III.

_Weimar_, d. 2ten Mai 1826.

Zürnen Sie nicht, lieber Herr Hofrath, daß ich schon wieder mit der

Empfehlung eines Fremden Ihnen beschwerlich falle. Ich kann mir recht

wohl denken, wie lästig Ihnen die große Anzahl derselben, die sich um

Sie her drängt, zuweilen werden muß, und sträube mich dagegen, so viel

ich kann, diese durch Empfehlungen zu vermehren; doch diesesmal muß ich

doch eine Ausnahme machen, und Sie recht herzlich bitten, den jungen

Arzt ~Dr.~ Stromeyer aus Hannover gütigst aufzunehmen, ihm zu

erlauben Sie nur einmal zu sehen und zu sprechen, und, wenn Sie während

der Zeit seines Aufenthaltes in Dresden einen Kreis Ihrer Freunde durch

Vorlesen erfreuen sollten, ihm zu vergönnen, diesen in seiner Art

einzigen Genuß mit solchen zu theilen.

Ich hoffe die äußre Erscheinung des jungen bescheidnen Mannes, der auch

manches angenehme gesellige Talent besitzt, wird Ihnen nicht misfallen.

Er studierte in Göttingen mit einem jungen Danziger Vetter von mir,

dessen innigster Freund er wurde, und begleitete diesen drei Jahre

nach einander während der Osterferien hieher, die mein Vetter immer in

meinem Hause zubrachte; er ist also dreimal hinter einander, jedesmal

drei Wochen, mein täglicher Gast, und gewißermaaßen mein Hausgenosse

gewesen, und ich gestehe, daß sowohl sein anspruchsloses Wesen, als

der Ernst, mit dem er nach dem Höheren und Beßeren strebt, mir ihn

recht lieb gemacht haben. Er hat vor kurzem in Berlin promovirt, von

wo aus er hier mit seinem Freund Eduard zusammen traf, und steht jetzt

im Begriff eine Reise durch Deutschland nach England und Frankreich

anzutreten, ehe er in Hannover, seiner Vaterstadt, als praktischer Arzt

sich niederläßt.

Wie geht es Ihnen denn, bei diesem unerhört schlechten Wetter? Ich

sperre mich förmlich ein, das ist für mich das einzige Mittel mich vor

dem bösen Einfluß desselben zu retten. Goethe kränkelt, ohne bedeutend

krank zu sein. Stromeyer, der mehreremale ihn sah, kann Ihnen von

seinem näheren Befinden, und auch von meinem Thun und Treiben manches

erzählen. Der arme alte Herr ist durch einen Unfall, der Ottilien seine

Schwiegertochter betraf, sehr erschreckt worden; sie ist vor wenigen

Tagen vom Pferde gefallen, und zwar sehr stark, aber doch auf keine

Weise gefährlich verletzt.

Ich will meinem jungen Freunde nicht den Stoff zu einem Gespräche

mit Ihnen wegnehmen, da ich weiß, daß alles was das Goethische Haus

betrifft, Sie lebhaft interessirt, und lege die Feder weg, mit der

herzlichen Bitte, ferner mit Güte und Wohlwollen meiner zu gedenken.

_Johanna Schopenhauer_.

Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band · 第 49 / 310 题