_Weimar_, d. 28. März 1826.
Lieber Herr Hofrath! Eine Schauspielerin, Madame Zischke, bittet
mich, ihr Zutritt zu Ihnen zu verschaffen. Sie wissen selbst, daß ich
dieses nicht ohne einige Bedenklichkeit thun kann, aber ich glaube
doch diese in diesem Fall überwinden zu müssen, da diese Frau nichts
weiter wünscht, als fürs erste von Ihnen die Erlaubniß zu erhalten, auf
dem Dresdner Theater einige Debüt-Rollen zu spielen, und dann erst in
Unterhandlungen wegen einer Anstellung in einem Fache zu treten, das
bei Ihnen so gut als unbesetzt sein soll, ein Fach der komischen und
humoristischen Mütter, alten Jungfern, und dergleichen mehr. Sie ist
noch jung, kaum über die ersten dreißig hinaus, und nichts weniger als
häßlich, und es ist beinahe unbegreiflich, wie sie von Jugend auf sich
gerade dieses Fach hat wählen können, aber es war ihre Neigung, die
sie dazu antrieb, sie gesteht selbst, durch das Spielen älterer Rollen
sich für die jugendlichen gänzlich verdorben zu haben, doch spielt sie
auch Anstands-Rollen, wenn es verlangt wird. Ich habe sie mit vielem
Wohlgefallen die Rolle der Landräthin in Kotzebues Stricknadeln, und
die des alten Fräuleins in den Misverständnissen von Steigentesch
spielen gesehen, und Adele, auf deren Urtheil ich mich ziemlich
verlasse, behauptet, daß sie die Rolle der Oberförsterin in den Jägern
mit Natur, Gefühl, und im Ganzen sehr befriedigend von ihr gesehen habe.
Madame Zischke hat vor mehreren Jahren die Rolle der Landräthin hier
als Gastrolle gegeben, und machte damit einigermaßen furore. Dieses
bewog die Direktion beim Abgange der alten Beck sie zu veranlaßen,
ihr Engagement in Hamburg aufzugeben, und im vergangnen Herbst hieher
zu kommen; doch unser Repertoire ist jetzt auf eine Weise geordnet,
die ihr beinahe keine Gelegenheit erlaubt sich zeigen zu können. Man
zwang sie, als Bertha im verbannten Amor aufzutreten, die sie selbst
gesteht, schlecht gespielt zu haben, weil sie ganz außer dem Bereich
ihres Talentes liegt; sie misfiel dem Publikum, und wurde demselben
sogar lächerlich, weil sie sich Bewegungen und Manieren angewöhnt hat,
die wohl für eine alte aber durchaus nicht für eine junge Frau passend
sind, und da man ihr weiter keine Gelegenheit gab, sich beßer zeigen
zu können, so wurde sie durchweg als eine schlechte Schauspielerin
angesehen, und die Direktion nahm dieses wahr, um ihr anzudeuten, daß
im September ihr Engagement abgelaufen sei, und daß man dann ferner
ihrer nicht mehr bedürfe. Dieses ist alles was ich von ihr weiß, sie
hat mich gebeten, Sie auf sie aufmerksam zu machen, indem sie fürchtet,
Ihnen völlig unbekannt zu sein, da es ihr bis jetzt noch nicht gelungen
ist, sich in der Welt einen Namen zu machen, und ich mochte ihr diese
Bitte um so weniger abschlagen, da ich dadurch Gelegenheit gewinne, Sie
auch an mich zu erinnern.
Von Ihnen höre und lese ich nichts als Erfreuliches und Gutes und
freue mich herzlich darüber, von mir könnte ich Ihnen weniger dieser
Art melden. Ich kam im vergangnen Herbst mit heftigen rheumatischen
Schmerzen im Knie und der Hüfte aus Wiesbaden zurück, die den halben
Winter hindurch anhielten, von denen ich aber gänzlich befreit bin.
Meine Adele hatte das Unglück, auf dem Wege von Jena nach Weimar einen
gefährlichen Sturz aus dem Wagen zu thun, indem die Pferde mit ihr
durchgiengen, und an deßen Folgen sie mehrere Wochen lang gelitten
hat. Jetzt ist auch sie ganz wieder hergestellt, und ich sehe mit
unbeschreiblicher Sehnsucht dem Frühlinge entgegen, während indessen
alle Dächer noch mit Schnee bedeckt sind, und es kälter bei uns ist,
als es um Weihnachten war. Ein großer Verlust für mich ist das Theater,
das ich fast gar nicht mehr besuche. Unser neues Schauspielhaus ist
so feucht, so kalt, es pfeift ein so schneidender Zugwind durch die
Logen, sobald der Vorhang sich hebt, daß es für mich völlig unrathsam
ist, hinzugehen. Doch wäre auch dieses alles nicht der Fall, so würde
ich dennoch zu Hause bleiben, denn ich glaube kaum, daß irgend ein
Publikum in der Welt so mager abgespeiset wird als das Weimarische.
Unser Intendant, Herr Stromeier, ist ein trefflicher Sänger, aber
ich möchte wohl darauf wetten, daß er kaum im Stande ist, ein Buch
zu lesen, viel weniger es zu verstehen; ihm zur Seite steht Frau v.
Heigendorf-Jagemann, die mit 50 Jahren noch immer die erste Sängerin
und die jugendlichste Schauspielerin sein will; sie läßt nichts nur
halb erträgliches neben sich aufkommen, scheut, bei ihrem wirklich
großen Talent, jede Anstrengung, spielt also so selten als möglich,
und wir müßen froh sein, wenn sie alle Monate einmal auf der Bühne
erscheint. Die übrige Zeit werden elende kleine Nachspiele, meistens
französische Uebersetzungen aufgeführt, und bis zum Ueberdruß
wiederhohlt.
Sie haben hoffentlich Herrn und Madame Bracebridge kennen gelernt und
sich dieser Bekanntschaft gefreut, wie wir über den Verlust dieses
wirklich liebenswerthen englischen Paares uns betrüben. Wie gern wäre
ich mit diesen Freunden mit zu Ihnen gereiset, wie sehne ich mich das
liebe Dresden und meine dortigen Freunde wieder zu sehen; doch vor der
Hand ist eine unübersteigliche Scheidewand zwischen mir und Dresden
gezogen, vielleicht wird sie einmal hinweggezogen; bis dahin denken
Sie meiner mit gewohnter Freundlichkeit, wie ich Ihrer mit inniger
Hochachtung und treuer Anhänglichkeit stets gedenke.
_Johanna Schopenhauer_.