»Ja!« fuhr Grau fort -- und plötzlich verlor er die Sicherheit, er wurde
verlegen und setzte höflich hinzu: »Ich bitte Sie recht herzlich, den
Schritt reiflich zu überlegen.«
Adele sah ihn an und ihr Blick senkte sich tief in seine Augen. Sie
lächelte. Sie schüttelte leise den Kopf, als ob sie ihn nicht verstanden
habe und sagte hauchend: »Adieu!«
»Ja, ich bitte Sie, den Schritt ja zu überlegen!« wiederholte Grau.
Adele nickte ihm zu. »Adieu!« sagte sie und ging langsam und stolz weiter,
als ob nichts ihre Ruhe trübte.
Grau ging in großer Erregung ins Haus zurück. Wie kam es doch, daß ich
plötzlich sprach! dachte er. Ich wollte es ja gar nicht. Adeles Gestalt
verschwand zwischen den Zweigen und sein Herz pochte so laut, daß er die
Hand auf die Brust legen mußte.
Nun war sie verschwunden! Er zitterte, mußte sich setzen, stand wieder auf,
streckte die Hände nach den Büschen aus, hinter denen sie verschwunden war.
Erst nach langer Zeit gelang es ihm sich zu beherrschen. Er öffnete
Susannas Brief und so bald er ihre Schrift sah, wurde er ruhig.
»Mein Geliebter,« schrieb Susanna, »Du süßester aller Menschen! Wolle Gott,
der Gott an den Du glaubst, Dich glücklich machen, glücklich und reich. Oft
bete ich so.
Ich bin nun tot und wenn Du hundert Schritte gehst, so stehst Du an meinem
Grabe. Du sollst es nicht tun, ich will nicht, daß Du oft an mein Grab
gehst. Es ist so wenig Sinn darin, denke ich. Kannst Du denken, daß ich vor
Dir stehe? Siehst Du meine Augen und kannst Du Dich an meine Züge erinnern?
Das tue zuweilen! Kannst Du fühlen, daß ich diesen Brief mit Dir lese und
meine Wange an die Deine schmiege, so wie ich es oft getan habe, wenn wir
zusammen in den Büchern blätterten?
Du sollst nicht an mich denken. Zuweilen, aber nicht oft. Denke an mich,
wenn Du fröhlich bist, aber nicht zu oft. Denke nicht an mich, wenn Du
traurig bist.
Vielleicht siehst Du ein Mädchen und Du liebst es. Dann küsse sie und
vergiß mich ganz. Ich will, daß Du glücklich bist und Glück um Dich
streust.
So spricht mein Herz.
Ja, ich liebe Dich. Bei Gott, aufrichtiger könnte Dich keine Frau lieben!
Ist es ein Wunder, daß ich über diesen Brief weine? Ich liebe Mütterchen,
aber ich liebe Dich hundertmal mehr und kenne Dich doch noch nicht lange.
O, du süßester aller, aller Menschen! Wenn ich nur ein Herz hätte, so hätte
ich alles gesagt. Aber ich habe zwei Herzen und sie wollen nicht das
gleiche.
Mein zweites Herz, das möchte viele Dinge, die das erste Herz nicht
wünscht. Es wünscht Dir ebenfalls Glück, aber es ist traurig, daß es dieses
Glück nicht mit Dir leben kann.
Es hat gewünscht, daß Du einmal meine Brust küssen möchtest und nun wünscht
es, daß Du recht oft die hundert Schritte zu meinem Grabe machen würdest
und Dich niederwerfen und die Erde aufwühlen -- das wünscht mein zweites
Herz und es bebt vor Freude -- obgleich mein erstes Herz es nicht wollte.
Es wünscht, daß Du vor Kummer sterben solltest, ja, es wünscht, daß Du nie
mehr eine Frau küssest, denn es will Dich ganz allein haben. Ganz, ganz
allein.
Mein zweites Herz kennt eine Frau, vor der es zittert. Denn diese Frau
könnte jede Erinnerung an mich auslöschen. Ich habe gesehen, wie Du diese
Frau anblicktest, es saßen viele Mädchen in meinem Zimmer, aber Du
blicktest jene Frau mit andern Augen an als alle. Mein erstes Herz wünscht,
daß jene Frau Dich liebe, aber das andre zittert davor. Laß es ruhig sein
und schweigen.
Laß mein erstes Herz sprechen: Lebe wohl, Du gütiger, und vergiß mich so,
daß Du nicht mehr leidest. Sei glücklich und liebe, liebe alle Frauen, so
viele du willst.
Ich bin tot, aber ich komme zu Dir noch einmal, um mit Dir zu sprechen.
Süß ist der Gedanke, süß und schön und er lockte mich. Es ist nicht wahr,
was mein zweites Herz sagt: Komm aus dem Tode zu ihm um Gewalt über ihn zu
haben, um ihn nicht frei zu lassen. Nein. Du sollst ja nur fühlen, wie sehr
ich Dich liebe, daß ich noch nach dem Tode zu Dir zu sprechen wünsche. Das
ist die Wahrheit.
Lieber, es ist all diese Tage ein Gedanke in mir, ich kämpfe mit ihm.
Würdest Du mir schwören, zu keiner andern Frau mehr von Liebe zu sprechen?
Mein zweites Herz flüsterte mir den Gedanken ins Ohr. Wenn ich schwach
werden sollte und Du solltest mir das Versprechen geben -- ach, verzeihe
mir dann, ich bin es ja nicht, die das will -- Du bist frei, es gibt kein
solches Versprechen! Wie sollte es doch ein solches Versprechen geben!
Lebe wohl, ich küsse Dich zum letzenmal. Es ist schwer zu gehen, aber lebe
wohl. Lebe wohl, ich winke, lebe wohl, Du siehst mich nicht mehr. Lebe wohl
für immer! Deine Susanna.«
Grau saß und das Blut schoß ihm in das Gesicht. Dann tastete er sich
hinaus, durch die Türe hindurch, in das Schlafzimmer, dessen Läden
geschlossen waren. Hier warf er sich auf das Bett und weinte.
Als Eisenhut am Abend zur Stunde kam, fand er Grau in seiner Stube damit
beschäftigt, Noten auf ein Blatt zu schreiben.
»Was tust du da?« fragte Eisenhut.
»Ich schreibe ein kleines Lied,« antwortete Grau und lächelte und Eisenhut
wunderte sich über seine zitternde Stimme.
»Ein Lied?«
»Ja, ich habe es noch nie getan, es ist mein erstes.«