Dreizehntes Kapitel

»Guten Tag, Mütterchen!« sagte Eisenhut zu dem schmächtigen Mädchen, das

die Türe öffnete. Er deutete auf Grau und fügte geheimnisvoll hinzu: »Hier

ist ein Herr vom Gericht, der etwas von Ihnen will!«

Mütterchen krümmte sich zusammen und lugte scheu durch die Brille, aber sie

versuchte zu lächeln.

»Keineswegs!« rief Grau aus und zog den Hut und trat näher. »Herr Eisenhut

scherzt. Ich komme lediglich --«

Eisenhut lachte. »Nein,« unterbrach er Grau, »haben Sie keine Angst,

Mütterchen, es ist ein Herr, der Sie besuchen will, Herr Vikar Grau.«

Grau verbeugte sich und sagte, daß er so glücklich gewesen sei, Herrn Lenz

kennen zu lernen, einen ausgezeichneten und interessanten Mann, Herr Lenz

habe ihn zu einem Besuche aufgefordert.

Mütterchen öffnete den welken Mund, ging ein paar kleine Schritte rückwärts

und verbeugte sich schüchtern und mädchenhaft. Sie war klein, schmal,

hüftenlos wie ein Mädchen. Mit den pechschwarzen Haaren und der gebogenen

Nase sah sie wie eine kleine zusammengeschrumpfte Jüdin aus. Sie starrte

mit großen fragenden Augen, die wie bestaubter schwarzer Samt aussahen, zu

Grau empor, dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Sie haben ihn gesehen?« fragte sie leise und singend, und ihre Stimme

zitterte. »Er ist nicht hier!« Sie schüttelte traurig den Kopf, dann fügte

sie ganz leise hinzu: »Er wird noch zu tun haben.« Sie versuchte zu

lächeln.

»Ja, er wird noch zu tun haben, auf ein Haar!« rief Eisenhut boshaft aus

und ging hinein ins Haus.

Mütterchen stand ratlos, sie wußte nicht, was sie tun sollte. Sie zog den

verblichenen türkischen Schal enger um die schmalen Schultern und blickte

Grau hilflos an.

Aber Grau ging nicht.

Er sah Mütterchen an, die Türe, das Haus, er blickte auf die matten dunkeln

Fenster, er wandte den Blick wiederum auf Mütterchen.

»Wie fatal, wie fatal!« sagte er, und es hatte den Anschein als wolle er

gehen. Aber er ging nicht. Er sann nach, errötete und begann plötzlich

hastig zu sprechen. Ja, wie unangenehm es ihm doch wäre, den Herren nicht

anzutreffen. Er habe sich so darauf gefreut mit ihm zu sprechen. Und vieles

mehr.

»Könnte ich nicht auf ihn warten?«

»Warten?«

»Ja, warten, auf ihn warten!« wiederholte Grau und sah aus, als horche er

in sich hinein. Er blickte wiederum auf das Haus, die Fenster, und fügte

hinzu: »Wäre es nicht möglich, daß er gerade jetzt käme? Aber natürlich, im

Falle ich stören sollte? Gewiß erscheine ich Ihnen zudringlich, Frau Lenz.«

»Stören?« Mütterchen lächelte und schüttelte den Kopf. »Der Herr stören

keineswegs,« flüsterte sie, »wenn der Herr mir die Ehre antun wollen?« Sie

trat zurück und forderte Grau mit einer linkischen, rührenden Verbeugung

auf einzutreten.

»Die Ehrung ist auf meiner Seite!« sagte Grau freudig und verbeugte sich

ehrerbietig vor Mütterchen. »Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Lenz!«

Mütterchen öffnete eine Türe zur rechten Hand. Das erste, was Grau sah, als

er in das von verbrauchter warmer Luft erfüllte Zimmer eintrat, war der am

Boden hinhuschende Schein eines Feuers und zwei glänzende, große Augen in

einem fahlen, mageren Gesicht. Ein krankes, zwerghaftes Mädchen saß in

einem Lehnstuhle, eine Decke über den Knien. Sie heftete unausgesetzt die

großen Augen mit einem forschenden, starren Blick auf ihn. Das also ist

Susanna, dachte Grau, von der der Lehrer sprach. Unwillkürlich wurde er

kleiner, er duckte sich und sah nun nicht mehr so heiter aus.

»Hier ist ein Herr, Susanna,« sagte Mütterchen leise. »Herr --?«

»Grau!« Grau lächelte. Er ging auf die Kranke zu und begrüßte sie. Sie

legte ihre kleine gelbe Hand in die seinige, ohne auch nur eine Sekunde den

Blick von ihm zu wenden. Sie machte auch einen Versuch aufzustehen, aber

Grau erlaubte es nicht.

