2) Die Abgeordneten faßten den Beschluß, es solle von ihnen der

Berliner Burschenverein freundlich gebeten werden, nach den 19 Puncten

und den darüber im Protocoll bei Gelegenheit der Verhandlungen

über Wesen und Form des Berliner Burschenvereins eingeschalteten

Bestimmungen und Erläuterungen ihre Verfassung umzuändern und so sich

den übrigen Deutschen Burschenschaften näher anzuschließen. Zugleich

solle diesem Vereine der Vorschlag gemacht werden, ob sie nicht, wenn

sie auf obige Bitte eingehen würden, bei Berathungen über diese Sache

einen Abgeordneten von denen zulassen wollten, welche außer ihrer

Verbindung eine allgemeine Burschenschaft begründet zu sehen wünschten.

3) Wurde ausgemacht, daß alle Deutschen Hochschulen aufgefordert werden

sollten, so lange die Regierungen eine ordentliche Burschenzeitung noch

nicht gestatteten, Aufsätze über Burschenangelegenheiten nach Jena

einzusenden, damit sie dort, wo es am leichtesten ausführbar sei, unter

erlaubtem Namen und erlaubter Form zum Druck gefördert würden.[10]

F. d. U.

+=Protocoll= den 2. April.+

1) Verlas R. den an die Breslauer abgefaßten Brief. Er wurde gebilligt

und es wurde bestimmt, daß die Breslauer Burschenschaft ersucht werden

solle, die Antwort an diejenigen Hochschulen gelangen zu lassen, welche

für das laufende Jahr zu Geschäftsführenden würden erwählt werden.

2) Es wurde hierauf zugleich jene Wahl vorgenommen und der

Burschenschaft zu Jena zuerst das Amt der Geschäftsführung in

allgemeinen Burschenangelegenheiten übertragen.

3) K. verlas einen vorläufigen Entwurf des sogen. Cartels und gab

dieses Veranlaßung zur näheren Berathung über einige Gesetze für die

Verfassungsurkunde der allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Folgende

Bestimmungen, die sich aus den Vorschlägen der Einzelnen ergaben,

wurden als zweckmäßig anerkannt.

_a_) Es ist Hauptgrundsatz, daß alle Deutsche Burschenschaften in

der Idee +ein Ganzes ausmachen+.

_b_) Hieraus ergiebt sich, daß die Verfassung jeder einzelnen

Burschenschaft der Grundidee des Ganzen entsprechen müsse.

_c_) Es bleibt also auch der allgemeinen Deutschen Burschenschaft

die Entscheidung überlassen, ob eine Vereinigung auf einer

Hochschule als Burschenschaft anzuerkennen sei, oder nicht.

_d_) Zur Darstellung der Idee des Ganzen ist eine allgemeine

Bundessitzung nothwendig.

_e_) Jede Deutsche Burschenschaft schickt daher zu einer bestimmten

Zeit Abgeordnete nach einem zu erwählenden Ort, um über allgemeine

Angelegenheiten zu berathen und zu entscheiden.

_f_) Dem Beschlusse dieses Bundestages muß sich jede Burschenschaft

unterwerfen, jedoch mit Vorbehalt aller hierher gehörenden in den

Protocollacten gemachten näheren Bestimmungen und anderer noch zu

entwerfenden Beschränkungen.

_g_) Die Bundessitzung ist noch besonders schiedsrichterlicher

Behörde in Streitigkeiten einzelner Burschenschaften.

_h_) Ihr bleibt die oberste Leitung der Geschäftsführung überlassen.

_i_) Es ist vorläufig diejenige als eine Deutsche Burschenschaft

anzuerkennen, welche die 19 aufgestellten Puncte, wie sie durch

Erläuterungen und Zusätze im Protocolle bedingt worden sind, als

gültig für ihren Verein annimmt.

_k_) Die Vollmacht der zur Bundessitzung zu sendenden Abgeordneten

muß möglichst uneingeschränkt und die Zahl derselben 3 sein.

_l_) Es wird dringend gewünscht, daß auf dem nächsten allgemeinen

Bundestage von jeder Hochschule ein Verfassungsentwurf der großen

allgemeinen Deutschen Burschenschaft mitgebracht werde, damit

daraus ein allgemein gültiges Ganze hervorgehe.

