_Berlin_, Mittwoch den 13t. Aug. 1823,
angenehmes warmes, nicht ganz
beinahe helles Gewitter-Wetter.
11 Uhr Morgens.
Was ist _das_? daß Sie einen ganz neuen Tiek uns in alten
Koffern Jahrelang vorenthalten! Mit dem größten Preis und Lob, mit
dem innigsten geflügelsten Dank, mit allen Ausdrüken der höchsten
Bewunderung wollte ich anfangen: Vorgestern kamen Ihre Gedichte heraus;
Abends las uns Varnhagen welche; und Brillanttränen der höchsten
Erschütterung -- wie der Soufleur im Meister -- weinte ich, über dem
Gelungenen, Sie: anstatt dessen, stürzt mir ein Vorwurff heraus! Beßter
_Freünd_ welch Präsent! Wie schmeichlen Sie meinem Stolz! Stolz,
gradzu stolz. Mit dem ich stolz auf Sie seyn kann. Nicht weil ich Sie
kenne, nicht weil Sie mein Freünd sind. Nein, weil Sie da sind; und
ich doch in einer Sprache mit Ihnen lebe. Mir ist’s immer als müßte
ich die ~honneurs~ machen von dem was ich liebe und vergöttre:
und sehen Sie in den ganzen Abgrund meiner Seele! dies ist, weil
ich dann von Niemand glaube, daß er es so durchdringt, auffaßt, von
jeder Seite, liebt, vergöttert, und tausendmal von vorne an, und
von neüem, wie ich. So kann es der, der es _wirklich_ gemacht
hat nicht lieben, und bewundern, und deüten, und schätzen. Ich weiß
_ja_, daß wenn ich etwas gemacht habe, daß es mir anders, aber
nicht so werth ist. O! Es ist, giebt nur Eines was Gaben in richtige
Bewegung setzen kann, sie zu Talenten macht; und diese in Brennpunkt
des Genies treibt. Wahrhaftigkeit. Jedes Ihrer römischen Lieder führt
diesen Beweiß auf’s lebendigste. Alles ist nur wahr, haben wir Gaben
genung, mit diesen _Kräften_ gelangen wir bis zu Gott. Darum facht
jedes Wort in Ihren Gedichten unsre reinste Liebe an. Dies sollten
Sie geschwind wissen; drum sage ich’s Ihnen gleich; und für Viele.
Wir haben auch Verstand und Sinn genug, und gelebt; um mit zu merken,
und zu bemerken, Ernst, Verdruß, Freüde, Scherz, Ungemach, Leiden und
Ungeduld, seelige Stille, und heitern Frieden, und größte Bewunderung,
und fliegende Gedanken mit zu fühlen und mit zu machen. Herrlicher
Freünd, der Herzvoll des „Großen Freünds“ gedenkt und Schakespeare
anruft, zur wahren rechten Zeit! _Das_ nenn’ ich dankbar. So sind
nur die Edelsten, die voll Fülle! Wissen Sie noch? wie Sie in Prag in
einer langen Unterredung, die wir hatten, endlich sagten: ein gewisses
Nichtverstehen, eine Sorte Dummheit, sey unsittlich. Das war für mich
ein Wort für einen alten gestaltlosen Gedanken; und unendliche reihen
sich seit der Zeit besser verstanden an ihn an: und er auch hilft mir
behaupten, Ihre Gedichte sind so liebenswerth, nur so schön weil sie
rein wahr sind. Schönen Dank! Beßter Freünd Tieck! für mich ist es
nun gar eine Wonne, ich fühle so gar Ihre Krankheit mit; habe solch
regen Sinn durch sie für Ungemach; bin so entzückt, daß Sie Italien
so individuel nehmen: ich sehe ja alles, rieche es: Jede Stille
breitet sich in mir aus; jeder Lärm plagt mich: ich sehe, ich kenne die
Italiener. Lassen Sie sie reden, so ist Ihr Deutsch Italienisch; sie
ennuyiren mich _mit_; bringen mich auf’s Aeüßerste; machen mich
lachen: ich sehe Wände, ~fresco’s~, Markt, Alles. Ich glaubte
an so etwas nach Goethens Elegien nicht: das bestärkt mich in meiner
Frommheit! Im ganzen Hoffen, wo ich _nichts_ begreiffe. Goethe
wird sich freüen. Neulich bewunderte ich eine Ouverture von Spontini
-- gegen den ich bin -- und dachte bey jeder schönen Stelle, o! wie
würde dies erst Righini gefallen! Aber was soll ich zu Ihrem Spanier
sagen, der Schildwach steht! Schöneres ist in der Art noch nie gemacht
worden! Alter Meister Tieck! Mit der festen Hand! _Darüber_
waren alle Höhrer, Roberts, Mdm. Krikeberg, Jettchen Solmar die
Sängerin, _außer sich_! Der Soufleur, _ich_, weinte, große
Brillanten; die zwingt eine Meisterschaft, vollkommen Gelungenes
ab. Ich sage Ihnen, und nehme es allen Ihren Kritikern vor weg: ich
höhrte complet die drey Sprachen ~distinct~ in diesem Gedicht;
Spanisch, Italienisch und Deutsch. So arbeitet man mit einer, wenn
man die Welt und die Sprachen auffaßt und dies von sich geben kann.
