Heuchelschein! Dem sollten Sie das Haus verbiethen!
Ey bewahre! Herminchen sieht ihn nicht ungern, und wer ihr zusagt, den
nehme sie. Die Bräute sind wie Lämmer zu betrachten, die zur
Schlachtbank geführt werden; wie arme Sünderinnen denen denn, nach
hergebrachter, christlicher Sitte, jedes billige Verlangen allerdings zu
gewähren ist. Um ihrer selbst willen nimmt sie ja doch keiner. Den einen
kirrt der Mutterwitz, den andern ein Grübchen, den dritten nichts
besseres: Sie und Ihres Gleichen -- solide Leute mein' ich -- die
Mitgift. Und was wird ihr denn für die und für jenes? Evens Erbtheil!
die herbe Knechtschaft, Schmerz und Jammer. Wir gehen indeß ein bischen
da- ein bischen dorthin und gehaben uns wohl.
Hermine hüpfte jetzt herein, an dem Freyer vorüber zum Onkel hin,
welcher nach einem leisen, scherzhaften Wortwechsel das Zimmer verließ.
Sie wollt' ihm folgen als Herr Merker unter steifen Verbeugungen ihren
Arm ergriff und Anstalt zu einem Handkuß machte. Das Mädchen zog den Arm
zurück, er folgte ihr mit gespitztem Munde, bald tief hinab, bald in die
Höhe nach und immer lauter lachte sie, und immer schneller flog die Hand
bald rechts, bald links um seinen Scheitel. Der Geneckte ließ jetzt ab;
doch stampfte er ein wenig mit dem Fuße. Hermine zog einen niedlichen
Pantalon aus dem Ridikül, bedeckte ihn mit Küssen, nannt ihn mit süßen
Nahmen, ließ das Männchen aus ihrer Hand in die seine hüpfen und sprach
»Den bescheerte mir der heilige Christ.«
Herr Merker sah in dem Sprunge des Püppchens ein Merkzeichen ihrer
Gunst. »Da hab ich mich besser angegriffen!« rief er, an seine Tasche
schlagend.
Wahrhaftig? O, ich glückliche. Und das konnten Sie über sich gewinnen?
Was seyn muß, muß seyn! sprach er mit Achselzucken.
Nun, so bescheeren Sie denn! Wir werden ja sehen. Die Gabe schildert den
Geber, sie ist das Probemaß seines Geschmacks, und seiner
Empfindungs-Weise.
Für's erste »hob er an« etwas Sammt zu einer Besetzung, und der ist
_extra_, Theuerste! Dann diesen Ring; ein Erbstück von der seligen
Großmutter. Solche Kleinodien machen sich rar. Endlich und zuletzt einen
sogenannten Koselschen Gulden den ich in Ihrer Münz-Sammlung vermißte --
Wenig mit Liebe. Nehmen Sie! Ohne Widerrede!
Das Mädchen ließ den Sammt auf die Tafel, den Ring in seinen Hut, und
das seltene Kabinets-Stück zu Boden fallen, drehte sich unter einem
hellen Gelächter um ihre Achse und verschwand.
Herr Merker wußte nicht wie ihm geschah. Ein sauberes Lamm! »sprach er
endlich« Ey wenn Du doch heute noch auf die Schlacht-Bank geführt
würdest!
Drittes Kapitel.
Ein Anbether folgte heute den andern, doch Hermine ließ sich verläugnen,
sandte ihre Kains Opfer zurück und sah vergebens bis zum Abend dem
einzigen Willkommenen entgegen. Woldemar ließ sich nicht blicken. Sie
zögerte mit dem Nacht-Essen, sie eilte von Minute zu Minute ans Fenster
und als der Onkel endlich zu Bette ging, voll Mißmuth in ihr
Schlafgemach. »Der Undankbare!« schalt das Mädchen und warf den
Ueberrock ab. »Der Bestandlose!« fuhr sie fort, und löste mit Ungestüm
die Schleifen. »Der Verblendete!« setzte sie seufzend hinzu und nahm
jetzt befremdet eine wächserne Papagena wahr. Lächelnd saß das Püppchen
unter dem Spiegel; es lag ein Notenblatt zu seinen Füßen. _Er ist Dir
nah!_ sprach der Text --
Er ist Dir nah, er lauscht am Freuden-Quelle.
Des Kühnen Muth, der Sehnsucht heiße Welle,
Der Liebe Schmerz dräng ihn zur stillen Zelle
In's Heiligthum der Zauberin.
Hermine ließ das wahrsagende Blatt fallen und warf bestürzt ihre
leuchtenden Augen umher, da rauschte der Vorhang des Alkovens und
Woldemar trat, einem Genius gleich, aus dem Dunkel. Sie wollt' ihrem
Mädchen rufen, wollte zürnen, wollte fliehen und floh -- in seinen Arm.
»Tollkühner!« stammelte sie unter den Küssen des Jünglings. Er zog die
Liebliche an's Herz, ihre Thränen bedeckten ihn; sie verbarg das
glühende Gesicht an seiner Brust. »Mein also?« rief er aus. »O
himmlische Weih-Nacht!«
Viertes Kapitel.
Früher als zu fürchten stand, ging Merkers letzter Segen in Erfüllung.
Woldemar kehrte spät genug von dem Freuden-Quelle zurück; seine Wangen
brannten, seyn Herz bebte; er sah begeistert zu den verblichenen Sternen
auf, im Morgenroth die Farbe der Braut, im Wolkenflug den Tanz der
schönsten Horen: entzückende, bedeutungsvolle Träume reiheten sich an
die selige Wirklichkeit und auch diese erschien ihm, als er am hohen
Mittag erwachte, nur wie ein Trugbild des Phantasus, denn die feurige
Welle deren das Notenblatt gedachte, trug ihn weit über die Grenze
seines Willens und seiner Erwartung hinaus.
Gestern erst hatte der Verschlossene, von dem Adjutanten gedrängt,
einige Worte über das Geheimniß seines Herzens verlohren. Jetzt war der
Wurf gelungen, jetzt sollte Julius sich mit ihm freun, jetzt sollte der
Wildfang in Herminens Nähe geführt, von ihrer Anmuth gewonnen, von ihrem
Werth ergriffen, erleuchtet von dem Himmelsglanz dieser Seele, zu dem
längst verscherzten Glauben an die sittliche Güte des bessern
Geschlechtes zurückkehren. Lästige Besuche hielten ihn fest, es war
schon Abend, als Woldemar in des Freundes Behausung kam. Zwar fand er
sie verschlossen, aber er hatte Licht gesehn, schlich, vertraut mit den
Zugängen durch eine Hinterthür und trat, überraschend genug, in's
Kabinet. Julius sprang aus dem Arm eines Mädchens empor, das sich laut
schreiend aufraffte und durch die offene Thür entfloh. Woldemar stürzte
ihr nach. »Hermine!« rief er, aber sie war unter dem Schutze der Nacht
verschwunden. Er stand erstarrt auf offener Straße. Daß sie es war, litt
keinen Zweifel, der Irrthum lag ausser dem Gebiete der Möglichkeit. Er
hatte ihr Gesicht gesehn, jeden Zug unterschieden. Das war ihr
Hauskleid, das ihr Palatin und das sein Liebling unter ihrem Häubchen.
»Du Störenfried!« sprach Julius der ihm gefolgt war. Sage mir »fragte
Woldemar« auf Deine Seele frag ich Dich, war das die Wahl?
Julius schwieg betroffen still. Sie war's! gestand er endlich. Sie
war's? rief jener aus und schlich sich heim. Der Zustand seines Gemüths
kann leichter empfunden als beschrieben werden. Unglücklicher »sprach
sein Gewissen« wie mancher Pflicht hast Du entsagt, wie manches Glück
verschmäht, wie manche Blume der Jugend hingeworfen, um der Eigensucht
deines Götzen, den Launen einer Buhlerin zu fröhnen! Der Adjutant
unterbrach dieses heilsame Selbst-Gespräch. Noch immer »sagte er« läuft
Dir das Glück nach. Ich komme jetzt um anzufragen, ob Dich die
räthselhafte Göttin deren Du gestern gedachtest auch heute noch am
Ziegel hält? Woldemar wendete sich schaamroth ab. Jener drehte ihn
schnell um seine Achse, sah ihm tief in die unstäten Augen und sprach
»Täuscht mich nicht alles, so ward die Fee zur Furie, oder zur Hexe,
oder zum unerbittlichen Schicksal. Hin ist hin! Ermanne Dich, tritt zu
den Freykorps. Der Würgengel ist ein wohlthätiger Genius, der alle diese
zwerghaften Quälgeister des Stilllebens austreibt und die entarteten,
verzauberten Männer von dem Rocken ihrer Omphale losschließt; das Bett
der Ehre ist reitzender als das der Schäferin, und der Riese der Gefahr
minder furchtbar als eine schmollende Tyrannin mit dem feindseligen
Gesindel ihrer Grillen.«
Führe mich zum General, »fiel Woldemar erheitert ein« ich bin der Deine.
Mit Freuden weih ich mich von nun an dem Tode.
Schlag ein! »entgegnete der Adjutant, und drückte ihn an seine Brust.«
Hand in Hand zum ernsten Waffentanze! Bestelle Dein Haus, wir gehn nach
wenigen Stunden zur Armee ab.
Fünftes Kapitel.
Als Julius am Morgen der schlaflos hingebrachten Nacht zu dem Freund
eilte, um sich von der eigentlichen Triebfeder seines gestrigen
Ueberfalls und Benehmens zu unterrichten, klopft' er lange ungehört an
alle Thüren. Endlich kam der Wirth herbey, beklagte den Verlust eines so
lieben Hausgenossen, erzählte dem Baron, daß ihm Woldemar einige Koffer
in Verwahrung gegeben und vor Tage noch mit Extrapost abgereist sey.
Dieser bestand auf einem Briefe, welchen sein Freund nothwendig für ihn
zurückgelassen haben müsse und vermochte den Wirth die Zimmer zu öffnen,
doch fand sich nirgends ein solcher vor, wohl aber lag Herminens
Schattenriß zerrissen am Boden. Julius begriff so wenig wie sich dieß
Bild zu dem Geflohenen, als gestern Woldemar, wie das Original in die
Arme des Barons sich habe verlieren können. Erblassend las er die Stücke
auf und kehrte, jenem gleich, von Mißtrauen, Aerger und Argwohn
gefoltert, zurück.
Woldemar zog indeß in Erinnerungen an den kurzen Göttertraum seines
Lebens versunken, dem fernen Ziele der neuen Bestimmung entgegen und
verwünschte diese bereits, als er sich, um ihm die nöthigen
Vorkenntnisse zu verschaffen, im Rücken der Armee, bey dem Depot des
Regiments angestellt sah. Die Edelfrau des Rittersitzes auf dem man ihm
sein Quartier anwies, empfing den erstarrten, mit Eis und Schnee
bedeckten Officier aufs wohlwollendste und führte ihn unter herzlichen
Aeußerungen von Theilnahme in ein freundliches Stübchen, das mit allen,
lang entbehrten Bequemlichkeiten versehen war. Ueberall sprachen ihn
Bilder des Friedens, Symbole eines schön geordneten Lebens an; er sah in
der gütigen Baronin seine selige Mutter, in dem holden, geschäftigen
Fräulein den Schutzgeist des Hauses, in ihrer reitzenden, geistvollen
Gesellschafterin den traulichen Genius der Freundschaft. Die Wolken des
tiefen, lang genährten Unmuths brachen sich, ein heller Sonnenblick fiel
in sein Herz.