_m_) Alle Angelegenheiten, welche sich auf die Bundessitzung

beziehen, werden von der geschäftsführenden Burschenschaft

geleitet, und ist also jetzt alles hierher Gehörige nach Jena

einzusenden.

4) Kiel machte in Hinsicht des Burschenbrauchs Vorschläge zur

allgemeinen Annahme, als z. B. Gleichheit der Waffen auf allen

Hochschulen; Vermeidung des Ehrenwortes bei Spielschulden,[11] worüber

aber der Beschluß bis zur Bundessitzung verschoben werden mußte, so

wie auch der Antrag von derselben Hochschule, das für alle 3 Jahre ein

Wartburgsfest beschlossen werde.

5) Den letzten Vorschlag, so wie den zur Gleichheit der Waffen

hatte auch Königsberg und fügte noch den Wunsch hinzu, daß für eine

allgemeine Volkstracht, so weit es im Wirkungskreise der Hochschulen

läge, etwas geschehen möge.

6) Marburg schlug gleichfalls Deutsche Tracht und Waffengleichheit vor

und erhielt, so wie auch Königsberg gleiche Antwort mit Kiel.

7) Halle schlug gemeinschaftliche Farbe und Wahlspruch vor. Über das

erstere sollte der Bundestag sich erklären. Zum Wahlspruch wurde

vorläufig: »Gott, Freiheit, Vaterland« vorgeschlagen.

8) Heidelberg hält für die Aufrechthaltung der wahren Burschenehre

und Gerechtigkeit für nothwendig, daß sich auf jeder Deutschen

Hochschule ein Schiedsgericht befinde, welches unmöglich mache, daß die

Beleidigung, welche offenbar ganz auf der einen Seite sei, durch den

Zweikampf ausgemacht werde, sondern daß dagegen eine Renomageerklärung

Statt finde. Auch sollte dieses Schiedsgericht den Zweck haben, wo

möglich Streitigkeiten zu vermitteln, und erst nach geschehenem

Versuche den Zweikampf zulassen. -- Es wurde dies zu weit ausgedehnt

gefunden und dafür vorgeschlagen, es solle auf jeder Hochschule

eine Behörde sein, welche, so viel möglich, unzulässige Zweikämpfe

verhindere; der muthwillige Beleidiger solle gezwungen werden, die

Beleidigung wenigstens zurückzunehmen, dem Beleidigten aber überlassen

bleiben, ob er noch weitere Genugthuung fordern wolle, oder nicht.

9) Es wurde vorgeschlagen, daß der immerwährende Verruf und die Strafe

der Hetzpeitsche gänzlich aufgehoben werde.

10) Folgte der Antrag, daß die Versammlung des Bundestages schon den

10. October 1818 beginnen möge, welcher allgemein angenommen wurde.

11) Wurde der Beschluß gefaßt, daß an alle Hochschulen, wo Verbindungen

sind, theils Abschriften des Protocolls und der 19 Puncte, theils der

Aufsatz über Wesen und Form der Burschenschaften nebst freundlicher

Aufforderung zur Einrichtung einer solchen übersandt werden solle.

In Betreff Gießens vereinte man sich dahin, daß man beide daselbst

bestehende Partheien zur Vereinigung auffordern und ihnen gleichfalls

das oben Genannte übersenden wolle.

Es waren also zusammen Briefe zu senden nach Berlin, Breslau, Erlangen,

Freiburg, Gießen, Greifswalde, Göttingen, Landshut, Leipzig, Würzburg

und Tübingen. Für Heidelberg wurde bestimmt, daß die Burschenschaft den

Landsmannschaften daselbst oben erwähnte Schriften überreichen möchte.

F. d. U.

Protocoll,

gehalten am 3. April.

1) Wurde die Disposition der Schrift verlesen, welche an einige

Hochschulen gesandt werden sollte, um dort die Ansicht der Abgeordneten

vom Zweck und Form der Burschenschaften darzustellen. Sie wurde

gebilligt und zur weitern Ausarbeitung übergeben.

2) Ein Brief vom Vorsteher H. aus Breslau wurde bekannt gemacht. H.

bemühte sich darin, nähere Aufklärung über U.’s Sache zu geben.

