4) endlich, so wenig Preußen als möglich, damit nicht Parteilichkeit
hervorzutreten scheine, und weil es besser sei, daß +Nicht+preußen und
sogar +bekehrte Gegner+ Preußens für dessen Erhebung aufträten.
Mit diesen Grundsätzen erklärte sich die ganze Versammlung
einverstanden. Der alte Arndt ward mit Recht zum Sprechen aufgefordert,
sowie von Sauken, damit er über die berliner Stellung und Stimmung
Auskunft gebe.
Daß Berathen und Beschließen in die verhängnißvollen Tage des
März fällt, wird von Gegnern gewiß zu deklamatorischem Schimpfen
gegen die preußische Regierung Veranlassung geben. Es hat aber
keine Schwierigkeit, diese Anklagen für den heutigen Tag in das
Gegentheil umzukehren, und die Einigkeit der berliner Kammern +und+
der Regierung für die deutsche Sache hervorzuheben. Nur muß die
letzte nicht ängstlich zurückbleiben, sich nicht fürchten und durch
österreichisch-russische Diplomatie einspinnen oder gar knebeln lassen.
Österreich darf übrigens Frankreich nicht verletzen, und dies kann
unmöglich mit Rußland gehen.
Die statistische Übersicht unserer Kräfte ergab gestern Abend, daß
wir durchaus nicht mit Bestimmtheit auf die Annahme der Vorschläge des
Verfassungsausschusses rechnen können; ich habe aber schon angedeutet,
daß ich dies nicht (wie manche Andere) für ein entsetzliches Unglück,
für eine entscheidende Niederlage halte. Ich stelle nochmals die
Gründe zusammen. So viel auch dafür spricht, die Verfassung +eiligst+
anzunehmen, ist doch die Verspätung um etwa eine Woche nicht von
entscheidender Wichtigkeit; ja, der Schein von Übereilung und
Überrumpelung wird vermieden, wenn man nicht unzählige Bestimmungen
durch +eine einzige+ Abstimmung annimmt. Verlangte die Linke, daß
über jeden +einzelnen+ Satz neue +Berathungen+ eröffnet würden, so
könnten allerdings noch Monate vergehen, bevor wir ein Ziel erreichten.
Sie dringt aber nur auf einzelne +Abstimmungen+, die rasch vor sich
gehen, und wird selbst nichts dagegen haben viele unbedeutende oder
unbezweifelte Sätze in +eine+ Abstimmung zusammenzufassen. Mithin kann
der Zeitverlust nicht groß sein.
Weit wichtiger ist ohne Zweifel die Frage: was (nach der Macht und
Stellung der Parteien) für den Inhalt der Verfassung zu gewinnen und
zu verlieren sei. Es ist im Allgemeinen anzunehmen: daß, wenn wir zu
schwach sind, die Bestätigung des Verfassungsentwurfes durch +eine+
Abstimmung durchzusetzen, wir auch bei Abstimmungen über das Einzelne
unterliegen werden. Doch ist diese Voraussetzung keineswegs unbedingt
richtig: denn Mancher, der einen Anstoß an jener Annahme im Ganzen (~en
bloc~) nimmt und deshalb dagegen stimmt, tritt vielleicht bei einzelnen
Punkten auf unsere Seite.
Mit Weglassung des Unbedeutenderen hebe ich nur das Wichtigste hervor,
was die Linke bekämpft oder bezweckt. Sie will also
+Erstens+: kein unbedingtes, sondern nur ein aufschiebendes Veto. Ich
habe schon bemerkt, daß (nach der Theorie) dem unbedingten Veto der
gesetzgebenden Seite ein gleich unbedingtes der vollziehenden Gewalt
(schon des Gleichgewichtes halber) gegenüberstehen müsse. In der Praxis
stellen sich aber (wo Vernunft nicht ganz fehlt) die Dinge anders: das
Parlament macht von unbedingten Verweigerungsrechten so wenig Gebrauch,
als der König vom unbedingten Veto. Es giebt andere Mittel, die oft
besser zum Ziele führen (neue Kammern, neue Minister); und was +mehre
Male+ mit großer Mehrheit gefordert wird, ist selten ganz verwerflich.
Zudem schreien alle Halbgebildeten laut gegen ein unbedingtes Veto,
während sie sich das suspensive gefallen lassen, obwohl dies in der
Regel (z. B. in Amerika) ebenso viel wirkt. -- Ich will mit dem Allem
nur darthun, daß diese Streitfrage in der That nicht so wichtig ist,
als sie Vielen (bei oberflächlicher, oder ängstlicher Betrachtung)
erscheint, und man irren würde, darauf großen Nachdruck zu legen. ~Le
meilleur~ ist auch hier ~l’ennemi du bien~.
+Zweitens+, glaube ich nicht, daß Direktorium, Trias, Turnus, die böse
Sieben und der republikanisirende Präsident die Mehrzahl der Stimmen
erhalten. Über den +Titel+ würde ich ferner keinen Streit erheben.
So drängen sich Fragen und Stimmen dahin zusammen: ein sechsjähriges
oder ein erbliches Oberhaupt? Wenn wir das Letzte nicht durchsetzen,
die Baiern aber mit sechs Jahren zufrieden sind und so die Mehrheit
für Preußen hervorgeht, so muß dies, meines Erachtens, hierüber keine
Widersprüche erheben, oder ablehnen, sondern (wie es die Staatsklugheit
verlangt) +zugreifen+. Sechs Jahre! Welch lange Zeit! Erfüllt Preußen
seine Schuldigkeit, genügt es seinem natürlichen großen Berufe, -- so
kann man sich für die Fortdauer seiner Oberleitung verbürgen. Jetzt
sind die Gegner beschwichtigt; nach sechs Jahren werden sie nicht
mächtiger sein u. s. w.
+Drittens+, bei einzelner Abstimmung über das Wahlgesetz ist fast
mehr Wahrscheinlichkeit, daß wir gewinnen, als daß wir verlieren. So
fehlten uns bei der ersten Abstimmung für die Öffentlichkeit nur wenige
Stimmen, die vielleicht zu uns übertreten.
Mit dem Allen will ich nur beweisen: daß wir zu verzweifeln keinen
Grund haben. Sollten aber die Regierungen (von Österreich verlockt)
den betretenen Weg weiser Mäßigung verlassen, unsere Arbeiten, von
Oben herab, zur Seite werfen, und ihre politischen Taschenspielereien
aufdringen wollen, so würden sogleich die Parteien in der Paulskirche
verschwinden, und die Meisten, selbst auf die Gefahr neuer
Revolutionen, ihre (nun einmal anerkannte) Stellung behaupten und
geltend machen wollen. Man hüte sich also, dies ~noli me tangere~ in
verletzender Weise zu betasten und zu behandeln.
Schon die vorläufige Nachricht, daß wir dem Ziele nahe sind, erregt
in ganz Deutschland die freudigste Hoffnung, die nachdrücklichste
Zustimmung. Also vorwärts: die Gelegenheit hat nur Haare auf der
Stirne. Untergang im Kampfe auf fester Bahn ist besser, als untergehen
und versinken im Zweifeln.
Hundertachtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. März 1849.
Ich kann nicht mit Falstaff sagen: Sorgen und Zahnweh ~swell up a man
like a bladder~; vielmehr werde ich danach mager und das Gegenstück zum
Grafen G., dem man (seines gewaltigen Umfanges halber) den Titel „des
Reichsschwerpunktes“ ertheilt hat.
Ein Staatenbund auf bloße Fürstenmacht gegründet, kann und wird den
Deutschen nicht genügen, sie würden (den kräftigeren europäischen
Staaten gegenüber) zu Grunde gehen. Das Verwerfen eines, aus dem
gesammten Deutschlande hervorgehenden, dasselbe vereinigenden
Volkshauses hat die österreichische Regierung hier um allen und jeden
Credit gebracht; wogegen die Erklärungen der berliner Kammern den
günstigsten Eindruck machen, diese (Gottlob) von kleinlichen Zänkereien
ablenken und auf die vorliegenden großen Aufgaben hinweisen.
Gestern Abend ward im Weidenbusche bemerkt, daß wir wieder ein Paar
Stimmen gewonnen hätten. Alles dies ist und bleibt jedoch unsicher und
unentscheidend, da 1) nicht feststeht, wie viel Abgeordnete bei der
Abstimmung gegenwärtig sein werden; 2) wie viel sich des Mitstimmens
enthalten; 3) wohin eine bedeutende Anzahl von Schwankenden sich
zuletzt wenden wird.
Ferner ward gestern Abend gewarnt und beschlossen: man solle sich
durch etwanige Grobheit und Ungebühr nicht zu Zorn und Lärm fortreißen
lassen, sondern sich ruhig verhalten und der immer tüchtigen und
unparteiischen Leitung des Präsidenten Simson vertrauen.
Die österreichischen Abgeordneten befinden sich in einer sehr
unangenehmen Lage. Eine Forderung ihres Austritts ist hier noch nicht
ausgesprochen worden; doch wird sie schwerlich ausbleiben, sofern sie
sich nicht von der letzten undeutschen Note ihrer Regierung lossagen.
Thun sie aber dies, so stehen sie mit ihrem (selbst von Welcker
aufgegebenen) Vermittelungsplane, einem Direktorium u. s. w. in einer
unglücklichen, haltungslosen Mitte, welche weder den Parteien, noch den
vorliegenden Verhältnissen genügt.
Das Direktorium ist, dem +Scheine+ nach, sehr zweckmäßig, weil es
Österreich und Baiern beruhigt; es verletzt aber alle Ausgeschlossenen,
und wird, in sich uneinig, dem Auslande gegenüber, nie die nöthige
Einheit und Kraft gewinnen. 23 Millionen, thätig in einer und derselben
Richtung, sind mächtiger, als 33, die sich untereinander hemmen,
verwirren und lahm legen. Alles Centralisiren hat seine Schattenseiten;
aber das Zerfallen ist noch weit gefährlicher für ein Volk, das
Nachbarn hat wie Franzosen und Russen.
Am verhängnißvollen 18. März.
Die gestrige Sitzung (die erste, welche der Berathung über die
Verfassung gewidmet war) hatte eine solche Überzahl von Männern
und Frauen herbeigelockt, daß noch ein Theil der sonst anderweit
benutzten Galerien geöffnet wurde. Die Hitze stieg hiedurch bis zum
Unerträglichen und die Luft blieb kaum athembar; -- doch mußte man
aushalten. Ich schweige über die gehaltenen Reden, da die Zeitungen
darüber umständlich berichten, und bemerke nur, daß die des aus Wien
zurückgekehrten H. (derselbe, der im Sommer ein Ministerium bilden
wollte, aber kläglich zurücktreten mußte) so „+fortlaufenden+“ Beifall
fand, daß bei dem benachbarten Herrn Jouy kein Platz übrig war, um zu
frühstücken!
Der Gedanke, daß fremde Mächte sich behindernd einmischen möchten,
erregt den allgemeinsten, höchsten Zorn, und ebenso Österreichs
Widerspruch gegen einen engeren Bund, während es seinerseits ohne alle
Rücksicht auf Deutschland vorschreitet. Obgleich die österreichischen
Abgeordneten sich kurzsichtig dazu hergegeben haben, das Wahlgesetz
nach den demokratischen Ansichten der Linken durchzutreiben, macht
Hr. V. nebst Gleichgesinnten den Antrag: Österreich mit Krieg zu
überziehen, und mancher Ultramontane möchte dies gegen Preußen
versuchen! -- Man wird an Schiller’s Wort erinnert: wächst mir ein
Kornfeld in der flachen Hand u. s. w.
* * * * *
Nach Barrow’s Spanien durchblättere ich mit Vergnügen Kingston’s
Portugal, in dessen nördlichem Theile sich zufolge der (fast zu
zahlreichen) Naturbeschreibungen schöne Gegenden finden. Im Ganzen ist
auch dies romanische Volk hinter den germanischen zurückgeblieben.
Hundertneunundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 19. März 1849.
Wichtige Nachrichten kommen jetzt durch den Telegraphen so schnell nach
Berlin, daß man durch Briefe eigentlich nichts Neues berichten, und nur
Theilnahme für den Berichterstatter zu geduldigem Lesen antreiben kann.
Da indeß kleine Einzelnheiten bisweilen die großen Züge des Bildes
erhellen und erleuchten, so fahre ich in alter Weise fort, und suche
meine Schneckenpost neben dem Telegraphen aufrecht zu erhalten.
Aus der gestrigen Berathung im Weidenbusche also Folgendes:
1) Ein sächsischer Abgeordneter trug vor, daß Nachricht eingelaufen,
der beauftragte Ausschuß werde sich gegen die Zahlung der
Flottenbeiträge erklären, die Mehrheit der Kammern wahrscheinlich auf
seine Seite bringen und von schlechtem Partikularismus aus, den Rechten
und Pflichten der Reichsgewalt zu nahe treten. Er wolle hierüber eine
Frage an das Reichsministerium richten. -- Einige meinten: dies
sei voreilig, man müsse die Beschlüsse der Kammern abwarten. -- Ich
entgegnete: dann sei die offene Fehde nicht zu vermeiden, die Rücknahme
schwierig; vielleicht lasse man sich warnen u. s. w. -- Diese Ansicht
gewann die Oberhand.
