_Breslau_, d. 23. Febr. 1812.
Liebster Tieck! und liebe, herrliche Tante! ihr müßt nicht zürnen,
daß ich so lange nicht geschrieben. Deinen Brief zu beantworten
erfordert eine Art von Ruhe, die ich hier nicht gefunden habe, wo mir
alles nach außen treibt in zerstreuende Geschäfte. Ich habe leider
etwas schlechtes, wenn auch nicht ganz Unnüzes angefangen, nehmlich
ein mineralogisches Handbuch. Der erste Theil ist schon gedruckt,
und der zweite und dritte Theil müssen noch in diesem Jahre fertig
sein, denn ich habe Vorschüsse und die Verlegerin quält. Dann habe
ich hier eine neue Professur und muß mich zu Vorlesungen vorbereiten,
die ich nie hielt, dann nehmen mir meine jezige Vorlesungen viel
Zeit weg -- (Ich habe einige neunzig Zuhörer, bestehend aus Beamten
und aus Bürgern der Stadt, für die Studenten muß ich abgesondert
lesen) -- dann ist meine Theorie der chemischen Erscheinungen, streng
wissenschaftlich, nun so weit gediehen, daß es Zeit ist sie bekannt
zu machen und einer ernsthaften Prüfung zu unterwerfen, auch meiner
Stellung wegen -- endlich muß ich das hiesige physikalische Institut
einrichten, 1000 Rtlr., die mir zugestanden sind, in Instrumente
u. s. w. verwandeln, mit Mechanici, mit Künstler aller Art, mit
Glashütten, mit Handwerker mich umtreiben, mit Departement und
Organisations-Commission correspondiren, den Bau des mir zugestandenen
Locals leiten, den Senatsizungen beiwohnen (der Senat ist hier aus
wenigen erwählten Mitgliedern zusammengesetzt), und zu diesem allem
kömmt noch, daß ich Präsidial-Assessor einer hiesigen patriotischen
Gesellschaft bin, was mir auch einige Zeit wegnimmt. Du glaubtest,
daß ich hier im Anfange einsam leben würde. Das ist anders gekommen.
Die häufigen Gesellschaften und Verbindungen, in die ich durch
meine Vorlesungen gekommen bin, stören mich nicht wenig. Ich habe
dieses alles so weitläufig entwickelt, weil es meine vollständige
Entschuldigung enthält, und mich rechtfertigen mag, wenn Du auch in
diesem Briefe Spuren der Zerstreuung finden solltest. Doch sind alle
diese mannichfaltige, sich wechselseitig störende Geschäfte Folgen des
Anfangs und werden bald aufhören.
Aber wie lebst Du in Deiner stillen poetischen Einsamkeit? Es freuet
uns, daß Du weniger krank bist, wenn auch nicht ganz gesund. Aber die
Hoffnung euch diesen Sommer noch zu sehen möchten wir ungern aufgeben.
Es ist so schlimm, daß Hanne diesen Sommer nicht hier bleibt, und ich
allein zurückbleibe. Wenn Du eine Badereise machen kannst, so würden
sich doch einige Wochen für unser Zusammensein finden, hier oder ins
Gebirge. Julii wird Hanne in Landeck zubringen, und im August und
September, wenn meine Ferien anfangen, besuche ich mit ihr die Albertis
in Waldenburg und Schmiedeberg. Lieber Tieck! wenn ihr es möglich
machen könnt, so kommt doch her. Das Schreiben ist doch ein kärglicher
Nothbehelf -- Einen Platz für euch würden wir wohl finden. In der
Zukunft zwar bequemer, denn ich erhalte eine recht bequeme Wohnung
neben dem physikalischen Apparat, wo ich freilich auch eine wenn gleich
mäßige Miethe bezahlen muß.
Reimer hat Recht, wenn er sagt, daß ich früher lieber nach Berlin,
als nach Breslau gieng. Es waren nicht bloß meine Freunde, die mich
hinzogen, vorzüglich die Sammlungen, die größern Bibliotheken, die
lebendigere Verbindung mit der Welt, die einem Physiker immer wichtig
ist. Indessen habe ich die Vortheile, die Du anführst wohl erkannt. Die
größere Sicherheit, die größere Empfänglichkeit der Einwohner, der noch
nicht erstorbene Glaube, die schönere Natur. Auch befinde ich mich hier
recht wohl, und die Leute gefallen mir im Ganzen. Die Opposition gegen
den Berlinismus ist nicht das Schlimmste hier und trete recht bestimmt
gegen diesen auf. Die leere Einbildung dieser Leute war mir von jeher
zuwieder, hier vo [4] , wo sie sich noch mehr wie in Berlin
aufgeklärt gebildet dünken, und wo die red , etwas rohe , und naive
Begierde die der Zeit zu fassen der gegenüber sich recht vornehm
und tüchtig ausnimmt.
Dein Wunsch, daß ich an einer poetischen Bearbeitung unserer
gemeinschaftlichen Natur-Ansichten denken möchte, und uns so
vereinigen, hat mir recht lebhaft die alte herrliche Zeit
zurückgerufen, in welcher Liebe und Poesie mein Leben verherrlichte.
Ich werde in diesem Augenblick, kurz vor dem Abgang der Post auf eine
so unangenehmen Weise gestört, daß es mir unmöglich, was ich _eben
darüber_ schreiben wollte, jezt zu schreiben, und länger darf ich
Dich doch auch nicht warten lassen -- aber _gewiß_ Du wirst recht
bald einen Brief von mir haben, Du Lieber! der mir gewesen ist, was
keiner mir war, und dessen treue Anhänglichkeit an mich ich wahrlich
nie vergesse. -- Ich muß schließen.