Woldemar eilte, sich umzukleiden und wartete der Baronin auf. Sie nahm
das Wort, unterhielt ihn von den unseligen Früchten des Kriegs, von den
Schrecken die er verbreitete, von der Angst in die er sie schon oft
versetzt, von dem hoffnungsvollen, einzigen Sohne, den ihr die erste
Schlacht geraubt habe. Der Zuhörer hatte indeß bald zu dem Flügel auf
dem Auguste nur einzelne, leise Töne anschlug, bald an den Nähtisch der
Gesellschafterin hingesehen, hatte des Fräuleins blonde Locken mit
Julianens schwarzen Flechten, ihr blaues, himmelreines Auge mit diesen
dunkeln, misterischen, Augustens zarten, wie von Geisterhand gewebten
Bau mit der üppigen Fülle der Frau von Wessen verglichen, die ihm jetzt
als die Wittwe des Gefallenen vorgestellt ward. Auguste hörte kaum des
verlohrnen Bruders gedenken, als ihre Hand unwillkührlich ein Adagio
anschlug; schnell aber zog sie sich zurück, um den Perlen des
schwesterlichen Thränen-Opfers zu begegnen: Frau von Wessen hingegen
nähete gleichmüthig fort und sprach mit süßem Silberton »O, lassen wir
ihn ruhn, _ma mere_! Welche Hölle wird das Leben, wenn uns der schwarze
Geist der Vergangenheit die Genüsse der Gegenwart verkümmern darf. Ich
für meinen Theil habe mich gewöhnt jeden Abend aus der Lethe zu trinken,
um mit jedem Morgen zu einem neuen Leben aufzustehen.«
Auf diesem Wege »entgegnete Woldemar« wird uns der schwarze Geist
allerdings immer gerüstet finden und keine lächelnde Hore ungenossen
vorüber fliehen. Verständ' ichs nur mich an den heiligen Strom zu
betten.
»Der Wille macht ihn dienstbar« entgegnete Julie.
»Der Leichtsinn vielmehr!« fiel die Baronin ein.
»Die göttliche Gabe!« erwiederte jene. Wir klagen fort und fort ein
Schicksal an, daß nur den Feigen geißelt und verfolgt. Aber man ziehe
doch -- es gilt den Versuch -- jede vorschnelle Sorge für die Zukunft,
jede unnütze Nachwehe der Vergangenheit, jede Distel des ziellosen
Stunden-Kummers aus dem Strauß eines Jahres, und ich bin gewiß daß uns
der freundliche Rest mit den wenigen, unvertilgbaren Dornen versöhnen
wird.
Die Baronin, welche nach Art allezeitfertiger Kreuzträgerinnen Geschmack
am Leide, Zerstreuung in der Klage, Genuß im Kummer fand und wie jene
der Hoffnung lebte, dort um so herrlicher zu prangen, je demüthiger und
zerknirschter sie sich hier unter der Hand Gottes gekrümmt habe, bewies
in einer ausführlichen Gegenrede die Unzureichbarkeit dieses Receptes.
Auguste blätterte in ihren Noten, Woldemar aber warf bereits, dem Rathe
gemäß, den verdächtigen Freund und die tugendlose Braut aus dem Kranz
seines Lebens, um ihn durch jene glühende Rose und dies liebliche, mit
dem Himmelsthau der Thränen bedeckte Veilchen zu ergänzen. Selbst seine
Anstellung bey dem Depot, vorhin eine Quelle des Mißmuths, ward jetzt
als eine göttliche Schickung ganz ohne Murren hingenommen und der
liebenswerthe Gast kehrte erst spät am Abend, von dem Wohlwollen der
Töchter und dem Zutrauen der Mutter begleitet, in das heimliche Stübchen
zurück.
Sechstes Kapitel.
Schnell genug »schrieb ihm Julius bald darauf« hat sich das seltsame
Räthsel, welches uns entzweyte und den friedlichen Schäfer zum Wehrwolf
machte, gelöst. Der Freund eilt deshalb, den unschuldigsten aller jetzt
lebenden Freybeuter mit Aufschlüssen zu versehen, die Dich ohnfehlbar
aus dem eisernen Felde an das Herz einer viel süßern Beute zurückführen
werden.
Ich kam, wie Du weißt, im November von Paris zurück, bezog mein
gegenwärtiges Quartier, stellte mich aus angestammter Galanterie den
sämmtlichen Hausgenossen vor und fand im Laufe dieser Arbeit einen
Schatz der weder von Tanten noch Riesen, noch Drachen bewacht, des
Schutzes dennoch mehr als einer bedürftig schien. Das einsame Mädchen
ließ mich zu wiederholten Mahlen die Schelle ziehen. Sie sah, (ich
merkte es deutlich) durch's Schlüßelloch, öffnete endlich, im Glauben an
die Arglosigkeit, welche ich während dieser Besichtigung auf Stirn und
Lippe treten ließ, das enge Dachstübchen, führte mich über eine Saat von
Flohr-Schnitzeln zu dem einzigen Stuhle hin und nahm, dem Gaste
gegenüber, auf ihrem Bettchen Platz. Ich verglich sie nach den ersten
Begrüssungen der Perl, die des Zufalls Laune in eine unscheinbare
Wohnung vergräbt, sie aber bestand darauf nur ein Blümchen zu seyn, das
des Zufalls Spiel vor kurzem hergeweht habe. Ein Wort veranlaßte das
andere, meine Theilnahme erweckte Vertrauen, die reiche Stickung meines
Kleides Hoffnungen auf einen Engel vom Himmel, und so erfuhr ich denn,
daß die bildschöne Putzmacherin ein Kind der Liebe, daß sie um gewisse
Rechte geltend zu machen, hieher gekommen sey und sich bis zu Austrag
dieser Angelegenheit von der Arbeit ihrer Hände nähre. Du glaubst nicht
wie reitzend Therese durch dieß Geständniß in meinen Augen ward, mit
welcher Schonung, welchem himmlischen Erröthen sie ihrer Mutter, in
wenig leisen, kaum vernehmbaren Tönen jener Schwäche zieh, wie sichtlich
es ihr weh that, vom jungfräulichen Zartgefühl gebunden, den Fehltritt,
welcher der Erde eine Grazie gab, unentschuldigt lassen zu müssen. Ich
that es jetzt an ihrer Statt, und gebehrdete mich so ehrbar und zierlich
wie der Engel der Verkündigung in alten Comödien. Auch wollte Therese
bereits von der Frau Wirthin eine Schilderung meiner mannigfaltigen
Vorzüge vernommen haben, und es kostete mir nicht wenig, die Frau
Hausbesitzerin der Partheylichkeit zu bezüchtigen. Jetzt gab es endlich
eine Pause. Sie machte, des Lebewohls gewärtig, eine leise Bewegung, ich
aber hielt noch unverrückt das Wasserglas und zwey Semmel-Schnitten,
wahrscheinliche Reste ihres Mittags-Mahls im Auge und vermißte zu meinem
Verdruß den kecken Muth mit dem ich oft so mancher ihrer Schwestern
einen viel zweydeutigern Beystand geboten hatte. Es gibt »sprach ich
endlich im Ton der Weihe« es gibt der Wölfe die im Schafskleid, der
Satans Engel, die im Lichtgewand guter Genien einhertreten, so viele --
so viele -- daß -- »Ein Blick in ihre hellen, lauschenden Augen brachte
mich so schnell um die Folgerung, daß ich in der Verlegenheit, mit der
Hand einen Gedankenstrich durch die Luft beschrieb, und kleinlaut
fortfuhr« Kurz und gut! Sie dürfen mich unbedenklich als einen Vormund
ansehen, der Ihnen das väterliche Erbtheil schuldig blieb. Meine rechte
Hand faßte während der großmüthigen Erklärung die ihre, die linke warf
einige Dukaten in das halbvolle Wasserglas. Ich sah; ich setzte
vielleicht sogar -- Du glaubst mir das aufs Wort -- schon manches
Mädchen in Verlegenheit, doch sah ich keine je in einer reitzendern.
Sollte sie um den Vorschuß zurückzugeben, den Gesetzen des Anstandes
entgegen, vor meinen Augen Fischerey treiben? Die kleinen Finger
reichten, es sprang ins Auge, nicht zu dem Gold hinab; dazu machte der
reine Mangel an Gefäßen die Entfernung des überflüßigen Wassers
ohnmöglich, und der gütige Geber war verschwunden als sie noch im Kampfe
zwischen Schaam und Bedürfniß, wie Eva vor dem Gold-Fruchtbaum stand.
Erbaut von dieser guten That, wie mein Herz sie zu nennen beliebte,
gelob' ich mir noch auf der Treppe nie mehr als ihr Vormund werden zu
wollen, und treffe im Vorsaal auf den Jäger des Vaters, der mich an sein
Sterbebett bescheidet.
Ich eil' auf das Gut, find ihn im Sarge und im Gefolge seines Todes eine
Masse von Geschäften, die mich dort bis Weihnacht festhält.
Vergessen ist Therese, der Gedank' an sie ging in den Wunden des
Verwaisten, im Würbel ernster Zerstreuungen unter; eine süße Erinnerung
spricht mich bey der Rückkehr in meine Wohnung an. Ich gedenke der
gelobten Vormundschaft, widerrathe mir, den neulichen Besuch zu
wiederholen und sinne eben auf Mittel sie durch die dritte Hand mit
einem Weihnacht-Geschenk zu erfreuen, als man leis an meine Thüre
klopft. Sie thut sich auf, ein Engels-Köpfchen sieht in's Zimmer. Sind
Sie allein? fragt ihre Flöten-Stimme und Therese steht vor mir. Ich
schiebe, des Bedienten wegen, ihr unbewußt den Riegel vor und führe,
betroffener als sie selbst, die schüchterne, zitternde Taube zum Sopha.
Zu Ihnen »flisterte sie und drückte schneller als ich dem wehren konnte,
meine Hand an den rosigen Mund« Zu Ihnen darf sich wohl ein Mädchen
wagen?
Ich gestehe Dir, Woldemar, daß mein neuer Adam, eingedenk jenes
Gelübdes, sich jetzt ein wenig überhob und schon im Geiste die süßen
Zinsen abwies, die mir die gewissenhafte Schuldnerin ganz
augenscheinlich entgegen trug; daß mich daher die Schaamröthe um so
brennender überlief, als sie jene Goldstücke in die Hand des Lehners
drückte, und mit sichtlicher Rührung sprach -- Der gute Geist der mir
diesen Helfer erweckte, hat meine Sache geführt; hat mich in einer
gefürchteten Feindin, eine großmüthige Wohlthäterin finden lassen --
»Wohl nur einen Wohlthäter?« unterbrach ich sie, von dem grämlichsten
Unmuth übereilt, mit satirischem Lächeln. Therese sah mich schwer
beleidigt an -- so ohngefähr wie ein Engel den verhärteten Sünder
fixiren würde, und helle Wemuthsthränen fielen jetzt aus ihren Augen.
Sie fielen in mein Herz, es bat um Verzeihung; einem Verzückten gleich,
sprach ich von dem Sonnenglanz ihrer Unschuld, schlang den Arm um
Theresens Nacken und plötzlich standst Du, einem Nachtgespenst gleich,
vor der heiligen Gruppe. Das Mädchen entsetzt sich, springt nach der
Thür, flieht auf ihr Zimmer. Ich stürze Dir nach, erstaunt über den
lebhaften Antheil den Du an meinem Schützling nimmst. Ich sehe in diesem
Ueberfalle das Treiben der Eifersucht, und überzeuge mich des Angstrufs
eingedenk mit dem sie fortstürzt, um so schneller, daß diese Heilige nur
eine Heuchlerin, und Du selbst die vorgebliche Wohlthäterin seyst. Sie
zu entlarven eil ich nun nach ihrem Zimmer, es ist verschlossen; ich
höre sie schluchzen: vergebens drängen sich meine Beschwörungen durch
das ansehnliche Schlüsselloch. Ich sehe jetzt hindurch, sehe das Mädchen
auf seine Knie hingeworfen, die Hände gefaltet zum Himmel erhoben, und
in allen dem nur das Spiel einer Kokette die sich bemerkt weiß. Mein
Argwohn wird, als ich am Morgen Theresens Schattenriß zerstückt in
Deinem Zimmer finde, von neuem zur Gewißheit. Ich schreib' ihr, lege die
Stücke des Bildes bey, nenne sie einen Satans-Engel; zerreiße den
tobenden, halb fertigen Straf-Prediger, schreib' einen zweyten,
verbrenne die Kriegs-Erklärung und zwinge mich endlich zu dem dritten,
bescheidenern, auf welchen mir am folgenden Morgen die beyliegende, das
Räthsel erfreuend auflösende Antwort zukam. Du kannst denken, guter
Woldemar, wie feurig meine Reue, wie viel beschämender noch als die
gestrige, meine heutige Abbitte war --
Siebentes Kapitel.