2) Bemerkte ich: die Behauptung, es werde durch ein erbliches
Kaiserthum, die Zukunft des Vaterlandes in Gefahr gesetzt, ja
preisgegeben, finde viel Anklang. Deshalb sei es nöthig, daß einer der
erwählten, nichtpreußischen Redner erweise, wie die Erblichkeit (im
Gegensatz der Wahlen und Wahlumtriebe [siehe Polen]) eben die Gefahr
abhalte und die Zukunft sichere.
3) Ebenso müsse Lassaux’s Behauptung: der König von Preußen werde durch
Annahme der Kaiserwürde wortbrüchig, widerlegt werden. Der König habe
ein solches Wort nie gegeben, und selbst wenn dies jemals geschehen,
sei es thöricht bei ganz neuen, früher ungeahnten Verhältnissen, an
alten Ansichten festhalten zu wollen und darauf einseitige Schlußfolgen
zu gründen.
Beide Bemerkungen zu 2 und 3 werden einzelne Redner berücksichtigen.
4) Mehre Abgeordnete der Linken (darunter Max Simon, Temme und andere
einflußreiche Personen) ließen +vorläufige+ Anträge machen, wonach
sie mit uns stimmen wollten. Ohne Zweifel würden wir alsdann die
Mehrheit auf unserer Seite haben; allein nur unter folgenden lästigen
Bedingungen:
~a~) Die Fassung des ersten Absatzes über den Reichsumfang in
einigen Bestimmungen zu ändern.
~b~) Das aufschiebende Veto anzunehmen. Desgleichen
~c~) Die heimliche Abstimmung bei den Wahlen.
~d~) Sollten sich wenigstens 140 Glieder der Gesellschaft des
Weidenbusches verpflichten, jeder von Berlin aus beantragten
Abänderung der angenommenen Verfassung zu widersprechen.
Diese Vorschläge fanden im Weidenbusche keinen Anklang; doch beschloß
man, sie erst nach der morgenden Sitzung, und überhaupt erst dann zu
berathen, wenn sie +förmlich+ übergeben würden.
In der Regel sind die Grundsätze des Weidenbusches besser, als die
seiner Gegner; die Taktik aber ungeschickter und mangelhafter. Möchten
wir nicht in frühere Fehler verfallen und dadurch besiegt werden. Bis
jetzt hat man im Eifer für einen unbedingten Sieg wenig daran gedacht,
was wir für den (leider) möglichen Fall thun wollen und thun können,
wenn wir keinen +unbedingten+ Sieg davontragen, sondern (wenigstens
theilweise) geschlagen werden. Welche Stellungen und Punkte muß man
aufgeben? Welche bis zum Äußersten vertheidigen? Welche Bedingungen
annehmen oder verwerfen? u. s. w.
Wie ich persönlich über Veto und Wahlform denke, habe ich schon
früher geschrieben: ich halte den zweiten Punkt für wichtiger als den
ersten, und den vierten Antrag für zu unbestimmt. +Alle+ Mitglieder
des Weidenbusches würden z. B. widersprechen, wenn man das Volkshaus
verweigerte, oder die sieben Prinzen mit neun Stimmen empföhle; allein
alle und jede Berichtigung und Modification zurückweisen, welche
sich im Laufe der Zeit als nothwendig und nützlich herausstellen
sollte, ist ~a priori~ nicht zu rechtfertigen und ~a posteriori~ noch
tadelnswerther. Endlich
5) beschloß man: morgen nicht auf den Schluß der Berathung zu dringen,
sondern auch den Dienstag dazu einzuräumen. Dies ist um so nöthiger,
da über die +wichtige+ Fragestellung und Reihenfolge der Abstimmungen
gewiß viel Zweifel entstehen und Einreden erhoben werden.
Welche große Gefahren mit +jeder+ Art der Abstimmung über einen
Hauptantrag und etwa 20 Verbesserungsvorschläge verbunden sind,
ergiebt sich aus folgendem Beispiele. Stellt man den Hauptantrag (den
wir vertheidigen) +voran+, so stimmen viele Liebhaber ihrer eigenen
Verbesserungsvorschläge in der Hoffnung dagegen, für dieselben die
Mehrheit zu gewinnen. Kommt jener +zuletzt+ an die Reihe, nachdem die
Verbesserungsvorschläge sämmtlich verworfen sind, so zürnen die Urheber
derselben und stimmen gegen den Hauptantrag, -- woraus folgt, daß gar
nichts zu Stande kommt! Über diese Gefahren kann +keine+ Form, sondern
nur ächte Vaterlandsliebe hinweghelfen, welche sich unterordnet, um das
+Gute+ durchzubringen, wenn das +Beste+ (~le meilleur~) unerreichbar
erscheint.
Hundertdreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. März 1849.
Der von Simon, Temme und sieben Anderen unterschriebene und gestern im
Weidenbusche vorgelegte Antrag (dessen wesentlichen Inhalt ich bereits
mittheilte) ward ohne weitere Berathung abgelehnt, da das Aufgeben lang
vertheidigter Grundsätze für den Gewinn so weniger Stimmen unpassend
erschien, und für bedeutenden Verlust noch immer zu keiner großen
Mehrzahl führte. Eine solche fehlt allerdings, da sie nach Schubert’s
gestrigem (obenein noch zweifelhaftem) Berichte kaum +zehn+ übersteigen
dürfte. Aber selbst die Mehrheit von +einer+ Stimme wäre von großer
Wichtigkeit, weil dadurch Weitläufigkeiten, Zeitverlust, Ränke, wenn
nicht abgeschnitten, doch gehemmt werden, das ausgestreute Samenkorn
wachsen, der kleinere Kreis (wie beim Zollvereine) sich erweitern wird.
Viele hegen nur große Furcht, daß Halbheit, Feigheit und Böswilligkeit
der Diplomatie unser Beginnen schwächen und stören wird, statt es zu
stärken; man hofft immer noch mehr von den berliner Kammern, als von
der Camarilla.
Mein alter Zorn gegen die Diplomaten (siehe meine Spreu) ward in Paris
nicht vermindert, sondern erhöht: nur Bastide (obwohl ein ~homo novus~,
ein Neuling) bewegte sich nicht in den alten gebannten Kreisen, sondern
sah darüber hinaus und wußte, daß man durch bloßes Nergeln und Ärgern
und Verneinen, der Welt Lauf nicht verstehen lernt und ihn noch weniger
beherrscht.
In der heutigen Sitzung wird die Berathung wahrscheinlich geschlossen;
und wenn unsererseits zuletzt Gagern und Riesser sprechen, sind wir
gewiß im +Rede+vortheil. Daß die Preußen die Vertheidigung ihres
Vaterlandes +Nicht+preußen überließen, thut (was auch das letzte
Ergebniß sei) eine gute und beruhigende Wirkung. Ein entgegengesetztes
Verfahren wäre gewiß bitter als Anmaßung und Eigennutz bezeichnet und
getadelt worden. Zur Sache ist dadurch, bei der Geschicklichkeit der
erwählten Redner, nichts verloren.
Trotz langem Reden und unzähligen Wiederholungen, bleibt doch
Manches ungesagt, z. B. wider den Wahnsinn etlicher Thoren, Preußen
zu schwächen, um Deutschland zu stärken; und umgekehrt: die kleinen
Staaten zu mediatisiren, um die Duodezkönige bis zu einer Oktavausgabe
auszudehnen! Dies erinnert an das Streckbett eines ähnlichen
Politikers, des Prokrustes, den jedoch Theseus widerlegte, indem er ihn
todt schlug und eine Centralgewalt in Athen gründete. Wenn Preußen sich
nicht selbst mordet, steht es thatsächlich (mit oder ohne Kaisertitel)
an der Spitze Deutschlands: beide aber machen erst das Ganze. Sich zu
fürchten: daß die kleinen Fürsten Preußens Herr werden könnten, wenn es
sie beschützt, ist eine kolossal confuse Ansicht.
Österreich kann und will nicht über den alten Staatenbund hinausgehen,
der uns nochmals einschläfern würde, bis die Kriegstrompeten in Osten
und Westen uns zu spät weckten.
Umgekehrt will Hr. S. aus D. den König von Preußen verpflichten: Krieg
nach allen Seiten zu beginnen, Italiener, Polen, Ungarn, Türken zu
befreien u. s. w. u. s. w. Der Wahnsinn eines Antidiplomaten; nur der
Unterschied zwischen stiller Tollheit und lauter Raserei. -- Während
unser höchstes Bestreben sein muß, die Einmischung fremder Staaten in
unsere einheimischen Angelegenheiten abzuhalten, will uns solch ein
eingebildeter H-- R-- mit aller Welt in Krieg verwickeln und seinen
papiernen Antrag als Reichsfahne, ja als Reichsheer hinstellen.
Hunderteinunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 21. März 1849.
Gestern Abend ward im Weidenbusche allerlei berichtet und hin und
her gerechnet über unsere Stimmenzahl, ohne ein festes Ergebniß
+für+ den Sieg aufzufinden. Hierüber zornig, erklärte ein Mitglied:
wenn wir nicht siegten und die Österreicher (welche uns hinderten,
eine große Mehrzahl zu erhalten) nicht hinausgewiesen würden, so
werde er (und dies sollte uns zum Beispiel dienen) nicht mehr in der
Verfassungsangelegenheit mitstimmen. -- Diese Erklärung erschien mir
so gefährlich und zweckwidrig, daß ich die Rednerbühne bestieg und
etwa sagte: Wenn wir morgen nicht obsiegen, so ist dies ein Verlust
für den Augenblick; wenn wir aber dem Vorschlage des Hrn. -- folgen,
so verwandelt er sich in eine völlige Niederlage für alle Zeiten. Wir
müssen uns vielmehr fester vereinigen als je, standhafter ausharren
und kämpfen denn zuvor. Alle großen Gedanken, alle umgestaltenden
Zwecke in Staat und Kirche, sind anfangs in der Minderheit geblieben:
so von dem Kampfe der Plebejer gegen die Patricier in Rom, bis zur
englischen Reformbill, der Aufhebung der Sklaverei und der Emancipation
der Katholiken. So wird auch die +bereits vorhandene, unabweisliche
Thatsache+, von Preußens Oberleitung und Einigung mit Deutschland,
täglich mehr Boden gewinnen. Wenn wir morgen nicht obsiegen, so müssen
wir übermorgen den Kampf wieder aufnehmen. Bei Ligny ward der alte
Blücher geschlagen, bei Waterloo war er mit seinen Preußen wieder da,
und entschied. Diesem Vorbilde können und müssen wir nachfolgen. --
Meine Worte fanden, Gott Lob! allgemeine Beistimmung!
Wenn Hr. -- sagt: er sei mein Wahlmann und habe mir keinen Auftrag
(Mandat) gegeben, einen Kaiser anzunehmen, so antwortet ihm in meinem
Namen: das Geschäft, das Mandat des Wahlmannes, ist lediglich zu
wählen, nicht aber einzelne bestimmte Vorschriften und Aufträge zu
ertheilen. Dies würde Begriff und Nutzen der Repräsentation aufheben
und die Volkssouverainetät auf eine Weise geltend machen, welche selbst
die Demokraten nicht wollen, und welche 1793 in Frankreich versucht, zu
den unsinnigsten und entsetzlichsten Ergebnissen führte. Unser Beruf
(Mandat) spricht sich schon im anerkannten Titel: „verfassunggebende
Reichsversammlung“, -- deutlich und bestimmt genug aus, und ich habe
keinen Begriff von einer +hauptlosen+, und +jetzt+ für Deutschland auch
nicht von einer heilsamen dreiköpfigen oder siebenköpfigen Verfassung.
-- -- Anstatt uns unsere unendlich schwere Aufgabe noch mehr zu
erschweren und zu verbittern, sollten uns alle Einsichtigen von Berlin
aus stützen und schützen; anstatt, in leichter Weise, zu tadeln, zu
kritteln, zu spotten, zu verneinen, sollte sie das Vaterland für große
Zwecke und für ein positives +Vorwärts+ begeistern; anstatt sich mit
Fragen über Mandate u. s. f. pedantisch abzumühen, sollten sie die
Verhältnisse als ächte Staatsmänner begreifen und beherrschen; anstatt
(wie beim Spiele mit dem nürnberger Tand) Hinderndes und Förderndes
gegen einander abzuwägen und aufzuheben, bis nichts übrig bleibt,
nichts geschieht und der rechte Zeitpunkt verloren geht, sollten sie
dem Beispiele des großen Kurfürsten (1640), Friedrich’s II (1740)
und Friedrich Wilhelm’s III (1813) folgen. Wer das nicht will, nicht
begreift, nicht wagt, -- der wende seine Sehnsucht nach der Zeit
zurück, wo es nur einen Markgrafen von Brandenburg gab, und dieser sich
mit den Quitzows und Putlitz herumschlagen mußte. Romane kann man über
solche Zeiten schreiben, aber die Weltgeschichte nimmt davon keine
Kenntniß. Preußen ist ein weltgeschichtlicher Staat und soll es in
steigender Größe bleiben. Heißt das (der Diplomatie und dem neidischen
Auslande gegenüber) revolutionair; nun, so bin ich ein Revolutionair,
und thue hier mein Möglichstes, Andere für diese unvermeidliche,
heilsame Revolution zu bekehren.
