oder dem Unverstande der Menschen+ ihren Grund haben. Wiederholt ist
z. B. die Wahrnehmung gemacht worden, daß jugendliche Arbeiter oder
Schulknaben sich vorzugsweise die Isolatoren zum Ziel ihrer Steinwürfe
wählen und dieselben hierbei häufig zertrümmern. Oft auch werden die
Leitungen durch Auflegen von Gegenständen zum Nachteil des Betriebes
miteinander verbunden. Namentlich giebt das Spiel mit Papierdrachen
zu Störungen Veranlassung. Beschädigungen treten ferner ein beim
Fällen von Bäumen, bei Vornahme von Sprengungen, bei Ausführung von
Häuserbauten, infolge Umfahrens von Stangen durch Fuhrwerke u. dgl.
Auch darunter, daß ab und zu die Drähte zum Wäschetrocknen geeignet
befunden werden, hat der telegraphische Verkehr zu leiden. Vor nicht
langer Zeit hat sogar ein Schornsteinfeger die über die Dächer
geführten Stadt-Fernsprechleitungen behufs bequemerer Ausübung seines
Handwerks zusammengebunden und dadurch den Betrieb auf diesen Leitungen
für längere Zeit unmöglich gemacht. Die Wilden Australiens erhalten
zwar dadurch Respekt vor dem Telegraphen, daß man die eisernen Träger
der Leitung in gewissen Abständen mit einer Vorrichtung versieht,
vermöge deren jede Berührung mit einem kräftigen elektrischen Schlage
vergolten wird; solche +Torpedostangen+ vermögen aber nur die Träger
der Leitung zu schützen, sie sind indes machtlos gegen Beschädigungen
des Drahtes und der die Zerstörungswut besonders herausfordernden
Isolatoren. Die schwarzen Eingeborenen haben denn auch die Isolatoren
und den Draht zur Bewehrung ihrer Speere und für Angelhaken recht
geeignet befunden. Die Tscherkessen wieder wählen diese friedlichen
Geräte mit besonderer Vorliebe zum Zielpunkt für Schießübungen.
Sehr interessante Mitteilungen werden über die fast ganz im Bereich
der Tropen befindlichen +brasilianischen Staatstelegraphen+ gemacht.
Von den Schwierigkeiten, die sich der Erhaltung solcher Linien
entgegenstellen, hat man in Europa fast keine Vorstellung. In der
tropischen Dampfatmosphäre faulen die hölzernen Gestänge und rosten die
Drähte, oder es zerspalten infolge von sechs- bis achtmonatlicher Dürre
die Stangen. Die plötzliche Abkühlung der Luft bei Sonnenuntergang
verursacht wiederum häufiges Reißen der Leitungsdrähte und Zerspringen
der Porzellan-Isolatoren. Trotz aller Anstrengungen der Linienaufseher
überwuchert auch die tropische Vegetation die Leitungen. Ferner stellt
die Tierwelt gegen die Telegraphen ein ganzes Heer erklärter und
unversöhnlicher Feinde; Marder, die Sippe der Stinktiere, die Biscachas
und die Gürteltiere unterminieren die Pfosten, so daß diese umfallen,
wenn nicht rechtzeitig Hilfe geschafft wird; desgleichen sind die
zahlreichen Affenarten stets bereit, Verwirrung und Verschlingungen
an den Leitungsdrähten zu verursachen. Die Belästigungen der
Linien durch die Vögel sind wieder doppelter Art. Gewisse Vögel
bauen mit ganz besonderer Vorliebe ihre Wohnungen auf die Spitzen
der Telegraphenstangen und umhüllen dieselben in wunderbarer
Geschwindigkeit mit feuchter, dem Erdboden entnommener Thonerde, oder
mit Nestern, die aus Stöcken, Gras und Federn zusammengebaut sind.
Sehr oft werden hierbei nicht nur die Stangenspitzen, sondern auch die
Isolatoren und Drähte mit eingehüllt, wodurch letztere, wenigstens
bei feuchter Witterung, in gegenseitige Beziehung gebracht werden.