So weit hatte Woldemar gelesen und still ergrimmt der Fabel gelacht mit
der man ihn jetzt, einem Kinde gleich, verblenden wollte, als plötzlich
in der Nähe Schüsse fielen. Er sah die Besatzung des Dorfs in regellosen
Haufen dem Schlosse zustürzen, warf den Brief samt der ansehnlichen,
noch ungelesenen Beylage auf den Tisch, griff zu den Waffen und eilte in
den Hof hinab.
Der Feind! rief ihm Frau von Wessen aus dem Keller-Halse nach;
ohnmächtig lag Auguste vor der Treppe. Er trug sie in den Arm der
Schwägerin. Der Feind! riefen die herbeyströmenden Rekruten und Woldemar
rief nach dem Hauptmann. Den aber hatte bereits eine Kugel getödtet und
alles floh nun dem Neuling zu.
Das Schloß war allerdings fest genug, es einige Stunden lang gegen ein
fliegendes Corps zu vertheidigen und da es die Geld- und
Feld-Geräths-Wagen des Regiments enthielt, ein Gegenstand von hoher
Bedeutung. Der Gärtner der Baronin hatte bereits die Zugbrücke
aufgezogen, der Verwalter die Thore zugeworfen, der Jäger jedem
dienstbaren Geiste seiner Herrschaft ein Gewehr in die Hand gedrückt.
Woldemar begriff die Möglichkeit einer solchen Erscheinung um so
weniger, da er sich vier Meilen hinter der Armee, von Truppen umgeben,
kurz in Abrahams Schooß wußte. Aber der kühne Partheygänger hatte sich
denn doch, trotz dem Heere das auf seinen Lorbern ruhte, von dem
Schnee-Gestöber begünstigt, durch das Gebürge geschlichen. Eben befand
er sich mit Geißeln, Brandschatzungen, und einer erbeuteten Kriegs-Kasse
beschwert auf dem Rückweg und würde die Wessenburg wohl ganz
unangetastet gelassen haben, wenn nicht Woldemars Hauptmann den Vortrab
des feindlichen Zugs, auf einen Dienstritt entdeckt, und sich ihm mit
allem was sich aufraffen ließ, in den Weg geworfen hätte. Der Kühne
fiel, und die Freyjäger flohen nun dem Schlosse zu, das der Führer des
Vortrapps mit Ungestüm angriff. Woldemar fühlte lebhaft was er den
Damen, dem Vaterland, der Ehre seines Degens schuldig sey und belebte
durch wenig erhebende Worte den gesunkenen Muth seiner Brüder. Ihr
Widerstand verwickelte den Feind der indeß von den herbey fliegenden
Schaaren seiner Verfolger ereilt, umringt und zusamt der gemachten Beute
gefangen ward.
Achtes Kapitel.
Als Woldemar am folgenden Morgen, von dem Schmerz einer empfangenen
Kopfwunde geweckt, aus tiefer Betäubung erwachte, stand die Baronin zu
des Bettes Häupten und Frau von Wessen neben ihr. Diese lächelte, jene
weinte, der Wundarzt gab den besten Trost; bald darauf erschien auch der
Adjutant; er warf ihm unter zweydeutigen Glückwünschen ein
Hauptmanns-Patent auf die Decke. Da siehst Du »sprach er« wie blind das
Glück, wie mächtig der Kriegs-Gott in den Schwachen ist. Dein
zufälliger, folgenreicher Widerstand hat Dir plötzlich einen Nahmen
gemacht und eine Stelle verschafft nach der ich seit zwanzig
Dienst-Jahren vergebens strebte. Eben kam auch Auguste herbey, sprach
von den Schrecken des Gefechts, von Woldemars Ritterdienst und seinem
Heldenmuth. Mutter und Schwägerin stimmten ein und der Adjutant kehrte
nach einem frostigen Lebewohl, mit verbittertem Gemüth auf seinen Posten
zurück. Woldemar sah jetzt -- wie am Morgen der Weih-Nacht in der er die
stille Myrte brach -- auch in dem schnell erworbenen Lorber nur ein
Gaukel-Spiel der Phantasie, in dem Patent nur ein Papier das ihn an
jenen Brief erinnerte, nach dem er jetzt, vom Fiebertraum erwacht, mit
Sehnsucht fragte. Vergebens suchte die Baronin das Stübchen, der
Bediente seine Taschen, der Wundarzt den Zwinger des Schlosses aus;
weder der Brief, noch die bedeutende Beylage war zu finden und der
herbey gerufene Jäger, welcher aus diesem Zimmer auf die Feinde schoß,
gestand daß er allerdings einige hier gelegene Papiere unbesehen zu
Pfropfen für sein Gewehr verbraucht habe.
Frau von Wessen bot sich dem Kranken zum Sekretär an, und er sagte ihr
mitten im Schmerz einige Zeilen für den verdächtigen Freund in die
Feder. Nur der Wohlstand konnte die holde Pflegerin für kurze Zeiträume
vor seinem Bett entfernen und diese zarte, unerschöpfliche Sorgfalt
gewann ihr schnell genug das erkenntlichste Herz. Julie errieth seine
Wünsche, seine Winke, seine Verhältnisse; scheuchte mit lieblichen
Liedern jede Grille, mit zarter Hand jede Winter-Fliege vom Bette des
Kranken, bot ihm die hülfreiche bey jedem Verbande und führte ihn
allgemach durch eine Reihe wohlthuender Situationen. Das Wundfieber nahm
zusehends ab, schon vermocht er außerhalb des Bettes zu dauern und auch
Auguste wagte sich nun wieder in des Freundes Nähe.
Sehen Sie »sprach Julie, als sie eines Abends an seiner Seite spann« ich
bin die Parze die Ihr Leben spinnt. Ein langer Faden, rein und glänzend.
Hygea vielmehr! erwiederte er.
Hygea spann ja nicht! »sagte das abgehende Fräulein« nur Schlangen
nährte die --
Heilbringende! rief ihr Woldemar nach.
»Galt das mir oder Ihnen?« lispelte Julie. Der Zorn röthete schnell ihre
Wangen. Rasch ergriff er den Arm der Spinnerin. Meine Hygea! sprach der
Dankbare, von süßen Regungen durchdrungen.
Die Schlange sticht! erwiederte Frau von Wessen und verletzte seine Hand
mit der Spindel. Ein Tropfen Blut trat hervor. Sie küßt' ihn lachend
weg, er zog sie an das Herz. Die dunkeln, verlangenden Augen glänzten
hart vor den seinen, die lüsterne Lippe vermählte sich dem begehrenden
Munde, Juliens Busen schlug voll glühender Sinnlichkeit an Woldemars
Brust.
Neuntes Kapitel.
Frau Tochter »sprach die Baronin, als jene in das Familien-Zimmer hinab
kam« vergebens hab ich bisher als Freundin Sie gewarnt, als Mutter Sie
gebeten dieses thörichte Herz zu bewahren, und Ihrem Leichtsinn nicht
die Ehre meines Nahmens preis zu geben -- Ihren Begierden vielmehr!
Unwürdige! So ehrst Du das Gedächtniß Deines Gatten?
Julie stellte den Rocken bey Seite, setzte sich zum Nähtisch hin und
wiederholte mit Gelassenheit --
Begierden? Unwürdige? Sie sind sehr aufgebracht, _ma mere_!
Der junge Mann hat Zartgefühl. Er muß die Zudringliche verachten.
Eine so gute Christin sollte gütiger seyn, gnädige Frau; gerechter
wenigstens; denn selbst das höchste Gebot entschuldigt die
Zudringlichkeit der Menschenliebe. Daß ich ihm wohl will, ist in der
Regel. Sehr wohl, _ma mere_! Nie sah mein Auge in ein reineres, nie
begegnete mein Herz einem wärmern. Darum empört mich ihre Härte nicht.
Was gibt es süßeres als um den Mann zu leiden, den wir lieben?
Also ein Anschlag auf seine Hand?
Auf Anschläge verstehen sich in der Regel die Mütter nur. Ich folge
kindlich dem Gefühle.
Nur leider nicht dem Zartgefühl. Ihr seliger Mann hat das erfahren.
Friede sey mit ihm. Er weiß nun, wer ihm wohl und wer mir übel wollte.
Ich wollte Dein Glück, Undankbare!
Glück macht die Liebe nur und nur _Sie_ hat er geliebt. Gefürchtet
vielmehr. Mein Herz war lauter Flamme, das seine lauter Erz, und immer
spröder ward es, bis der Tod es brach.
Du brachst es früher schon!
Julie warf einen glühenden Blick auf die Mutter, verbarg ihr empörtes
Gefühl hinter einem unholden Lächeln und schwieg.
Sähe der Hauptmann dies Gesicht »fuhr jene fort« er würde noch
entschiedener zurücktreten.
Er würde mich bedauern und erlösen.
Erlösen, sagst Du? Geh, ich verwerfe Dich!
Sie werfen mich in seinen Arm. Ich komm' aus diesem!
Die Baronin faltete seufzend die Hände und schlich abseits, dem Himmel
ihre Noth zu klagen.
Zehntes Kapitel.
Hygea hatte den genesenden Jüngling in der feurigsten Wallung verlassen.
Noch glühte jener Wonnekuß auf seinen Lippen, noch sah er diese
flammenden Augen, die Fülle der schnell bewegten Brust. Sein ganzes
Wesen war in Aufruhr und die seltsamste Erscheinung weckte ihn nach
Mitternacht vom Schlummer auf. Der volle Mond beschien ein niedliches
Gespenst das aus der Wand hervor zu schweben schien, nun seinem Bette
näher tratt und zögernd an ihm lauschte. Woldemar bog sich mit
klopfenden Herzen nach der Mauer zurück, wollte seinen Sinnen nicht
trauen, wagt' es kaum einen Blick auf die Erscheinung zu werfen, und
kämpfte noch unentschlossen mit sich selbst als der seltsame Zuspruch
wieder aufbrach und mit der Leichtigkeit eines Schattens zurückkehrte.
Schnell wuchs sein Muth, er schlich ihm durch die Oeffnung nach und
stand jetzt vor dem Bett in dem die Frau von Wessen schlief. Betroffen
weilte er an der fesselnden Stätte und traf, als ihn sein Genius
fortzog, auf ein zweytes in dem Auguste, lächelnd wie die Unschuld
ruhte.
Woldemar, der bis dahin die heimliche Tapeten-Thür übersehn und nie
geahnt hatte, daß sein Stübchen an diese Schatzkammer grenze, machte sie
bey der Rückkehr mit leiser Schonung zu und glaubte zuversichtlich durch
die Nachwehen des Wundfiebers zum Geisterseher geworden zu seyn, denn
hätte selbst -- der Fall war nicht denkbar -- sich eine dieser
Schläferinnen zu einem solchen Schritt vergessen können, so würde er ja
die Fliehende ereilt oder erkannt haben.
Das unerklärbare Räthsel beschäftigte ihn bis zum Morgen, jetzt aber
wich der Glaube an das Spiel einer krankhaften Phantasie dem Erstaunen
mit welchem er ein himmelblaues, vor seinem Bette liegendes Band
erblickte, und dieses dem Schauer des Fiebers, das im Gefolge der
erschütternden Zauberspiele dieser Stunden zurückkehrte.
