Ihre

ergebenste

_Caroline Ungher_.

=Vaerst, Eugen,= Baron.

Geb. am 10. April 1792 zu Wesel, gest. im Jahre 185? auf Gut

Herrendorf bei Soldin.

Nach Beendigung der Feldzüge von 13-15, die er tapfer mitgemacht,

trat er als Hauptmann aus den preuß. Garden und führte lange ein,

von tausenderlei sich durchkreuzenden Plänen und Unternehmungen,

bewegtes Dasein. Verschiedene Ziele verfolgend, schien er bisweilen

die fabelhaften Abenteurer zum Vorbild nehmen zu wollen, die gegen

Ende des vergangenen Jahrhunderts zahlreich aufgetreten; dann

wieder widmete er sich ernstlich schön-wissenschaftlichen Studien,

schmiedete Sonette nach strengster Form, und ging ausschließlich

mit Gelehrten, Dichtern und Künstlern um; dazwischen spielte

er, unter glänzenden Auspicien, an der Pariser Börse und gewann

bedeutende Kapitalien; dann abermals durch politische Rückschläge

dieses Gewinnstes beraubt, ergriff er das alte Waffenhandwerk,

begeisterte sich für’s katholisch-monarchische Princip und

unternahm einen Ritterzug zu Don Carlos nach Spanien -- nicht um

dort als Marquis Posa aufzutreten, sondern um einen strahlenden

Ordensstern heimzubringen. Schon bei Karl Schall’s Lebzeiten hatte

er diesem das Erbrecht an die „Breslauer Zeitung“ abgekauft.

Es bedurfte aber vieler Bemühungen seinerseits, und mancher

einflußreicher Protektionen, bis er, nach Schall’s Tode die

Concession auf seinen Namen erhielt. Hier zeigten sich nun Vaerst’s

praktische Talente. Er lernte bald diese bisher vernachlässigte

Unternehmung zu einer sehr lukrativen machen; und entfaltete

noch regeren Spekulationsgeist, wie er späterhin das neuerbaute

Breslauer Theater in Pacht nahm. Etwas Anderes wie Spekulationen

sind ihm beide Institute nicht gewesen, und was er in den Briefen

an Tieck über Heranbildung des Publikums spricht, dürfte er während

des Schreibens spöttisch belächelt haben. Seinen Zweck erreichte

er, ward ein wohlhabender, folglich angesehener Mann, gab seine

Diners, verkehrte mit Aristokratie und ~haute finance~ --

sollte aber sein Glück nicht genießen, denn er verfiel einem

furchtbaren Rückenleiden, welches ihn mit langsam-tödtenden Qualen

in’s Grab gemartert hat. Es fehlte ihm weder an Lobern noch an

Tadlern. Uns wollte immer dünken: „Die Welt“ -- was man so nennt

-- habe seinen Geist auf Kosten seines Herzens zu viel gelobt; und

er selbst war eitel auf dergleichen tadelndes Lob. Wer für seine

Verwandte, besonders aber für seine Mutter thut, was Vaerst mit

kindlich treuer Ausdauer gethan, auch in Epochen eigenen Mangels;

wer sich und seiner höchst sensuellen Natur jeglichen Ueberfluß

versagt, und lieber selbst darbt, als es der Mutter am Geringsten

fehlen läßt,... der _hat_ ein Herz, und dem sitzt es auf dem

rechten Flecke. Im Uebrigen .... er hat endlich abgebüßt, was er

sonst verschuldet haben könnte; denn die Vehemenz seiner Leiden

wird nur durch die lange Dauer derselben überboten.

Unter dem Autornamen Peter Lelly hat er Mancherlei gedichtet und

sonst geschrieben. Am bekanntesten wurden die größeren Werke:

Cavalierperspektive (1836.) -- Die Pyrenäen, 2 Bde. (1847.) --

Gastrosophie, 2 Bde. (1852).

Wie das letzte dieser Bücher, welches fast nur aus sublimirten

Küchenzetteln und kompilatorischen Raisonnements über

Feinschmeckerei besteht, auf _solchem_ Kranken- und

zehnjährigem Sterbe-Lager gemacht und diktirt werden mochte?... das

zu erläutern geht über unsere Kräfte.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 155 / 310 题