Eisenhut eilte dem Ausgang zu und war plötzlich spurlos verschwunden.
Gleichzeitig wurde Grau von Dr. Nürnberger aufgehalten.
Dr. Nürnberger war ein junger Mann mit schwarzem Scheitel, niedriger Stirn,
goldenem Kneifer; er war im Frack. Seine Manieren waren gewandt, seine
Höflichkeit stets von leichtem Spott begleitet, seine geheuchelte
Unterwürfigkeit abstoßend.
Er nahm den Kneifer ab und verbeugte sich vor Grau.
»Welches Vergnügen, Sie zu sehen!« rief er mit etwas näselnder Stimme aus.
Grau erkundigte sich nach dem Kinde im Waisenhaus. Es gedieh prächtig. »Wie
haben Sie Susanna bei Ihrem letzten Besuche angetroffen, Herr Doktor?«
fragte er dann.
Der Arzt verfolgte ein schönes Mädchen mit den Blicken und erwiderte: »Ja,
was soll ich sagen? Ich habe leider keine Besserung beobachten können. Ich
möchte fast sagen, im Gegenteil, der Zustand der Patientin hat sich
verschlimmert. Der Körper leistet leider gar keinen Widerstand.«
Ob man nicht jetzt daran denken könne, die Kranke nach dem Süden zu
bringen?
»Nein!« Der Arzt schüttelte den Kopf und sandte dem schönen Mädchen, das
zurückkehrte, ein Lächeln zu. »Man hätte es vor einem, zwei Jahren tun
sollen -- jetzt ist nicht daran zu denken. Sie würde die Reise nicht
vertragen. Ich spreche offen, ich könnte die Verantwortung, die Dame jetzt
reisen zu lassen, nicht übernehmen. Später vielleicht, sobald es Frühling
sein wird.« Doktor Nürnberger reichte Grau die Hand. Er lächelte und legte
die niedrige fliehende Stirne in tiefe Falten. Er möchte ihm nicht
leichtfertigerweise Hoffnungen erwecken -- immerhin, im Frühjahr, ja, da
könne man ja Entscheidungen treffen. »Guten Abend. Herzlich gefreut.« Im
Begriffe sich zu entfernen, wandte sich der Arzt, gleichsam überrascht von
einem Einfall, zu Grau zurück und sagte in verändertem Tone: »Vielleicht
darf ich Herrn Grau einladen, mit mir in eine Herrengesellschaft im ersten
Stock zu kommen? Es geht sehr animiert dort zu -- das heißt, vielleicht
ziehen der Herr vor --«
»Sehr liebenswürdig!« sagte Grau. Er sagte sofort zu und zwar mit einem
Eifer, der den Arzt in Verwunderung versetzte. »Gewiß werde ich mich
freuen, ich danke herzlichst, Herr Doktor!«
Sie verließen den Saal und stiegen eine Treppe empor. Grau werde hier die
Intelligenz der Stadt kennen lernen, das heißt, präzis ausgedrückt, alle
Elemente, die auf eine relative Intelligenz Anspruch erheben könnten;
angenehme und gesellige Leute. Nur sei er außerstande, irgendwelche
Verantwortung zu übernehmen, im Falle der Ton nicht gerade jenem eines
Salons entspräche. »Aber, bitte, ich liebe Ungezwungenheit,« sagte Grau. --
»Sie werden gewiß auf Ihre Kosten kommen, wenn Sie Ungezwungenheit lieben.«
-- Sie gingen hin und her in breiten Gängen, die vom Tanzen im Saale
drunten zitterten. Durch ein kleines Fenster konnte Grau hinab in die
chinesische Straße blicken, es war ein hübsches Bild: Die wimmelnde Menge,
die Lampione, der Rauch. Er sah einen Augenblick lang Adele, die gerade ihr
Haar zurechtrückte. Sie wandte merkwürdigerweise im selben Moment den Blick
zu dem kleinen Fenster, sie konnte ihn natürlich nicht sehen.
Sie weiß nicht alles, dachte Grau und ein leiser Schmerz griff an sein
Herz. Er folgte dem Arzte, treppauf, treppab; dieses alte Haus war ein
Labyrinth.
Endlich hörten sie den wüsten Lärm einer Herrengesellschaft und Dr.
