Es war ein sehr heißer Tag. Frau Geßner hatte vom frühen Morgen an alle
Türen und Fenster aufgerissen, aber die Luft, dick und schwer, bewegte
sich nicht. »Wann werden wir nach unserm Dorf fahren, Gina?« fragte
Frau Geßner. Virginia sah unschlüssig vor sich hin. Ihr war, als müsse
sie sich zuvor noch einmal mit Erwin beraten, trotzdem sie überzeugt
war, daß sie seines Rates nicht bedurfte. Sie wußte längst, daß er
ihr Vorhaben mißbilligte; diese Mißbilligung war ihr gleichgültig;
desungeachtet konnte sie zu keinem Entschluß kommen.
Fortwährend sah sie Helenes Augen auf sich gerichtet, sah das
zierliche Gestaltchen mit den schmalen, etwas vorgedrückten Schultern.
Es konnte nicht spurlos an ihr vorübergehen, daß Frauen so vor ihm
zusammenbrachen, so entseelt, so aufgeblättert, so zerworfen. Es wissen
und davon gehört haben, ist ein anderes, als es sehen und miterleben.
Wie die Sonne ihre Glieder ins Schlaffe löste! Das Jahr hatte sie
verwandelt. Ein Bedürftiges war in ihr, das manchmal zu schwindelnder
Sehnsucht heranwuchs. Wenn sie sich dann vor den Menschen verbarg,
stockte ihr Blut in unbegriffenem Groll, und ihre Lider schlossen sich
vor gefürchteten Lockbildern. Was nutzte es, eine Miene zu tragen, die
verbietend war? Es war etwas aufgelöst in ihr. Ein Weg, den sie nicht
gehen wollte, den sie niemals gehen würde, schimmerte versprechend.
Langsam wurde der Schritt, belasteter der Fuß, unruhiger die Brust, und
von den Hüften empor zum Halse glitt ein lauer Hauch, der den Kontur
des Leibes empfinden machte, den Blick schamvoll von der Welt weglenkte.
Solche Nächte waren noch nie gewesen wie in diesem Jahr. Das Blühen
wogte bis über die Dächer, und in den Kellern sangen die Wurzeln. Der
Mond stand am Himmel wie eine feuergefüllte Schale, die leicht der
ausgestreckten Hand erreichbar schien, und aus fernen Wolken flammten
schweigsame Blitze. Da spürte Virginia nicht mehr die strenge Scheu,
die sie bis jetzt in ihren Gedanken der werbenden Liebe Manfreds
entgegengesetzt. Sie rief nach ihm in Heimlichkeit, sie begehrte seine
Nähe, wünschte seine Arme um sich geschlungen, und in einem Atem
schmolz sie hin und ward frierend ihrer Verlassenheit bewußt.
Sie hatte sich nach Tisch zu kurzem Ruhen hingelegt. Sie erinnerte sich
nicht, geschlummert zu haben, dennoch hatte sie geträumt. Seltsame
Dinge hatte sie gesehen. Sie stand in der Halle von Erwins Haus und
blickte durch offene Türen in die Zimmer, die gegen den Garten lagen.
Sie gewahrte in diesen Zimmern ungefähr acht oder zehn junge Mädchen,
alle mit ganz dünnen Schleiergewändern bekleidet, durch welche die
Haut leuchtete. Die Gewänder waren von reizvoller Verschiedenheit
der Färbung; eines war blattgrün, das zweite moosgrün, das dritte
scharlachrot, das vierte rosenrot, das fünfte saphirblau, das sechste
ockergelb, ein jedes war anders und alle stimmten zusammen wie Blumen.
Doch das Merkwürdige war, daß alle Mädchen schwarze Larven vor dem
Gesicht trugen. Sie sprachen nicht miteinander. Eine saß am Klavier und
spielte ein Menuett, die übrigen wandelten still durch die Räume, und
in ihrem Gang wie in ihren Gebärden war etwas planvoll Verführerisches,
das Virginia abscheulich erschien. Als sie sich von ihnen entfernte,
kam sie in ein Gemach, das sie vorher noch nie betreten hatte, und
sich umschauend gewahrte sie auf einem dunkeln Tierfell eine Frau, die
einen Knaben von großer Schönheit in den Armen hielt. Der Knabe mochte
ungefähr zwölf Jahre zählen, er hatte ein glühendes Gesicht, und seine
Augen glichen auffallend den Augen Helenes. Die Frau lächelte ihm zu,
war aber blaß und nachdenklich.
Das Beklemmende an dem Traum war, daß die Bilder und Vorgänge nicht
durch sich selbst bestanden, sondern daß sie von Erwin heraufbeschworen
schienen, der wie ein unsichtbarer Zauberer sie entfaltete und
vorüberziehen ließ. Virginia sträubte sich hartnäckig, doch es half
nichts, das Spukwesen besiegte ihren Widerstand, und endlich wünschte
sie nur, ihn zu sehen.
