I.

_Berlin_, Dienstags. 1792.

O Himmel, lieber Tieck, wie sonderbar kommts mir vor, daß ich hier

stehe an meinem Schreibtisch, um an Dich zu schreiben: es ist das erste

Mal in meinem Leben. Doch, es kann ja nun einmal nicht anders seyn.

Mein Abschied von Dir war mir herzlich traurig; und die Stelle vor

Bernhardis Thür, wo das Schicksal uns von einander riß, wird mir

immer fatal bleiben. Aber schreib mir nur oft, und bleib gesund,

und schone Deinen Körper und Geist, und arbeite nicht zu viel, und

vergiß mich auch nicht: -- Das sind die Bedingungen, unter denen ich

Deine Abwesenheit so eben erträglich finden kann. Du weißt, daß jene

Ermahnungen aus dem Herzen kommen, und nimmst sie mir daher nicht

übel. Daß Du mir noch nicht geschrieben, verdenk’ ich Dir nicht; wenn

Du Dich aber fürs künftige an Dein mir mündlich gethanes Versprechen,

mir _wenigstens alle 14 Tage_, wo nicht noch öfter, zu schreiben,

erinnern wolltest, und es erfüllen, so würd’s mir gar herzlich lieb

seyn. Deinen Brief an Rambach habe ich gelesen, und mich sehr gefreut,

daß die Reise Dir so gut bekommen, und Du so vergnügt bist. Bleib

dabey. Mein sehnlichster Wunsch würde erfüllt seyn, wenn ich itzt durch

irgend eine zauberische Gewalt zu Dir hin versetzt würde, und mit

Dir des aufblühenden Frühlings in den schönen Feldern Deines Dorfes

genießen könnte. Du führst da ein herrliches Leben. Die Abschrift vom

1. Akt der Anna Boleyn hab’ ich auch gesehen. Hast Du noch etwas drin

geändert? Den eingeschobenen Auftritt vor Norris Monolog hab’ ich

gefunden. Schmohls und Deine Hand wechselt auf eine kuriose Art ab.

Einmal hat Schmohl nur ein Paar Worte geschrieben: es ist viel, daß

_Du_ mehr Geduld hast als er. -- Bey Rambach bin ich ein paarmal

gewesen. Er gefällt mir sehr. Schon das erstemal war er gleich so

aufgeschloßen gegen mich, daß er sich für den Verfasser der eisernen

Maske bekannte. Ich verspreche mir viel Vergnügen von seinem Umgange.

-- Vor ein paar Tagen bin ich auch mit Bernhardi nach dem Gesundbrunnen

spaziert. Ich habe mich recht sehr angenehm mit ihm unterhalten. Er

scheint sehr gern über Musik zu kritisiren und zu ästhetisiren; das

ist _mein_ Lieblingsobjekt auch; da haben wir denn so mancherley

gesprochen. Ich sagte ihm von manchen Dingen, was ich wußte: es bleibt

aber noch immer mein Verlangen, einmal in der praktischen Komposition

noch weiter zu kommen, dann würd’ ich weit reichere Quellen des

Räsonnements darüber haben; -- wenn auch nur so weit, daß ich kleine

Arien, Duetten, Chöre u. s. w. komponiren könnte, -- daß ich Dein

Lamm nach meinen Schallmeyen und Flöten auf der Bühne springen lassen

könnte. Aber -- in diesen 14 Tagen habe ich noch zu wenig Zeit gehabt,

an Dein Lamm, noch an etwas ähnliches mit Ernst zu denken. Wollte der

Himmel, ich wäre in einer so herrlichen Lage als Du jetzt. -- Mit

Bernhardi hab’ ich auch einen Satz abgehandelt, den wir auch zuweilen

wohl in unserm Gespräch berührt haben, und der mir jetzt _sehr_

einleuchtend ist: daß nämlich der Geschmack größtentheils seinen Grund

im feinern (schwächern, empfindlichern) Bau und Organisation des

Körpers habe. -- Von Wißmann hab’ ich Abschied genommen. Daß es ihm

sehr lieb seyn würde, wenn Du ihm schreibst, ist natürlich. -- Grüße

Schmohl. -- Schreib mir ja bald und oft: mein 2ter Brief wird wohl nach

Halle, nicht nach Bülzig gehen. Mein jetziger ist ziemlich kompendiös

und aphoristisch: künftig mehr. Ich weiß, daß wir beyde uns doch immer

verstehen, wir mögen uns schreiben, was und wie wir wollen. Nicht wahr?

Sonst ist es wirklich eine sonderbare Sache ums Briefschreiben. Der

ihn schreibt und der ihn empfängt, können in hundert verschiedenen

Stimmungen und Situationen seyn; und wenn beyde dann nicht genau mit

einander bekannt sind, und der letztere nicht die erforderliche Laune

hat, so sieht er jedes Wort durch eine gefärbte Brille. Doch dies

gilt nicht für uns. -- Leb wohl, lieber Tieck! und bleib mein Freund!

Denn das ist meine höchste Freude, und mein größter Stolz. Daß Du 14

oder 30 Meilen von mir entfernt bist, darf ich mir gar nicht deutlich

denken; sonst werd’ ich zu traurig. Suche so viel als möglich vergnügt

und zufrieden zu leben. Ich werd’s auch. Schreib mir nur oft und bald.

Hörst Du? recht oft! Bleib gesund.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 194 / 310 题