Geselligem Verkehr entsagend, war Erwin auch für seine nächsten
Freunde nicht mehr zugänglich. Er brach eine Arbeit von leichter
Haltung ab, um sich der schwierigen und profunden Untersuchung
eines mathematisch-philosophischen Themas zu widmen: »Der Begriff
der Konstante und die moralische Idee«. Er konnte, er mußte bis
zur äußersten Anspannung tätig sein, um nicht dem Gefühl einer
Leere zu verfallen, das ihn rasend machte wie Zahnweh, ihn vor sich
herabwürdigte und unerbittlich zu den Menschen trieb.
Menschen! Was waren ihm die Menschen! Er benutzte sie, er probierte
sie, er genoß sie, er verwarf sie. Alle, alle, alle. Er hatte die
Wirkung gespürt, durch welche die genialsten Geister der Zeiten die
Menschheit in Atem hielten. Er hielt sich selbst in Atem, um Genialität
in sich zu spüren. Er lebte mit Keinem. Er lebte für niemand. Er
wandelte lächelnd auf einem Kirchhof. Er zerstörte, indem er lächelte.
Bei Tag verließ er nicht das Haus. In den Nächten fuhr er zur
Stadt und fand wunderliches Gefallen daran, verrufene Orte zu
besuchen, Tanzlokale letzten Ranges und Verbrecherkneipen. Es waren
Abhärtungskuren für die Nerven. Er nahm keinen Teil am Laster. Er war
nicht lasterhaft. Laster und Verbrechen fesselten ihn als Elemente der
sozialen Ordnung. Die Flut, in der er schwamm, hatte seinen Organismus
gestählt gegen den Wechsel von kalten und warmen Strömungen, und
sein Geist war wie der Gaumen der Tropenansiedler an die schärfsten
Reizmittel gewöhnt und ihrer bedürftig. Und so war es Würze, wenn er,
von den Schwaden des ekelsten Pfuhles umronnen, die Gestalt Virginias
emportauchen ließ; wenn das Bild vor ihm floh, stürmte er ihm nach
durch die Nacht der Gassen mit rachsüchtiger Brust.
Frau Geßner teilte ihm fast klagend mit, daß Virginia noch den ganzen
September auf dem Lande verbringen wolle. Er fand dieses Schreiben
gleichzeitig mit einem Brief Manfreds unter der eingelaufenen Post, als
er eines Morgens nach Hause kam. Er las den Brief des Freundes, und
seine Mienen hellten sich auf. Er lächelte und las aber- und abermals.
Dann steckte er es in die Brieftasche und ging auf und ab. Sein Gesicht
nahm einen inbrünstigen und frenetischen Ausdruck an, er preßte beide
Fäuste an beide Wangen und murmelte mit geschlossenen Augen: »Nun hilf
mir, Feïnaora, du Geschöpf der Inseln und des Meeres!«
Sonderbare Worte, deren Glut so unnatürlich wie geheimnisvoll erschien.
Noch einmal löste sich die Spannung, er fiel wie vernichtet in einen
Lehnsessel, schlief wie tot drei Stunden lang, und als er erwachte,
sah er zu seinem Erstaunen den Brief, den ihm Frau Geßner geschickt,
aufschlagen auf dem Tische liegen und gewahrte auf der Seite, die er
leer geglaubt, vier Worte von Virginias Hand: »Ihre Schutzbefohlene
grüßt Sie.«
Das waren die ersten und einzigen Worte von ihr seit mehr als sechzig
Tagen, dieser warnende, erinnernde und fast drohende Gruß. Erwin
schüttelte bedächtig den Kopf. Er rief Wichtel und befahl ihm, sofort
nach Edlitz zu fahren und für ihn Quartier zu machen. Er selbst fuhr am
Nachmittag mit dem Automobil.
Die Wohnung, mit der er in Edlitz vorlieb nehmen mußte, erregte
trotz schlimmer Erwartungen sein Entsetzen. Drei niedrige Zimmer,
mit verruchten Ölbildern behangene Wände, wacklige Stühle und ein
liliputanisches Bett. Wichtel hatte schon Erkundigungen eingezogen;
er beschrieb seinem Herrn, wo das Häuschen lag, in dem Virginia mit
ihrer Mutter wohnte. Es war zehn Uhr abends, als sich Erwin auf den Weg
begab. Alle Fenster der kleinen, hölzernen Villa waren dunkel. Nebenan
war ein Bauernhaus, zwischen den beiden Häusern war Wiese, etliches
Buschwerk und unter einem Weidenbaum mit tiefherabhängenden Zweigen war
eine Bank. Erwin setzte sich dorthin. Die Nacht war sternenhell. Oben,
inmitten des dichtrankenden Epheus, war ein Fenster offen. Es mochte
wohl Virginias Fenster sein. Da schlief sie also.
