Es wird Dich wohl nicht befremden, wenn ich von Schmohls Briefen weiß.
Gütiger Himmel, es ist eine traurige Erfahrung, daß sich Menschen so
fürchterlich ändern und so räthselhaft werden! Ich mag kein Wort weiter
drüber verlieren. Aber das wünschte ich, dazu beytragen zu können, daß
Du Dich beruhigest. Du kannst es Dir ja wohl vorstellen, daß Deine
liebe gute Schwester Deine Aeltern und sich selbst mit den natürlichsten
Gründen gegen jene mir unbegreiflichen Niederträchtigkeiten besänftiget
hat. Gottlob daß Du fort aus Halle bist. Schreiben wirst Du ihm
doch gewiß wohl nicht. Ich wünsche von ganzer Seele und bitte Dich
inniglich, ihn und seine schlechten Streiche so bald als möglich zu
vergessen. Ich mag nichts mehr davon sagen, über diesen unerhörten
Vorfall. Ich bitte Dich nur, Dich zu beruhigen, lieber Tieck!
* * * * *
Donnerstag, Abends.
Gestern war ich mit Bernhardi in dem Koncert, wie gewöhnlich des
Mittwochs. Weil ich da gewöhnlich sehr aufmerksam bin, so ist es mir
besonders auffallend, wie _müde_ die Musik mich immer macht: ich
fühle es wirklich sehr, wie die Töne, wenn man sie mit ganzer Seele
aufnimmt, die Nerven ausdehnen, spannen und erschlaffen.
Bernhardi grüßt Dich herzlich, wird Dir bald antworten und macht sich
zu einer recht fleißigen Korrespondenz mit Dir im Winter Hoffnung. Du
hast auch an Rambach geschrieben? und an Deine Schwester? Wir wundern
uns alle, aber nicht ohne herzliche Freude, über Deine Sorgfalt und
Aemsigkeit im Schreiben. Ich höre Du bist so fleißig in G., und lebst
vergnügt. Bleib gesund und arbeite nicht zu viel, damit ich Dich auf
Ostern wohlauf sehe.
Du glaubst nicht, wie lebhaft ich gestern Abend, am Ende des
Konzerts, als ich im Winkel saß, an unsre herrlichen Tage auf der
Reise, besonders an den in Wörlitz dachte. Gott was war das für ein
Vormittag! Idealischer hab’ ich nie einen erlebt. Erinnerst Du Dich
des halben Stündchens, da wir in dem Felsengemache auf den Steinen
saßen, und durch die Oeffnung auf den ruhigen Kanal heruntersahn? Wie
lachte alles um uns her, wie milde leuchtete die Sonne, und in welch
liebliches Blau hatte sich der Himmel gekleidet! Bey allem dem aber
bin ich fast überzeugt, daß ich mir diesen Morgen jetzt noch schöner
vorstelle, als er in der That war; und ich glaube, daß es mir mit allen
meinen vergangenen angenehmen Schicksalen so geht. In der Erinnerung
sondert die Phantasie alles Heterogene von selber ab, scheidet alles
stillschweigend aus, was nicht in den Hauptcharakter des Bildes gehört
und giebt uns für das immer noch mangelhafte individuelle Bild ein
Ideal. Noch eigentlicher ist dies das Geschäft der Hoffnung. Ueberhaupt
glaub’ ich, daß in der Welt nichts so schön sey, daß man sichs nicht
noch schöner vorstellen könnte, und daß also der so gemeine Ausruf
bey einer schönen Gegend: man kann sie sich nicht schöner vorstellen,
grundfalsch ist. Einen Strauch hingesetzt, wo ein dürrer Fleck, eine
Lücke in der Landschaft war; eine hervorstehende Felsmasse, die
eine reizende Aussicht verdeckt, weggenommen; und das Ganze gewinnt
unter unsrer schöpferischen Hand unendlich. Doch das ist wohl leicht
einzusehn.
