Fünfzehntes Kapitel

Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah

ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man

überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte.

Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute

zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den

dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der

reichen Leute, einerlei.

Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon

einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute;

voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles

kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu

benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei

angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann

wollte er weiter sehen.

Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine

Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau

Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch

sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern.

Susanna besuchte er, so oft er frei war.

Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er

in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen

zu sein.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat,

dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für

Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm,

so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen.

Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit

sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu;

zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau

einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal

kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch

lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst.

Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht

etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut

blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu

sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert

abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.

Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in

sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch

wunderliche Dinge auf dieser Erde!

Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar

ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken

nach Hause.

Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.

Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz

gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn

Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken,

was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war

unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser

geglückt.

Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte

nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.

Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die

Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen

den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden

sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an,

ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen

einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.

Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt.

Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.

Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete

am Himmel.

Nun wollte er zu Susanna gehen.

Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund

zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.

Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder

einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war

er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus

eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es

mit seiner Freude nichts geworden.

Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein

Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände

berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es,

als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er

Feuer.

Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines,

wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu.

Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.

Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch

blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war

der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte.

Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe

ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und

doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch

durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist.

Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein,

nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt

wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer

fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt,

oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen,

oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem

Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein

Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen

scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser.

Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist

möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die

Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die

Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase

und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott

in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen

Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja

nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht

ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du

deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir?

Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im

Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als

Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch,

Ekstase.

Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene

glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben

gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken,

was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.

Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in

die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln

metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er

bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber

die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr

Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte,

trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das

sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier

waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier

gab, rochen nicht.

»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme.

Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.

Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales

blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie

lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die

Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten

Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.

»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und

blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein

wenig geöffneten Lippen.

Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung

ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es

macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie

freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum

Eise, Fräulein von Hennenbach?«

Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. »Ja,« sagte sie, »man muß die

letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit.

Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht

ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?«

»Bitte.« Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele

erkundigte sich nach den Formalitäten -- es handelte sich um ihre Trauung.

Dann plauderten sie.

»Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!« sagte Adele. »Ganz als ob

Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!«

»Das habe ich auch!« sagte Grau. »Aus weiter Ferne.«

»Diese arme Susanna,« bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, »wie es mir

doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen

Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und

bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich

ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen

wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.«

Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die

Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit

zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien

ebenfalls was sie nur konnten.

Grau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht finden,« erwiderte er, »daß

Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick

dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint

sie mir schön.«

»Wirklich?«

»Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz

wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort

von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das

Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie

die Lippen öffnet?« Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.

»Ja, ja.«

»Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig

sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie

doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön!

Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum

erstenmal sah, schwärme ich für sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja

auch nicht wieder sagen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Der Tor: Roman · 第 28 / 86 题