»Ich würde es nicht wünschen,« sagte Grau. »Sie werden doch nicht am Ende
glauben, daß ich gerade deshalb so aufrichtig bin?«
Adele schüttelte den Kopf und lachte. »Sie wissen, daß Sie es mit einer
Frau zu tun haben!« sagte sie scherzend. »Susanna würde all das wohl gerne
hören, denn sie ist so stolz auf Ihr Lob. Sie haben ihr auch gesagt, daß
sie eine Dichterin sei und Bücher schreiben könnte. Glauben Sie das
wirklich?«
»Würde ich es sonst sagen?« Grau nickte. »Ja, das glaube ich,« sagte er.
»Hat Ihnen Susanna schon die Geschichte erzählt, die sie über das
Porzellandämchen in Mütterchens Glasschrank ersonnen hat? Die Abenteuer der
Madame Ypsilon? Eine drollige und wunderschöne Sache! Als ich mein erstes
Kind erwartete, beginnt die Geschichte dieser Porzellandame -- haha!«
Adele kannte diese Geschichte. »Wenn es weht, vermeide ich es, auf die
Straße zu gehen, erzählt Madame Ypsilon,« sagte sie. »Ich habe gar keine
Talente,« fügte sie hinzu und schüttelte lächelnd den schönen, stolzen
Kopf.
»Jeder Mensch hat seine Talente.«
Ja? Nun, dann möchte sie recht gerne wissen, welche Talente er ihr
zuschreibe?
»Erstens,« antwortete Grau und blickte sie an, »sind Sie sehr musikalisch,
ich sehe das aus Ihrer Art unwillkürlich auf Geräusche und Töne der Straße
zu reagieren, sodann sind Sie eine vorzügliche Tänzerin, an Ihrem Gange
kann man das erkennen, mehr noch an der Art wie die Bewegungen Ihres
Körpers eine Unregelmäßigkeit des Weges ausgleichen. Sie haben die
Fähigkeit fremde und unmögliche Dinge zu träumen, vielleicht mitunter
grausame Dinge.«
Adele sah ihn an. »Bitte, bitte!« rief sie aus und lächelte.
»Ihre größte Gabe aber scheint mir zu sein,« fuhr Grau fort, »unklare
Situationen zu überblicken -- zuweilen geht Ihr Blick so rasch hinter den
Wimpern hervor und unvermittelt in die Weite -- und rasch und unerschrocken
zu handeln -- sogar tollkühn,« fügte er leiser hinzu.
»Ich habe mir vorgenommen, sobald ich Sie treffe, für meinen Bruder um
Entschuldigung zu bitten,« sagte Adele ablenkend. »Wegen jener Affäre im
Elefanten.«
Grau lächelte und schüttelte den Kopf. Aber das sei doch nicht der Rede
wert.
Adele blickte ihn erstaunt an. »Nicht der Rede wert?« fragte sie. »Haben
Sie denn keinen Streit mit ihm gehabt?«
»Nein, nein!« Grau lächelte.
»Wie merkwürdig!« sagte Adele. »Er hat mir erzählt, Sie hätten Billard
zusammen gespielt, er habe gewonnen und es sei zu einem Wortwechsel -- und
fast zu Tätlichkeiten gekommen,« fügte sie zögernd hinzu.
Grau sah sie an. »Das ist nicht wahr!« sagte er ernst und leise, denn etwas
beschäftigte seine Gedanken.
Adele öffnete erstaunt die Lippen. »So?« sagte sie gedehnt. »Ich habe mich
gewundert darüber -- er hat mir eine ganze Geschichte erzählt. Auch die
Geschichte mit der Flasche ist also -- nicht wahr?« Sie errötete flüchtig,
»Ich habe bisher meinem Bruder alles geglaubt,« sagte sie mit einem Tone
von Verwunderung und Betrübtsein in der Stimme. Sie schwieg lange Zeit und
dachte nach, dann wandte sie sich wiederum an Grau, der ebenfalls in
Nachdenken versunken war. »Lassen wir das!« sagte sie, indem sie ihrer
Stimme einen gleichmütigen Klang zu geben versuchte. »Man hat mir erzählt,
daß Sie früher Gefängnisgeistlicher waren, Herr Grau? Das war wohl Ihre
erste Anstellung?«
Aber Grau hörte nicht. Er hatte den Blick zu Boden gerichtet und seine
Mienen drückten tiefes Nachdenken aus. Erst als Adele ihre Frage
wiederholte, fuhr er verwirrt auf.