Sie schlief und sie träumte. Träume kommen sonst nicht im ersten
Schlaf, Virginia hatte aber jetzt eine sehr träumereiche Zeit. Sie
träumte, daß sie sich in einer fremden Stadt befand. Die Straßen sind
leer, es ist sehr kalt. Sie steht vor einem hohen Turm und schaut
hinauf. Unter dem Dach des Turmes ist ein winzig kleines Fenster. Sie
weiß, daß Manfred da oben wohnt und daß sie unbedingt zu ihm muß. Es
ist von Wichtigkeit, sie darf keine Sekunde verlieren. Sie gewahrt
sein Gesicht an der Fensterluke; es ist so klein wie eine Nuß, dennoch
unterscheidet sie die Züge mit unheimlicher Genauigkeit. Frohlockend
eilt sie in den Turm. Eine enge, finstere Treppe mit zahllosen steilen
Stufen muß erstiegen werden. Es ist schwer, sie wird müde, sie denkt:
warum kommt er mir nicht entgegen, um mir zu helfen. Da sagt ihr
jemand, den sie nicht sieht, daß er oben angekettet ist. Sie verdoppelt
ihre Eile, noch immer sind viele Stufen, es windet sich um die Mauer,
will’s denn kein Ende nehmen? Gott sei Dank, sie ist am Ziel. Aber was
ist das? Der Raum ist leer, kein Manfred zu sehen. Erschöpft lehnt sie
sich aus Fenster, das nun nicht mehr winzig ist, sondern riesengroß.
Sie starrt hinunter und hinunter und siehe da, Manfred geht unten auf
einem schmalen Weg und schaut herauf, verwundert, fremd, gleichgültig,
mit einem Gesicht, das klein wie eine Nuß ist, aber deutlich wie eine
Flamme. Das Gefühl der Vergeblichkeit all ihrer Anstrengungen, des
unabänderlichen Getrenntseins und der Gefahr, die zu wachsen scheint,
sie weiß nicht warum, entpreßt ihr einen lauten Angstschrei, und sie
erwacht.
Die Mutter rief von nebenan. Erst nach einer langen Pause antwortete
Virginia beschwichtigend und erhob sich dann, um, wie sie zu tun
gewohnt war, ans offene Fenster zu gehen. Ihre Blicke schweiften nach
oben und blieben an den Sternen haften.
Erwin hatte den Schrei gehört; nun sah er sie aus der Finsternis in
das bläuliche Licht hervortreten, das auch ihr Nachtgewand bläulich
schimmern machte. Wenig fehlte und er hätte den schützenden Schatten
verlassen, um ihren Namen zu nennen. Aber zum erstenmal ergriff ihn
Verzagtheit.
Diese Brust oben, sie atmete, im selben Rhythmus vielleicht wie die
seine; er fühlte die Nachtkühle über die leichtbedeckten Schultern
huschen und wie die Glieder fröstelten.
Spät ging er zu Bett. Da er schlecht schlief, schlief er lange. Er
schickte Wichtel mit dem Auftrag in die Stadt zurück, ihm sein Feldbett
zu holen. Als er vormittags gegen elf Uhr wieder vor dem Häuschen
stand, das etwa tausend Schritte vom Dorf entfernt war, sah er Virginia
auf der gleichen Bank sitzen, auf der er sie gestern belauscht. Ihr
helles Sommerkleid leuchtete durch die undichten Zweige. Sie hatte ein
Buch auf dem Schoß und blickte müßig vor sich hin. Sie vernahm seinen
Tritt und schreckte auf. Sie schauten einander gerade in die Augen.
»Erwin«, sagte Virginia.
Er nahm ihre beiden Hände, die sie ihm ohne Widerstand übergab. Ihre
Freude war so mit Furcht gemischt, daß sie sich des Eingeständnisses
von Schwäche, das in der hinstrebenden Bewegung enthalten war, erst
nach dem Gruß und Gegengruß bewußt wurde. Da gewann sie sich wieder;
mit trockenen Worten und Fragen verwischte sie die unwillkommenen
Zeichen, die zu viele einsame Stunden verrieten.
Frau Geßner atmete hoch auf, als sie ihn endlich angelangt sah. Sie war
redselig, neugierig, zapplig und etwas konfus. Da das Wetter schön war,
beschlossen Erwin und Virginia spazieren zu gehen. Virginia holte Hut
und Schal. Als Frau Geßner mit Erwin allein war, schwieg sie eine Weile
verlegen. »Was war denn eigentlich los?« fragte sie auf einmal hastig.
