Grau war nun in der ganzen Stadt bekannt. Das war kein Wunder, denn man sah
ihn tagtäglich einigemal auf der Straße; über den Marktplatz konnte man
überhaupt nicht gehen, ohne daß er aus irgend einer Gasse auftauchte.
Immerzu hatte er zu grüßen, denn jedermann kannte ihn. Er grüßte alle Leute
zuerst, auch Kinder und Schüler. Man konnte ihn überall sehen, hinter den
dunkelsten Fenstern, die keine Vorhänge hatten, auf den breiten Treppen der
reichen Leute, einerlei.
Er hatte viel zu tun. Wenn er am Morgen das Haus verließ, so hatte er schon
einige Arbeitsstunden hinter sich. Er stand auf, sobald der Tag graute;
voll von Interesse für alles, was den Menschen betraf, wünschte er alles
kennen zu lernen, was der Mensch je gedacht und ersonnen hatte; dazu
benutzte er die Morgenstunden. Der vorläufige Arbeitsplan war bei
angestrengtester Tätigkeit in zehn bis zwölf Jahren zu bewältigen. Dann
wollte er weiter sehen.
Er hatte Unterricht in den Schulen zu geben, Besuche zu machen. Keine
Stunde des Tages ließ er unbenutzt. Er war wiederholt bei der alten Frau
Sammet gewesen, im Waisenhaus, bei dem Arzt, der Susanna behandelte, auch
sprach er häufig bei der »ewigen Braut« vor, um mit ihr zu plaudern.
Susanna besuchte er, so oft er frei war.
Trotzdem er täglich so vieles tat, hatte er doch stets Zeit. Niemals war er
in Hast, stets ruhig. Sein Tag schien viel länger als der andrer Menschen
zu sein.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß man in jeder Stadt einen Menschen hat,
dem man immer wieder und wieder begegnet. In dieser Stadt schien es für
Grau Eisenhut zu sein, den zu treffen ihm bestimmt war. Er begegnete ihm,
so oft er das Haus verließ, ja, selbst im Walde hatte er ihn getroffen.
Eisenhut ging hastig vorüber, grüßte, blinzelte und sah Grau stets mit
sonderbar forschenden Augen an, argwöhnisch, ja, sogar furchtsam und scheu;
zuweilen schüttelte er den Kopf, räusperte sich und lief weg, indem er Grau
einen raschen Blick zuwarf, der keineswegs Sympathie ausdrückte. Manchmal
kam es auch vor, daß er auf der Straße stehen blieb, Grau spöttisch
lächelnd musterte und die Lippen bewegte, als spräche er mit sich selbst.
Bei einer solchen Begegnung sprach ihn Grau an und fragte ihn, ob er nicht
etwas tun wolle, um für Susanna ein Piano zu beschaffen. Aber Eisenhut
blinzelte, lächelte, krümmte sich und begann von schlechten Zeiten zu
sprechen, in solch winselndem, demütigem Tone, daß sich Grau angewidert
abwandte. Er sah Eisenhut wieder und Eisenhuts Augen sprühten offenen Haß.
Grau war nicht erstaunt: Alles geht wunderbar, dachte er und lächelte in
sich hinein vor Freude, dieser Mann ist mir sicher! Ja, es gab solch
wunderliche Dinge auf dieser Erde!
Einmal sah er Eisenhut auf der Straße, gefolgt von einer Schar
ausgelassener, johlender Kinder. Eisenhut taumelte am hellen Tage betrunken
nach Hause.
Nur Geduld, das sollte bald anders werden! Nur etwas Zeit brauchte er dazu.
Graus erste Predigt war kläglich ausgefallen. So heiß war sein Herz
gewesen, so groß hatte er sich alles gedacht, aber plötzlich hatte ihn
Unsicherheit befallen: Würde er die rechten Worte finden, das auszudrücken,
was ihn erfüllte, was er fühlte im Wachen und im Schlaf? -- Er war
unzufrieden mit sich. In den folgenden Predigten aber war es ihm besser
geglückt.
Es erschien ein Tag mit einigen freien Stunden. Grau erstaunte und wußte
nicht wie das zuging. Er spielte Orgel.
Er spielte ein paar Stunden lang und fühlte sich darauf wie neugeboren. Die
Musik und die menschliche Seele, es ist ja gar kein Unterschied zwischen
den beiden, sie sind Schwestern. Und wenn der Mensch Musik hört, so finden
sich die beiden Schwestern, umschlingen sich, vertrauen sich einander an,
ihre Sehnsucht, ihre Schmerzen, ihr Glück, ihre Hoffnung, liebkosen
einander und küssen sich, und der Mensch fühlt Freude und weiß nicht warum.