Nürnberger verbeugte sich und öffnete eine kleine Türe. Augenblicklich
drang ihnen heiße Luft, Zigarrenrauch, der Geruch von Punsch, Lachen, Rufen
entgegen und ein halbes Dutzend verschwimmender Gesichter wandte sich ihnen
zu.
Grau machte die Augen scharf. Er entdeckte zuerst Eisenhuts Gesicht,
daneben das bleiche schmale Antlitz des jungen Herrn von Hennenbach, auf
dessen Knien die puppenschöne Wirtin saß.
Grau war erstaunt Eisenhut heiter und guter Dinge zu sehen.
Da saß er, eine Zigarre in der einen Hand, in der andern ein Glas, lächelte
und plauderte.
»-- die Stühle sind aus Leder, aus gepreßtem Leder. Ein Löwe in Gold ist
auf die Lehne gepreßt.«
»Ja, aber der Minister, Eisenhut,« unterbrach ihn jemand, »du wolltest doch
von ihm reden?«
»Das Zimmer ist überhaupt ein Saal!« fuhr Eisenhut fort und blinzelte. »Der
Minister rauchte eine Zigarette.«
»Aber was sagte er denn?«
»Er sagte, >Herr Eisenhut, Sie haben also die Steine für die Brücke
geliefert, schön. Ich werde an Sie denken.< Er klopfte mir auf die
Schulter.«
»Also sollst du wohl einen Orden bekommen?«
Eisenhut lächelte. »Was ich bekomme, das weiß ich nicht. Aber er sagte: Ich
werde an dich denken, Eisenhut.«
Haha! »Er duzte dich?« Gelächter.
»Vielleicht hat er auch Sie gesagt, was weiß ich -- seht an!« Er hatte Grau
bemerkt.
Die Herren waren in bunten Kostümen, einige im Frack und einer, Postadjunkt
Kaiser, saß in weißen Hemdärmeln da. Sie spielten Karten. Sie erhoben sich
mit vielem Tumult und warfen einander Blicke zu. Man war nicht sonderlich
erfreut über den Gast, das konnte jeder sehen. Aber die Herren verbeugten
sich höflich.
Grau sah sie mit freundlichen, leuchtenden Augen an. »Ich bedaure unendlich
im Falle ich stören sollte,« jagte er leise und verlegen, »Herr Dr.
Nürnberger hatte die Liebenswürdigkeit mich einzuladen.«
Plötzlich schlug ein dicker Chinese mit einem großen gelben Schirm auf dem
Rücken ein lautes Gelächter auf und einige fielen ein.
»Willkommen, Pfirsichblüte, im Reiche der Mitte!« schrie der dicke Chinese
und machte eine tiefe Verbeugung. Er drückte Grau die Hand und setzte
hinzu: »Im bürgerlichen Leben heiße ich Richter, Professor Richter, Doktor
der Naturwissenschaften.«
Der Arzt schob ihn beiseite. »Erlauben Sie doch, Professor,« sagte er, »und
geben Sie den Herren Gelegenheit ihrer gesellschaftlichen Pflicht zu
genügen. Sie gestatten, die Herren, Herr Grau --«
Er machte Grau mit den Herren bekannt. Da waren Amtsrichter Leutlein, ein
gutmütig aussehender Herr mit blaurasiertem Gesichte und spärlichem
flaumigen Haar auf dem runden Schädel, Rechtspraktikant Schmidt mit
scharfen stechenden Augen, vielen Schmissen, hohem Stehkragen, peinlich
gestriegelt und gebügelt, Redakteur Heinrich, vom »Gauboten«, ein kleiner
Mann mit struppigen schwarzen Haaren, der die Angewohnheit hatte, immer die
Zungenspitze herauszustrecken und heiter auf seinen Bauch herabzulächeln,
Assistent Pechmann, ein langer Mensch mit hellblauen träumerischen Augen,
der junge Freiherr von Hennenbach, ein junger bartloser Lehrer, der so
betrunken war, daß er leichenblaß aussah und die Augen weit aufreißen mußte
um zu sehen.