Als um fünf Uhr Erwins Chauffeur meldete, daß der Wagen da sei,
war sie schon fertig und mit dem Edeldamenkostüm bekleidet, in
welchem sie photographiert werden sollte. Doch Erwin hatte ein
Briefchen mitgeschickt, in dem er sie bat, ihm diesen Dienst heute
zu erlassen, sie möge aber doch zu ihm kommen, er müsse sie sehen,
denn es habe sich ein Unglück ereignet. Hastig zog sie sich um. Trotz
dieser Nachricht betrat sie die Villa mit einer noch fortwährenden
Verwunderung über ihren Traum und in einer schmerzlichen und
ungewohnten Sinnendämmerung. In der Halle standen kupferne Gefäße, aus
denen sich langstengelige weiße Lilien erhoben, und als Virginia in die
Bibliothek trat, gewahrte sie in der Mitte des Raums eine riesige weiße
Porzellanvase voll von weißen Rosen.
Sie war verwundert, daß Erwin ihr nicht entgegenkam, bemerkte aber
bald, daß er auf einer Ottomane lag, und erschrak über seinen Anblick.
Er war aschfahl. »Um Gottes willen, was ist Ihnen, Erwin?« fragte sie
stockend. Er antwortete nicht. Sie näherte sich ihm; in der Heftigkeit
ihres Mitleids und ihrer Angst kniete sie neben ihm nieder und
wiederholte ihre Frage im liebevollsten Ton.
Diese Stimme! dachte Erwin, entzückt, erschüttert, trunken von
Virginias dichter Nähe, diese Stimme! sie klingt wie ein Cello. Beinahe
hätte er die Arme um sie geworfen, aber: zu früh! warnte ihn seine
Vorsicht, zu früh!
»Helene Zurmühlen hat sich vom dritten Stock heruntergestürzt und ist
tot«, sagte er matt und versank wieder in sein bleiernes Hinbrüten.
Virginia faltete die bebenden Hände und blickte, auf dem Stuhl sitzend,
vor sich nieder, Tränen in den Augen. Schwer fiel es ihr aufs Herz,
daß sie das unglückliche Weib ohne Spruch und Verständnis hatte von
sich gehen lassen wie eine, die man verwirft. Und sie hatte das getan,
dieselbe Virginia, die solche Träume träumte! Erwin streckte seine Hand
nach ihr aus, als verlange er nach einem Halt. Sie glaubte eine Sünde
zu begehen, wenn sie ihm ihre Hand nicht darbot; und dann, sie wußte
nicht, wie ihr geschah, besaß er ihre Hand und sie hielt die seinige,
als bedürfe sie für ihre Schwäche eines Schutzes, für ihre menschliche
Verfehlung eines verzeihenden Worts, für ihren Traum einer Deutung.
Plötzlich zog sie die Hand wieder an sich, schaudernd und erkennend.
Mechanisch starrte sie die Hand an, die er gedrückt hatte; er hatte
die einzelnen Finger förmlich geliebkost. Nie war ihr eine Hand so
bloß erschienen wie die seine. Ein solches Gefühl hatte sie noch
niemals gehabt, seit sie lebte. Und vor den Augen die tote Frau mit dem
zerschmetterten Körper!
Virginia erhob sich, beengt, bestürzt, mit fliegender Glut auf den
Wangen. »Frau Zurmühlen war gestern nachmittag bei mir«, sagte sie.
Erwin richtete sich empor. »Bei Ihnen? Aus welchem Grund? Um mich zu
beschuldigen?«
»Nein, das nicht, das durchaus nicht«, versetzte Virginia bitter.
»Sie hat vergessen, daß eine Stunde der wahrhaften Treue ein ganzes
Leben voll unentschiedenen Schwankens aufwiegt«, sagte Erwin düster.
»Diese phantasielosen Frauen ohne Blut und ohne Wallung! Keine
Gegenwart besitzen sie, aber von jedem schönen Augenblick fordern sie
Ewigkeit, und jede freie Gabe soll an die Pflicht gebunden sein.«
Dies hatte Virginia nicht zu hören erwartet. »Natürlich, der Saft wird
ausgesaugt und die Hülle weggeworfen«, entgegnete sie, »und alles
übrige sind Worte und nicht einmal ein Leben gilt etwas. Sind sie dazu
gut, um zu sterben, die phantasielosen Frauen? Und die andern, die sind
da, um zu leiden.« Sie wandte sich ab und ging erregt gegen das Fenster.
