»Wie?«
»Vielleicht ist sie aus einer andern Welt,« sagte Grau mit eigentümlichen
Lächeln.
»Ich verstehe nicht?« sagte Susanna gespannt.
»Nun, vielleicht ist sie aus einer andern Welt als der Erde. Weshalb sollte
das nicht möglich sein?«
»Ja, wieso sollte es möglich sein?« fragte sie.
Grau zuckte die Achseln. »Ja, wieso sollte es nicht möglich sein?« fragte
er.
Susanna sah ihn lange an, sie lächelte verwundert, dann schüttelte sie
leise den Kopf und wandte den Blick dem Fenster zu. Der Schnee schimmerte
auf den Feldern.
»Ich werde jetzt mit Herrn Eisenhut reden, Susanna,« sagte Mütterchen leise
und wandte sich langsam der Küchentüre zu.
»Ja, tue das. Stelle es ihm vor, Mütterchen, nicht wahr? Du weißt ja, er
hatte noch immer ein Einsehen.«
»Ja,« sagte Mütterchen kleinlaut. Dann wandte sie sich an Grau. »Der Herr
müssen mich einen Augen -- blick ent -- schuldigen --«
»Mütterchen ist sehr scheu,« flüsterte Susanna. »Sie kann nicht sprechen,
aber sie fühlt. Ich möchte Sie auch bitten, nicht vom Vater zu sprechen in
ihrer Gegenwart. Sie leidet so. Er war hier, ich weiß es. Ich sah ihn zum
Fenster hereinblicken, in der Nacht, und am Morgen, da sah ich die
Fußspuren im Schnee. Mütterchen hat nichts gemerkt, das ist gut. Sie geht
umher und denkt an ihn, aber sie spricht nichts. Manchmal, wenn es stürmt,
beginnt sie zu weinen. Es ist solch schlimmes Wetter, sagt sie. Sonst
nichts. Aber ich weiß, daß sie meint, Vater könnte draußen sein. So ist
sie. Manchmal -- ach, nicht oft -- vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, da
sagt sie: >Wenn er doch einen Brief schriebe!< Dann kann sie nicht mehr
schweigen, dann muß sie von ihm sprechen. Vater kommt so selten -- so
selten! Er hat eine unruhige Seele, aber er ist der allerbeste Mensch von
der Welt.« Sie hielt inne und lauschte gegen die Türe, hinter der man
Stimmen hörte, sie zitterte ein wenig, dann sagte sie: »Ich hoffe, Sie
werden noch ein Weilchen dableiben, Herr Grau, nicht wahr?«
»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Grau. »Ich liebe es, Ihnen zuzuhören.
Aber ich muß meinen Mantel ablegen dürfen.«
»Natürlich, natürlich! Oh, denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, mit
jemand zu sprechen.«
»Verzeihen Sie einen Augenblick,« unterbrach sie Grau, »da wir vorhin von
dem jungen Herrn von Hennenbach sprachen -- er ist wohl Student?«
»Ja. Weshalb?«
Grau lächelte. »Ich kann nicht verstehen, daß er hier ist, wenn er doch
Student ist. Er lebt wohl immer hier bei seinen Eltern?«
»Ja. Er ist seit zwei Jahren an der Universität eingetragen, aber er war
noch nie dort.«
»So, so. Er lebt also immer hier?«
»Ja, ja. Ich verstehe nicht --«
»Oh, bitte, es ist nur eine kleine Neugierde -- aber sprechen Sie doch nun,
bitte, Fräulein Lenz!«
Susanna lächelte, sah Grau an und fuhr fort: »Ja, ich freue mich, sprechen
zu können. Ich führe zuweilen lange Gespräche mit mir selbst, ich spreche
zu meiner Seele und meine Seele spricht zu mir. Und nun weiß ich ja nicht,
wovon ich anfangen soll. Und denken Sie, wie ich mich gesehnt habe, einen
fremden Menschen, einen neuen Menschen zu sehen!«
»Warum gerade das?« Grau rückte den Stuhl näher heran.