Dieser Brief konnte aber als nicht von der Verbindung ausgehend nicht

als Ausspruch ihrer Meinung angesehen werden. Das Schreiben an die

Breslauer Burschenschaft wurde daher demnach nöthig gefunden, und

war dabei jetzt nur noch die erforderliche Rücksicht auf den Brief

von H. zu nehmen. U. suchte sich gegen die in dem Briefe enthaltenen

Beschuldigungen zu rechtfertigen und verlangte, daß H. zu näherer

Erklärung besonders über den ihm von demselben Schuld gegebenen Bruch

des Ehrenwortes veranlaßt werden möge. -- Endlicher Beschluß in dieser

Sache war, es solle die Breslauer Burschenschaft nicht nur um ihre

Bestätigung und Widerlegung der in dem Briefe von S. enthaltenen

Klagepuncte ersucht, sondern sie noch ferner gebeten werden, abgesehn

von ihrer jetzigen Meinung, den ganzen Thatbestand auszumitteln, und

hieher mitzutheilen.

3) Trugen die Hallischen Abgeordneten auf einen Beschluß der

Versammlung darüber an, ob die von mehreren Hochschulen für Halle

erkannte Strafe, daß die Zeit, wo kein eigentlicher Burschenbrauch

einer Verbindung daselbst bestanden habe, rücksichtlich des

Burschenalters der in Halle damals Studirenden nicht gerechnet werden

solle, jetzt durch die über die dortigen Angelegenheiten gemachten

Bestimmungen aufgehoben sei, oder nicht. Die Versammlung beschloß

einstimmig Aufhebung jenes Ausspruches.

4) Wurde beschlossen, daß wenn von irgend einem Gerichte wegen dieser

Versammlung eine Untersuchung verhängt werden sollte, erst dann, allein

wenn die Sache nicht mehr zu verheimlichen sei,[12] eingestanden werden

dürfe, es wären hier einige Burschen zusammengekommen, um auf einzelnen

Hochschulen bestehende Streitigkeiten gütlich zu vermitteln; wobei aber

weder die Namen der Abgeordneten anderer Hochschulen genannt, noch

überhaupt von einem geführten Protocolle geredet werden sollte, und

zwar dieß alles, weil es sich neuerdings vielfach bestätigt habe, wie

sehr manche Regierungen allen Verbindungen auf Hochschulen entgegen

wären.

Göthe, welcher damals seinen _procès monstre_ mit dem Großherzog von

Weimar gehabt hatte, hielt sich in Jena auf. Ich konnte nicht umhin dem

großen Dichterfürsten aufzuwarten. Er wohnte jenseits der Saale vor der

Stadt, in der sogenannten Tanne, welche neben dem Geleitshause liegt.

»Wollen Sie den Staatsminister sprechen?« fragte mich den Eintretenden

ein kleiner altkluger Knabe, in dem breitesten Sächsischen Dialect,

welchen mein Ohr je vernommen hat. Ich nickte bejahend, indessen nicht

ohne einige unheimliche Empfindung, da mir der kleine Bursch von hinten

etwas zwergmäßig vorkam. Er mag auch wol nur ein Luftgebild aus Göthes

Hirn gewesen sein und überall keine Realität gehabt haben. Denn er war

in der That auf eine bewundrungswürdig schnelle Weise meinen Blicken

entschwunden. Verdutzt sahe ich mich auf der Diele umher, der Zwerg

wurde nicht wieder sichtbar. Ich kuckte in alle Ritzen und Spalten,

Alles war vergebens. Da hörte ich ein Geräusch, Trepp ab. Es nahte

ein Bedienter, der nach meinem Begehren und Namen fragte, und nach

erhaltener Antwort mich sodann bei Göthe anzumelden versprach. »Es

soll dem Herrn Geheimerath sehr angenehm sein,« berichtete er, und

ich folgte. -- Ich habe mein ganz Leben hindurch in Gegenwart großer

Menschen sehr lebendig das Gefühl gehabt, was Verrina »+Respekt+«

nennt, eine Empfindung welche dem Geist wohlthut, wie der Frost der

Erde zur Winterszeit. Sie tödtet das Unkraut der Eitelkeit auf die

probateste Weise.

Aber Göthe’s Antlitz zu sehen, -- ich fühlte das meine schon im voraus

verbrannt, wie das der armen Fräulein Semele bei Jupiters Anblick.

-- Und siehe! schon auf dem Corridor begegnete mir der große Mann.