Erwin stützte den Kopf in beide Hände. »Nein, nein, nein,« sagte er
leise und geheimnisvoll, »was uns zu den Frauen zieht und was uns von
ihnen scheidet, sind Dinge, die von der Tierheit kommen, und andere
Dinge, die unsagbar und traurig sind und viele Verheißungen enthalten
wie von einer besseren Existenz der Seele herüber.«
»Ach, Sie wollen mir damit sagen, daß ich Vorurteile habe«, unterbrach
ihn Virginia, indem sie sich umdrehte. »Erinnern Sie sich, daß Sie mir
einmal von einem jungen Mädchen erzählt haben, das von einem Ihrer
Freunde verführt wurde und das sich dann ertränkt hat? Das hat mir sehr
leid getan, aber Sie sagten damals – erinnern Sie sich nicht?«
»Nein, ich erinnere mich nicht.«
»Sie sagten: schließlich ist auch die wohlschmeckende Himbeere nur ein
Unkraut. Seit der Stunde ist es für mich festgestanden: wenn vor Gott
und den Menschen entschieden werden müßte zwischen meinen Vorurteilen
und euern, wie soll ich sagen, euern Urteilen, die Wahl, Erwin, die
würde nicht lange dauern.«
Erwin verbarg sein Erstaunen. »Alles das trifft mich nicht«, versetzte
er zögernd. »Ich habe Helene geliebt. Ich liebte sie, weil ihr Haar
einen unaussprechlichen und unvergleichlichen Geruch besaß, einen
Geruch nach Milch und Heu und warmem Harz, und weil es mir den Sinn
verrückte, wenn mich diese Welle von Duft traf. Und auch deswegen
liebte ich sie, weil sie auf eine Art zu erröten wußte, die ich bei
keiner andern Frau getroffen habe. Wenn ich in das Zimmer trat,
errötete sie. Es war, als würde sie ganz Herz, vom Kopf bis zum Fuß;
sie machte damit jede Stunde des Tags zu einer Liebesstunde, schuf eine
zarte Halbtrunkenheit und gab sich hin durch Blick und Gebärde schon,
ohne zu feilschen.«
Virginia antwortete nicht, und Erwin beobachtete gierig, wie sie nun
selbst errötete, ganz langsam, von den Schläfen aus über die Wangen
herab bis zum Hals. Ihre Brauen waren zornig zusammengezogen, und ihre
zu Boden gesenkten Augen irrten unruhig hinter den Lidern. Sie schickte
sich an zu gehen. »Verlassen Sie mich denn, Virginia? Freundin?« fragte
Erwin leise, indem er zu ihr trat.
»Ja, bitte«, flüsterte Virginia, wagte es aber nicht, ihn anzuschauen.
»Was wird morgen sein?« fuhr er mit bedeutsamem Nachdruck zu fragen
fort, von ihrer Befangenheit beglückt.
Sie zuckte die Achseln.
»Ich komme nach Tisch zu Ihnen. Ich habe noch viel mit Ihnen zu
sprechen, Virginia.«
Ein geschwindes Lächeln huschte über ihre Lippen. »Auf Wiedersehen«,
sagte sie hastig und ging. Ihr Entschluß war gefaßt. Das Einverständnis
mit der Mutter war rasch getroffen. Am Abend wurden noch die laufenden
Rechnungen in der Nachbarschaft beglichen und Koffer und Körbe gepackt.
Frau Geßner war überzeugt, das alles entspreche einer Abmachung mit
Erwin. Am nächsten Vormittag um elf Uhr fuhren Mutter und Tochter in
einem reisemäßig bepackten Zweispänner zum Aspangbahnhof.
Als Erwin einige Stunden später vergeblich an der Wohnungstür läutete
und dann vom Hausmeister erfuhr, die beiden Frauen seien aufs Land
gereist, erbleichte er vor Wut. Man hat mich übertölpelt, knirschte er.
Außer sich fuhr er nach Hause und wußte nicht, was tun, was denken. Ihr
nachzufahren, wäre die größte Dummheit, die ich machen könnte, sagte er
sich; nein, nein, meine Liebe, ich werde dich aushungern, du sollst in
die Ketten beißen, die dich halten, und an den Riegeln zerren, hinter
denen du gefangen bist. Rufen sollst du mich, du sollst mich rufen.
Drei Tage nachher erhielt er eine offene Karte von Virginia; sie
schrieb, daß sie sich wohl fühle und in dem entlegenen Dörfchen sich
der gewünschten Stille erfreue. In der ersten Nacht habe sie mit der
Mutter im Gasthaus logiert, doch gestern hätten sie eine kleine
Villa unfern vom Wald gemietet, darin wohnten sie ganz für sich. Ein
trockener Gruß schloß den Bericht, der nicht kümmerlicher hätte sein
können.
Erwin zerfetzte die Karte und trat mit den Füßen auf die Stücke. Er
begab sich in das obere Stockwerk der Villa, öffnete ein geräumiges
Zimmer, das gegen den Garten lag, riß Jalousien und Fenster auf und
betrachtete prüfend die Einrichtung des Gemachs, das mit blauem
Seidenstoff tapeziert war und köstliche Altwiener Möbel hatte. Er
läutete; Wichtel kam. »Rufen Sie den Gärtner und den Hausmeister,«
befahl er, »es muß hier umgestellt werden; das Bett, der Kasten und der
Waschtisch aus dem grünen Fremdenzimmer sollen hier herüber. Sie gehen
in die Stadt und besorgen, was auf dem Zettel da aufgeschrieben ist.
Die Adressen der Firmen stehen dabei.« Er reichte Wichtel ein Blatt
Papier, auf dem die vorzunehmenden Einkäufe in langer Reihe notiert
waren: Toilettegegenstände, Parfüms, Leibwäsche, Morgenröcke, alles von
ersten Lieferanten. »Nehmen Sie drinnen einen Wagen und bringen Sie die
Sachen gleich mit heraus«, sagte Erwin.
