»Mein Weib!« rief Gregor und rieb sich, wie aus einem Traum erwachend,
Stirn und Augen »Ja -- Ja! ich wache, sehe, lebe noch und das war
Julie.«
Julie von Wessen! »fiel der Hauptmann ein« die Wittwe eines Officiers.
Wittwe? sagte dieser -- O, wollte Gott!
Woldemar blickte ihm starr in's Gesicht. Jenes Geschwätz, und diese
Aeußerungen schienen auf heimliche Verrücktheit hinzudeuten, und dennoch
sah ein ruhiger, besonnener Geist aus seinen Augen. Deine Braut! rief
Gregor mit einem seltsamen Lächeln.
Die auf jeden Fall einer von uns verkannt hat.
Du nanntest sie bey ihrem Nahmen. Sie trägt den meinen.
Armer Gregor!
Sag: Aermster Wessen -- So nenn' ich mich.
Woldemar schüttelte zweifelhaft den Kopf. Dein Erstaunen »fuhr jener
fort« beweist daß Du sie kennst und daß sie mich zu den Todten warf.
Auch lag ich bereits unter diesen. Eine mitleidige Bäuerin, welche die
Opfer des Schlachtfeldes verscharren half, fand noch Spuren des Lebens
in dem Verscheidenden und entriß mich dem sanften Erlöser. Ich ward in
ihre Hütte getragen, verbunden, gepflegt und kam nur allmählich aus dem
finstern Gebiete des Nichtseyns zurück. Man hatte mich Unbekannten, zur
Ehre des Schutzheiligen meiner Weckerin, Gregor genannt. Ich ward unter
diesem Nahmen in das Haupt-Spital, und späterhin mit mehrern genesenden
Gefangenen in das Innere abgeführt. Mein Zustand verschlimmerte sich von
neuem. Was ich auch, nach der endlichen Herstellung zu meinem Besten
that und sagte, ward als ein Hirngespinnst des Wahnsinns belächelt, da
man mich nackend, ohne Kennzeichen meines Ranges unter den Leichnamen
hervorzog, und ich mich späterhin nur mit diesem Kittel bedeckt fand.
Thränen stürzten jetzt aus seinen Augen. Noch leidet freylich mein Kopf
»fuhr er mit fallender Stimme fort, und bedeckte mit der Hand die tiefe
Narbe« doch mein Gemüth leidet noch mehr. Ich habe eine zärtliche Mutter
verlassen. Sie wird bitterlich um mich weinen. Eine traute Schwester --
Tief und herzlich wird sie um den Verlohrnen trauern. Ein treulos Weib!
-- Es wird den Schmerz erheucheln wie einst die Liebe. Schnell ergriffen
sprang er auf. »Sagtest Du nicht daß sie hier sey?«
Mit nichten! »erwiederte Woldemar und drückte ihn auf sein Lager zurück«
Doch Deine fromme Mutter lernt ich kennen und diese Schwester ward mir
werth. Ermanne Dich nur! Die Rückkehr des Verlohrnen wird diese Thränen
überschwenglich vergelten und alles schnell zum Besten kehrn. Aber
Gregor vernahm des Trösters Stimme nicht. Er starrte bewußtlos vor sich
hin, und vergrub sich tief in sein Stroh.
Woldemar stand noch, von den schmerzlichsten Empfindungen bewegt, vor
dem Unglücks-Gefährten, als der Aufwärter in die Zelle trat und ihm ein
geöffnetes Paquet übergab, daß seiner Aeußerung zu Folge ein eben
durchreisender Officier für ihn mitgebracht habe. Er erkannte auf den
ersten Hinblick die Hand des Julius und ein freundlicher Sonnenstrahl
fiel durch die Nacht der Schwermuth in sein Herz.
Zwanzigstes Kapitel.
Der plötzliche Tod des Oheims, welcher kurz nach seiner Ankunft in
Pyrmont erkrankte, hatte Herminen schnell zur reichen Erbin gemacht, und
sie der traurigen Gewißheit überhoben, sein Vertrauen durch das
unabwendbare Geständniß ihrer Lage verscherzt zu sehn. Ein freundliches,
in der Nähe jenes Heilquells gelegenes Landgut ward zum Verstecke
gewählt, und der Geistliche desselben, der sich am Sterbebette des
Oheims die Achtung der Schwestern erwarb, zu ihrem Geschäfts-Träger
gemacht; denn für immer hatte Hermine auf die Rückkehr in ihre Heimath
Verzicht gethan.
