~Amalia~ (_fährt zusammen._) Horch! horch! Rauschte die Thüre nicht?
(_Sie wird Karln gewahr, und springt auf._) Er? -- wohin? -- was?
-- da hat mich's angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann -- Verlaß
mich nicht, Gott im Himmel! -- Nein du sollst mir meinen Karl nicht
entreissen! Meine Seele hat nicht Raum für zwey Gottheiten, und ich
bin ein sterbliches Mädchen! (_Sie nimmt Karls Bild heraus._) Du, mein
Karl, sey mein Genius wider diesen Fremdling, den Liebestörer! dich,
dich ansehen, unverwandt, -- und weg alle gottlosen Blicke nach diesem
(_sie sitzt stumm -- das Auge starr auf das Bild geheftet._)
~Moor.~ Sie da, gnädiges Fräulein? -- und traurig? und eine Thräne auf
diesem Gemählde? -- (_Amalia gibt ihm keine Antwort._) -- Und wer ist
der Glückliche, um den sich das Aug' eines Engels versilbert? darf auch
ich diesen Verherrlichten -- (_er will das Gemählde betrachten._)
~Amalia.~ Nein, ja, nein!
~Moor~ (_zurückfahrend._) Ha! -- und verdient er diese Vergötterung?
verdient er? --
~Amalia.~ Wenn Sie ihn gekannt hätten!
~Moor.~ Ich würd' ihn beneidet haben.
~Amalia.~ Angebetet, wollen Sie sagen.
~Moor.~ Ha!
~Amalia.~ Oh Sie hätten ihn so lieb gehabt -- es war so viel, so viel
in seinem Angesicht -- in seinen Augen -- im Ton seiner Stimme, das
Ihnen so gleich kommt -- das ich so liebe --
~Moor~ (_sieht zur Erde._)
~Amalia.~ Hier, wo Sie stehen, stand er tausendmal -- und neben ihm
die, die neben ihm Himmel und Erde vergaß -- hier durchirrte sein
Aug' die um ihn prangende Gegend -- sie schien den großen belohnenden
Blick zu empfinden, und sich unter dem Wohlgefallen ihres Meisterbilds
zu verschönern -- hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der
Lüfte gefangen -- hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte
die Rosen für mich -- hier hier lag er an meinem Halse, brannte sein
Mund auf dem meinen, und die Blumen starben gern unter der Liebenden
Fußtritt --
~Moor.~ Er ist nicht mehr?
~Amalia.~ Er seegelt auf ungestümen Meeren -- Amalia's Liebe seegelt
mit ihm -- er wandelt durch ungebahnte sandigte Wüsten -- Amalia's
Liebe macht den brennenden Sand unter ihm grünen, und die wilden
Gesträuche blühen -- der Mittag sengt sein entblößtes Haupt, nordischer
Schnee schrumpft seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet um
seine Schläfe, und Amalia's Liebe wiegt ihn in Stürmen ein -- Meere und
Berge und Horizonte zwischen den Liebenden -- aber die Seelen versetzen
sich aus dem staubigten Kerker, und treffen sich im Paradiese der Liebe
-- Sie scheinen traurig, Herr Graf?
~Moor.~ Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig.
~Amalia.~ (_blaß._) Was? Sie lieben eine andre? -- Weh mir, was hab ich
gesagt?
~Moor.~ Sie glaubte mich todt, und blieb treu dem Todtgeglaubten -- sie
hörte wieder, ich lebe, und opferte mir die Krone einer Heiligen auf.
Sie weiß mich in Wüsten irren, und im Elend herumschwärmen, und ihre
Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch heißt sie Amalia,
wie Sie, gnädiges Fräulein.
~Amalia.~ Wie beneid' ich Ihre Amalia!
~Moor.~ O sie ist ein unglückliches Mädchen, ihre Liebe ist für einen,
der verloren ist, und wird -- ewig niemals belohnt.
~Amalia.~ Nein, sie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe
eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich
wieder erkennen?