Neulich hat der Vater von meinem Herrn Vetter geschrieben. Ich kann
es ihm nicht verdenken, daß er es etwas übel genommen hat, wenn ich
mich von seiner Gesellschaft so entfernt hielt auf der Reise. Doch,
einerley. Sein Sohn wird in Erlangen, vermuthlich mit seinem Vetter,
der schon da ist, zusammenziehn. An diesen werde ich schreiben, um mir
Quartiere für uns, in Einem Hause zu bestellen. Mich dünkt, Du hast mir
auch sonst gesagt, lieber in andern Häusern als in Professorhäusern. --
Ich wünsche von ganzer Seele, daß Du mich nicht allzu fade wiederfinden
mögest. Ich bin sonst jetzt in der schönsten Schule, es zu werden. Aber
noch ein Wort über den Umgang mit meiner täglichen Gesellschaft. Ich
kann mich noch immer nicht überzeugen, und werde es auch schwerlich,
daß man bey dergleichen Leuten seinen Charakter so ganz offen zeigen,
und bey jeder Gelegenheit, wenn auch nicht seine ungewöhnlichern
Meynungen mit Indiscretion aufdringen, doch sie ganz rund heraussagen
müsse, wenn man dazu veranlaßt würde. Meine Meynung ist: sag’ ich
so einem Menschen Einen Satz aus meinem System, äußere ich ihm Eine
Behauptung aus meinem eigenthümlichen Vorrath von Grundsätzen, so
weiß er das ganze System, sieht gleich, daß ich in die Klasse der
Sonderlinge gehöre, und ich komme immer in Kollision mit ihm. Sage ich
ihm z. B. der oder jener scheint mir fade, so kommt den Augenblick eine
Gelegenheit, wo er mit diesem einerley Meynung ist, mit ihm gleich
dumm gesprochen hat. Oder man sieht mich immer als einen Menschen an,
der alles besser wissen will (wenn ich auch mit aller Bescheidenheit
Paradoxa vortrüge, -- und ein Paradoxon ists ja selbst, daß -- die
Hagestolzen schöner sind als Don Juan); man nimmt wohl zuweilen zu
meinem Richter-Ausspruch als zu einem Orakel, seine Zuflucht, aber man
hält sich auch hinter dem Rücken über mich auf. Ueberdies traue ich mir
nicht zu, diese Rolle beständig und ununterbrochen zu spielen: und
eine _Rolle_ ist wirklich mein eigener Charakter bey Leuten wie
jene; -- ich bin zuweilen auch menschliche, sinnlicher, lustiger,
gewöhnlicher; was kann mehr auffallen als diese Ungleichheit? Man wird
sich ruhig zurückziehn und kalt gegen mich seyn, auch wenn ich mich
recht herzlich über das schöne Wetter freue, oder über eine lustige
Anekdote vertraulich mitlachen will. Mich dünkt (wenn meine Worte
meine Gedanken jetzt im Augenblick auch nicht passend und glücklich
genug ausgedrückt haben), Du kannst mir in dieser Sache den traurigen
Ruhm mehrerer Erfahrung wohl zugestehn! -- Wenn ich Dir nur noch
Beyspiele geben könnte. -- Aber mir wollen keine beyfallen. Genug,
ich kann meinen wahren Charakter nicht ganz zur Schau stellen; ich
würde ihn selbst dadurch vielleicht verderben und ihm eine falsche
Richtung geben. Ich überdecke also seine vielleicht anstößigen Stellen.