»Ich bitte um Verzeihung!« sagte er verlegen. »Allein ich kann manchmal
vollständig in Gedanken versinken. Nun hat mich eben eine Angelegenheit
beschäftigt, die mich schon seit meiner Ankunft stark interessiert. Es gibt
Dinge, die mich gar nichts angehen, aber meine Gedanken kaprizieren sich
gerade darauf. Gefängnisgeistlicher, sagten Sie das? Ja, aber es war nicht
meine erste Stelle. Zuvor war ich Lehrer an einem Blindeninstitut für
Kinder.«
»Oh!« Adele zog wie unter einem körperlichen Schmerze die feinen schwarzen
Brauen hoch. Sie grüßte jemand auf der Straße, dann sagte sie: »Unter
Blinden, wie furchtbar! Und noch dazu unter blinden Kindern! Wie
schrecklich muß das sein!«
»Viel schrecklicher ist es noch blind zu sein,« sagte Grau und blickte
Adele an.
»Ja, entsetzlich!« Adele richtete die hellen klaren Augen auf ihn.
»Stellen Sie sich vor, wie es ist blind zu sein, versuchen Sie es! Ja, ich
habe es einmal versucht, ich kann Ihnen das ruhig erzählen, denn Sie denken
vornehm, ich habe es einmal versucht und mich blind gemacht --«
»Was taten Sie?« Adele sah Grau erschrocken an.
»Verstehen Sie es recht,« fuhr Grau fort. »Ich habe mir eine Binde um die
Augen gelegt -- es war in jenem Institut -- vier Tage lang -- ich tat es
aus Interesse -- aus einer Art von Interesse, wenn Sie wollen, um meine
blinden Lieblinge besser zu verstehen, vielleicht auch um ihnen gleich zu
sein -- kurzum, aber ich sage Ihnen gleich -- doch es ist besser nicht
davon zu sprechen. Entschuldigen Sie, Fräulein von Hennenbach.« Er wurde
plötzlich rot, dann fuhr er in anderem Tone fort: »Denken Sie daran, wie
wir uns freuen, wenn nur ein bißchen Licht durch die Fensterladen sickert,
wenn das Licht im Laube der Bäume spielt, wir Menschen leben ja vom Licht
wie die Pflanzen, unsere Seele nährt sich davon. Jeder Sonnenaufgang, jedes
Glitzern eines Sternes, es ist in uns, wir wären nicht die gleichen ohne
diese Eindrücke und glauben Sie mir, Fräulein von Hennenbach, ein Mensch
mit zehntausend Sonnentagen und zehntausend Sternennächten in seinem Leben
ist ein ganz andrer als ein Mensch mit fünftausend nur.«
Ein Mann schlendert an ihnen vorüber, in hohen Stiefeln, das Gewehr auf dem
Rücken. Es war Eisenhut. Er grüßte tief, blinzelte beide an und stieg
hocherhobenen Hauptes vor ihnen her. Er nahm eine Zigarre aus dem Etui und
steckte sie in Brand.
»Schönes Wetter, schönes Wetter!« rief er und blinzelte.
»Ja, schönes Wetter!« sagte Grau.
Aber Eisenhut blickte Adele an, er beachtete ihn gar nicht, und
wiederholte: »Schönes Wetter!«
»Danach hat man Sie also zu den Gefangenen geschickt, Herr Grau?« sagte
Adele, die Eisenhut gänzlich ignorierte. Eisenhut blinzelte, reckte den
Spitzbart in die Luft und zog mit seiner Zigarre ab, deren blauer Rauch
regungslos über dem Wege schwebte.
»Es geschah auf meine Bitte hin,« antwortete Grau.
Ȇbrigens hat mich in diesem Falle etwas ganz besonderes dazu getrieben,
ich hatte eine Art Vision -- oder --«
»Eine Vision?«
»Eine Art Vision, ja. Es ist übrigens kaum des Erzählens wert.«
Grau lächelte und blickte Adele an, deren Wangen allmählich ein frisches
Rot überzog.