Die Herren hatten alle ein wenig über den Durst getrunken. Sie lachten
sonderbar, sie verbeugten sich zu tief oder schief, dem Rechtspraktikanten
fiel der Kneifer von der Nase, Redakteur Heinrich setzte sich beinahe neben
den Stuhl, als er sich niederließ. Ihre Augen waren scharf oder
ausdruckslos, die Vorhemden zerknittert, fast jeder hatte irgend etwas
Lächerliches an sich, einen Schmutzflecken, einen emporstehenden
Haarbüschel, die Krawatte war in Unordnung oder das Kostüm so zugeknöpft,
daß oben ein Knopf übrig blieb. Sie rauchten alle und es war solch ein
Rauch im Zimmer, daß man kaum die Wände sah. Sie saßen um einen ovalen
Tisch herum, über dem eine Hängelampe brannte. Auf dem Tisch herrschte ein
wüstes Durcheinander und eine Manschette rollte darauf herum.
»-- Herr Redakteur Heinrich, die Herren kennen sich, Pardon -- auch Herr
Eisenhut wird Ihnen schon persönlich bekannt sein --«
Eisenhut beachtete Grau nicht; er rief: »Spielen, weiter spielen, ich habe
zwei Mark von der Bank gut! Keine unnötigen Pausen, meine Herren!« Er
trommelte auf den Tisch und lachte.
»Er ist in etwas ungenießbarer Stimmung heute, unser Herr Eisenhut,«
entschuldigte ihn der Arzt. »Herr von Hennenbach!«
Die Blicke der beiden tauchten ineinander. Grau lächelte nicht. Er
verbeugte sich zurückhaltend, ja kühl, und Herr von Hennenbach blickte ihn
verblüfft mit seinen grauen Augen an und zuckte mit den Mundwinkeln. Die
schöne Wirtin raffte eilig einige Gläser auf und machte sich aus dem
Zimmer.
»Spielen, weiter spielen! Keine unnötigen Pausen!« wiederholte Eisenhut und
goß Punsch in sein Glas. Seine Hand zitterte und er verschüttete das halbe
Glas, als er es an den Mund führte. »Tante! Du besorgst jetzt die
Sektbowle, auf meine Rechnung! Alles auf meine Rechnung!«
»Ruhe!« rief ihm der dicke Chinese zu. »Einen Augenblick noch, ich nehme
das Spiel sofort wieder auf -- unser verehrter Gast -- geben Sie ein Glas
herüber, Doktor! -- ich darf doch einschenken? -- oder sollten Sie etwa
Abstinenzler sein?«
Grau lächelte. »Nein.« Er nahm Eisenhut gegenüber Platz.
Der dicke Chinese ließ sich an seiner Seite schwer in den Sessel fallen und
mischte die Karten; er hielt den Schirm mit dem runden Schädel, rauchte
eine Zigarre in einer langen Spitze, die er beim Sprechen von einem
Mundwinkel in den andern schob. Sein Gesicht glänzte vor Vergnügen und
Behagen. Er hatte kurzgeschorenes rotes Haar und seine feisten Backen waren
mit goldenschimmernden Bartstoppeln bedeckt. »Fertig!« rief er, und die
Karten schlüpften blitzschnell aus seiner Hand. »Die Bank ist bereit. Herr
Adjunkt Kaiser! Was setzen Sie? Bei allen Teufeln, mehr Aufmerksamkeit,
meine Herren! Einsatz auf den Tisch! Endlich! Herr Großkapitalist Eisenhut?
Sie spielen hoch, das läßt sich sehen, nur keine Knickerei, nur das nicht.
Herr von Hennenbach -- Herr -- von -- Sie wünschen noch eine Karte? Gut.
Die Bank hat acht, acht! Hurra! Alle Gewehre aufs Rathaus -- hahaha!«
Der feiste Chinese stieß ein rasselndes fettes Lachen aus und strich den
Gewinst ein. Alle, außer dem Arzte, hatten verloren und schrien und
fluchten.
Eisenhut lachte und warf dem Chinesen ein Zehnmarkstück zu. »Es ist alles
einerlei!« rief er und trommelte mit den Knöcheln auf den Tisch und
blinzelte.
Der Chinese mischte, während das fette Lachen noch leise in seinem Halse
rasselte und seinen ganzen Körper erschütterte, so daß der Schirm auf
seinem Kopfe tanzte. »Sehen Sie, welch ein Geschäft, verehrter Herr!«
wandte er sich an Grau. »Dreiundzwanzig Mark bei einem einzigen Gang.
