Wie erstaunt war Adele doch, als sie das Gitter öffnete und plötzlich Grau
im Dämmerlichte stehen sah. Er wartete hier, das konnte sie wohl sehen.
»Sie sind hier?« sagte sie und gab sich Mühe ihre Überraschung zu
verbergen. Sie sah ihn freundlich an und lächelte leise. Ein seidnes Tuch
von roter Farbe lag lässig auf ihren Schultern.
Der Abend war soeben gekommen und er war herrlich; die Luft war warm und
dicht und man konnte sie gleichsam mit den Händen greifen. Sie hüllte einen
vollkommen ein wie ein warmes Bad. In der Stadt klangen Laute, Singen,
Lachen, die Grillen zirpten, die Frösche lärmten in der Ferne, aber hier
oben war es auffallend still. Obgleich die Schatten schon tief und
verschwiegen lagen, so sah man doch noch Gesicht und Hände, gleichsam
leuchtend. Grau sah jeden Zug in Adeles Gesicht und doch war es ringsum
dunkel.
Er nahm den Hut ab.
»Ja, ich bin hier,« antwortete er und trat näher. »Verzeihen Sie mir, es
ist gewiß nicht schön vor einem Hause zu stehen und zu warten. Aber ich
wollte nicht hineingehen. Ich warte schon seit vielen Tagen, Fräulein von
Hennenbach, ich möchte mit Ihnen sprechen. Ich habe erfahren, daß Sie
morgen reisen.«
Adele zog das Tuch fester um die Schultern. »Ja, morgen früh.« Sie lächelte
und schloß das Gitter. »Es ist ganz zufällig, daß ich ausgehe.«
»Ich wußte, daß ich Sie heute treffen würde!«
Adele sah ihn mit großen Augen an. »Bitte?« sagte sie dann und das kleine
Wort verriet ihre Bereitwilligkeit ihn anzuhören und alle Nachsicht.
»Wollen wir ein wenig gehen?«
»Ja, gerne!«
Grau ging still neben ihr her. Adele atmete tief die Abendluft ein und
blieb einen Augenblick unter einem Busche stehen, der auffallend stark
roch. Er roch wie Vanille. Grau blickte zu Boden, dann sah er Adele an und
begann: »Ich habe nachgedacht, ich finde keine Ruhe mehr.« Er schwieg; wie
sein Herz doch schlug! So konnte er nicht beginnen. Er sammelte sich und
setzte hinzu: »Sind Sie entschlossen zu reisen?«
»Ja!«
»Wirklich entschlossen?«
»Ja, aber -- und weiter?«
»Ich wollte Sie nur dies fragen,« sagte Grau und senkte den Blick.
Adele schüttelte den Kopf und lächelte. »Ich glaube wohl zu wissen, weshalb
Sie fragen, Herr Grau. Sie haben ja vor einigen Tagen schon eine Andeutung
gemacht, die ich nicht mißverstehen konnte! Sprechen Sie, bitte, nicht mehr
davon. Sagen Sie doch selbst, kann ich denn das anhören?«
»Ich habe Sie verletzt, verzeihen Sie mir!« sagte Grau.
Adele lächelte.
»Ich will gerne heute noch ein wenig mit Ihnen plaudern,« sagte sie leise.
»Sie sind mein Freund und darüber bin ich froh. Aber Sie müssen solche
Dinge nicht sagen. Ich freue mich, daß ich Sie noch zufällig getroffen
habe, aber -- nein, nein, nein, all diese Dinge.«
Grau wollte sprechen, aber sie ließ es nicht zu. »Sie sind so merkwürdig,«
sagte sie und lachte leise, gleichsam heiter, »Sie kümmern sich um mich,
Sie ängstigen sich um mich -- so sonderbar sind Sie manchmal.«
»Es ist vielleicht mein Fehler, daß ich mich zuweilen zu sehr um die
Angelegenheiten anderer bekümmere,« entschuldigte sich Grau.
Sie gingen bergan. Auf der Höhe schimmerte der Widerschein einer
erblassenden Abendwolke im Laub der Bäume. Unter ihnen lag die Dämmerung
wie ein weiches Dunkel. Es raschelte zuweilen in den Zweigen, das waren
Vögel, die zur Ruhe gingen. Es knackte da und dort, aber je tiefer sie in
den Wald eindrangen, desto stiller wurde es. Die Stimmen des Tales waren
erloschen und den Lärm der Frösche hörten sie nur noch einmal gedämpft, als
sie einen kreuzenden Weg überschritten, der wie ein Kamin zur Stadt
hinablief.
Dann begann Adele mit gleichmütiger Stimme zu sprechen. »Sie haben ja
Urlaub genommen, Herr Grau,« sagte sie, »ich habe es gelesen.«
»Ja, das habe ich getan,« antwortete Grau und dachte an ganz andere Dinge.
»Ich habe gemußt. Der Herr Dekan hat es mir nahe gelegt.«
Wie solle man das verstehen?
»Und doch ist es so. Übrigens, wenn der Herr Dekan nicht so liebenswürdig
gewesen wäre, so könnte ich nun die größten Schwierigkeiten haben; bei der
Behörde bin ich schlecht angeschrieben. Man setzte zuerst große Hoffnungen
auf mich, aber ich scheine sie leider nicht zu erfüllen. Da kam diese
Broschüre über die Gefängnisse, andere Flugschriften, das Begräbnis der
Margarete Sammet, dann meine Predigten. Ich kann nichts anderes predigen
als was ich glaube. Schwierigkeiten über Schwierigkeiten. Dazu kam noch
jene Affäre mit der Kollekte für innere Mission. Sie haben nicht davon
gehört? Auf irgend eine Weise ist nämlich die Geschichte doch bekannt
geworden, obgleich der Herr Dekan in liebenswürdiger Weise die Sache zu
verdecken versuchte. Wie? Sehr einfach. Ich sollte die Kollekte abliefern,
aber ich vergaß es, zum ersten Mal in meinem Leben ist mir das passiert,
etwas zu vergessen. Ich war in jener Zeit sehr beschäftigt. Kurz und gut,
ich vergaß es und der Herr Dekan kam zu einer langen Auseinandersetzung. Er
bemühte sich persönlich in mein Haus. Wegen der Gegenstände, die ich
verschenkt und verliehen habe, obgleich sie zum Inventar des Pfarrhauses
gehören, machte er wenig Worte. Hm, hm. Aber alle die andern Dinge, diese
heillosen Dinge. Besonders die Pfingstpredigt im Freien. Zuletzt kam die
Kollekte daran. Ja, bei Gott, ich hatte sie vergessen. Es waren vierzehn
Mark. Ich wollte sie dem Dekan geben, ich hatte sie in eine Schachtel
gelegt. Aber das Geld war fort, es war gar nichts mehr da. Nun sang zum
Unglück der Handwerksbursche im Nebenzimmer und da wurde der Dekan
ärgerlich. Es vertrage sich doch nicht gut mit meiner Würde,
Handwerksburschen zu beherbergen -- sagte er.«
»Ist denn der Alte noch immer zu Besuch?«
»Nein, ein anderer, ein Freund von ihm. Er hat ihn mir geschickt. Ebenfalls
krank und die Papiere in Unordnung.«