Grau schlief, da kam ein kleines Mädchen zu ihm ins Zimmer, es blieb an der
Türe stehen und winkte schüchtern mit dem Zeigefinger. Aber er regte sich
nicht, er war todmüde. Das Mädchen hatte hohe, schlanke Beine und einen
silberblonden Lockenkopf. Es näherte sich und berührte mit geheimnisvoller
wichtiger Gebärde seinen Arm: Grau erwachte.
Seine Brust war beklommen, er vermochte kaum zu atmen und konnte keinen
klaren Gedanken fassen.
Im Zimmer war es dunkel, aber durch den Spalt der Fensterladen konnte er
hinaus in den Mittag blicken. Alles schlief in der roten Sonne, kein Zweig
schwankte. Der Garten sah verändert aus und auch er schien ein Geheimnis zu
wissen. Graus Beklommenheit wuchs zur Angst. Susanna! dachte er und verließ
rasch das Haus.
Er ging so rasch, daß die Leute ihm erstaunt nachblickten. Die Kinder
spielten vor den Häusern, sie schrien und lachten und eilten auf Grau zu.
Aber er hatte heute keine Zeit. Er lächelte und winkte ihnen ab. Nun liefen
sie rasch neben ihm her, tanzten vor seinen Füßen, lachten; es wurden ihrer
immer mehr. Überall öffnete man die Fenster, um zu sehen, was es eigentlich
gäbe. Aus allen Häusern kamen die Kinder heraus und aus allen Gassen.
Grau ging sehr schnell, aber die Kinder tanzten um ihn herum, es war ihnen
ein leichtes zu tanzen und doch mit zu kommen. Sie schrien ihm zu, was sie
spielten, was sie gegessen hatten, wohin sie gehen wollten und eine Menge
Neuigkeiten.
Erst beim Tore blieben sie zurück und nur einzelne folgten ihm noch. Grau
beschleunigte den Schritt noch mehr, der Schweiß stand ihm auf der Stirne.
So oft ihn der Gedanke durchfuhr, daß er Susanna nicht mehr lebend anträfe,
lief er ein Stück des Weges.
Von der Brücke aus sah man Susannas Haus in der Sonne liegen. Je weiter der
Sommer fortschritt, desto tiefer schien das Häuschen in die Wiese zu
sinken. Es war von Sonnendunst eingehüllt. Wer aber war das, der im Garten
stand und mit einem leuchtenden Tuche winkte? Grau erschrak. Es war
Susanna, so unmöglich es ihm auch schien.
Sie stand im Garten, weiß gekleidet, Eisenhut war bei ihr und Mütterchen
mit der Brille lehnte am Pfosten der Türe. Susanna winkte und öffnete das
Gartentürchen.
»Nun?« rief sie mit hoher, feiner Stimme. »Was sagst du dazu? Ich habe so
sehr gewünscht, daß du kämest, und nun bist du da!«
Sie war klein und niemals hätte er sich denken können, daß sie so klein
war. Ihre schmalen Wangen waren von einer gleichmäßigen Fieberröte
überzogen und ihre großen Augen leuchteten gespenstisch.
Eisenhut lachte. »Ich hätte gestern keinen Pfennig mehr für sie gegeben!«
rief er. »Sie sah aus als ob man sie sofort in den Sarg legen könnte, heute
steht sie auf, zieht das weiße Kleid an und geht herum. So verrückt, wie?«
»Ich kann auch wieder sprechen!« sagte Susanna und atmete tief. »Ich habe
die ganze Nacht hindurch geschlafen und in meiner Brust ist etwas vor sich
gegangen. So leicht und frei. Wie ich atmen kann, so tief! Oh, wie schön
ist es doch zu gehen. Ich bin so müde in den Knien und das ist so schön!«
Grau drückte sie an die Brust. »Ja,« hauchte er. Er fand keine Worte.
Susanna ging langsam in ihrem Gärtchen umher, besah die Rosen, den Mohn,
die Nelken, die Halme und liebkoste die Blätter. Sie legte die Hände in das
Gras und sagte, wie kühl doch das Gras sei. Wärme und Duft standen wie eine
Mauer im Garten. Sie ging zu dem kleinen Fliederbusch, steckte das Gesicht
hinein und ließ sich die Wangen von den Blütentrauben liebkosen.
Am Himmel türmten sich mächtige Wolken gleich phantastischen Ballen von
feuerfarbener Seide, die an der Oberfläche rote Glut versengt hatte. Der
Wind erwachte.
»Sieh, wie der Wind läuft!« rief Susanna und deutete über die Felder. »Wie
hurtig!«
Man sah ihn laufen. Er kam über den Hügel herab, strich über die Felder,
wühlte sich ins Korn und schmiegte sich auf den Wiesen ins Gras wie ein
Hund. Er kam rasch näher, die Blätter eines Haselstrauches begrüßten ihn,
die Blumen am Wege verneigten sich: Er war da, warm, duftend, schwül und
Susanna hustete als er zu ihr kam und ihr goldenes Brusttuch in die Höhe
hob, gleichsam um zu fühlen, wie fein es war. Einen Augenblick und schon
war er verschwunden.