»Haben Sie sich mit ihr zerzankt? Es war kein vernünftiges Wort aus
ihr herauszubringen.« Ehe Erwin antworten konnte, kam Virginia zurück,
lächelte die Mutter flüchtig an und rief: »Gehen wir!«
Frau Geßners Blick verfolgte die beiden schlanken und beinahe gleich
großen Gestalten lange. Wie gut ihm der graue Dreß steht, dachte
sie, wie leicht und kerzengerade er schreitet; und sie, das weiße
Musselinkleid, die weißen Schuhe, der weiße Hut; »ein herrliches Paar«,
murmelte sie und seufzte.
Virginia und Erwin wanderten gegen die Hügel der sogenannten buckligen
Welt. Virginia dachte: er ist anders als in der Stadt. Erwin dachte:
sie ist dieselbe auch in der Natur. Die Natur erhielt ihre Belebung
erst durch sie. Virginia verschwieg ihre Betrachtung; Erwin äußerte die
seine. Das war der Unterschied. Er erzählte von seiner Reise, aber er
schien nicht bei der Sache. Virginia merkte es und teilte seine Unruhe.
Auf einem Hang ließen sie sich unter Tannen nieder. Virginia lag gern
in der Sonne, nur den Kopf barg sie im Schatten. Aber die Strahlen
fielen dennoch auf ihr Gesicht, und sie bedeckte die Augen mit dem
Hut. Im Innern des Geflechts entstanden regenbogenfarbige Perlen, in
denen sich ihre Wimpern spiegelten. Sie wandte den Kopf und roch die
säuerliche Feuchtigkeit der Erde.
»Wann haben Sie zuletzt von Manfred gehört?« fragte sie. – »Vor ein
paar Tagen«, erwiderte Erwin. – »So? ich bin schon seit vierzehn Tagen
ohne Nachricht. Was schreibt er?« – »Vielerlei.« – »Darf man’s nicht
wissen? Sind es Geheimnisse?« Sie schaute Erwin forschend an, denn
seine Miene erweckte ihre Aufmerksamkeit.
»Geheimnisse? Nein. Ich vermute nicht, daß Manfred Geheimnisse vor
Ihnen hat. Ich werde Ihnen den Brief vorlesen. Hat er Ihnen von
Feïnaora geschrieben?«
»Was ist das für ein Wort? Was bedeutet es?«
»So wird es zweifellos noch geschehen. Hören Sie zu.« Erwin setzte sich
aufrecht, nahm den Brief aus der Tasche, entfaltete ihn und las.
»Mein lieber Erwin! Ich habe seit Batavia keine Nachricht mehr von
dir. Bis in den indischen Archipel waren deine Mitteilungen von
dankenswerter Häufigkeit, wenn auch nicht so regelmäßig, wie ich
gewünscht hätte. Jedes Postschiff ist da ein Ereignis, und geht man
bei der Briefverteilung leer aus, so gleicht man einem Kind, das zu
Weihnachten keine Geschenke bekommt.
»Wir sind von Java über Sumatra, Celebes, Ambon, Neuguinea nach
Sydney und von da über die Cooks-Inseln hierher nach den Marquefas.
Von nun ab verlegen wir unsere Tätigkeit mehr nach Süden, und in den
Sommermonaten, also von Dezember bis März etwa, werden wir fern von der
übrigen Menschheit an den Grenzen der Antarktis weilen, eine Aussicht,
die nichts Verlockendes hat. Dann steuert der ›Phönix‹ heimwärts. Bis
Ende September treffen mich Briefe in Auckland auf Neuseeland, die
weiteren Stationen werde ich rechtzeitig melden.
»Wir haben viel und anstrengend gearbeitet. Ein Tagewerk, das in
unseren Breiten noch erfrischend wirkt, ist in den Tropen schon ein
Übermaß. Einige Mitglieder der Expedition sind vom Fieber nicht
verschont geblieben, und einen jungen Mann aus Magdeburg mußten wir
im Hospital in Sydney sterbend zurücklassen. Zwischen Malabar und
der Torresstraße ist der Körper stündlich in Gefahr, einer tödlichen
Erschlaffung zu unterliegen, und die Feste, die das Auge feiert,
müssen mit einem beständigen Kampf gegen den unsichtbaren Feind
bezahlt werden. Eine gewisse Enthaltsamkeit, die mir angeboren ist,
schützte mich mehr als meine Kameraden, die oft wie Gespenster auf Deck
herumwankten. Ich lebte meist von Früchten und Reis. Es wächst dort
eine Frucht, die Durianfrucht, wenn du die issest, lachst du vor Wonne.