~Moor.~ Ja, eine Welt, wo die Schleyer hinwegfallen, und die Liebe sich
schrecklich wiederfindet -- ~Ewigkeit~ heißt ihr Name -- meine Amalia
ist ein unglückliches Mädchen.
~Amalia.~ Unglücklich, und Sie lieben?
~Moor.~ Unglücklich, weil sie mich liebt! wie, wenn ich ein
Todtschläger wäre? wie mein Fräulein? wenn Ihr Geliebter Ihnen für
jeden Kuß einen Mord aufzählen könnte? wehe meiner Amalia! Sie ist ein
unglückliches Mädchen.
~Amalia~ (_froh aufhüpfend._) Ha! wie bin ich ein glückliches Mädchen!
Mein Einziger ist Nachstrahl der Gottheit, und die Gottheit ist Huld
und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt' er leiden sehen -- Seine Seele
ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der
Mitternacht ist.
~Moor~ (_kehrt sich schnell ab, in ein Gebüsch, blickt starr in die
Gegend._)
~Amalia~ (_singt und spielt auf der Laute._)
Willst dich Hektor ewig mir entreissen,
Wo des Aeaciden mordend Eisen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
~Moor~ (_nimmt die Laute stillschweigend und spielt._)
Theures Weib, geh, hol die Todeslanze! --
Laß -- mich fort -- zum wilden Kriegestanze --
(Er wirft die Laute weg, und flieht davon.)
Fünfte Scene.
~Nahgelegener Wald. Nacht.~
Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.
Die ~Räuberbande~ gelagert auf der Erde.
Die ~Räuber~ singen.
Stehlen, morden, huren, balgen
Heißt bey uns nur die Zeit zerstreu'n.
Morgen hangen wir am Galgen,
Drum laßt uns heute lustig seyn.
Ein freyes Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne.
Der Wald ist unser Nachtquartier,
Bey Sturm und Wind handthieren wir,
Der Mond ist unsre Sonne,
Merkurius ist unser Mann,
Der's Prakticiren treflich kann.
Heut laden wir bey Pfaffen uns ein,
Bey masten Pächtern morgen,
Was drüber ist, da lassen wir fein
Den lieben Herrgott sorgen.
Und haben wir im Traubensaft
Die Gurgel ausgebadet,
So machen wir uns Muth und Kraft
Und mit dem Schwarzen Brüderschaft,
Der in der Hölle bratet.
Das Wehgeheul geschlagner Väter,
Der bangen Mütter Klaggezetter,
Das Winseln der verlaßnen Braut
Ist Schmauß für unsre Trommelhaut!
Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken,
Ausbrüllen wie Kälber, umfallen wie Mucken,
Das kitzelt unsern Augenstern,
Das schmeichelt unsern Ohren gern.
Und wenn mein Stündlein kommen nun,
Der Henker soll es holen,
So haben wir halt unsern Lohn,
Und schmieren unsre Sohlen,
Ein Schlückchen auf den Weg vom heissen Traubensohn,
Und hura rax dax! gehts, als flögen wir davon.
~Schweizer.~ Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!
~Razmann.~ Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bey uns
einzutreffen.
~Schweizer.~ Wenn ihm Leides geschehen wäre -- Kameraden! wir zünden an
und morden den Säugling.
~Spiegelberg~ (_nimmt Razmann beyseite._) Auf ein Wort Razmann.
~Schwarz~ (_zu Grimm._) Wollen wir nicht Spionen ausstellen?
~Grimm.~ Laß du ihn! Er wird einen Fang thun, daß wir uns schämen
müssen.
~Schweizer.~ Da brennst du dich, beym Henker! Er gieng nicht von
uns wie einer, der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du
vergessen, was er gesagt hat, als er uns über die Haide führte? -- »Wer
nur eine Rübe vom Acker stiehlt, daß ich's erfahre, läßt seinen Kopf
hier, so wahr ich ~Moor~ heiße.« -- Wir dörfen nicht rauben.
~Razmann~ (_leise zu Spiegelberg._) Wo will das hinaus -- rede
deutscher.