Dann kam er von neuem über die Wiesen.
»Sieh doch, wie rasch er läuft! Vielleicht kommt ein Gewitter.«
Ein Zitronenfalter segelte über die Wiese und Susanna ließ ihn nicht aus
den Augen, fieberhaft rückte sie den Blick hin und her. »Pst?« sagte sie.
»Sicherlich wird er den Flieder riechen und hierher kommen. Locke, locke!«
sagte sie zum Fliederbusch mit beschwörenden Blicken. Der Zitronenfalter
gaukelte zuerst um eine Kleeblüte, dann kam er in den Garten herein und
Susanna, ganz atemlos, streckte behutsam die Hand aus. Sie zitterte am
ganzen Körper vor Erregung. Ihre Lippen zitterten, ihre Blicke sogar. Es
war, als wolle sie die Natur fragen, ob sie ihre Liebe erwidere. Da setzte
sich der Falter auf ihren Finger.
Ohne Regung stand Susanna und blickte lächelnd auf den Schmetterling, der
seinen Rüssel auf ihren Finger setzte und mit den gelben Flügeln wippte.
Sie streifte Grau mit einem triumphierenden Blick.
»Er sieht mich an!« sagte sie leise. Der Falter flatterte in die Höhe und
flog über das Dach, Susanna sah ihm nach bis er verschwand. Dann atmete sie
tief auf.
»Das war schön!« sagte sie leise. »Das war schön!« Sie blickte mit einem
langen Blick in die Weite. Die phantastischen Ballen feuerfarbener Seide
wurden dunkel und da wo die Glut sie versengt hatte flatterten aschgraue
unheimliche Schleier. Susanna lächelte und seufzte und ging ganz von selbst
hinein ins Haus.
Mütterchen war verwirrt vor Freude. Ja, nun könne Susanna wieder aufstehen,
oh, du guter Gott!
Grau sagte: »Es ist kein gutes Zeichen, Mütterchen!« und legte ihr die Hand
auf den Scheitel und sah sie an. Mütterchen erblaßte und zitterte.
Grau gab Eisenhut ein Zeichen mit den Augen und ging hinein zu Susanna.
Susanna lag mit geschlossenen Augen. Er setzte sich auf den Rand des Bettes
und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sie schlug sofort die schwarzen Augen
auf, in denen der Glanz verglühte. Sie lächelte müde. »Ach, so müde, so
köstlich müde, aber meine Brust ist so leicht und frei. Das ist der
Frühling, ja. Du hast es gesagt. Du und der Frühling, ihr zwei habt mich
gesund gemacht. Wende deinen Kopf und sieh ins Licht! Ja, sie sind golden,
deine Augen sind golden! Bald werde ich in den Wald gehen können. Ich höre
Gesang, Lieder höre ich, wie ist das doch?« Ihre Stimme klang fein und
ferne; die Kräfte erloschen rasch.
»Wir werden zusammen in den Wald gehen, Susanna, du und ich!« sagte Grau.
Er sprach nun unausgesetzt. Davon wie es im Walde sein werde, wie alles
sein werde, alles. Denn bald würden sie ja zusammenleben.
»Ja!« Und Susannas Augen leuchteten nochmals auf, während ihre Wangen
erblaßten, mehr und mehr. »Wie wird es sein?«
»Nun höre zu,« fuhr Grau fort, »höre zu und sieh mich an. Ich will dir
sagen wie es sein wird. Du wirst die Herrin im Hause sein und ich werde
warten bis du mich rufst. Sage nichts und höre zu. Wenn wir drei Zimmer
haben, so werden zwei davon dir gehören. Da wirst du wohnen. Du wirst eine
Bibliothek haben, ganze Regale voll der schönsten und neuesten Bücher. Du
wirst auch einen Schreibtisch am Fenster haben mit einem Stoß von weißem
Papier darauf, damit du all deine klugen Gedanken aufschreiben kannst, wenn
du Lust dazu hast. Ich werde an der Türe lauschen, wenn du schläfst, ich
werde stehen und auf deine Atemzüge lauschen, und ich werde denken: Susanna
schläft da drinnen. Ich werde hören, wenn du dich rührst. Ich werde nicht
schlafen. Ich werde denken, es ist nicht die Zeit zu schlafen, ich muß
hören, wie Susanna schläft, ich muß ihrem Atmen lauschen.«
»Oh! sprich, wie wird es sein!« Tränen traten in ihre Augen.
»Dann werde ich hinausgehen und große Sträuße für dich pflücken, Susanna,
aus all den Blumen, die du besonders liebst. Der Tau soll an den Blumen
sein und ich werde die Sträuße auf deine Schwelle legen und der Tau wird
daran sein. Dann werde ich warten und endlich werde ich dich sehen. Ich
werde dir in die Augen blicken -- wie ich es jetzt tue -- und ich werde
fragen, ob du gut geschlafen hast.«
»Sprich, sprich! Aber in den Nächten, wie wird es in den Nächten sein? Hast
du daran gedacht?« In Susannas Augen kam ein fremder Glanz und ihre Wangen
wurden fahler und fahler.