Susanna kicherte. »Sie werden vielleicht lachen!« sagte sie mit hoher
Stimme. »Aber, nein, Sie werden es wohl verstehen. Ich liebe es, ein neues
Gesicht zu sehen. Es ist mir fremd und gibt mir zu denken. Und ein neuer
Mensch, hören Sie doch, was hat er alles gesehen und gehört! Die Menschen,
die in unser Haus kommen, was haben denn die gesehen? Sie haben die Stadt
gesehen, den Wald, die Dörfer ringsumher, alle Gesichter, die auch ich
gesehen habe, alles, was sie gesehen haben, das kenne auch ich. Aber ein
neuer, ein fremder Mensch! Er hat so viele Städte gesehen, ferne Städte mit
wunderlichen Häusern und Türmen, und obwohl ich ja das nicht sehen kann, so
ist es mir doch, als brächte er all das mit. Er hat fremde Menschen gesehen
und mit ihnen gesprochen, all das scheine ich auch zu erleben, wenn er zu
mir kommt. Er hat gesehen, wie sie kämpfen da draußen um all die neuen
Ideen -- all das fühle ich. Er hat Musik gehört, große Werke, große
Künstler, das alles bringt er mit zu mir herein. Er ist ein Erlebnis, denn
all die Zeitlang, die ich nun hier sitze oder liege -- es ist ein Jahr und
noch ein halbes dazu -- habe ich nur sechs verschiedene Menschen hier bei
mir gesehen -- ja, sechs waren es.«
»Wie lange sind Sie denn schon leidend, Fräulein Lenz?«
»Es ist nun,« sagte Susanna und blickte in die Weite, »es ist nun vier
Jahre. Aber erst die letzten Jahre ist es so schlecht, daß ich nur im
Sommer noch ein wenig im Freien gehen kann.« Sie lächelte. »Trotzdem
vergeht die Zeit sehr rasch für mich. Ja, mein Gott, wo kommen doch die
Tage hin? Es ist so selten, daß ich mich langweile --«
»Wie gut das ist! Das ist gut!« unterbrach sie Grau.
»So selten. Nur wenn es in meinem Kopfe leer wird, dann kann es geschehen,
daß ich die Röschen der Tapete zähle, oder die Tassen im Glasschrank, oder
ausrechne wieviele Fingerbreiten wohl von hier zur Türschwelle sein mögen.«
»Jeder Mensch hat solche Augenblicke!«
»Ja, das mag sein. Es ist selten. Zuweilen ist es mir erlaubt zu lesen. Die
Sindings bringen mir Bücher und Adele, die alle Bücher hat, die es nur
gibt. Da lese ich dann. Diese Ideen! Ich liebe die Ideen, müssen sie
wissen, die neuen! Ja, wie ganz anders er doch die Welt betrachtet, denke
ich. Ich liebe die Dichter! Siehst du denn alle Menschen, von denen er
spricht, sage ich zu mir. Siehst du sie? Manchmal schüttle ich den Kopf:
Nein, sage ich, das ist nicht wahr. Aber ich liebe die Dichter! Ich liebe
die sanften, die zuweilen in den Büchern zu singen anfangen, so daß sie
sagen: Ja, wie schön, wie schön ist das doch! Ich liebe die grausamen, die
von wilden Herzen reden. Ich sitze und denke darüber nach, all das ist so
fern, so fremd, aber ich denke, von jeder dieser Personen hast du ein
kleines Etwas, von jeder, sie mögen schlecht oder gut sein.«
»Wie schön Sie das sagten!« sagte Grau bewundernd und nickte.
Susanna fuhr fort: »Es ist schade, daß es mir verboten ist, viel zu lesen,
denn sonst -- ich würde ja Tag und Nacht lesen, ich tue alles
leidenschaftlich, was ich tue. Aber dann kann ich ja dasitzen und zum
Fenster hinaussehen. Mütterchen hat den Stuhl so gestellt, daß ich zur
Brücke sehen kann. Es kann nichts in die Stadt gehen, es kann nichts aus
der Stadt kommen, ohne daß ich es sehe. Ist das nicht herrlich! Es ist nun
so schön und spannend, dazusitzen und zu warten bis etwas kommt. Lange Zeit
kann verstreichen, aber plötzlich -- sagen wir -- taucht der nickende Kopf
eines Pferdes auf. Ein Pferd! sage ich zu mir, und ich sehe das Pferd noch,
wenn es schon weit fort ist. Aber dann kommt eine Bäuerin mit einem Korbe
auf dem Rücken, oder es kommen Kinder. Ich denke, werden sie ins Wasser
spucken oder nicht. Aber da haben Sie sie schon an der Brüstung -- immer
sehen Kinder interessante Dinge im Wasser -- und sie müssen
hinunterspucken. Auch ich mußte es tun -- auch Sie?«
Grau lachte. »Ja,« sagte er.
