Yester und Li

(Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane.) Geb. 1 Mark, in Leinen 1,25

Mark.

Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzählt -- einer

zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,

wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein

Auserwählter unter den Menschen zu einem auserwählten, seltenen,

wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heißt er. Und sie

heißt Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltägliche Namen. Aber was für

Menschen! Von einer, trotz ihres Temperaments, seltenen seelischen

Keuschheit. Voll Rasse und fein gestimmter innerer Kultur. Ihre Seelen sind

-- ein triviales Bild zu gebrauchen -- wie äußerst verfeinerte

phonographische Platten. Jeder Hauch, jeder kleinste Eindruck bleibt in

ihnen haften, läßt ihre Saiten schwingen in wunderbar zarten und

rauschenden Melodien. Und zwischen diesen beiden Menschen schwebt eine

innige, keusche, unausgesprochene Liebe. Beide wissen: sie ist

hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trägt sie jeder im Herzen, sorgsam, wie

ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum, einen köstlichen Schatz. In stummer

Duldung klammert er sich an sein jämmerliches Leben, das ihn, den um

unbesonnener Jugendstreiche willen Verstoßenen, Verfemten, so oft grausam

geneckt. Seiner heiligen Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und

Wesen strömt in dies eine große Gefühl zusammen. Seine Liebe ist ihm das

Leben. Alle seine intellektuellen und moralischen Kräfte werden davon

aufgesogen, restlos, unwiederbringlich. Er treibt einen Kultus mit dieser

Frau. Wendet seine ganze ärmliche Habe an, um ihre Gipsbüste mit kostbaren

Blumen zu schmücken. Besingt sie in überschwänglichen,

himmelhochjauchzenden Hymnen. Kleidet die Geschichte seiner Liebe in eine

innige Erzählung von zartem Duft und feiner exotischer Farbigkeit! Yester

und Li heißen darin die Liebenden. (Man erkennt Kellermann, den Freund

japanischer Kultur.) Henri verfällt in Krankheit, in Tobsucht, ist dem

Wahnsinn nahe. Er verschmäht die Liebe anderer Frauen. Alles um

ihretwillen. Und macht doch allem ein Ende durch einen leisen, müden

Verzicht. Wunderbar greifend ist dieser Schluß. Bianka hat ihm -- fast

wortlos -- ihre Erwiderung seiner Liebe gestanden. Aber sie sehen die

Unmöglichkeit ihrer Verbindung ein. Nach einem letzten Abschiedskuß reist

sie ab. Und die »Geschichte einer Sehnsucht« schließt mit dem

schlicht-schönen Bild, daß Ginstermann Rosen auf die Schienen streut, über

die der Zug die Geliebte entführt.

(Königsberger Allgemeine Zeitung)

Der Tor: Roman · 第 83 / 86 题