Nein, -- nichts soll mich weich machen. --

Gesund will ich werden, damit ich die zwei Leben weiterleben kann, das

eine, des von lebendig-frischer Jugend umringten Schulleiters, und das

des einsamen Mannes Erne Sörensen. -- --

* * * * *

Ganz still war es im Studierzimmer.

Die Dämmerung war hereingebrochen, sorglich hatte Frau Dietz die

Vorhänge zugezogen und die grüne Studierlampe angezündet.

Denn der Genesende sollte immer Licht um sich haben, hatte der Leiter

der Augenklinik ihr eingeschärft. Freilich nur gedämpftes, aber doch

+Licht+.

Und lachen dürfe er vorläufig nicht arg laut, und weinen erst recht

nicht, und schwere Aufregungen müßten ihm ferngehalten werden....

„Herr Geheimrat“, hatte die Frau Dietz geantwortet, „es wird Punkto

alles so gemacht. Zu lachen gibt es nichts in Birkholz, und erst recht

nicht für meinen Herrn. Und geweint hat der Herr Goliath wohl in seinem

ganzen Leben noch nicht, und die Aufregungen schluckt er unter und denn

sind sie weg. Auf die Schultern von meinem Herrn Sörensen kann man die

ganze Welt packen, das ist ein wahrer Christophorus.“

Das war eine lange Rede gewesen und die Herrn Doktors hatten alle

geschmunzelt....

Aber für außergewöhnliche Fälle, die gar nicht mit Lachen oder Weinen

oder Aufregung zusammenhingen, hatte der Herr Geheimrat ihr keine

Verhaltungsmaßregeln gegeben, und so war sie ganz und gar unschlüssig,

ob sie die alte, weißhaarige Frau mit dem schwarzen Umschlagetuch und

der wunderlichen Haube einlassen sollte.

Aber das schlanke, junge Mädchen, das daneben stand, schob das

Mütterchen einfach durch die Tür und schaute Frau Dietz sehr energisch

an. Du lieber Gott, die trotzigen Blauaugen kannte ganz Birkholz.....

Draußen auf der Diele mußte sich das Mütterchen in einen Sessel setzen,

und die junge Dame klopfte ganz sacht an das Studierzimmer und ging

gleich hinein.

Frau Dietz wusch ihre Hände in Unschuld....

„Wer ist da?“ fragte Erne Sörensens ruhige Stimme.

„Ich bin es!“

Er bog sich weit vor, und seine Hand griff nach dem grünen Schirm, der

noch über der dunklen Brille befestigt war. Aber er ließ sie wieder

sinken. --

In peinlicher Unbeholfenheit fragte er rauh: „Ich muß bitten, es mir zu

sagen -- -- wer ist da?“

„Ich bin’s, -- Sörine Heidekamp.“

Er warf die Decke fort, die über seinen Knien lag, und sprang auf.

„Was soll das“, sagte er hart.

Seine Hand tastete nach einem Halt.

Sörine nahm sie mit festem Druck: „Ich bitte Sie von ganzem Herzen,

Herr Direktor, setzen Sie sich still hin, -- meine Verantwortung ist ja

so groß. Ganz eigenmächtig bin ich hereingegangen.....“

Er gehorchte ihr aus dem einfachen Grunde, weil die Füße ihn nicht mehr

trugen. Und sie zog für sich einen niederen Schemel heran und setzte

sich an seine Seite. --

„Wenn ich doch noch einmal so ganz ruhig zu Ihnen sprechen könnte, wie

als Kind“, bat Sörine... „würden Sie mich wohl anhören?“

„Sie durften nicht herkommen“, stieß er heraus.

„Doch, das mußte ich sicher. Denn ich hatte ja -- -- in meinem heißen,

kindischen Zorn vor vier Jahren....“

„Mir die Tür gewiesen. Erinnern Sie mich nicht daran...“

„Doch, deshalb komme ich ja. Wie soll ich’s denn sonst gut machen? Es

waren so einsame vier Jahre für mich....“

Sörensen trank die weiche Stimme in sich hinein, aber er wappnete sich.