Susanna fuhr fort: »Dann kommt die gelbe Postkutsche. Sie kommt in der
Frühe und kehrt spät am Nachmittage zurück. Ich freue mich, so oft ich sie
sehe, denn sie kommt regelmäßig wie ein Freund. Es scheint auch, als sei
ich persönlich mit ihr verknüpft, sie ist wie ein Mensch! Ich muß lachen,
wenn ich sie sehe, und manchmal winke ich ihr auch. Abends kann ich sie
jetzt nicht sehen im Winter, aber ich sehe, wie ein kleines Licht über die
Brücke kriecht. Dann sehe ich den Schnee. Er schmiegt sich wie heute, er
ist wie Sand, wenn es kalt ist -- er glänzt, wenn es getaut hat und Frost
darauf folgte. Er bewegt sich, wenn der Wind weht, und manchmal da sieht es
aus als tolle ein närrischer weißer Pudel im Felde herum. Dann sehe ich die
Wolken. Sie können mich froh und leicht machen, sie können machen, daß mein
Blut schneller läuft, daß mein Herz stockt, und es gibt solche, vor denen
ich mich leicht verneige, so drohend stehen sie da. Dann sehe ich die
Pappeln an der Brücke. Sie sehen jetzt wie Besen aus, aber wenn es stürmt,
so flattern sie wie Mähnen, und sie scheinen fürchterliche Angst zu haben.
Fast immer sitzt eine Krähe dort oben auf der Spitze, sie sitzt und lugt
aus und plötzlich fliegt sie fort. Aber sofort ist eine andere da, die ganz
genau aussieht wie die erste, man könnte glauben, es sei immer die gleiche.
Wenn es dunkel wird, warte ich auf den ersten Stern. Ich warte auf den
Mond. Sie sehen, so vergeht die Zeit, selbst im Winter gibt es so vieles zu
sehen. Aber dann werde ich oft müde und muß die Augen schließen, und wissen
Sie, was dann geschieht?«
»Dann träumen Sie!«
»Ja, dann träume ich.«
»Was träumen Sie denn?«
Mannigfacher Art waren die Träume Susannas. Am liebsten aber träumte sie
Musik. Ja, wenn sie nicht müde war, da träumte sie von Menschen; wie sie
sprechen und denken und handeln, wie wunderlich sie sind; aber wenn sie zu
müde dazu war, so träumte sie Musik.
»Ich würde zu gern hören, in welcher Weise Sie das tun, Fräulein Lenz. Ich
bin etwas neugierig, ich muß es gestehen. Aber ich werde mich gewiß
revanchieren, ich verspreche es Ihnen. Ich habe sehr viel erlebt und
gesehen und das alles werde ich Ihnen erzählen. Aber vorläufig ist die
Reihe an Ihnen.«
Susanna zögerte eine Weile. Sie hatte gesprochen und gesprochen, wie es oft
Menschen tun, die lange allein gewesen sind mit ihren Gedanken. Nun
erinnerte sie sich plötzlich, daß Grau ein Fremder war. Sie lächelte, aber
Grau verstand es, ihr zuzureden.
Susanna blickte lange zur Seite, dann fuhr sie fort: »Es kann eine
Abendwolke sein, die über den Himmel zieht und singt. Oder es kann sein --
aber Sie werden es besser verstehen: Zuerst, da ist es eine kleine Melodie,
das kleine Lied eines kleinen Vogels im Walde. Das ist die Flöte! Und es
ist ganz leise. Es ist der kleine Vogel, der singt, und sein Lied
schmeichelt den Bäumen. Sie beginnen sich zu wiegen und nun saust die
Melodie des kleinen Vogels im ganzen weiten Walde. Das sind die Violinen!
