III.

_Hildesheim_, d. 24. December 1806.

_Lieber Tieck!_

Auf eine erfreulichere Weise konnte ich, in so bedrängten Zeiten

nicht Nachricht von Dir erhalten. Ich gestehe, daß es mir leid that

zu erfahren, daß Du mir so nahe vorbeigereist warst, indessen wußte

ich wohl, daß Du mich nicht vergessen hättest, und die Art, wie Du Dir

meiner wieder erinnerst, ist mir die angenehmste. --

Ich will Dir alles schreiben, und wirst sehen, daß es meine

Absicht keinesweges ist, Deutschland zu einer Zeit zu verlassen,

die vielleicht bedenklich ist, aber meine Thätigkeit und meinen

Wirkungskreis doch nicht aufhebt. --

Als in Halle die Universität gestöhrt war und ich nun ohne Unterhalt

war, schrieb ich an meine Brüder und bath sie sich zu erkundigen, ob

ich in dem Falle, wenn alles hier unglücklich gienge, eine Anstellung

in Dännemark erwarten konnte. Meine Brüder, über meine Lage nach meinen

Nachrichten, und noch mehr durch das Gerücht erschrocken, wandten sich

unmittelbar an den Kronprinzen, der wiederholt sagte: ich möchte nur

zu Hause kommen, auch Schimmelmann ließ mich bitten zurückzukehren.

Der Kronprinz both mir Reisegeld an und Schimmelmann schickte mir

eine Summe. Das königliche Reisegeld nahm ich _nicht_ an, um

nicht gebunden zu sein. -- Nach dem aber, was geschehen war, sahe

ich es für nothwendig an, mich in Dännemark zu stellen. Kehrte ich

nach einer solchen Aufforderung nicht zurück, so würde ich alle meine

Aussichten in meinem Vaterland auf immer vernichten. Nun bin ich aber

wirklich Däne, kann nie aufhören es zu sein, und bin der Regierung

große Verpflichtungen schuldig, auch habe ich eine sehr große Neigung

Norwegen zu untersuchen und ein Plan wissenschaftlicher Beobachtungen,

den ich längst entworfen habe, von der Regierung unterstützt, dort zu

realisiren. Ferner habe, wie es sich nicht leugnen läßt, in Dännemark

mächtige Feinde, aber auch mächtige Freunde (wie der Kronprinz und

Schimmelm.), beides aber macht meine Lage dort sehr interessant und

wenn ich die gegenwärtige Umstände, die mir in einer unmittelbaren

Verbindung mit dem Kronprinzen bringt, benützen wollte, so leidet es

keinen Zweifel, daß ich mir ein schönes Loos in Dännemark bereiten

könnte.

Dieses alles habe ich genau erwogen -- auf der andern Seite aber

fühle ich es wohl, daß ich zum deutschen Docenten gebohren bin, daß

die Freiheit der Gesinnung, die tiefe Empfänglichkeit der Schüler in

meinem Vaterlande nicht zu erwarten ist, daß ich wahrlich unglücklich

sein würde, wenn ich nicht an dem, was jetzt geschehen soll, Theil

nehmen könnte. Endlich finde ich es schlecht in so bedenklichen Zeiten

seine Stelle zu verlassen -- und dies hat bei mir entschieden. -- Ich

weise alle Anträge in Dännemark _bestimmt_ ab, und habe dieses

dem _Massov_ schon geschrieben. Ich kann es thun, ohne den

Kronprinzen zu beleidigen. Ich stelle ihm nur vor, daß sein Unterthan,

daß ein Norweger, dessen Landsleute durch die Treue gegen ihren Fürsten

berühmt sind, seinen Fürsten in der Noth nicht verlassen darf, und

kenne unsern Kronprinzen genug, um zu wissen, daß er meinen Entschluß

in Halle jetzt zu bleiben, sehr billigen wird. Schimmelmann, dessen

große, wahrhaft deutsche Gesinnung, mich durchaus fassen wird, wird

mich sicher unterstützen. -- In Kopenhagen ist mir ein Oncle gestorben,

der mir 800 Rthlr. hinterließ, diese hebe ich zwar erst nach dem Tode

der Witwe, aber die Erbschaft ist gerichtlich gemacht, und werde

wahrscheinlich Geld darauf heben können. Ich lasse dann Hanne und

Clärchen mit hinlänglichem Gelde versorgt, bei Grosmutter in Hamburg,

und gehe selbst wieder nach Halle, lebe da als Student und ernähre mich

selbst. Das Aergste ist die Ungeduld meiner verarmten Creditoren, die

mich entsetzlich peinigt.

Für Dein schönes Anerbiethen, mir im südlichen Deutschland nützlich zu

sein, danke ich Dich sehr -- wenn alle Stränge reißen, gehe ich doch

lieber nach dem südlichen Deutschland als nach Dännemark, wenigstens in

den ersten vorliegenden Jahren. An Schelling schreibe ich noch heute.

Daß Du jetzt wieder in Deutschland bist, ist mir unendlich lieb, und

ich zweifle gar nicht daran, daß wir bald etwas schönes und großes

von Dir erfahren werden, denn die poetischen Laffen haben einen in

der letzten Zeit doch zu sehr mit der neuen Zeit zugesetzt. -- Ich

habe mich recht darnach gesehnt, Dich in Sandau zu besuchen, die süße

Dorothee mit ihrer Mutter, und die kleine Agnes zu sehen, und halb

war es schon beschlossen. Es ist mir recht lieb, daß Dir Oehlenschl.

gefällt, wenn er seine unmäßige Eitelkeit bekämpft hat, wird gewiß

etwas ungewöhnliches aus ihm -- neben die krankhaften Figuren, die

Sonetten fabriciren, ist seine gesunde und frische Natur wohlthuend. --

Grüß Malchen, die Finkensteins und Burgsdorf recht sehr. Dein lieber

Brief hat mir viele Freude gemacht, und ich hoffe, daß Du Wort halten

und bald antworten wirst -- Hanne schreibt noch etwas. Adieu.

_H. Steffens_.

Ich schreibe Euch bestimmt aus H. recht lang.

Hanne.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 83 / 310 题