Ein buttriger, nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste Idee
davon, dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahm, Zwiebelsauce, braunen
Sherry und anderes Unvergleichliche erinnern. Sie ist weder sauer noch
süß, sondern von einer würzigen Weichheit wie sonst nichts auf Erden,
und je mehr du verzehrst, je weniger kannst du aufhören. Aber diese
selbe Frucht, leider! verbreitet einen entsetzlichen Gestank, und
bevor man sie öffnet, scheint es einem unmöglich, sie an die Lippen zu
bringen. Das ist der Fluch irdischer Unvollkommenheit.
»Soll ich schildern? schwärmen? vom Danainen-Schmetterling erzählen,
von Tauben mit Korallenfüßen, von Schlangen und Urwäldern, vom Feuer
der Vulkane, von den Herrlichkeiten der Smaragd-Inseln, von Zuitenborg
oder der gewaltigen Tempelruine Boro-Budor? Das haben viele schon
getan. Meine Feder ist zu armselig. Diese Dinge bereichern, indem
sie entzücken. Anders der Mensch, die Kenntnis des Menschen; die
bereichert, indem sie erzieht. Es war mir ja nie einer gleichgültig,
der neben mir ging und dessen Namen ich nicht kannte. Zu Hause
beruhigt man sich bald, Gewohnheit und Anpassungszwang machen das
Fremde unscheinbar. In der Fremde ist es, als ob du nie ganz schlafen
könntest, man hat immer ein schlechtes Gewissen, braucht immer eine
tätige Rechtfertigung. Da ist der Heizer, der in der schauerlichen
Glut des Maschinenraums haust und wie ein Kerkersträfling durch den
Ozean fährt. Ist er nicht ein Sinnbild der Gefahr und ein Vorwurf
gegen meine Bequemlichkeit? Ich sehe den Chinesen, der fern von
seiner Heimat Rupie um Rupie erwirbt, fleißig und habgierig, der zu
fürchten ist, wenn er schweigt, überlegen, wenn er spricht und durch
Sanftmut seine Ausschweifungen verbirgt. Da ist der demütige Malaie,
der eitle Ambonese, der kindliche und wilde Papua, der Perlenfischer,
dessen Augen ermattet sind vom Halbdunkel unterm Meer und dessen
Haut verwaschen scheint und morsch von der Spülung und dem Druck der
salzigen Lauge. Dann triffst du die Goldsucher, die in einer durch
die Not geschmiedeten Kameradschaft die öden Steppen Australiens
durchziehen, um nach vielen Jahren im Sandgrund eines entlegenen
Flüßchens die Hoffnung auf den Reichtum greifen zu können, dessen
Eroberung die Kräfte ihres Körpers vollends verzehren wird; oder den
Farmer, der in einer Einsamkeit, wie wir sie nicht kennen, ja, die
wir nicht einmal zu ahnen vermögen, mit Dürre und Hochflut kämpft,
und den es sechs Monate voll aufreibender Strapazen kostet, wenn er
die widerspenstige Viehherde zum nächsten Markt an die Küste treiben
muß. Auch dem verlorenen Sohn Europas bin ich begegnet, der unter
mißtrauischen Ansiedlern eine neue Existenz gründet und dem von
frevelhaften Händen das kaum fertig gewordene Blockhaus in Brand
gesteckt wird; dem alten deutschen Arzt auch, in einer Schifferkolonie,
der seit siebenunddreißig Jahren an Heimweh nach seinem schwäbischen
Dorf krankt und weiß, daß er es niemals wiedersehen wird, weil es ihm
nicht gelungen ist, so viel Geld zu erwerben, um zu Hause mit Anstand
leben zu können.
»Es nimmt kein Ende, Freund. Du meinst, die Beispiele seien überall zu
finden. Das ist wahr. Aber warum schaut man heute ein Gesicht an, und
es bleibt stumm, und ein andermal spricht es, kündet die Verkettungen
des Schicksals? Man muß Schwamm sein, wenn einen der Zunder entflammen
soll. Forderst du Resultate, Vorsätze? Ich habe einen Sinn darin
entdeckt, daß ich bin, nämlich den, daß alle Andern mit mir sind. Ich
kann keinen von ihnen entbehren, weil sie mich brauchen. Klingt das
anmaßend, so füge ich hinzu: ich bescheide mich in meinem Kreis. Ich
höre auf, mich selbst zu genießen. Ich will arbeiten, um zu dienen.