Als Grau endlich aufhörte zu spielen, war er von Glück und Jubel erfüllt.
Seine Hände bebten. All das Singen und Jauchzen der Orgel war noch in ihm.
Seine Augen waren so licht, daß er ihren Schein fühlte. Die Sonne leuchtete
am Himmel.
Nun wollte er zu Susanna gehen.
Er hatte sich lange Tage an der Freude gelabt, Susanna einen kleinen Hund
zu schenken. Er sollte klein und schneeweiß sein und wie Zucker schimmern.
Natürlich durfte er am Ende einige Flecken haben, etwa schwarze Pfoten oder
einen halben schwarzen Kopf, das würde nichts schaden, am besten aber war
er schneeweiß. Jedoch ein solcher Hund ließ sich nicht finden, trotz Graus
eifriger Nachfrage, weder ein weißer noch irgend ein anderer. Somit war es
mit seiner Freude nichts geworden.
Ja, wie doch heute die Sonne leuchtete! Grau machte einen Umweg, um sein
Gesicht von der Sonne baden zu lassen. Wie die sanftesten warmen Hände
berührte die Sonne seine Wangen, und wenn er die Lider schloß, so war es,
als ob sich ein sanfter, warmer Finger auf seine Lider legte. Dann sah er
Feuer.
Er lächelte einer jungen Mutter, die des Weges daherkam und ihr kleines,
wie ein junger Eisbär aussehendes Kind an der Hand führte, freundlich zu.
Die Frau errötete, sie mißverstand Graus Blick.
Der Himmel war blau und leuchtete. Jedermann hat schon gesehen mit welch
blauer Flamme der Schwefel verbrennt, so stählern und durchsichtig blau war
der Himmel. Grau blickte hinein, tiefer, tiefer -- es lockte.
Ich bin ja nichts, dachte Grau, ein Nichts, eine Kleinigkeit, und doch habe
ich die Gabe mich zu freuen, die Fliege selbst hat sie, jedes Wesen -- und
doch habe ich solch eine rätselhafte Sehnsucht in mir und doch
durchschauert mich manchmal eine Ahnung von dem Großen, das irgendwo ist.
Hast du Gott gesehen, frage ich dich? Nein. Und wenn du mich fragst, nein,
nein, wie sollte ich doch? Aber ich fühle, oft bin ich gleichsam betäubt
wie heute. Vergebt mir. Und doch, was könnte ich sagen, wenn mich einer
fragte? Ich weiß ja nichts. Ist Gott ein Sausen, das durch die Welt fährt,
oder ein Ton, ein ewig schwingender Ton, nach dem unsere Ohren haschen,
oder ein Blick, der auf uns ruht, auf jeder Stelle unseres Leibes, dem
Kopfe, der Fußsohle, Tag und Nacht, um Mitternacht und am Mittag? Oder ein
Lächeln, ist er in jenem Lächeln, das zuweilen auf allen Dingen zu ruhen
scheint, dem Grase selbst, dem glänzenden Felle des Stieres, dem Wasser.
Weiß ich es denn? Es gibt so viele, die sagen, es gibt keinen Gott. Es ist
möglich, aber die Welt ist göttlich schön. Ich strecke meine Hand in die
Höhe, sie ist golden, das ist die Sonne, ich strecke meine Hand in die
Höhe, sie ist silbern, das ist der Mond. Ferne da kniet ein Mann im Grase
und betet und ungezählte Stirnen beugen sich in den Sand und preisen Gott
in fremden Zungen. Trotzdem? Doch dann ist es der Mensch, der sich einen
Gott geschaffen hat, des Menschen Sehnsucht ist dann Gott. Aber es ist ja
nicht möglich, daß es keinen Gott gibt, nein, denn des Menschen Sehnsucht
ist göttlich und wie göttlich schön ist die Welt. Was fühlst du, wenn du
deine Hand anblickst? und wenn die Vögel im Walde singen -- wie wird dir?
Nun? warum dieses ewige Verlangen, diese Sehnsucht, dieses Brennen im
Herzen, warum denn? Dieses Fieber? In uns, die wir nichts sind als
Sandkörner, die vor dem Winde rollen. In diesem Sandkorn Gefühl, Wunsch,
Ekstase.
Nein, niemand hat ihn gesehen, es ist wahr. Viele haben ihn geahnt. Jene
glänzenden Antlitze im Dunkel! Viele sind aufgestanden und haben
gesprochen, ihre Worte mögen unrichtig sein, sie konnten nicht ausdrücken,
was sie fühlten, aber ihre Gebärde, vergeßt mir diese Gebärde nicht.