Eilftes Kapitel.
Auch die Baronne war am Morgen erkrankt, hatte den Beystand der
Schwiegertochter zurückgewiesen und Auguste, gewöhnt der Feindin
wohlzuthun, für dies Mahl vergebens alles aufgebothen den Groll des tief
empörten Mutterherzens zu beschwören.
Julie schlich sich, von der Mutter verschmäht, zu dem Freunde hinüber
der bey ihrem Eintritt seinen Rückfall vergaß, und schüttete ihr Herz
vor ihm aus. Der Kindheit Freuden hatte ihr, laut dieser Geständnisse,
eine grausame Stiefmutter, die Blumen der Jugend ein liebloser Gatte und
die herrschsüchtige Baronin geraubt. Diese verkenne, Auguste beneide
sie, und beyde sähen in dem heiligen Mitgefühl, in dem reinen Feuer der
Theilnahme das sie zur Pflegerin des edelsten Mannes gemacht habe, nur
den schlau berechneten Plan einer Kokette. Helle Thränen begleiteten die
rührende Elegie, sein fieberhaft reitzbares Herz sprach nur zu laut für
die Weinende. Sie nannte ihn ihren einzigen Freund, er aber nannte sich
ihren ewigen Schuldner und gedachte seufzend gewisser Fesseln, die seine
feurige Vergeltungs-Lust für den Augenblick noch gefangen hielten.
Daß mein Gemüth »erwiederte Julie« die Heiligkeit dieser Pflichten
kennt, daß es selbst die Ansprüche einer Unwürdigen zu ehren versteht,
bezeugt die Fassung mit der es in jener Nacht das feurigste aller
Gelübde zurückwies.
Welche Gelübde? »sprach er im Herzen zu sich selbst.« In welcher Nacht?
Oder hätte die Krankheit Sie in jener unvergeßlichen Stunde zum
bewußtlosen Schwätzer gemacht? Wohl Ihnen dann! Dann wäre ja Hermine nur
ein Traumbild, das mit der wiederkehrenden Besinnung in sein Nichts
zerfloß und ihre Treulosigkeit ein Phantom das im Morgenrothe der
Genesung unterging. Woldemar sah verstummt zu Boden. Und Wohl auch mir!
»fuhr Frau von Wessen fort« der da ein Gott die Kraft verlieh, dem
feurigsten aller Männer zu widerstehen, und die Erhörung zu verzögern.
Unseliges Verhängniß! »rief er und sprang auf« O, warum streifte mich
der Fittich des Würgengels nur? Wie gern schlief ich in seinem Arme!
Oder am Herzen der Verlobten?
Ich bin sehr elend! Nimm mich an das Deine. An das hart verletzte, das
ich heilen will und muß.
Nicht also, guter Woldemar, ein Engel wird diese Wunden verbinden, der
Engel der Vergeltung der unsere Opfer zählt und unsere Thränen.
Ich will alles gut machen! »rief er, hingerissen von der Fluth seiner
Gefühle, von einer unzeitigen Großmuth gemeistert« ja, ich gelob es! Nur
das Mitleid sagst Du, die Theilnahme nur, nur die laue Hand der
Freundschaft hätte Dich Wochenlang an meinem Bette festgehalten? Nur um
ihretwillen hättest Du dem Grolle der Schwester, dem Zorne der Baronin,
der Verläumdung bösartiger Thoren getrotzt? Nur aus Rücksicht auf die
geflohene Treulose meiner Hand entsagt, die ich Dir -- zwar in des
Fiebers Gluth -- doch wahrlich, inspirirt von meinem Engel both?
Still, Frevler -- Still! »rief Juliane jetzt.« Sie fühlen nicht wie tief
mich diese Zweifel beugen; die Flamme nicht, die an unheilbare Wunden
schlägt. O warum muß die böse Fee zwischen mich und den Abgott meines
Lebens treten?
Lieblicher hatte nie eine Frage seinem Ohr geschmeichelt, schneller nie
ein Zauber sein Herz umstrickt, kein sterblich Weib ihn je so magisch
angezogen. Die Spiegel ihrer Seele flammten wie Sterne durch die Nacht
des Grams, der Wehmuth Genius schien aus dem Rosenkelche dieser Lippen
ihn um Erbarmen anzuflehen. Er faßte sie mit starkem Arm, er hob sie
hoch, an's Herz empor und bedeckte die Schluchzende mit zahllosen
Küssen. Ich bin der Deine! »rief er« wirst Du dies zweyte heißere
Gelübde verschmähen?
Liebling -- Bräutigam! Himmlischer Geist! stammelte Julie und ließ die
Lippen des Trunkenen schalten. Man klopfte, er vernahm es nicht. Auguste
trat herein ihre Schwägerin abzurufen; sie wand sich sanft aus seinem
Arm, sprach zu dem Fräulein, dessen Antlitz ein edles Schaamroth
überflog. »Nimm hier kein Aergerniß, wir sind verlobt!« und hüpfte fort.
Auguste verbeugte sich gegen den Hauptmann, und wollte der Braut folgen,
Woldemar aber faßte ihre Hand und bestätigte in gebrochenen Worten
Juliens Versicherung. Ich kenne »erwiederte das Fräulein« die
Gesinnungen meiner Mutter zu wenig und die Gefahren Ihres Standes zu
genau um Beyden jetzt schon Glück zu wünschen. Er ließ beleidigt
Augustens Hand fallen. Aber wie kömmt dieß Band in Ihr Zimmer? »fragte
sie jetzt, und nahm es vom nahen Tische weg« vergebens hab ich es heut'
am Morgen gesucht.
Ein Strumpfband vielleicht? Sie verstummte.
Oder etwa gar der Gürtel der Vesta? Auf jeden Fall sind Sie im Stande
mir das Räthsel zu lösen. Vor meinem Bette fand ich es. Ihr Schutzgeist,
Fräulein, trug diesen Talismann mitten in der Nacht in mein Zimmer.
Auguste wechselte die Farbe, der Hauptmann sah ihr starr in's Gesicht --
»Und die misterische Pforte hier -- unstreitig führt sie in das
Geisterreich; aus ihr tratt der willkommene Gast hervor, durch sie
kehrt' er zurück. So ist es -- auf mein Ehrenwort!«
Ihre Hände bebten, ihre Wangen verblichen, sie wankte sprachlos aus dem
Zimmer.
Zwölftes Kapitel.
Woldemar sah ihr staunend nach. Sein Kopf brannte, sein Herz glühte,
Feuer rann in seinen Adern, er eilte Luft zu schöpfen, in den Zwinger
der das Schloß umgab. Die Erscheinungen dieser Zeit schwebten wie
Geistertänze vor seiner Seele und der Schutt und die Blutspuren im
Schnee weckten Erinnerungen an jenes ehrenvolle Gefecht in ihm auf. Er
freute sich der gelungenen That, dachte des Getümmels das ihr voranging,
des empfangenen Briefes den der Jäger der Baronin in seinem Diensteifer
verbracht hatte und eilte zu sehen ob sich nicht Reste desselben
auffinden ließen, unter sein Fenster hin. Lange störte er vergebens
zwischen Eis und Schnee und dem Abbiß der Patronen, fand endlich ein
bedeutend scheinendes, zerrissenes Blättchen und las --
»Die großmüthige Schwester -- das Häubchen von ihrem Kopfe --
zur Täuschung ähnlich --«
Eine kalte Hand griff ihm in's Herz. Er sann und sann und suchte jetzt
angsthafter; ihn aber suchten die Bedienten, denn eine Ordonanz aus dem
Hauptquartier war gekommen. Der Husar erbat sich einen Empfangschein und
übergab die Depesche. Woldemar fertigte ihn ab, öffnete den Befehl, sah
sich angewiesen mit der unterhabenden Mannschaft alsogleich
aufzubrechen, des fördersamsten im Haupt-Quartier einzutreffen, oder
falls sein Gesundheits-Zustand ihm dies für seine Person nicht gestatte,
ohne Zögerung nach dem Lazareth abzugehn.
Schnell ward gepackt, gesattelt, und der General-Marsch geschlagen, denn
kein Augenblick war zu verlieren wenn das entfernte Ziel, den Worten der
Depesche gemäß, erreicht werden sollte.
Dreyzehntes Kapitel.
Julie hatte indeß, trotz dem bestimmten Verbote, die kranke
Schwiegermutter heimgesucht, das gestrige unkindliche Benehmen mit der
Heftigkeit ihres Charakters entschuldigt, ihre Hände mit Küssen bedeckt,
heilige Sprüche und schöne Sentenzen zu Mittlern gemacht und so den Zorn
der gutmüthigen Baronin in Wehmuth, den stillen Groll in herzliche
Vergebung aufgelöst. Jetzt hielt Frau von Wessen ihrem Woldemar eine
Schutzrede der die Mutter um so weniger zu widersprechen vermochte, da
sie früher selbst seiner Bescheidenheit, seiner Sittlichkeit, und so
mancher liebenswürdigen Eigenschaft die ihn auszeichnete, das gebührende
Lob ertheilt hatte. Zu allen dem »fuhr jene fort« hat Ihnen Gott in dem
edlen Mann einen Engel gesandt, denn wie wäre es uns ergangen, wenn er
nicht Wunder that. Dieses Haus läg in der Asche, Sie vielleicht im
Grabe, ich und Auguste ständen, des Aergsten gar nicht zu gedenken,
geplündert und verlassen am Scheidewege. Was wir sind, was wir haben,
erhielt uns seine Hand und die wollten Sie aus der Hand seiner
Vergelterin reißen? Der Himmel selbst belohnte diese That und öffnete
ihm eine glänzende Laufbahn.
Gewiß würde die Baronin in Hinsicht auf den Werth des Freyers, auf den
Schutz, welchen sie ihm dankte, dieß Einverständniß wohl eher begünstigt
als gescholten haben, wenn ihr das Glück der Tochter nicht näher als das
der Verwandtin am Herzen gelegen hätte. Sie kannte nur zu gut den Quell
des stillen Grams der aus Augustens verweinten Augen sprach und begriff
nicht, wie ein so zartfühlender Mann, blind für den Zauber dieser
Himmelsblume, nach der dornigten prahlenden Rose zu greifen vermochte.
Da indeß die Ehen, ihrem Glauben zu Folge, des Himmels Sache waren und
die Frau von Wessen bereits als verlobte Braut um ihren Segen bat, so
vergab sie mit sanften Worten den übereilten Schritt, behielt sich das
Weitere bis zu ihrer Genesung vor und drang darauf daß Woldemar
zuförderst einem Stande, der Julien bereits zur Wittwe gemacht habe,
entsagen solle. Frau von Wessen erklärte selbst diese Bedingung für
zweckvoll und unerläßlich und sah jetzt, still entzückt, in der
sinkenden Sonne den Herold des Braut-Abends. Da ward es plötzlich
lebhaft auf dem Hofe, des Hauptmanns Leute liefen durch einander, der
eine sattelte, der andere sprach von nahem Blutvergießen, der Ruf der
Trommel scholl aus dem Dorf herauf.
Die Kniee wankten unter ihr, sie stürzte geisterbleich hinüber, in
Woldemars Arm.
Was soll das? »fragte er mit verbissenem Schmerz« Warst Du nicht eines
Soldaten Frau? Euch ziemt, wie uns, gefaßter Muth.
Doch zu schrecklich war der jähe Sturz vom Sonnenziele in die Nacht des
Grams, zu tief der Fall für ein so zügelloses Herz das jedes Lächeln des
Geschicks zum Himmel hob, jeder Umfall in die Höhle des Jammers
hinabwarf. Wimmernd hing sie an Woldemars Halse, hielt ihn krampfhaft
umfaßt und ihre Lippen zuckten gichterisch.