Nach Verlauf von zwei Stunden kam Wichtel zurück. Es war ihm in den
Preisen ziemlich freie Hand gelassen worden, und er hatte selbst
gewählt, nicht zur Unzufriedenheit seines Herrn. Erwin hatte die neue
Einrichtung des Zimmers, welches das entlegenste und stillste des
ganzen Hauses war, sorgfältig überwacht, hatte Bilder an die Wände
gehängt, allerlei Kleinplastiken aufgestellt, geschliffene Karaffen und
feines Porzellan; nun brachte er die Wäsche und Kostüme selbst in den
Laden und im Schrank unter, und als alles geschehen war, durchmusterte
er mit Genugtuung den Raum, der einen heiteren und empfangsfrohen
Anblick bot. Er ließ Jalousien und Fenster wieder schließen, schaute
auf der Schwelle noch einmal in das dämmrig gewordene Zimmer zurück,
lächelte, als er ein schmales Sonnenband auf der blauen Seide der
Bettdecke zittern sah, sperrte dann die Türe zu und steckte den
Schlüssel in die Tasche. Im selben Augenblick erschallte dicht hinter
ihm ein helles, spöttisches Gelächter. Blitzschnell drehte er sich um.
Es war Marianne von Flügel. »Du hier?« fragte er erstaunt.
»Ja, ich, ich selbst«, erwiderte sie mit burschikoser Kopfwendung.
»Ich habe dich in San Martino geglaubt. Und wer hat dich denn da
heraufgeschickt?«
»Deine Leute; ich genieße Vertrauen hier. Aber du, was treibst du?
Dieses Zimmer sollt’ ich kennen. Hat es nicht vor Jahren die arme
Amelie Castro bewohnt, die einzige, der du sozusagen ein häusliches
Glück gegeben hast? – Soll es einen neuen Gast empfangen? Und warum
sperrst du zu? Ist der Gast noch so weit entfernt? Darf man das
Abenteuer noch nicht als erledigt betrachten?«
»Du fragst mehr, als man zwischen zwei Türen beantworten kann«,
versetzte Erwin stirnrunzelnd.
»Ich weiß, zudringlich wie immer«, sagte Marianne und schritt an seiner
Seite die Treppe hinab. Sie gingen auf die Terrasse und setzten sich
unter dem Schatten des aufgespannten Sonnendachs einander gegenüber.
Erwin blickte Marianne stumm ins Gesicht. Ihre Züge waren stark
gebräunt, der Ausdruck war energisch und kalt. Sie löffelte bedächtig
das Eis, das Wichtel gebracht hatte, und erzählte, daß sie ein paar
schwierige Bergtouren gemacht habe, daß sie Flirts gehabt, daß sie sich
aber zumeist gelangweilt habe. Sie leckte sich die Lippen, ließ sich
bequem in den Strecksessel zurücksinken und zündete mit der ihr eigenen
Behendigkeit aller Bewegungen eine Zigarette an.
»Die Geschichte mit Helene Zurmühlen ist recht fatal für dich«, sagte
sie leichthin. »Der Mann weiß zwar nichts; am Ende will er auch nichts
wissen. Ich habe mir berichten lassen, daß er Beweise sucht für eine
Untreue, die er in Wirklichkeit gar nicht bezweifelt. Er horcht die
Leute aus, um zu erfahren, was sie denken, weiß aber ganz genau,
was sie denken. Er hat immer schon Lunte gerochen, wie man so sagt,
trotzdem hat er in dem Wahn gelebt, daß ihn Helene adoriert, denn er
ist ein guter Sohn, ein anständiger Kamerad, ein tadelloser Bürger und
ein humorvoller Partner beim Kartenspiel. Er wird nichts unternehmen,
denn er scheut den Lärm, und er sagt sich wahrscheinlich: Was kann
ich gegen einen Erwin Reiner ausrichten? Natürlich, was kann er gegen
dich ausrichten? Die Kynasts aber sind durch Helenes Stubenmädchen
aufgeklärt worden, und sie werden alles tun, um dir zu schaden. Fritz
Kynast ist gestern nach England gereist; er soll seiner Mutter und sich
selber das Gelübde abgelegt haben, dich in einem Jahre, wenn die Welt
Helenes Tod vergessen haben wird, zur Rechenschaft zu ziehen. Also hüte
dich.«
Erwin lachte. »Ein neuer Laertes«, sagte er; »bravo. Aber du, Marianne,
beschämst jeden Detektiv.«
»Nimm es nicht frivol«, warnte Marianne, plötzlich ernst geworden; »es
ist eine Eigenheit der Gesellschaft, daß sie die tollen Streiche ihrer
Günstlinge so lange duldet, ja bewundert, bis ein Skandal erfolgt. Auf
einmal ist dann der Held ein Schurke. Du richtest eine Frau von gutem
Ruf zugrund; na, schön. Das macht dich beneidet und verlockend. Aber
laß einen Skandal daraus werden, und du bist gemieden wie einer, der
die Pest hat. Du solltest heiraten, das würde dir alle Unannehmlichkeit
ersparen.«
Mit zerstreuter Miene verfolgte Erwin die Mücken, die in den schrägen
Strahlen der Sonne schwärmten. Er riß eine Orchideenblüte aus dem
Strauß, der auf dem Tisch stand, roch mit oberflächlichem Behagen daran
und warf sie auf die Erde.
»Warum bist du eigentlich jetzt im Hochsommer in die Stadt
zurückgekommen?« fragte er.
»Das will ich dir verraten, Erwin; weil ich meinerseits heiraten will.«
»Heiraten? du? Ich gratuliere. Ein folgenschwerer Entschluß.«
»Ja. Denn, offen und ehrlich gesagt, ich stehe vor dem kompletten Ruin.«
»Und wer ist der Auserwählte?«
»Wer es ist? Du bist es.«
Erwin erhob sich. Über sein Gesicht zuckte es, halb von Ärger, halb von
Hohn. »Ich? Was Teufel! Wie willst du das anstellen?« rief er.