Sie wiederholen, sie verändern die Melodie des kleinen Vogels, aber sie
hören immer den kleinen Vogel singen. Plötzlich ist es wie ein Schreck, wie
eine Warnung, das ist die Klarinette, die warnt, das ist die Trompete, die
mit einem Stoß den Schreck hervorruft. Nun kommt der Sturm, die Pauken und
die Baßgeigen, er jagt daher, der Wald braust und wiederholt klagend und
furchtsam das Lied des kleinen Vogels. Der aber ist ganz still. Der Sturm
greift den Wald an, um den Vogel zu vernichten, aber der Wald verteidigt
ihn. Der Sturm und der Wald kämpfen miteinander. Sie hören nur den kleinen
Vogel lachen, denn er fürchtet sich nicht, er verspottet den Sturm. Das
macht den Sturm rasend, er wütet gegen den Wald, aber endlich macht er sich
grollend davon und die Bäume wiegen sich und sie hören den kleinen Vogel
wieder wie am Anfang. -- So ähnlich ist es, wenn ich Musik träume. Haha,
ich kann es ja nicht in Worten wiedergeben -- aber so ähnlich ist es, Sie
müssen es sich eben ausmalen.«
Grau zitterte. Ein eigentümliches Zittern machte seinen ganzen Körper
erbeben.
»Sie frieren?« sagte Susanna und richtete sich auf.
Grau gab sich Mühe gegen das Zittern anzukämpfen, aber es half nichts.
»Nein,« sagte er und lächelte, »ich friere nicht. Keineswegs. Ich hatte
einmal Fieber, ich kam einem Fieberkranken zu nahe und daher rührt das
Zittern. Seien Sie ganz unbesorgt und sprechen Sie ruhig weiter. Ich habe
die Musik gehört, Fräulein Lenz, ich habe alle Instrumente gehört, so gut
haben Sie das beschrieben! Welche Melodie aber hat der kleine Vogel
gesungen? Ich habe mir eine fröhliche, ein wenig kecke Melodie gedacht.«
»Fröhlich und ein wenig keck, ja. Es war ja nur ein Beispiel, weil Sie es
wissen wollten. Es kann auch sein, daß er traurig singt und es regnet, die
Regentropfen singen dieselbe traurige Melodie, die Blätter, der Wind. Es
muß auch nicht gerade ein Vogel sein, es kann ein junges Mädchen sein, das
man in einen schönen Garten eingeschlossen hat und das in der Sonne geht
und singt.«
»Warum muß das Mädchen gerade eingeschlossen sein?«
»Das weiß ich nicht. Aber ich fühle es so. Es kann auch das Meer sein, das
singt, oder Grotten oder eine Linde, in deren Zweigen Tausende von Vögeln
hüpfen.«
Grau schüttelte langsam den Kopf und Susanna sah ihn fragend an.
»Nun haben Sie sich verraten, Fräulein Lenz,« sagte er, »Sie sind ja ganz
außerordentlich für Musik begabt. Sie komponieren ja im Kopfe!«
Susanna lachte leise und errötete.
»Haben Sie auch schon als Kind solche Träume gehabt?«
Ja, da hatte Susanna gehört, daß die Glocken nicht einfach läuten, sondern
ein Lied singen, auch das Wasser, das man in einen Krug laufen ließ, es
sang.
»Da haben wir es!« Grau lachte. »Sie müssen Musik von Grund auf studieren.
Spielen Sie ein Instrument? Nein? Das schadet nichts; Sie müssen unbedingt
ein Piano haben!«
Susanna hörte ihm erstaunt zu, sie sah froh aus und sie lächelte und sagte
mit hoher Stimme: »Ich kann aber doch nicht spielen!«
»Das? Was das anbelangt -- da seien Sie ganz außer Sorge. Sie werden es
sehr schnell lernen. Ich habe Ihre Hände betrachtet, die Glieder der Finger
sind so fein, so fein und voll nervöser Kraft, ja, schön sind Ihre Hände,
Fräulein Lenz. Oh, vergeben Sie mir, wenn das zu kühn ist. Es fällt mir
natürlich gar nicht ein, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, weder Ihnen noch
sonst jemandem, nein, aber wenn etwas schön ist, warum soll ich es nicht
beim Namen nennen -- nicht wahr? Ja, Sie haben Hände zum Klavierspielen, in
einem Vierteljahr werden Sie schon ganz prächtig spielen -- nach einem Jahr
oder zwei Jahren aber ausgezeichnet. Ich erbiete mich, Ihnen Unterricht zu
geben. Meine Kenntnisse sind gering, aber für den Anfang, da kann ich schon
zu gebrauchen sein, später, da wird sich ja alles finden --«
Susanna hörte ihm zu und lächelte. Sie erwiderte nichts darauf, aber ihr
Blick wurde plötzlich düster. Dieser Blick sagte: Ja, was spricht er denn
von Jahren und Jahren, sieht er denn nicht, wie es um mich steht?