Bald sehen wir uns wieder! »tröstete er mit halber Stimme.« _Oft!_ sagt
mein Herz -- nach wenig Tagen vielleicht, und am Ziele winkt ein Hafen
in dem uns nichts mehr trennen soll. Aber die Jammernde verwarf jeden
Trost. Nimm! »rief sie und schnitt mit schonungsloser Hast eine Flechte
von dem glänzenden Haupthaar.« Nimm und gedenke mein! Und meiner nur!
Gelobend bedeckte er ihren bebenden Mund mit heißen Küssen und bat sie
dann, die kranke Mutter auf seinen Abschieds-Besuch vorzubereiten. Julie
ging nach langen Bitten, doch wenige Schritte nur. Laut schreyend flog
sie an seinen Hals zurück. Ihre zuckenden Augen brachen, entgürtelt flog
der Busen, das lose Haar um ihre Scheitel. Sie lag noch bewußtlos im Arm
ihrer Kammerfrau als Woldemar in der furchtbarsten Stimmung seines
Lebens über die donnernde Zugbrücke sprengte. Schaudernd blickte er vom
Thal aus nach dem Schlosse hinauf, dessen Fenster das Spätroth
vergoldete, gab den räthselhaften Geistern dieser Burg gute Nacht, und
saugte das Blut aus der Lippe die Julie im Wahnsinn ihres Schmerzes
verletzt hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Als man den Hauptmann nach jenem Gefechte verwundet und betäubt auf sein
Zimmer zurücktrug, übernahm Frau von Wessen wie bekannt die Rolle der
Wärterin und ließ deshalb um in seiner Nähe zu bleiben, ihr Bett ohne
der Mutter Wissen, in jene leere, nachbarliche Kammer versetzen. Erst
späterhin bemerkte die Baronin diesen ihr höchst mißfälligen Uebelstand,
wieß Julien auf der Stelle einen Platz in ihrem eigenen Schlafzimmer an,
gesellte ihr, als diese Weisung unbeachtet blieb, Augusten bey und
verschloß die bewußte Tapeten-Thür. Frau von Wessen aber schloß sie, um
sich einen weiten Umweg zu ersparen, am folgenden Morgen wieder auf und
aus angebohrner Furcht vor Dieben und Kobolden, Nacht für Nacht die
andere zu, welche über den unheimlichen Saal in die Zimmer der Baronin
hinüber führte. Auguste hingegen der es nie beykam den lieben Gast auf
einem Schleifwege heimsuchen zu wollen, glaubte die streitige, von der
Mutter gesperrte Thüre noch immer fest verschlossen, und ahnte nicht daß
ihr Verhängniß sie im tiefsten Nachtkleid und in der verdächtigsten
Stunde hindurch, und an das Bett eines feurigen, hoffnungslos geliebten
Mannes führen werde. Oft genug ward die vermißte Nachtwandlerin in
frühern Zeiten bald von dem Simse des Fensters bald aus irgend einem
entlegenen Verstecke zurückgehohlt. Das Übel nahm mit den Jahren ab und
immer hatte man sie bey den seltenern Rückfällen von der verschlossen
gefundenen Thüre ohne weiteres in ihr Bettchen zurückkehren sehn.
Welch Entsetzen mußte daher dieses reine, von dem erklärten Brautstand
der Schwägerin so eben gebrochene Herz ergreifen, als Woldemars
spöttisches Lächeln, als sein zum Pfand gesetztes Ehrenwort die leise
Ahnung einer schrecklichen Möglichkeit zur Überzeugung erhob.
Die kranke Baronin lag indeß während des Aufbruchs der Besatzung, von
allen den Ihrigen verlassen da. Sie hörte den Lärm, das Wirbeln der
Trommeln, den Hufschlag der Rosse und schellte vergebens. Die Bedienten
kannegießerten im Hofe mit den marschfertigen Jägern, die Jungfer lag,
in Thränen aufgelöst, an des Feldscheers Brust, das Stuben-Mädchen
wollte den Pfeifer nicht lassen, Juliens Kammerfrau saß erstarrt vor der
verzweifelnden Braut, und Augustens alte Wärterin lief der schluchzenden
Enkelin nach, die ihrem Trommelschläger den Wirbel verdarb.
Das Getöse nahm kein Ende, der zersprungene Klingeldrath lag am Boden,
und die Baronin, welche jetzt nichts sicherer glaubte, als daß der Feind
zu Folge eines zweyten gelungenern Überfalls das Schlimmste beginne,
sprang, von der Angst geheilt, plötzlich auf, um ihre Küchlein mit Hand
und Mund bis auf den letzten Odemzug zu vertheidigen. Aber noch stand im
Vorsaal alles auf dem gewohnten Platz. Von Zimmer zu Zimmer eilte sie
nach Juliens Schlafkammer, trat jetzt erblassend vor ein Schreckbild das
unter wilden Krämpfen ächzte und nahm, nach Hülfe rufend, Augusten wahr,
die einer Sterbenden gleich vor ihrem Bette kniete und taub für allen
Jammer dieser Scene schien. Welch ein Abend! Welch eine Masse von
Seufzern und von Thränen, von denen ach, so wenige ein Gegenstand für
die wohlthuende, Schmerz und Thränen wiegende Vergelterin seyn konnten.
Zerstört im Innersten klagte Julie ihr Geschick an; in Thränen edler
Schaam gebadet, verging die holde Nachtwandlerin; sprachlos stand die
schluchzende Mutter zwischen der Gruppe und die betäubten Bräute des
Frey-Corps sprangen mit verweinten Augen bunt durch einander ab und zu
und hohlten in der Zerstreuung Öhl statt des Essigs, Tinte statt des
Balsams und den Pastor statt des Baders herbey.
Fünfzehntes Kapitel.
Woldemar hatte indeß das Ziel seiner Bestimmung erreicht, sich gesund
gemeldet und eine Masse lästiger Dienst-Geschäfte vorgefunden, die den
Unkundigen bey dem Mangel an Rathgebern und Freunden, bey der
feindseligen Stimmung die sein frühes Glück veranlaßte, schnell genug
mit einem Stand entzweyten an dem ihn doch das eiserne Band der Pflicht
und des Ehrgefühls festhielt.
Auf der Wessenburg herrschte jetzt nach langen Stürmen eine Windstille.
Juliens Arzt war der Leichtsinn, Augustens Trost das Bewußtseyn geworden
und der himmlische Frühling goß das Füllhorn der Erneuung über sie aus.
Eben war die Mutter mit Woldemars Braut auf ein nachbarliches Gut
gefahren als sich ein fremder Baron bey dem Fräulein ansagen ließ. Viel
lieber hätte die Einsame den unwillkommenen Gast abgewiesen aber es
fehlt' ihr für den Augenblick an einer glaubwürdigen Entschuldigung und
so ward er denn angenommen.
Ein junger, blendend schöner Mann trat in das Zimmer. Sein hoher Wuchs,
sein Apollons-Kopf, die würdevolle Anmuth seines Benehmens, gewann in
voraus ein Gemüth dem der zärteste Sinn für die Gabe der Grazien anhing
und der Gegenstand welcher ihn zu Augusten führte, war bedeutend genug
ihre Aufmerksamkeit zu fesseln.
Julius hatte nehmlich nach dem Empfange jener wenigen, nichts sagenden
Zeilen welche Frau von Wessen damahls in Woldemars Nahmen schrieb,
vergebens einer Antwort auf seine dringende, Herminens Ehre rettende
Zuschrift entgegen gesehen; hatte endlich an den Adjutanten geschrieben,
und von diesem einige Winke, Weisungen und Aufschlüsse empfangen die ihn
zu der Reise nach dem fernen Schauplatz des Kriegs bestimmten. Von den
Verhältnissen in denen sein getäuschter Freund hier stand wie von dem
Charakter der handelnden Personen unterrichtet, hatte er im Posthause
bereits seit Tagen den günstigen Augenblick erwartet, der ihm, Augusten
ohne Zeugen zu sprechen, vergönnen würde. Er stellte sich ihr jetzt als
Woldemars Vertrauten dar, den der Beruf, viel Unheil zu verhüten, vor
ihre Augen geführt habe; bedauerte ihre Langmuth durch Weitläufigkeit
erschöpfen zu müssen, unterhielt das Fräulein zuförderst mit Woldemars
heimischen Verhältnissen, und von der seltsamen Katastrophe die ihn aus
jenen weg, in den Krieg trieb.
Aber es fehlte viel daran daß seine Weitläuftigkeit das Fräulein ermüdet
hätte: sie war ganz Ohr, und ihre Theilnahme machte sie von Minute zu
Minute liebenswerther.
Herminens Vater »fuhr Julius fort« hatte als Handlungs-Diener das Glück,
der Tochter seines reichen Herrn zu gefallen, und im Gefolge dieser
Gunst das Unglück, sich zu einem Schritte zu vergessen, der Theresen das
Leben gab. Des Vaters Blindheit und der Beystand der Mutter machten die
Verheimlichung möglich, der junge Mann ward nach Holland, das Kind der
Liebe in ein entferntes Waisenhaus versetzt und des Kindes Mutter mit
größerm Glück als Recht die Gattin eines bedeutenden Wechslers. Er starb
im ersten Ehejahr und setzte sie zur Erbin ein. Der frühere Vertraute
kam zurück, machte die verjährten Rechte geltend, verloschene Gefühle in
dem Herzen der Wittwe wieder rege, und ward ihr Gemahl. Sie gebar ihm
Herminen und starb in dem Kindbett. Er folgte ihr nach wenig Monden, vom
Schlage getroffen nach, und sein redlicher Bruder nahm den verwaisten
Säugling auf.
Falsche Schaam, die Quelle so manches Unheils, hatte es der
Verschiedenen ohnmöglich gemacht sich späterhin zu diesem Kinde zu
bekennen, doch sorgten die Eltern aus der Ferne für sein Wohl. Des
Vaters schneller Tod entriß Theresen die letzte Stütze, denn es fand
sich weder ein Testament noch irgend etwas das ihr Daseyn bezeichnet
hätte, vor. Die Vorsteher jenes Waisenhauses überließen die heran
Wachsende einer Dame, der sie ihre Bildung dankt, als aber diese zufolge
einiger verlohrnen Rechtsstreite verarmte, und sie jetzt in die fremde
Welt hinaus treten mußte, machten Bildung und Anmuth ihre Lage nur um so
kritischer.
Der Thee unterbrach jetzt den Erzähler. Auguste kredenzte ihn; Julius
bemerkte mit Wohlgefallen ein Paar der zartesten Hände und die ganz
eigene Annehmlichkeit, welche Augustens Gliederspiel über die kleinste
ihrer Bewegungen verbreitete.
Hermine »fuhr er fort, und rückte ihr vertraulich näher« Hermine stört
vor kurzem in der Schatulle ihrer Mutter, und trifft da, von dem guten
Geist des Zufalls geleitet auf ein geheimes, mit Quittungen und Briefen
angefülltes Fach, welches außer dem überraschenden Beweiser der
mütterlichen Verirrung sichere Hülfsmittel enthält, die Spur der nie
geahnten Schwester aufzufinden. Hermine sieht eine höhere Fügung in dem
Ohngefähr, fühlt sich so geneigt als berufen die Verlassene mit ihrem
Ueberfluße zu erfreuen, macht den Oheim zum Vertrauten und wird nicht
müde ihn um Beystand und Vermittlung anzugehn. Der Onkel untersucht,
überzeugt sich, empfiehlt ihr Verschwiegenheit; will erst das _Wie_ und
_Wo_ erforschen, sich von dem Werth oder Unwerth der Person
unterrichten, und der Wallung eines schönen Herzens durch weise Vorsicht
Maß und Ziel setzen. Aber das übervolle hat sich bereits am Busen einer
Freundin entladen und diese das Geheimniß unter dem Siegel der
Verschwiegenheit ihrem Bruder, Herminens hoffnungslosesten Anbeter
mitgetheilt. Armuth, Habsucht und der Groll verschmähter Liebe bestimmen
ihn, die Entdeckung zu seinem Vortheil zu benutzen: er durchreist die
bezeichnete Gegend und findet nach manchem Kreuzzug die Gesuchte
zwischen Hunger und Kummer mitten inne.
