IV.

_Breslau_, d. 23. Febr. 1812.

Liebster Tieck! und liebe, herrliche Tante! ihr müßt nicht zürnen,

daß ich so lange nicht geschrieben. Deinen Brief zu beantworten

erfordert eine Art von Ruhe, die ich hier nicht gefunden habe, wo mir

alles nach außen treibt in zerstreuende Geschäfte. Ich habe leider

etwas schlechtes, wenn auch nicht ganz Unnüzes angefangen, nehmlich

ein mineralogisches Handbuch. Der erste Theil ist schon gedruckt,

und der zweite und dritte Theil müssen noch in diesem Jahre fertig

sein, denn ich habe Vorschüsse und die Verlegerin quält. Dann habe

ich hier eine neue Professur und muß mich zu Vorlesungen vorbereiten,

die ich nie hielt, dann nehmen mir meine jezige Vorlesungen viel

Zeit weg -- (Ich habe einige neunzig Zuhörer, bestehend aus Beamten

und aus Bürgern der Stadt, für die Studenten muß ich abgesondert

lesen) -- dann ist meine Theorie der chemischen Erscheinungen, streng

wissenschaftlich, nun so weit gediehen, daß es Zeit ist sie bekannt

zu machen und einer ernsthaften Prüfung zu unterwerfen, auch meiner

Stellung wegen -- endlich muß ich das hiesige physikalische Institut

einrichten, 1000 Rtlr., die mir zugestanden sind, in Instrumente

u. s. w. verwandeln, mit Mechanici, mit Künstler aller Art, mit

Glashütten, mit Handwerker mich umtreiben, mit Departement und

Organisations-Commission correspondiren, den Bau des mir zugestandenen

Locals leiten, den Senatsizungen beiwohnen (der Senat ist hier aus

wenigen erwählten Mitgliedern zusammengesetzt), und zu diesem allem

kömmt noch, daß ich Präsidial-Assessor einer hiesigen patriotischen

Gesellschaft bin, was mir auch einige Zeit wegnimmt. Du glaubtest,

daß ich hier im Anfange einsam leben würde. Das ist anders gekommen.

Die häufigen Gesellschaften und Verbindungen, in die ich durch

meine Vorlesungen gekommen bin, stören mich nicht wenig. Ich habe

dieses alles so weitläufig entwickelt, weil es meine vollständige

Entschuldigung enthält, und mich rechtfertigen mag, wenn Du auch in

diesem Briefe Spuren der Zerstreuung finden solltest. Doch sind alle

diese mannichfaltige, sich wechselseitig störende Geschäfte Folgen des

Anfangs und werden bald aufhören.

Aber wie lebst Du in Deiner stillen poetischen Einsamkeit? Es freuet

uns, daß Du weniger krank bist, wenn auch nicht ganz gesund. Aber die

Hoffnung euch diesen Sommer noch zu sehen möchten wir ungern aufgeben.

Es ist so schlimm, daß Hanne diesen Sommer nicht hier bleibt, und ich

allein zurückbleibe. Wenn Du eine Badereise machen kannst, so würden

sich doch einige Wochen für unser Zusammensein finden, hier oder ins

Gebirge. Julii wird Hanne in Landeck zubringen, und im August und

September, wenn meine Ferien anfangen, besuche ich mit ihr die Albertis

in Waldenburg und Schmiedeberg. Lieber Tieck! wenn ihr es möglich

machen könnt, so kommt doch her. Das Schreiben ist doch ein kärglicher

Nothbehelf -- Einen Platz für euch würden wir wohl finden. In der

Zukunft zwar bequemer, denn ich erhalte eine recht bequeme Wohnung

neben dem physikalischen Apparat, wo ich freilich auch eine wenn gleich

mäßige Miethe bezahlen muß.

Reimer hat Recht, wenn er sagt, daß ich früher lieber nach Berlin,

als nach Breslau gieng. Es waren nicht bloß meine Freunde, die mich

hinzogen, vorzüglich die Sammlungen, die größern Bibliotheken, die

lebendigere Verbindung mit der Welt, die einem Physiker immer wichtig

ist. Indessen habe ich die Vortheile, die Du anführst wohl erkannt. Die

größere Sicherheit, die größere Empfänglichkeit der Einwohner, der noch

nicht erstorbene Glaube, die schönere Natur. Auch befinde ich mich hier

recht wohl, und die Leute gefallen mir im Ganzen. Die Opposition gegen

den Berlinismus ist nicht das Schlimmste hier und trete recht bestimmt

gegen diesen auf. Die leere Einbildung dieser Leute war mir von jeher

zuwieder, hier vo [4] , wo sie sich noch mehr wie in Berlin

aufgeklärt gebildet dünken, und wo die red , etwas rohe , und naive

Begierde die der Zeit zu fassen der gegenüber sich recht vornehm

und tüchtig ausnimmt.

Dein Wunsch, daß ich an einer poetischen Bearbeitung unserer

gemeinschaftlichen Natur-Ansichten denken möchte, und uns so

vereinigen, hat mir recht lebhaft die alte herrliche Zeit

zurückgerufen, in welcher Liebe und Poesie mein Leben verherrlichte.

Ich werde in diesem Augenblick, kurz vor dem Abgang der Post auf eine

so unangenehmen Weise gestört, daß es mir unmöglich, was ich _eben

darüber_ schreiben wollte, jezt zu schreiben, und länger darf ich

Dich doch auch nicht warten lassen -- aber _gewiß_ Du wirst recht

bald einen Brief von mir haben, Du Lieber! der mir gewesen ist, was

keiner mir war, und dessen treue Anhänglichkeit an mich ich wahrlich

nie vergesse. -- Ich muß schließen.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 84 / 310 题