Ich kreutzte meine Arme, verbeugte mich tief, blieb aber dann, ein

travestirter Paganini, noch lange auf der G Saite der Conversation,

indem ich nur sehr mühsam und stotternd, »mein Herr Ge- Ge- Ge-

heimerath« heraus brachte.

Excellenz oder besser: »_Ecce Lenz_« wäre überhaupt passender gewesen,

denn der Angeredete schob an mir vorbei und sagte fast mürrisch: »Ich

bin nicht der Geheimerath.« --

Ich hatte mich geirrt, es war der Mineraloge +Lenz+.

Der lächelnde Bediente öffnete eine Thür. Ich trat ein und sah Göthe am

Ende des Zimmers am Fenster stehend.

Ich weiß nicht recht woher es kam, aber drei Vergleiche drängten sich

bei seinem Anblick solidarisch in meine Vorstellung. -- Bald glaubte

ich den Apoll von Belvedere, bald einen Pfau, bald die Ruinen des

Heidelberger Schlosses vor mir zu sehen. Das schöne Auge schien mir

etwas gebrochen. -- Daher mag der letzte Vergleich der paßendste sein.

»Treten Sie an dieses Fenster,« commandirte fast der Dichter, »Sehen

Sie sich hier ringsumher. Wie gefällt ihnen die Gegend? Sie ist die

schönste, welche ich auf die Dauer gekannt habe.« --

Ich stimmte bei, obgleich den Bergen wol eine grüne Grasatzel zu

wünschen gewesen wäre. Sie sind entsetzlich kahl. -- Dann brachte ich

das Gespräch auf die See und erzählte, daß mein Vater zur Zeit meiner

Geburt die Stelle eines Landsvogts auf der dänischen Insel Föhr in der

Nordsee bekleidet habe. Ich schilderte den Anblick des Weltmeers, als

den erhabensten, den die Natur darbietet, und bediente mich, da Göthe

Beifall zu schmunzeln schien, wenn ich nicht irre, sogar mehrerer

poetischen Floskeln dabei. Ich wollte, nachdem ich den ersten Schock

der eingebildeten und wahren Bekanntschaft Göthe’s überwunden hatte,

ihm zu verstehen geben, daß ich auch ein Jünger der Musen sei und

wenigstens dadurch die Dreistigkeit meines Besuches entschuldigen. Aber

auf einmal thaten der Herr Geheimerath eine fatale Frage an mich. Sie

geruhten sich zu erkundigen, wie +groß Föhr+ sei.

Obgleich Gaspari, als er 1804 in Wandsbeck lebte, trotz seiner

Menschenscheu mich als kleinen Knaben fortwährend auf den Arm

getragen hat, obgleich ich wohl weiß, daß Fabris Geographie mit

dem humoristischen Grundsatz: »Ohne Geographie ist der Mensch ein

Maulwurf,« beginnt, so muß ich doch gestehen, daß diese Wissenschaft

diejenige ist, die sich mir von jeher am fernsten gehalten hat.

Ich sah den alten Herrn etwas verblüfft an, dann aber antwortete ich,

wie ein Geschworner ohne Rechtskenntniß in Rechtssachen, -- in dieser

geographischen Klemme, nach meiner moralischen Überzeugung: »+Eine

Quadratmeile.+«

Göthe schien sich dabei erst nicht beruhigen und an einige Bücher auf

dem Repositorio appelliren zu wollen, was mich in der That verlegen

machte. -- Das Gespräch tournirte sich indessen auf Heidelberg. Mit

Wärme schien der Dichter von dem bereits erwähnten Schelver zu reden.

Im Uebrigen sprach er ziemlich vornehm über die andern Professoren. Von

Thibaut sagte er: »Er ist ein guter Freund von« -- verwandelte aber als

ob er schon zu viel gethan habe, das schon hervorquillende +mir+ in

uns; Jetzt schien mir Göthe der wieder auf die Insel Föhr zurück kam,

mit der Durchsicht einiger geographischen Compendien doch Ernst machen

zu wollen. -- Ich empfahl mich daher.

Dieser Act schien Göthe am Meisten zu gefallen. Uebrigens mußte ich dem

alten Herrn zu meiner allergrößten Verwunderung versprechen ihn bald

wieder zu besuchen.