Außerdem wirken Vögel störend dadurch ein, daß ganze Schwärme gleich
nach Sonnenuntergang oder kurz vor Sonnenaufgang umherziehen. Sie
fliegen hierbei oft, da die Leitungsdrähte der Dämmerung wegen kaum
sichtbar sind, gegen dieselben an, geraten dabei zwischen die Drähte,
die dann verwickelt oder gar gebrochen werden, wobei allerdings auch
die Angreifer sehr oft zu Schaden kommen. Auch die in Brasilien in
so großen Massen auftretenden Insekten sind gefürchtete Feinde der
Telegraphenlinien. Die gefährlichsten Zerstörungen der brasilianischen
Leitungen werden jedoch durch die tropischen Gewitter verursacht.
Die +unterirdischen Telegraphenlinien+ sind im großen und ganzen
weniger Gefahren ausgesetzt als die oberirdischen Leitungen. Immerhin
bleiben auch sie von Anfechtungen nicht ganz befreit. Beispielsweise
sind Verletzungen von solchen vorgekommen durch Aufgraben des Erdbodens
in deren unmittelbarer Nähe. Durch die dabei angewendeten Hacken
u. s. w. wurden, trotz der vorhandenen eisernen Schutzdrähte, die
inneren isolierenden Guttapercha-Hüllen mehrfach verletzt oder gar die
Kupferlitzen zerstört. Auch durch den Gebrauch von Feuer zum Schmelzen
des Bleies behufs Dichtung von Gas- und Wasserleitungsröhren, die in
der Nähe von Kabeln lagen, gelangten Guttapercha und Kupferdrähte
so weit zur Erwärmung, daß die Drähte aus der isolierenden Hülle
heraustraten und miteinander oder mit den Schutzdrähten in Berührung
kamen. In einem Falle wurde eine unterirdische Linie unabsichtlich
durch Eintreiben eines mit einer Eisenspitze versehenen Pfahls
verletzt, welchen ein Seiltänzer behufs Befestigung des von ihm zu
seinen Schaustellungen nötigen Gerüstes benutzen wollte. In einem
andern Falle führte ein mit dem Ausroden von Baumwurzeln beauftragter
Arbeiter dadurch eine vollständige Unterbrechung einer unterirdischen
Linie herbei, daß er das in der Erde liegende Kabel für eine Wurzel
hielt und durchhieb. Glücklicherweise gehören derartige Beschädigungen
unterirdischer Leitungen zu den Seltenheiten, und es darf daraus der
Beweis entnommen werden, daß die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen
sich als wirksamer Schutz gegen die Mehrzahl aller absichtlichen und
unabsichtlichen Angriffe bewähren.
Nicht ganz so ausreichender Schutz hat den durch +Flüsse und Seen+
geführten Kabeln verliehen werden können. Letztere werden hin und
wieder durch schleppende Schiffsanker aus ihrer Lage gehoben und
zerrissen. In Flüssen mit starkem Gefälle leiden die Kabel wohl
auch durch die fortwährend auf die äußere Schutzhülle zerstörend
einwirkenden Flußgeschiebe oder durch das immerwährende Scheuern
auf steinigem Untergrunde. In Fällen der letztern Art werden die
Schutzdrähte vollständig durchgeschliffen und die Kabelseele der
Zerstörung preisgegeben.
Was die +submarinen Kabelleitungen+ betrifft, so werden jene der
nördlichen Breiten häufig von +Eisbergen+ oder +Eisstücken+ beschädigt.
Solche treiben oft mehrere hundert Fuß tief im Wasser, kommen an
seichteren Stellen mit dem Kabel in Berührung und zerstören es auf
diese Weise. Eine andere Ursache des Bruches bilden die am Meeresboden
befindlichen scharfen +Felsen+, gegen deren Kanten das Kabel reibt,
bis die äußere Umhüllung und Lage auf Lage des Schutzmaterials
durchgescheuert sind. Erdkontakt der inneren leitenden Drähte ist die
Folge davon, und das Kabel vermag telegraphische Zeichen nicht länger
zu übermitteln. -- Andere natürliche Ursachen der Zerstörung sind
+Erdbeben+, +unterseeische Strömungen+ und die +höhere Temperatur des
Wassers in den Tropengegenden+.
[Illustration: Fig. 12.
~Teredo norvegica.~ (Nach ~Ternant~, ~Les Télégraphes~.)]
[Illustration: Fig. 13. ~Limnoria lignorum.~ (Nach ~Ternant~, ~Les
Télégraphes~.)]