Augustens Mädchen rief jetzt das Fräulein ab. Sie kehrte nach wenigen
Minuten zurück, entschuldigte ihre Abwesenheit mit der angenehmen Sorge
für sein Nachtlager und bat den Baron der ihr für diese Güte den
feurigsten Dank sagte, um die Fortsetzung der Geschichte.
Goldne Berge »erzählte Julius« werden jetzt Theresen gegen eine billige
Vergeltung zugesichert, der Beweis ihrer Abkunft so überzeugend geführt,
der Umfang ihrer Ansprüche so klar in's Licht gestellt, daß sie nicht
länger zögern mag, diese Kette schmerzlicher Entbehrungen mit dem
verhießenen Ueberfluß zu vertauschen. Sie eilt, von den trefflichsten
Zeugnissen ihres Wohlverhaltens unterstützt nach der Vaterstadt,
erschreckt den Oheim durch die sprechende Aehnlichkeit mit Herminen, die
von der plötzlichen Erscheinung überrascht, von diesen Zeugnissen
gewonnen, von dem Anblick ihres Ebenbildes erschüttert an des Mädchens
Hals fliegt, und die gefundene Schwester feurig willkommen heißt.
Therese vernimmt mit Erstaunen, was bereits von hieraus für sie geschah,
sieht sich statt der Verläugnung auf die sie gefaßt war, mit den
zärtlichsten rein vom Herzen kommenden Liebkosungen überhäuft, und
beschließt, in Schaam und Rührung aufgelöst, Gleiches mit Gleichem, die
Großmuth durch Mäßigung zu vergelten. Ein seltsamer Wettstreit entspinnt
sich nun. Hermine dringt auf eine Theilung der Erbschaft, Therese will
sich dagegen nur vor dem Hunger geschützt, nur als eine Hülfsbedürftige
geduldet sehen, am wenigsten im Kreise der Familie unter ihrer wahren
Gestalt auftreten. Jene trägt ihre besten Kleider zur Auswahl für
Theresen herbey, diese wählte sich einen häuslichen, schon getragenen
Anzug. -- Und so blieb denn das Mädchen meine Haus-Genossin, so
verkannte Woldemar, der in diesem Momente weder die unzartere Haut noch
das dunklere Haar in Betracht zog, seine schuldlose Braut --
Die ihn »fiel Auguste ein« mit dem Daseyn einer solchen Schwester, schon
um dieser gefährlichen Aehnlichkeit willen hätte bekannt machen sollen
--
Ohnfehlbar »entgegnete Julius und das Fräulein erröthete« schloß ihr nur
die zarte Verschämtheit, oder die Achtung für den Ruf und die Asche
ihrer Mutter den Mund. Ich bin am Ziele »setzte er mit einer leichten
Verbeugung hinzu« und Tag und Nacht gereist das unseligste aller
Mißverständnisse auszugleichen, oder, wenn mir das nicht gelingen
sollte, der Gekränkten eine Genugthuung zu verschaffen, die das Gesetz
der Ehre vorschreibt.
Auguste seufzte tief und sprach »Am Ende war vielleicht die übereilte
Entfernung Ihres Freundes eine unerkannte Wohlthat des Himmels der das
edelste Mädchen auf diesem Wege von dem bestandlosen Manne befreyt hat.«
Meynen Sie? fragte er, und sah ihr tief in das blaue Augen-Paar.
Denn Ihrem Woldemar »fuhr sie fort« weint bereits eine neuere Braut
nach.
Man sagte mir das: ich glaubte es nicht. Jetzt -- O jetzt muß ich's
fürchten!
Sie sind sein Freund. An Ihnen ist es, ihm den vorgefaßten Argwohn zu
benehmen, ihn an ein Herz, das er zerrieß zurück zu führen.
O, nun es so weit ist, sind wir geschieden -- der Rächer tritt nun an
des Warners Platz.
Nein, edler Mann »sprach sie mit flehendem Silberton« der Warner muß zum
Engel und nicht müde werden bis ihm die gute That gelingt.
Julius küßte von dem Zauber dieser Töne, und von dem Geiste dieses Raths
ergriffen, Augustens Hand, als die zurück gekommene Julie
hereinrauschte, betroffen stehen blieb und die Gruppe mit blitzenden
Augen maß. Das Fräulein stellte ihr in dem Gaste Woldemars Freund vor.
Sie erwiederte seinen Gruß mit dem anmuthigsten Lächeln, zitterte
bereits im Herzen vor den Zwecken dieses augenscheinlichen Störenfrieds
und griff zu den magischen Waffen ihres Zaubers. Aber Julius sah durch
den täuschenden Schleyer der Grazie in ein harmvolles Herz, in diesen
unstäten Blicken, in dieser leisen, jeden Scherz verkümmernden Angst den
regen Argwohn ihrer Schuld -- und als er sie jetzt über dem Fräulein
vergessen zu wollen schien, da ward die Charis plötzlich zur _Ate_, der
Groll der Mißgunst trat auf ihre Stirn, Auguste aber zog sich mit
sanften Erröthen hinter den Heiligen-Schein der Sittlichkeit zurück.
Frau von Wessen faßte sich schnell; überschüttete die verstummte
Schwätzerin mit Schmeicheleyen, lenkte nun, von dem Spiele seines Humors
erheitert, das Gespräch auf den Hauptmann, dessen bis jetzt nur
beyläufig gedacht worden war und erschöpfte sich in seinem Lobe. Julius
begleitete es mit den Gebehrden des Beyfalls, erbat sich, als Auguste
verschwunden war die Erlaubniß eine so theilnehmende Gönnerin seines
Vertrauten von dem seltsamen Mißgeschick ihres gemeinsamen Freundes
unterhalten zu dürfen und wiederhohlte Wort für Wort die Geschichte.
Julie sah ihm erst in's Auge, dann zum Himmel, von diesem zu Boden. Sie
spielte bald mit dem Ridikül, bald mit den Gliedern ihrer Kette,
erröthete, verblaßte, und stand eben im Begriff den Erzähler für ihre
Ansprüche zu gewinnen, als die Baronin mit einem Brief in's Zimmer trat.
Sie übersah den Fremden in ihrer Bestürzung. Lies! »sprach sie kaum
vernehmbar« die Armee ist geworfen -- der Feind im Anzug. Julie
verschlang mit feurigen Augen den Inhalt der Nachricht. Er wird vermißt!
»rief sie die Hände ringend« Woldemar ist gefangen oder gefallen!
Der Himmel selbst »erwiederte Julius« scheint dies Herz an die
Entbehrung seines Lieblings gewöhnen zu wollen.
Sie wissen also »entgegnete Frau von Wessen« daß Woldemar der Meine ist?
Aber wissen Sie wohl auch, daß weder ein Mährchen, noch sein Erfinder,
weder die Schlauheit einer Neben-Buhlerin, noch die Beredtsamkeit ihres
Wortführers, mir ihn entreißen wird?
Ich weiß nur »fiel er ein« daß der Feind gegen den er dies Schloß
vertheidigte, bey weitem nicht sein schlimmster war und daß sein Weg zu
Ihnen nur über mich geht. Aber wir streiten vielleicht über die
Pflichten eines Todten, und thäten doch, falls diese Nachrichten
gegründet sind viel besser, zu packen und zu fliehen.
Julie kehrte ihm tief empört den Rücken und folgte der Baronin, welche
taub für den Wortwechsel mit dem Himmel verkehrt hatte.
Julius traf im Fortgehn auf das Fräulein. Werden wir uns widersehn?
»sprach er« und wie, und wenn? Längstens dort! »entgegnete sie« und so
Gott will, an einem schönern Tage.
Er drückte gerührt ihre Hand an die Lippen. Sie müssen fliehen »sprach
er« wer begleitet, wer beschützt Sie denn?
Himmel und Erde »entgegnete sie« der Mutter Gebet und unser Jäger.
Die Baronin kam in diesem Augenblick herzu. Sie hatte von Julien
vernommen wer er sey, sah in dem unerwarteten Gaste einen ihr in der
Stunde der Noth gesandten, erbeteten Beystand und bot ihm nach den
ersten Begrüssungen den Platz in ihrem Wagen an. Augustens Augen
unterstützten mit sanften, beredtsamen Blicken das Erbieten, der
Freyherr sagte zu.
Sechzehntes Kapitel.
Nur zu lange ließen wir indeß Herminen aus den Augen, deren Lage nach
Woldemars übereilter Flucht unter die trostlosesten hinabfiel. Julius
war nach jener Begebenheit, durch Theresens Vermittlung ihr bekannt, war
ihr Freund, ihr Rathgeber geworden, und des Mädchens letzte Hoffnung
beruhte auf dem Erfolge seiner Reise.
Muth- und ruheloser als je, lag sie eines Abends an dem Herzen ihrer
heimlichen vertrauten Schwester, als diese tröstend zu ihr sprach --
Schon manche Braut, meine Geliebte, ward getäuscht, schon manches feste
Band durch Zufälle, Mißverständnisse oder die Bestandlosigkeit der
Männer zerrissen und nicht selten segneten späterhin die Getäuschten ihr
Schicksal. Wüßtest Du doch was ich verschweigen sollte!
Hermine sah, den Trost verschmähend in ihren Busen nieder. Ach!
Schwester »klagte sie« Du kennst den Umfang meines Unglücks nicht.
Gestehe nur »entgegnete Therese« daß Julius der liebenswürdigste aller
Männer ist. Mir wenigstens sagt mein Gefühl daß ich an seiner Hand den
lieblosen Hitzkopf bald vergessen, daß ich dem Himmel danken würde, der
mich durch kurzen Schmerz zu einem solchen Ziele führt. Das ist Dein
Fall. Es kostet meinem Herzen viel, gestand er mir am Abend vor seiner
Abreise, den Günstling eines Mädchens zu versöhnen, das mich gefesselt
und begeistert hat. Aber ich gelobe mir, die Pflicht der Ehre und der
Freundschaft zu erschöpfen; und sollte es auch mein Leben gelten, ich
erschöpfe sie! Ein reitzendes -- Du mußt alles wissen, Hermine -- Ein
gefährliches, verbuhltes Weib sagte er, hat wie der Adjutant mir
schreibt, den Thörichten umstrickt, und find' ich ihn verlohren, so
tritt der Mittler kühn an seinen Platz, und Sie, Therese, ebenen mir den
Weg. Ich versprach ihm das, Liebe!
Hermine weinte laut. Ihre Lippen zitterten, das übereilte Geständniß der
Schwester hatte ihr Innerstes zerrissen. »Wehe mir!« rief sie, als der
wilde Schmerz endlich Worte fand. »Wehe mir, denn unserer Mutter
Schicksal ist das meine.« Therese sah verbleichend an ihr herab.
Rechte nicht mit der Unglücklichen »fuhr sie fort« welche Sterbliche
wär' in jener Versuchung bestanden? Es gab eine Nacht, Therese, in der
dies Herz von Sehnsucht aufgelöst, dem Liebling alle seine Blüthen
zudachte -- in der ich die Arme verlangend nach dem Bräutigam
ausstreckte, in der die schöne Feen-Welt der Wunder zurückkehrte. O,
fühle, liebe, verlange wie ich, und tritt nun nach einem endlosen,
verschmachteten Tage, in die einsame Kammer -- Deine Lippe lispelt
seinen Nahmen, die warme Phantasie träumt ihn an's Ziel in Deinen Arm;
da rauscht es hinter Dir, des Lieblings Geist erscheint, kommt näher
zieht Dich an die Brust und wird -- und wird zu Deinem Manne!