»Sie müssen mich recht verstehen,« sagte Grau, »was heißt das schließlich,
eine Vision, nicht wahr? Es ist eine Art Traum in halbwachem Zustande,
nichts weiter. Einmal zum Beispiel, glaubte ich ein Sandkorn zu sein und
ich sah das Leben all des kleinen Getieres zwischen den Gräsern, das
Wachsen der Halme, wie Zelle sich an Zelle schloß -- ganz wunderbare
Lebensvorgänge --«
»Einmal nun, da schloß ich die Augen; ich war müde, aber ich schlief nicht
und plötzlich sah ich einen Mann vor mir mit erdfahlem Gesicht, in der
Kleidung eines Gefangenen. Er ging hin und her, vier Schritte vorwärts und
vier Schritte zurück, so daß ich einmal sein erdfahles Gesicht sah, einmal
seinen Rücken. Aber mit einmal war es nicht einer, es waren unendlich
viele, vielleicht hundert. Wie Sie im Traume in Häuser hinein blicken
können, durch Mauern hindurch, so sah ich in all diese Zellen hinein. Sie
gingen hin und her, vier Schritte vorwärts, vier Schritte zurück, sie
hatten alle erdfahle Gesichter und waren gekleidet wie Gefangene. Sie
gingen hin und her, wie ein Tier in seinem Käfig, plötzlich aber blieben
sie alle stehen, all die Hundert, sie blieben stehen und trommelten mit den
Fäusten an die Wände. Nur einen Augenblick. Dann nahmen sie das Wandern
wieder auf.«
»Wie schrecklich!«
»Ja, in der Tat, in der Tat schrecklich!« sagte Grau leise und schwieg eine
Weile. Er fuhr fort: »Aber nach einer Weile standen all die Hundert wieder
still, gerade in dem Moment, da sie kehrt machen wollten um mir den Rücken
zuzuwenden -- sie standen still, sage ich -- und sahen mich an. Alle auf
einmal! All die Hunderte von Augen, von toten erloschenen Augen, sie sahen
mich an. Ein Traum, denke ich, ein Traum, nur ein Traum und klammere mich
an den Gedanken, daß es ja nur ein Traum ist, während der Blick dieser
entsetzlichen Augen auf mir ruht. Dieser Blick aber war kaum länger als ein
Gedanke, dann lächelten all die erdfahlen Gesichter. Sie zogen die Münder
ein wenig schief und sie lächelten alle das gleiche Lächeln: Spöttisch,
überlegen, verächtlich -- dann machten sie kehrt und wanderten wieder.«
Grau schwieg. Sie gingen eine Weile nebeneinander her und blickten beide
auf den Boden. Als sie den dicken Wartturm durchschritten, wo ihre Schritte
leicht widerhallten, sagte Adele: »Deshalb also gingen Sie dorthin?«
»Ja, deshalb, ich hatte keine Ruhe mehr.«
Adele atmete die frische Winterluft ein, und ihr Schleier flatterte
plötzlich im Winde; denn die Höhe trat hier zurück und der Wind hatte freie
Bahn. Ein paar Krähen flogen, tief mit den Flügeln schlagend, in einer
Reihe über das Schneefeld und schrien. Bald tauchte auch das Dach von
Susannas Häuschen auf.
»Ich hatte ja früher nie länger über diese Gefangenen nachgedacht,« nahm
Grau das Wort wieder auf, »aber jetzt mußte ich es tun. Es war besonders
jenes Lächeln mit dem schiefgezogenen Mund, das mir zu denken gab. Ich
sagte, sie lächelten spöttisch, überlegen, verächtlich, aber all das sagt
nicht genug. Ihr Lächeln schien auszudrücken: Du bist auch einer von jenen
Gedankenlosen.«
»Gedankenlosen?«
»Ja,« sagte Grau, »und ich mußte immerzu an dieses rätselhafte Lächeln
denken und schließlich kam es dahin, daß ich um jeden Preis wissen mußte,
was es bedeute. Ich hatte mich ja mit solch falschen Anschauungen über
Gefangene und Verbrecher getragen.«
»Wollen Sie mir nicht sagen, was für Menschen sie eigentlich sind?« fragte
Adele mit aufrichtigem Interesse.