In zahlreichen Fällen sind die Kabel durch +Fische+ zerstört worden.
Bemerkenswerte Beispiele bieten das Kabel zwischen Brasilien und
Portugal, sowie die Küstenkabel, welche am östlichen Rande Südamerikas
entlang geführt sind. Auf diesen Linien wird das Kabel fast chronisch
vom Sägefisch angegriffen. Knochenstücke von der Säge dieses Tieres
sind wiederholt so tief eingebettet im Kabel gefunden worden,
daß dadurch selbst die Leitungsdrähte verletzt waren. Ein noch
sonderbarerer Vorfall ereignete sich mit dem Kabel im persischen Golf,
welches plötzlich leitungsunfähig wurde. Bei näherer Prüfung ergab
sich, daß ein großer Walfisch in die Linie sich verwickelt hatte. Das
Tier war mit Parasiten bedeckt und hatte wahrscheinlich versucht, am
Kabel den lästigen Anhang abzureiben. Ein Schlag seines mächtigen
Schwanzes zerbrach jedenfalls die Linie, und dann verwickelte es
sich beim Umherrollen derartig in das Kabel, daß es durch Erwürgung
einen Selbstmord beging. -- Zu den schlimmsten Feinden unterseeischer
Kabel zählen noch einige Tiere niederer Ordnung. So durchdringen die
~Teredo navalis~ und ihre Stammverwandte, die ~Xylophaga~, welche
Huxley zuerst im Jahre 1860 an einem Kabel der Levante entdeckte, die
Hanfumhüllung und die Guttapercha, wo die Zwischenräume zwischen den
äußern Umhüllungsdrähten ihnen nur irgend einen Zutritt gestatten.
Auch die ~Teredo norvegica~, ein ziemlich langer Wurm, hat an ihrem
vordern Teile zwei Schalen, womit sie das härteste Holz zerschneiden
kann. Ebenso bahnt sich die ~Limnoria lignorum~, eine kleine Krustacee,
ungefähr von der Gestalt einer Ameise, einen Weg bis ins Innere der
Kabel. Im Persischen Golf, im Indischen Ocean und auch an der irischen
Küste sind die Kabel durch die Verwüstungen dieses Tierchens ernstlich
beschädigt worden. -- Im Mittelmeer hat auch der +Blitz+ schon
Kabelleitungen zerstört.
Sehr verderblich wird den Kabelleitungen zuweilen auch das +Ankern der
Schiffe+, sowie die +Seefischerei+. So wurden in der verhängnisvollen
Nacht des 2. Januar 1856 durch ein Segelschiff, das Anker geworfen
hatte, die Kabel von Dover nach Ostende und von Dover nach Calais,
damals die beiden einzigen Leitungen zwischen England und dem
Kontinent, zerstört, und an den Küsten Algiers wieder sind nicht selten
Korallenfischer durch ihre Geräte Urheber von Kabelbrüchen.
Endlich fehlt es sogar nicht an +absichtlichen Angriffen+ des
Schiffsvolks auf die Kabel, indem letztere, von dem Schiffsgerät
erfaßt und an die Oberfläche gebracht, nicht sorgfältig und vorsichtig
losgemacht und wieder versenkt, sondern einfach, um das Gerät schnell
wieder klar zu machen, durchhauen werden.
Eine häufig auftretende Folge von Leitungsstörungen sind -- und
deshalb sei ihrer an dieser Stelle gedacht -- +Verstümmlungen+ oder
+Entstellungen von Telegrammen+[25]. So telegraphierte eine Londoner
Firma ihrem Agenten: „Sendet Schienen zehn (engl. ~ten~) Fußlängen.“
Die Buchstaben t und ~e~ werden nun im Morse-Alphabet durch einen
Strich, beziehungsweise einen Punkt dargestellt; bei der Übermittlung
des Telegramms erzeugte jedoch der empfangende Apparat statt des
Striches einen Punkt; dadurch wurde aber aus dem Worte „~ten~“ „in“,
und die Depesche lautete jetzt also: „Sendet Schienen in Fußlängen.“
In ähnlicher Weise wurde ein Telegramm verstümmelt, in welchem der
Aufgeber bat, ihn am Bahnhofe mit einem Mietwagen (englisch ~hack~) zu
erwarten. Der Buchstabe ~h~ wird nun durch vier Punkte dargestellt;
statt dieser gab aber der Apparat nur drei (~s~), und das Wort ~hack~
wurde in ~sack~ (Sack) umgewandelt. Die Folge war, daß der Aufgeber des
Telegramms bei seiner Ankunft nicht den verlangten Wagen, sondern einen
Sack vorfand. Besonders oft verwechselt der Telegraph die Buchstaben
~x~ und ~y~. Immer wieder haben daher vielgeplagte Eisenbahnbeamte
nach einem verlorenen „~black boy~“ (Negerjunge) suchen müssen, weil
der Telegraph in seiner Schwäche aus ~x~ ein ~y~ machte und statt
„~black box~“ (schwarzer Koffer) die Worte ~black boy~ wiedergab.
