_Berlin_, Sonntag den 6ten Apr. 1823.
Grüß Sie Gott lieber Freund! Und schike Ihnen die beßte Gesundheit;
für das Andere müssen wir selbst sorgen; und je älter je mehr; oder
vielmehr, je besser sehen wir dies ein. Wie ich zu dieser art von Gruß
komme? Den ganzen Winter war ich krank, kränklich, und unwohl, und mein
ganzes Haus mit mir; und am Ende hört ich noch Sie seyen auch krank
gewesen. Mit dem Frühlingswinde mit dem ich Ihnen gerne _noch_
besseres als den herrlich nicht zu erfindenden Frühling schiken möchte,
bin ich doch so glüklich Ihnen die persönliche Bekandschaft der
Fräulein Pfeiffer[12] machen zu können. Ich kann ihr die Freüde, die
sie uns hat empfinden lassen, wohl nicht glänzender lohnen! Sehen Sie
sie mit den kritischsten Augen an; es kann ihr und dem Urtheil über
sie nur gedeilich gerathen: und an der allgemeinen Freüde Deutschlands
würd’ ich auch mit Stolz meinen Theil haben, wenn Sie, um ihr eine
Rolle zu schreiben, uns ein Stück zu schenken verleittet würden.
So etwas hoffe ich. Ich will Ihnen mit meiner Beurtheilung dieser
großartigen Aktrice nicht vorgreiffen. Nur so viel: ich erinre mich
keines Großen ihrer Art, keines Fleck, Talma, Esslair, keiner Raucour,
George, Bethman, Schröder, mit denen sie nicht momentane Aehnlichkeit
hätte: und wie alles Wahrhafte wieder an alles Wahrhafte erinerte; an
Wetter, Musik und Situationen, in denen man nie war &c. Folgen Sie ja
womöglich die ganze Reihe ihrer Vorstellungen; sprechen Sie mit ihr
hin und her, lassen Sie sich von ihr lesen, untersuchen Sie sie ganz.
Machen Sie’s Einmal wie die Richter in Egmond: verhöhren Sie etwas
_hinein_ wenn Sie nichts _heraus_ verhöhren können. Nämlich,
schiken Sie von Ihrem nach der Tiefe ihrer Seele, und Sie kommen mit
Beute zurük. Ich sah sie in Kawansky zuerst und besuchte sie dann: ich
freue mich, daß meine alte Tage sich noch aufführen wie meine jungen:
und daß ich den Muth zur Trägheitsbesiegung noch in mir -- unter
manchen sehr ungünstigen Umständen -- zusammenfand. Lassen Sie sich von
mir ansteken! Verführen! Wie wohl Leute ein Glas Wein zusammen trinken,
je älter je besser: so wollen wir diesen Genuß unserer Kindheit, mit
_altem Geschmak_, -- auch je älter je besser -- wieder und noch
haben. Geht es Ihnen auch so? ich möchte die alte Zeit immer zur Rede
stellen, vor die Schranken fordern; es ist als hätte sie mir nicht
recht stille gehalten: ich hatte damals zu viel Anderes vor, man ließ
uns nicht Zeit, nicht Muße; ich möchte ihr zeigen, ich war’s wohl,
bin’s noch werth was sie mir both; ich empfinde es ja _noch_: und
Alles was _jetzt_ ist. Wie? ist das Wahr? Ist’s nicht mit Ihnen
auch so?
Gehen Sie in allen Fällen hübsch in die Komedie lieber Freünd! Und
schenken Sie uns Ihre Kritiken. Deutschland braucht’s. Goethe hatte
vor _ganz_ Kurzem noch nichts in Ihrer Verlobung gelesen, und
mit vieler Liebe von Ihnen gesprochen: da nannte man ihm die Novelle.
So etwas muß mich doch freüen. _Mich._ Sie wissen wie ich Göthe
vergöttre. Und welchen Triumpf ich bey dem Kronentausch erlebe! nicht
harter Lorbeer; Nachruhms-Laub: Rosen, frische Liebesrosen reichen sich
die Lebendigen! Und wir, die mit Anerkennung auch begabten, Klatschen
in die Hände! Wißt ihr Dichter und Authoren, es sind, heil uns! mehr
als ihr denkt. Und deshalb schreib’ ich, eine der Geringen, Ihnen so!
Noch weiß ich nicht was wir diesen Sommer machen, es ist nur ganz gut,
wenn es uns mit Ihnen zusammen bringt.
Ihre treüe
_Fr. Varnhagen_.
Tausend herzliche Grüße der Madame Tiek, der lieben Gräfin und den
lieben Mäderln!
Varnhagen hustet noch und ist leidend, er wünscht alles Gute mit mir.