»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das
die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier
ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!«
Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie
versuchte zu lächeln.
»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut
scherzt. Ich komme lediglich --«
Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst,
Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.«
Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz
kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz
habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.
Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts
und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal,
hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen
Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte
mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu
Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.
»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme
zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte
sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu
lächeln.
»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus
und ging hinein ins Haus.
Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den
verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte
Grau hilflos an.
Aber Grau ging nicht.
Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln
Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.
»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er
gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich
hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht
anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles
mehr.
»Könnte ich nicht auf ihn warten?«
»Warten?«
»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er
in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte
hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im
Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.«
»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören
keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie
trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung
auf einzutreten.
»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich
ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!«
Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als
er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am
Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in
einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in
einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die
großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist
Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er
kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.
»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?«
»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie
legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den
Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber
Grau erlaubte es nicht.
»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so
selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum
erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann
zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.
Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen
so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam
durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel,
während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen
nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und
noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer
Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den
kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten
die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der
niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen
über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.
Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und
erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.
»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu.
Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das
nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.
»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen
gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen
-- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch
merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der
mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich
weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf
etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.
»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das
so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof
einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich,
daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.«
»Er war es auch?«
»Ja.«
»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf
über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der
Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie
kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die
andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben
Sie die andere gesehen?«
»Fräulein von Hennenbach?«
»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?«
Sie lächelte.
Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den
eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah
man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre
Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und
enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein
wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte
sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme,
sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte
sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?«
»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls.
Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie
ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht
zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind
Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine
Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund
und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich
liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam
sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es,
man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders.
Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich
wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!«
Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er.
»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie
geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht.
Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das
war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören
müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann
an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte
und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie,
auch er!«
»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.
»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen,
argwöhnischen Blick auf Grau.
Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können,
Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt --
Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch
ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht?
Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.«
Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen
und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder.
Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf
den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er
nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der
Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.
Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder
auf Grau.
»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es
ist noch etwas anderes.«
»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.«
Ja, ob er das gefunden habe?
»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der
Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.
»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat
eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen,
und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.
Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint
sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man
glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist
sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig,
unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß --
Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --«
»Ich habe die Brandstätte gesehen.«
»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter
ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die
Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter
hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht
bewundernswert?«
»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!«
»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging
leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu
ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt
und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch
die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.«
»Wann war denn der Brand?« fragte Grau.
»Mütterchen, wann war es wohl?«