_Berlin_, am 23. März 1822.
_Hochzuverehrender Herr!_
Als ich vor anderthalb Jahren eine Erzählung, Aurelio, Ew. Wohlgeboren
schüchtern vorlegte, empfahlen Sie mir, die gestaltlose Unbestimmtheit,
die man so leicht in frühern Jahren für die recht eigentliche Poesie
halte, zu fliehen und dafür die Wirklichkeit als den natürlichen
Boden der Poesie anzusehen. Ich habe mich seitdem mit Eifer bestrebt,
diesem Rathe nachzukommen und mich besonders um feste Zeichnung der
Charaktere, Rundung des Ganzen und, im Otto, raschfortschreitende
Handlung bemüht. Auch hatte nach Vollendung des Otto die Hoffnung
endlichen Gelingens meine Zweifel an mir selbst in einzelnen
Augenblicken wenigstens zurückgescheucht. Seit kurzem aber bin ich
durch mehrere Ereignisse auf traurige Weise irre an mir geworden, so
daß ich nicht weiß, ob ich nicht besser thue, mich in den Pflug des
praktischen Lebens einspannen zu lassen, ohne weiter mich nach den
Wiesen und Blumen der Poesie umzusehn. Aber ich werde nicht können.
Und dieses innre Drängen und Treiben nach etwas, wovon ich nicht weiß,
ob es die Welt jemals einen Pfennig werth achten wird, macht mich eben
nicht glücklich, besonders, da ich recht kluge Menschen um mich sehe,
die aber sehr mittelmäßige Gedichte machen und sie dennoch für viel
besser halten, als ich die meinigen. Denn da die Kunst es doch nicht
einzig und allein mit der Form zu thun hat, so wird der schlechte
Dichter, wenn er sonst nicht stumpf an Geist und Gemüth ist, in die
schlechten Formen, die ihm zu Gebote stehn, so viel trefflichen Gehalt
zu seiner eignen Ergötzung hineinfühlen, daß seine Augen nicht Unrecht
haben, wenn sie sein Machwerk für ein Meisterwerk halten. Es war daher
nicht der eitle Wunsch, von Ew. Wohlgeboren meine poetische Bestallung
schriftlich zu erhalten, um damit zu prunken, was mich dazu trieb, mich
Ew. Wohlgeboren als meinem Meister und Richter anzuvertrauen. Einige
Worte mündlich im einsamen Kabinet, wie ich sonst so glücklich war von
Ihnen zu hören, wären mir eben so theuer gewesen. Aber eine lange, ganz
ungewiße Zeit liegt dazwischen, ehe ich das schöne Dresden wiederzusehn
hoffen darf. Ich ersuche daher Ew. Wohlgeboren, wenn Sie nicht einmal
die Hoffnung zu etwas Tüchtigem in meinem Otto finden, mir denselben
ohne weitere Beylage und Brief, unfrankirt mit der Post zurückzusenden.
Ihre nachsichtige Güte, Hochzuverehrender Herr, wird dem jungen
Manne, der seine theuersten Interessen in Ihre Hände gelegt hat,
diese vielleicht zudringliche Bitte verzeihen. Wie aber auch Ihre
Entscheidung ausfallen mag, so werde ich sie mit der Ehrfurcht
annehmen, die mir im Verhältniß zu einem der größten Dichter meines
Vaterlandes geziemt.