Dann sagte sie leise: »Sie sind gut, Herr Grau. Zuweilen da blicken Sie so
streng, aber Ihre Augen sehen immer gütig aus. Ich habe gehört, wie
tatkräftig Sie sich der alten unglücklichen Frau Sammet angenommen haben --
ich --«
Aber davon wollte Grau nichts wissen. Er lachte und sagte: »Das ist mein
Privatvergnügen. Es macht mir Freude, das ist es. Ich habe ja im Grunde
genommen nichts für die Arme getan. Eine Kollekte, das war alles. Habe ich
mit dieser alten Frau gelitten, habe ich sie etwa an die Brust gedrückt,
ihren Scheitel, ihre Wangen gestreichelt, ihre Stirn geküßt, hat man etwas
derartiges etwa erzählt? Wie? -- Habe ich ihr Handreichungen getan, da sie
vor Schmerz nicht wußte wo aus und wo ein? Nein, all das habe ich nicht
getan. Leider nicht. Es ist also nicht richtig, was Sie sagen. Ein Dame
hier hat mir gesagt, ich hätte bei der Beerdigung schön gesprochen. Ich
habe mich geschämt. Schön! Ach nein, schlecht, ein paar armselige Worte
habe ich gesagt und die Scheu vor all den Zuhörern war größer als mein
Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter. Sie sind also im Irrtum --«
Da kam Mütterchen ins Zimmer. Susanna wurde unruhig und sagte: »Es muß
heute schön draußen sein, der Schnee ist so weich.«
Mütterchen sah niedergeschlagen und entmutigt aus. Sie hatte feuchte Augen.
»Er hat nein gesagt!« flüsterte sie Susanna zu. Sie stellte eine Tasse
neben Grau.
»Nein?« jagte Susanna erschrocken. Sie blickte zu Boden, errötete, dann
setzte sie hinzu, indem sie Mütterchens Hand streichelte: »Ach, Mütterchen,
du mußt den Mut nicht sinken lassen. Du weißt, er will gebeten sein, er
ließ sich stets nach einigen Tagen erweichen.«
»Ja,« hauchte Mütterchen hoffnungslos und goß Kaffee in die Tasse.
»Ja, was tun Sie denn!« schrie Grau erschrocken und sprang auf.
»Ein Täßchen Kaffee, wenn der Herr mir die Ehre antun wollen.«
Grau sah Mütterchen lange an, seine Augen glänzten. »Wie liebenswürdig von
Ihnen,« sagte er und drückte Mütterchen die Hand. »Ich breche in Ihr Haus
ein, ich bin ein Fremder, das ist mir noch nie passiert, ich danke Ihnen!«
Er verneigte sich dankbar und setzte sich wieder.
Aber da war das Unglück schon geschehen. Durch die Küchentüre nämlich war
ein freches braunes Huhn in die Stube spaziert und stolzte keck im Zimmer
umher.
Mütterchen erstarrte vor Schrecken. »Da ist -- nun -- diese --« Sie blickte
starr und hilflos auf Grau. »Hsch, hsch -- du ungezogene --«
»Putt -- putt,« machte Grau. »Ein schönes Huhn. Sie halten Hühner, Frau
Lenz, seht an.« Er blickte freundlich auf die Henne als sei sie ein Mensch.