Grau sah Adele an. »Was für Menschen?« antwortete er und lächelte. »Sie
sind genau wie andere Menschen, wie die Bürger dieser Stadt hier, wie ich,
nur daß sie etwas getan haben, irgend etwas, das gegen einen Paragraphen
des Gesetzes verstieß, daß sie nicht vorsichtig genug waren und daß man sie
packte.«
Plötzlich erbleichte Adele. Sie lächelte und blickte in die Ferne, genau
dahin, wo jetzt die Krähen flogen; sie sagte: »Ja -- daß man sie packte,
das ist ganz richtig, das ist wahr!« Sie lachte ein wenig seltsam.
Grau sah sie mit einem raschen erstaunten Blicke an.
Dann aber fuhr er mit gleichmütiger, ja fast auffallend gleichmütiger
Stimme fort: »Ich sehe, Sie interessieren sich für diese Unglücklichen,
Fräulein von Hennenbach. Ich gestand Ihnen ja, daß auch ich mich mit
falschen Anschauungen trug. Der größte Teil, das sind Leute, bei denen eine
der allgemein menschlichen Eigenschaften, Eitelkeit, Hochmut, Trägheit
Genußsucht, Sinnlichkeit, Habgierde, Verlegenheit, Gutmütigkeit,
Leichtsinn, Leidenschaftlichkeit -- (eine ungeheure Menge von allgemein
menschlichen Eigenschaften zählte Grau auf, sie wollten gar kein Ende
nehmen) -- unglücklich stark entwickelt ist im Vergleich zur Willenskraft,
stärker sogar als die Furcht vor dem Gesetze. Jener Anschauung, daß alle
Verbrecher und Sträflinge geisteskrank oder seelisch defekt sind, stimme
ich nicht bei. Im Gegenteil, Sie finden darunter einen nicht geringen Teil,
der sehr gesund ist, gesunder oft als die freien Menschen. Ganz prächtigen
Leuten können Sie dort begegnen, welche Kraft, Unerschrockenheit, welches
Feingefühl, welcher Stolz! Die meisten natürlich sind krank, sie haben
einen Tropfen krankes Blut im Körper, den der Arzt natürlich weder sehen
noch nachweisen kann. Endlich kommen die schrecklichen Verbrecher, die als
Teufel geboren wurden und eines Tages ein Verbrechen begehen, daß alle
Zeitungsleser der ganzen Welt schreien: Er gehört geschlagen, gebrüht, die
ärgste Folter müßte ersonnen werden!«
»Haben Sie solche gesehen? Was für Menschen mögen das wohl sein?«
»Ich habe vier solche gesehen, ja. Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Sie
sind ein Mysterium, uralte Raubtiernaturen, Finsternisseelen, blutige
Gespenster -- irgend eine schreckliche Kraft, ein entsetzlicher Geist haust
in ihnen, ich weiß es nicht, ich habe das noch nicht zu Ende gedacht!«
Adele schüttelte den Kopf. »Nach all dem, nach Ihrer Auffassung vom
Verbrecher,« sagte sie, »die ja sehr gütig ist --«
Grau unterbrach sie. »Das Resultat von Beobachtungen, erlauben Sie, mein
Gefühl spricht nicht mit.«
Nun wohl, seiner Anschauung gemäß müßte es unrecht sein, die Verbrecher zu
bestrafen.
Grau blieb stehen. Er sah Adele an und sagte: »Natürlich! Das ist eins
jener Dinge, die ich gar nicht verstehen kann. In hundert Jahren wird man
diesen menschlichen Irrtum mit den gleichen Augen betrachten, mit denen man
heute auf die mittelalterlichen Hexenprozesse blickt.«
»Aber --?«
Grau lächelte. »Die Gesellschaft!« sagte er.
»Ich verstehe. Ich werde kein großes Geschrei machen, ich werde gar nicht
von den Verbrechen sprechen, die die Gesellschaft in aller Ruhe begeht oder
von den Verbrechen, die im Gesetz selbst enthalten sind. Die Gesellschaft
will in Ruhe und Frieden die Arbeit der Kultur verrichten, nicht wahr?