Marianne verfärbte sich, und mit einem seltsam wilden und nervösen
Lippenspiel antwortete sie: »Indem ich mich von dir heiraten lasse.
Du lachst? Du staunst? Das ganz Einfache ist immer erstaunlich. Ich
werde dich in meine Karten sehen lassen, und du wirst dich überzeugen,
daß sich die Partie längst auf diesen Schluß zugespitzt hat. Ich will
nicht davon reden, daß wir glänzend zueinander passen, daß wir viele
gemeinsame Interessen haben, daß wir einander nicht stören, uns hübsch
aus dem Wege gehen werden, wenn’s sein muß, uns friedlich verständigen
werden, wenn’s sein muß; daß du mich seit viereinhalb Jahren zu deinem
Dienstboten, deinem vertrauten Dienstboten gemacht hast, und daß du
dich nicht wundern darfst, wenn ich insgeheim, man ist ja nicht auf
den Kopf gefallen, die Maschinerie deines Lebens ein wenig studiert
habe und deshalb die Hebel und die Schrauben kenne. Die Dienstboten
sind heutzutage alle sozialistisch angehaucht, und so ein bißchen
Palastrevolution muß dir doch selber Spaß bereiten. Aber von all dem
will ich nicht reden. Die Hauptsache ist, wie gesagt, daß ich am Ende
vom Ende stehe. Und es könnte mir nicht einmal nützen, wenn du mir
zweimalhunderttausend Gulden schenktest. Ich muß der Sache von innen
her beikommen, ich muß einen neuen Menschen anziehen, ich muß eine
Position haben, ich muß, kost’ es, was es wolle, meine verlumpten
Brüder auf eine anständige Bahn bringen, und das kann ich nur durch die
Verwandlung und die Sicherheit, die mir dein Name und deine Stellung
geben. Was aber dich betrifft, so entgehst du durch die Heirat mit mir
der unabwendbaren gesellschaftlichen Ächtung. Der unabwendbaren, mein
lieber Freund, denn abgesehen von dieser Affäre mit Helene Zurmühlen
hast du auch noch eine kleine Duellgeschichte auf deinem Schuldkonto,
vergiß das nicht, und wenn die beiden Dinge mitsammen wirken, dann
ist die Lawine nicht mehr zu dämmen. Nun sieh selbst, gründlicher und
klarer kann man nicht sein.«
Erwin hatte sich wieder hingesetzt und starrte schweigend Marianne
an, die seinem Blick mit verwegenem Augenaufschlag standhielt. »Fein
gesponnen, bewundernswert fein gesponnen«, sagte er endlich nach
einer langen Pause. »Eine Erpressung von künstlerischer Akkuratesse.
Das leibt und lebt ja ordentlich und stimmt wie ein Uhrwerk. Aber
eine solche Genauigkeit, in menschliche Verhältnisse übertragen, wird
schon wieder zum Fehler. Ich beweise es dir, indem ich mich aus deiner
Rechnung schlankweg ausschalte. Ich bedaure herzlich, daß ich nicht
eine der Ziffern vorstellen kann für das Resultat, das du brauchst. Und
ich sehe mit Seelenruhe den Folgerungen entgegen, die du daraus ziehen
wirst.«
Marianne stand auf. »Gott, ich habe mir nicht eingebildet, daß du
gleich für mein Projekt zu haben bist«, erwiderte sie spöttisch. »Ich
habe noch Zeit. Vielleicht entschließest du dich in einigen Wochen; wer
weiß, was sich bis dahin ereignet. Deine Furchtlosigkeit imponiert mir
nicht, sie zeigt mir nur, daß du die Gefahr deiner Lage unterschätzest.
Du hältst dich für stärker, als du bist. Du bist die Kreatur der Welt,
die du zu verachten vorgibst, und eher würdest du in einer andern
Welt Schuhe flicken, als in der da zum gefallenen Mann werden, zum
Mann ohne Ehre. Die Geschichte mit dem Duell damals wird nicht mehr
als gelungener Witz passieren, deine Aktien stehen schlecht, so etwas
richtet sich eben nach der Konjunktur. Nun, ich muß laufen; hoffentlich
hör’ ich bald von dir. Adieu, mein Lieber.« Und mit unverschämter
Freundlichkeit streckte sie ihm die Hand hin. Erwin rührte sich nicht.
Sie zuckte die Achseln und ging.
In der darauffolgenden Nacht konnte Erwin nicht schlafen. Er verbrachte
die Stunden teils mit Lektüre, teils damit, daß er in seinem Geist die
Erinnerung an Kunstwerke sammelte. Jede Verdüsterung seiner Stimmung
führte ihn zur Kunst. Um drei Uhr morgens nahm er die Gedichte Ulrich
Zimmermanns zur Hand und fand sie dürr und allgemein. Er beschloß,
sich von Ulrich abzuwenden. Um vier Uhr ließ er die Gestalten der
übrigen Freunde an sich vorüberziehen und brach über alle den Stab, mit
Ausnahme von Palester. Ein dunkles Gefühl der Furcht vor Palester stieg
in ihm auf.
