VI.

(Ohne Datum.)

_Verehrter Herr und Freund!_

Im Drange der Geschäfte benutze ich doch die Gelegenheit, die sich mir

durch den aus Göttingen kommenden Herrn Sillig darbietet, um Ihnen

durch diese wenigen Zeilen zu zeigen, wie gern ich Ihrer gedenke.

Ich sende Ihnen einen Aufsatz mit, den ich über Ihre kürzlich

erschienene Novelle geschrieben. Ich lege demselben aber nicht den

allergeringsten Werth bei und muß, um Ihre Nachsicht für denselben

auszuwirken, noch insbesondere hinzufügen, daß derselbe ursprünglich

von mir für die _musikalische Zeitung_ bestimmt war. Diese

wird _meist_ von Musikern gelesen, in deren Hände sonst

wenig Litteratur kommt. Da ich nun von diesen Ihre Novelle ganz

_besonders_ gekannt wünschte, so entschloß ich mich denselben das

Wesentlichste davon mitzutheilen. Um aber nicht _bloßer_ Referent

zu seyn, erlaubte ich mir manchmal die Einrede. Nehmen Sie dieß mit

freundlicher Nachsicht auf!

Ueber Krause’s Lage höre ich nicht viel Erfreuliches. Herr Sillig kann

Ihnen mehr sagen. _Mir_ hat er noch gar nicht geschrieben; er

macht es darin, wie andere Leute, von denen man gern selbst nur ein

Zeichen sieht und sich oft darnach sehnen muß.

Raupach war auf einige Tage hier; ich traf ihn beim Hofrath Küstner

und fand ihn eben nicht anziehend. Anziehender soll seine Reise nach

Italien seyn, die er eben edirt hat. Das hiesige Parterre brachte ihm

bei der Vorstellung der großen Fürsten Chawansky ein nothgedrungenes

Vivat, zu welchem die Schauspieler, welche herausgerufen wurden,

gewissermaßen aufforderten. Jetzt ist die gespenstische Tarnow hier.

Lauter fremde Geister! Nur mit Ihrem Besuche will es nicht mehr werden.

Hoffentlich liegt kein Hinderniß in Ihren Gesundheitsumständen. Aber

was machen Sie? Dieß wünscht sehnlich zu wissen

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 251 / 310 题