Die Blätter verbleichen »sprach sie eines Abends zu Theresen, als die
Schwestern Arm in Arm durch den Garten des freundlichen Besitzthums
schlichen« verblich ich doch mit diesen! Kein Meer reicht hin den
Flecken auszuwaschen, der Tod allein kann ihn vertilgen. Bescholten und
verbannt werd ich vergehen -- schnell wie mein Kranz verblühn, und
unbekränzt in's Grab getragen werden.
Auch die Reue hat ihre Grenzen »erwiederte Therese« und der Gram sein
Ziel. Die Gattin gab sich nur dem Gatten hin. Er ist der Schuldige, Du
nur das Opfer. Schon öfter hat ein Fall die Fallende erhoben, ist die
Myrte zur Palme, die Büßerin ein Vorbild hoher Tugend worden. Und wenn
mich meine Augen nicht trügen »fuhr sie fort und zeigte nach der
Gitterthür« so erscheint uns eben dort ein hülfreicher Freund.
Es war Julius der an Augustens Arm in den Garten tratt. Erblassend floh
Hermine durch den Laubengang; wo hätte sie den Muth hergenommen sich in
dieser Gestalt vor ihm sehen zu lassen.
Ich komme weit her »sprach er zu Theresen« um Ihnen meine Frau
vorzustellen, vergebens wies man uns an der Pforte des Paradieses ab.
»Ich bin Gott Vater!« versicherte ich und glaub es nun selbst, denn Eva
hat sich schnell versteckt. Wohl jeder die ihn nicht scheuen darf! Deren
frommen Augen die wunderseltsame Kraft ward, den kecken Versucher in
einen ehrbaren Vormund zu verwandeln.
Denken Sie mir nicht an jenen Tag »fiel die junge Wahl seufzend ein« wir
leiden noch an seinen Folgen. Aber den Vormund heiß' ich willkommen und
freue mich des Engels den er dem Glück und seinem guten Rechte dankt.
Komm an mein Herz, edles Mädchen! sprach Auguste, und umarmte Theresen.
Sie sehn »versetzte Julius« daß wir alles erschöpfen die Pförtnerin
dieses Klosters zu gewinnen und ihre Dankbarkeit wird dagegen nichts
unversucht lassen, die falsche Schaam der mütterlichen Jungfrau zu
beschwören, deren Zustand sie in meinen Augen um so reitzender macht.
Das dürfte ganz ohnmöglich seyn! entgegnete ihre Schwester, und ein
Mann, dessen Zartgefühl mich ehedem selbst mit seinem unzarten
Geschlechte versöhnte, wird eine so seltene Tugend der leidigen
Neugierde nicht zum Opfer bringen wollen.
Sie bedürfen eines Mannes Rath! sprach er ernstwerdend.
Den liefert das Pfarrhaus.
Und bald auch -- den Herrn Pathen.
Erröthend kehrte sich Therese zur Baronin, die ihn mit einem
Fächerschlag zur Ruhe wies. Wenn ich hier nützlich seyn könnte »sprach
sie zu jener« so nehmen Sie mich auf, denn mein Mann hat eine
Geschäfts-Reise vor und ich war so lange schon mit dem Fröhlichen froh,
daß ich recht gern wieder ein Weilchen mit dem Weinenden weinen möchte.
Dieser Wechsel hat sein Gutes und man bedarf ja vielleicht auch, früh
oder spät, theilnehmender Seelen.
Sie sind ein Bothe von Gott gesandt! erwiederte Therese, und diese
großmüthige Herabneigung wird ein verstörtes, in edle Schaam versunkenes
Gemüth viel schneller als mein längst verbrauchter Trost erheben.
Mir ist »sprach Julius« bey allem dem ganz wunderbar ums Herz, und mein
Innerstes mit dem tiefsten Groll gegen den Urheber dieser Pein erfüllt,
der um jeden Preis alles gut machen soll!
Meines Mannes Reise »versicherte Auguste« hat diesen Zweck.