Er sehnte sich nach einem Jüngling, frisch wie der erste Lenztag, von
besonderem Geist und besonderer Rasse mit kleinen, reizvollen Zügen
einer gewählten Verderbtheit, lachend wie ein griechischer Gott und in
Freuden erfinderisch wie Petronius. Jedes andere Gesicht, das er sich
im Vergleich dazu vorstellte, erschien ihm gewöhnlich. Die Welt war
zu gewöhnlich. Er bäumte sich unter dem Druck seines Geschicks, einer
Epoche des Stumpfsinns, der ehrlosen Streberei, der uninteressanten
Anständigkeit zuzugehören.
Drei Tage später war er in Sankt Moritz. Er lernte eine junge Russin
kennen, die durch ihre fabelhaften Toiletten Aufsehen erregte, und
reiste mit ihr nach Aix-les-Bains. Und wie er es in jener schlaflosen
Nacht vorausgelebt, begegnete er dort einem Jüngling von großer Anmut,
vollendeten Manieren und einer geistigen Empfänglichkeit, die auf
ebensoviel Gelüste wie frühe Erfahrungen hinwies. Er war der Sohn eines
deutschen Diplomaten, in Eton erzogen, und befand sich mit seinem
Hofmeister auf der Reise von Paris nach Italien.
Es gelang Erwin, jene Glut der Gefolgschaft in ihm anzufachen, die
in jungen Jahren ein Bedürfnis der Seele ist und deren Verlauf oft
das Schicksal der späteren lenkt. Rolf von Hendrichsen verließ seinen
Begleiter und fuhr mit Erwin bei Nacht und Nebel davon. Sie standen
in Mailand vor Lionardos zerstörtem Abendmahl; sie schwelgten in der
Ergriffenheit, die in Verona eine Besichtigung der Skaligergräber bei
Fackellicht erzeugte, sie träumten in den verwilderten Gärten und
toten Palästen Ferraras, wandelten am Strand von Ravenna im Mondschein
durch den düsteren Pinienhain, bestiegen in Ancona ein Schiff und
fuhren nach Tunis, und sie ritten in die Wüste, und Erwin rief: »Hier
bin ich einsam, hier bin ich fremd«, doch mit einem Ausdruck, als ob
die Wüste seine Heimat wäre.
Indessen hatte Rolfs Entfernung unliebsamen Lärm verursacht. Der
Hofmeister hatte nach Berlin telegraphiert, Verfolgung wurde
beschlossen, und die Angehörigen des Jünglings hatten Mühe, ein
öffentliches Ärgernis zu verhindern. In Syrakus wurden die beiden
Freunde durch ein ganzes Aufgebot von Amtshaltern aller Gattungen
überrascht; schließlich wandte sich alles zum Guten, ein Baron
Marlotti, Sendling und Bevollmächtigter der Familie Hendrichsen, ein
feiner, edler Greis, bezeugte der empörten Beredsamkeit Erwins seine
Anerkennung und sandte den Eltern beruhigende Nachricht. Eines Abends
saßen die drei so verschiedenen Männer auf einer Hotelterrasse in
Taormina, hoch über dem Meer. Rolf sollte am andern Morgen mit Herrn
von Marlotti heimwärts reisen, und man war in Abschiedsstimmung. Man
sprach von der Freundschaft, von der Liebe, von der Jugend, von der
Schönheit, lauter Dingen, die nach Erwins und Marlottis Übereinkunft
verloren gegangen seien wie die Ingredienzien zum Stein der Weisen.
Die Liebenden erkenne man an einer gewissen Harmonie zwischen Blick und
Mundlinie, behauptete der Greis; bei Männern, die von einer wirklichen
Leidenschaft besessen seien, verändere sich wie bei schwangeren Frauen
das Antlitz in einer zugleich übersinnlichen und animalischen Weise.
Er ließ durchblicken, daß er Erwin für einen dieser Besessenen halte.
Erwin schüttelte seufzend den Kopf. »Zu vieles ist mir teuer und
unentbehrlich«, erwiderte er; »ich liebe die Luft, das Blatt, den Baum,
die Nacht, ich liebe Piero della Francesca und Alfieris Myrrha, ich
liebe die Stirn, den Atem, die Hand, den Schritt einer Frau, aber ich
kann nicht auf die Blume verzichten, wenn ich nur dadurch allein die
Frau gewinnen würde.«
»Jetzt spielst du Komödie«, warf Rolf ein und fügte gegen Marlotti
hinzu: »Er liebt ein Mädchen, das so vollkommen ist, daß sie sich ihm
versagt.«
Erwin lächelte. Er begann von Virginia zu sprechen, zurückgelehnt
in einen schöngeflochtenen Stuhl, die Augen gegen den dunklen Atlas
des gestirnten Himmels gerichtet. Die hinreißende Kraft seiner Worte
erweckte ein großes Gefühl in den Zuhörern; doch was war das? War das
noch Virginia, in der die Natur Bescheidenheit so hoch geadelt hatte,
das Weltkind in seinem stillen Flor? Hier wandelte die Verderberin,
herrlich schimmernd erhob sich über dem Sumpf der Großstadt das
unergründliche Sinnbild des Verderbens, gekleidet in die Unschuld.