Nachmittags.
In diesem Augenblicke weiß man schon in Berlin durch den Telegraphen,
daß der Antrag des Ausschusses mit 283 gegen 252 Stimmen verworfen ist.
Ich verzweifle deshalb noch keineswegs; es ist noch nicht aller Tage
Abend, und die Zögerung soll das Ziel nur noch bestimmter hinstellen,
seine Natürlichkeit und Nothwendigkeit erweisen, die Frucht besser
reifen lassen: -- oder endlich dahin führen, daß wir zur Belehrung
späterer Zeiten, als wohlgesinnte Zeugen, als Märtyrer für die Sache,
für die Wiedergeburt, die Dauer, die Macht und Größe des Vaterlandes,
in das Buch der Sorgen und Leiden eingezeichnet werden.
Aber mehr als je: nicht verzweifeln!
Hundertzweiunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 22. März 1849.
Ihren Brief vom 19. d. M. erhielt ich gestern Abend, und es war mir
sehr trostreich zu sehen, daß Sie, trotz Ihrer doppelt schweren Sorgen
und Leiden, ausharren und den Muth nicht verlieren.
Daß auch wir dessen bedürfen, wissen Sie bereits durch die
telegraphischen Berichte; Sie erlauben aber auch wohl heute (wie
zuvor), einige persönliche Bemerkungen über die großen Ereignisse
auszusprechen.
Ich bin dadurch weniger niedergebeugt worden, als viele meiner
Kollegen, weil mir (trotz aller hoffnungsreichen Berechnungen) der
eingetretene Ausfall der Abstimmung nicht unerwartet war, weil ich die
Möglichkeiten bereits hin und her überlegt hatte, und was man, im Fall
einer Niederlage, thun müsse, um die unglücklichen Erfolge derselben zu
vermindern.
Zwei Anträge kamen gestern Abend im Weidenbusche nicht blos zur
Sprache, sondern sie wurden mit Leidenschaft vertheidigt. Ich habe
beide mit Wort und Abstimmung bekämpft, und sie sind (wenigstens für
diesen Augenblick) verworfen worden.
+Erstens+ nämlich: durch eine heute in der Paulskirche abzugebende
Erklärung, den Österreichern (durch deren Verein mit der Linken wir
besiegt wurden) alles Recht des Mitstimmens abzusprechen und sie
hinauszuweisen. So unnatürlich es auch erscheinen mag, daß sie nach
den Erklärungen der österreichischen Regierung noch an unserem Werke
mitarbeiten, oder vielmehr es stören wollen, würden wir mit einem
solchen Antrage ohne Zweifel in der Minderzahl bleiben, und uns
zugemuthet werden, auszuscheiden. Dieser Antrag ward nun:
+Zweitens+ von mehren preußischen Abgeordneten auch gemacht; aber
mit den nahe liegenden Gründen bekämpft: daß wir einen theilweisen
Verlust dadurch in eine völlige Niederlage verwandeln, leichtsinnig
und übereilt die Pflicht gegen Vaterland, Wähler und gegen uns selbst
verletzen, die Reichsversammlung auseinandersprengen, und Alles
dem Zufalle und der Willkür der Rückläufigen und der Anarchisten
preisgeben. Auch wäre der Fall Frankfurts ein Unglück für Preußen; der
gestrige Beschluß wird schon zur Entfremdung hinwirken.
Er gewinnt dadurch ein doppeltes Gewicht, daß das ganze Ministerium
veranlaßt ward, abzudanken. Weniger deswegen, weil es mit der
+Minderzahl+ stimmte, als weil es (bei steigenden inneren und äußeren
Gefahren) täglich in den einzelnen Staaten weniger Unterstützung und
Gehorsam fand, und weil die Linke und die Österreicher durch stetes
+Verneinen+ alle positiven Maßregeln hinderten oder lahm legten. Jetzt
sollen die unnatürlich Verbündeten zeigen, ob sie auch gemeinsam
+bejahen+ und handeln können. Wenn aber ein aus ihnen gebildetes
Ministerium (wie im vorigen Sommer das von Dahlmann und Hermann) auch
nicht +vor+ der Geburt stirbt, wird es sich doch auf keinen Fall
lange halten können. Überdies stehen die heute in der Paulskirche zur
Sprache kommenden Vorschläge Heckscher’s und der mit ihm verbundenen
österreichischen Partei, in schroffem Widerspruche mit den Erklärungen
der österreichischen Regierung.
Ich glaube, daß sich die öffentliche Meinung in Deutschland nicht
überwiegend für jene Coalition aussprechen, und uns nicht deshalb
verdammen wird, daß wir ihrer überlegenen Kopfzahl erlagen; -- leider
aber auch dem Abfalle preußischer Abgeordneten!
Möge dies Ereigniß nur nicht die sogenannten „Stockpreußen“ zu
einseitigen und übereilten Beschlüssen verleiten, oder der zugleich
bornirten und neidischen Diplomatie das Übergewicht verschaffen. Ich
wiederhole (ich weiß nicht zum wie vielsten Male): wenn in Frankfurt
+gar nichts+ zu Stande kommt, so werden es +Völker+ und +Fürsten+
gleichmäßig bitter büßen!!
Vor der Hand ist die Frage nach dem Annehmen oder Ablehnen Preußens
beseitigt; sie wird aber in dieser oder in einer anderen Form
gereifter wiederkehren. Neben der 1 wird sich die 3, die 5, die 7
u. s. w. geltend machen wollen.
Alle kleineren Staaten sind für die +Eins+ und sehr unzufrieden mit dem
Ausfalle der gestrigen Abstimmung.
Verständige sich Preußen (wie zur Zeit der Gründung des Zollvereines)
mit den ihm günstig Gesinnten; es wird, welche jener Ziffern auch
obsiege, überall die Mehrheit der Stimmen in beiden Reichshäusern
auf seiner Seite haben; -- sobald es die +Zeit begreift+, und nicht
abwechselnd allzu liberal und allzu despotisch ist. Auf diesem Wege
büßt man Haltung und Vertrauen und Macht ein, anstatt sie zu begründen
und zu verstärken.
Hundertdreiunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. März 1849.
Nach bedeutenden Ereignissen muß man umschauen, sich orientiren, Gang
und Zusammenhang zu begreifen suchen, um nächstdem mit Verstande
weiter zu handeln. Ich will dies (selbst auf die Gefahr mancher
Wiederholungen) nochmals versuchen.
Welcker stand an der Spitze Derer, welche sehnlich wünschten und
glaubten, daß Österreich in den engen, nothwendigen Bundesstaat treten
werde. Als ihn endlich amtliche Erklärungen vollständig enttäuschten
und bekehrten, faßte er seinen bekannten Entschluß, buchstäblich über
Nacht. Diejenigen, welche längst eingesehen hatten daß ein, möglichst
eiliger, Abschluß der Verfassung dringend nothwendig sei, konnten (um
einzelner Bedenken willen) den Antrag nicht zurückweisen. Er fiel aus
mannigfaltigen Gründen durch, von denen ich nur einige erwähnen will.
Ohne Zweifel ist der wichtigste, die Verbindung der Österreicher mit
der Linken, wovon ich schon oft gesprochen habe. Bei Anderen trat
hinzu: Furcht vor Übereilungen, Hoffnung, bei einzelnen Abstimmungen
noch mehr zu gewinnen, Abneigung gegen einen Erbkaiser, Besorgniß vor
den Einreden der Könige, Neid gegen Preußen u. s. w.
Ich habe schon berichtet, welche Leidenschaftlichkeit und Muthlosigkeit
sich nach jenem Mißlingen Vieler bemächtigte, und wie auch ich
meinerseits aus allen Kräften für Ausharren, Zusammenhalten und festes
Handeln kämpfte, und behauptete: es sei keineswegs Alles verloren!
Was ist denn wahrhaft verloren, in welcher Hinsicht sind wir
geschlagen? Wir sind es in Beziehung auf die Frage der +Form+, wonach
(was Ängstlichen und selbst manchem Besonnenen mißfiel) Alles auf
+eine+ Karte gesetzt und mit +einer+ Abstimmung sollte entschieden
werden. Ich mache mich anheischig (ohne Sophistik) nachzuweisen,
daß dieser scheinbare Verlust, von anderem Standpunkte aus, als ein
Sieg kann betrachtet werden, welcher Stimmen der Ängstlichen für uns
gewinnt und den Vorwurf, daß aus falscher Begeisterung nur Übereilungen
hervorgingen, beseitigt.
Es ist eine unbewiesene Voraussetzung, daß wir bei allen nachmaligen
Abstimmungen über wichtige Punkte gewiß unterliegen würden; ich gebe
aber selbst für diesen schlimmsten Fall nicht Alles verloren, oder der
Verlust ist keineswegs so groß, wie er Vielen erscheint. Es sei mir
erlaubt, in dieser Beziehung Folgendes zu wiederholen.
1) Die Absätze 2 und 3 über die Personalunion mit Österreich wurden im
vorigen Sommer mit 340 gegen 76 Stimmen angenommen. Seitdem haben Viele
(so ich selbst) sich überzeugen +müssen+, daß Worte und Handlungen der
österreichischen Regierung, jetzt mehr als je den Gedanken aufzugeben
+zwingen+: mit Einschluß Österreichs einen kräftigen +Bundesstaat+
zu gründen, und über den alten +Bundestag+ hinauszukommen. Ich kann
(trotz aller neuen Coalitionen) nicht glauben, daß sich jene ungeheure
Mehrheit in eine Minderheit verwandeln werde; und geschieht dies nicht,
so ist für Frankfurt (wenn auch nicht für Diplomaten) der König von
Preußen unvermeidlich.
2) Das unbedingte oder aufschiebende Veto? Eine (wie ich bereits
schrieb) theoretisch unzweifelhafte, in einem constitutionellen Staate
praktisch unbedeutende Frage.
3) Ein Zeit- oder Erbkaiser? Jenes, unbedenklich der weit schlechtere
Ausweg. Die +sachliche+ Frage ist aber in diesem Augenblicke
vorzugsweise eine +persönliche+. Wird ein Duodez-König den König von
Preußen nach sechs Jahren aus dem Sattel heben können, wenn dieser zu
reiten versteht?
4) Öffentliche oder geheime Wahl? Jene, meines Erachtens die weit
bessere Form, welche (ich hoffe) durchgeht, da uns bei der ersten
Lesung nur wenige Stimmen fehlten. In Zeiten, wo die öffentliche
Meinung nach irgend einer großen Richtung ergriffen, oder beherrscht
wird, verlieren aber +beide+ Formen an Gewicht, und der Strom drängt zu
einer unvermeidlichen Entscheidung.
5) +Direktorium.+ Preußen entscheidet auch +da+, wenn es sich nicht
selbst aufgiebt und von Österreich ins Schlepptau nehmen läßt.
Meine Forderung, nicht den Muth aufzugeben, meine Behauptung, daß
sich keineswegs immer so viel Stimmen gegen uns vereinigen würden,
wie bei dem Welcker’schen und Ausschuß-Antrage, hat sich gestern
bestätigt: alle, nicht unbedeutende, Vorschläge unserer Gegner sind mit
großen Majoritäten verworfen worden. -- Ihre Taktik (um nicht härtere
Ausdrücke zu gebrauchen) kam dabei wieder einmal recht ans Tageslicht.
Die Österreicher wünschen Zögerungen, die Linke unbedingte Annahme des
Wahlgesetzes. Deshalb schlug diese vor, über dasselbe zu allererst
abzustimmen (was verworfen ward), und nahm einen Antrag zurück, welcher
durch Abkürzung der Formen zu einer raschen Annahme der Verfassung
führen sollte. Ihnen unerwartet nahmen aber wir den Antrag auf, und
während Die, welche ihn gemacht und unterschrieben hatten, dagegen
stimmten, erhielten wir eine Mehrheit von 101 Stimmen.
Wir sind verloren! rufen die Kleingläubigen und Kleinmüthigen. Ich
antworte: wir haben sehr viel gewonnen. Im Junius vorigen Jahres
verging kein Tag ohne die ungebührlichsten Schmähungen wider Preußen,
und wenn ich behauptete: man müsse, wo nicht zum Angriffe übergehen,
doch Nothwehr üben, betrachteten Manche (z. B. der ermordete Auerswald)
dies als Thorheit, ja fast als Verrath, welcher die Süddeutschen und
Österreicher verletzen dürfte.