»Ja, in der Küche -- aber -- der Herr müssen entschuldigen -- mein ganzes
Leben bin ich noch nicht so in Verlegenheit gebracht worden -- wie mich
diese ungezogene -- hsch, hsch -- Kreatur blamiert -- Geh hinaus,
Klatschbase.«
»Klatschbase, so heißt sie,« erklärte Susanna, »weil sie so viel gackert.«
Klatschbase segelte endlich gackernd und schreiend zur Türe hinaus, nicht
ohne vorher zu zeigen, daß sie ein echtes Huhn sei. »O -- o --« hauchte
Mütterchen, aber Grau hatte es gar nicht bemerkt. Er sprach mit Susanna. Da
habe sie recht, ein schöner Tag sei heute. »In der Stadt hacken sie das Eis
auf,« sagte er. »Es kann nun nicht mehr lange währen, bis der Frühling
kommt.«
Susannas Augen glänzten. Sie blickte Grau erstaunt und lange an.
»Nun?«
»Als ob Sie erraten hätten, worauf ich warte!« sagte sie langsam. »Denn die
Wahrheit zu sprechen, ich sitze den ganzen Tag hier und warte auf den
Frühling. Ich warte auf ihn, ich liebe ihn, mein Herz klopft, denke ich an
ihn. Er ist mein Geliebter. Sie lieben ihn auch?«
Grau lächelte. »Ja, wer liebt ihn nicht?« sagte er. »Es gibt auf der ganzen
weiten Welt nicht einen einzigen Menschen, der ihn nicht liebt, er kann
noch so mißmutig sein.«
Susanna fieberte bei dem Gedanken an den Frühling. Sie lächelte und atmete
tief. »Oft denke ich,« fuhr sie fort, »ob es sich nicht jetzt schon rührt
da drinnen in der kalten Erde, ob nicht die Keime schon ein wenig erwachen
und sich dehnen, all die tausend, tausend Keime da drunten. Denn hören Sie,
sie müssen sich ja jetzt schon dehnen, denn haben Sie nicht plötzlich schon
ein Schneeglöckchen im Walde angetroffen, wie? Also müssen sie wohl oder
übel jetzt schon beginnen, nicht wahr? Ich freue mich auf all das, was
jetzt kommt, denn der Winter war doch recht lang. Wenn er schon kommt, der
Frühling! Guter Gott, wie weht es doch! Er haucht! Man spürt es an der
Schläfe, vor allem an der Schläfe, da haucht es, als ob ein warmer Mund
hauche. Wie warm es haucht! Denken Sie daran, wenn Sie hinaustraten und
dachten, ja, was ist dies plötzlich, so warm? Dann fassen Sie etwas an,
einen Ast, er ist feucht, er klebt! Das ist, wenn er kommt.«
Sie schwieg. Dann, nach einer langen Weile sagte sie -- und es klang wie
ein frohes Seufzen: »Dann wächst das Gras!«
Nein, dachte Grau, es klang nicht nur wie ein frohes Seufzen, nimmermehr
wirst du das vergessen können, es klang wie eine Liebkosung, es klang wie
ein Gebet. So eigentümlich sagte sie es, daß er einen Schmerz in der Brust
empfand, einen leisen Stich. Er sprach nichts, er war still und blickte auf
Susanna.
»Dann regnet es und Sie lachen!« fuhr Susanna fort. »Es regnet und Sie
lachen! Ja, regne nur, regne nur, denken Sie und lachen, denn jetzt kommt
er. Sie schließen die Augen und schlafen und Sie träumen, wie es sich regt
im Lande, die Wolken, die Erde, die Luft, alles ist in Bewegung. Die Luft
ist süß wie Milch, das Wasser wie Wein, die Menschen sind freundlicher
geworden. Im Walde da riecht es, der Schuh sinkt in den Boden, nasses,
faulendes Laub. Dann kommt der erste Keim hervor, das erste Grün, die erste
Blume. Kommen denn nicht die Tiere des Waldes zusammen, die Hasen und Rehe
und Eichhörnchen, Igel und Füchse, die Raben und die Marder, diese erste
Blume zu sehen? Wie aber sieht es unter den Hecken aus! -- Ja, wie sieht es
denn da aus?« rief sie und lachte. »Aber das ist ja alles, wenn er nur im
Anzuge ist --«
Plötzlich fiel etwas vor dem Fenster draußen herab, dann tanzte eine weiße
Flaumfeder herab, zwei, drei kleine Federchen folgten, nun fielen einige
Flocken zu gleicher Zeit und dann so viele, als ob man Hände voll Federchen
in die Luft streue, die Luft war grau getüpfelt. Sie fielen immer dichter,
sie wirbelten, tanzten, taumelten kreuz und quer, klebten an den Scheiben,
und endlich schossen weiße und graue Streifen durch die Luft und verhüllten
den Ausblick. Es schneite ordentlich. Sofort wurde es dunkel im Zimmer und
Susannas Augen glänzten aus einem fahlen ledergelben Flecken.