Nun aber glaube ja nicht, ums Himmelswillen nicht, daß ich mich so
erniedrige, meine Hauptgrundsätze zu verläugnen. Nichts in der Welt
ist mir gehässiger und würde mich selbst mehr mit Schaamröthe beziehn,
als wenn ich’s auf ähnliche Weise wie ein Musiker in Berlin machte,
der, um nicht anzustoßen, in jeder Gesellschaft, wenn man ihn nach
Alessandri’s Musik fragte, vortrefflich, vortrefflich antwortete,
ohne ihn je innerlich leiden zu können. Meine Universalmedicin, mein
Arkanum, was ich schon so unendlich oft in so unendlich mannigfaltigen
Fällen mit Vortheil angewandt habe, ist -- das Schweigen, oder auch,
was fast eben so viel ist, eine ganz allgemeine, ganz unbestimmte,
ganz unbefriedigende Erklärung, die eigentlich die Antwort mehr
von sich ablehnt, als wirklich antwortet. Auch hinter spitzfindige
Zweydeutigkeiten versteck’ ich mich nicht gern. Folgt’ ich nicht
diesen meinen Regeln, so würde ich (Du kannst wirklich das nicht so
ganz einsehen als ich) jeden Moment anstoßen. Langeweile, schlechte
Gesellschaft, Geschmacklosigkeit, und wer zählt alle die Gegenstände
die bey solchen Herren im Gespräch anzüglich seyn können? Du sagst
sehr richtig, daß ich mich vor ihnen nicht zu zwingen und zu geniren
brauche. Aber was hilfts mir, Streit und mißvergnügte Stunden zu haben?
_Ich_ sehe kein ander Mittel, als mich ihnen (hoffentlich weißt Du
nun in welcher Hinsicht) etwas zu nähern. -- Freilich kann ich nicht
läugnen, daß ich mich zuweilen wohl etwas zu weit erniedrige, nur um
durch einen Einfall _sie_ zu amusiren und _mich_ vor der
Langeweile zu bewahren; allein welche Uebereilung, welche Schwachheit
wäre in einer mühseligen Prüfungszeit von 365 Tagen und noch halb 365
Tagen, nicht verzeihlich? Und versichern kann ich auch, daß ich wohl
öfter noch, auf der andern Seite, etwas zu sehr in die mir natürliche
Hitze komme, wenn ich sehe, daß man _gar_ zu albern spricht und
urtheilt. Doch schweig’ ich bald, so gern, so sehr gern ich auch oft
meine Leidenschaft ausließe (Du kennst mich). Beide Extreme mußt Dir
aber nicht _zu_ übertrieben vorstellen. (Doch, abermals: Du kennst
mich; -- ich habe ganz aufrichtig geschrieben, wenn auch nicht immer
mit den passendsten Worten.) Was meynst Du nun?
Rambach, der mir heut wieder eine _vortreffliche_ Stelle aus
seinen Syrakusern (Ist: Hiero und seine Familie genannt) vorgelesen hat
(Bernhardi, mit mir, haltens für sein vollendetstes Werk), fragte mich
heut auch, ob ich nichts für mich schriebe? Ich habe keine lebendige
Aufmunterung; die Hälfte meiner Seele ist von mir gerissen! Und meine
Zeit wird von oft nicht würdigen Dingen und Zerstreuungen besetzt.
Ach! die Jurisprudenz! Wann werde ich mich überwinden können, nur
mein Gedächtniß mit der Terminologie, Definition, Distinktion u. s.