Der Oheim unterbrach die Schwestern. Ein Geschäft führte ihn her, doch
das Wort erstarb auf seiner Zunge, als er Herminen einer Sterbenden
ähnlich, der Ohnmacht nahe fand. So sage doch endlich was Dein Herz
bekümmert! »sprach der Erschrockene« Kann ich helfen?
Sie neigte sich schluchzend auf seine Hand.
Willst Du heyrathen? Ich sage _Ja_! Ledig bleiben? Desto besser! Ein
ehrlicher Mann kann in Voraus alles gewähren, was ein braves Mädchen
verlangen mag. Nach Pyrmont soll ich, will der Arzt. Willst Du das auch,
so reisen wir zusammen.
Gern, gern! rief diese jetzt. Hinaus! Weit in die Ferne! vielleicht, daß
dort ein Heilbad für mich quillt.
Der Diener welcher ihn eben abrief, brachte Herminen einen Brief. Er war
von Julius. Zitternd erbrach sie ihn.
Siebzehntes Kapitel.
Noch verbarg die Frau von Wessen, von Aerger, Gramm und Angst bedrängt,
ihre besten Geräthschaften, als ein Trupp feindlicher Husaren in den Hof
sprengte, zum Willkommen mit Pistolen in die Fenster schoß und den
angespannten Wagen umringte.
Die Baronin saß bereits, der Töchter gewärtig, in diesem, Julius stand
mit ihrem Staub-Mantel in der Hand vor Augusten, eine Kugel schlug
zwischen beyden hindurch. Schnell gefaßt warf er das leichte Mädchen auf
den Arm und stürzte mit ihr durch die Gartenthür den Hügel hinab. Sie
wieß zum nahen Walde, nach einem Fußpfad hin, der tief in den Forst zu
der Wohnung eines Wildhüters führte. Bergab, bergauf schlang sich der
unwegsame Pfad und bald verschwanden Kraft und Odem. Die schöne Bürde
glitt am Fuß einer Eiche von seinem Arm, er sank erschöpft an ihre
Seite. Das Bedenken, mit einem solchen Manne und von ihm verpflichtet in
dieser Wildniß allein zu seyn, ging in dem Gram über das Schicksal der
Mutter, über die höchst gewisse Plünderung des Schlosses, über das
unselige Verhängniß ihrer Zukunft unter. Schrecklich brauste jetzt der
Donner des Geschützes durch den Hayn. Auguste raffte sich verstummend
auf und eilte fort. Er stürzte der Besinnungslosen nach und immer
dunkler ward der Wald; die Sonne sank, man kam zur Wildhütte. Der alte
Jäger erstaunte, die Tochter seiner Herrschaft hier zu sehen, erquickte
die Hinsinkende mit Brot und Milch und versprach, bewegt von des
Fräuleins befehlender Bitte und dem Golde das ihm Julius verhieß, sich
nach dem Einbruche der Nacht auf die Wessenburg zu schleichen, und wo
möglich die dort Verlassenen ihnen nachzuführen. Er füllte die Lampe mit
Oehl, schloß die Thüre hinter den Einsamen zu und ging davon. Auguste
sah umher, sah dem lauschenden Gefährten in's Auge, untersuchte das
Thürschloß, schlich weinend auf und ab und warf sich jetzt auf ihre
Kniee nieder. Sie sprach mit Gott. Laut betete das schmerzerfüllte
Mädchen und unwillkührlich falteten sich die Hände des Hörers. Ihr
Angesicht verklärte sich; ein leises Amen flog, wie Geister Säuseln, von
den Lippen der Beterin.
Julius faßte, als sie sich jetzt mit freudigem Muth erhob, bis zu
Thränen gerührt, ihre Hand.
Wie ist Ihnen denn? fragte sie, voll zärtlicher Theilnahme und trocknete
die Perlen des heiligen Mitgefühls von seinen Wangen.
Wie dem Gerechten! entgegnete er. Ich glaubte den himmlischen Gespielen
wieder zu sehn, der einst die seligen Träume des Knaben verschönte --
Den Engel der in des Kindes Glauben lebte, und mit des Jünglings
Unschuld floh. Sie haben da eine Kirche vor mir aufgethan, in der ich,
unrein wie der Zöllner stand.
Den fürcht' ich nicht! erwiederte Auguste und setzte sich vertrauend an
seine Seite. Julius pries, um diesem Vertrauen zu entsprechen und ihre
Besorgnisse durch ein ernstes Gespräch zu zerstreuen, den Heilquell des
Glaubens. Er sprach von seinem wohlthuenden Einfluß auf die Bildung des
Herzens; gedachte der väterlichen Lehren, des mütterlichen Vorbildes,
der Fluth der Sinnlichkeit die seine Gelübde und die reiche Saat der
elterlichen Mühe verschlang. Plötzlich »fuhr er fort, denn sie hörte ihm
mit Andacht zu« faßte mich eine Hand. Es war die Hand des Todes-Engels,
der mich am Sarge meines Vaters mahnte. Fremdlinge und Verwandte umgaben
ihn; ihre Klagen, ihre Thränen, ihr Lob weihte seine Asche. Die Feinde
selbst ehrten sein geheiligtes Andenken.
Und was würden sie denn am Sarkophag des Sohnes sagen? »fragt ich mich
auf dem Wege zu der väterlichen Gruft!« Wo sind die Opfer die du dem
Glauben an die ewige Wahrheit der Tugend gebracht hast? Die Saaten für
jene Welt gesät? Die Siege über das thörichte Herz errungen? Jetzt zeige
die Wunden auf, die du heiltest, die Keime der Fruchtbäume die du
gepflanzt hast! Beschämt, vernichtet, stand ich vor dem innern Richter,
wendete den Blick in mein Innerstes und verzweifelte für den Augenblick
an der Rettung aus dem verzauberten Schloß, denn an jeden Finger hing
sich eine Schooßsünde die mich nicht lassen wollte. Meine Arme lähmte
die Unthätigkeit, eine schmeichelnde Vertraute meinen Willen; in jedem
Winkel spottete ein Satyr den grämlichen Pedanten aus.
»Still« sprach das Fräulein zu dem Beichtsohn. Eben klopfte man an den
Fensterladen. Auguste bebte, Julius zog die Pistolen hervor, und verbarg
das Licht.
»Aufgemacht!« rief es. Zwar mischte sich ein bittender Ton in die
Stimme, aber Satan bat ja schon öfters mit Engels-Zungen um Einlaß. »Ich
bin es, guter Jakob!« versicherte Frau von Wessen.
Julius antwortete an des Wildhüters Statt. Aber die Thür war von innen
nicht zu öffnen und der Alte hatte den Schlüssel mitgenommen.
Sie werden doch eine Hand für mich frey haben »entgegnete Julie« um mir
durch den geöffneten Fensterladen herein zu helfen. Er folgte schnell
dem Winke und zog die Füllreiche nicht ohne Anstrengung, nach manchem
fehlgeschlagenen Versuch hindurch. Vergebens hatte Auguste während dem
zu wiederhohlten Mahlen nach dem Schicksal der Mutter gefragt.
Das »sprach die Schwägerin, als sie jetzt wieder auf ihren Füßen stand«
das kann kein Gegenstand für ein so pflichtvergessenes Mädchen seyn, das
allen dem was ihr am theuersten seyn sollte, den Rücken kehrt, um mit
ihrem Retter davon zu laufen. Verzeihen Sie mein Herr, wenn etwa die
verwünschte Dritte den Erguß der feurigen Dankbarkeit unterbrach.
Ihre Verzeihung »fiel Julius ein« ist um so überflüßiger, da wir vor
Gottes Augen wandelten.
Der Wittwe Hohngelächter empörte ihn. Vor Gottes Augen! »wiederhohlte
er« wir dürfen keck die bösen Geister Lügen strafen.
Was kümmert's mich! »entgegnete sie« Laß uns Friede machen und
Entschlüsse fassen, denn diese Nacht dauert nicht ewig und meine Kräfte
sind erschöpft. Rund um erleuchten feindliche Wachtfeuer den Himmel, nur
gegen Osten hin scheint mir der Weg noch frey zu seyn.
Auguste warf sich schluchzend an ihren Hals. Sage mir »flehte sie« wie
und wo Du die Mutter verließest, denn eine furchtbare Ahnung bedrängt
mein Herz.
Quälle mich nicht »entgegnete Julie« Und wenn Dich nun vorhin jemand
beschworen hätte, ihm zu sagen wo die vermißte Schwägerin blieb, was
hättest Du denn zu erwiedern vermocht?
Konnt' ich Dich aufsuchen? versetzte Auguste -- Dem nahen, sichern Tod
entflohen wir und tief im Wald erst kam mir die Besinnung wieder.
Das ist auch _mein_ Fall. Mich aber nahm kein beschützender Mann an sein
Herz. Mir selbst überlassen mußte ich Rettung suchen, und nur die
Schrecken der Nacht, nur die grause Furcht vor Ungeheuern, nur der
Gedanke an Woldemars Schicksal begleitete mich. Ueber mir rauschten die
Wipfel wie der Fittich des Würgengels, aus jedem Dickicht sah bald ein
weißer Geist, bald eine blutige Gestalt hervor und während dem Du hier
in schöne Augen sahst, hat mir kein Stern geglänzt, sah ich nur Bilder
des Entsetzens.
Auguste drückte die Hand der Schwägerin an ihre Lippen. Arme Schwester
»sagte sie« Ich hab auch recht für Dich gezittert und gebetet.
Dann hat mir freylich nichts begegnen können »entgegnete diese und
lächelte wegwerfend.«
Wie? »fragte Julius« Sie könnten die Vorsprache eines so himmlischen
Gemüths verschmähen? Die geheime, durch tausend Erfahrungen bewährte
Kraft eines feurigen Gebets bezweifeln? Ich für mein Theil muß zur Ehre
des guten Geistes bekennen, daß ihn mein Herz in bangen, schrecklichen
Stunden, in Lagen die ich für die äußersten, in Augenblicken die ich für
meine letzten hielt, nie vergebens um Licht und Rettung anrief.
Ich für mein Theil »erwiederte Julie« gestehe dagegen, daß mir bis jetzt
der gute Geist der Besonnenheit noch immer viel sicherer als ein
feuriges Gebet aus der Noth half, aber selbst das eiserne Fatum hat
seine Günstlinge und ich zählte Sie schon beym ersten Anblick unter
diese. So macht mich denn zur Genossin des Lichts und des Raths den
diese Bethstunde vom Himmel herablockte. Mir scheint es ganz ohne Zuthun
einer Schicksals-Macht höchst gerathen noch vor Tages Anbruch der
nächsten Station zuzueilen, und falls sich da um keinen Preis Pferde
vorfänden, auf gutes Glück mit der geschlagenen Armee fortzuziehen. Hat
ihre Niederlage sie nicht um allen Rittersinn gebracht so wird er sich
gewiß zu Gunsten junger Damen äußern, die aus verweinten Augen sehen.
Julius und Auguste entgegneten einstimmig daß man für's erste die
Rückkehr des alten Wildhüters abwarten müsse, dem es bey seiner Kenntniß
aller Schliche gewiß gelingen werde, die Baronin aus dem Schloß und in
ihre Arme zu führen. Deine Zweifel aber an der Thätigkeit einer höhern,
leitenden und erhebenden Hand »setzte Auguste hinzu« sind bereits durch
die Fassung mit der Du ganz wider Erwarten die Sage von Woldemars
Unglück hinnahmst und durch das Wunder, welches Dich durch die Nacht und
die Feinde und den unwegsamen Wald in unsere Mitte brachte, widerlegt.
Schnell erglühend sagte Julie »Ich fand noch eben Kraft genug in mir,
den Triumph der schadenfrohen Mißgunst durch Gleichmuth und Entsagung zu
verkümmern, und unter diesen Umständen in der Nachricht von des
Hauptmanns Schicksals den besten Trost.«
Julius setzte sich bereits zurecht, der erklärten, unversöhnbaren
Widersacherin die Spitze zu bieten, als der alte Jäger in das Stübchen
trat und Augusten ein Billet von der Baronin überreichte.