Mitunter begegnet es dem Telegraphen, den Botschaften, welche
über seine Drähte eilen, vom Original ganz abweichende Worte zu
unterschieben. So war Herr So-und-So, welcher telegraphisch Eis
bestellte, wütend über die Neckerei des Telegraphen, der „Eis“ in
„Thee“ veränderte, so daß von diesem sogleich eine große Kiste an
ihn abging. In derselben Weise wurde ein Telegramm mitleidslos
entstellt, worin ein Reisender um Nachsendung seiner in einem Coupé
zurückgelassenen Perücke (~wig~) bat. Als das Telegramm seinen
Bestimmungsort erreichte, war aus „~wig~“ „~wife~“ (Weib) geworden.
Sofort wurden die eingehendsten Nachforschungen nach der vermißten
Dame angestellt, doch ohne Erfolg, bis der Irrtum aufgeklärt und
der verlorene Gegenstand seinem Eigentümer wieder zugestellt wurde.
Gelegentlich der von dem Papstgegner Murphy in Bury (Lancashire)
gehaltenen Vorträge erlitt derselbe durch den Pöbel Mißhandlungen;
hierbei wurden einem Telegramm zufolge sieben der Excedenten
„~boiled~“ (gekocht) statt „~bailed~“ (verhaftet) und gegen Bürgschaft
freigelassen.
Viele der Entstellungen entstehen freilich auch ohne Schuld des
Apparates. Zuweilen sind solche durch nachlässiges Arbeiten der
Beamten veranlaßt. So wurde ein berühmter Arzt auf eine nutzlose
Reise geschickt durch ein Telegramm folgenden Inhalts: „Kommen Sie
nicht zu spät.“ Das Ursprungstelegramm hatte gelautet: „Kommen Sie
nicht, zu spät.“ Bei der Beförderung der Depesche wurde aber das Komma
fortgelassen, und so erwuchs dem Empfänger die Unannehmlichkeit einer
nutzlosen Reise. Andere Irrtümer entstehen dadurch, daß die Aufgeber
sich eine zu kurze Abfassung des Telegramms gestatten. Diese ist,
nebenbei bemerkt, auch Ursache, daß zuweilen im Privatverkehr ganz
sonderbare Telegramme vorkommen, wie: „Onkel soeben gestorben, komme
mit dem Kurierzug“; oder: „Geld erhalten, danke bestens, nächstens
mehr“. Ein anderer, nicht weniger häufiger Fehler der Aufgeber ist
schlechte Schrift. Einige gelungene Beispiele von hierdurch veranlaßten
Entstellungen mögen diesen Abschnitt beschließen. Ein Kellermeister
erhielt einst zu seiner großen Verwunderung von seinem Herrn den
telegraphischen Auftrag, ihm sofort „~ten bobs~“ (zehn Faustschläge) zu
senden, da er derselben dringend bedürfe. Die „~ten bobs~“ waren aber
ursprünglich „~tin boxes~“ (zinnerne Büchsen). So telegraphierte auch
gelegentlich der Versammlungen, welche vor einigen Jahren in Braemar
periodisch stattfanden, ein Graf nach Edinburg, man möge ihm einen
„~cocked hat~“ (Dreimaster-Hut) senden. „~Cocked hat~“ wurde indes zu
„~coocked ham~“ (gekochter Schinken) gemacht, den man auch sogleich
absandte, zu maßloser Überraschung und Entrüstung des hohen Herrn. Ein
anderes Telegramm erhielt man mit folgendem Inhalt: „Bitte, schicken
Sie mir Ihr Schwein (~pig~) an den Bahnhof entgegen“; es sollte heißen
„~gig~“ (ein Wagen). In einem Falle hatte ein Telegraphenbeamter zu
Philadelphia Quartier für eine Anzahl „~prisoners~“ (Gefangene),
anstatt für ebensoviel ~persons~ (Personen) bestellt; ein anderer hatte
