I.

_Dresden_, den 11. Oktober 1842.

_Innigstverehrter!_

Die vor einigen Wochen verlautete Nachricht Ihres plözlichen

Krankheitsanfalls betrübte mich allzusehr, als daß ich mich enthalten

könnte, Ihnen selbst meine Freude darüber auszusprechen, nun das

Uebel, nach der Versicherung der Frau Prof. Solger, so gut wie völlig

gehoben erscheint. Professor Hübner, mit dem ich bald darauf zufällig

zusammenkam, eröffnete mir sein Bedauern des Sie betroffenen Unfalls

und freuete sich mit mir, wie ich ihm die neuere, so erwünschte Notiz

mittheilen konnte.

Schwerlich werden Sie sich noch eines Gesprächs aus dem

letztvergangenen Winter entsinnen, wo ich des ~Théatre italien~

von Gherardi Erwähnung that. Sie klagten darüber, dasselbe Buch (von

dem Sie, vor nunmehr wohl 40 Jahren, mir einige Bände vorzüglich

empfohlen und communicirt hatten), ich weiß nicht mehr ob ganz oder

nur zum Theil, neuerlich in Ihrer Büchersammlung zu vermissen. Dabei

erinnerte ich mich, daß mein geringer Büchervorrath mehr als Ein

Exemplar des Werkes enthalten müsse, und faßte schon damals den festen

Vorsaz, die beiden Exemplare aus den in größter Unordnung unter- und

übereinander in Schränken, zum Theil ganz verpackt, liegenden Büchern,

herauszusuchen. Leider aber verschob sich die Sache von Woche zu

Woche, von Monat zu Monat. Der auf dem Bücherknäuel liegende, dicke

Staub erfüllte mich immer mit neuem unbezwinglichen Grauen vor der

unglücklichen Operation. Endlich und zwar grade am Tage nach Ihrer

Abreise -- die für alle Ihre hiesigen, zahlreichen Verehrer so traurig

war -- wagte ich mich denn doch an’s Werk. Und siehe da, es fanden

sich wirklich, wie vielleicht am künftigen jüngsten Tage die auf

Schlachtfeldern zerstreut liegenden menschlichen Glieder zu ganzen

Körpern, die einzelnen Theile zu zwei vollständigen Exemplaren des

~Theatre italien~, jedes von 6 Bänden, zusammen.

Nach einer oberflächlichen Vergleichung stimmen beide Ausgaben in Allem

überein. Die eine ist im Jahre 1701 zu Amsterdam herausgekommen, wohin

Gherardi, nachdem sein Bühnenunternehmen im Hotel de Bourgogne zu Paris

im Jahre 1697 sich aufgelöst hatte, in’s Privatleben zurückgetreten zu

seyn scheint. Meine zweite zu Paris im Jahre 1717 gedruckte Ausgabe hat

der Verf. ebenfalls noch selbst besorgt.

In der Hoffnung, daß Sie mir das Vergnügen, dem einen mir völlig

unnüzen Exemplare einen Platz unter Ihren Büchern einzuräumen nicht

versagen würden, hätte ich Ihnen solches schon mit diesem Briefe

gesendet, wünschte ich nicht, Ihnen die Wahl zwischen beiden zu

überlassen. Erfreuen Sie mich daher, bitte ich, Verehrtester, mit

der Nachricht, welches Exemplar Sie vorziehen. Mir ist es völlig

gleichgültig, ob ich dieses oder jenes behalte. Beide sind übrigens in

Lederbänden und das eine, wie das andere recht leidlich erhalten.

Noch füge ich meinen aufrichtigen Glückwunsch zur Vermählung Ihres

Fräuleins Tochter und die gehorsamste Bitte bei, der Frau Gräfin von

Finkenstein, nebst dem Wunsche des besten Wohlseyns, meinen Respekt zu

erkennen zu geben.

Leider, bin ich noch immer außer Stande, Ihnen die erste Lieferung

meiner Schriften zu übersenden. Der Verleger ist wegen der vor kurzem

erfolgten Erweiterung seiner Geschäfte durch Verbindung mit zwei

anderen gut renommirten Stuttgarter Buchhandlungen, der Riegerschen und

Brodhagschen, mit Arbeiten zu überhäuft gewesen, um schon an’s Beginnen

meiner Sammlung zu gelangen. Doch soll die zweite Lieferung sich

desto schneller an die erste anschließen. Er hat mir auch schon den

Probedruck des in Wien gefertigten Stahlstichs meines nach Hartmanns

Gemälde gefertigten Porträts übersendet, welches dem Titel des ersten

Bandes gegenüber erscheinen wird.

Meine Frau, die auch der Frau Gräfin sich zu Gnaden empfiehlt, trägt

mir auf, Ihnen ihren freudigen Antheil an der so glücklichen Hoffnung

auf Ihre baldigste gänzliche Herstellung kundzuthun.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 59 / 310 题