Geliebte Tochter »las das Fräulein mit zitternder, von Furcht
und Hoffnungen bewegter Stimme« ich melde Dir daß sich Deine
Mutter zwar, gleich dem Daniel in der Löwen-Grube befindet,
doch gleich wie er, ganz unversehrt daraus hervorzugehn
gedenkt. Es liegt bereits ein feindlicher Oberster in dem
Gast-Zimmer dessen Ankunft allem Unwesen schnell ein Ende
macht. Ich kann die Güte mit der er hier verfährt, nicht
beschreiben und rathe Euch deshalb sogleich zurückzukommen, da
er nicht allein meine vorgehabte Entfernung gut geheißen
sondern sich selbst erboten hat, uns in dem zugestandenen Wagen
bis über die Vorposten begleiten zu lassen etc.
Auguste schlug hoch erfreut in ihre Hände, und Julius bot ihr den Arm.
Lassen Sie uns eilen »sprach er« denn leicht könnt vor Abends noch ein
Unhold an die Stelle des menschlichen Schutzgottes treten.
Achtzehntes Kapitel.
Der Wagen stand jetzt wieder, als die Flüchtlinge in den Hof traten, wie
gestern, angespannt vor der Thür, und die Baronin reisefertig an
demselben. Vor allem »sprach Julie zu dieser« lassen Sie uns Erschöpfte
erst ein wenig frühstücken, mich dann nach meinen, im größten Wirwarr
verlassenen Sachen sehen und nebenher auch dem Obersten für seine
großmüthige Schonung danken. Damit flog sie singend die Treppe hinauf
und an dem Zimmer des feindlichen Gastes vorüber. Begierig das kecke
Vöglein zu sehn, welches hier unter der Schärfe des Schwerts noch Sinn
für solche Läufer habe, steckte der junge Held den Kopf aus der Thüre
und fand sich auf's Angenehmste überrascht. Frau von Wessen schien
erschrocken, trat ihm mit reitzender Demuth entgegen, dankte dem Gütigen
in den gewähltesten Ausdrücken seiner Sprache, hoffte, sich als die
Wittwe eines gefallenen Soldaten schonender Rücksichten gewürdigt zu
sehn und war nach einem viertelstündigen Aufwand ihrer magischen Künste
der willkommensten aller Eroberungen gewiß.
So eben »sprach sie zu der ängstlich treibenden Mutter« hat mir der
Oberste noch den großen Rüst-Wagen zugestanden auf den ich alles was wir
bereits verlohren gaben, packen lassen und Ihnen dann folgen werde.
Seine Husaren und der Verwalter sollen mein Schutz und mein Schirm seyn.
Im Zollhaus erwarten Sie mich.
Die Baronin erklärte dagegen, ohne sie nicht von der Stelle weichen zu
wollen. Da nun der gedachte Rüstwagen fürs erste einer Ausbesserung
bedurfte, so verzögerte sich die Abreise von Stunde zu Stunde, und ward
endlich, als sich die Mutter im Gefolge der ausgestandenen Schrecknisse
plötzlich von ihren Krämpfen befallen sah, auf einen der folgenden Tage
verschoben. Alle außer ihr fanden dabey für den Augenblick ihren
Vortheil. Der Oberste hatte nächst dem Ruhm nichts lieber als das
_Schöne_ und Frau von Wessen gefiel sich vor allem in der Rolle der
Delila. Julius fand in den Offizieren geistreiche, unterrichtete, seinem
Sinne zusagende Männer und täglich mehr Veranlassung, der schüchternen
Auguste die Einsamkeit in die sie sich, trotz der anziehenden Gäste, zu
seiner höchsten Befriedigung vergrub, erträglich zu machen.
Bald darauf lief auch die Bestätigung von Woldemars Gefangenschaft ein.
Er hatte, laut eines vertrauten Briefes des Adjutanten, den Erwartungen
die sein erstes Probestück erregte und der Rolle zu der ihn seine
Beförderung erhob, so wenig entsprochen, sich auf einem Außen-Posten so
zweckwidrig benommen, sich späterhin so unvorbereitet überfallen lassen,
daß seine Stelle wie billig bereits vergeben und besetzt worden war.
Plötzlich entstand eines Morgens großer Lärm in dem Hofe und dem Hause.
Es gab ein Seitenstück zu Woldemars Aufbruch; eine Ordre welche den
Genius der Wessenburg zu der Armee des Innern abrief, brachte Freunde
und Feinde in Bewegung.
Die Baronin bereitete sich jetzt aufs neue zur Flucht, Julius empfahl
dem Obersten auf gut Glück seinen Kriegsgefangenen Freund und benutzte
dessen Erbieten, ihn mit Wechseln und Nachrichten zu versehn. Sein Brief
sprach um so nachdrücklicher für die Verlassene, da ihm Theresens letzte
Zuschrift für immer alle Hoffnung auf die Hand ihrer Freundin benommen
hatte.
Alles war zum Aufbruch bereit als Julie in der Mutter Zimmer trat, ihr
mit feierlichem Ernst die Hand küßte und sich als die Braut des Obersten
auf immer beurlaubte. Zwar »sprach sie« ist der Schritt gewagt; aber in
der Liebe ist ja, nach des Meisters Ausspruch alles nur ein Wagstück --
Zwar bin ich Woldemars Verlobte, der aber sitzt an fernen Wasserflüssen
und weiß noch immer nicht was er will -- Zwar ist mein Bräutigam der
feurigste Republikaner, doch wer die Freyheit ehrt, wird auch die Rechte
des Weibes achten. Zwar ist er Katholik, doch sind ja seine Götter auch
die Meinen und Amor unser Schutzpatron.
Die Mutter stand verstummt und sah mit gefalteten Händen gen Himmel.
Ihnen, Herr Baron »fuhr Julie, sich zu diesem wendend, fort« Ihnen,
dessen langweiliger Intrike mein rascher Entschluß über den Graben
hilft, wünsch' ich an Augustens Hand das beste Glück und eine Wildhütte
um es auszulassen. Warum erröthest Du, Gustel? Es ist nichts gewisseres
als daß er der Deine wird -- Ich seh, Ihr steht auf Kohlen. Gleiches mit
Gleichem! Oft genug habt ihr mich auf Nesseln gestellt. Gott segne Sie,
_ma mere_, und Ihre Bethstunden, Herr Baron und Dein Ehebett, Fräulein!
Damit verschwand sie.
Die Baronin eilte ihr nach. Auguste weinte, tief verletzt, hinter ihrem
Tuche, Julius neigte sich liebkosend zu ihr herab und sagte -- Möchte
der Segen dieser unholden Wahrsagerin ausgehen! ihr böser Wille
befördert seltsam genug den schönsten Zweck und ich darf nun keck und
ohne Zögerung eines Verhältnisses gedenken das zu den zärtesten des
Lebens gehörte. Kein Wort also von Gefühlen und Gelübden die mein
Geschlecht so oft zu gewöhnlichen Behelfen herabwürdigt. Sprach Frau von
Wessen aus Augustens Seele so wär' es wohl gerathen, die edle
Schaamröthe an meinem Herzen zu verbergen?
Sie schwieg, er schlang den Arm um ihren Leib -- »Auguste!« sprach er
leise und zog das Tuch von dem lieblichen Antlitz. Die blauen,
thränenschweren Augen bethaueten seine Hand mit warmen Tropfen. Ich fühl
es lebhaft »fuhr er fort« daß die Wildhütte zu meinem Glücke hinreichen,
daß sich, an diesem Herzen alle wilden Wünsche des meinen in sanfte
Sehnsucht nach den Hütten des Friedens auflösen würden, und was das Ihre
fühlt, verräth dies Auge.
Auguste lehnte sich, still entzückt an seine Schulter und lispelte mit
bebender Stimme -- »_Innige Liebe!_«
Er küßte den Mund der diese Worte sprach, unter freudigen Schauern, und
eilte Arm in Arm mit ihr der eintretenden, trostlosen Mutter entgegen.
Neunzehntes Kapitel.
Woldemar war indeß von einer gefährlichen Krankheit genesen und sah noch
immer, von jeder Nachricht aus der Heimath abgeschnitten, entblößt von
Geld und allen Gütern, die das Leben versüßen, der Auswechslung
entgegen. Nacht für Nacht erschien ihm Hermine, bald im Glanze der
Unschuld, bald als eine weinende, reuige Sünderin. Bald auch täuschten
die Entzückungen der Weih-Nacht den Schläfer, oder die glühende heiß
umfangende Julie ward vor den Augen des Erwachenden zur Stroh-Garbe des
Lagers auf dem ihn die gaukelnde Phantasie hohnneckte. Immer öder und
leerer ward sein Inneres. Tage lang sah er, gedankenlos hinstarrend, in
den Strom der an dem Kloster das die Gefangenen barg, vorüberrauschte,
und sein Gemüth erlag unter der Bürde der Schwermuth. Sterben! Schlafen!
»rief er mit Hamlet aus« das ist eine Vollendung der brünstigsten
Wünsche werth.
Vielleicht auch träumen! »sprach Gregor, sein Schlaf-Geselle« nur bette
Dich gut! Wenn selbst das Leben, wie unsere Weisen sagen, ein Traum ist,
so wird es Pflicht sich immer die angenehmsten zu bereiten. Der Verdruß
über diese närrische Welt, die Schaam über dieß thörichte Herz, der Gram
über Mangel und Unfälle, haben früher den besten Theil meines Daseyns
verkümmert und selbst die kleinen, unvermeidlichen Uebel zu erdrückenden
Lasten gemacht. Endlich erschien mir, spät genug, ein heilsamer Tröster.
Er schlug das schwarze Buch der Wirklichkeit vor mir zu, und führte mich
in sein Freudenreich. Bist Du elend? Hat Dich die Freundschaft
verrathen? Die Liebe betrogen? Dein Feuer-Eifer in Händel verwickelt?
Dein Sinn für Recht und Wahrheit die Menschen gegen Dich empört? Nun, so
flieh aus der Jammer-Höhle und folge mir nach.
Ich weiß ja wohl »versetzte Woldemar« daß Deine Kopfwunde bedeutendere
Folgen als die meine hatte.
Fürchte das nicht! »entgegnete Gregor« Tiefer als diese -- ach, ganz
unheilbar sind die Wunden meines Herzens, doch eine Wunderthäterin
verbindet sie. Welcher Unsterblichen »frag ich mit dem Dichter« soll der
höchste Preis seyn? -- Der Phantasie! In ihrem Reiche lag das Paradies;
in ihm liegt Elisium. Dort sind die Blüthen-Bäume meiner Jugend gereift;
dort lebt das Weib, dort stirbt der Freund für mich! Lob sey der Göttin!
Ihr Nektar begeistert ohne zu berauschen, ihr Kuß berauscht ohne zu
entzaubern; ewig säuselt des Lenzes Hauch durch den Hesperischen Hayn
und Kühlung um des Wallers Schläfe.
So sage denn endlich was Du mit diesem Pathos gesagt haben willst?
Könnte die Einbildungs-Kraft den Essig des Lebens in Honig, den Kerker
zum Faul-Bett, die Geißel des Schicksals zur sammtenen Hand der Charis
umschaffen, so wollt ich heute noch jeder bessern Geisteskraft
absterben.
Wer von dem Farbenspiele seines Gemüths spricht »versetzte Gregor« wird
der Mißdeutung nie entgehen. Zerfallen mit der Gegenwart anticipirt mein
Herz das Heil der Zukunft und lebt schon jetzt im Geist auf bessern
Sternen.
Eine Dame rollte pfeilschnell, im Phaeton, an dem vergitterten Fenster
vorüber.