„Sie durften nicht herkommen, Sörine von Heidekamp. Sie sind noch

derselbe unberechenbare Kindskopf von ehedem.“

„O ich wußte, daß Sie schelten würden“, sagte sie traurig. „Vier Jahre

lang habe ich diese Schelte gefürchtet .... Aber heute dürfen Sie nicht

schelten, ich habe ja die Mutter mitgebracht, da darf doch Birkholz

nichts sagen.....“

„Die Mutter? -- Welche Mutter?“

„Die Mutter Gesine aus Einingen, -- ich hab sie geholt ....“

„Sörine,“ rief er gequält, „warum tun Sie das alles???“

„Weil -- weil....“ Sie beugte sich nieder und legte ihren Kopf auf

seine verbundene rechte Hand. Weh schluchzte sie auf.

„Weil Sie Mitleid mit dem Totwunden hatten, -- nicht wahr, Sörine? Sie

waren immer so ein impulsives kleines Geschöpf.... Aber ich möchte kein

Mitleid von Ihnen annehmen. --“

„Ach nein“, sagte sie kindlich. „Mitleid habe ich gar nicht mit Ihnen.

Dazu sind Sie ja viel zu groß. Eher ein bißchen Angst....“

Da lächelte er schattenhaft.

Und dies Lächeln gab ihr Mut: „Wiegt denn kindisches Vergehn so

schwer?“ fragte sie dringend. „Haben Sie denn nie und nie etwas

Unüberlegtes getan, als Sie jung waren....?“

Er atmete schwer. Aber er sprach kein Sterbenswort. Nur seine Gedanken

jagten sich und raunten: „Sprich weiter, kleine Deern. Ich habe dir in

dem Augenblick schon verziehen, als du so töricht und unüberlegt vor

mir standest. Was für ein seelengutes Herz du hast, Sörine, meine junge

Schülerin von einst. Sprich weiter, aber laß mich schweigend neben dir

sitzen. Denn sonst begehe ich die größte Torheit meines Lebens und

nehme dich in meine Arme und drücke dich tot.“

Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines

Herzens.

„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich

weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so

einsam. -- Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir

die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen....

Beinahe gestorben bin ich +vor Heimweh nach Ihnen+. Und Sie müssen

mir verzeihen, -- müssen -- müssen -- ich gehe nicht fort....“

Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen...

Herrgott, wie quälen Sie mich....“

Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die

Mutter ist dran Schuld, -- die +liebe+ Mutter....“ Ihre Worte

überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, -- -- daß -- ich

so einsam geworden bin, -- und daß ich Sie am liebsten habe von allen

Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben

möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....

Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist

alles nicht wahr....“

Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, -- „Kind, Kind,

geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja

nicht nehmen. Du bist so jung -- -- sieh doch mein graues Haar. Und

sieh doch wie häßlich ich bin, -- voll Narben -- halbblind.....“

Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines

Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine,

„meine liebe Heimat!“

Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte

er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes

liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein

kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als

Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid

eines anderen aufbauen?“

Sörine sah ihn ernst an.

„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, -- wenn es wirklich eins war.

Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli

hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte.

Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue

nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So

wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....

„Du süße Deern, mein Kleinod, vergib, wenn ich dich quäle. Aber du bist

in allem andern mir so fern. Du bist reich, -- verwöhnt, -- ich hab dir

nichts zu bieten als meine Liebe. Und ich würde auch der Herrin von

Heidekamp gegenüber der +Herr+ sein wollen. Hat das wohl auch dein

Großvaterli bedacht?“

Sörinens Stimme bebte. „Ja, Sie quälen mich sehr. Großvaterli war

gütiger. Ich kam in meiner Herzensnot zu ihm und fragte um alles. Da

sagte er: Wenn du diesen Sörensen mehr liebst, als dich selbst, dann

sollst du handeln wie eine echte, aufrechte Heidekamperin. Die haben

alle zu ihren Gatten gesprochen: „Wo du hingehst, da will ich auch

hingehn -- dein Gott ist mein Gott.“ So hat das Großvaterli gesagt.“

Da stieß Sörensen einen urwüchsigen, gewaltigen Juhuuschrei aus. Als

sei er nicht der gestrenge und nebenbei arg verwundete Lyzeumsdirektor,

sondern ein junger übermütiger Bursch, der in der roten Heide liegt,

die seine Heimat ist. --

Und Erne Sörensen küßte inbrünstig sein feines, schönes Mädchen.

* * * * *

„Ich glaube, mein Sohn Erne ist gesund geworden“, sagte draußen auf der

Wohndiele Mutter Gesine zu Frau Dietz. „Aber +mich+ haben sie,

scheint’s, vergessen...“

Das Lyzeum in Birkholz: Roman · 第 46 / 58 题