Susanna aber sah es nicht, sie sprach vom Frühling, den Bächen, den Wiesen,
den Wolken, vom Himmel, diesem blauen schimmernden Frühlingshimmel! Glanz
und Herrlichkeit --
»Sie gehen in den Wald!« sagte sie fiebrisch. »Sie gehen hinein wie in eine
Kirche. Die Buchen stehen da, naß und fleckig, sie haben Knospen wie grüne
Blüten überall, aber der Boden des Waldes ist von Anemonen gefärbt. Sie
kommen an einen Hang, der ist ganz gelb: Das sind die Schlüsselblumen, sie
kommen über die Wiese, da steht das Schaumkraut, so blau, so duftig. Sie
kommen an einen Bach, der ist golden gesäumt, das sind die Dotterblumen,
mit einem Griff können Sie einen ganzen Strauß pflücken, sie sind so saftig
und innen glänzen sie wie Schmalz. Das Gras wächst und wächst und wächst,
es wird immer länger, und wenn nun der Wind weht, so zittern die Gräser
nicht mehr, sie schwingen sich, sie wiegen sich, ganze Wellen. Oft liege
ich stundenlang hier und denke wie der Wind über die Wiese streicht und die
Wiese gibt sanft nach. Wie schön wäre es, barfüßig im Grase zu gehen!«
Ihre Augen fieberten, ihre Wangen röteten sich. Sie lachte und hustete.
»Du sollst solche Gedanken gar nicht haben,« sagte Mütterchen.
»Ich meine ja nur,« sagte Susanna. »Lieben Sie die Margareten, Herr Grau?«
»Ja,« sagte Grau. »Sie sehen so besonders reinlich aus.«
»Reinlich! Ja, ich sehe sie vor mir, alle, alle, alle Margareten sehe ich
vor mir! Ich liebe die Blumen, sage ich Ihnen.«
»Das kann ich wohl merken, Fräulein Susanna!« sagte Grau. »Oh -- verzeihen
Sie mir die vertrauliche Anrede, sie kam ganz von selbst auf meine Lippen.«
Susanna verneigte sich in ihrem Sessel. »Das ehrt mich!« sagte sie und sah
Grau erfreut an. »Ja, ich liebe sie!« fuhr sie fort und rang ein wenig die
kleinen mageren Hände. »Sie sind wie Kinder. So schön sind sie, so still
und geduldig. Sie blühen auf und sterben, und niemand hat sie gehört, daß
sie sich beklagten. Es scheint mir, die Menschen könnten viel von ihnen
lernen. Dann tun sie auch niemand etwas zu leide, sie leben ja von Erde,
Tau und Luft. Sie freuen sich, wenn die Sonne scheint, und wenn es Abend
wird, da schließen sie die Kelche und stehen schlafend da. Können Sie sich
eine ganze Wiese oder einen Abhang vorstellen in der Nacht, alle Blumen
haben die Kelche geschlossen und schlafen? Können Sie das? Ich kann es,
denn ich beschäftige mich unausgesetzt mit solchen Dingen. Das alles habe
ich von Mütterchen gelernt, nicht wahr, Mütterchen? Sie liebt die Blumen so
sehr.«
Grau wandte Mütterchen den Blick zu, und sie sagte: »Früher, ja, früher da
liebte ich sie.«
»Jetzt nicht mehr, aber --!«
Es gäbe so manches, sagte Mütterchen, nahm die Tasse und ging hinaus. Sie
kam mit der gefüllten Tasse zurück und stellte sie neben Grau hin, ohne ein
Wort zu sagen.
»Nein, aber ich protestiere!« sagte Grau.