Hurra! Darf ich Ihnen vielleicht eine Karte geben? Es ist ein sehr
einfaches und höchst anregendes Spiel, absolut, ich betone, absolut
unschuldig. Bakkarat, ist es Ihnen nicht bekannt? Könige und Damen gleich
Null -- übrigens durch die Praxis lernen Sie am schnellsten. Wollen Sie ein
Spielchen wagen? Höchster Einsatz zwanzig Mark, niederster fünfzig Pfennig
-- staatlich konzessioniertes Spiel -- Gewinn und Verlust gleichen sich
stets aus. Nun?«
Grau lehnte ab. »Ich danke, ich habe kein Geld!« sagte er. »Übrigens macht
es mir großes Vergnügen, zuzusehen, lassen sich die Herren, bitte, gar
nicht stören.«
Er könne auch auf Borg spielen. Nicht?
»Spione vor die Tür!« sagte Eisenhut leise und räusperte sich! »Nicht wahr?
Spione vor die Tür!« wiederholte er und klopfte dem leichenblassen Lehrer
auf den Arm. Der riß die Augen auf und sah ihn verständnislos an.
Das Spiel machte einige Runden. Der Chinese schrie und brüllte und trieb
zur Eile. Am eifrigsten spielte Eisenhut. Er saß da, lächelnd, blinzelnd,
er schrie, fluchte und trank mehr als alle andern. Er war erstaunt, das
Glas immer leer zu finden, goß immerzu ein, schrie nach der Sektbowle! Ja,
Himmel und Hölle: Die Sektbowle! Lustig sein, fröhlich sein! Hier und da
wandte er den Blick auf Grau, der ruhig und heiter dasaß und mit seinen
hellen Augen das Spiel verfolgte. Ihre Blicke begegneten sich dann und
wann, und Eisenhut grub seinen Blick stets messerscharf in Graus Augen,
verzog das Gesicht und wandte sich mit einem leisen inneren Lachen ab. Es
schien, als ob ihn zuweilen ein Schwindelgefühl zu übermannen drohe, er
heftete die Augen auf die Karten und zählte die Points unsicher und falsch.
»Sie werden doch wohl nicht betrügen, Eisenhut!« schrie der Chinese. »Das
ist ja eine Sieben! Oder sind Sie betrunken?«
»Noch nicht, noch nicht!« kicherte Eisenhut. Da fiel ihm die Bank zu und er
begann fieberhaft zu spielen. Nun schien nichts mehr für ihn vorhanden zu
sein als dieser Tisch, der von verschüttetem Punsche tropfte und mit Asche
und Zigarrenresten bedeckt war. Er beugte das Gesicht bis auf die
Tischdecke herab, gab die Karten, mischte und ließ seine kleinen
glitzernden Augen im Kreise wandern. Er lachte, wenn er gewann, und er
lachte, wenn er verlor. Ja, er schien es darauf anzulegen zu verlieren. Er
sah nichts mehr als die Hände, die nach den Karten griffen, Geld hin und
her schoben, alle diese verknitterten, beschmutzten Manschetten, die Haare
auf den Händen des Amtsrichters und den silbernen Armreif, den Herr von
Hennenbach trug.
Nur zuweilen atmete er tief auf, schüttelte den Kopf, starrte vor sich hin,
um sofort wieder das fieberhafte Wesen anzunehmen.
Herr von Hennenbach verlor. Grau sah, wie die Röte aus seinen Wangen wich
und verstärkt wiederkehrte, als ihm plötzlich ein hoher Gewinn zufiel, um
wieder langsam zu verschwinden, da zwei, drei erfolglose Einsätze den
Gewinn zerstreuten. Er legte sich in den Stuhl zurück und suchte hastig in
allen Westentaschen. Dann beugte er sich zu Eisenhut und flüsterte ihm ins
Ohr. Aber Eisenhut meckerte, sah ihn mit einem schnellen haßerfüllten
Blicke an und schrie: »Ich gebe nichts mehr!« Darauf erhob sich Herr von
Hennenbach und sagte: »Ich habe dich leise gefragt, du hast mir leise zu
antworten!«
»Ich tue, was ich will!« erwiderte blinzelnd Eisenhut und mischte rasend
die Karten.
Herr von Hennenbach schnalzte mit der Zunge. »Ich bin bankerott!« sagte er
und verließ das Zimmer.
