Fünftes Kapitel

Grau schloß die Türe seiner Kammer und begann augenblicklich erregt mit

sich selbst zu sprechen.

»Man nimmt sich doch nicht so rasch das Leben!« sagte er und gestikulierte

heftig. »Das Mädchen war doch so jung und gesund! Aus Scham allein hat sie

es nicht getan, das glaube ich nicht. Nein, nie und nimmer! Es mußte noch

etwas anderes mitspielen, eine Kränkung oder sonst etwas. Der

Fleischergeselle leugnet. Man kennt den Verführer nicht. Ich werde ihn

herausfinden, bei Gott, das werde ich!«

Er war todmüde und legte sich zu Bett. Er war einen vollen Tag unterwegs

gewesen und hatte, um Geld zu sparen, noch dazu eine Strecke von fünfzehn

Kilometern zu Fuß zurückgelegt, um einen Umweg der Bahnlinie abzuschneiden.

Dieses arme Mädchen! dachte er. Entsetzlich! Mit einem Seufzer der Lust

empfangen, in Angst getragen, in Verzweiflung geboren und mit dem Leben

bezahlt. Genug, genug!

Er schlief ein, wurde aber gleich darauf durch das Bimmeln einer dünnen

Blechglocke geweckt.

Im Gastzimmer unter ihm rumorte die rauhe Stimme des jungen Barons. Hier

und da bellte ärgerlich der kleine Wirt, und in nahezu gleichen

Zwischenräumen ließ sich das leere Lachen der blonden Wirtin hören. Es

hörte sich an wie der Ton einer kleinen dünnen Blechglocke, an der der

Baron zog, wann es ihm gefiel. Einmal zog er zweimal nacheinander daran,

ein andermal tat er nur einen kurzen, schrillen Ruck. Die Personen da

drunten verkleideten sich, der Baron wurde zu einem Manne, der auf

Flaschenscherben tanzte und seine Augen glühten.

Grau richtete sich im Bette auf. Er konnte nicht schlafen.

»Dieses arme Mädchen ist es ja nicht allein!« rief er aus und schlug mit

der flachen Hand auf die Bettdecke. »Da ist noch diese alte verzweifelte

Mutter, die ganz von Sinnen hin- und herrannte und schrie. Da ist noch das

arme verwaiste Kind! -- Aber auch das ist noch nicht alles!« fuhr er fort,

wobei sich sein Herz zusammenkrampfte. »Tausende solch unglücklicher

Mädchen gibt es, Tausende solch verzweifelter Mütterchen, Tausende solch

verwaister Kinder! Tausende! Tausende! Tausende!«

Er befreite sich von diesem Gedanken.

Aber augenblicklich erschien an einer andern Stelle seines Kopfes ein

Gefangener, der an der Wand der Zelle lehnte; es war Nacht, aber er schlief

nicht, durch das kleine Gitter über seinem Kopfe drang ein fahles Licht, da

stand er mit bleichem Gesichte, starrte vor sich hin und nagte an der

Lippe. Wieder, da sah er in eine Kammer: Auf dem Bett lag eine tote Frau,

eine Kerze brannte daneben, ein Kind saß auf dem Boden und lächelte ihm zu.

Auf dem fahlen Gesicht der Toten stand mit erschreckender Deutlichkeit

geschrieben: Ich wurde geboren und weiß nicht weshalb, ich habe gelebt,

weiß nicht warum und weshalb bin ich doch gestorben? Nun aber kann ich den

Weg zur Seligkeit nicht finden, ach! Dann sah er einen schlafenden Mann mit

kurzen aschgrauen Haaren vor sich und er sah einen Gedanken, der im Haupte

des Schlafenden wanderte. Der Gedanke wanderte hin und her, wie ein Licht,

das in der Nacht wandert und vor verschlossenen Türen stehen bleibt.

Plötzlich stand das Licht ruhig und loderte hell auf und der Schlafende

erwachte verstört. Er schlüpfte in die Kleider, hastig, schlich sich aus

dem Hause, verstohlen, und sein schneller Schritt verschwand in einer

dunkeln Gasse. Aus der Ferne drang ein entsetzlicher Schrei.

Grau schrak zusammen. Den Schrei hatte die blonde Wirtin ausgestoßen. Aber

es war kein Schrei des Schreckens, es war ein schrilles, ersticktes Lachen.

Der junge Baron verabschiedete sich, das Tor fiel ins Schloß und durch das

ganze Haus lief ein dumpfes Zittern vom Keller bis zum Boden. Der Wirt

zankte, die Frau lachte gedämpft. Schritte schlichen hin und her auf

knarrenden Dielen, bald unten, bald oben, an seiner Tür vorbei. Es war der

kleine Wirt, der nachsah, ob alles in Ordnung war. Er flüsterte, tuschelte,

zankte. Und wieder knarrte sein schleichender Schritt durch das ganze Haus.