Maëstro! Wie recht haben die Italiener mit diesem Wort, es ihren
Dichtern und Musikern zu sagen: wie verstand ich die Marchetti und die
Sänger, wenn sie zu Righini, entzückt und ehrerbietig und in größter
Schmeichlung „~caro maëstro!~“ sagten, und sonst nichts. Solche
Nichtsdingige Sachen -- Fütilitäten -- die wir _alle sehen_ und
bemerken, so mitspielen zu lassen, als des Spanier’s Schnallen und
Anzug! Seinen gravitätischen Zorn, sein zorniges Heimweh _so_
auszudrücken, bringt unser Deutsch zu neuen Ehren. Warum ließen Sie
dies alles (~precipitando~) _so lange liegen_? Manchmal ist
mir, als wüßt’ ich’s, Sie könntens gar nicht machen; wenn Sie’s nicht
auch so lange vernachläßigen könnten. Seit heute strich ich mir an,
worüber ich mit Ihnen sprechen wollte: aber es werden alle Gedichte
aus Italien, die andern hab’ ich noch nicht angesehen. „Weinachten,“
die Künstler die alle Töne keck aufbiethen um zu heuchlen und zu
grimassiren! „Karnewal,“ des Mißbehagens und Zürnens, der Boßheit, des
Grolles tausendfältig verschlossene Ursachen! „~Campo vacino~“,
der Saülen Lockenhaupt-Geflüster. „Stiergefecht,“ wie schön: und meine
Ochsenfurcht: „der Ueberlästige,“ göttlich beschrieben: „ohne Ursach
lachend.“ Zur Raserey! „Die Marionetten.“ Wie der Wegweiser spricht,
das ausgemachteste Italienisch! „Schmerz in der Lust.“ Vortrefflich!
Das Gedicht heilt uns selbst! meine Leiden! „Heimweh.“ Göttlich
beschrieben: einzige Worte. „Ein Schwindel ergriff mich; mein Leben
zerrann.“ Kein Wort geht verlohren, glauben Sie’s, theurer Landsmann!
Sie haben nicht nur die Freude des Dichtens gehabt; Sie machen die
größte. „Die Tiroler“ sind schon _fertig componirt_! Was soll
ich aber zu Botzen, zu Trident sagen!!! Ich, die nichts weiß; roch,
athmete, daß es Italiens Gränze ist; und es _war wahr_! Trident!
wie fühlte das die Kranke! Alles wird Ihnen zum Gedicht. Wie Goethe
_sagt_. Als wäre ein Thal ein Ort, voll saftiger Farben, und Sie
nähmen von denen gradzu und mahlten: so erscheint’s mir. Luft lassen
Sie mich athmen. Stille empfinden: Laub im Sonnenthal vermissen;
versöhnen mich wieder. Aber was spreche ich! Wären Sie nicht Tieck,
läsen wir Ihnen die Gedichte mit Gewalt vor! Wir thun das Einer dem
Andern. Seyn Sie überzeügt; es giebt noch unaffektirte Menschen in
Deutschland, und die alle genießen das herrliche Geschenk und freuen
sich, und wissen vor Dank nicht was sie anstellen und sagen sollen. Die
Hohen in unserm Volke, die krönen und belohnen sollten, sind noch nicht
so weit. Dafür kann ich nicht: und es muß eine große Ursache haben,
daß ich keine Prinzes bin; denn unrecht ist’s. Wenn hier Friederike
von Baiern -- z. B. -- anstatt Varnhagen drunter stünde?! Und das vor
Ihrer Thür was ich Ihnen schikte? Wagens! Mit denen Sie in meine Nähe
auf Ihre Villa reisten! Nun werd’ ich ganz traurig; nun höhre ich auf,
und lese in Ihren ungebundenen nicht einmal gehefteten Blättern weiter.
Bey Gott! ich attrapire mich, daß ich schon lächle. Schönen Dank! Heil
_Dir_ im Siegerkranze. Sie sehen, ich bin närrisch vor Jubel. Gott
stärke Sie noch lange und plötzlich: für uns alle! Kramen Sie doch noch
ein Bischen mehr in Ihren alten Koffern! Ich bin erst seit Sonnabend 8
Tage ein Mensch: so leidend war ich Juny und July. Schon im 3ten Jahr
so in den Monathen. Viele schöne Grüße der Gemalin, den Kindern, und
Gr. Finkenstein. Kennen die schon lange diese Gedichte? Ich gönne es
ihnen. Varnhagen jubelt! und ist Ihr größter Verehrer. Es ist göttlich,
daß wir in der Jugend nicht vertraut waren! _Schade!_ für alle die
verlohrne Saaten! aber echt war’s von Beiden. Still wurmte es in uns.
Kennen Sie den Berlinisism noch? Robert wird Ihnen wohl schreiben. Der
lächelte nur immer, wie über ein Gotteswunder: wie über einen Ausbund
von _Blume_: ich aber brach aus; nach den schweigenden Thränen.
Varnhagen triumphirte: der hatte es gebracht, und las. Den hallischen
Wolff hab’ ich die Kunst gehabt auf einer Fahrt gestern, ganz lüstern
nach den Gedichten zu machen. Alles Griechische und Latein half nicht
_dagegen_! ~adieu~ Theurer ~maestro~! bald schreib’ ich
noch mehr.