III.

_Madlitz_, den 22. März 1814.

_Liebster Freund_.

Ich bitte Dich einstweilen durch den zurückgehenden Boten diese

wenigen Zeilen anzunehmen. Dein Brief bestimmt mich, die Reise nach

Berlin noch auszusetzen. Ich will suchen, das Geschäft, welches meine

Gegenwart gegen Ende dieses Monats erwünscht macht, durch einen Brief

oder dadurch abzumachen, daß ich, vielleicht mit einer Gelegenheit

auf einen Tag hingehe. Es kann sein, daß sich inzwischen das Wetter

genugsam ändert, um Dir die Reise in den Ostertagen zu erlauben. Mir

aber wird der Aufschub es vielleicht möglich machen, Dich vorher

noch in Ziebingen zu sehen; ich denke in der nächsten Woche. Meinen

letzten kurzen Brief mußt Du mir verzeihen, da eine Gelegenheit nach

Frankfurth mich drängte. Ich bin ziemlich ununterbrochen bei meinem

Roman geblieben und denke bald mit dem vierten Buche fertig zu werden.

Es ist das, welches mir am meisten zu thun machen mußte. Schon bei dem

ersten Entwurfe fehlte es mir hier gewöhnlich am meisten an Zeit,

ich mußte viele Lücken in der Hoffnung, es werde sich wohl einmal das

noch Fehlende ergänzen, offen laßen. Nun aber bin ich noch so wenig

zufrieden, und denke, wenn noch einige Schwierigkeiten überwunden sind,

soll es mit dem übrigen rascher gehen. Ich erinnere mich noch, daß ich

Dir dieses Buch nicht, wohl aber das folgende mitgetheilt habe, weil

es zu unfertig war. So beschäftigt, habe ich nicht Englisch lesen und

arbeiten können, sondern nur den Parcival. Es ist ziemlich gegangen.

Ich faßte bald den Entschluß, ihn zweimal zu lesen, weil ich wahrnahm,

daß, je mehr ich im Lesen vorrückte, das Verstehen mir leichter wurde.

Mit dem ersten Lesen bin ich ziemlich zu Ende.

Theuerster Freund, ich kann Dir nicht sagen, wie ich die Zeit über, daß

ich wieder hier bin, von den Tagen gezehrt habe, welche ich mit Dir

zugebracht; mein inneres Leben erhöht sich immer mehr in dem Umgange

mit Dir. Wie erfreulich mußten mir also Deine Worte sein, welche mir

sagten, daß mein Genuß und mein Bedürfniß auch die Deinigen gewesen.

Gewiß eile ich, so viel nur möglich, wieder bei Dir zu sein, und bringe

dann Deine Bücher mit. Deine Grüße werde ich bestellen, heut konnte ich

es nicht mehr, da ich Deinen Brief spät erhielt, nachdem ich mich schon

von der Gesellschaft entfernt hatte. Lebe wohl und glücklich.

Ganz der Deinige

_Schütz_.

=Schütze, Stephan.=

Geb. am 1. Nov. 1771 zu Olvenstädt bei Magdeburg, gestorben in

Weimar am 19. März 1839.

Gedichte (1810.) -- Eine neue Sammlung Gedichte ernsten und

scherzhaften Inhalts (1830.) -- Der unsichtbare Prinz, 3 Bde.

(1812.) -- Humoristische Reisebeschreibungen. -- Versuch einer

Theorie des Komischen (1818.) -- Von 1814 bis 1836 redigirte er das

beliebte Taschenbuch, welches den seltsamen Titel: „Der Liebe und

Freundschaft“ führte, aber sehr hübsche Beiträge, unter anderen

auch die meisten seiner eigenen Erzählungen enthielt.

Schütze lebte in Weimar, unseres Wissens ohne Amt, obgleich

er „Hofrath“ hieß. Seine häusliche Einrichtung war so sauber,

still und behaglich, wie das nur in kinderloser Ehe möglich

ist. Freundlich entgegenkommend und umgänglich hatte er dennoch

den Schelm im Nacken, vertheilte rechts und links kleine Hiebe,

verschonte sogar den Altmeister nicht, dem er gleichwohl in

Ehrfurcht anhing. Durch all’ sein Reden, Gebahren und Thun zog

sich ein ironisch-humoristischer Spott, der aber von übler

Absicht rein sich zuletzt immer wieder auf die _Theorie_

des _Komischen_ im Leben richtete, und den Umgang mit ihm

erheiternd belebte. Hätte man ihn nicht als guten Ehemann gekannt,

so würde man bisweilen versucht gewesen sein, ihn für einen recht

eingerosteten Hagestolz zu halten. So z.B. gehörte es zu den

Junggesellen-artigen Lustbarkeiten, die er vorzog, daß er, mitten

im Winter, bei schlechtestem Wetter, sich einen geschlossenen

Lohnwagen miethete, in diesem bis Erfurt fuhr -- etwa um Bekannte

dort zu besuchen?... mit nichten! Um in einem Gasthofe einzukehren,

auf seinem Zimmer gut zu diniren und nach vollbrachter That gen

Weimar heimzukehren. Fand er einen ihm zusagenden Begleiter, so

nahm er diesen mit. Wo nicht, ei dann fuhr er allein, speisete

allein, trank allein, kehrte allein zurück. -- Lauter Versuche zur

Theorie des Komischen!