Er verlangte das in einem durchaus herzlichen Tone, was ich mir

übrigens noch bis auf diese Stunde auf keine Art und Weise erklären

kann. --

Indessen war es mir unter den Burschen eine große Satisfaction bei

Göthe gewesen zu sein. Man beneidete mich um diese Ehre wie Mädchen

sich einander um einen neuen Hut scheel ansehen.

Zu dieser Zeit passirte Göthe auch eine, wenig bekannte, höchst

ergötzliche Anecdote.

Eine Dame ließ sich bei ihm melden. Göthe, der den Besuch des schönen

Geschlechts nur sehr bedingt liebte, ließ seiner Bewunderin, aller

Bitten ungeachtet, drei Male die Audienz durch seinen Bedienten

verweigern. Allein die Dame wollte sich nicht abweisen lassen, folgte

dem Bedienten, dem sie noch eine Bestellung an seinen Herrn aufgetragen

hatte, in den Garten, wo sie Göthe erblickte, dem sie sogleich zu Füßen

stürzte, indem sie seine ergriffene Hand mit Küssen bedeckte.

»Aber Madam! so stehen Sie doch auf,« rief Göthe von dieser hündischen

Verzweiflung zwar geschmeichelt aber doch auch verwirrt.

»Nein großer Dichter!« rief die in den Staub gesunkene Verehrerin. »Wie

glücklich bin ich, daß meine Augen Dich erblicken. Ich komme mir vor

wie die Glocke, wovon es in Deinem schönen Liede heißt:

»Fest gemauert in der Erden

Steht die Form aus Lehm gebrannt.«

Göthe hat noch oft in späten Jahren herzlich über diese seine

Verwechslung mit Schiller gelacht.

Das Rednertalent, welches außer in England so wenig cultivirt wird,

wurde in Jena wenigstens oft in Uebung gesetzt. Wenn die Bruder Studios

rudelweise Abends durch die Gassen schlenderten und einen ihrer Freunde

noch in seinem erleuchteten Zimmer zu Hause fanden, so wurde demselben

gar häufig ein Vivat gebracht, dem das Verlangen einer »+Standrede+«

folgte.

Der Gefeierte mußte nun sein Fenster öffnen den Raum mit einigen

Lichtern erhellen und in der häufigen Ermanglung dieser, die

schwerfällige Studierlampe auf die Fensterbank postiren, dann aber

eine Rede halten, welche oft an die Neapolitanischen Improvisatoren

erinnerte. -- Vorzüglich stark war in solchem aus dem Steggreifreden

der Meklenburger W. -- Seinem Nachbar, einem Professor, waren vierzehn

Tage vorher die Fenster eingeworfen. Während er sich nun für die ihm

wiederfahrene Ehre auf das Allerwärmste bedankte, beklagte er seinen

gelehrten Nachbar, der nicht das Glück habe in einer so guten Meinung

bei den Herrn Studenten zu stehen wie er, und ermahnte die Herren

Akademiker, sich künftig nie wieder solche Excesse gegen Professoren

zu Schulden kommen zu lassen. Die Art und Weise wie er abwechselnd den

lustigen Schalk, dann wieder den ehrenwerthen Philister sprechen ließ,

war in der That ungemein humoristisch.

Die Collegien in Heidelberg fingen in wenigen Tagen wieder an. Mit

dem Bewußtsein meine Burschenpflicht erfüllt zu haben, trat ich meine

Rückreise über Erfurt und Göttingen an, wo ich in einer Nacht ein Paar

Studenten, welche im Rausch »Bursch heraus« gerufen hatten, dadurch der

Arrestation entriß und vor öffentlicher Relegation schützte, daß ich

(vielleicht die einzige Lüge meines Lebens) mich für den Sohn eines

Hannoverschen Ministers ausgab, und den nachgiebigen Pedellen meine

hohe Protection versprach.

In Göttingen war ich verdammt, den Tod meines liebsten Jugendfreundes,

Christian Kirchhof aus Uetersen zu erfahren, welcher zu Charkow in

Südrußland, einige Tage vor seiner Rückkehr in die Heimath, nachdem

er als Hauslehrer sich bei einem Grafen +d’Olonne+ die erforderlichen

Studienkosten verdient hatte, durch ein Nervenfieber weggerafft war.

Sein Tod ergriff mich fürchterlich. Schlaflos und weinend langte ich

nach einigen Tagen wieder in Heidelberg an. -- Christian hat das

Versprechen, mir nach dem Tode zu erscheinen, nicht gehalten.