Erst bei dem verdammlichen Angriffe Brentano’s auf den Prinzen von
Preußen riß unseren Landsleuten der Faden ihrer Schafsgeduld, und sie
hörten meine zornigen, den Prinzen und die Prinzessin vertheidigende
Worte mit Beifall. Welch ein Unterschied von dem Tage, wo man Hecker
über den Prinzen von Preußen stellte, bis zu der Frage: ob der König
von Preußen Erbkaiser von Deutschland werden solle!
Ich weiß, daß ich mich unzählige Male wiederhole: allein wenn ich heute
mein Herz ausgeschüttet habe, ist es morgen derselben Dinge voll. Man
kann aus diesen Variationen des einen politischen Themas nicht heraus,
am wenigsten ein Abgeordneter in Frankfurt. Gäbe der Himmel nicht
Stärke, die Sorgen und Anstrengungen des Geistes und Leibes müßten
einen völlig zu Grunde richten. Es ist indessen auch eine ehrenvolle
Aufgabe, im Frieden sein Leben dem Vaterlande zu opfern!
Hundertvierunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 24. März 1849.
Der gestrige Tag war sehr mühselig, jedoch nicht ohne Interesse: wir
hatten Sitzungen von 9-1 Uhr und von 4-7 Uhr in der Paulskirche, von
2-4 Uhr aber in dem Weidenbusche.
Ich erwähne zuerst zwei unerwartete Zwischenfälle, welche großen Lärm
herbeiführten.
+Erstens+, sagte Hr. Venedey: er wisse von einem Manne (den er auf
Verlangen +nennen+ könnte), daß Hr. v. Schmerling (er ward zwar nicht
genannt, aber deutlich bezeichnet) gesagt habe: er wolle sehen, ob
der Preuße (Camphausen) mürbe genug sei, um auf +Oktroyirung+ einer
Verfassung für Deutschland einzugehen. Hr. v. Schmerling erklärte dies
für eine Lüge. -- Mit großem Rechte beschloß die Versammlung, sich auf
den unerfreulichen Streit nicht weiter einzulassen.
+Zweitens+: protestirten drei Abgeordnete aus Welschtirol, daß ihr Land
zum deutschen Bunde gerechnet werde; es gehöre in Wahrheit zu Italien.
-- Sie waren hiezu weder beauftragt, noch hatten sie dazu ein eigenes
Recht; weil aber der Wegfall ihrer drei Stimmen ein anderes Ergebniß
der Abstimmung über Absatz eins herbeigeführt hatte, so machte Hr. R.
den Antrag: daß sie nach Abgeben jenes Widerspruches nicht mehr als
deutsche Abgeordnete könnten betrachtet werden, also fernerhin nicht
mitstimmen dürften. -- So in der Paulskirche um ein Uhr.
Um zwei Uhr erneute sich der Sturm im Weidenbusche. Die Mehrheit
war der Meinung: jene Erklärung sei allerdings eine nichtige, auch
wohl thörichte; gebe aber keinen genügenden Grund die Urheber ihrer
Stimmrechte zu berauben. Ich fügte hinzu: wir würden ohne allen Zweifel
mit einem Antrage auf Hinausweisen in der Minderheit bleiben und
vielleicht den Gegenantrag hervorrufen, daß uns (der unzufriedenen
Minderzahl) frei stehe, hinauszugehen. Selbst wenn jene drei Stimmen
wegfielen, würden wir nur mit 265 Stimmen gegen 263 die Oberhand
behalten; ein kläglicher Sieg, den man nirgends berücksichtigen werde.
-- Hr. R. ließ sich aus diesen und anderen Gründen bewegen, seinen
Antrag zurückzuziehen, und so fällt nun der erste (mit 266 gegen 265
Stimmen verworfene) Absatz ganz hinweg. Er lautete: „kein Theil des
deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staate
vereinigt sein“, und war ohne Zweifel mit Rücksicht auf Österreich und
Schleswig aufgestellt worden.
Die Zurücknahme jenes Antrages erzürnte die Leidenschaftlichen (so St.,
K. u. A.), sie wollten sogleich +alle+ österreichischen Abgeordneten
fortjagen. Hiezu fehlt uns in +diesem+ Augenblicke sowohl Macht, als
vollkommen genügender Grund; obwohl der +rechte+ Zeitpunkt eintreten
dürfte, sofern Österreich auf gewissen Erklärungen und Grundsätzen
beharrt.
Auf anderer Stelle als die Leidenschaftlichen stehen die Verzweifelnden
(so S.), sie halten Alles für verloren und möchten deshalb keinen,
jedenfalls nutzlosen Kampf mehr versuchen.
Ich mußte beiden Standpunkten und Verfahrungsweisen widersprechen und
erklärte: der Wegfall des ersten Absatzes sei unbedeutend, sobald der
zweite durchgehe, welcher lautet: „Hat ein deutsches Land mit einem
nicht deutschen Lande dasselbe Staatsoberhaupt, so ist das Verhältniß
zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der +reinen Personalunion+
zu ordnen.“ -- Weil aber die letzten Ausdrücke undeutsch, unbestimmt
und zweideutig wären, weil der Absatz in dieser Fassung gewiß
durchfalle; so solle man ihn zurücknehmen und sich, um eine +große
Mehrzahl+ zu erhalten, dem Wigard’schen Verbesserungsvorschlage
anschließen. Dieser, mein Antrag, ward zurückgewiesen, es geschah aber
was ich geweissagt: jener Absatz 2 nach der Fassung des Ausschusses,
erhielt +nicht+ die Mehrheit in der Paulskirche.
Unterdeß hatte Hr. Wigard, auf Betrieb der Österreicher, seinen
eigenen Vorschlag zurückgenommen; er ward aber, vor Thorschluß, noch
von uns aufgenommen, und erhielt nun, wie ich vorhergesagt, eine
+sehr große Mehrzahl+; auch ist er, meines Erachtens, nach Form und
Inhalt vorzuziehen. Er lautet: „hat ein deutsches Land mit einem
nicht deutschen Lande dasselbe Staatsoberhaupt, so soll das deutsche
Land eine von dem nicht deutschen Lande getrennte, eigene Verfassung,
Regierung und Verwaltung haben. In die Regierung und Verwaltung des
deutschen Landes dürfen nur deutsche Staatsbürger berufen werden. Die
Reichsverfassung und Gesetzgebung hat in einem solchen deutschen Lande
dieselbe verbindliche Kraft, wie in den übrigen deutschen Ländern.“
Österreich muß jetzt (mit Hülfe kurzsichtiger Regierungen) diese durch
eine große Überzahl gefaßten Beschlüsse gewaltsam umstoßen und auf
dem alten Staatenbunde beharren; oder verstatten, daß Gleichgesinnte
einen Bundesstaat bilden, mit welchem Österreich in möglichst enge,
freundschaftliche Verbindung tritt.
An diesen Sieg reihte sich ein zweiter. Die Coalition forderte: daß
nach Annahme aller einzelnen Abschnitte und Absätze, zuletzt noch eine
einzige Gesammtabstimmung über die ganze Verfassung stattfinde. Die
offenbare, obwohl nicht ausgesprochene, Absicht war, Alles noch einmal
in Frage zu stellen, und zum Vortheil der Republikaner und Österreicher
zu verwerfen. Der Antrag ward aber verworfen.
Jetzt folgte (um Boden wieder zu gewinnen und uns unbeliebt zu machen)
von der Linken ein Vorschlag: in die Verfassung einen Absatz über die
Volkssouverainetät aufzunehmen, der, so gestellt und gefaßt, zu den
größten Mißdeutungen und Mißbräuchen Veranlassung gegeben und jede
Empörung der formlosen Massen scheinbar gerechtfertigt hätte. -- Dies
um so mehr da von Erläuterungen und vernünftigen Beschränkungen nicht
die Rede war.
In diesem Augenblicke zeigte sich aber, aus wie fremdartigen
Bestandtheilen jene künstliche Coalition zusammengesetzt ist. Die
Ultramontanen stimmten gegen den Antrag und ebenso mehre Baiern; nicht
wenige Österreicher liefen zur Thür hinaus, und so siegten wir mit
einer Mehrheit von 84 Stimmen; -- sehr viel für eine Versammlung,
die doch gutentheils aus den sogenannten Märzerrungenschaften
hervorgegangen ist. Als Gagern, Bassermann, Soiron u. A. (die früher
sich auch zu schönen Phrasen über die Volkssouverainetät, ohne scharfe
Bestimmung des Wahren und Falschen in diesem schwierigen Begriffe
hatten verlocken lassen) jetzt +wider+ jenen Antrag stimmten, erhob die
Linke einen ungeheuern Lärm des Spottes und Tadels!
Von jetzt an werden täglich Vormittags- und Nachmittagssitzungen
gehalten und wir dürften (da keine Berathungen und Reden erlaubt sind)
hoffentlich rasch vorschreiten. Mögen nun die Regierungen der größeren
Staaten so Maß halten, wie die der kleineren, und unsere Bestrebungen
fördern und berichtigen, statt sie leidenschaftlich, oder übereilt zu
verwerfen.
Freilich: +wenn Preußen nicht den Reigen muthig führt, wird aus Allem
gar nichts+; und +dann+ -- ~_après nous le déluge_~! -- Sie wird nicht
ausbleiben, die Sündfluth, zur Strafe Aller, welche sündigten!
Nachmittags.
Ich komme soeben aus der Sitzung, wo eine ganze Reihe von Vorschlägen
der Linken verworfen wurden, mit Ausnahme eines einzigen, der, wenn
er von Preußen ausgegangen wäre, wahrscheinlich dasselbe Schicksal
gehabt hätte; nämlich: „Küstenbefestigungen werden aus Reichskassen
bestritten.“ -- Nun so mögen die Binnenstaaten fleißig bezahlen!
Hundertfünfunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 25. März 1849.
Der Entwurf der Verfassung zählt 135 Absätze. Von diesen sind in zwei
Vormittags- und Nachmittagssitzungen 53 angenommen worden; es bleiben
also 82 noch übrig. Zwar befinden sich unter diesen bei Weitem die
wichtigeren; weil aber nicht gesprochen, sondern nur abgestimmt wird,
so wird man (selbst bei zahlreicheren namentlichen Abstimmungen) in
wenigen Tagen die zweite Lesung beendet haben, und sich in irgend
einer entschiedenen Weise aussprechen +müssen+. Die Verwerfung des
Welcker’schen Ausschußantrages hat also diese Nothwendigkeit keineswegs
so lange hinausgeschoben, als die Unentschlossenen, Charakterlosen
wahrscheinlich wünschten und glaubten.
Es ist noch gar nicht vorauszusehen, wie man die großen Fragen über
Veto, Zeit- oder Erbkaiser, Direktorium u. s. w. hier entscheiden
wird; -- und diese leidige Ungewißheit fällt der preußischen Regierung
großentheils zur Last. Sie hat ihre treuen Freunde (trotz alles Bittens
und Flehens) hier ohne Rath, Warnung und Fingerzeig gelassen; sie hat
seit langer Zeit nicht einmal gesprochen, viel weniger gehandelt, und
das Feuer edler Begeisterung eher ausgelöscht, als gefördert.
Giebt es denn zwischen voreiligem Hervortreten und muthlosem Verstecken
keinen Mittelweg? Soll man aus Angst vor Gegnern, die Freunde verletzen
und verläugnen? Hätte man in Berlin zwischen Zuviel und Zuwenig,
zwischen Verzagtheit und Tollkühnheit, den rechten Mittelweg gefunden,
und die Gesellschaft des Weidenbusches ermuthigt, die Widersacher
eingeschüchtert, und den befreundeten Regierungen und Volksstämmen
offen die Hand gereicht; -- der Sieg wäre bereits erfochten!
Die Besorgniß vor der Ansicht und Entscheidung der berliner Kammern,
konnte allerdings hemmend einwirken; seitdem aber diese (hier einmal
alle unnützen Streitigkeiten bei Seite legend) sich so kräftig für
Deutschland erklärten, erwartete man mit Ungeduld andere bestimmtere
Erklärungen auch von der Regierung, damit die alten Freunde in der
Paulskirche gekräftigt und neue gewonnen würden.
Doch was schelte ich? Hat nicht Hr. v. A. gesprochen und ein
Meisterstück diplomatischer Kunst der Welt vorgelegt? Welche glatte
Worte, welche Komplimente nach allen Seiten, welche Gewandtheit,
Alles als bejaht und zugleich als verneint zu fassen, jede Deutung
vorzubehalten und ihr Raum zu geben; für oder gegen Österreich, für
oder gegen Frankfurt! O über diese Wiedergeburt der so lang verehrten
alten Diplomatik!
Es giebt Bücher mit Musterbriefen für alle Liebesangelegenheiten und
für alle diplomatischen Verhältnisse. Hr. v. A. scheint eins der
letzteren zu Hülfe genommen zu haben, und eine gleich zweideutige,
überhöfliche Antwort zu erwarten, wie sie auf der nächsten Seite
abgedruckt ist.