»Lustig sind solche Erkenntnisse nicht. Man muß mit sich allein sein,
um sie zu finden. Die Teilnahme eines Freundes würde den Prozeß nur
trüben und verlängern. Nun denke dir meine Sehnsucht hinzu, mein
aufgestacheltes Gemüt! Abgeschnitten bin ich von mir selbst; meine
Adern sind zerteilt, die Hälfte meines Bluts fließt bei den Antipoden.
Die Ruhlosigkeit der Tage wird von der Qual der Nächte übertroffen,
Schreckbild überflügelt Schreckbild bis in den horchenden Schlaf. Ich
mag das meiner Virginia nicht einmal andeuten, ich kann es nicht;
das heitere Herz darf nicht mit Wolken überdeckt sein; ich will mich
in ihrem Urteil nicht herabsetzen durch diesen Aufruhr gegen das
Unabänderliche. Ich bemühe mich, ihr gelassen zu erscheinen. Aber meine
innere Verstörtheit und Benommenheit ist mitschuldig an einem seltsamen
Erlebnis, das ich dir erzählen will.
»Auf dem Kurs von Melbourne nach den Marquesas warfen wir vor Mangaia
Anker, einem lieblichen Eiland im Cook-Archipel. Wir wollten dort
nach Echinothuriden fischen; das sind eigentümliche, prachtvoll
gefärbte Seeigel, die ihre Platten durch ein besonderes Muskelsystem
gegeneinander verschieben können und deren Stachel einen Giftapparat
enthält. Einige junge Leute von der Expedition, darunter ich,
arbeiteten am Strand, und jeder schlief nachts in seinem Zelt. Eines
Morgens, meine Kollegen waren in Booten aufs Meer gefahren, trat ein
braunes Mädchen vor mich hin, nackt bis zum Gürtel, mit einem Rock aus
Grashalmen, so wie sie alle hier gekleidet gehen. Sie redete, jedoch
ich verstand natürlich nichts, nur ihren Namen verstand ich, weil sie
stets die Hand klagend auf die Brust preßte, wenn sie ihn nannte. Sie
hieß Feïnaora.
»Feïnaora folgte mir auf Schritt und Tritt. Die andern lachten, als
sie zurückkehrten und das anschmiegende Geschöpf bei seinem Tun
beobachteten. Von Fischern erfuhren wir, daß Feïnaora von ihrem Stamm
verstoßen worden war, aber den Grund wußten sie entweder nicht oder
konnten ihn uns nicht begreiflich machen. Immer wies ich das Mädchen
fort und immer kam es wieder. Sie warf sich auf die Erde vor mir und
brachte mir Muscheln, Krabben, Seesterne, kleine Schildkröten und
Kokosnüsse. Sie war nicht gerade hübsch, aber sie hatte sanfte Augen,
die mich rührten, einen zarten, blumenhaften Körper, kaum der Kindheit
entwachsen, ein scheues Benehmen und ein schmeichelndes Idiom voller
Vokale.
»Morgens kauerte sie vor meinem Zelt; abends kauerte sie vor
meinem Zelt. Rief ich ›Feïnaora!‹ so war sie schon bei mir wie ein
aufmerksamer Hund, trug Wasser und bereitete den Tee. Am letzten Abend,
bevor der ›Phönix‹ die Anker lichtete, brach ein Regensturm los und
Feïnaora kroch ins Zelt, um sich vor dem Unwetter zu schützen. Sie
mußte eine Ahnung des Abschieds haben, denn sie heulte mit sonderbar
wilden Lauten in die hohlen Hände. Ich wollte schlafen und gebot ihr,
stille zu sein. Der Schlummer kam, doch er war ohne Tiefe und ohne
Vergessenheit. Angstbilder wechselten mit freudigen Visionen, jene
so quälend wie diese. Wie ein Verschmachtender lag ich, die Gedanken
flogen durch den Raum zu meiner Geliebten, mir war, als müßt ich
sterben, ohne sie noch einmal umarmen zu können, ohne sie je umarmt zu
haben, ich spürte ihren Mund, und so, im Verlangen, in der Furcht, in
der Finsternis und Einsamkeit streckten sich meine Arme aus und sie
fanden Leben, Wärme, eine mitschaudernde Brust, eine Sendbotin von
der andern Hälfte der Welt, ein Herz schlug neben mir, ein liebendes
Menschenherz, und ich nahm, ich trank, ich erlöste mich aus dem Fieber
der Träume. Am Morgen sah ich mich allein. Feïnaora war verschwunden.
Es waren Leute im Hafen, die erzählten, daß einige Eingeborene in einem
Boot den Hafen verlassen und daß sie draußen einen der ihren in die
Wellen geworfen hatten; eine Stimme sagte mir, daß es Feïnaora war. Das
Meer hat ihre Seele ausgelöscht. Virginia hat es gefordert.