Störenfriede schafft sie aus dem Wege. Aber das ist nicht ganz richtig, der
Gesellschaft ist es ja nur zum geringsten Teil um Kulturarbeit zu tun, zum
allergeringsten Teil -- denn die Gesellschaft ist ja eigentlich nichts
anderes als ein Ring kleiner und großer Bankiers -- es ist ihr vielleicht
ein wenig um das Werk der Zivilisation zu tun, um den Export von Seifen und
Gasmotoren und Kanonen -- vielleicht nur um Bereicherung, aber auch das ist
wohl nicht gerecht -- sagen wir die Gesellschaft will leben, bequem und in
Frieden. Deshalb also schafft sie sich Gesetze, nur weil sie bequem und in
Gemütsruhe leben will -- das Motiv steht nicht sehr hoch! Gut, sie kann
also Störenfriede ausschließen -- aber bestrafen, wieso? Vielleicht hat sie
das Recht, Elemente, die ihre Gesetze nicht respektieren und sich dagegen
verfehlten, zu erziehen -- das aber ist alles!«
»Ja, aber ich verstehe nicht ganz?« warf Adele ein.
Grau schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie meinen, wenn jemand mir zum
Beispiel hundert Mark stiehlt -- ja, was habe ich dagegen? Werde ich ihn
bestrafen? Nein, ich würde mich schämen, so großen Wert auf ein bißchen
Besitz zu legen, ich würde es gar nicht vornehm finden -- die Gesellschaft
aber glaubt das Recht zu haben, einem Menschen, der einen alten Überzieher
gestohlen hat, ein Stück seiner Seele zu stehlen. Ich begreife das nicht.
Übrigens keine Einzelheiten. Müssen Sie nicht immer ein Auge schließen,
wenn Sie auf die Gesellschaft blicken, oder beide Augen zuweilen, wie? Oder
müssen Sie sich nicht schämen oder erwacht der Gedanke nicht in Ihnen,
fortzugehen, weit fort, zu den Wilden auf eine Insel, wohin kein Schiff aus
Europa kommt, wie? Europa, jenem Kontinente der bestechenden Theorien und
der schmutzigen Praxis. Sie werden sagen, Ehre, Gut, Leben müssen beschützt
werden. Gut -- obgleich ich finde, daß unsere Zeit zu viel Wert darauf
legt. Man wirft den Verbrecher in den Kerker, jahrelang -- ohne zu
bedenken, daß das grausamer ist als jedes Verbrechen. Der Verbrecher hat
sich am Besitz, am Leben eines anderen vergriffen, aber nicht an der Seele,
wohlgemerkt, das aber tut die Gesellschaft. Sie martert die Seelen, sie
läßt sie vermodern und verfaulen. Dabei handelt die Gesellschaft mit klarer
Überlegung -- könnte man fast sagen -- aber der Verbrecher --? Nun?«
»Nun werden Sie aber sagen: Wenn ein Mensch jedoch ein Teufel ist, nicht
wahr? Ja, aber muß denn die Gesellschaft ebenfalls teuflisch sein? Was ist
das anders als niedrige Rachsucht? Es mag ja Zeiten gegeben haben, wo all
das am Platze war -- aber heute? Das Leben wäre ja wohl nicht mehr so
bequem und so ungefährlich, das mag sein. Aber wäre es nicht besser, wenn
es ein wenig mehr gefährlich wäre und dafür gerechter? Übrigens haben schon
viele Leute darüber nachgedacht und Reformen geschaffen, zum Beispiel in
Amerika. Man kann nicht leugnen, daß es allmählich etwas lichter wird. Von
der Todesstrafe will ich ja gar nicht sprechen.«
Adele dachte nach. Sie schüttelte den Kopf. »Wie soll man es aber
anstellen?« fragte sie. »Soll man die Verbrecher etwa alle auf eine Insel
verschicken?«
»Nein, dann kämen ja auf dieser Insel alle Verbrecher und Kranken
zusammen.«
Grau entwickelte ihr seine Gedanken. Arbeit und Schulen, Gelegenheit den
Gefallenen gesund zu machen.
»Schulen?«
»Ja, Schulen, die ihn erziehen, die ihm die Augen öffnen, ihn auf ein
höheres Niveau der Anschauung vom Leben, vom Menschen, der Gesellschaft
stellen. Frische Luft, gute Nahrung, viele Bewegung, Spaziergänge in Wald
und Feld. Die Arbeit kann ja hart sein, in Bergwerken, Steinbrüchen, das
ist einerlei, aber sie darf nicht alle Zeit in Anspruch nehmen, kaum die
Hälfte des Tages.«
Adele hatte noch eine Frage. Nämlich, wenn das alles nichts helfe und der
Verbrecher rückfällig werde.