O Gott! in diesem für Preußen und Deutschland allerwichtigsten
Augenblicke hält man derlei Phrasendrechselei, derlei inhaltsloses
Geschwätz für eine stärkende Lebensquelle; man verliert den letzten
Augenblick, wo der Sieg noch möglich war, und bietet nun solch einen
papiernen Wisch als eine Siegesfahne in der entscheidenden Schlacht!
Alle unsere Gegner triumphiren schon jetzt, daß Preußen sich unterordne
und mit 16 Millionen nicht so viel wage, als Friedrich II und Friedrich
Wilhelm III mit 5 Millionen; daß Schwarzenberg sein hiesiges Heer
befeure, ohne von der 6, 7, 9, 38 u. s. w. u. s. w. irgend etwas
aufzugeben. -- Und wir!! -- 25 Regierungen und 10 Millionen Deutsche,
die uns vertrauten und sich uns opfern wollten, wenden sich von uns ab,
da keine andere als die A--sche Kindertrompete erklingt.
Es liegt nicht am Mangel des Muthes, wenn wir besiegt werden und uns
nach wenigen Tagen vielleicht nichts übrig bleibt, als unsere Kleider
zu zerreißen, unsere Häupter mit Asche zu bestreuen und unter Spott
und Hohn nach Hause zu gehen! Die Weltgeschichte wird uns billiger
behandeln, kann aber das Geschehene nicht ungeschehen machen. Brächte
doch der Telegraph im Augenblicke der Entscheidung eine erhebliche
Hülfe.
Österreich bleibt, ohne Einverleibung in Deutschland, eine europäische
Großmacht; nicht so Preußen. Es gehört durchaus und ganz zu den
Deutschen, es wird mit Deutschland, -- und Deutschland mit ihm stehen
oder fallen.
Hundertsechsunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 26. März 1849.
Unzählige Male (so auch gestern Abend im Weidenbusche) höre ich
den Ruf: keine Verhandlungen, keine Concessionen! und insbesondere
betrachten es die, in ihre Theorien verliebten, abstrakten Männer,
als einen Verrath an Wissenschaft und Vaterland, wenn man eins ihrer
sogenannten Principe (d. h., eine ihrer Lieblingsmeinungen) antastet.
Dies erinnert leider nur zu bestimmt an die Zeiten des unseligen
Dreißigjährigen Krieges, wo man jede dogmatische Nachgiebigkeit als
Gotteslästerung bezeichnete, und erst durch die äußerste Noth zu
Mäßigung und Vernunft gezwungen ward. Was hat denn Deutschland aus
den leidenschaftlichen Streitigkeiten über Rechtfertigung, Abendmahl,
Dreieinigkeit u. dergl. für Gewinn gezogen? Und jetzt wird es uns
als Ehrensache dargestellt, um ähnlicher politischer Schulfragen und
unpraktischer Spitzfindigkeiten willen, gar +nichts+ zu Stande zu
bringen!!
Gestern Abend stand also in Frage: 1) ob wir zu dem (von mir früher
mitgetheilten sogenannten) Programm des Weidenbusches mehre Punkte
hinzusetzen, und alle Mitglieder verpflichten sollten, dafür zu
stimmen?
2) Ob wir auf einige Anerbieten der Gegner eingehen, und insbesondere
(wie sie versprachen) ihre Stimmen für das +erbliche Kaiserthum+
gewinnen wollten, gegen Annahme eines blos +aufschiebenden Veto+.
Ich erhielt zuerst das Wort und behauptete zu +eins+: ein neues
Zwangsgesetz über mehre zeither offene Fragen beschränke viel zu
sehr Freiheit und Gewissen der Abgeordneten; es werde die endlich
organisirte Gesellschaft des Weidenbusches auseinander sprengen. --
Nach manchem Hin- und Herreden ward jener Vorschlag verworfen; nur an
der Erblichkeit wollte man festhalten.
Zu +zwei+ suchte ich darzuthun und durch Beispiele aus der Geschichte
die geringe +praktische+ Wichtigkeit der ganzen Lehre vom Veto
zu erweisen. Das aufschiebende reiche für die vorhandenen Zwecke
vollkommen aus, und erwecke keinen Haß; sondern werde +allgemein+ für
natürlich und nothwendig gehalten; während die (allerdings in abstracto
richtigere) Theorie des +unbedingten+ Veto weder bei unseren weit
zahlreicheren Gegnern, noch im Volke den geringsten Beifall finde.
+Entscheidend+ wichtig aber sei es: daß wir, sobald keine Stimmen
der Gegner zu uns übertreten, +ohne allen Zweifel in jeder
wichtigen Frage unterliegen+, und geradehin zum größten Unglück
für Deutschland, -- +nichts+, -- +gar nichts+ erreichen würden. Für
Annahme des aufschiebenden Veto könnten wir dagegen vielleicht das
weit Wichtigere, das Erbkaiserthum, durchsetzen. Alle alten Übel der
deutschen Verfassung würden wiederkehren, wenn wir jede Annäherung und
Verständigung der Parteien anmaßend und eigensinnig zurückwiesen
u. s. w. u. s. w.
Hierüber entstand ein gewaltiger Lärm: einige Redner bekämpften jene
Ansichten mit größtem Eifer, andere wollten sie durch Hinausschieben
vereiteln. Nachdem aber Welcker, Arndt, Mevissen in demselben Sinne
gesprochen und beredt auf die großen Gefahren des Vaterlandes
hingewiesen hatten, ward beschlossen, eine Verständigung mit den
Gegnern zu versuchen und die Frage über das +Veto+ als eine +offene+ zu
behandeln.
Ich mache mir keine rosigen Täuschungen über die Zukunft. Selbst für
den, noch zweifelhaften, Fall, daß wir in Frankfurt Beschlüsse fassen,
sind sie deshalb noch +nicht in Berlin angenommen und in Deutschland
noch nicht vollzogen+. Gewisse Grundgedanken und Ideen lassen sich aber
durch Widerstehen und Verneinen nicht austilgen, und jedes erzeugte
Kind muß zuletzt auch geboren werden!
Man hat der Reichsgewalt allerdings große Rechte zugewiesen; sie
sind aber (besonders dem Auslande gegenüber) nothwendig, und werden
durch die Stellung des Staaten- und Volkshauses geregelt und ermäßigt.
Preußen kann indeß jene Rechte durchaus nicht in die Hände eines
Anderen legen lassen; es steht durch die Natur der Dinge und durch
die gegebenen Verhältnisse an der Spitze Deutschlands. Warum dies für
Österreich nicht mehr möglich ist, zeigt dessen Widerspruch gegen
alle wesentlichen Bedingungen der neuen deutschen, sowie der Inhalt
der österreichischen Verfassung. -- Die Partei für ein mehrköpfiges
Direktorium ist jedoch noch stark; obgleich manche seiner Vertheidiger
es nur als ein nothwendiges Übel, als ein ~pis aller~ bezeichnen. Die
Baiern und Österreicher ausgenommen, ist aber den meisten Abgeordneten
des übrigen Deutschlands die Einheit lieber als ein dreiköpfiger
Cerberus, oder eine Fünfe nach Weise des französischen Direktoriums,
oder eine Sieben aus der neuen österreichischen Tausend und eine Nacht.
Die heutige Sitzung, aus welcher ich soeben zurückkehre, war insofern
eine günstige, als drei Anträge unserer Gegner abgelehnt wurden:
~a~) An Österreich statt 38, im Staatenhause (gleichwie Preußen) 40
Stimmen zu geben. 289 gegen 232 Stimmen, Mehrheit für uns 57.
~b~) Ein Entwurf über Vertheilung der Stimmen im Staatenhause, für
den Fall, daß Österreich nicht in den Bundesstaat trete, ward nicht
verworfen, sondern mit 290 gegen 231 Stimmen angenommen; Mehrheit 59.
~c~) Der Vorschlag, die Mitglieder des Staatenhauses nicht zur Hälfte
durch die Regierungen, sondern sämmtlich durch die Volksvertreter
ernennen zu lassen; verworfen mit 325 gegen 188. Mehrheit 137.
Diese Ergebnisse geben Aufschluß über das Verhältniß des Bundes der
Österreicher und der Linken, und über die Macht der letzten; gewähren
aber keineswegs Sicherheit über die Entscheidung der Hauptfragen,
welche noch in +dieser Woche+ zur Abstimmung kommen.
Alles drängt immer mehr zu dem Antrage: den Regierungen die entworfene
Verfassung vorzulegen und zu verlangen, daß sie in ihren +wesentlichen+
Punkten angenommen werde. Eine Weigerung führt fast unausbleiblich
zu dem weiteren Antrage auf Ausschließung aller Abgeordneten der
+verneinenden+ Staaten, und endgültige Feststellung der Verfassung
durch die +bejahenden+. Sonst geräth Deutschland zugleich in die Hände
wilder Demokraten und verstockter Reaktionaire, bis man im Mai oder
Juni unter ungünstigen Umständen Das wird thun müssen, was man im März
oder April zurückweiset; -- man wird aus den Ruinen Das gezwungen
hervorsuchen, was wir entwarfen und bezweckten!
* * * * *
Es folgte nun am 27. März der Beschluß für das Erbkaiserthum, den 28.
die Kaiserwahl, über welche die brieflichen Berichte nicht aufzufinden
sind.
Hundertsiebenunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 9. April,
und folgende Tage.[A]
Da ich von meiner Reise nach Berlin vielen Freunden nichts erzählen
konnte, will ich versuchen Einiges darüber niederzuschreiben. Doch
folgten die Eindrücke so rasch aufeinander, oder waren untereinander
so ähnlich, daß sie sich im Gedächtniß verwirren, mein Bericht sich
mithin, in aller Kürze, nur auf einige Hauptsachen beschränken wird.
Am Morgen des 30. März (Freitags) fanden sich die Abgeordneten auf dem
Bahnhofe ein, fuhren nach Biberich und bestiegen das vorher bestellte
Dampfboot +Goethe+. Mainz lag außerhalb des näheren Weges, auch trug
man Bedenken eine Stadt zu berühren, wo sich, neben der preußischen,
eine österreichische Besatzung befindet.
Manche, am Rheine gelegenen Orte, mochten von unserer Reise gar keine
Kunde erhalten haben, andere (insbesondere Neuwied) begrüßten uns mit
Schüssen, Fahnenschwenken und Beifallsruf. Die Besatzung von Coblenz
hielt es für angemessen, keine Zeichen der Theilnahme zu geben.
In Köln waren unzählige Menschen am Ufer versammelt, die in sehr guter
Ordnung einen schmalen Gang eröffneten, durch welchen wir nach den
auf uns wartenden Wagen gingen. Sonst tiefe Stille, kein Zeichen des
Beifalls, oder Mißfallens; einige unwitzige Bemerkungen abgerechnet.
Im Hotel Disch fand sich indeß eine glückwünschende Deputation von
Bürgern und einigen Gesellschaften ein. Schon waren wir im Begriff vom
Abendtisch aufzustehen und zu Bette zu gehen, als auf der Straße eine
Katzenmusik begann, wie ich sie nie gehört habe. Noch jetzt begreife
ich nicht mit welchen Mitteln man so unermeßliche Mißtöne hervorbringen
konnte. Es klang als wenn alle Kannibalen und wilden Bestien sich zu
einem Orchester vereinigt hätten. Ich gedachte der (zum Theil +gegen+
mich ausgesprochenen) Äußerung Venedey’s: daß es in Deutschland (und
seinem Wohnorte Köln) keinen Pöbel gebe! Als ich um diesen näher zu
beschauen, den Hausflur betrat und auf die Hausthür losging, zog man
mich mit dem Bemerken zurück: man werde mich mit Steinen begrüßen! Auch
wurden einige Fenster, zum Beweise der Volkssouverainetät, eingeworfen.
Nachdem der Skandal nur zu lange gedauert hatte, erschienen einige
Soldaten, welche man verhöhnte. Als sie aber Anstalten zum Laden
machten, lief das Gesindel eiligst auseinander, soll indeß von den
Gensd’armen mit Maulschellen bedient worden sein. Jeden Falls hat
die (bisweilen allzueitle) Stadt Köln, Ursache sich zu schämen, daß
rothe Republikaner und fanatische Katholiken so etwas unternehmen und
vollführen konnten. Gewiß stand es im schroffsten Gegensatze zu Dem,
was wir von jetzt an weiter erlebten.
Als ich vor der Abfahrt aus Köln, einem Barbier mein Mißfallen über das
Geschehene sehr deutlich zu erkennen gab, antwortete er: es ist das
Todesgeschrei dieser Leute; sie fühlen daß es mit ihnen zu Ende geht.
