I.

_Berlin_, d. 16ten Nov. 1820.

_Mein hochverehrter vielgeliebter Freund!_

Ich wage es, Ihnen diesen Titel zu geben und hoffe, daß Sie mir

deßhalb nicht zürnen werden, denn warum hätten Sie mir während meines

Aufenthalts in Dresden ein so schätzbares Wohlwollen gezeigt, mich

Ihren lehrreichen Umgang so freundlich genießen laßen, die Aeußerungen

meines Gemüths, das sich durch Ihren Geist und Ihre Persönlichkeit so

sehr angezogen fühlte, so liebreich aufgenommen? Ich verdanke Ihnen die

genußreichsten Stunden, die ich seit langer Zeit erlebt habe, in deren

Erinnerung mir unauslöschliche herrliche Eindrücke bewahrt bleiben.

Warum ist es mir nicht vergönnt, in Ihrer Nähe zu leben! wie freue

ich mich darauf, Sie wiederzusehen, meine Darstellungen Ihrer Prüfung

zu übergeben und Ihr Urtheil darüber zu empfangen; aber leider kann

ich noch nicht sagen, wann. Die Einweihung des neuen Schauspielhauses

ist noch immer unbestimmt, es war jetzt wieder davon die Rede, daß

sie zum Carneval stattfinden dürfte, es ist aber in allen diesen

Angelegenheiten kein rechter Ernst. Die Sache wird als ein Amusement

angesehen und so behandelt; eröffnen wir zum Frühjahr die Bühne, so

kann ich an keine Reise dencken vor dem Herbst; auf alle Fälle wird

man zu Neujahr sehen und schließen können, wie es wird. Die Paar

Wochen Ruhe in Dresden, wo ich Gelegenheit hatte, über unser Treiben

und Thun hier etwas nachzudenken, haben meinen Mißmuth an dem hiesigen

Theaterwesen nur vermehrt, und so wie ich die Sache gefunden habe,

auch die Stimmung des Publikums, dem die Ohren noch von dem Gebrüll

der †††† ausgeweitet sind; so könnte es wohl kommen, daß ich mich nach

einem anderen Wirkungskreiß umsehe. Das Trauerspiel hat keine Aussicht

aus dem jetzigen gedrückten Zustande herauszukommen, die Oper breitet

sich immer mehr aus, und es mag wohl auch eine Folge der Trompeten

und Pauken sein, daß man hier das Beste der Schauspielkunst in derben

Lungenflügeln sucht. Auf Lebensgenuß muß man ganz verzichten, es ist

kein Ruhepunkt in unserer Theatermaschine; von Vergangenem nie die

Rede, eine ewige Sorge für den anderen Tag, so peitscht man das Leben

vor sich her, als ob man es nicht erwarten könnte, damit zum Schluß zu

kommen. -- Verzeihen Sie, ich klage Ihnen über Dinge vor, die Ihnen

vielleicht längst gleichgültig geworden sind, weil Sie einsahen, daß da

keine Hülfe ist, wo man sie nicht anwenden kann oder darf.

Das beste Theater in Deutschland ist jetzt in Ihrem Zimmer, an Ihrem

runden Tische, bei 2 Lichtern, das dritte ist noch zu viel. Da ist

Ensemble, Styl, Harmonie, Inspiration, Humor und Alles was wir nur

wünschen können; dabei machen die Schauspieler dem Director keine Noth,

und er hat ein dankbares Publicum. -- An den König Johann habe ich noch

nicht kommen können, obgleich ich bereits alles vorbereitet habe. Da

ist noch so viel bestellte Arbeit, die ich erst vom Halse schaffen muß;

ich habe indessen den Spieler von Iffland einstudieren müssen, und den

Leuchtthurm in Scene gesetzt, der getheilten Beyfall fand; das ist zwar

bei Allem in der Welt der Fall: aber ich meine hier, die Aeußerungen

darüber waren getheilt. -- Mit Ihrer Ansicht von dem Hamlets-Monolog

kann ich mich noch immer nicht befreunden. Wenn seine Reflectionen

nicht auf den Selbstmord gerichtet sind, wie erklären Sie die Worte:

„Wer trüge Lasten und stöhnte unter Lebensmüh, wenn er sich selbst in

Ruhstand setzen könnte &c.?“

Vorige Woche hatte ich Maria Stuart und Wallenstein, diese Woche:

Kaufmann von Venedig, Ingurd und Lear; Sie können daraus sehen, wie ich

den Congreß in Troppau zu benutzen verstehe, dabei fahre ich noch einen

Tag in dieser Woche nach Potsdam und lasse dort die Sappho ins Wasser

springen; die Armen sehnen sich lange darnach, etwas Aehnliches fällt

dort das ganze Jahr nicht vor, als wenn sie ihre Katzen ersäufen.

Angeschlossen folgt denn auch das Schauspiel von Ihrem ergebensten

Diener, es ist mit Gesang und Tanz, denn es ist in Berlin gedichtet.

Halten Sie es würdig in dem geistreichen Kreise vorzutragen, der

Sie umgiebt, so möge es mein Andenken auf eine freundliche Weise

hervorrufen, und meine schönsten Grüße in die Mitte einer Versammlung

bringen, deren ich mit Dankbarkeit und herzlicher Zuneigung gedenke.

Das Manuscript bitte ich dann an den dortigen Theaterintendanten Herrn

von Könneritz abzugeben, der für eine sächsische Preciosa zu sorgen für

mich die Gefälligkeit haben wird.

Wie gern setzte ich diesen Brief fort, könnte ich mich überzeugen, daß

meine Aeußerungen einiges Interesse für Sie haben dürften. Wie nützlich

und erfreulich würde es mir sein, wenn ich in der Folge meine Zweifel

dem Meister schriftlich mittheilen, und seinen Rath erbitten dürfte,

doch darüber erwarte ich erst Erlaubniß. Ihre Zeit ist kostbar, sie

sei Ihrer Erholung oder dem Ruhme der Nation ferner geweiht, ich habe

Ihnen während meines Aufenthalts schon viel davon entwendet; aber das

sage ich Ihnen von Herzen, daß mich dieser Raub recht glücklich macht.

Es ist etwas Unschätzbares um die persönliche Bekanntschaft eines

Dichters, den man durch seine Werke liebgewonnen; ich fange von vorn an

Sie wieder zu lesen mit neuem doppelten Genusse. --

Für heute wie für immer bitte ich um Entschuldigung und Nachsicht, wenn

meine Briefe abgerissen und verwirrt scheinen, dieß ist eine Folge

meines métiers, es giebt der ruhigen Augenblicke so wenige, und man muß

sich den Kopf auf so mancherlei Weise füllen. Die Ifflandsche Prosa muß

auf der selben Stelle Platz nehmen, wo zuerst der Shakespear noch nicht

weichen will, das macht denn manchmal Unordnung im Gehirn, und so muß

ein tüchtiger Schauspieler wenn auch nicht verrückt, doch eigentlich

immer ein wenig verwirrt erscheinen.

Ich bitte den Damen meine Verehrung zu bezeigen, und meine neuen

Bekannte vielmal zu begrüßen; Ihnen mein lieber herrlicher Freund und

Meister meine unwandelbare Ergebenheit und Hochachtung.

_Wolff_.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 276 / 310 题