V.

Sonntags, den 8. Juni 23.

_Mein verehrter Freund!_

Sie haben mich durch Ihren Brief sehr getröstet und erquickt. Möge

das heilende Bad von Töplitz Sie körperlich eben so erquicken. Sie

werden nun durch solchen großen Zeitverlust in Arbeiten wieder sehr

zurückgesetzt werden und unter mancherlei Unterbrechungen die Stunden

einer regelmäßigen Badekur kaum abbrechen können, um die Pressen zu

befriedigen, welche alle nach Ihrem Manuscripte schreien. Dieß bestimmt

mich, aus wahrer Freundschaft und Besorglichkeit für Ihre neugewonnenen

Kräfte, Sie für diesmal Ihres Versprechens zu entlassen, mit der

Bitte, wenn es Ihnen möglich ist, wenigstens Herrn _Brockhaus_

das gegebene Versprechen zu erfüllen. Ich habe letzterem als Freund

versprechen müssen, ein Wort für ihn in dieser Hinsicht zu sprechen.

Doch bleibt letzteres natürlich unter uns.

Gegenwärtige Zeilen bringt Ihnen der junge Schauspieler, den ich dem

Herrn Geheimrath Könneritz empfohlen hatte, Herr Jerrmann. Er wird

sich sehr freuen, Sie kennen zu lernen. Sie werden ihn gütig belehren

und er wird dankbar Ihre Winke aufnehmen und sich sehr freuen, wenn

er Sie etwas vorlesen hören kann. Von Eßlair wird er Ihnen manches

zu sagen wissen; er ist wohl gewissermaßen sein Schüler gewesen. Was

Sie über Wallenstein gesagt, über Otto von Wittelsbach, finde ich

treffend. In Hinsicht des Dallner kann ich darum nicht ganz mit Ihnen

übereinstimmen, weil ich den Charakter des Dallner für consequenter und

wahrer gezeichnet halte, als Sie glauben, weshalb ich auch Ifflands

Darstellung für gelungener halte. Die strenge Redlichkeit im Dienste

erlaubt eine Härte gegen Angehörige, welche unbillig wird. Sieht der

Handelnde, daß er zu weit gegangen, so bricht das alte verdrängte

Gefühl wieder hervor. Die Geschäftsmaschine stockt beim Dalner,

der Mensch macht seine Rechte wieder geltend, daher die rührende

Weichheit des Gekränkten. In Leipzig gab ihn Eßlair von vornherein fast

gebrechlich, da kam es freilich nicht zu Contrasten, bei welcher Lösung

er sich als Künstler zeigen konnte. So in _Leipzig_. Vielleicht

hat er sich in Dresden wieder mehr zusammengenommen, da seine Reise im

vorigen Jahre durch einen großen Theil von Deutschland so wenige Spuren

von lebhaftem Interesse an ihn und Anerkennung der Kritik zurück ließ.

Gern wünschte ich Ihnen mitzutheilen, was ich über Eßlair geschrieben;

aber ich besitze es wahrlich selbst nicht. Vielleicht finden _Sie_

es in einem Dresdener Journalinstitut oder in der Königl. Bibliothek,

welche auch Unterhaltungsblätter sammelt, nehmlich im Morgenblatt

von 1822, Nr. 172 und 173 und 177 bis 178; über Dallner insbesondere

Elegante Zeitung 127 bis 136, 1822.

Gestern las ich eine Recension des Romans von Dinoncourt, der

ebenfalls _den Cevennenkrieg_ zur _Grundlage_ hat. ~_Le

Camisard_ par M. Dinoncourt auteur du serf du XV. siecle 123, T.

I-IV Paris chez Lepetit.~ Die Recension des Romans steht in der

hallischen Allgem. Litteratur-Zeitung 127 d. J. Dies zur Notiz.

Daß ich die Sache mit Herrn Richter abgeschlossen, werden Sie durch

Zusendung des Geldes hoffentlich erfahren haben; und so werden Sie mich

stets finden als Ihren

innig ergebenen und bereitwilligsten

_F. A. Wendt_.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 250 / 310 题