Schon in Düsseldorf (31. März) fanden wir eine glänzende Aufnahme und
lebhafte Beweise der aufrichtigsten Theilnahme. Ebenso nach Maßgabe der
Größe in den folgenden Städten. Fahnen, Bürgerwehr, Magistrat, Behörden
zur Stelle, zweckmäßige Anreden und Antworten, Hurrahs, Hutschwenken
u. s. w. Auch Preußisch-Minden zeichnete sich aus; alle Erwartungen
überstieg aber die Aufnahme in Hannover. Man hatte anfangs gezweifelt:
ob man nicht (aus bekannten Gründen) diese Stadt vermeiden und lieber
in Bückeburg übernachten sollte. Mir schien es immer gerathen, kühn
Hannover zu betreten, und die Mehrzahl der Abgeordneten entschied sich
endlich für diese Ansicht.
+Alle+ Parteien, +alle+ sonst so verschiedenen Klubs, Gesellschaften
und Verbindungen hatten sich vereinigt uns ihre vollständige Zustimmung
aufs Feierlichste zu erkennen zu geben. Das Volk theilte diese
Ansicht, ein Fackelzug geleitete uns bis zum ~british Hotel~, und ein
buchstäblich mehr als tausendstimmiges Lebehoch ertönte von der Kopf an
Kopf versammelten Menge, auf das Wohl Deutschlands und unseres Werkes
Gelingen.
Wo möglich noch lebendiger war die Begeisterung in Braunschweig, wo
man, am ersten April, für uns ein großes Mittagsmahl bereitet hatte.
Es wurden von beiden Seiten gute Reden gehalten, und auch ich mußte
es versuchen, da man (an die Zeit der Hohenstaufen erinnernd) meine
Gesundheit ausbrachte. Ich antwortete etwa Folgendes. Schon als Kind
hatte ich eine Vorliebe für die Karte des schwäbischen Kreises u. s. w.
u. s. w. Diese romantische Mannigfaltigkeit ist den Stürmen der neueren
Zeit erlegen; aber schon Kaiser Heinrich VI hatte den Plan einer
größeren Einigkeit Deutschlands und eines Erbkaiserthums aufgestellt.
Er kam hauptsächlich durch den Widerspruch des Papstes nicht zu Stande,
welcher unsere Plane jetzt keineswegs behindern wird. Dem dichterischen
Abendrothe einer vergangenen Zeit, auf welche wir mit Wehmuth und
inniger Theilnahme zurückblicken, folgte eine lange Nacht. Jetzt
erblicken wir das Morgenroth und ihm wird der volle Tag sich anreihen,
wenn wir Alle thun, was uns obliegt.
Ich habe noch mehr gesagt, kann mich aber nicht besinnen, was?
Abgeordnete aus Berlin, Potsdam, Magdeburg, Halberstadt, Aschersleben
u. s. w. brachten uns Einladungen und Glückwünsche. Überall derselbe
Sinn, die gleichen Wünsche und Hoffnungen.
In Magdeburg, dieselbe Aufnahme wie in Braunschweig. Fackelzug, Reden,
Vivats, Musik u. s. w.
Der Empfang in Potsdam, und besonders das auf dem Bahnhofe für uns
veranstaltete Festmahl, hatte doppelte Bedeutung, weil es in der
Residenzstadt des Königs dargeboten ward. Einige Abgeordnete hielten
gute Reden, die des Bürgermeisters von Potsdam war aber natürlich (in
Folge seiner Stellung) behutsam und abgemessen, sodaß ich (trotz meiner
Abneigung mich öffentlich auf den Redemoquirstuhl zu setzen) den Hr.
Bürgermeister bat, mir später das Wort zu geben.
Ich sagte etwa Folgendes (das Genauere und Umständlichere ist meinem
Gedächtnisse nicht mehr gegenwärtig):
Vor vierzig Jahren bin ich mit der Regierung in Potsdam eingezogen
und habe als Regierungsrath in dieser Stadt gelebt. Erlauben Sie
deshalb einem ehemaligen Miteinwohner, einige Worte an Sie zu richten.
-- Man sagt (und oft mit Recht) daß alte Personen vergangene Zeiten
übermäßig loben, und die Gegenwart übermäßig tadeln; ich lasse mir
diese Einseitigkeit nicht zu Schulden kommen. Damals mußten wir schwere
Leistungen übernehmen für fremde Zwecke, Steuern ausschreiben und
erheben für unsere Feinde, wir waren hingegeben in die Knechtschaft
eines ausländischen despotischen Kaisers. Jetzt haben Deutsche einen
deutschen Kaiser erwählt, und wir bieten diese freie Gabe dem ersten
der deutschen Könige. Diese Wendung der Dinge ist aber so überraschend,
dieser Schritt so überaus wichtig und folgenreich, daß unser König mit
vollem Rechte und seiner Pflicht gemäß aufs Ernstlichste prüft, was ihm
in diesem entscheidenden Augenblicke zu thun obliege?
Aber nicht blos er, sondern wir Alle müssen uns die Verhältnisse klar
vor’s Auge stellen, wir müssen zu einer festen Überzeugung kommen;
denn des Königs Entschlüsse sind dereinst auch die unseren, und nach
den unseren kann und wird auch er mit Sicherheit und im Vertrauen auf
unseren festen Beistand, entscheiden, und jedes Bedenkens, jedes
Widerspruches Herr werden.
Erlauben Sie, daß ich an einige solcher Bedenken erinnere. Zuvörderst
(spricht man) hat sich die Diplomatie gegen alle Neuerungen in
Deutschland erklärt. Meine Herren! Diese Diplomatie welche eitel ist
auf ihre Phrasendrechselei, welche es für ihr Meisterstück hält,
inhaltslose, zweideutige, jede Auslegung erlaubende Noten zu entwerfen,
hat niemals die Welt gelenkt und beherrscht. Sie wird am wenigsten in
unseren Tagen beruhigen, begeistern, oder entscheiden; -- wir können
sie füglich zur Seite lassen.
Weit wichtiger ist der zweite Einwand: daß fremde Mächte unsere
deutsche Wiedergeburt nicht zugeben würden. Meine Herren! Haben wir uns
denn eingemischt, als in Rußland auf Kaiser Alexander nicht Konstantin,
sondern Nikolaus folgte, als sich die Franzosen eine neue Verfassung
gaben? Wollten aber fremde Mächte, gegen alles Recht, uns in unserer
nothwendigen Entwickelung hemmen, so wird ein so großes Volk, wie das
deutsche, wissen, was ihm zu thun obliegt.
Ich komme auf Österreich. Wir haben es nicht zurückgestoßen, sondern
es hat sich zurückgezogen, oder ganz unannehmbare Vorschläge gemacht.
Es protestirt gegen Grundrechte, Volkshaus und Kaiser, es möchte durch
ausländische Abgeordnete undeutscher Volksstämme im Staatenhause die
Mehrheit gegen Deutschland gewinnen; es will Institutionen begründen,
schlechter als der alte Bundestag; es will keinen Bundesstaat, und kann
ihn nicht wollen. Die Mehrheit der deutschen Fürsten (welche Manche
übereilt und eigennützig mediatisiren wollten) haben ihre Stellung
richtig erkannt und zu nothwendigen Maßregeln bereits freundlich die
Hand geboten. So bleiben nur die deutschen Könige übrig, welche ihre
Widersprüche auf ihre Souverainetät gründen. Woher, meine Herren,
stammt denn aber diese Souverainetät?
Als der Kaiser Napoleon eine Fabrik von Königskronen anlegte, warf
er einige deutschen Fürsten zu, und stempelte diese hiedurch, unter
Spott und Hohn, zu seinen Knechten. Jene angebliche, früher unerhörte
Souverainetät, dargeboten oder aufgezwungen von einem fremden Tyrannen,
war eine Schmach für die Empfänger, und es ist ein Glück, es ist eine
Ehre für sie, wenn sie sich jetzt davon reinigen, und als lebendige
Glieder in das erneute, wiedergeborne, einige Deutschland eintreten!
Ich komme auf einen anderen Punkt. Man sagt: die frankfurter
Reichsversammlung ist zu alle Dem, was sie gethan hat, nicht
berechtigt. Wie, meine Herren, unter allen Völkern sollte allein das
deutsche unberechtigt sein sich als ein Ganzes zu fühlen, in Eintracht
zu handeln und Das durchzuführen, was für das Innere heilsam und dem
Auslande gegenüber schlechterdings nothwendig ist? Sind nicht die
Wahlen für die Reichsversammlung mit Beistimmung und nach Anweisung der
Regierungen erfolgt? Hat man nicht ausgesprochen, ihre Hauptaufgabe
sei, eine neue Verfassung für Deutschland zu entwerfen? Hat man in
Zeiten der Bedrängniß nicht gern ihre Aussprüche und ihre Hülfe dankbar
anerkannt?
Sie soll aber, ruft man, keinen Kaiser erwählen! Wer hat denn aber dazu
ein größeres Recht? Wo sind denn die alten sieben Kurfürsten; woher
denn 34 oder 38 neue Kurfürsten? Werden sich diese jemals einigen,
wie es die Reichsversammlung gethan hat? Und wer soll entscheiden,
wenn Widersprüche sich kundgeben? -- Warum (fährt man fort), warum
einen Kaiser? Freilich sprechen Etliche, als sei das Kaiserthum eine
funkelhagelneue Erfindung verschrobener Theoretiker und pedantischer
Professoren. Sie wissen nicht, oder wollen nicht wissen, daß seit
einem Jahrtausend Kaiser an der Spitze Deutschlands standen, und es am
schlechtesten mit unserem Vaterlande bestellt war, wenn sie unwirksam
blieben, oder ihr Stamm ausging.
Ich komme zu der, für uns nächsten und wichtigsten Frage: welche Folgen
werden aus den bevorstehenden Beschlüssen für Preußen entstehen? --
Sie werden, wer kann es läugnen, von der größten Bedeutung sein! Wir
betreten eine Bahn, wo Muth, Ausdauer, Vaterlandsliebe, Aufopferung
zur Erreichung eines unendlich erhabenen Zieles, zweifelsohne nöthig
sind. Zu behaupten: daß diese Eigenschaften nicht vorhanden seien, und
man ein bequemes, thatenloses Weiterleben vorziehen müsse, wäre der
Preußen unwürdig. Hätte der große Kurfürst im Jahre 1640, Friedrich II.
1740, Friedrich Wilhelm III. 1813, nicht klug und kühn hineingegriffen
in die großen Bewegungen der Zeit, hätten sie ängstlich berechnet
und abgewogen, Preußen wäre niemals zu weltgeschichtlicher Bedeutung
emporgestiegen, es wäre zu Grunde gegangen.
Es wäre anmaßend und unpassend, über die künftigen Entschlüsse Sr. Maj.
des Königs hier ein Urtheil auszusprechen; die frankfurter Abgeordneten
(und die, wie es scheint, gleichgesinnte Versammlung) betrachten
jedoch die Kaiserwahl als eine vollendete Thatsache. Es lebe deshalb
hoch, Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, erwählter Kaiser der
Deutschen!
In dies Vivat stimmten Alle mit lautem Jubel ein.
Hinter unseren Stühlen standen viele, zum Theil sehr hübsche, Frauen
und Mädchen, welchen ich mich dadurch gefällig zu zeigen suchte, daß
ich die ihnen unbekannten Abgeordneten nannte.
Der Empfang in Berlin war feierlich, sofern Abgeordnete des
Magistrates, der Stadtverordneten und beider Kammern unserer warteten
und uns anredeten; für mich, der ich Berlin kannte, blieb aber nicht
verborgen, wie der unglückliche Belagerungszustand die Äußerungen
des Beifalls (oder auch des Mißfallens) hemmte, und eine kritische
Betrachtungsweise der ganzen Sache hervortreiben mochte, zu welcher die
Berliner ohnedies allzusehr geneigt sind.
In vielen Wagen (jedesmal zwei Abgeordnete und ein Mitglied des
Magistrats oder der Stadtverordneten) fuhren wir nach den Linden, wo
Alles für die Aufnahme aufs Schönste vorbereitet war. Überhaupt muß ich
schon hier bemerken, daß Magistrat und Stadtverordnete nicht allein
alle Kosten unseres Aufenthaltes übernommen, sondern auch alles irgend
Mögliche gethan hatten, um ihn bequem, lehrreich und angenehm zu machen.
Auf die Notifikation unserer Ankunft ließ Herr Graf Brandenburg den
Reichstagspräsidenten Simson einladen, zu ihm zu kommen. Will man über
Lappalien der Etikette und des Ceremoniels streiten, so konnte man
fragen, ob diese Form die angemessenste war. Niemand legte indeß ein
Gewicht auf diese Dinge, und da Herr Simson überdies sehr unwohl war,
so eilten die Herren Beseler und Riesser zum Grafen Brandenburg und
legten ihm vor, was der Präsident Simson Namens der Reichsversammlung
dem Könige sagen wollte. Er fand dagegen nichts zu erinnern; die
mündliche (später auch schriftlich wiederholte) Bitte, uns Das
mitzutheilen, was der König antworten wollte, ward hingegen nicht
berücksichtigt; -- es sei, weil man sie unschicklich fand, oder spätere
Änderungen des ersten Entwurfes eine solche Mittheilung unmöglich
machten. Gewiß würde sie nützlich gewirkt und auch wohl zur Abänderung
einzelner Ausdrücke geführt haben. Vorläufig beruhigte jedoch Das,
was der Graf Brandenburg am 2. April in den Kammern über die deutsche
Angelegenheit gesagt hatte.