in einer Depesche, in welcher eine auf Reisen befindliche Tochter,
die von ihrer Mutter lange Zeit keine Nachricht erhalten hatte, ihre
Besorgnis hierüber mit den Worten ausdrücken wollte: „ich bin ängstlich
(~worried~)“, statt des Wortes „~worried~“ das Wort „~married~“
(verheiratet) substituiert. Diese der Mutter ganz unvorbereitet
gekommene Mitteilung veranlaßte dieselbe, da sie sich durch eine so
übereilige und selbständige Handlungsweise ihrer Tochter aufs tiefste
verletzt fühlte, eine ganze Flut von eben nicht schmeichelhaften
Herzensergießungen auf das Haupt der Unschuldigen auszuschütten. Ein
anderer Schnitzer, der ernstlicherer Natur war und in Cleveland (Ohio),
wohin die Depesche aufgegeben war, bedeutende Aufregung hervorrief,
bestand darin, daß der Telegraphenbeamte in dem Telegramm sagte:
Präsident Hayes „starb“ (~died~), während er sagen wollte: Präsident
Hayes „dinierte“ (~dined~).
Fünftes Kapitel.
Der Telegraph als Verkehrsmittel[26].
Durch das erfolgreiche Zusammenwirken von Forschern und Erfindern
war der Telegraph zwar zu einem äußerst praktischen Verkehrsmittel
gestaltet worden; an einer allgemeinen Verwertung desselben im Dienste
des öffentlichen Lebens fehlte indes noch viel.
Ein Haupthindernis bildeten schon die +hohen Gebühren+, welche für
die Beförderung von Telegrammen festgesetzt waren. So enthält das
erste preußische „Regulativ über die Benutzung der elektromagnetischen
Staatstelegraphen seitens des Publikums“ vom 6. August 1849 einen
„vorläufigen Tarif“, in welchem für jede Meile der Entfernung zwischen
Aufgabe- und Bestimmungsort etwa 1½ Silbergroschen pro Wort berechnet
sind. Nach diesem Tarif kostete ein einfaches Telegramm (20 Wörter) von
Berlin nach Aachen (94 Meilen Linie) 5 Thlr. 6 Sgr., von Berlin nach
Köln (84¾ Meilen) 4 Thlr. 20 Sgr. Für je 10 weitere Wörter wurde ein
Viertel des ursprünglichen Betrags erhoben; zur Nachtzeit aufgegebene
Telegramme kosteten das Doppelte. Ein in Berlin nach 9 Uhr abends für
Aachen ausgeliefertes Telegramm von 50 Wörtern, das heute für 2,70 M.
(27 Sgr.) befördert wird, kostete nach dem Tarif von 1849 18 Thlr. 6
Sgr. an Gebühren und 5 Sgr. an Bestellgeld, also 18 Thlr. 11 Sgr. oder
55,10 M.!
Auch in anderen Ländern stand es in dieser Beziehung anfangs nicht
besser. In Frankreich z. B. war durch Gesetz vom 29. November 1850
ein Tarif aufgestellt worden, nach welchem für ein Telegramm von 20
Wörtern 3 Franken und außerdem 12 Centimen für je 10 km Entfernung
erhoben wurden. Hiernach kam ein einfaches Telegramm von Calais nach
Marseille etwa auf 17 Franken zu stehen.
Aber selbst abgesehen von den hohen Gebühren, die ja doch bald eine
Ermäßigung erfuhren, so standen der allgemeinern Verwendung des
Telegraphen gleichwohl noch eine Reihe anderer Hindernisse entgegen,
teils +politischer+, teils +betriebstechnischer+ Art. Dieselben
sollten indes nicht zu lange bestehen. „Die Telegraphie,“ sagt
Fischer so schön, „ist ihrem Wesen nach ein internationales Institut.