Wiederum Bergwerke, Steinbrüche, Schulen. Ja, wenn er wolle, könne er ja
sein ganzes Leben in den Bergwerken arbeiten und täglich ein paar Stunden
spazieren gehen.
Ob Herr Grau nicht glaube, daß dadurch die Ziffer der Verbrecher steige,
bei dieser linden Behandlung?
Nein, nimmermehr glaube er dies! Das moralische und ethische Bewußtsein des
Volkes würde gerade dadurch gehoben werden.
Hm. Ja, aber es gäbe Verbrecher, eigenartig angelegte Menschen, die nicht
eine Spur von einer moralischen oder ethischen Anlage in sich hätten, es
seien oft die schrecklichsten --
»Ein Landhaus für sie in einsamer Gegend, ein Stück Gartenland.«
»Ein Landhaus!« Adele lachte unwillkürlich. Grau errötete. Er blickte sie
an. »Nun, natürlich, eine Hütte,« sagte er sanft, »da mögen sie hausen. Man
kann sie nicht erziehen, man kann sie nicht bestrafen -- aber sie sind aus
dem Wege.« Ja, die Gesellschaft müsse es sich schon einiges kosten lassen,
wenn sie leben wolle, wie sie es wünsche.
Sie standen auf der Brücke. »Leben Sie wohl nun,« sagte Adele. »Das
Gespräch hat mich angeregt, ich danke Ihnen.«
»Ich danke Ihnen!« wehrte Grau ab. »Nicht weil Sie mir so aufmerksam
zuhörten, sondern für Ihr Interesse an diesem Gegenstand, Fräulein von
Hennenbach.« Das sagte er mit einem warmen Blick.
»Wie lange waren Sie denn bei den Gefangenen?«
»Leider nur ein Jahr.«
»Leider?«
»Ja. Ich wäre noch gerne bei ihnen geblieben, aber es hat sich nicht so
gefügt.«
»Weshalb?«
Grau lächelte. »Die Wahrheit ist die,« sagte er, »ich habe eine Broschüre
geschrieben, die einiges Aufsehen erregt hat, und man hat mich zur Strafe
versetzt.«
»Ah!« Adele gab ihm die Hand.
Grau drückte Adeles Hand und sagte ganz unvermittelt: »Ich sehe Sie dann
und wann in Ihrem Parke gehen, Fräulein von Hennenbach. Einmal da trugen
Sie ein brennend rotes Kostüm. Sie kamen auch bis an die Mauer, es war ein
japanisches Kostüm denke ich --«
Ja, es sei für den Liederkranzball am Faschingsmontag bestimmt. Sie liebe
es sich zuweilen phantastisch zu kleiden.
»Einmal da gingen Sie ganz in Gold,« fuhr Grau fort, »es sah aus als ginge
ein Sonnenstrahl im Park spazieren, möchte ich beinahe sagen.« Er sah Adele
lange an und dann nickte er. »Ich denke zuweilen an Sie,« sagte er
aufrichtig mit einem Lächeln auf den knabenhaften Lippen, »ich wünsche, daß
Ihr Leben reich und herrlich sein möge, denn Sie sind sehr schön! Ich habe
stets ein eigentümliches Gefühl, wenn ich Sie sehe, Fräulein von
Hennenbach, denn ich hatte einst einen sonderbaren Traum von einer Frau,
der Sie sehr ähnlich sind --«
Adele errötete etwas und lächelte, um ihre Verlegenheit und Verwunderung zu
verbergen. »Wollen Sie mir diesen Traum nicht erzählen?«
Nein, nein, das sei eine Geschichte für sich. »Leben Sie recht wohl.« Er
lächelte und verbeugte sich, dann nahm er den Blumentopf mit der kleinen
roten Tulpe auf den andern Arm und stieg zu Susannas Häuschen hinab. Er
hatte Mühe, gegen den Wind anzukämpfen, der heftig über die Felder blies.
Susanna hatte sich geschmückt.