_Berlin_, d. 2ten Februar 28.
_Wohlgeborener,
Hochgeehrter Herr Hofrath_.
Seit meiner letzten Zuschrift an Ew. Wohlgeboren verfloß abermals
ein Monat, ohne daß ich mich der erbetenen Antwort erfreuen durfte.
Im Ganzen sind nun die oft genannten Manuscripte fast ein Jahr in
Ihren Händen; Sie bemerkten, daß sie mit Talent und Liebe verfaßt
seien, und schwiegen die lange Zeit hindurch, schwiegen auf meine
wiederholte dringende Bitte! Unerklärlich nach meinen Principien. Ein
Mann, denk ich mir, mit Kraft und Liebe der Dramaturgie ergeben, von
großem Einfluße auf Literatur und Kunst, wie er selbst wißen muß, ein
berühmter Dichter, human -- ein solcher, meine ich, unterrichte gern,
wo er Talent wahrnahm, wo er aufrichtig, zutrauensvoll um Unterricht
gebeten worden; sei auch der Kreis seiner Thätigkeit sehr groß, größer
als ich ihn _hier_ denken darf, ein Stündchen oder zwei -- und
so viele Monate! Wenn aber die Anerkennung dieses Talents zu früh
geschah, bei näherer Würdigung nicht haltbar schien? Aber bat ich nicht
um Kritik im Allgemeinen? zwei Worte hätten dann genügt, ich hätte
Antwort. Doch ist jener Fall Voraussetzung schlechthin, denn weder ich
weiß mich so isolirt mit meiner Weltanschauung, daß nicht, was mich
ergriff und beschäftigte, auch Andere ergreifen müße, noch weiß ich,
daß Ew. Wohlgeboren jene mathematische Begeisterung kennen, die nach
äußeren Regeln empfindet, in Zahlen die Wege des Himmels berechnet
und nur gelten läßt, was von solchem Krüppel seinen Ursprung nimmt.
Das ist es ja eben, was mich bestimmte, bei Ew. Wohlgeboren Raths zu
erholen, weil Sie das Maaß des tragisch Schönen nicht in _einer_
Doctrin suchen und -- doch hiervon wollt ich nicht sagen, sondern nur
jene Prämiße rechtfertigen. Vielleicht waren Sie einmal in einer Lage,
wie _ich_ bei dieser Angelegenheit, vielleicht nicht, dann kann
es Ihnen nach all’ den Zuschriften nicht schwer sein, sie zu denken,
denken Sie an sie, und hierum bitt ich wieder.