+Ende des ersten Bändchens.+

Fußnoten:

[1] Ich glaube man rief aus Deutschthümelei: »Johann« anstatt »Jean!«

[2] Es ist ein großes Wunder, daß mit dem Abspringen der Rappierklinge

nicht größeres Unheil angerichtet, als bisher geschehen ist. -- Die

Fechtmeister, welche bei dem Debit derselben verdienen, sind gewöhnlich

eigennützig genug, das beste Präservativ dagegen nicht anzurathen,

welches darin besteht, daß man vor dem Fechten die Klingen wärmt. Im

Sommer zerspringt nicht der sechste Theil von denen, die im Winter

entzwei gehen.

[3]

»Wer nie sein Brod mit Thränen aß,

Der kennt euch nicht ihr himmlischen Mächte.«

[4] »Als ich zuerst von dir gebeten wurde, das gefährliche Geschäft

einer Disputation mit Dir zu unternehmen, wollte ich mich zuerst

nicht auf den ungleichen Kampf einlassen, und hätte es gewißlich

nicht gewagt, wenn mich nicht Deine erprobte Freundschaft gegen mich

zu diesem Unternehmen angetrieben hätte. Du bist mein Freund mein

Landsmann, ich fürchte daher nichts. Aber reden muß ich vor bedeutenden

Männern, deren große und göttliche Gelehrsamkeit mir zeigt, wie kühn

ich bin. Vergebt daher gelehrte Männer! wenn ich Euren Ohren, die so

zart sind, hier bei Anhörung von übel klingenden lateinischen Phrasen,

Zwang anthue.«

[5] In Jena waren im Jahre 1818 nur zwei hübsche Mädchen, von denen die

Eine zu stark, die Andere zu mager war.

[6] Es waren dies drei Studenten, welche den Feldzug mitgemacht hatten,

und mit dem Erinnerungszeichen daran geschmückt, vor die Barriere

traten, wo sie als ehrliche und wahrhafte Burschen rehabilitirt wurden.

Unser Präsident trug aber auch das eiserne Kreutz. --

[7] Die Polen hatten diesen Schlesier durch schändliche Mißhandlungen

so erbittert, daß er nur den Namen »_furioso_« trug. Er sprach immer

nur von einem Polen vergleichend. »Ein Pole oder ein Schurke« u.

dgl. m. Bei einer solchen Phrase erhob sich dann allemal der sanfte

Deputirte L. und foderte eine Ehrenerklärung für die Polinnen, da seine

Mutter eine solche sei, welche _Furioso_ allemal wenn auch ungern

ertheilte.

[8] Diese neunzehn Punkte sind leider nicht mehr in meinem Besitz -- Um

das Sitzungsprotocoll in seiner ganzen Vollkommenheit zu geben, habe

ich die Verhandlungen über jene Puncte hier indessen nicht auslassen zu

dürfen geglaubt.

[9] In der Heidelberger Burschenschaft war das Fuchswesen ganz

aufgehoben, der Student im ersten Halbjahre hatte gleiche Rechte mit

den älteren Burschen.

[10] Wie wenig Verstecktes wie so gar nichts Revolutionäres lag

damals in den Deutschen Burschenschaften! Wie hätte sich der junge

Deutsche Pegasus zügeln und reiten lassen, wenn einige unvorsichtige

Stallknechte ihn nicht durch Verketzerungen zu hartmaulig gemacht

hätten.

[11] Ein löblicher Vorschlag, nicht wahr?

[12] Das war freilich ein sehr einfältiger Beschluß, gegen den ich

vor allen Dingen protestirte. Ich rief stets, »wir haben ja nichts

zu verheimlichen, laßt uns die Protocolle sogleich allen Regierungen

vorlegen. Ein Geheimniß für 100 ist ohnehin ein Unsinn.« Allein ich

wurde nicht gehört und ich bedauere es nur, daß meine Protestation

damals nicht mit zu Protocoll genommen ist. Ich könnte indessen den

Beweis durch Zeugen führen, wenn dies überall der Mühe werth wäre.

Humoristische Erinnerungen aus meinem academischen Leben, Erstes Bändchen in Heidelberg und Kiel in den Jahren 1817-1819 · 第 10 / 10 段