Die spät Abends eingehende Nachricht, daß uns der König den 3. April
auf dem Schlosse empfangen wolle, und daß wir zum Mittagsmahl nach
Charlottenburg eingeladen wurden, erfreute Viele als ein Zeichen
raschen, günstigen Entschlusses. Ich erschrak darüber sehr, weil sie
jede vorläufige Verständigung unmöglich machte, und ich befürchtete:
man wolle uns jede Einwirkung abschneiden und eiligst mit einem
ungenügenden Bescheide nach Hause schicken.
Des Königs Absicht war gewiß gut und edel; er wollte sich nach allen
Seiten hin (gegen die Reichsversammlung und die Regierungen) billig
und gemäßigt zeigen, selbst den Schein der Anmaßung vermeiden, jeder
Übereilung aus dem Wege gehen, und die Frucht erst pflücken, wenn sie
ihm (unter allgemeinem Beifall) dargeboten werde. -- -- --
-- -- -- Jene Erklärung, welche +Alle+ befriedigen sollte, genügte
indeß Niemand. Die eine Partei tadelte: daß der König die frankfurter
Abgeordneten nicht als +unberechtigt+ verdamme, statt in ihnen
Vertreter des Volkes zu erblicken und aus ihrer Kaiserwahl ein Recht
abzuleiten. Die frankfurter Abgeordneten hingegen faßten die zweite
Hälfte jener königlichen Erklärung dergestalt auf, daß sie ihr ganzes
Verfassungswerk nochmals in Frage stelle; Annehmen, Ändern oder
Verwerfen in die Hände der Fürsten lege, und sich mit der leeren
Hoffnung schmeichele, daß 38 Regierungen den natürlichen und gerechten
Wünschen Preußens einiger und williger entgegenkommen würden, als die
Vorkämpfer in Frankfurt! -- --
-- -- -- -- Nach beendigter Rede sprach der König mit jedem Einzelnen.
Es sind über diese Gespräche, leichtsinnig oder böswillig, die
unwahrsten Nachrichten verbreitet worden, und ich selbst habe
öffentlich den Erfindungen und Lügen widersprechen müssen. Ebenso
erklärte Herr Beseler: die Zeitungsberichte hätten den Hergang
ganz entstellt. Läugnen läßt sich jedoch nicht, daß der König wohl
absichtlich vermied, den großen Gegenstand zu berühren, welcher die
Köpfe und Herzen aller Abgeordneten erfüllte. -- -- --
Dennoch verletzten einzelne, trotz aller Vorsicht entschlüpfte
Äußerungen noch mehr, als der König voraussehen konnte. -- --
-- In Erinnerung an den Jubel, die Begeisterung, die Reden, die
Herzensergießungen, die glänzenden Hoffnungen, die Freudenthränen
u. s. w., welche unsere Reisetage belebten und verherrlichten, --
erschien freilich das Hoffest in Charlottenburg peinlich und drückend,
steif und kalt. -- -- Welch ein Tag! und doch kein Sonnenstäubchen von
Begeisterung, Vertrauen, Liebe, Glaube, Hoffnung!!
Ich will nicht (vielleicht unrichtig) Das erzählen, was der König
Anderen sagte, sondern nur erwähnen, daß ich mir erlaubte, die
vorliegende große Sache wenigstens in etwas zu berühren. Als mich Herr
Simson auf dem Schlosse namentlich vorstellen wollte, sagte der König:
„o, Raumern kenne ich; wie geht es!“ Ich antwortete: „ich rechne es mir
zum Glück und zur Ehre, an dieser wichtigen Botschaft Theil zu nehmen,
um den Marschall Vorwärts, welchen Deutschland braucht, an die Spitze
zu stellen.“ -- Der +König+: „Nun, wenn man mich braucht, werde ich
nicht fehlen.“ -- +Ich+: „Es ist Preußens Pflicht und unausweichbarer
Beruf, die Oberleitung in Deutschland zu übernehmen u. s. w.“
In Charlottenburg sagte der König zu einem mir unbekannten Nachbar:
„Raumer hat mir früher (Frühling 1813) Vorlesungen gehalten über
Verfassungskunde.“ -- Ich erwiderte: „Ew. Majestät, das war sehr
unbedeutend, eine Zeit des Bedenkens und Überlegens; bald aber kam die
große Zeit des +Handelns+ und die Schlacht bei Leipzig.“ -- Auf meine
Bemerkung: 20 Regierungen hätten sich ja bereits unsern Planen und
Beschlüssen geneigt erklärt; -- antwortete der König: Nein, 26.
Nach einigen unbedeutenden Zwischenreden, deren ich mich nicht genau
erinnere, sagte ich dem Könige: „wir haben Sehnsucht nach Heimat,
Frau und Kindern, und wünschen unserer frankfurter Macht ledig zu
werden. Lassen Sie bald in Deutschland die neuen Wahlen für eine zweite
Reichsversammlung vornehmen.“ -- Der +König+: „Nun, wenn die Noth am
größten ist, ist die Hülfe oft am nächsten.“ -- +Ich+: „Ich nehme
dankbar diese Erklärung an im Namen aller meiner Mitabgeordneten.“ --
Durch das Mittagsmahl in Charlottenburg hatte sich die Stimmung der
Abgeordneten nicht gebessert. Sie erklärten fast einstimmig: man
müsse die (vorläufig angenommene) Einladung des Magistrates und der
Stadtverordneten, ins Theater zu gehen, nunmehr ablehnen. -- Da
widersprach ich und sagte: Es kommt gar nicht darauf an, ob wir aus
genügenden Gründen abgeneigt sind, ins Schauspiel zu gehen, sondern
darauf daß diese Gründe allen Anderen unbekannt sind, Plätze für uns
aufbewahrt, Anstalten zu unserem Empfange getroffen wurden, das ganze
Publikum ungeduldig unser harrt, und Magistrat und Stadtverordnete
(welche vor der Thür stehen) uns aus vielen Gründen dringend bitten,
zu erscheinen. Es wäre unser Ausbleiben, nach so viel Beweisen des
Wohlwollens, eine große, unverantwortliche Unhöflichkeit gegen
Magistrat und Stadtverordneten, gegen Stadt und Land. -- Es kostete
große Mühe, jener Abneigung Herr zu werden; die günstige Aufnahme im
Theater bestätigte indeß meine Behauptungen und gab Zeugniß über die
öffentliche Stimmung.
Dem schweren, beängstigenden Tage folgte ein tröstlicher, beruhigender
Abend. Viele Abgeordnete haben über denselben und die Gespräche, welche
der Prinz und die Prinzessin von Preußen über Preußens und Deutschlands
Wohl mit höchster Theilnahme führten, in Briefen und Druckschriften
so umständlichen und begeisterten Bericht erstattet, daß ich mich
veranlaßt sehe, nichts hinzuzufügen, sondern lediglich darauf zu
verweisen.
Ebenso wird es bald ein öffentliches Geheimniß sein, daß, warum und auf
wessen Veranlassung ein für die frankfurter Beschlüsse viel günstigerer
Entwurf der königlichen Antwort bei Seite gelegt und eine Bahn betreten
wurde, auf der es gewiß an den größten Hindernissen nicht fehlen wird.
Nachmittags.
Sie kennen bereits die Gründe, wodurch die frankfurter Abgeordneten
gezwungen wurden (ihres Auftrages eingedenk), ehrenvolle Einladungen
abzulehnen und rasch von Berlin abzureisen.
Ich will von mitwirkenden Kleinigkeiten in diesem großen tragischen
Augenblicke nicht sprechen. -- „Ihr Abgeordneten,“ sagten Mehre,
„seid eitle Thoren, seid Bummler, welche sich einbilden, einen
Kaiser machen zu können.“ -- Nun, versucht es (ungestützt durch
die Reichsversammlung) mit den Bruderkönigen, ob sie einen
preußisch-deutschen Kaiser, ein mächtiges Oberhaupt aufrichtig wollen.
Eine preußische Partei ist in diesem Augenblicke in Frankfurt
vernichtet, bis zwingende Verhältnisse sie wieder ins Leben rufen und
dem ~liberum veto~ der Fürsten ein Ende machen.
[A] Vieles ist in diesem Briefe gestrichen worden, weil es sich jetzt
für die Öffentlichkeit nicht eignet.
Hundertachtunddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. April 1849.
Die Erklärung, welche die Abgeordneten dem preußischen Ministerium
übergaben, wird gewiß von Vielen als anmaßlich und unverständig
bezeichnet werden; dennoch schien sie Allen, nach reiflicher
Überlegung, als nothwendig, um nicht in Frankfurt allen Boden zu
verlieren, und um übereilten, allzu heftigen Beschlüssen vorzubeugen.
Auch kann die preußische Regierung uns der Mißverständnisse
beschuldigen und diese Erklärung benutzen, um auf die höchste
Beschleunigung einer letzten Entscheidung zu dringen.
Wir hatten unsere Abreise fast verheimlicht, um nicht unterwegs
(vielleicht unangenehme) Demonstrationen hervorzurufen; dennoch
waren (binnen wenig Stunden) in Halle, Merseburg, Naumburg, Weimar,
Erfurt u. s. w. Vorkehrungen zu sehr freundlichem Empfange getroffen.
Insbesondere wurden wir in Weimar vom Bahnhofe mit einem Fackelzuge
nach der, allgemein erleuchteten, Stadt geleitet. -- Der Inhalt aller
an uns gehaltenen Reden ging darauf hinaus: daß wir unser löbliches
Werk aufs Äußerste vertheidigen sollten, und es (eingetretener
Zögerungen und Hindernisse halber) nicht aufgeben dürften.
Die heitere Begeisterung, die poetische Farbe, das Vertrauen sind
aber in einer beklagenswerthen Weise so gesunken, daß sie niemals in
früherer Kraft wiederkehren werden. Dies ist um so bedauerlicher, da
es Mittel gab, Frankfurt zufrieden zu stellen und gleichzeitig eine
Verständigung mit den Fürsten anzubahnen.
Ein Bruch mit der jetzigen Versammlung und eine +gänzliche+ Verwerfung
ihrer Verfassung führt zur Anarchie oder Despotie.
Blicke ich umher, ob (wenn nicht in größeren, doch in kleineren,
persönlichen Kreisen) den frankfurter Sorgen irgend eine Freude, ein
Trost gegenübersteht, so finde ich ihn darin, daß eine der seltensten,
größten und edelsten Naturen mich nicht mißverstand, sondern mir
ihr Vertrauen schenkte, -- und daß ich an Christel und Emilie Jung
zwei wahrhafte Freundinnen gewann, deren Liebenswürdigkeit und
unerschöpfliche Heiterkeit mich, aus bitteren Leiden und finsterer
Nacht, oft in sonnenhelle Regionen versetzte, ermuthigte und verjüngte!
Hundertneununddreißigster Brief.
Frankfurt a. M., den 10. April 1849.
Die äußerste Linke mochte, unter dem Vorwande, daß der König
+unbedingt+ abgelehnt habe, eine Art Wohlfahrtsausschuß erwählen und
auf die Republik lossteuern. Die Österreicher und Ultramontanen möchten
jedes Ergebniß hindern, oder höchstens ein vielköpfiges Direktorium
herbeiführen. Ich bin überzeugt, daß alle Anträge dieser und ähnlicher
Art durchfallen.
Hingegen findet die Erklärung der berliner Deputation: „daß Krone und
Verfassung unzertrennlich seien,“ den allgemeinsten Beifall.
Die Deutung (welche Etliche gern ausbeuten möchten), als habe jene
Deputation erklärt: des Königs Worte enthielten eine +unbedingte+
Ablehnung, -- ist irrig. Ihre Erklärung besagt nur: daß für den Fall
einer +völligen Trennung+ der Verfassung von der Krone, des Königs
Antwort als eine ablehnende betrachtet werden +müsse+. Denn auf diese
Bedingung konnte jene weder dargeboten, noch angenommen werden. In
unserem Berichte wird man insbesondere hervorheben: daß die neueste
Collektivnote und die Erklärung der Minister in den berliner Kammern
hinreichend bewiesen: der König wolle nicht eine +völlige Umformung+
der Verfassung durch die +jetzige dazu untaugliche+ Reichsversammlung,
und betrachte seine Erklärungen nicht als eine definitive, schließliche
Ablehnung. -- Hiemit sind wir sehr zufrieden und lassen gern die
früheren Besorgnisse fallen.