~Spiegelberg.~ Pst! Pst! -- Ich weiß nicht, was du oder ich für
Begriffe von Freyheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere,
und dabey wunderviel von Independenz deklamiren -- Es gefällt mir nicht.
~Schweizer~ (_zu Grimm._) Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel
hat?
~Razmann~ (_leise zu Spiegelberg._) Du sprichst vom Hauptmann? --
~Spiegelberg.~ Pst doch! Pst! -- Er hat so seine Ohren unter uns
herumlaufen -- ~Hauptmann~ sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns
gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpirt, der von rechtswegen
mein ist? -- Wie? legen wir darum unser Leben auf Würfel -- baden
darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End' noch von
Glück sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu seyn? -- Leibeigene, da
wir Fürsten seyn könnten? -- Bey Gott! Razmann -- das hat mir niemals
gefallen.
~Schweizer~ (_Zu den andern._) Ja -- du bist mir der rechte Held,
Frösche mit Steinen breit zu schmeissen -- Schon der Klang seiner
Nase, wenn er sich schneuzte, könnte dich durch ein Nadelöhr jagen --
~Spiegelberg~ (_zu Razmann._) Ja -- Und Jahre schon dicht' ich darauf:
Es soll anders werden. Razmann -- wenn du bist, wofür ich dich immer
hielt -- Razmann! -- Man vermißt ihn -- gibt ihn halb verloren --
Razmann, mich deucht, seine schwarze Stunde schlägt -- wie? Nicht
einmal röther wirst du, da dir die Glocke zur Freyheit läutet? Hast
nicht einmal so viel Muth, einen kühnen Wink zu verstehen?
~Razmann.~ Ha Satan! worinn verstrickst du meine Seele?
~Spiegelberg.~ Hats gefangen? -- Gut! so folge. Ich hab' mir's gemerkt,
wo er hinschlich -- Komm! Zwey Pistolen fehlen selten, und dann --
so sind wir die ersten, die den Säugling erdrosseln. (_Er will ihn
fortreissen._)
~Schweizer~ (_Zieht wüthend sein Messer._) Ha Bestie! Eben recht
erinnerst du mich an die böhmischen Wälder! -- Warst du nicht die
Memme, die anhub zu schnadern, als sie riefen: ~Der Feind kommt~? Ich
hab' damals bey meiner Seele geflucht -- fahr hin Meuchelmörder (_Er
sticht ihn todt._)
~Räuber~ (_In Bewegung._) Mordjo! Mordjo! -- -- Schweizer --
Spiegelberg -- Reißt sie auseinander --
~Schweizer~ (_Wirft das Messer über ihn._) Da! -- Und so krepir du
-- Ruhig Kameraden -- Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen -- Die
Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen, und hat keine Narbe auf
ihrer ganzen Haut -- Noch einmal, gebt euch zufrieden -- ha! über den
Racker -- von hinten her will er Männer zu schanden schmeissen? Männer
von hinten her! -- Ist uns darum der helle Schweiß über die Backen
gelaufen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsvötter? Bestie du!
Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie
Ratten verrecken?
~Grimm.~ Aber zum Teufel -- Kamerad -- was hattet ihr mit einander? --
Der Hauptmann wird rasend werden.
~Schweizer.~ Dafür laß mich sorgen -- Und du Heilloser (_zu Razmann_),
du warst sein Helfershelfer, du! -- Pack dich aus meinen Augen -- der
Schufterle hat's auch so gemacht, aber dafür hängt er itzt auch in der
Schweiz, wie's ihm mein Hauptmann prophezeyt hat -- (_Man schießt._)
~Schwarz~ (_aufspringend._) Horch! ein Pistolenschuß! (_Man schießt
wieder._) Noch einer! Holla! Der Hauptmann!
~Grimm.~ Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schiessen. (_Man hört noch
einen Schuß._)
~Schwarz.~ Er ist's! -- Ist's -- Salvier dich, Schweizer -- laßt uns
ihm antworten.
(Sie schiessen.)