»Du lächelst, lieber Freund, du glaubst nicht an diesen Tod. Ich glaube
an ihn, obwohl ich dadurch vielleicht schuldiger werde. Oder, wenn dich
die moralische Wertung ungehörig dünkt, sagen wir nicht schuldiger,
sondern verstrickter. Ich dachte zuerst daran, Virginia das ganze
Vorkommnis zu verschweigen, denn, überlege nur, wie wird es möglich
sein, dies Widerspruchsvolle, dies Tier- und Traumhafte so zu fassen,
daß sie versteht, verzeiht, vergißt? Aber sie muß es erfahren, ich will
nicht monatelang mit bedrücktem Gemüt an sie denken und schreiben. Leb
wohl für heute, Freund, und behalte im Andenken deinen ewig getreuen
Manfred Dalcroze.«
Virginia starrte in die Luft. Ihr Gesicht war allgemach blaß geworden,
jedoch kein Spiel der Mienen verriet, was in ihr vorging. Sie lag auf
dem Rücken, hatte die Arme nach beiden Seiten ausgestreckt, und ein
Grashalm war zwischen ihre Lippen geklemmt.
»Er ist ein Narr«, rief Erwin ärgerlich und drückte den Brief des
Freundes in der Faust zusammen.
»Warum zerknüllen Sie denn den Brief?« fragte Virginia mit hartem
Blick; doch kaum hatten ihre Augen einander getroffen, so senkte
Virginia die Lider, eine verderbliche Röte zog über ihre Wangen, und
sie wandte, ebenso jäh sich entfärbend, den Kopf nach der andern Seite.
»Sind Sie am Ende so töricht, Virginia, das aufgebauschte Geschichtchen
ernster zu nehmen, als es im Grunde ist?« fragte Erwin sehr sanft und
mit vorsichtigem Mitgefühl. »Es ist nur gut, daß ich das Außenwehr bin,
an dem sich diese lächerliche Woge bricht. Er faselt ja, der Gute,
er faselt! Wozu spricht er von alledem? Wozu quält er sich? Jetzt
plötzlich möchte er gern an die Großmut des freien Weibes appellieren
und hat nichts für Sie getan, nein, Virginia, nichts, nichts, nichts.
Er hat Sie aller Waffen gegen menschliches Treiben beraubt, und nun
mag er sehen, wohin er damit geraten ist, da er fürchten muß, kein
Verständnis für das Natürliche und Alltägliche zu finden.«
Virginia rührte sich nicht. »Denken Sie nicht an Untreue, Virginia,«
fuhr er fort, »denken Sie nicht an Verrat. Wir Männer sind aus anderem
Fleisch als ihr. Unsere Treue ist von anderer Herkunft und wurzelt so
im Geist, daß, wenn ihr den Körper sündigen seht, die Treue manchmal
erst zur Blüte kommt.«
Virginia zuckte die Achseln. Es war, als ob ihr jemand mit vielen
Umschweifen gesagt hätte: morgen ist der zwölfte September. Ihr war
kalt, über und über kalt.
Sie stand auf und ging den Hügel hinab. Erwin folgte ihr und pfiff
leise. Schweigend wandelten sie über die Wiesenwege. Von den Bergen
her waren indessen große, schwarze Wolken heraufgezogen, und es
donnerte. Der Kirchturm des Dorfs war noch weit entfernt, als es
zu regnen begann. Virginia beschleunigte ihren Schritt nicht. Es
regnete heftiger, und zum Glück gelangten sie an ein Haus. Das Tor war
verschlossen; auf Erwins Pochen erschien ein Bauernweib, und da Erwin
bat, den Regen hier abwarten zu dürfen, führte sie die Fremden in ein
geräumiges und wohlausgestattetes Zimmer, dessen Sofa und Stühle mit
weißem Linnen überzogen waren. Es war ein Sommerhaus für Stadtparteien,
das in diesem Jahr nicht hatte vermietet werden können. Nachdem die
freundliche Alte ein Weilchen geschwatzt und nach Bauernart lamentiert
hatte, ließ sie die beiden allein.
In der Ecke stand ein Pianino. Erwin schob einen Sessel hin und
spielte. Das Instrument klang dünn und verstimmt. Als er sich nach
einer Weile umwandte, sah er Virginia mit bleichem Gesicht am Tisch
sitzen und lautlos weinen. Ihre Züge waren nicht im mindesten verzerrt,
die Tränen rannen still, wie unaufhaltsam herab, die Hände lagen im
Schoß. Als sie sich von Erwin betrachtet sah, erhob sie die Arme,
stützte sie auf den Tisch und legte die Hände vor die Augen. Erwin
schritt hin, faßte ihre Hände bei den Gelenken und bog sie auseinander,
wie man bei einem Gestrüpp tut, wenn man ins Innere eines Waldes
dringen will. Sie mochte ihr Gesicht nicht sehen lassen und beugte es
tiefer herab. Er schob den Tisch zur Seite und kniete, als wolle er von
unten ihren Blick erhaschen. »Virginia«, flüsterte er, »Mut! Vertrauen!