_Weimar_, d. 7t. Sept. 1838.

Als ich vor vier Jahren das letztemal in Dresden war, hoffte ich Sie,

Hochverehrter, wieder einmal zu sprechen, aber ich fand Sie nicht

gegenwärtig. Daß ich seit der Zeit oft in Gedanken, mit Ihnen mich

beschäftigt habe, werden Sie wohl ohne ausdrückliche Versicherung

glauben. Jetzt soll mein Taschenbuch mir Gelegenheit geben, mit

Ihnen in Berührung zu kommen, und ich bin deshalb so frei gewesen,

der Willmannschen Verlagshandlung den Auftrag zu ertheilen, es Ihnen

zu senden. Ich bilde mir nämlich ein, daß eine Erzählung von mir

darin: _Die beiden Candidaten_ nicht ohne Interesse für Sie sein

möchte. Ob ich gleich alles auf Natur und Erfahrung gebaut habe, so

ist doch besonders die Hauptfigur darin: der Herr von Grauenstein

reine Erfindung. Es giebt in den entlegenen Provinzen unter dem Adel

närrische Kauze dieser Art, und ich glaube gewiß, daß Sie auch mehrere

dergleichen gekannt haben. Ich habe ihn zugleich als Repräsentanten

des materiellen Princips benutzt und bei Abwägung des geistlichen

und leiblichen in Beziehung auf einen Ausschlag ein klein wenig an

Goethe gedacht, der, im Leben wenigstens, einer recht tüchtigen

bürgerlichen Erscheinung gern den Vorzug gab, und auf Augenblicke

sich von ihr bestechen ließ, auch mündlich öfters in Grundsätzen sich

dafür aussprach. Es versteht sich, daß ihm dabei das Geistige nicht

entging, aber es folgte nicht selten erst um ein Paar Schritte später.

-- Dies alles ist indeß nur Nebenbemerkung. Die Erzählung geht frei

für sich ihren Gang fort, und sie hat in der Darstellung auf eine

solche Beziehung keine Rücksicht genommen. -- In der Sprache bin ich

dem Grundsatze der Natürlichkeit und Einfachheit treu geblieben, mit

der Ueberzeugung, daß sie um so mehr dem Stoff sich nähert, je mehr

sie sich immer den Gegenständen selbst anschmiegt, woraus denn die

Abwechselung in den Tonarten und Stimmungen sich von selbst ergeben

muß, ohne daß man nöthig hat, wie viele neuere Schriftsteller thun, zur

lebhaften Erregung der Theilnahme über alles hinaus ein Feuerwerk in

verschiedenen Farben abzubrennen. Ich denke, daß ich hiermit nur Ihren

eigenen Weg verfolge.

Mündlich ließe sich noch mehr, und wohl recht viel darüber sprechen; da

mir aber das Glück einer solchen Unterhaltung mit Ihnen versagt ist,

und eine schriftliche Mittheilung doch nur dürftig bleibt, so schließe

ich lieber diese Zeilen, indem ich mich dem sehnlichen Wunsche und der

Hoffnung überlasse, von Ihnen bald vielleicht manches Belehrende und

Ermunternde vernehmen zu dürfen.

Auf jeden Fall mich somit Ihrem geneigten Andenken empfehlend verbleibe

ich mit alttreuer Hochachtung

Ihr

ergebenster

_St. Schütze_.

=Schulze, Friedrich August.=

Geb. am 1. Juni 1770 zu Dresden, gestorben daselbst am 4. Sept.

1849.

Im Jahre 1800 ist sein erster Roman: „Der Mann auf Freiersfüßen“

erschienen, und von jener Zeit an hat _Fr. Laun_ (wie er sich

nannte) unter den beliebten Erzählern einen der ehrenvollsten

Plätze behauptet. Ihm war die seltene Gabe verliehen, neben dem

Beifall der großen, oft oberflächlichen Lesewelt, die er zu fesseln

verstand, auch den Antheil und die Achtung strengerer Beurtheiler

zu gewinnen, und sich fortdauernd zu erhalten. Den besten Beweis

dafür liefert die (1843) veranstaltete Ausgabe seiner „Gesammelten

Schriften,“ welche Ludw. Tieck mit einem Prologe begleitete.

Daß Laun auch anderweitig wirksam gewesen für die höheren

Interessen der Poesie, geht aus einer Stelle des zweiten Briefes

hervor, die von der Fortsetzung des Goethe’schen Faust handelnd,

beherzigenswerthe Worte ausspricht.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 58 / 310 题