»Ja, auch daran habe ich natürlich gedacht, Susanna. Laß uns das nicht
sagen, die Nächte werden kommen. Es wird sehr stille sein in unserem Hause
und im Garten wird ein Vogel singen und du und ich und ich und du und
niemand sonst wird da sein.«
»Ja, wie oft, du Geliebter, habe ich daran gedacht, wie die Nächte sein
werden! Hast du schon an Leidenschaft gedacht und die Küsse in stiller
Nacht?« flüsterte sie und die Tränen liefen über ihre Wangen.
»Ja, Susanna, meine süße Freundin. Oft habe ich an Leidenschaft gedacht und
viele lange Nächte lag ich wach.«
»Wie ich, wie ich! Oft hat mein Blut getobt in den Adern und ich habe
geträumt und geträumt -- keine verrät es, aber alle, alle graben sie die
Nägel in die Brust --.«
Grau blickte Susanna an und hielt sie in den Armen. Ihr Kopf lag an seiner
Brust. Und er erzählte wie es sein werde. Plötzlich wurde es dunkel im
Zimmer, der Wind pfiff und es donnerte in der Ferne. Es regnete, dann
kieselte und schneite es. Im Nu waren die Felder weiß und das Gärtchen
eingeschneit. Aber Susanna sah und hörte nichts, sie lauschte und Grau gab
ihren Blick nicht mehr frei.
»-- die Hände werde ich dir küssen, die werden so kühl und frisch wie der
Morgen sein. Ich werde dir die Lippen küssen, die noch heiß vom Schlafe
sind, die Rosen auf deinen Wangen werde ich küssen, die noch aus den
Träumen darauf blühen. Susanna, Susanna! Ja, du hörst wohl, was ich sage?
So wird es sein. Dann werde ich die Türe öffnen und sagen, siehe, Susanna,
die Sonne will dich begrüßen. Und ich werde dich in den Garten führen:
Siehe, Susanna, die Blumen wollen ihre Herrin grüßen. Alle Blumen werden
sich verneigen und die Bäume werden rauschen. Ich aber werde nur dich
ansehen, so wie ich es jetzt tue, Susanna, Susanna, nur dich! Ich werde
deinen Namen nennen auch wenn du nicht bei mir bist. Vielleicht hast du
einen kleinen Hund, den du liebst, und mit ihm werde ich mich unterhalten,
solange du fort bist.«
Grau küßte Susannas Stirn.
»Ich liebe dich, werde ich sagen,« fuhr er fort, »so wie ich es jetzt sage.
Susanna, Susanna! Die Sonne wird aufgehen und ich werde es sagen, die Sonne
wird sinken und ich werde es sagen. Der Frühling wird kommen -- ich liebe
dich, Susanna -- der Sommer wird kommen ich liebe dich, Susanna -- der
Herbst, der Winter wird kommen: Ich liebe dich Susanna!«
Susanna seufzte glücklich und lächelte und schloß halb die Augen.
»Ich werde niederknien und sagen, ich liebe dich Susanna!« flüsterte Grau.
»Ich werde dich ansehen, mein Blick, mein Schritt, alles wird dir dasselbe
sagen. Ich werde alt werden und meine Haare werden weiß werden -- ich liebe
dich Susanna, werde ich sagen -- ich liebe dich, du Süßeste von allen --«
Susannas Lächeln erstarrte. Sie öffnete den Mund und ihr Kopf sank in den
Nacken zurück. Sie regte sich nicht mehr. Grau blieb lange ruhig, dann ließ
er Susanna langsam in die Kissen nieder. Sie lag und lächelte friedlich und
schön. Sie schlief. Die Tränen trockneten auf ihren fahlen Wangen.
Grau saß lange Zeit regungslos und sah sie an. Seine Hände zitterten von
der Erregung der letzten Stunde, es war über seine Kräfte gegangen. Dann
wuchs die Trauer in seinem Herzen, eine schwere dumpfe Traurigkeit, die ihn
niederbeugte. Er küßte Susannas kleine Hände.
Er hatte sie ja so sehr geliebt.
Es wurde blendend hell im Zimmer. Das Wetter war vorübergegangen und die
Sonne schmolz rasch den Schnee, die ganze Welt glänzte und die kleine
stolze Rose in Susannas Garten glitzerte im Tau, als ob sie vor Freude
geweint hätte.
Mütterchen war ruhig, ja förmlich gleichgültig. Die Natur ist gütig und
versenkt ein Herz, das der plötzliche Schmerz vernichten würde, in eine Art
von Betäubung. Sie schien allein durch den Gedanken vollkommen beruhigt zu
sein, daß Susanna gestorben war ohne es selbst zu fühlen.
Aber als die Dämmerung kam und Susanna noch immer so still und gleichmäßig
lächelnd lag, begann sie leise zu weinen. Sie nahm Graus Hand, sah ihn
bittend an und sagte: »Mache sie mir wieder lebendig!«
Grau schüttelte den Kopf. »Laß sie ruhen, Mütterchen, sie ist ja lebendiger
und glücklicher als wir.«
Mütterchen war wieder ganz ruhig.