»Wenn der Herr mir die Ehre antun wollen --«
Susanna aber fuhr fort vom Frühling zu sprechen. Draußen schneite und wehte
es, aber sie sah es nicht. Sie sah wie die Blumen im Gärtchen draußen
wuchsen, all die Nelken, Tulpen, Rosen und dieser Flieder von einer ganz
seltenen blaßblauen Farbe. Februar, März, sagte sie, und zählte die Wochen
an den Fingern ab.
Plötzlich schwieg sie. Sie blickte in die Weite und versank in Gedanken.
Ihre schweren Vogellider sanken halb über die schwarzen Augen, die Lippen
öffneten sich. Sie sprach mit sich selbst.
»Ich muß das grüne Gras noch einmal sehen, ich muß!« flüsterte sie. Sie
dachte nicht, daß Grau es hören könnte.
Grau erhob sich. Susanna erschrak.
»Oh, es ist spät?« sagte er. »Es ist spät!« Er griff in alle Westentaschen
und suchte nach der Uhr, dann, als er sie nicht fand, schlüpfte er rasch in
den Mantel. Es schien als könne es ihm nicht schnell genug gehen. »Es ist
spät!«
»Sie müssen gehen?«
»Ja, bei Gott, ich muß. Ich werde wiederkommen, ich werde wiederkommen,
wenn es die Damen erlauben, ganz gewiß --«
»Kommen Sie bald wieder!«
»Danke, danke! Ihnen habe ich tausendmal zu danken, Fräulein Susanna, es
ist einer der schönsten Nachmittage meines Lebens gewesen -- der schönste
vielleicht! Ich werde keine Silbe vergessen von dem was Sie mir erzählt
haben. Und wieviel habe ich Ihnen zu danken, Frau Lenz. Ja, ich muß,
erlauben Sie mir, ich bin ein Fremder für Sie, ein Eindringling, aber mit
welcher Freundlichkeit haben Sie mich aufgenommen!«
Er gab Susanna die Hand und sah sie lange mit leuchtenden Augen an. »Wie
rasch wir Freunde geworden sind!« sagte er.
»Ja!«
»Adieu, Fräulein Susanna!«
»Adieu, Herr Grau!«
Unter der Türe verbeugte sich Grau nochmals und wiederholte: »Adieu,
Fräulein Susanna!«
Mütterchen stand nicht davon ab Grau hinauszubegleiten. Der Herr wisse ja
nicht, wie man das Gartentürchen öffne.
Grau wehrte ab. »Sie können sich eine Erkältung holen, Frau Lenz. Wie es
doch schneit!« -- Nein, nein, der Herr wisse ja nicht --
Draußen fragte Mütterchen, was er von Susanna halte?
»Oh!« rief Grau aus, den Hut in der Hand, »ein prächtiges Geschöpf, ein
ganz und gar wundervolles Mädchen. Sie hat mich entzückt, ganz unter uns
gesagt!«
Mütterchen lächelte ein wenig. Ob der Herr sich nicht bedecken wolle? Sie
frage, was er von ihrem Befinden halte.
»Eine Erkältung,« sagte Grau scheu, mit einer Bewegung, als wolle er
entfliehen, und blickte auf Mütterchen herab, in deren Haaren sich der
Schnee ansammelte. »Eine schlimme Erkältung vielleicht -- aber --«
Ob der Herr sich nicht doch bedecken wolle? Sie sei nun schon über zwei
Jahre leidend. Sie sah Grau mit angsterfüllten Augen an.
Nun käme ja bald der Frühling! Luft, starke, stärkende Luft, Balsam für
Kranke. »Was übrigens das Leiden anbetrifft, so kann ich Ihnen recht wohl
sagen -- und jedermann wird es Ihnen bestätigen -- mit einem Leiden kann
man alt werden. Ich selbst habe einen Herrn gekannt --« Grau sprach noch
scheuer und wich ein wenig zurück. »Übrigens der Frühling, die Sonne --« Er
konnte nicht weitersprechen. Die jungen Vögel werden sie ins Grab singen,
dachte er.
Mütterchen verbeugte sich, aber sie sagte kein Wort, mit komischen Sprüngen
lief sie ins Haus zurück.
Grau setzte den Hut auf und ging. Er blickte sich einigemal um, als ob er
verfolgt werde. Sobald das kleine Häuschen im Düster untertauchte, begann
er zu laufen, was er konnte, und entfloh durch den wirbelnden Schnee.