X.

_Berlin_, Sonntag, den 18t. März 1827.

[Illustration]

Ich verlasse mich auf Ihre Ehrlichkeit, lieber Freund, in ~Talia~

und ~Melpomene~! Diese Sache wird immer rarer; die Mißgeburthen

und Mißurtheile immer mehr überschwemmend! -- und bitte Sie nur,

den Hrn. Krüger zu sehn, wenn er in Dresden spielt! für den Rest

ist mir nicht bange. Wenn es seyn kann, nur irgend; so lassen Sie

ihn den Alexander in Uechtritz’ Stück spielen! Er fürchtet, grade

diese Rolle in _Dresden_ zu spielen, in welcher Sie mit dem

dortigen Schauspieler so zufrieden waren. Ich fürchte mich aber gar

nicht; wie er diese Rolle nahm, und leisten konnte, das war grade

sein Wendepunkt. _Seit_ der Zeit ist er ein Anderer; bis dahin

war er nicht, was er seyn konnte. Wenn auch der Herr in Dresden

diesen Alexander ganz anders nehmen und darthun mag, so spielt Krüger

einen Menschen, eine vollkommen gestaltete, zu verstehende Person in

ihm. Sie werden doch den Mimen gestatten, was Sie mit unerläßlicher

dichterischer ~générosité~ dem Dichter zulassen: die Historie

in den jetzigen, oder in irgend einen lebendigen zusammenhängenden

Moment zu übersetzen! Dies leistete mir Krüger im Alexander; ich sah

hell und klar in den Busen eines Erobrers: Nicht trüb und düster war

es zu schaun, herrschsüchtig, und Schmerz und Wunden verachtend,

zerstörungslustig, oder nicht achtend -- wie jetzige und gewesene

Helden von der Menge imaginirt, gehaßt und nicht geliebt werden. Es

war ein heitere großmüthige Seele, der es _nicht einfallen_

konnte, ein Bürgerleben zu führen, irgend etwas in’s Kleine zu sehn;

der wenn es je zur Frage bey ihm gekommen wäre, gewiß lieber den doch

alles Leben endenden Tod schnell, heiter, vergnügt vor einem kleinen

ihm ganz fremden Leben vorgezogen hätte. Den Feldherrn zeigte Kr.

im Zelte, der seine Leute genau kennt; der einen schlechten Vorfall

nicht anerkennt, und selbst Hand anlegend einen guten daraus macht.

Auch _gab er_ den Alex.: den Uechtritz zeigte vortrefflich: bey’m

Gelage z. E.: Griechenleben, umgränzt von Allem, was jetziger Anstand

fordert. Sehr gut; wenn er’s dort eben so macht. Ueberhaupt; sollte er

bey Ihnen diese Rolle geben, so halten Sie ihn an; daß er sie grad

eben so gebe, wie hier das _Erste Mal_. Besonders muß er zuletzt

_so_ abgehen und das _so_ sagen, was er zuletzt zu sagen

hat. Eine _Welt_ von zu Geschehendem that sich auf! Solch Ende

überhaupt _will ich_: nicht eine Idee, wie sie’s nennen, ein

todt-willkührlich-Abgemachtes, wie so etwas nach einer

schöngeschriebenen Vorschrift; warum nicht gar! weiter, und weiter

entwickelt sich Leben; und Dichtung geht ihm nach und vor! Lassen

Sie ihn ja Leister in Maria Stuart spielen! Wolff[13] ein geputzter,

leerer Hystrione darin: Ifland hoffend, das Publikum würde aus äußern

Gestikulazionen, Pausen, Mienenschneiderey -- Traurigkeit _über_

die Rolle -- Putzkostüm, sich selbst einen Leister zusammenmachen. --

Nichts! _der_ spielt ihn: er macht keinen Würdigen daraus: zeigt

aber wie so er unwürdig ist; und wie auch als ein Träger solches,

doch wahre Angst, Absicht, Furcht, Scheu und Entschluß haben kann.

Schiller selber hätte seinen Leister besser erkannt. Krüger hat

Stimme und Sprache in seiner Gewalt, steht über seiner Person, macht

sie zu einer (weggerissen) spielt nicht einzelne Stellen, und nach

einzelnen Ausdrücken, sondern schon aus seinen ganzen Rollen, hat sich

ausgeschrieen, ohne der Stimme zu schaden, und declamirt fast nie mehr.

Beschützen Sie solchen gut gerichteten Fleiß, und seinen jetzigen und

künftigen Ertrag.

Alles was Sie über Theater sagen, unterschreib ich das ganze Jahr

hindurch; aber _zu Hause_! selten lasse ich mich fangen zu

_der_ Ungeduld. Die machen sie mir. Doch sehe ich alles, was

zur _Geschichte_ des Bühnenwesens gehöhrt; wann das muß, das

unterscheide ich auf dem Punkt. Ich _bin_ einer der größten

Theater-Kenner. Das beweisen _Sie_ mir. Wieder; auch; denn ganz

_allein_, würd’ ich es auch glauben.

Seyn Sie gesund! Beßeres weiß ich nicht! Das lernt man ~quand on est

criblé de rhumatisme~. Er ist toll; und haust auf mich, in mir. Hr.

Krüger wird mir von Ihnen erzählen: Sie schreiben nicht. Wie schwer

wird’s _mir_!!!!!!!! Gift ist es mir. Schöne Grüße all Ihren vier

Damen! Keine soll etwa Krüger bey Ihnen verkleinern; sondern, Sie rein

und frisch urtheilen lassen. Wie sonst, und immer

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 181 / 310 题