Vorzugsweise bestimmt, in weite Fernen zu wirken, und mit einer Kraft
ausgerüstet, vor deren Schnelligkeit die Raumunterschiede des Erdballs
zu verschwinden scheinen, kann der Telegraph nicht Halt machen vor den
Hemmnissen, welche die politischen Abgrenzungen der Staaten dem Verkehr
bereiten.“ Das Bestreben der Telegraphenverwaltungen zielte daher schon
frühzeitig auf die Ausbildung +internationaler+ Einrichtungen, und
diese Bemühungen waren denn auch, wie die folgenden Zeilen des nähern
darthun werden, von dem glänzendsten Erfolge gekrönt.
Zunächst errichteten Preußen, Österreich, Bayern und Sachsen 1850 den
+deutsch-österreichischen Telegraphenverein+, dem in den nächsten
Jahren das übrige Deutschland und die Niederlande beitraten. In
ähnlicher Weise schlossen sich die westlichen und südlichen Staaten
Europas an Frankreich an. Beide Gruppen traten sodann durch einen 1852
von Preußen mit Frankreich und Belgien abgeschlossenen Vertrag in
engere Beziehungen.
Der erste +internationale+ Kongreß wurde 1865 in +Paris+ abgehalten und
war von 20 Staaten Europas beschickt. Er stellte namentlich gemeinsame
Grundsätze für die Taxierung (+Zwanzig-Wort-Tarif+) und Abrechnung auf
und brachte mehrere Erleichterungen in der Benutzung des Telegraphen.
Als einheitlicher Apparat für den internationalen Dienst wurde der
Morse-Apparat angenommen.
Ein weit umfassenderer Vertrag ward durch die im Juni und Juli 1868 in
+Wien+ tagende +internationale Telegraphenkonferenz+ bearbeitet. Ein
wichtiges Ergebnis dieser Konferenz war z. B. die innige Verbindung
sämtlicher europäischen und asiatischen Telegraphenverwaltungen.
Die bedeutsamsten Neuerungen aber waren die Zulassung des
Hughes-Apparates für die Korrespondenz zwischen den Hauptplätzen der
Vereinsstaaten, sowie die +Einrichtung des internationalen Bureaus der
Telegraphenverwaltungen in Bern+. Letzteres besorgt unter anderem auch
die Herausgabe des ausgezeichnet redigierten „~Journal télégraphique~“.
Auch die nächsten Konferenzen (zu Rom 1871, St. Petersburg 1875, London
1879) haben die internationale Telegraphie einer immer vollkommenern
Organisation zugeführt. Keine befriedigende Lösung fand indes auf all
diesen Konferenzen die +Tariffrage+. Zwar hatte schon auf der Konferenz
zu St. Petersburg der deutsche Generalpostmeister ~Dr.~ von Stephan
auf die Unhaltbarkeit des damaligen Tarifwesens hingewiesen. Nachdem
aber die Petersburger Konferenz in dieser Beziehung erfolglos verlaufen
war, ging die deutsche Telegraphenverwaltung zunächst innerhalb ihres
eigenen Gebietes mit einer grundlegenden Umgestaltung des Tarifwesens
vor.
Mit dem 1. März 1876 trat im Deutschen Reiche an Stelle des
Gebührensatzes für die Depesche von 20 Worten ein Tarifsystem in Kraft,
nach welchem die Taxe für das Telegramm aus zwei Teilen zusammengesetzt
ist: einer festen, von der Länge des Telegramms unabhängigen Gebühr
-- der Grundtaxe (20 Pf.) -- und der für die einzelnen Wörter zu
entrichtenden Worttaxe von 5 Pf.
Dieses Worttarifsystem hat sich sehr bald sowohl für das Publikum, wie
für die Verwaltung als durchaus vorteilhaft bewährt; für ersteres,
indem es demselben gestattet, die Depesche so kurz zu fassen, als es
seinem Korrespondenzbedürfnis entspricht, für letztere, indem der
Telegraph von dem Ballaste überflüssiger Zeichen befreit und eben
dadurch in den Stand gesetzt wird, in derselben Zeit einer größern Zahl
von Menschen dienstbar zu sein. In der That betrug denn auch 1875 die
Länge eines Telegramms im innern Verkehr durchschnittlich 18,32 Wörter,
+nach+ Einführung des Worttarifs aber 1876 14,24, 1880 12,14 und 1881
gar nur noch 11,90 Wörter.
