_Fr. Varnhagen_.
Varnh. weiß nicht, daß ich Empfehlungen schreibe! Adieu.
=Vorholz.=
Wenn diese Sammlung den Hauptzweck verfolgt: Tieck’s Angedenken
unserer jüngeren Generation ehrenvoll wach zu rufen, und gewissen
Leuten vor Augen zu stellen, wie tief und innig der oft geschmähete
Meister mit seinen Werken in die Seelen der guten, klugen,
redlichen Zeitgenossen gedrungen ist, welchen Wiederklang seine
Dichterstimme erweckt hat,... dann können wir dieß Zeugniß eines
schlichten Bürgersmannes nicht hoch genug anschlagen. Es sagt
in einfachen ungekünstelten Worten unendlich mehr _für_
Tieck, als spitzige, in Gift und Galle getauchte Federn, auch von
gelehrten Gegnern geführt, _gegen_ ihn aufzubringen vermochten.
(Ohne Datum.)
_Sehr verehrter Herr!_
Ich habe den jungen Tischlermeister gelesen. Wenn je ein prosaisches
Buch mir Nahrung für Herz und Seele gewährte, so ist es Dieß,
Ihr herrliches Product. Wie bin ich froh, nicht nach dem ersten
Durchlesen gleich Gelegenheit gehabt zu haben, Ihnen Verehrter meine
Herzensmeinung darüber zu sagen, Sie hätten gewiß geglaubt, es sei in
meinem Oberhause nicht richtig. Aber! ich habe den Tischler nochmal
gelesen und werde ihn wieder lesen! und bei der zeitigen Ueberschauung
ist der Nachhall nur desto dauernder. Ist die ganze Auffassung breit
und lang, so habe ich es recht gefunden, der Tischlermeister kommt
mir vor, wie ein in die kleinsten Bedeutungen ausgeführtes Gemälde,
mit Naturschönheiten, belebten Stellen und Personen. Freilich! an dem
Urtheil des Laien liegt in der Regel wenig, doch wenn ich Ihnen sage:
daß ich diesen Leonhard nicht nur empfunden, sondern _durchlebt_
habe, wird es Sie nicht wundern. Wer anders könnte ihn zeichnen, als
eine große Seele, die den tiefsten Blick in das Leben der sogenannten
Stände gethan. Wer wie ich, es erfahren hat, daß der Stand des
Handwerkers oft das Einzige Hinderniß, daß Personen, die sich gerne
ihm hingeben möchten, sich zurückhalten, der wird finden, wie treu Sie
den Elsheim zeichneten, als er verlangte, Leonhard müsse als Professor
aufgeführt werden. Wie sehr füllte er im Hause der Baronin seine Stelle
aus, sogar die reizende Charlotte verliebte sich in den verheuratheten
Handwerksmann und doch hätte er Nichts gegolten, wenn er als Tischler
erschienen wäre, man hätte über ihn mitleidig gelächelt und ihm seinen
Plaz bei der Bedienung angewiesen! wie schön deßhalb bald nach dem
Eingang des Buches, wie schön die Schilderung des patriarchalischen
Standes des deutschen Hausvaters und Bürgers im Gegensaze mit den
französirten Halbherren der Neuzeit, o wie ganz aus meiner Seele
genommen! Das Gasthofgemälde mit der rüstigen Wirthin, dem trägen Wirth
und Allen den vielen Gästen bildet schon für sich ein anziehendes Bild.
Sie wissen es selbst, wie wenig sich die sogenannten höhern Stände
um die Andern bekümmern, hätten Sie es sonst nicht gefügt, daß die
ganze Gesellschaft im Schlosse der Baronin in Leonhard keinen Tischler
vermuthete? den alten Bedienten allein ließen Sie ganz richtig die
Wahrnehmung machen. Die Färbung des Pietismus ist so ganz Wahrheit und
wie richtig, wie die lockende Verführerin gar bald eine Fromme wird und
ihr eroberter Eheherr muß demüthiglich mit beten, sammt dem Hof und
Haushalt.
Sollte ich mich aber versteigen und Ihnen über die Zeichnungen der
Theaterstücke und ihre Aufführung etwas sagen? Das sei ferne von mir.
Ich empfinde Ihre hohe Meisterschaft, sie auszudrücken bin ich nicht
berufen, die Welt hat Ihren hohen Rang darin anerkannt. Ich bleibe
hübsch in meinem Geleise der Bürgerlichkeit und wandre mit Leonhard in
das altteutsche Nürnberg, wo ich vor zwei Jahren die weite Reise zum
Dürerfeste hin nahm und welches von Ihnen so treu, so wahr mir wieder
vorgeführt ward, wo ich so viel erfahren, was Sie an Leonhard der Welt
anschaulich machten.
Sie, verehrter Herr, haben es durchschaut und ein großer Dichter hat
es irgendwo ausgesprochen: daß es nichts poetischeres gebe, als der
Handwerksstand in Teutschland. Sie fühlen es ferner, wie sehr sich
Alles aus diesem Stande hinausarbeitet, Sie durchschauen aber auch,
daß der Titular-Fabrikant mit einem Taglöhner arbeitend, mehr gilt,
als der wackere Handwerksmann mit sechs Gesellen, daß äußerer Anstrich
mehr gilt, als die stille anspruchlose Bescheidenheit mit ihrem heitern
Loose.
Alles Dieses haben Sie bewiesen in dem Buche, für dessen reichen Inhalt
Ihnen ein treuherziger Handwerksmann die teutsche Hand drückt. Ich habe
lange gesprochen, aber, Sie haben es auch so gemacht! Könnten Sie in
mein Innres schauen, Sie würden das lesen, was ich nicht zu schreiben
vermag. Ich sage Sie würden? nein! Sie werden lesen, ein Mann der den
tiefsten Blick in die Bildungen des Herzens that, hat schon im Eingange
ersehen, was der Unfähige ihm vorlallen wollte.
So schließe ich nun und bitte die Freiheit ab, mit der ich es gewagt,
vor den großen Mann zu treten, wie die Maus vor den Löwen! Nehmen Sie
dieses nachsichtlich als einen Beweis von Dankbarkeit von einem Manne,
der nicht sagen kann, wie sehr er stets sein wird, Hochgeehrtester Herr