Grau blieb stehen und sah einen Hund an, der unter der Haustüre saß und in
die Sonne empor blinzelte. In der Vorstadt trat er in einen dunkeln
metergroßen Blumenladen ein und erstand eine kleine rote Tulpe. Als er
bezahlen wollte, stellte es sich heraus, daß er kein Geld mehr hatte. Aber
die Leute kannten ihn und es wäre fast eine Beleidigung gewesen, ihr
Anerbieten, später zu bezahlen, zurückzuweisen. Während er noch zögerte,
trat jemand in den metergroßen Laden ein und er roch ein feines Parfüm, das
sich ohne Hindernisse in dem Raume bemerkbar machen konnte; die Blumen hier
waren zumeist aus Wachs und Papier, und die wenig lebenden, die es hier
gab, rochen nicht.
»Herr Grau?« sagte eine schöne Stimme.
Diese Stimme drang sofort bis zu seinem Herzen.
Adele von Hennenbach schob den gelben Schleier in die Höhe und ihr schmales
blasses Gesicht und die klaren hellgrauen Augen kamen zum Vorschein. Sie
lächelte und blickte Grau freundlich an. An ihrem Arme hing die
Schlittschuhtasche; sie war gekleidet wie neulich und aus dem flotten
Pelzjackett stieg jenes feine Parfüm.
»Ich kann mir wohl denken, für wen diese Tulpe hier ist!« sagte sie und
blickte Grau mit einem leisen Lächeln an; sie betrachtete die Tulpe mit ein
wenig geöffneten Lippen.
Grau kam in Verlegenheit, als ob sie ihn bei einer unschönen Handlung
ertappt habe. Er lächelte und drehte an einem Knopfe seines Mantels. »Es
macht mir Vergnügen, Susanna eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen, sie
freut sich so,« sagte er, sich gleichsam entschuldigend. »Sie gehen zum
Eise, Fräulein von Hennenbach?«
Adele streckte sich ein wenig in die Höhe. »Ja,« sagte sie, »man muß die
letzten Tage noch benützen, es wird bald vorbei sein mit der Herrlichkeit.
Ich habe mit Ihnen einige Worte zu sprechen, Herr Grau, wenn Sie nicht
ungehalten sein würden, daß ich die Gelegenheit benütze?«
»Bitte.« Er war hocherfreut. Sie verließen zusammen den Laden. Adele
erkundigte sich nach den Formalitäten -- es handelte sich um ihre Trauung.
Dann plauderten sie.
»Wie froh Sie heute doch aussehen, Herr Grau!« sagte Adele. »Ganz als ob
Sie eine frohe Nachricht erhalten hätten!«
»Das habe ich auch!« sagte Grau. »Aus weiter Ferne.«
»Diese arme Susanna,« bemerkte Adele im Laufe des Gespräches, »wie es mir
doch leid tut um sie. Sie hat nichts als Kummer gehabt, nicht ein Quentchen
Glück, keine frohe Jugend, kaum ein wenig Freude. Wie klug und vornehm und
bescheiden ist sie doch! Wie schade, daß sie krank ist, daß sie so häßlich
ist, so mißgestaltet, ich bin traurig, so oft ich an sie denke. -- Wollen
wir den Weg zum Fluß hinunter gehen, Herr Grau? Es ist kaum ein Umweg.«
Sie gingen den Fluß entlang, an den beschneiten Schiffen vorbei, worauf die
Kinder herumkletterten und schrien. Kleine Knirpse und Mädchen mit
zerzausten Haaren liefen auf einer glatten Bucht Schlittschuh und schrien
ebenfalls was sie nur konnten.
Grau schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht finden,« erwiderte er, »daß
Susanna häßlich ist. Ich muß freilich zugeben, daß ich beim ersten Anblick
dachte, die Natur habe sie stiefmütterlich behandelt, nun aber erscheint
sie mir schön.«
»Wirklich?«
»Ja, ich entdecke mehr und mehr Schönheit an ihr. Sie hat doch ganz
wunderbare Augen! Haben Sie beobachtet, wie Susannas Augen Ihnen das Wort
von den Lippen horchen, den letzten Sinn aus den Augen horchen, den das
Wort nicht geben kann oder gibt? Wie ihre Augen antworten, noch bevor sie
die Lippen öffnet?« Er blickte mit schwärmerischem Lächeln auf Adele.
»Ja, ja.«
»Und dann ihre Hände! Haben Sie diese Hände genau betrachtet? Wie lebendig
sie sind, wie sie alles miterleben, was Susanna erlebt. Und wie schön sie
doch sind, Susannas Hände! Ja, bei Gott, sie sind außerordentlich schön!
Ich schwärme, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit, seitdem ich Susanna zum
erstenmal sah, schwärme ich für sie -- ich gestehe es. Sie werden es ihr ja
auch nicht wieder sagen,« fügte er mit einem Lächeln hinzu.