Der deutsche Worttarif fand aber auch bei den Nachbarstaaten sehr bald
Anklang; so brachten die Schweiz, Frankreich und Österreich-Ungarn
schon in den nächsten Jahren denselben im innern Verkehr zur Anwendung.
Auf diese Erfolge gestützt, hat die deutsche Telegraphenverwaltung
der fünften Telegraphenkonferenz in London 1879 Vorschläge zur
einheitlichen Regelung des Tarifwesens innerhalb der europäischen
Staaten unterbreitet. Die Hauptanträge lauteten:
1. Der Tarif für das +internationale europäische+ Telegramm setzt sich
zusammen: ~a.~ aus einer festen Gebühr von 50 Centimen, ~b.~ aus einer
Gebühr für jedes Wort von 20 Centimen.
2. Jede Verwaltung bezieht ungeteilt die Gesamtgebühren für die aus
ihrem Gebiete herrührenden Telegramme und bestreitet daraus die
etwaigen Land- und See-Transit-Gebühren.
Diese Vorschläge bedeuteten eine durchgreifende Reform des ganzen
Telegraphenwesens. Nicht nur wurde hierdurch an Stelle vielfältiger
und abweichender Tarifsysteme eine einheitliche Grundlage für die
Tarifbildung und gleichzeitig eine wesentliche Herabsetzung der Gebühr
für die internationale Korrespondenz erstrebt, sondern auch das
bisherige weitläufige und verwickelte Abrechnungswesen zwischen den
bei der Beförderung beteiligten Staaten mußte durch die Einführung des
auch im Weltpostverein glänzend durchgeführten Ausgleichungsgrundsatzes
teils ganz beseitigt, teils außerordentlich vereinfacht werden. Es kam
indes auf der Londoner Konferenz nur zu einer Würdigung der gemachten
Vorschläge, nicht aber zu deren Annahme; dagegen wurde die allgemeine
Durchführung des Worttarifs einstimmig angenommen.
Auf der +sechsten internationalen Telegraphenkonferenz zu Berlin+ im
Jahre 1885 wiederholte die deutsche Reichs-Telegraphenverwaltung ihre
Anträge. Die Vorbedingungen zu einem Erfolge waren aber auch diesmal
nicht gerade vielversprechende, namentlich wenn man erwägt, daß es
zur Einführung der in Aussicht genommenen Umformung der Grundlagen
des Tarifierungssystems der +Einstimmigkeit+ aller vertretenen
Verwaltungen bedurfte. Gleichwohl gelangte die Telegraphenkonferenz
in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem nach mehrfacher Richtung
hin günstigen Ergebnisse. Zwar wurde nicht die deutscherseits
ursprünglich ins Auge gefaßte Gleichmäßigkeit der Gesamtgebühr für
die internationale telegraphische Korrespondenz innerhalb Europas
(bei gleicher Wortzahl der Telegramme natürlich), wohl aber die
Gleichmäßigkeit der seitens der einzelnen Verwaltungen für die
europäische Korrespondenz zur Erhebung kommenden Wortgebühr erreicht.
Ferner kam der reine Worttarif zur Geltung, indem sowohl die Grundtaxe,
als auch jene mit der Grundtaxe gleichbedeutende Zuschlagsgebühr von
fünf Worten zur wirklichen Wortzahl der Telegramme abgeschafft wurde.
Für den +außereuropäischen+ Verkehr gelang es, dank dem opferwilligen
Vorgehen einzelner Verwaltungen und dem Entgegenkommen verschiedener
Kabelgesellschaften, für eine Anzahl außereuropäischer Beziehungen,
beispielsweise für die Korrespondenz mit Indien, Japan und Brasilien,
erhebliche Gebührenermäßigungen zu erzielen; für andere, nicht minder
wichtige Verbindungen stehen Herabsetzungen der Taxen in bestimmter
Aussicht.
Als Zeitpunkt für das Inkrafttreten der Beschlüsse der
Telegraphenkonferenz wurde der 1. Juli 1886 festgestellt, als Ort des
Zusammentritts der nächsten für das Jahr 1890 in Aussicht genommenen
internationalen Telegraphenkonferenz die Stadt Paris gewählt.