Haltung!« Der Ton seiner Stimme machte Virginia vertrauensvoll. Sie
hauchte seinen Namen.
»Es war zu viel für dich«, sagte er langsam.
Dich? Für dich? Virginia stutzte. Sie glaubte nicht recht gehört zu
haben. Sie schaute ihm entsetzt in die Augen. So nahe, dachte er mit
Frohlocken, mit Furcht vor dem, was nun folgen würde, so nahe! Denn
er gewahrte jede einzelne ihrer feuchten, wunderbar emporgebogenen
Wimpern. Für dich? fragten ihre Augen, während sie sich vergrößerten.
Er packte ihre Schultern, sie aber, plötzlich aufschluchzend vor Scham
und Schrecken, stemmte beide Hände vor seine Brust und wollte sich
befreien. Er erhob sich. Er bohrte seinen Blick unwiderstehlich gegen
den ihren, in dem allmählich Angst und Haß sich zu flehentlicher Bitte
entschieden. »Nicht anrühren! nicht anrühren!« sagte sie schnell und
leidenschaftlich. Aber allmählich löste sich der Krampf ihrer Muskeln,
eine schlafähnliche Schwäche überfiel sie, trotzdem stand sie auf,
doch ihr Kopf sank sonderbar matt, Erwins Lippen fingen ihren Mund
wie etwas, das niederstürzt, wie man einen flügellahmen Vogel mit
den Händen fängt, und ihr Erbeben setzte sich durch seinen Körper in
elektrischen Wellen fort.
Er spürte ihre Brust, er trank ihren süßen Atem, er sah die
weißschimmernde Linie der Zähne durch die Lippen, die von keiner
natürlichen, eher von einer mechanischen oder kränklichen Bewegung
geöffnet waren, jede Sekunde verriet ihm beredter die Unentrinnbarkeit
des lebendigen Leibes, den er hielt, der hingeschmiegt war, dessen
Formen ihn bis in einen geisterhaften Jubel erhitzten und entzückten,
der immer schwerer wurde in seinen Armen, bis er gewahrte, daß er
eine Besinnungslose hielt, eine die wachsfahl dalag, hilfsbedürftig
geworden, in ein Intervall von Vergessenheit hinübergezogen, als ob die
Sühne für beleidigte Ehre und geschändeten Stolz erst nach einem kurzen
Tod zum Austrag gelangen könnte.
Und als sie die Lider aufschlug, als ihn das stählerne, feurig
fließende Blau ihrer Augen traf, als ihn dieser Blick traf, der
bis in den untersten Grund seiner Seele drang, da mußte Erwin einen
Rückzug von entscheidender Bedeutung antreten, der ihn fast wieder
an jene Schanzen warf, von wo er den Angriff einst begonnen. Sie
ist unvergleichlich, sagte er sich, und ich habe eine Dummheit
begangen, indem ich nach Analogien handelte, statt ihre Eigenart zu
berücksichtigen. Ich war zu wenig originell, das rächt sich.
Es war die Helligkeit eines Blitzes, die ihn erkennen ließ: das ist
Unschuld! Er hatte nicht daran geglaubt, niemals, im Innersten niemals.
Unschuld! Was war denn Unschuld? Sind die kleinen, liebevollen Mädchen
unschuldig, wenn sie ihre Sicherheit verteidigen? Die Frauen, wenn
sie den Preis zu niedrig finden, der ihrer Begierde zur Gewissensruhe
verhilft? Die furchtsamen Mädchen, die wissenden Frauen, die
schwankenden, ziellosen, hungrigen, kühlen? Hier war Unschuld eine
Kraft. Sie blendete ihn. Sie schmetterte ihn nieder, sie betrübte ihn.
Was für ein Gegenüberstehen war dies doch! Element und Wille; die
Schönheit und ihr Begehrer, ihr Verfolger, ihr Feind, ihr Sklave, ihr
Herr, ihr Schicksal.