Es war interessant, es war lehrreich, und es war schauerlich. Ein
Gesicht ist hierher gewendet, und ein Gesicht ist dorthin gewendet;
hier ein loderndes und stolzes Gesicht, dort ein banges Gesicht,
ein wissendes Gesicht, ein schuldiges Gesicht, ein sehnsüchtiges
Gesicht. Und alles, was so klar, so gewachsen war, so Glied an Glied
gekettet wie von der geschicktesten Hand gefügt, das war in seinem Mund
problematisch und voll Dämonie. Und er spürte, wie er Virginia haßte,
unsäglich haßte, und wie er sich selbst gemalt, indem er sie gemalt.
Eine Wahrsagerin trat an den Tisch. Rolf bekam aussichtsreiche Dinge
zu hören. Zu Erwin sagte die hohläugige Alte, nachdem sie seine Hand
betrachtet: »Verführung, Kerker, Tod«. Die jungen Leute lachten,
Marlotti blieb ernst. »Nun,« meinte Rolf schmunzelnd, »es ist nicht so
unwahrscheinlich.«
»Verführung und Kerker,« antwortete Erwin, »das ja, an den Tod glaub
ich nicht.«
Er war dann allein im fremden Land. Er erhielt einige Briefe von Frau
Geßner. Er wurde aus keinem dieser Briefe klug. Sie hatte von Edlitz
aus die Wohnung in der Piaristengasse doch gekündigt, war für zwei Tage
in die Stadt gefahren und hatte eine kleine Gartenwohnung in Gersthof
gemietet, nur eine Viertelstunde von Erwins Villa entfernt, wie sie ihm
gefällig zu verstehen gab, als wäre dies ein Mittel, ihn rascher zur
Heimfahrt zu treiben oder Erklärungen über die Gründe seiner Abreise zu
erhalten. Unumwunden zu fragen, hatte sie nicht gewagt. Von Virginia
schrieb sie nichts.
Erwin antwortete wie jemand, der sich einem verzweifelten Rausch
ergeben hat, um zu vergessen. Er schlug alle Töne an von der Müdigkeit
bis zur Wut, von der Erbitterung bis zur süßesten Elegie, um durch
das Herz der Mutter hindurch Virginia zu bewegen. »Eine Zeile von ihr
wäre mir so viel wie einem Fieberkranken das Chinin,« schrieb er,
»ihr Schweigen ist wie Vitriol auf eine Pflanze.« Nichts; umsonst. Er
schreckte nicht davor zurück, Erlebnisse mit Frauen anzudeuten, wie er
verschmähe aus Ekel oder die Arme ausstrecke, nur um zu vernichten.
Dann schrieb er ihr selbst. Niemals waren solche Briefe aus der Hand
eines Mannes zu einer Frau gegangen. Vielleicht nie zuvor hatten Worte
der Leidenschaft mit so versteckter Glut aufgeleuchtet, war Offenbarung
so in Heimlichkeit, Schmerz so in Ergebung, Wille so in Schmerz gehüllt
und alles wieder, Sorge, Mitleben aus der Ferne, Sehnsucht und das
Feuer der Seele in solchem Grade meisterhafte Berechnung gewesen.
Virginia mußte zum Erbarmen überwältigt werden. Sie mußte erzittern, in
ihrem Gemüt mußte ein gepeinigtes Abwenden sein und eine Begierde nach
Auflösung rätselhafter Art. Aber sie antwortete nicht.
Er blieb in Rom. Er biß nachts in sein Kissen vor Ungeduld, aber er
blieb. Da erhielt er Ende August einen Brief von Frau von Resowsky.
Sie schrieb, es sei ein höchst albernes Gerede von einem fingierten
Duell zu ihren Ohren gedrungen, er müsse das Gerücht um jeden Preis
ersticken und den Verbreiter zu fassen suchen, noch sei es Zeit, die
meisten Leute noch auf dem Land, wenn einmal der Klatsch Boden gewonnen
habe, werde es nicht mehr möglich sein, ihm zu begegnen, er sei seinen
Freunden schuldig, sich zu rühren, vornehmes Abwarten habe keinen Sinn,
zumal seit dem Tod der jungen Frau Zurmühlen üble Dinge auch darüber
gemunkelt würden.
Zwei Stunden darauf saß Erwin in der Eisenbahn. Der Gedanke, zu spät
erwogen, daß Virginia von dem lästerlichen Unfug erfahren könne, machte
ihn bleich vor Scham. An einem Sonntagmorgen traf er in Wien ein und
benachrichtigte Marianne sogleich.
Sie kam. Sie sah abgehärmt und müde aus. Nur ein schillernder Glanz
in den Augen verriet eine gleichsam festgefrorene Energie, welche die
Triebkraft einer Wahnidee besaß. Die durchlebte Einsamkeit veranlaßte
Erwin zu Betrachtungen von nicht ganz selbstischer Art. Er sah im
Geist eine Marianne, von der noch nicht der Blütenschnee der Jugend
abgestreift war, das leichte Kind, den Genossinnen von Spiel und
Tanz noch nicht entführt, noch liebenswürdig in seinem Werben um den
Prunk der Welt und um die Liebe der Herzen, noch nicht enttäuscht von
treulosen Liebkosungen, noch nicht entsittlicht und erschöpft.
Freilich, dies erbitterte ihn, daß sie sich erschöpfen ließen. Da war
keine Lockung mehr.