»Auf das Wohl Bismarcks, des Deutschen Reiches großen Baumeister!« lallte
Redakteur Heinrich und lud mit einem Schmunzeln das Glas auf dem Tische
ein, ihm in die Hand zu laufen. Er gab sich einen Ruck und ergriff das
Glas. »Auf das Wohl des Alten aus dem deutschen Eichenwalde, Ritter ohne
Furcht und Tadel, des Deutschen Reiches eiserner Kanzler, Barbarossas
Erwecker -- alles hoch, hoch!«
Der Adjunkt in Hemdärmeln lachte. »Schreibe den Festbericht für dein
Käsblatt und halte das Maul!« sagte er.
»Hoch das Deutsche Reich, das Vaterland, hoch der deutsche Dichterwald und
die Armee, die den Franzmann schlug! Alles hoch!« fuhr der Redakteur
schmunzelnd fort und plötzlich stand er auf und stand mit der Zungenspitze
zwischen den Zähnen, das Glas in der Hand, da. »Hochverehrte
Festversammlung, meine Herren und Damen, Festgäste --«
»Keine Reden! Um Gottes willen!«
»-- der einzige Mann, sage ich, der die Lage überblickt hat, fahre ich
fort, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind, ein einig Volk, die erste
Nation der Erde, bei deren Namen Klange die Erde erzittert -- meine Herren!
-- Wir Deutschen fürchten Gott und sonst niemand in der Welt --« er sank
auf den Stuhl zurück.
»Was setzen Sie?« schrie Eisenhut und schlug auf den Tisch, daß das Geld in
die Höhe sprang.
»Meine Damen und Herren -- fünfzig Pfennig -- hoch die Fahne, sage ich,
hoch! zum Kampfe gegen die rote und schwarze Gefahr, die des Reiches
Wappenschild --«
»Schließen Sie endlich gefälligst die Klappe!« sagte der dicke Chinese und
lachte rasselnd. »Ihr Geschwätz versteht ja kein Teufel und gehen Sie in
die Hölle mit Ihrer Politik, Verehrter -- noch eine Karte Eisenhut, neun!
-- Doktor, vergessen Sie nicht unserm Gast einzuschenken --«
Der Redakteur fuhr flüsternd fort: »Laut statistischer Ziffern sind wir die
stärkste Heeresmacht in Europa -- ich fordere die Herren auf --«
»Sie langweilen unsern Gast!«
»Er ist unser!« schrie der Redakteur und erhob das Glas gegen Grau. »Er ist
unser, eine Stütze, ein Kämpe! Ja, wir müssen Brüderschaft trinken,
unbedingt, eine Seele und ein Geist, der in uns lodert -- wir sind im
herrlichsten Fahrwasser mit unserer Politik. Die letzten Ergebnisse -- was
meinen Sie? Nicht, daß schon alles getan wäre -- aber das Fahrwasser, das
Fahrwasser, wie?«
»Ich bin leider nicht imstande, die gegenwärtige Lage zu überblicken,«
sagte Grau.
»Oh! Sofort --«
»Gehen Sie in die Hölle! sage ich, mit Ihrer Politik!« schrie Professor
Richter und schlug auf den Tisch. »Politisch Lied, ein garstig Lied! Es ist
uns ja alles einerlei, der ganze Mumpitz ist uns schnuppe -- schließen Sie
ab! Lassen Sie sich, Herr Grau, um Gottes willen in kein Gespräch mit ihm
ein, er tötet Sie, er tötet Sie buchstäblich.«
Aber der Redakteur mit den wilden Dichterhaaren gab sich nicht zufrieden.
»Es ist die Begeisterung, die aus mir spricht!« rief er aus. »Echte
deutsche Mannesbegeisterung. Man muß die Turn- und Kriegervereine
unterstützen. Ein starkes Volk, ein Volk von Helden -- nieder mit den
Sozialdemokraten, mit diesen schmutzigen Kerlen!«
»Warum nennen Sie sie schmutzig?« fragte Grau leise lächelnd.
»Warum?« Ob er schon einen von diesen Dreckhammeln mit sauberen Händen und
einem reinen Kragen gesehen habe? »Sie sind dreckig und unzufrieden und
faul und trinken Schnaps und sie wollen, daß wir Jauche pumpen und die
Straßen kehren! Ja, warum lachen Sie da, Sie lachen doch, Herr Grau, oder
täusche ich mich?«
»Ja, ich mußte lachen, entschuldigen Sie,« sagte Grau.
»Sie stimmen mir also nicht bei?«