institutionen. Hierzu kam es erst unter den +Kaisern+, und +erst von

da an kann man von einem gegliederten, staatlich geordneten Postwesen

reden+.

[Illustration: Fig. 17. Die Staatspost unter den römischen Kaisern.

(Nach dem „Poststammbuch“.)]

Das größte Verdienst in dieser Beziehung erwarb sich gleich der erste

römische Imperator, +Octavianus Augustus+, durch die Errichtung des

sogen. ~cursus publicus~.

Der ~cursus publicus~ war eine +Staatsverkehrsanstalt+, welche die

Beförderungen stationsweise, mit Wechsel der Transportmittel, zu

Fuß, zu Pferd oder zu Wagen sowohl für +Versendungen+, als auch für

+Reisen+ wahrzunehmen hatte. Diese Einrichtung war zunächst bestimmt

für die Reisen des Kaisers und seines Hofes, dann der Militärpersonen

und Staatsbeamten im Dienste, der Gesandten und der zur Benutzung

des ~cursus publicus~ im einzelnen Falle besonders ermächtigten

Personen[43]; ferner zur Beförderung der Depeschen, Akten, Dokumente

und der Staatsgelder, sowie zum Transport von Proviant, Armatur-

und Montierungsstücken, Bau-Utensilien, Kunstwerken u. s. w. Der

~cursus publicus~ beförderte demnach nicht bloß Korrespondenzen,

sondern auch +Gepäckstücke+ und +Frachten+ und vor allem +Personen+.

+Privat+personen und +Privat+angelegenheiten waren von Anfang an

ausgeschlossen; für Staats- und Regierungszwecke gegründet und

eingerichtet, sollte er auch ausschließlich nur +solchen+ Zwecken

dienen.

Jeder Kurs war in bestimmte Stationen geteilt. Solcher Stationen

gab es zweierlei: solche, bei welchen bloß der Wechsel der Gespanne

stattfand, und welche ~mutationes~ (vom lat. ~mutāre~, wechseln)

genannt wurden, und solche, bei welchen auch die Wagen und Postillone

gewechselt wurden, und die außerdem noch zur Beherbergung der Reisenden

eingerichtet waren, daher ihr Name ~mansiones~ (von ~manēre~, bleiben)

= Rastorte. Manche dieser ~mansiones~ waren sehr reichlich und schön

ausgestattet. Die ~mansiones~ waren in der Regel eine Tagreise, die

~mutationes~ 1-2 Meilen voneinander entfernt. Auf jeder Mutatio mußten

in der Regel 20 Zugtiere unterhalten werden, während die Mansionen

deren 40 und noch mehr hatten.

Die oberste Leitung des Postwesens lag seit Augustus in der Hand des

~Praefectus praetorio~ in Rom.

Dies ist das Wesentlichste über den ~cursus publicus~ der Römer.

Es zeigen sich daran zugleich die durchgreifenden Unterschiede von

dem spätern, zuerst in Deutschland im Zeitalter der Reformation

eingeführten Postwesen. So war der ~cursus publicus~ nicht für

jedermann benutzbar; Beförderung fand nur statt, wenn gerade Depeschen

oder Reisende vorhanden waren. Endlich war die Benutzung des ~cursus

publicus~ durch die Beteiligten ganz unentgeltlich. Die empfindlichen

Lasten, welche die Unterhaltung dieser Anstalt verursachte, mußte das

+Volk+ tragen, und dafür verblieb den Provinzialen zum Troste nichts

anderes, als was die Pferde in den Ställen zurückließen. Während heute

die Anlegung eines Postkurses von der Gegend, durch welche er führt,

als eine Wohlthat angesehen wird, erregte damals die Führung des

~cursus publicus~ durch ein bestimmtes Gebiet den größten Mißmut der

davon Betroffenen.

Außer Augustus schenkte besonders Kaiser +Hadrian+ dem römischen

Postwesen große Aufmerksamkeit; seinen Höhepunkt erreichte es unter

Kaiser +Theodosius+ († 395). Mit der Auflösung des Römischen Reichs

verfiel, wie alle anderen Institutionen, auch das Postwesen.

Eine kurze +Geschichte der Straßen und Fuhrwerke+, soweit selbe auf das

Altertum Bezug hat, möge diesen Abschnitt beschließen[44].

Der Weltverkehr Telegraphie und Post, Eisenbahnen und Schiffahrt, in ihrer Entwickelung dargestellt · 第 6 / 50 段