Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten
und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen
über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten
Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich
den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich
solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn
sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache
einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer
Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.
3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden
sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch
nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena
einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter
erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10]
F. d. U.
+=Protocoll= den 2. April.+
1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt
und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden
solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche
für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.
2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der
Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in
allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.
3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab
dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die
Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende
Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben,
wurden als zweckmäßig anerkannt.
_a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in
der Idee +ein Ganzes ausmachen+.
_b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen
Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse.
_c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft
die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer
Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht.
_d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine
Bundessitzung nothwendig.
_e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten
Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine
Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.
_f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft
unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den
Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu
entwerfenden Beschränkungen.
_g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher
Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften.
_h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen.
_i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft
anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch
Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als
gültig für ihren Verein annimmt.
_k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten
muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein.
_l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen
Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen
allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit
daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.
_m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung
beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft
geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena
einzusenden.
4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur
allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen
Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber
aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so
wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein
Wartburgsfest beschlossen werde.
5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen
hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine
allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen
läge, etwas geschehen möge.
6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor
und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.
7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das
erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde
vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.
8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre
und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen
Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die
Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den
Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung
Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo
möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem
Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt
gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule
eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe
verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die
Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen
bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.
9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe
der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.
10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den
10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.
11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen
sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der
Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher
Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle.
In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst
bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls
das oben Genannte übersenden wolle.
Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen,
Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg
und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den
Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.
F. d. U.
Protocoll,
gehalten am 3. April.
1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige
Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten
vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde
gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.
2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H.
bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben.
Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht
als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die
Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und
war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief
von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen
Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer
Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch
des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser
Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre
Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen
Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn
von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und
hieher mitzutheilen.
3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der
Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle
erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch
einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des
Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden
solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten
Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß
einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.
4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser
Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein
wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden
dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen
Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber
weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch
überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und
zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie
sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen
wären.
Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von
Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem
großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der
Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.
»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden
ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect,
welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht
ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten
etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes
Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war
in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken
entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg
wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten,
Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte
ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach
erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es
soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und
ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer
Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+«
nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der
Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die
probateste Weise.
Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus
verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick.
-- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann.
Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein
travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation,
indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge-
heimerath« heraus brachte.
Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen,
denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich
bin nicht der Geheimerath.« --
Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+.
Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am
Ende des Zimmers am Fenster stehend.
Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich
bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte
ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des
Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir
etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein.
»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen
Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die
schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« --
Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu
wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich
das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner
Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der
Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als
den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe
Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer
poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock
der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte,
ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und
wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber
auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie
geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei.
Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner
Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm
getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit
dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein
Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft
diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.
Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich,
wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser
geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine
Quadratmeile.+«
Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf
dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen
machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit
Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden.
Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von
Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als
ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in
uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam,
mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen
zu wollen. -- Ich empfahl mich daher.
Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem
alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald
wieder zu besuchen.
Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir
übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären
kann. --
Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei
Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen
sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.
Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst
ergötzliche Anecdote.
Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen
Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller
Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten
verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte
dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen
hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen
stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.
»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen
Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.
»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie
glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor
wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:
»Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.«
Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine
Verwechslung mit Schiller gelacht.
Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird,
wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios
rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde
noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben
gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+«
folgte.
Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen
Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die
schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber
eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren
erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden
der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn
Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm
wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen
gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung
bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren
Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren
zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den
lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ,
war in der That ungemein humoristisch.
Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit
dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine
Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar
Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der
Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich
(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines
Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine
hohe Protection versprach.
In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes,
Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in
Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem
er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen
Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war.
Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich
nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das
Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.
+Ende des ersten Bändchens.+
Fußnoten:
[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«
[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge
nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die
Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich
eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen,
welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im
Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter
entzwei gehen.
[3]
»Wer nie sein Brod mit Thränen aß,
Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«
[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft
einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst
nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich
nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich
zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein
Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden
Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn
ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so
zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen,
Zwang anthue.«
[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die
Eine zu stark, die Andere zu mager war.
[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten,
und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere
traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden.
Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. --
[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen
so erbittert, daß er nur den Namen »_furioso_« trug. Er sprach immer
nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u.
dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte
Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine
Mutter eine solche sei, welche _Furioso_ allemal wenn auch ungern
ertheilte.
[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz -- Um
das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe
ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu
dürfen geglaubt.
[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz
aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit
den älteren Burschen.
[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag
damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge
Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige
Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht
hätten.
[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?
[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich
vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts
zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen
vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich
wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation
damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den
Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.