Graus Züge fielen ein. All das Leid, das auf der Erde war! Er fühlte es, es

lag wie eine Last auf seiner Brust, er hörte es, ja, er roch es! Dunkler

und dunkler wurde es in seiner Brust und endlich erschauerte er von all der

Finsternis, die in seinem Innern war. Er preßte die Hände vors Gesicht und

zitterte und dieses Zittern kam nicht von der Kälte allein. Die ganze Erde

schreit ja immerzu, dachte er, sie zittert und bebt ja unausgesetzt. Wenn

sich das Schluchzen einer einzigen Nacht vereinigt, so tobt es lauter als

das wilde Meer! Dieses leise Weinen in den Kissen, dieses Klopfen der

Herzen, das Keuchen der Sterbenden, die Schreie der Gebärenden --

Ob man auch das Auge schließt, was hilft es, das verquälte Antlitz des

Menschen ist überall, es dringt durch die Lider hindurch, ob man die Ohren

verschließt, was hilft es doch?

Scheint nicht manchmal ein entsetzlicher Schrei durch die Nacht zu hallen,

aller Menschen Stimmen, die sich zu einem einzigen Schrei der Anklage

vereinigen, zu einem Schrei nach Erlösung?

Ein Schweigen noch furchtbarer als dieser Schrei ist die Antwort.

Grau saß regungslos im Bette und starrte vor sich hin. Und er sah Tausende

von Menschen vor sich, die im Bette saßen und starrten und nur den Wunsch

hatten, zu vergessen, zu schlafen, nicht mehr zu denken. Aber draußen in

der finstern Nacht murmelte und tobte es und wollte nicht ruhig werden.

»Wenn man doch etwas tun könnte,« sagte Grau und nickte und seine Augen

brannten. »Nichts sollte mir zuviel sein, nichts! Aber man ist ja so arm --

viel zu arm!«

Die Kerze erlosch, aber er regte sich nicht. Nun war es dunkel um ihn her

und er starrte in dieses Dunkel hinein, seine Züge fielen ein, sie

verzerrten sich. Er dachte, dachte, grub die Zähne in die Lippe --

Aber mit einem Male veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes und

seiner Augen. Er blickte auf das Fenster, und Neugierde, Erstaunen,

Verwunderung und Freude spiegelten sich in seinen Zügen.

Auf diesem Fenster jedoch war nichts Besonderes zu sehen. Es war eine

schwarze Scheibe und vom Marktplatze, von irgendwoher fiel der Schein einer

Laterne darauf, so daß feine Lichtbogen entstanden, wie man sie um den Mond

sieht, wenn er einen Hof hat. Doch das war nicht alles. In diesem

Lichtbogen lebte es! Es regte sich, es flimmerte, es zuckte darin. Feine

Kristalle formten sich. Es war wie gesticktes Moos, wie feine zitternde

Gräser, dann strebten schmale, wehende, glitzernde Pflanzen empor, dem Tang

ähnlich, der auf dem Grunde des Meeres wächst. Weiße Korallenzweige wuchsen

zwischen ihnen hindurch, verästelten sich feiner und feiner, etwas wie

spitze Flossen tauchte auf, Sterne, deren Enden zitterten -- und alles

glitzerte und flimmerte als sei es aus Splittern von Brillanten gebildet.

Es war ein betörend schönes Bild, ein Wunder an Reichtum, Glanz und Formen,

das eine unsichtbare Hand hier an das schwarze Fenster eines nichtigen

Wirtshauses zeichnete.

Grau saß und seine Augen waren wach und hell und sahen zu, wie es sich

formte, veränderte, wuchs. Auf seinen knabenhaften Lippen schwebte ein

seltsames Lächeln und in seinen Augen war ein fremder Glanz. Er atmete

wieder. Er atmete tief und befreit.

»Er schreibt! Er schreibt!« flüsterte er leise und Freude erfüllte ihn und

stummer Jubel. Gleichzeitig aber schämte er sich.

»Ich bin müde gewesen, er möge mir verzeihen!«

Grau schlief ein und er atmete tief und froh und lächelte im Schlafe. In

seinen Traum kam ein alter kranker Bauernknecht mit entzündeten Augen, der

eine zerrissene Jacke trug und dicke neue Handschuhe an den Händen hatte;

er schwang die Hände vor ihm und lachte. »Deine Handschuhe sind warm,

vergelt's Gott!« schrie er und nickte ihm zu.

Der Tor: Roman · 第 11 / 86 题