»Wie schön!« sagte Susanna. »Seien Sie herzlich willkommen. Es ist so

selten, daß uns jemand besucht, so daß es mir stets wie ein Traum

erscheint. Ach, Mütterchen, gib dem Herrn einen Stuhl.« Graus Herz begann

zu pochen, als Susanna zu sprechen anfing.

Susanna sprach mit einer hohen dünnen Stimme und sehr leise. Wie Mütterchen

so sang auch sie beim Sprechen ein wenig, aber ihre Stimme schien gleichsam

durch eine Wand zu kommen. Ihre Augen aber glänzten wie schwarze Spiegel,

während sie sprach, und sie sahen ihn unausgesetzt an. Die Lider schienen

nicht zu zucken. Sie sah gealtert aus und doch sah man, daß sie jung und

noch nicht zwanzig Jahre alt war. Sie hatte ein Gesicht wie ein seltsamer

Vogel. Ihr Hals war dünn und gelb und zwei schmale Sehnen hielten den

kleinen, abgemagerten, vorgebeugten Kopf. Die Augen lagen tief und füllten

die ganzen Augenhöhlen aus. Die Haare waren schwarz und glatt über der

niedrigen Stirne gescheitelt, zwei dünne, straffgeflochtene Zöpfchen hingen

über die Ohren herab, in denen sie Ringe mit langen silbernen Quasten trug.

Grau bestellte die Grüße, die ihm die Mädchen aufgetragen hatten, und

erzählte, welcher Zufall ihn hierher bringe.

»Die Schwestern werden Sie morgen besuchen,« fügte er hinzu.

Susanna lächelte ein wenig. Es war ein kleines, glückliches Lächeln, das

nur mühsam den langen Weg vom Herzen bis zu den Lippen zu finden schien.

»Danke!« sagte sie und blickte Grau an. »Ich habe auch schon von Ihnen

gehört, Herr Grau,« fügte sie hinzu, »und ich habe gewünscht Sie zu sehen

-- und nun sind Sie hier. -- Wie eigentümlich ist doch das? Aber noch

merkwürdiger ist es, daß ich mir gedacht habe, das muß Herr Grau sein, der

mit Herrn Eisenhut über die Wiese kommt. Nicht wahr? Ich fühlte es. Ich

weiß nicht warum.« Sie sah Grau abermals aufmerksam an und drehte den Kopf

etwas zur Seite, wie um besser seine Augen sehen zu können.

»Das ist eigentümlich!« sagte Grau lächelnd. »Und doch hat jeder Mensch das

so und so oft erlebt. Zum Beispiel als ich hier ankam, sah ich im Friedhof

einen Herrn und als ich später von Herrn Eisenhut reden hörte, wußte ich,

daß er jener Herr sein müsse, er und kein anderer.«

»Er war es auch?«

»Ja.«

»Merkwürdig. Vielen Dank für die Grüße, Herr Grau. Ich sah sie alle fünf

über die Brücke gehen. Es waren die Schwestern Sinding von der

Buchhandlung, sie sind Zwillinge, Klara und Maria Sinding. Sie sollten sie

kennen, so gut sind sie, so treu und schlicht. Und dann war ja auch die

andere dabei, nicht wahr?« Susanna blickte fragend in Graus Augen. »Haben

Sie die andere gesehen?«

»Fräulein von Hennenbach?«

»Ja, ja, ja! Haben Sie sie genau angesehen? Wie hat Sie Ihnen gefallen?«

Sie lächelte.

Sie war so gelb, so wächsern, so häßlich mit ihrer Hakennase, den

eingefallenen Wangen und der niedern Stirn, aber sobald sie lächelte, sah

man all das nicht mehr, man sah nur das Lächeln; es verzauberte ihre

Wangen, daß sie jung und süß wurden, ihre Lippen kräuselten sich und

enthüllten eine Reihe schneeweißer Zähne, die Augenbrauen zogen sich ein

wenig an der Nasenwurzel in die Höhe, der Glanz ihrer Augen veränderte

sich. Wenn sie darauf sprach, so war das Lächeln gleichsam in ihrer Stimme,

sie wurde sanfter und singender. Mit dieser lächelnden Stimme wiederholte

sie: »Nun, wie hat sie Ihnen gefallen?«

»Wie schön sie doch ist!« sagte Grau und lächelte ebenfalls.

Susanna nickte ein paarmal. »Ja, wie schön sie doch ist!« sagte sie. »Sie

ist berückend schön, ja! Wenn die zu mir kommt -- und sie scheut sich nicht

zuweilen zu mir zu kommen, so stolz sie auch ist, wir sind

Schulfreundinnen, müssen Sie wissen -- wenn sie nun eintritt in das kleine

Zimmer hier, so ist es mir, als wäre es Mai, Mai, und ich fühle mich gesund

und stark und so reich werde ich plötzlich im Herzen. So schön ist sie! Ich

liebe sie! Wie stolz sie geht! Ganz anders wie andere Menschen! Wie langsam

sie den Kopf bewegt! Ich liebe es schöne Menschen zu sehen, ich liebe es,

man fühlt sich selbst schön bei ihrem Anblick. Ich liebe Adele besonders.