w. zu bemühen! Was ist das Römische Recht für ein seltsam Gewebe von
Worten und Worten und Worten, womit die einfachsten Sachen umsponnen
sind! Und was führt ein Richter für ein Amt! Eine Begebenheit, die
Herzen zersprengen und Köpfe wahnsinnig machen kann, eine Sache der
Leidenschaft, der menschlichen Seele, wie sieht er sie an? Er sucht
unter den verschiedenen barbarischen Namen, welche die Römer den Klagen
gegeben haben, den aus, der für den Fall paßt; und nun wird das Uhrwerk
aufgezogen; es geht seinen Gang und läuft ab. Es ist grade so, als
wenn der Knabe, der rechnen lernt, auf seinem schematisch aufgesetzten
Einmal Eins oben 4 an der Seite 5 aufsucht, und mit beyden Fingern
zusammenfährt, bis er auf 20 trifft. Ehe diese Sache zu Ende ist, sind
schon 100 neue eingelaufen: das Räderwerk geht immer und ewig, -- jene
Menschen trotzen aller menschlichen Empfindung, nähren sich von Blut
und Thränen; -- o man kann sich das Bild sehr schrecklich machen! --
Aber freilich sprech ich wohl etwas einseitig. Ich selbst indeß mag nie
Richter, nie ein großer Jurist seyn. -- --
Du bist von mir immer das aufrichtigste Urtheil gewohnt gewesen. Dies
und nichts mehr mag die Einleitung dazu seyn, daß ich Dir gestehe, in
Deinem Adalbert und Emma, das ich heut Abend durchgelesen habe, wenig
Vortreffliches gefunden zu haben. Das meiste ist (ich spreche immer
von Dir, und in Vergleichung mit dem was Du vermagst) sehr gewöhnlich,
und trägt die deutlichsten Spuren der Flüchtigkeit an sich. Warum
müssen doch Leute wie Du, so schnell schreiben! Die Züge, die Du an
10 verschiedenen Orten unter 100 weniger schönen hinwirfst, könnten,
zusammengestellt, Meisterstücke geben! Wenn doch mehr vollkommene,
wenigstens mehr ausgearbeitete Werke erschienen. -- Doch dies paßt
hier nicht. -- Im Ganzen bleib’ ich hartnäckig bey meinen Gedanken,
daß das Charakteristische des Ritterkostums im ganzen Geiste nicht so
recht dargestellt ist. Aber darüber ein andermal. Dann kommts mir so
vor, als wenn nicht die einzelnen Umstände unter Deiner Hand sich
Dir dargeboten und sich zu Deinem Zwecke hingeneigt hätten, sondern,
als wenn Du sie immer selbst hättest zusammenholen und zum Ziele
bringen müssen. Ich meyne, man sieht zu sehr immer das Bedürfniß des
Verfassers; es ist alles zu schwach. Auch sind Deine Schilderungen Dir
zu häufig entfahren. Ich könnte Dir viel Belege und Beyspiele zeigen,
aber das ist zu weitläuftig. Die Schilderung, wie Emma ihren Adalbert
nach und nach vergißt, und Friedrich hingegen das Gegentheil, ist
_sehr gut_. Aber dadurch daß Emma nachher gleich zwischen Wilhelm,
den sie zum erstenmale sieht, und Adalbert, einen ehemaligen wahren
Geliebten, dessen Gedächtniß in ihrer Seele _schlummert_, gleich
eine so grelle Vergleichung anstellt, ist _höchst widrig_. Die
einzige ächt genievolle Stelle, die mir sich aufgedrungen hat, ist die
Schilderung von Adalbert’s Hinreiten zur Friedens-Burg, am Ende: diese
ist sehr erschütternd. Die Idee in den letzten Versen am Ende ist sehr
artig. Die Stelle: Als er am Morgen aufwachte, war Adalbert und sein
Versprechen, sein Erster Gedanke: ist ganz aus der menschlichen Seele
geschöpft.
_Sonnabend_. Gestern Abend hab’ ich Deiner Schwester den
neuen Theil des Stücks ganz vorgelesen und mich über ihre Urtheile
_sehr_ gefreut. Sie stimmten fast _durchaus mit den meinigen
überein_. Sie sagte sehr richtig bey jener widrigen Stelle: Eine
neue heftige Leidenschaft _verlischt gänzlich die Erinnerung der
alten_. In Löwenaus Entschuldigung vor sich selbst sind auch viel
wahre und schöne Stellen, nur zerstreut.
Meinen herzlichen Gruß an Deinen Burgsdorf. Wißmann läßt Dich grüßen.
Ich freue mich unendlich auf Ostern und auf die Zeit nach Ostern! Ich
bestelle Dir noch eine Stube und eine Kammer? -- Schreib mir bald,
mein liebster, einziger Tieck und bleib’ gesund.
_W. H. Wackenroder_.