Selbst das Auge, dieser Inbegriff des Lebendigen, das ihn stets
belebte, stets gewann, es versagte. Er wurde hart. Anstatt zu bitten,
forderte er. Marianne lachte ihn aus. Sie schickte sich an, zu gehen,
er hielt sie zurück. Noch eine Viertelstunde, und sie sprachen vertraut
miteinander. Sein Wesen verriet ihr, was an ihm nagte; kaum konnte sie
ihren schmerzlichen Neid verbergen. Sie überschüttete ihn mit Hohn, und
er schien ihr Recht zu geben, aber sein unsinniges Verlangen wuchs,
indem er sich preisgab. Marianne brauchte nur den Namen Virginias zu
nennen, und Virginias Bild leuchtete durch die Mauer, strahlte durch
Marianne hindurch wie der Mond durch den Nebel.
Er griff sich an den Kopf. Ihm dünkte, er gewahre Virginia, wie sie den
Mond mit ihren Armen umfaßt hielt, damals am Wasserbecken im Garten,
das Antlitz hingewendet, aufgereckt zu höherer Schlankheit, unwissend,
daß ihre Gebärde in einer schwer zu beschreibenden Weise nicht mehr
ganz schamhaft sei, doch gerade nur so, daß erst der Schamloseste
der Schamlosen davon geheimnisvoll befeuert werden konnte. Deine
Himmelshöhe kann mich nicht verhindern, nach dir zu greifen, dachte er,
und seine Augen feuchteten sich vor Zorn. Widerstehe! rief ihm eine
Stimme zu, und es dünkte ihn ein Widerstand, ein Ruhen, ein Herabzerren
ihres Bildes, wenn er tat, was Marianne von ihm wünschte. Der wildeste
Trotz schäumte in ihm, und er sagte sich: auch wenn ich dies täte, auch
dann wärst du mir noch sicher, auch dann noch müßtest du mein werden,
auch dann noch! Und wie verführerisch, Marianne den Beweis zu liefern,
daß sie seine niedrigste Dienerin würde, indem sie ihn in ihrer Macht
wähnte.
Er hätte sich’s am Ende zugetraut, die schimpflichen Gerüchte zu
ersticken und Mariannes Entwürfe zu durchkreuzen, aber mehr als den
gesellschaftlichen Sturz fürchtete er jetzt die Zersplitterung seiner
Kräfte. Alles erschien ihm wesenlos, was nicht zu dem einen Ziel
führte, und er glaubte sich an Marianne wie an dem ganzen Geist der
Gesellschaft schon durch die ungeheure Verachtung zu rächen, die er den
Einrichtungen entgegensetzte, welche für heilig und nicht verletzbar
galten.
»Gut, ich werde dich heiraten«, sagte er gelassen, »jedoch knüpfe ich
zwei Bedingungen daran. Du gehst zur Baronin Resowsky und erklärst ihr,
daß ich mich mit deinem Bruder Sixtus geschlagen habe. Ich nehme als
selbstverständlich an, daß du beim Legen der Schlingen deine Person
nicht derart bloßgestellt hast, um mir diesen Ausweg zu verrammeln.«
»Gewiß nicht.«
»Du gibst das genaue Datum an, das mit den damals erschienenen
Zeitungsnotizen übereinstimmen muß. Frau von Resowsky wird dann Sorge
tragen, daß man im Klub erfährt, wie sich die Sache verhält. Die zweite
Bedingung ist, daß unsere Ehe vorläufig geheim bleibt und erst, wenn
ich den Augenblick für geeignet halte, zur Kenntnis der Welt gelangt.
Keinesfalls vor Ablauf von zwei Monaten. Bis dahin bleibst du auf
meinem Landgut bei Takern in der Steiermark.«
»Ich verstehe«, erwiderte Marianne blaß und mit boshaftem Lächeln.
»Bist du damit einverstanden?«
»Ja.«
»Ich habe dein Wort?«
»Du hast mein Wort.«
»In acht bis zehn Tagen können wir in Ungarn getraut werden. Von einer
kirchlichen Zeremonie ist natürlich keine Rede. Unmittelbar nach der
Trauung reisest du nach dem Gut, und niemand erfährt deinen Aufenthalt.
Die Geldsummen, die du brauchst, werde ich dir durch meinen Advokaten
anweisen lassen.«
»Ich verstehe«, antwortete Marianne.
»Bleibt es dabei?«
»Es bleibt dabei.«
Marianne spürte die Erniedrigung und erkannte sein Va-banque-Spiel.
Ihre Brust war voller Kälte, und der Sieg stimmte sie nicht
zuversichtlich. Sie hatte Angst um sich, Furcht vor Erwin, und der
tödlich verwundete Stolz hatte keine andere Zuflucht als die Erinnerung
an eine Liebe, die fern war wie ein Kindheitstag. Es war, unbewußt,
die letzte Hoffnung gewesen, daß Erwin ihren Stolz, den sie selbst
zertreten, großmütig wieder aufrichten werde. Dies hätte sie ihm
überschwänglich danken, dafür hätte sie hinsinken können, doch nun war
alle Herrschaft im Bösen.
Am sechsten September fand in Preßburg die standesamtliche Verbindung
in größter Heimlichkeit statt. Als Zeugen dienten der Gutsverwalter
aus Takern und dessen Sohn. Vor dem Rathaus wartete der Wagen mit dem
Reisegepäck. Frau Marianne Reiner fuhr allein zum Bahnhof.