Wenn ich ein Mann wäre, so würde ich nicht eher ruhen, als bis sie mich

wiederliebte. Nun es waren ja auch alle Männer der Stadt in sie verliebt!«

Grau lächelte. »Jetzt nicht mehr?« fragte er.

»Freilich, aber sie hüten sich wohl es laut werden zu lassen,« fuhr sie

geheimnistuerisch fort, »denn sie hat sich über alle, alle lustig gemacht.

Sie hat in Gesellschaft wieder erzählt, was sie zu ihr sagten -- nun, das

war ja vielleicht nicht recht von ihr -- sie haben es alle wieder hören

müssen, und dann -- dann sagen sie auch, sie lege es darauf an, jeden Mann

an sich zu ziehen -- aber das ist ja immer so -- auch er« -- sie flüsterte

und deutete auf die Türe -- »auch er, Herr Eisenhut, ist verliebt in sie,

auch er!«

»Also deshalb!« sagte Grau, und Susanna sah ihn fragend an.

»Susanna!« sagte Mütterchen. »Wenn er es hört!« Sie warf einen ängstlichen,

argwöhnischen Blick auf Grau.

Susanna lachte leise und hustete. »Wie sollte er es hören können,

Mütterchen, er kann es nicht hören und wenn er das Ohr an die Türe legt --

Herr Grau wird ihm nichts verraten, du solltest dir deine Leute doch

ansehen. Aber der Herr steht ja immer noch, Mütterchen, siehst du es nicht?

Ach, nicht diesen Stuhl, mein Herr, er ist nicht fest auf den Beinen.«

Mütterchen hatte sich abgemüht einen großen Lehnsessel herbeizuschleppen

und wartete bis Grau Platz nehmen wolle. Grau dankte und ließ sich nieder.

Der Stuhl war alt und knarrte, einen Augenblick lang glaubte Grau bis auf

den Erdboden zu sinken. Aber schließlich saß er und es sah aus, als ob er

nicht tiefer sinken sollte. Nun stand Mütterchen wieder wartend in der

Ecke; in das Tuch gehüllt, mit der Brille sah sie wie eine Eule aus.

Susanna lächelte, blickte auf ihre gelben kleinen Hände und blickte wieder

auf Grau.

»Aber das ist es ja nicht allein, daß sie so schön ist!« fuhr sie fort. »Es

ist noch etwas anderes.«

»Sie ist gewiß sehr eigentümlich.«

Ja, ob er das gefunden habe?

»Ich glaube, man kann es recht gut an ihren Augen sehen,« sagte Grau, der

Susanna unausgesetzt in die Augen blickte.

»Nicht wahr! Ja, sie ist so eigentümlich. Sie ist wie eine Fremde und hat

eine ganz andere Seele als wir andern alle. Es ist so schwer sie zu kennen,

und niemals kennt man sie ganz, denn immer kommt etwas Neues zum Vorschein.

Man kann nie wissen, was sie fühlt. Sie ist so verschlossen. Sie scheint

sich weder zu freuen, noch scheint sie zu leiden, ja manchmal könnte man

glauben, sie habe gar kein Herz. Aber sie ist ja nichts als Güte, nur ist

sie ganz anders gut als andere Menschen. Sie ist auch sehr mutig,

unerschrocken und kaltblütig. Hören Sie, als es gebrannt hat im Schloß --

Herr Grau haben wohl gehört von dem Brande --«

»Ich habe die Brandstätte gesehen.«

»-- was denken Sie, was sie tat? Sie ging beim ersten Alarm zu ihrer Mutter

ins Schlafzimmer und gab ihr ein Schlafpulver in Zuckerwasser. Denn die

Mutter Adeles ist leidend und wäre wohl vor Schrecken gestorben. Die Mutter

hat es selbst den Schwestern Sinding erzählt. Ist das nicht

bewundernswert?«

»Solch ein Gedanke!« sagte Grau. »Wie rasch sie denkt!«

»Ja, so rasch denkt sie! Der Gärtner bemerkte das Feuer zuerst, er ging

leise zu den Leuten und weckte sie, auch Adele. Sofort ging sie nun zu

ihrer Mutter. Auch dann, während des Feuers, blieb sie so ruhig und gefaßt

und gab an, was man tun sollte. Alle Leute hatten den Kopf verloren, auch

die Feuerwehrmänner. Es brennt so selten hier, das ist der Grund.«

»Wann war denn der Brand?« fragte Grau.

»Mütterchen, wann war es wohl?«

Der Tor: Roman · 第 22 / 86 题