Erwin war dermaßen in Gedanken versunken, die weitab lagen von den
bisherigen Gleisen, in Traurigkeit gesponnen, die fast ohne Bezug
war zur Gegenwart, daß er es kaum bemerkte, als Virginia das Zimmer
verließ, eilend, flüchtend und stumm. Bah, wir werden uns bald genug
treffen, dachte er mit verzerrtem Lächeln, als er sich allein sah. Nach
einer Viertelstunde regungslosen Brütens ging er gleichfalls. Er rief
die Bäuerin und gab ihr ein Geldstück.
Es regnete noch. Er beachtete es nicht. Er wählte sogar einen Umweg ins
Dorf.
In seinem Zimmer ließ er Feuer machen, um die Regenkälte zu vertreiben.
Was soll nun werden? grübelte er, vor dem Ofen sitzend. Sie ist im
Vorteil gegen mich. Ich habe sie unterschätzt. Man sollte denken,
es sei alles zu Ende. Aber wir fangen erst an, mein Liebchen, wir
fangen erst an. Ich darf sie nicht mehr lassen. Zurückweichen? jetzt?
unmöglich. Ich würde mir selber wertlos. Ich kann es nicht. Das
Gelingen wird mich nicht reicher machen. Erfolg ist nur Bestätigung,
nicht Vermehrung. Oh, wie sie mich zwingt, zu dem, was ich tue! Sie
reißt mich aus mir selbst heraus.
Statt friedlicher wurden seine Überlegungen aufgewühlter. Sie reißt
mich aus mir selbst heraus! Das war eines jener tiefen Worte, die nur
ohne Eitelkeit und Vorbedacht geprägt werden können. Der ungewohnte
Aufenthalt in einem lautlosen Dorf tat ein übriges, um seine Stimmung
zu verdüstern. Er las, er arbeitete an seiner Abhandlung über die
moralische Idee. Am Abend schrieb er einen ausführlichen Antwortbrief
an Manfred. Er fand es für gut, den Zwischenfall auf der Insel Mangaia
für eine reizende, aber bedeutungslose Legende im Stil von Montesquieu
oder Hearn zu erklären. Jedoch tadelte er den Freund lebhaft wegen
seines Liebesfiebers.
»Ich kann mir nicht helfen,« schrieb er, »in diesem Punkt erscheinst
du mir ein wenig geschmacklos und rückständig. Und du spürst es
selbst, wenn ich gewisse Äußerungen recht verstehe, in denen sich das
Bedürfnis ausspricht, deine Lebensinteressen mehr zu balancieren, sie
von einheitlicher Belastung durch Liebe zu befreien und ihnen ein
soziales Zentrum zu schaffen. Im zwanzigsten Jahrhundert repräsentiert
die Liebe nicht mehr. Ich kann eine Tyrannei des Gefühls nicht
billigen, die uns um den Genuß und die geistigen Ziele des Lebens
betrügt. Nenne mich darum nicht zielbewußt. Zielbewußt ist ein Wort
für die Statuten eines Schützenvereins. Ich bin nicht an der panischen
Flucht vor der Liebe beteiligt, ich fliehe sie nicht, ich halte ihr
stand. Doch ich kann nicht auf das Recht der schönen Selbstbestimmung
verzichten. Leidenschaften sind Arzneien des Geistes und Massagen des
Herzens. In der Liebe ist es wie in der Finanzverwaltung: ungesunde
Zölle richten den Haushalt zugrund, und Monopole schädigen den freien
Austausch. Du hast nicht wohl daran getan, dein polynesisches Erlebnis
ins Europäische zu übersetzen. Die Milderungsumstände, die du wie ein
gewiegter Jurist ins Feld führst, können nur dazu dienen, dir eine
ungerechte Anklage auf den Hals zu ziehen. So erklärst du die Treue als
ein Prinzip, und das ist verwerflich. Prinzipien morden die Jugend, das
einzige positive Gut des Lebens. Ich habe das Unheil, das für Virginia
daraus entstehen konnte, im Keim erstickt, indem ich sie vorbereitete.
Sie wäre zu einer Dummheit fähig gewesen, da sie nie einen Berater
hatte, der sie von den sinnlichen Vorurteilen ihrer Kaste befreite.
Jetzt magst du unbesorgt sein. Ihre Konstitution ist von der Art edler
Pferde, die bei sachgemäßer Behandlung stets das Außerordentliche
leisten, ein Vergleich, der nichts Anstößiges hat, wenn man, wie ich,
der Meinung ist, daß ein edles Pferd zu den vollkommensten Wesen der
Schöpfung gehört. Sie ist dazu bestimmt, zu triumphieren, und die
abgefeimtesten Dandies verlieren auf der ganzen Linie den Kopf. Graf
Hennsdorff versicherte mir, man müsse vor ihr niederknien. Er, vor dem
doch alles kniet! Leb wohl, Gott schenke dir Frieden und Vernunft.«