Ich wiederhole: wenn man die Stimmen der Österreicher zurückstellt, so
will eine +sehr große+ Mehrheit hier, nach wie vor, daß der König die
Kaiserkrone annehme. -- -- -- Hätte der König gesprochen wie -- -- --
-- -- -- Es kostet die größte Mühe zu überzeugen: man habe in Berlin
die Abgeordneten keineswegs vorsätzlich verspotten und herabsetzen
wollen. Doch sind die Gemüther jetzt schon viel ruhiger als in Berlin;
sie fassen das große Ziel mit Besonnenheit ins Auge. Gott gebe seinen
Segen!
Hundertvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. April 1849.
Sehr mit Recht bemerken Sie, daß es darauf ankommt, das Werk der
Verständigung möglichst zu erleichtern. Weil es aber den Schein hat,
als thäten wir hier das Gegentheil, erlaube ich mir auf Ihren Brief vom
13. Einiges vorzutragen.
Die Gründe, weshalb wir uns in Berlin bekannter Maßen erklärten,
abreiseten, hier aber eine unbedingte Billigung unserer Erklärung
zurückwiesen, habe ich bereits mitgetheilt. Unsere, -- immerhin
schroffen und unhöflichen --, Worte haben den Ernst und die Eile
der Sache augenfällig gezeigt und mehr gewirkt, als wenn wir auch
zweideutige Phrasen gedrechselt und uns unentschlossen geäußert hätten.
Vor Allem einigten wir hiedurch die Parteien der Paulskirche für etwas
Positives und besiegten Diejenigen, welche +gewaltsame+ Vorschläge
betrieben. Das möge man bedenken, ehe man uns verdammt.
Allerdings scheint der Beschluß vom 11. d. M.: „daß +wir+ auf keine
Abänderung der Verfassung eingehen können“, als ein übereilter, jede
Unterhandlung zu Verständigung unmöglich machender. Dennoch ist dies
nur ein Schein: er war nothwendig und wird (wie sich schon jetzt zeigt)
nützlich wirken.
Hätte man nämlich ein so entschiedenes Wort nicht gesprochen, so
würden die jetzt +unbedingt+ beitretenden Regierungen eine Unzahl von
Bedenken erhoben haben, und ein Endergebniß wäre ganz ins Unbestimmte
hinausgeschoben worden.
Ferner sah man voraus, daß jenes Benehmen in dem größten Theile
von Deutschland Beifall finden, und für Preußen, trotz des
entgegengesetzten Scheines, zuletzt wahrhaft nützlich sein würde.
Endlich ist +durchaus nicht zu hoffen, daß neue Berathungen über die
Verfassung in der jetzigen Versammlung einen irgend erwünschten Erfolg
haben dürften+. Man würde ganz gewiß das (übermäßig angefeindete)
aufschiebende Veto, sowie die Mängel des Wahlgesetzes +nicht+
hinwegschaffen, wohl aber die +Einheit+ und das +Erbkaiserthum+ der
größten Gefahr aussetzen, von den alsdann neu vereinigten Gegnern
verworfen zu werden. Die jetzige Versammlung hält ja (wie ich
schon sagte) ihr Werk +keineswegs+ für +vollkommen+; sie weiset
nur, +bescheiden+ und +verständig+, dessen Besserung der +zweiten+
Reichsversammlung zu. Deren +Berufung+ giebt schon eine Bürgschaft
für Mäßigung, Ordnung und Anerkennung der Volks- und Fürstenrechte.
Die erste Kammer, das Staatenhaus, legt ein jetzt fehlendes Gewicht
in die erhaltende Schale, und Preußen hat alsdann natürlicherweise
eine vorherrschende Bedeutung, welche wir uns erst künstlich durch die
öffentliche Meinung verschaffen müssen.
Dringend +nothwendig+ aber ist es, daß sich Preußen (nach beistimmender
Erklärung so vieler Regierungen) +eiligst+ für die Verfassung
(+vorbehaltlich der nöthigen Revision+) ausspreche und muthig das
Steuer ergreife, anstatt abzuwarten und nachzutreten.
Wird der rechte Augenblick in Berlin wieder versäumt, verharrt --
zugeknöpft auf seinem pythagoreischen Stillschweigen, ohne irgend einen
Menschen zu begeistern, oder eine Stimme zu gewinnen; so werden bei der
nahe bevorstehenden Berichterstattung des neuen Ausschusses gewaltsame
Vorschläge und heftige Anklagen gewiß nicht ausbleiben.
Österreich arbeitet uns (wenn Preußen Muth und Vertrauen zeigt)
in die Hände. Die meisten österreichischen Abgeordneten werden
wahrscheinlich davongehen; wodurch es überflüssig wird, mit ihrer
Regierung Wortstreitigkeiten zu beginnen, da überdies aus allen übrigen
deutschen Landschaften (selbst aus Baiern) Schreiben eingehen, welche
das Verfahren der Reichsversammlung billigen.
Es wäre sehr übel, wenn die jetzige Versammlung durch Zögerung
und Weigerung veranlaßt würde, statt des Königs selbst die neuen
Wahlen auszuschreiben, und dadurch ohne Zweifel großen Zwiespalt in
Deutschland hervorzurufen.
Hunderteinundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 18. April 1849.
Gestern war eine große Versammlung der preußischen Abgeordneten, um
über mehre Anträge zu berathen und zu beschließen.
Der erste ging dahin: „wir sollten, um unsere Handlungsweise zu
rechtfertigen und grobe Irrthümer und Mißdeutungen zu widerlegen, --
eine öffentliche Ansprache an das preußische Volk erlassen.“
Das Dasein solcher Anklagen und Irrthümer läßt sich nicht läugnen,
und selbst in den berliner Zeitungen finden sich Aufsätze, welche man
böswillig und einfältig nennen darf. So z. B. wenn man behauptet: wir
gingen darauf aus, Preußen um seine Geschichte und Macht, um seine
Gegenwart und Zukunft zu betrügen, und es von Lippe oder Reuß, Schleiz
u. dgl. ganz abhängig zu machen!! Trotz dieser und anderer Thatsachen
schienen die Gründe gegen eine solche Erklärung an das preußische Volk
so überwiegend, daß der Antrag mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt
wurde.
Der zweite Vorschlag ging dahin: da Hr. C. -- nach wie vor eine
stumme Rolle spiele, mit den preußischen Abgeordneten in gar keinen
leitenden oder doch erläuternden Zusammenhang trete, den Eifer und die
Begeisterung eher abkühle als befördere, und unsere wohlüberlegten
Pläne gewiß nicht mit gehörigem Nachdrucke unterstütze, so solle eine
Deputation an ihn abgeschickt werden, um -- u. s. w. u. s. w.
Auch hier richteten sich die Zweifel nicht sowohl gegen die Wahrheit
dieser Behauptungen und Ansichten, als dagegen: daß eine solche
Deputation dem Hrn. C. irgend etwas sagen könne, was er nicht schon
wisse, wenn er es wissen wolle; daß ein solches „auf die Stube und auf
den Leib rücken“ leicht zu sehr unangenehmen Erörterungen führen und
doch wirkungslos bleiben dürfte u. s. w. -- Genug, auch dieser Antrag
ward zurückgewiesen.
Die Ansichten in dem Dreißigerausschusse stimmen bis jetzt nicht
überein, und werden sich schwerlich in einer ganz zufriedenstellenden
Weise einigen, wenn die preußische Regierung nicht +vor+ der
Berichterstattung mit einer entschlossenen Willenserklärung ans Licht
tritt.
Eine Partei (hoffentlich die stärkste im Ausschusse und in
der Versammlung) will, im Vertrauen auf +baldige+ preußische
Entscheidungen, nicht über den Beschluß vom 11. April, das Festhalten
an der Verfassung betreffend, hinausgehen.
Die zweite Partei will die Frage über das Oberhaupt bei Seite setzen,
oder doch offen erhalten; -- d. h. allen Planen der Österreicher und
Demokraten die Thür öffnen.
Die dritte sucht die Nothwendigkeit zu erweisen, +sogleich+ einen
Wohlfahrtsausschuß zu ernennen u. s. w.
Nachdem alle kleineren deutschen Staaten sich unbedingt für die
Annahme der Verfassung erklärt haben, Würtemberg, Hannover und Sachsen
nicht ausbleiben können, Baiern sich bereits spaltet, und Österreich
auf seinem alten Widerspruch beharrt, ist längere Halbheit und
Unentschlossenheit nicht zu rechtfertigen.
Wenn verstockte Seelen die neue Zeit und ihre großen Aufgaben nicht
begreifen, wenn Unwissende sich in falsche Wege verlocken lassen,
wenn man das Privatmannsgewissen über den staatsmännischen Beruf
hinaufsetzt, und die +letzte+ Stunde, welche in diesen Tagen schlagen
wird, versäumt: so wird in Deutschland Maß, Ordnung und Gehorsam noch
weit schwächer werden, als es bereits ist.
Warum will der König mit den +beiden+ Kammern und der +zweiten+
Reichsversammlung nicht versuchen, was er (daneben stehend) mit
der +jetzigen nie+ zu Stande bringen wird? Warum die Wahlen nicht
ausschreiben, statt sie von Anderen ausschreiben zu lassen; warum hier
Gegner erzeugen und ihnen die Waffen in die Hände geben?
Hundertzweiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 20. April 1849.
Gestern ward in der Reichsversammlung das Ihnen bereits bekannte
Schreiben des Hrn. Camphausen an Hrn. v. Gagern verlesen. Obgleich
Einzelne noch immer verzweifeln wollen, daß man nicht mit +einem+
Sprunge zum Ziele kommt, machte es doch im Ganzen einen guten Eindruck,
und Unbefangene konnten nicht verkennen, daß Preußen bereits auf
ganz anderer Stelle steht, als am 3. April. Es hat sich in der uns
erwünschten Richtung fortbewegt, und +muß binnen kurzer Frist zu noch
viel entscheidenderen Beschlüssen kommen+.
Nach der preußischen ward gestern die unhöfliche österreichische Note
vorgelesen; man konnte für jene keine bessere Beleuchtung, keine
günstigere Folie bestellen und auffinden.
Die meisten österreichischen Deputirten sind abgereiset; die übrigen
erklären: ihre Regierung habe kein Recht, sie (die vom Volke gewählt
worden) willkürlich abzurufen. Wir halten es vor der Hand für
unpassend, zu untersuchen: ob ihr ferneres Mitstimmen rechtlich und
nützlich sei. Auch einige Baiern reden vom Fortgehen, während die
Mehrzahl sehr über die Vertagung der Kammern in München zürnt. Nach
ihrer unvermeidlichen Rückkehr werden sie hoffentlich deutscher gesinnt
sein, als wenn man sie gar nicht nach Hause geschickt hätte. Das
Gleiche gilt für Hannover.
Montag (den 23.), spätestens Dienstag, kommt der, bis jetzt noch
nicht vorgelegte Bericht des Ausschusses zur Berathung. Er wird durch
Berücksichtigung der, oben erwähnten, preußischen und österreichischen
Noten, eigenthümlich modificirt werden.
Es wäre (um unnütze Anträge zu beseitigen und zu besiegen) sehr
wünschenswerth, wenn bis zum 23. telegraphisch noch ein beruhigendes
Wort aus Berlin ertönte. Nimmt Preußen vorläufig die Verfassung an,
weiset es deren Verbesserung (gleich wie 28 Staaten) einer zweiten
Reichsversammlung zu, so hat alle Fehde und Parteiung hier ein
Ende. Die gemäßigte Linke hat sich von der geringeren Zahl wilder
Revolutionaire getrennt, und steht mit und für uns auf dem Boden der
Verfassung; sie wird uns verlassen, sobald man sich länger weigert,
diesen Boden (unter Vorbehalt künftiger Verbesserungen) zu betreten.
Ich habe zufällig erfahren, daß die Führer aller deutschen
demokratischen Vereine berufen werden, sich (nach Ablauf einer gewissen
Frist) in Frankfurt oder der Umgegend zu versammeln. Völlig harmlos,
wenn Preußen rasch und mächtig die Leitung übernimmt; gefährlich für
Preußen und noch mehr für Süddeutschland, wenn man den entscheidenden
Augenblick versäumt.
Dem gewöhnlichen Maßstabe sind die welthistorischen Bewegungen
entwachsen; Gründe, welche für gewöhnliche Zustände unwiderleglich
sind, verlieren alles Gewicht unter ganz außerordentlichen
Verhältnissen; es fehlt ihnen der feste Punkt, von wo aus Archimedes
die Welt bewegen wollte und konnte.
Hundertdreiundvierzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 23. April 1849.
Im Weidenbusche ward der Vorschlag gemacht: man solle, gegen
die bereits angekündigte Tagesordnung, die Berathungen über den
Ausschußbericht noch um einige Tage aussetzen, und hiedurch Zeit
gewinnen. So nützlich der letzte Zweck auch erschien, ward der Antrag
dennoch abgelehnt:
1) weil er der Geschäftsordnung zuwiderlaufe, und in der Paulskirche
gewiß durchfalle;